Die Einheit des Geistes
Epheser 4,1-6

William Kelly

© SoundWords, online seit: 26.01.2010, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: Epheser 4,1-6

Bevor wir zu dem Gegenstand der Gaben des Dienstes kommen, der im weiteren Verlauf des Kapitels vor unsere Blicke gestellt wird, verweilt der Heilige Geist zunächst bei der Einheit, die zu den Heiligen Gottes in Christus heute gehört. Es war notwendig, dass diese Einheit als die große Plattform herausgestellt wurde. Auf dieser Plattform und in Verbindung mit ihr findet der Dienst statt. Denn der Dienst bringt mehr die einzelnen Glieder Christi in den Vordergrund und nicht so sehr den gesamten Leib. Denn obwohl es eine bekannte Aussage ist, dass die Kirche lehrt, so ist sie doch in Wirklichkeit völlig unbegründet. Ja, es ist sogar so, dass der Gedanke, die Kirche lehre, zu der Anmaßung der Unfehlbarkeit führt; das finden wir am deutlichsten im Katholizismus ausgedrückt. 

Die Wahrheit ist, dass die Kirche niemals lehrt, sondern dass im Gegenteil der Leib belehrt wird; der Leib lehrt nicht. Die Kirche hat zweifellos die Diener, die vom Herrn bestellt sind. Aber sie selbst ist das Ackerfeld Gottes oder der Ort, wo Gott arbeitet, um Frucht für sich selbst hervorzubringen. Das ist eine wichtige praktische Wahrheit; sie zerstört nämlich auf der Seite der Kirche jeden Anspruch, Lehren zu schaffen oder gar zu definieren. Die Kirche wird der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit genannt; sie ist gehalten, in heiliger Zucht dafür Sorge zu tragen, dass nichts in ihr geduldet wird, was gegen die Wahrheit ist. Die Versammlung Gottes kann sich dieser Verantwortung nicht entziehen. Diese Verantwortung bezieht sich auf die gesamte christliche Gemeinschaft. Es sollte diese Körperschaft sein, die auf der Erde die Wahrheit vor den Menschen darstellt und in die wir hineinkommen müssen, wenn wir überhaupt nach der Wahrheit handeln wollen, nachdem wir sie geglaubt haben. 

Während sich also die Verantwortung auf die ganze Körperschaft bezieht, so sind doch der Weg, auf dem es Gott gefallen hat, für die Verbreitung seiner Wahrheit auf die Gewissen zu wirken, einzelne Glieder seiner Gemeinde, die für diesen speziellen Zweck befähigt worden sind. Die Fähigkeit, zu lehren, hängt ab von der Gabe, die durch souveräne Gnade gegeben wurde. Es ist nicht eine Frage eines allgemeinen Rechtes, dass irgendjemand lehren oder predigen kann, wenn er möchte. Solch eine Erlaubnis gibt es in der Kirche Gottes nicht. Der Herr Jesus hat ein Recht, zu berufen und Kraft im Heiligen Geist zu vermitteln, so wie Er es will. Die Kirche ist nicht eine Gesellschaft von Menschen, die bestimmte Ansichten über dies oder das haben; noch weniger ist sie ein weltliches Zusammenkommen. Es ist die Versammlung Gottes, die Versammlung solcher, die Er beruft und in der Er wohnt. 

Was das Ganze in seiner Gesamtheit angeht, so ist es wahr, dass alles Gott gehört. Es ist Gott, der die Versammlung bildet und bewahrt und in ihr seine eigene Heiligkeit und Herrlichkeit aufrechterhält. Aber genauso ist es auch im Blick auf den Dienst: Er ist eine sehr wichtige Aufgabe, die in besonderen Gliedern der Kirche aufrechterhalten wird. Es gibt also eine Einheit, die die Gläubigen heute in Christus Jesus haben und kraft derer die Versammlung Gottes existiert – die gemeinsame Einheit des Segens, in der alle Gläubigen heute stehen und die, wenn ich so sagen darf, die Grundlage von allem ist. Aber in Verbindung damit gibt es Dienst, der zu bestimmten Gliedern gehört und nicht zu der ganzen Kirche. Die Gaben sind durch und von einigen, und zwar zum Nutzen aller.

Das unterteilt den ersten Abschnitt in zwei Teile. In den Eröffnungsversen bis zum Ende von Vers 6 finden wir mehr die Einheit des Geistes, von Vers 7 an die Unterschiedlichkeit der Glieder Christi. Beachten wir zunächst, dass der Heilige Geist uns jetzt auf den Boden der Ermahnung und Ermunterung gebracht hat. Die Lehre hatten wir in den ersten drei Kapiteln. 

Jetzt kommen wir zur Praxis: 

Eph 4,1: Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid.

Im Einzelnen besteht diese Berufung aus zwei Teilen. Erstens bilden die Heiligen, alle, die heute den Herrn Jesus kennen, zusammen einen Leib in Ihm. Zweitens sind sie die Behausung Gottes durch den Geist. Obwohl also die Versammlung Gottes ein Leib ist, der auf der Erde existiert, so ist er doch gegründet auf himmlische Vorrechte. Es ist der Leib Christi, der uns unsere gemeinschaftlichen Segnungen zeigt. Die Behausung Gottes im Geist bringt viel mehr unsere Verantwortlichkeit vor unsere Blicke, die wir haben als solche, in deren Mitte Gott wohnt. 

Es ist überdeutlich, dass selbst wahre Kinder Gottes diese beiden Tatsachen nur wenig verstehen. Wenn sie von dem Leib Christi hören, dann gehen ihre Gedanken oft nicht weiter, als dass sie Vergebung haben, Kinder Gottes sind und zum Himmel gehen. Wie wenig hat das mit dem Leib Christi zu tun! Viele wahre Gläubige meinen, dass es sich bei dem Leib Christi um die Menge aller mit Gott Versöhnten handelt, um die Gegenstände seiner Gunst, die Er nicht in ihren Sünden sterben lassen wird. Aber man kann all diese Vorrechte haben ohne irgendein charakteristisches Merkmal des Leibes Christi oder der Wohnung Gottes durch den Geist. Wenn Gott es so gewollt hätte, wäre es sehr gut möglich gewesen, dass Christen Kinder Gottes und sich ihrer Erlösung bewusst gewesen wären, dass sie ihre Sohnschaft gekannt und erwartet hätten, mit Christus im Himmel verherrlicht zu werden und dass sie doch niemals miteinander verbunden gewesen wären als ein Leib in Christus, in dem Gott unter ihnen wohnt durch die besondere Gegenwart des Heiligen Geistes, der vom Himmel gesandt wurde. Das war ein Vorrecht, das ihnen weit über die Erlösung durch das Blut Christi hinaus gegeben wurde. Selbst wenn wir das ganze Alte Testament durchsuchen, werden wir nirgendwo finden, dass von den Heiligen Gottes als Glieder des Leibes Christi oder als der Wohnung Gottes durch den Geist gesprochen wird.

Aber mehr als das: Die Propheten sind voll davon, dass noch einmal eine herrliche Zeit auf der Erde anbrechen wird, wenn der Herr Satans Macht unterbunden hat. Es wird eine Zeit kommen, wenn dem Bösen nicht länger erlaubt wird, sich ungestraft zu entfalten, noch wird erlaubt sein, dass der Gute hier leidet. Und wenn dieser Tag kommt: Die Schrift sagt ganz klar, dass, auch wenn Gott dann ein Volk für sich selbst auf der Erde haben wird, sie doch nicht zu einem Leib verbunden sein werden und sie auch nicht die Wohnung Gottes durch den Geist bilden werden. Zwischen den zwei Kommen Christi – zwischen der Gnade, die erschienen ist, und der Herrlichkeit, die erscheinen wird (Tit 2,11-13) – hören wir von der besonderen Berufung, mit der wir berufen sind. Und lasst uns betrachten, was der Leib Christi ist: sein Leib. Ich meine natürlich nicht als das, was von Ihm selbst persönlich spricht, sondern als ein Leib, der gebildet wird aus allen und der angewandt wird auf alle, die heute an Christus glauben: diese geistliche Körperschaft, zu der alle wahren Gläubigen gehören, die heute auf der Erde leben und seit Pfingsten auf der Erde gelebt haben.

Was sind die Segnungen, die dazugehören? Was meint der Heilige Geist mit der Gliedschaft an diesem Leib? Das Kreuz als der Zeuge und der Ausdruck der Schuld der Juden (zweifellos auch der Schuld aller Menschen im Allgemeinen, aber doch besonders der Juden) gab Gott die Gelegenheit, für die gegenwärtige Zeit den besonderen Platz des Vorrechtes, den das jüdische Volk vorher besessen hatte, völlig aufzugeben. Gott hat selbst die Grenze, die Israel von den Nationen trennte, ausgewischt, und anstatt Israel zu dem einen Kanal seiner Verheißung zu machen, kommt im Gegenteil die Flut des Segens entschieden und deutlich zu den Nationen. Er versammelt aus Juden und Heiden ein Volk für seinen Namen und fügt diese Auswahl aus ihnen beiden, die an Christus glauben, zusammen, um ihnen neue Vorrechte zu schenken, die es niemals zuvor in gleicher Weise und gleichem Maß gegeben hat.

Eins der bemerkenswertesten Kennzeichen des Segens ist, dass die Unterscheidung zwischen Juden und Nationen weggenommen ist. Im Kreuz hatten sie sich in ihrer Bosheit vor Gott vereinigt. Aber wozu hat Gott es benutzt? Er sagt sozusagen: Ich werde gerade dieses Kreuz nehmen, das der Mensch zu einer ungeheuerlichen Rebellion gegen mich benutzt hat – das Kreuz, das bewiesen hat, dass mein altes Volk zu einer grausamen Feindschaft gegen mich (in der Person meines Sohnes) gekommen war. Und gerade dieses Kreuz werde ich zum Dreh- und Angelpunkt machen, von dem vollerer und reicherer Segen kommen wird, als Gläubige in dieser Welt zuvor jemals erhofft hatten. So wie Satan das Kreuz einmal zum Sammelpunkt für Menschen in einer unheiligen Vereinigung gegen Gott und seinen Sohn gemacht hatte, so macht Gott es zu einem kostbaren Zentrum, wo Er Juden und Nationen, die an seinen Sohn glauben, zu einem neuen Leib formt, in dem alle Unterscheidungen für immer ausgetilgt sind. Wenn es Gott gefällt, ein Volk herauszurufen, damit es ein praktisches Zeugnis dieser neuen Entfaltung seiner Liebe gibt, wer wollte dann widersprechen?

Das Gesetz ist gerecht; und es wäre ein Frevel gegenüber Gott, den kleinsten Flecken auf die Zehn Gebote zu bringen. Aber während das Gebot heilig, gerecht und gut ist, bringt die Gnade etwas hinein, was höher und noch besser ist. Es ist natürlich gerecht und richtig, dass ich, wenn ich Gutes tue, auch dafür belohnt werde. Aber ist es nicht gesegneter, dass ich, wenn ich Gutes tue und dafür leide, es geduldig trage? Das ist Gnade, die angenehm bei Gott ist, und der praktische Grundsatz, auf dem Er seine Kinder nun zu handeln berufen hat. Es war nicht das öffentliche Regierungsprinzip wie in alttestamentlichen Zeiten, sondern das Gegenteil davon. Widerspricht Gott dann sich selbst? Weit entfernt davon. Gott kann einen bestimmten Weg haben, auf dem Er mit dem jüdischen Volk handelt; und dann kann Er eine andere Handlungsweise mit den Christen festlegen. Und in der Tat, wer kann leugnen, dass Er das getan hat? Die Juden hätten sich einer schweren Sünde schuldig gemacht, wenn sie sich nicht beschnitten hätten. Und ich glaube, dass, soweit es die Erde betrifft, selbst an jenem herrlichen kommenden Tag der Jude sein Land, seine Stadt, seine Priester und seinen Tempel usw. haben wird. Der Wille Gottes für die Juden wird wesentlich unverändert bleiben. Ich finde in den Prophezeiungen einen Zustand der Dinge, wo alles, was Gott angeordnet hat, erfüllt sein wird. Das ist bisher noch nicht geschehen. Sollte ich nicht Gott glauben, bis ich alle Prophezeiungen habe Wirklichkeit werden sehen? So behandeln wir das Wort eines normalen Menschen nicht. Aber wenn wir das Zeugnis von Menschen empfangen, das Zeugnis Gottes ist größer. Und wenn jemand Samuel und Könige annimmt, aber nicht Hesekiel oder Hosea glaubt, dann behandelt er Gott, wie er einen gewöhnlichen Menschen nicht behandeln würde.

Aber wenn ich alles glaube, was Er gesagt hat, dann gibt es besondere Grundsätze Gottes für die Juden, die noch ausgeführt werden müssen durch den Messias, wenn Er in Macht herrscht während der Zeit, wenn der Teufel gebunden ist. Gott wird alles das erfüllen, was Er durch die Propheten geredet hat, wenn die Tage des Himmels auf der Erde angebrochen sind. Aber in der Zwischenzeit ist der Messias, der die Herrlichkeit bringen sollte, verworfen worden. Statt dass Er einen Thron bekam, hatte Er das Kreuz; und weit entfernt davon, die Erde als sein Besitztum zu nehmen, wurde Er aus ihr herausgeworfen und ging in den Himmel. Als Folge dessen wurde ein neuer Zustand der Dinge eröffnet. Und für diese Ordnung, die völlig unterschieden ist von der, die wir allgemein in den Propheten finden, haben wir die Offenbarung des Neuen Testamentes. Darin finden wir das, was im Alten Testament vielleicht manchmal hier und dort ein wenig angedeutet wird, was aber zur selben Zeit als Ganzes eine Szene einführt, die weder einen Vorgänger noch einen Nachfolger hat und wo Gott Vorzüge entfaltet, die niemals zuvor geschmeckt wurden, und wo Er nach einem Wandel sucht, den Er zuvor niemals von Gläubigen verlangt hatte.

Es gibt natürlich gewisse Grundsätze, die immer gültig sind und gültig bleiben. Gott heiligt niemals eine Lüge oder Habgier oder Bosheit: Keine Haushaltung kann die große moralische Unterscheidung zwischen richtig und falsch neutralisieren oder abschwächen. Aber der Gott, der in irdischer Macht gewirkt hat, um sein Volk zu schützen und der sie auch weiter beschützt haben würde, wenn sie treu unter dem Gesetz geblieben wären, ruft sein Volk nun im Gegenteil dazu, in Gnade zu leiden. Derselbe Gott, der sie beschützt und durch das Rote Meer gebracht hatte und der es nicht erlauben würde, dass irgendeine Macht universale Herrschaft auf der Erde bekommen würde, bis Israel sich selbst als untreu erwiesen hatte – derselbe Gott erlaubte es dann, als sie sich als völlig unwürdig erwiesen hatten, dass Babylon als die schlimmste der Mächte von den Nationen sie besiegte. Und dann folgte ein Reich auf das andere, bis schließlich unter den Römern sowohl Juden als auch Nationen sich darin vereinigten, den Herrn der Herrlichkeit zu kreuzigen. Das Schicksal der Welt war damit besiegelt; die Totenglocke des Gerichts ertönte vom Kreuz Jesu. 

Wenn Gott nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit sogleich gehandelt hätte, dann hätte man erwarten können, dass Er sofort das Weltall erschüttert hätte oder dass Er wenigstens in heftiger Entrüstung Jerusalem und Rom zerstört hätte. Doch ganz das Gegenteil geschieht: Der Himmel öffnet sich – aber um den gekreuzigten Jesus aufzunehmen und nicht, um seine Mörder zu richten; darüber hinaus wird sogar der Heilige Geist auf die Erde gesandt, um durch Gnade diesen neuen Leib der Kirche Gottes zu bilden. Gerade diese bösen Mörder Jesu könnten, wenn sie Ihn nur annähmen, an einen Platz des Segens gebracht werden, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe niemals zuvor genossen oder überhaupt gekannt war. Und das ist Gnade. 

„Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit sind durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Das Evangelium der Gnade Gottes geht aus, aber es geht nicht nur aus, um Seelen zu retten – es versammelt sie, vereinigt sie zu Christus und macht sie zu Gliedern von Ihm und voneinander. Die alte jüdische bevorrechtigte Ausgangsstellung ist verschwunden. Die levitischen Vorrechte sind völlig beiseitegesetzt, was die Kirche anbelangt. Die Nationen waren in Götzendienst versunken und die Juden waren selbstzufrieden unter dem Gesetz Gottes, das sie nicht hielten. Aber beide werden durch den Geist und mittels des Glaubens an Christus in diesen einen Leib gebracht und beten Gott auf derselben gemeinsamen Grundlage der Gnade an. Sie werden zusammen aufgebaut „zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,22). Das ist „die Berufung, mit der [wir] berufen [sind]“.

„Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid“ (Eph 4,1). Der Apostel Paulus verweist hier wieder auf die ehrenhafte Narbe. Diese Narbe hatte er durch die Feindschaft der Welt bekommen, weil er auf eine praktische Art und Weise klarmachte, was die Konsequenz dieser Berufung in dieser Welt ist – selbst für den größten Diener Gottes, der jemals gelebt hat (nach Christus natürlich). Trotz allem war er ein Gefangener des Herrn. Was für eine wunderbare Ehre! Es gab keine feurigen Wagen und Rosse, die ihn umgaben, wie es bei Elia der Fall war; es wurde keine Macht bereitgestellt, um ihn zu bewahren. Er leidet von demselben Reich, das den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt hatte. Und aus seinem Gefängnis heraus ermuntert er die Gläubigen, derselben Berufung würdig zu wandeln! Selbst jetzt ist die Welt besiegt; was wird es sein, wenn Christus kommt?

Jedenfalls lautet das Wort: 

Eph 4,2: … mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe …

Es bestand die Gefahr, dass das Gegenteil eintrat: Geistliches Vorrecht konnte missbraucht werden, um die Heiligen aufzublasen. Der Apostel Paulus begegnet daher dieser Gefahr und zeigt den einzig richtigen Ton auf, der sich für Christen geziemt: „mit aller Demut und Sanftmut“. Es ist schön, wenn wir Eifer finden. Aber was kann den Wandel eines Christen heilen, der darin versagt, Demut und Sanftmut zu zeigen? Es gibt eine Zeit, wo man feststehen muss, und eine Zeit, wo man nachgeben muss; aber weder Gabe noch Stellung können solche rechtfertigen, die scheinbar denken, dass in ihrem Fall die Ermahnung zu Sanftmut und Demut nicht nötig ist. Wir müssen auf der anderen Seite aufpassen, dass es nicht nur um Sanftmut im Verhalten oder Demut im Wort allein geht, denn Gott schaut nach Wahrheit im Inneren aus. Zu oft kann man finden, dass Demut nur ein Mäntelchen für den tiefsten Stolz ist, und da, wo über Liebe und den Geist Christi am meisten gesprochen wird, finden sie sich in Wirklichkeit am wenigsten. Wir wollen uns hüten vor solcher Heuchelei.

Eph 4,3: … euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens.

Aber nehmen wir einmal an, wir finden bei anderen etwas, was wir nicht übersehen können, weil es gegen die Gedanken Gottes ist. Wie sollen wir dann handeln? Zweifellos sollte es dann ein passendes Wort des Tadels geben, wenn das nötig ist. Aber es muss auch „Langmut“ da sein. Und Langmut ist besonders dann nötig, wenn Böses uns selbst betrifft. Wir dürfen Böses gegen den Herrn nicht dulden; aber wenn es etwas gibt, was uns selbst verletzt, dann geht es darum, dass wir Langmut zeigen und einander vergeben und in Liebe die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens festhalten (V. 3). Hier geht es nicht nur um demütige Gnade und Geduld, die der Christ hochzuhalten hat, sondern um geistliche Sorgfalt, mit der er berufen ist, das festzuhalten, was so überaus kostbar und von Gott hier auf der Erde ist.

„… euch befleißigend die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens zu bewahren.“ Wie vollkommen ist die Schrift. Sie sagt nicht: „… die Einheit des Leibes“, obwohl das eingeschlossen ist. Aber wenn geschrieben stünde: „… die Einheit des Leibes“, dann hätten die Leute eine äußere Einrichtung aufgebaut (wie sie das auch in der Tat gemacht haben) und hätten es zu einer Frage von Leben oder Tod gemacht, die nicht davon zu trennen ist. Aber was der Heilige Geist denen, die Christus angehören, auf das Herz legt, ist, „sich zu befleißigen“ – das heißt, wir brauchen schon eine genügende Ernsthaftigkeit dabei –, nicht die Einheit des Geistes zu machen, sondern um sie zu bewahren. Es handelt sich um etwas, was durch den Geist schon gemacht wurde, was wir jetzt zu bewahren haben. Es geht nicht nur darum, dass wir Gefühle der Liebe zu unseren Mitchristen haben. Das kann es auch in tausend unterschiedlichen Körperschaften geben. Aber wenn diese Gefühle auch noch so gut gepflegt würden, wäre das nicht das Bewahren der „Einheit des Geistes“.

Was ist denn nun hier gemeint? Die Einheit des Heiligen Geistes, die schon gebildet ist, umfasst alle Glieder Christi. Und wo finden wir die Glieder Christi? In einem gewissen Sinne, Gott sei Dank, überall; in einem anderen, leider, irgendwo. Wo immer Christus gepredigt wird und Seelen Ihn aufnehmen, dort sind seine Glieder. Und was haben wir zu tun? Sorgfältig die Einheit, die jeden umfasst, der Christus angehört, zu bewahren – „in dem Band des Friedens“. Hier wird von Frieden gesprochen. Dabei geht es nicht so sehr um Frieden für unsere eigenen Seelen mit Gott, sondern viel mehr darum, die Einheit unter den Heiligen Gottes praktisch zu genießen und zu fördern. Das Fleisch ist ängstlich und ruhelos: Ein friedevoller Geist ist die Frucht des Heiligen Geistes und trägt sehr dazu bei, die Herzen in der Praxis zusammenzubinden. Gottes Geist ist nicht nur damit beschäftigt, über bestimmte Punkte die richtigen Ansichten zu geben; Er hat viel tiefer gehende Absichten. Er möchte, dass Seelen sich Christus unterwerfen und Ihn in ihren Augen erhöhen. Aber schon eine einzige Seele aus der Finsternis ins Licht oder aus ein wenig Licht in helleres Licht zu bringen, ist sicherlich kostbar. Und das ist es, womit Gott selbst nun beschäftigt ist. Wir tun gut daran, während wir unsere Freiheit für Christus festhalten, nicht die Barrieren zu berücksichtigen, die Menschen aufgestellt haben, sondern sie als null und nichtig zu behandeln.

Es wird oft gesagt, jeder habe das Recht auf ein eigenes Urteil. Das muss ich total verneinen. Niemand hat das Recht, in göttlichen Dingen eine eigene Meinung zu haben. Gott ist allein und souverän dazu berechtigt, seine Gedanken zu vermitteln. Was wir zu tun haben, ist, aus dem Weg zu treten, damit das Licht Gottes in die Herzen seiner Kinder scheinen kann. Die Menschen in ihrer Aufgeblasenheit schaffen es nur immer, ihre dunklen Schatten über sich selbst und andere fallen zu lassen. Sie verhindern so nur die Vermittlung göttlicher Wahrheit, statt dabei zu helfen, die göttliche Wahrheit weiterzugeben. Sollte das Begehren eines Dieners Christi, dass Gott seine Kinder weiterführt und stärkt, umsonst sein? Niemals. In dem Moment aber, wo man anfängt, Leute um eine spezielle Person, Ansicht oder System herum zu sammeln, bildet man nur eine Sekte. Auch wenn eine Gruppe viele Glieder Christi umfasst, so bildet sie doch nur eine Partei, wenn die Grundlage ihrer Vereinigung nicht auf Christus, sondern auf Meinungsunterschiede gegründet ist, die so ein spezielles Erkennungszeichen und Erkennungsmittel ist, um zwischen Kindern Gottes zu trennen. 

Die apostolische Kirche hat niemals den Glauben eines Bekehrten herausgefordert in Bezug auf die Hochkirche oder die Freikirche – sie hat niemals gefragt: Glaubst du an das Episkopat[1], den Voluntarismus[2] oder an die Kirche Gottes? Die wahre und Gott verherrlichende Frage war und ist immer die: Glaubst du an den Christus Gottes? Es ist wahr, dass in den frühen Tagen jemand, wenn er Christus bekannte, von den Juden und den Nationen hinausgeworfen und ein Gegenstand der Feindschaft für alle Welt wurde. Und das war kein geringes Schutzmittel dagegen, dass Leute Christus bekannten, wenn sie nicht wirklich an Ihn glaubten. Aber wenn ein Mensch durch glaubendes Hören den Heiligen Geist empfangen hatte, war er sofort ein Glied des einen Leibes und wurde als solches anerkannt. Warum sollte das jetzt nicht funktionieren? Bin ich nicht zufrieden mit der Weisheit Gottes? Will ich gar sein Wort ersetzen oder ohne es auskommen oder sogar dagegen handeln? 

Man bildet dann keine Sekte, wenn man nach den Gedanken Gottes handelt. Aber es ist eine Sekte, wenn man vom Wort Gottes abweicht. Die Frage ist deshalb: Was ist Gottes Absicht in Bezug auf seine Kirche? Wie möchte Er, dass wir uns versammeln? Bin ich willig, alle wahren Christen aufzunehmen – Personen, von denen alle glauben, dass sie bekehrt sind? Zweifellos ist es nötig, sie hinauszutun, wenn sie beweisen, dass sie nicht bekehrt sind; denn es gibt keinen möglichen Fall des Bösen, auf den das Wort Gottes nicht anwendbar ist. So gibt es nicht den geringsten Grund, irgendeine neue Regel oder Vorschrift der Menschen einzuführen. Wenn die Menschen nicht geistlich sind, werden sie nicht lange die Einheit des Geistes bewahren. Sie werden bald genügend Grund finden, darin etwas Falsches zu entdecken. Aber solche, die daran festhalten, dass Christus das Zentrum der Einheit des Geistes ist, sind als solche keine Sekte und können auch keine werden, wie schlimm es auch immer mit den Trennungen, Parteiungen und Sekten ihrer Widersacher sein wird. Es ist sehr traurig, dass es solche gibt, die sich selbst verurteilen, indem sie weggehen, aber es ist umso gesegneter für solche, die trotz allem Glauben, Geduld und Gnade haben, zu bleiben. Der Apostel sagt, wenn er an die Korinther schreibt: „Es müssen auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ (1Kor 11,19). Das waren Menschen, die zu jener Zeit mit festem Herzensentschluss bei dem Herrn verharrten. Möge dasselbe auch von uns heute wahr sein! Ich lehne es ab, dass das Wort Gottes wirkungslos gemacht wird oder dass ich jetzt in irgendeiner Weise mehr an die Sünde gebunden bin als damals. 

Die Einheit des Geistes, die die Epheser bewahren sollten, ist die Einheit, die Gott auf alle seine Kinder legt. Wenn das Wort meine Seele wiedergezeugt hat durch den Heiligen Geist; wenn ich durch das Wort meinen Heiland und meinen Vater kenne; wenn ich weiß, dass ich das Wort für die tägliche Reinigung meiner Seele brauche als das Mittel, das Gott dazu gegeben hat – soll ich dann sagen, dass ich dem Wort nicht folgen muss als Glied des Leibes Christi in der Versammlung Gottes, wo Er im Geist wohnt? Wenn meine Seele die göttliche Autorität des Wortes anerkennt, wehe mir, wenn ich mich nicht in allen Dingen nach diesem Wort ausrichte. Gott möchte, dass wir sorgsam darauf achten, die Einheit des Geistes im Band des Friedens zu bewahren. Es ist nicht die Einheit unserer Geister, sondern die Einheit des Geistes. Ist es nicht ein ernster Gedanke, dass es der Heilige Geist ist, der die Einheit bildet? Sollten wir uns nicht vor allem hüten, was Ihn betrüben könnte? Unser Herr hat allem, was den Heiligen Geist betrifft, eine besondere Bedeutung beigemessen. Das sollten wir auch tun, wenn wir weise sind. Wenn der Heilige Geist zu diesem Zweck auf der Erde ist, wird Er ein göttlicher Test, ob wir bereit sind, Ihn zu ehren oder nicht. Nun mögen welche sagen: Wer alle Christen aufnimmt, ohne von ihnen ein Versprechen für die Zukunft zu fordern, der wird stillschweigend oder ausdrücklich möglicherweise auch einen Sozinianer oder Arianer aufnehmen. Doch solche würde ich gar nicht als Christen anerkennen. 

Worauf ist die Kirche gegründet? „Wer sagt ihr, dass ich sei?“, fragt unser Herr in dem selben Kapitel, in dem Er zum ersten Mal darauf hinweist, dass Er die Versammlung bauen möchte. „Du bist der Christus“, sagt ein Jünger, „der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und was antwortet unser Herr? „Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen“ (Mt 16,15-18). Das zeigt uns, dass wir uns ganz intensiv mit den Seelen beschäftigen sollten, ob sie wirklich in Tat und Wahrheit die göttliche Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus glauben und bekennen. Wenn wir da auch nur die geringste Nachlässigkeit entdecken, sollten wir bezüglich solch einer Seele Zweifel haben. Wir haben keine Grundlage, jemand als Christ aufzunehmen, der die Reinheit, Herrlichkeit oder Lauterkeit der Person Christi antastet. Die Gemeinde ist auf Christus den Sohn Gottes gegründet: Wenn dieser Felsen erschüttert wird, dann ist alles vorbei. „Wenn die Grundpfeiler umgerissen werden, was tut dann der Gerechte?“ (Ps 11,3). Christus anzutasten, bedeutet, die Grundlage, auf dem die Gemeinde Gottes ruht, selbst anzutasten.

Aber wo jemand Christus wirklich und wahrhaftig bekennt und sich dieses Bekenntnis eurem Gewissen als von Gott empfiehlt, dann nehmt ihn auf, denn Gott hat es auch getan. Er mag ein Baptist oder ein Kindertäufer sein: Das ist egal, nehmt ihn auf. Wenn er in Sünde lebt, muss ich dann sagen, dass Christus und Trunkenheit usw. nicht zusammenpassen? Glaube an den Sohn Gottes passt nicht zu einem Wandel in der Finsternis. Egal, wie jemand über Christus sprechen mag, wenn er mit diesem Bekenntnis eine Missachtung der moralischen Herrlichkeit Gottes verbindet, beweist er mit dieser Tatsache, dass er nicht aus Gott geboren ist. Simon der Zauberer dachte, dass er die Gabe Gottes mit Geld erwerben könne. Jetzt wird jemand sagen: Das war ein Fehler. Natürlich war das ein Fehler, aber dieser Fehler war entscheidend und bewies, dass er kein Leben aus Gott haben konnte. Deswegen wurde er, obwohl er getauft war, nicht als Glied des Leibes Christi aufgenommen. Wir haben keinen Grund zur Annahme, dass er überhaupt Brot gebrochen hat. Unter diesen Umständen wäre die Taufe keinesfalls ein Grund, dass die Versammlung jemanden, den sie nicht als einen Gläubigen ansieht, aufnehmen sollte.

Das zeigt in einem gewissen Maß den Charakter oder die Grenzen der Einheit des Geistes. Denn der Heilige Geist, der die Seelen beruft und sie befähigt, Christus zu bekennen, lässt sie niemals in dem Schmutz ihrer eigenen Bosheit wandeln. Wenn ein Gläubiger in eine Sünde fällt, die einen bestimmten Charakter hat, sollte er hinausgetan werden. Was rein persönlich ist, sollte auch persönlich behandelt werden. Es wäre ungeheuerlich, wenn wir alle Fehler über einen Kamm scheren würden. Unser vornehmstes Verlangen sollte sein, indem wir Gott rechtfertigen, jemand wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Die Kirche zeugt von der göttlichen Gnade, und ihre Aufgabe ist es, sowohl die Segnung der Unbekehrten zu suchen als auch die Christen wiederherzustellen, die abgewichen sind. Streben wir danach, die Einheit des Geistes zu bewahren? Wie konnte es dazu kommen, dass die Christen verschiedene, gesonderte Vereinigungen bilden? Warum benötigen sie noch menschliche Satzungen und neue Organisationen, wenn sie doch Gottes Wort um jeden Preis ausleben möchten? Wenn Gott uns ein Gebot gibt, brauchen wir keine anderen Gebote. Ich brauche sein Gebot in all seiner Kraft, damit ich fähig bin, den Menschen die Wahrheit vorzustellen und ihnen zu sagen: „Das ist der Wille Gottes.“ Ist es gut oder weise, dies aufzugeben? Gott hat etwas geschrieben in Bezug auf alle moralischen Fragen, womit Er seine Kinder leiten will. Handeln wir danach? Da mag jemand fragen: Und du, bist du vollkommen? Ich antworte: Wir bemühen uns, in Frieden die Einheit des Geistes zu bewahren. Wir versuchen aufrichtig, uns dem Willen Gottes zu unterwerfen. Bemühst du dich auch darum?

Die Kernfrage für jedes Kind Gottes lautet: Bemühe ich mich, die Einheit des Geistes zu bewahren? Und tue ich es auf Gottes Weise oder nach meinen eigenen Vorstellungen? Habe ich mich seinem Willen ausgeliefert? Wir müssen Ihm gehorsam sein. Wir haben seine Gebote, und wir sind verantwortlich dafür, sie zu erfüllen, indem wir uns dem unterwerfen, dem wir gehören und dem wir dienen müssen. Es gilt, diese Einheit in dem Band des Friedens zu bewahren. Gott bildet seine Versammlung aus allen denen, die Ihm gehören. Die Einheit besteht nicht darin, dass die Christen ihre persönlichen Ansichten über dies und das festhalten; sie besteht vielmehr darin, dass der Geist an seiner eigenen Einheit festhält bzw. an dem, was Christus für sie ist, und nicht an den Punkten, in denen sie sich voneinander unterscheiden.

Wenn wir die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens bewahren wollen, müssen wir uns bewusst werden, dass Heilige Geist nur Christus verherrlicht. Wir können dem Vater nicht mehr Freude bereiten, als wenn wir den Sohn erheben; und wir können Ihn nicht mehr betrüben, als wenn wir seinen Sohn geringschätzen. Wenn wir Christus festhalten, ist alles gesichert. Dadurch kommt die Einheit auf den einfachsten Nenner.

Es geht nicht darum, die Menschen zu nötigen, ihre Überzeugungen aufzugeben und unsere anzunehmen, mögen diese auch noch so korrekt sein. Gottes Wort gibt uns im Namen Christi die Grundlage, auf der wir alle Gläubigen umfassen können, auch wenn sie noch so schwach und voller Vorurteile sind. Wir wollen uns davor hüten, dass wir mehr um unseren eigenen Ruf besorgt sind oder um das, was uns gefällt, als darum, dass wir seinen Willen tun. Wir wollen uns nichts auf unsere eigene Erkenntnis einbilden oder darauf, was wir vielleicht in der Praxis erreicht haben. Stattdessen wollen wir lieber zum Herrn aufblicken, damit wir im Glauben, Langmut und Geduld jedes wahre Glied Christi sowie jeden seiner Diener anerkennen, wo immer sie auch sind. Lasst uns so an der Einheit des Geistes festhalten in dem Band des Friedens und darauf achten, sie zu bewahren, was auch immer die Schwierigkeiten sein mögen; und die sind sicherlich groß. Der Glaube sieht nicht einen Geist und verschiedene Leiber; er kennt nur einen einzigen Leib. Wir wollen im Umgang mit anderen, die in diesem Punkt nicht klar oder doppelt sehen, Geduld haben; wir wollen den Namen Christi unnachgiebig festhalten, und wir wollen für uns selbst vorsichtig sein, damit wir nicht das gutheißen, was Ihm entgegen ist.

Eph 4,4-6: 4 Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung. 5 Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in uns allen ist. 

Das ist unsere lebendige Segnung in Christus: „Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen“ (Eph 5,30). Sogleich wird hinzugefügt: „ein Geist“; denn der Heilige Geist hat dies zustande gebracht. Und wir hoffen, bald das bei Christus genießen zu können, was wir jetzt durch die Kraft des Heiligen Geistes sind. Diese Einheit werden wir im Himmel in der Gegenwart Gottes völlig und vollkommen verwirklichen. Das ist die erste Einheit.

Es gibt einen Unterschied zu den folgenden Versen. Der vierte Vers ist ein Charakter der Einheit, der fünfte ein anderer und der sechste ein dritter; diese konzentrischen Einheiten werden jeweils etwas umfassender. „Da ist ein Leib und ein Geist, so wie ihr auch berufen seid in einer Hoffnung eurer Berufung.“ Zu diesem Leib gehört niemand, der nicht durch den Heiligen Geist geboren und getauft ist. Dieser eine Leib ist zweifellos auf der Erde. Er ist jetzt eine göttliche Wirklichkeit, unabhängig von der Herrlichkeit, die er einmal in der Zukunft haben wird. Aber in Vers 5 haben wir eine mehr äußerliche Einheit, ein Gebiet des Bekenntnisses, das größer ist als das der wirklichen geistlichen Kraft. Hier kommt der „Herr“ in den Vordergrund; und es wird einmal viele geben, die sagen werden: „Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?“

Daher hören wir als Nächstes von dem „einen Glauben“, womit der christliche Glaube gemeint ist. Wenn wir über den Glauben sprechen als das Mittel, durch das wir in Beziehung zu Christus kommen und durch die Gnade Gottes gerettet werden, dann wird das niemals der eine Glaube genannt. Mit diesem Ausdruck ist der gemeinsame Glaube, den alle Christen bekennen, gemeint, und zwar im Gegensatz zu der Religion oder dem Gesetz der Juden und dem Götzendienst der Heiden. Gemäß dem „ein Herr, ein Glaube“ folgt „eine Taufe“, denn jeder, der bekannte, an Christus zu glauben, wurde mit Wasser getauft. Simon der Zauberer bekannte sich dem Namen nach zu Christus und wurde getauft, obwohl er bald bewies, dass er kein Christ war. Also gibt uns Vers 5 nicht die Einheit dessen, was wirklich und heilig und dauerhaft ist, sondern die Einheit des christlichen Bekenntnisses.

Schließlich haben wir noch als Letztes: „… ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in uns allen ist“ (Eph 4,6). Es ist klar, dass wir hier eine noch größere Ausdehnung haben. Es gibt eine große Menge Menschen, die Christus überhaupt nicht bekennt. Die Mehrheit der Menschen lebt weiter mit ihren Götzen, trotz Gesetz und Evangelium. Gibt es hier keine Ansprüche? Wir kennen „einen Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in uns allen ist“. Das bedeutet, dass es ein persönlicher Gott ist: keinesfalls der Gedanke, dass alles Gott ist. Das ist Unglaube in seiner schlimmsten Form oder Pantheismus. Wir kennen „einen Gott“, nicht eine Anzahl von Gottheiten wie die Heiden, sondern „einen Gott und Vater aller“. Die Juden glaubten nicht, dass Er der Vater aller war, noch nicht einmal der Vater der auserwählten Nation, sondern vielmehr ihr Herrscher, nämlich Jahwe. Die christliche Offenbarung bringt Gott in einem unendlich größeren sowie auch für uns viel innigerem Charakter ans Licht. Aber auch größer in dem Sinne, dass er alle Geschöpfe umfasst: „… ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle (seine oberste Gewalt und Fürsorge, aber mehr als diese) und in uns allen.“ Hier haben wir seine enge Verbindung mit einigen und nicht mit allen. Denn es wird nicht gesagt: „in allen“, sondern: „in uns allen“. Der Heilige Geist spricht von der besonderen Beziehung zu den Christen. Wie vollkommen, schön und geordnet ist diese Entfaltung der Einheit in und um Christus, unseren Herrn.

 

Anmerkungen

[1] Hierbei geht es um die Einsetzung von Bischöfen zur Regelung der Kirchenangelegenheiten.

[2] Hierbei geht es um die Ablehnung der Einmischung des Staates in Kirchenangelegenheiten.


Aus Lectures on the Epistle of Paul, the Apostle, to the Ephesians, with a new Translation

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