Der Prophet Daniel
Daniel 1–12

Frank Binford Hole

© SoundWords, online seit: 17.07.2002, aktualisiert: 31.07.2018

Einleitung

Jesaja prophezeite in Juda sowohl vor als auch während der Regierung des gottesfürchtigen Königs Hiskia, unter dessen Einfluss die Verhältnisse sich äußerlich zu bessern schienen. Doch hatte der Prophet das unter der Oberfläche verborgene Verderben bloßzulegen. In unseren Bibeln folgt seinem Buch das Buch Jeremia. Dieser Prophet wurde von Gott erweckt, um für Ihn in den letzten traurigen Tagen der Geschichte Judas zu reden, als sich die Entwicklung ohne Hoffnung auf Besserung verschlechterte und die Gerichtsschläge durch Nebukadnezar einsetzten.

Früher hatten die sieben Nationen Kanaans das Land bewohnt und schreckliche Sünden betrieben, so dass Gott durch Israel an ihnen Gericht übte und Josua befahl, sie zu vertilgen. Jetzt musste Jeremia ausrufen: „Entsetzliches und Schauderhaftes ist im Lande geschehen: Die Propheten weissagen falsch, und die Priester herrschen unter ihrer Leitung, und mein Volk liebt es so. Was werdet ihr aber tun am Ende von dem allen?“ Was Gott durch den babylonischen König „am Ende“ tat, das sah und erlebte Jeremia zu seiner großen Trauer. Uns mag eine Ahnung von der Tiefe seines Schmerzes aufgehen, wenn wir das Buch der Klagelieder lesen, das seiner ausführlichen Prophezeiung folgt.

Das Buch Hesekiels schließt sich an, der in den Tagen Jojakins unter vielen anderen in die Gefangenschaft geführt wurde, einige Jahre bevor der letzte Gerichtsschlag auf Zedekia fiel, von dem Jeremia geweissagt hatte. Im Land seiner Gefangenschaft schaute er in einer Vision die Herrlichkeit der Gegenwart Gottes, die sich aber von dem Tempel und der Stadt entfernte, und wenn Gott nicht mehr in ihr weilte, war alles verloren.

Doch ein jeder dieser drei Propheten prophezeite ein künftiges Eingreifen Gottes auf eine völlig neue Art. Jesaja sagte Dinge voraus, die absolut neu sein würden; er sprach sogar von einem „neuen Himmel und einer neuen Erde“; er kündigte eine zweifache Ankunft des Messias an, erstens als demütiger Knecht, der um der Sünde willen leiden würde, dann als der mächtige Arm des HERRN, der in Macht solche retten würde, die Er zuvor durch Sein Blut erlöst hatte.

Jeremia folgte und sagte voraus, dass die Erneuerung kommen würde, jedoch nicht gegründet auf den alten Gesetzesbund, sondern auf einen neuen Gnadenbund. Man möge die Verse Jeremia 31,31-34 lesen und beachten, wie es wieder und wieder heißt „Ich werde“ und nicht „Wenn ihr … werdet“ (2Mo 19,8). Bei diesem neuen Bund wird Gott nach Seinen eigenen Gedanken und Absichten in Gnade handeln, auf der Grundlage des Werkes Christi, wie Jesaja es entfaltet hat.

Hesekiel vervollständigt den prophetischen Umriss, der durch die drei Hauptpropheten gegeben wird. In Kapitel 36 spricht er im Voraus von der Neugeburt, die ein Überrest aus Israel erfahren wird, bevor sie in die Segnungen des Tausendjährigen Reiches eingehen, und im nächsten Kapitel spricht er davon, wie sie geistlicherweise lebendig gemacht werden und in eine neue Ordnung des Lebens eintreten.

Damit kommen wir zu Daniel, der von Gott gerade um die Zeit erweckt wurde, als „die Zeiten der Nationen“ (Lk 21,24) mit Nebukadnezar begannen. Er war von Gott befähigt, uns einen prophetischen Überblick über den Lauf dieser Zeiten zu geben, während deren der Messias „abgeschnitten“ werden würde. Deshalb sind dem Volk Trübsale bestimmt, jedoch mit der Hoffnung einer Errettung am Ende.

Nach einem einführenden Kapitel, das von der mutigen Haltung Daniels und seiner drei Genossen erzählt und auch von der Art, wie Gott sie dafür ehrte, besteht die Prophezeiung Daniels ganz einfach aus zwei Teilen. Von dem Zeitpunkt ab, wo die Chaldäer „zu dem König auf Aramäisch sprachen“ (Dan 2,4) wird bis zum Ende von Kapitel 7 diese Sprache der Heiden gebraucht, und erst mit Kapitel 8 wird Hebräisch wieder aufgenommen. So sind die historischen Einzelheiten und die Prophezeiungen, die sich auf die heidnischen Mächte beziehen, in heidnischer Sprache abgefasst. Dann werden in den fünf Kapiteln, die das Buch abschließen, dem Daniel Ereignisse offenbart, die hauptsächlich sein Volk angehen, obgleich auch auf Einzelheiten hinsichtlich der Nationen Bezug genommen wird.

Kapitel 1

Dreimal zogen Nebukadnezar und seine Knechte wider Jerusalem herauf, und diesen Angriffen unterlagen nacheinander die drei Könige Jojakim, Jojakin und Zedekia. Schon bei der ersten Gelegenheit wurden Daniel und seine drei Freunde zusammen mit einer Anzahl junger Männer von königlicher oder fürstlicher Abstammung gefangen weggeführt. Ihnen traute man außergewöhnliche intellektuelle Fähigkeiten zu – als den an Weisheit und Verstand Besten der Nation. Der schlaue babylonische König suchte seine Machtstellung dadurch zu befestigen, dass er die klügsten Männer der eroberten Völker für sich in einem Heer von Zauberkundigen arbeiten ließ – Leuten, die mit dämonischen Mächten verkehrten und denen er Anleitung für ihre okkulten Praktiken gab.

So sollten Daniel und seine Freunde sich einem Ausbildungskurs unterziehen, der ihnen „Kenntnisse“ und „Weisheit“ vermitteln würde. Solche „Weisheit“ hatte zweifellos mit jenen „vorwitzigen Künsten“ zu tun, die in Apostelgeschichte 19,19 erwähnt werden und später auch in Ephesus praktiziert wurden. Wenn der große babylonische Monarch die Zahl der Leute vermehren konnte, die ihm übernatürliche Weisheit und Beratung verschaffen könnten, dann vermochte er dadurch seine Macht weiter zu erhöhen.

Deshalb wurde für sie in Essen und Trinken eine besondere Kur von der Tafel des Königs verordnet: das Beste des Landes, und zweifellos von einer Art, die mit götzendienerischen Riten in Verbindung stand. Und ferner hatten sie, veranlasst durch den Obersten der Kämmerer, ihren ursprünglichen Namen aufzugeben. Sie unterstanden einem neuen Besitzer, und das Zeichen dafür waren neue Namen, die ihren Ursprung und ihre Bedeutung vom Götzendienst her hatten. In einer solchen Stellung befanden sich nun Daniel und seine drei Freunde.

Indem wir zu Daniel 1,8 kommen, verhalten unsere Gedanken bei den Worten: „Aber Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich … nicht zu verunreinigen.“ Wahrlich, ein denkwürdiger Entschluss! Hätte er ihn nicht gefasst, dann hätte kein Buch Daniel in unseren Bibeln seinen Platz gefunden. Beachte zuerst einmal, dass der Geist Gottes in dem Bericht seinen heidnischen Namen verleugnet und seinen ursprünglichen Namen benutzt, der „Gott ist Richter“ bedeutet. Offensichtlich lebte dieser Mann in dem Licht seines Namens, und so bemerken wir an zweiter Stelle, dass er den Vorsatz nicht im Kopf fasste, dem Sitz der Intelligenz, sondern vielmehr in seinem Herzen, dem Sitz der Zuneigung, die sich auf den Gott, dem er diente, richtete. Solcher Art ist ein Vorsatz, der feststeht und nicht wankt.

Beachte dann drittens, dass er entschlossen war, Verunreinigung zu meiden. Materiell gesehen, war die Speise ohne jeden Zweifel rein. Er dachte somit an eine geistliche Verunreinigung, da Babylon von Anfang an eine Brutstätte des Götzendienstes war. Seine drei Freunde werden in Vers 8 nicht erwähnt, doch wenn wir in Daniel 3,18  nachsehen, entdecken wir, dass sie in Gesinnung und Absicht völlig eins mit Daniel waren.

Lasst uns doch die Lektion, die uns hier begegnet, sehr ernst zu Herzen nehmen. Das Geheimnis von Daniels außergewöhnlicher Kraft war seine entschiedene Absonderung von der ihn umgebenden bösen Welt. Er kannte ihre verunreinigende Macht, und er wies sie ab. Etwa fünf Jahrhunderte nach ihm wurde ihr wahrer Charakter in dem Kreuz Christi völlig und endgültig bloßgestellt, wie der Herr es selbst sagte: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt“ (Joh 12,31). Wir leben jetzt im Licht dieser Tatsache, und wir wissen, dass sie von Satan als dem „Gott dieser Welt“ (2Kor 4,4) beherrscht wird. Deshalb ist eine entschlossene Trennung von der Welt ebenso notwendig für uns, wie sie für Daniel war.

Doch war er nicht nur fest in seinem Vorsatz, er verhielt sich auch weise und demütig dabei, als er die Sache bekannt gab. Gott hatte schon seinethalben gehandelt, indem er ihm die Gunst des Obersten der Kämmerer zuwandte und auch die Melzars, seines Untergebenen. Daniel vermied jede anmaßende oder hochmütige Sprache, vielmehr brachte er seinen Wunsch in der Form einer Bitte vor, dass er und seine Freunde einfache Kost für zehn Tage testweise bekommen möchten, um danach eine Entscheidung zu treffen. Gott war mit ihnen und fügte es, dass sie von der sonst unvermeidlichen Verunreinigung verschont blieben.

Von dieser Begebenheit lasst uns wieder lernen. Absonderung von Verunreinigung ist immer Gottes Pfad für seine Heiligen, aber wenn sie ihn gehen, hängt viel von dem Geist ab, in dem sie diese Absonderung auf sich nehmen. Tun sie es auf eine barsche, überhebliche Art statt in sanfter und demütiger Weise, dann hat ein Zeugnis für andere seine Kraft verloren. Wenn unser Geist etwa spürbar wird im Sinn der Worte „Bleibe für dich, komm mir nicht zu nah, ich bin heiliger als du“, dann ist er von dem Geist der Pharisäer in den Tagen des Herrn und wir würden das Böse unterstützen, von dem getrennt zu sein wir bekennen. Daniel und seine Freunde waren auf Absonderung bedacht und hielten sie aufrecht, aber in dem rechten Geist.

Infolgedessen war Gott mit ihnen, und das auf eine wahrlich bemerkenswerte Weise. Nicht nur waren sie im Aussehen besser und völliger an Fleisch, sondern sie übertrafen an Kenntnis, Geschicklichkeit, Gelehrsamkeit und Weisheit alle die anderen, die ihr Teil von der Tafel des Königs bekamen. Und was Daniel anging, so wurde ihm eine übernatürliche Befähigung in der Deutung von Visionen und Träumen verliehen, durch die Gott in jenen Tagen oft seine Absichten kundtat.

Bei der Prüfung vor Nebukadnezar war das Urteil klar. Die Wahrsager und Astrologen waren Männer, die mit den Mächten der Finsternis verkehrten, um ein Wissen zu erlangen, das über die geistigen Kräfte gewöhnlicher Menschen hinausging, aber diese vier Männer waren von Gott belehrt und jenen „zehnmal“ überlegen. Darin liegt nichts Überraschendes. Dieselbe Sache begegnet uns in der Tat noch ausdrücklicher in 1. Korinther 2, wo wir lesen, dass die Fürsten dieses Zeitlaufs die Weisheit Gottes nicht erkannt haben, und zwar in vollem Maß, denn sonst „würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben“. Wohingegen der einfachste Gläubige, in dem der Geist Gottes wohnt und der sich von diesem Geist leiten lässt, „alle Dinge“ beurteilt oder unterscheidet.

Bevor wir Kapitel 1 verlassen, möchten wir noch anmerken, dass die Frage von durch Götzendienst verunreinigten Speisen unter den frühen Christen in Korinth sehr akut war. Sie empfingen darüber Anweisungen des Apostels Paulus in seinem ersten Brief an sie (1Kor 8; 10,25-31). Fleisch, das auf dem Markt gekauft war oder im Haus einer befreundeten Familie angeboten wurde, konnten sie essen, ohne Fragen nach der Herkunft zu stellen. Aber wenn man sie ausdrücklich darauf hinwies, dass es Fleisch von Götzenopfern sei, dann sollten sie es nicht essen. So hielten sich die ersten Christen rein von götzendienerischen Berührungen, genau so wie es Daniel und seine Freunde taten.

Kapitel 2

Mit dem phänomenalen Aufstieg Babylons unter Nebukadnezar begannen die Zeiten der Nationen, und Kapitel 2 erzählt gleich zu Anfang, dass jener große Monarch im zweiten Jahr seiner Regierung einen denkwürdigen Traum hatte, der ihn stark beunruhigte. Und das hatte seinen guten Grund, denn der Traum enthielt eine von Gott gegebene Offenbarung, die ihn auch, nicht unbeabsichtigt, demütigen sollte. Sein Schlaf war dahin, und was ihm noch schlimmer war: Er konnte sich an den Inhalt des Traumes nicht mehr erinnern. Natürlicherweise wandte er sich an die chaldäischen Schriftgelehrten und ihre Genossen, die mit dämonischen Mächten verkehrten; er verlangte von ihnen, dass sie den Traum erzählen und ebenso seine Deutung angeben sollten.

Diese Forderung, zusammen mit der Drohung, dass sie im Fall des Versagens alle getötet würden, scheint auf den ersten Blick barbarisch und unvernünftig zu sein. Doch bei weiterem Nachdenken mögen wir uns erinnern, dass eben um jene Zeit selbst in Jerusalem falsche Propheten und Wahrsager waren, wie wir in Jeremia 29 sehen, deren Vorhersagen und Erklärungen betrogen, dann mag es um die Wahrsager in Babylon auch nicht besser bestellt gewesen sein. Vielleicht hat auch Nebukadnezar gedacht, dass er jetzt eine gute Gelegenheit hätte, diese Männer zu testen, die ihn umgaben und ihn durch übernatürliches Wissen zu steuern suchten, wie sie vorgaben. Wenn sie eine übernatürliche Deutung von Träumen für sich beanspruchten, dann konnten sie ja dieselbe übernatürliche Geisteskraft einsetzen, um den vergessenen Traum zu rekonstruieren! Das allein würde ihre Ansprüche bestätigen. Und wenn sie das nicht vermochten, dann sollten sie in seinem Reich ihren Kopf verwirkt haben.

Da die Babylonier Daniel und seine Freunde zu diesen „weisen Männern“ zählten, waren auch sie dem strengen Befehl des ergrimmten Königs unterworfen. Was sie jetzt unternahmen, ist lehrreich. Sie taten zweierlei. Erstens erbat Daniel vom König in demütiger Form eine Frist, in der Gewissheit, dass sich eine Antwort ergeben würde. Diese Gewissheit enthüllt auf der Seite Daniels ein bemerkenswert starkes Gottvertrauen. Zweitens beteten er und seine Genossen, nachdem sie einen kurzen Aufschub erlangt hatten, dass ihnen das Geheimnis des Traumes offenbart werden möchte.

So finden wir hier diese vier Männer, umgeben von der gröbsten Form des Götzendienstes in der größten Stadt der Welt, doch in Herz und Wandel wahrhaft abgesondert von alledem, um mit dem „Gott des Himmels“ verbunden zu sein, und das in einem Maß, dass sie von Ihm Mitteilungen empfangen. Das Geheimnis, das sie unter ernstem Gebet suchten, wurde dem Daniel in einem Nachtgesicht offenbart. Er sah es bei Nacht, geradeso wie der König einige Tage zuvor bei Nacht seinen Traum gehabt hatte. Andere waren befähigt worden, Träume zu deuten, wie zum Beispiel Joseph, aber einen Traum wiederholen, so dass ein Bild, das sich einem Menschen bei Nacht darbot, sich noch einmal einige Nächte später einem anderen Menschen völlig übereinstimmend zeigt, das vermag nur Gott zu bewirken. Und Er gewährt ein solches Wunder nur einem seiner Diener, der sich von den Befleckungen der ihn umgebenden Welt völlig abgesondert verhält.

Das Erste, was Daniel tat, war, Gott zu preisen und Ihm Lob zu opfern, wie die Verse Daniel 2,19-23 zeigen. In der Tat lebte er in einer Epoche, in der Gott „Zeiten und Zeitpunkte“ geändert, Könige abgesetzt und eingesetzt hatte, womit Er kundtat, dass Weisheit und Macht Sein sind. Es war Gott, der dem davidischen Königsgeschlecht ein Ende setzte und Nebukadnezar zu königlicher Würde erhob. Daniel beugte sich darunter, anerkannte, was Gott tat, und pries Ihn sogar dafür. Er lobte Gott auch dafür, dass Er Weisheit denen mitteilte, denen Er ein Verständnis gegeben hatte, sie zu empfangen, und im Besonderen auch dafür, dass Er ihm das erbetene Geheimnis kundgetan hatte.

„Zeiten und Zeitpunkte“ mit Bezug auf die Erde werden zuerst in 1. Mose 1,14 erwähnt. Hier in Daniel haben wir genau dieselben Wörter, und wir begegnen ihnen wiederum in Apostelgeschichte 1,7 und in 1. Thessalonicher 5,1. Es ist klar, dass dieser Ausdruck sich auf die Heilszeiten und das Handeln Gottes mit dieser Erde bezieht. In Apostelgeschichte 1 war es nicht Sache der Jünger, um den Zeitpunkt der göttlichen Fügungen zu wissen. Doch die Thessalonicher wussten sehr wohl um die Art geweissagten göttlichen Fügungen und die Reihenfolge, in der sie geschehen würden: Darüber hatten sie genaue Kenntnis, waren aber unwissend über das Kommen des Herrn für seine Heiligen, wie es das vorhergehende Kapitel enthüllt. Das letztere Kommen hatte mit einer himmlischen Berufung zu tun, während „Zeiten und Zeitpunkte“ zur Erde gehören.

Nachdem der Traum offenbart ist, wird Daniel eilends vor den König gebracht, und sogleich leugnet er jede eigene Befähigung in dieser Sache. Er verweist den König auf den Gott des Himmels, der Geheimnisse offenbart und der ihm kundtun will den zukünftigen Verlauf der heidnischen Herrschaft, die mit dem Sturz Jerusalems und seines Königs begonnen hat. Nebukadnezar wurde unmissverständlich darüber unterrichtet, dass Gott um Daniels und seiner Genossen willen so gehandelt hat und damit der König erkennen möchte, dass er mit einem Gott zu tun hat, der um die geheimsten Gedanken seines Herzens wusste. In den Versen Daniel 2,31-35 wird der Traum dem König erzählt.

Wir gehen jedoch weiter und kommen zur Deutung des Traumes, wie Daniel sie ab Daniel 2,37 gibt. Das goldene Haupt dieses gewaltigen Bildes von außergewöhnlichem und furchterregendem Glanz war Nebukadnezar selbst. Er übte absolute Macht aus, unbehindert und unbegrenzt, wie niemand sie vorher gekannt hatte und danach je wieder kennen wird. Wir glauben, dass sie nur der Macht des in Offenbarung 13 prophezeiten „Tieres“ vergleichbar sein wird, dann aber von dem Herrn Jesus noch übertroffen wird, wenn Er kommt als König der Könige und Herr der Herren. Der Herr Jesus wird richten und regieren in Gerechtigkeit, aber mit Nebukadnezar war das ganz anders, denn „wen er wollte, tötete er, und wen er wollte, ließ er leben“ (Dan 5,19), wie Daniel selbst berichtete.

Das Babylonische Reich, so großartig es war, beherrschte die Bühne der Weltgeschichte nur für eine kurze Zeit. Unter Belsazar und seinem Vater verlor es bereits seinen stolzen Rang. Es war so sehr von der Macht und der Herrlichkeit Nebukadnezars abhängig, dass keiner der nachfolgenden Könige noch eine bedeutende Rolle spielte, so dass wir in Vers 39 lesen: „Nach dir wird ein anderes Königreich aufstehen, niedriger als du“ (Dan 2,9). In dem Traum wird es als Brust und Arme von Silber beschrieben, und dies würde wieder von einem dritten Königreich abgelöst werden, dargestellt unter dem Bauch und den Lenden aus Erz.

Der abnehmende Wert der Metalle zeigte eine Verschlechterung in der Qualität der aufeinanderfolgenden Mächte an. Die Rede mag hart klingen, aber eine Autokratie ist das göttliche Ideal einer Regierung, und sie wird, vollkommen in Gerechtigkeit und Güte, durch die Regierung Christi im Tausendjährigen Reich Wirklichkeit werden. Bemerkenswert ist, dass Daniel in diesem Kapitel mehr als einmal von dem „Gott des Himmels“ spricht, ein Hinweis darauf, dass der erste mit höchster Macht ausgestattete heidnische Monarch eine Autorität innehatte, die ihm vom Himmel übertragen war. Dies ist die Tatsache, die, wie wir glauben, der Belehrung des Apostels in Römer 13,1 zugrunde liegt. Die herrschende Weltmacht in jenen Tagen war die vierte nach unserem Kapitel, und es gilt für alle bestehenden heidnischen Mächte, welcher Art und zu welcher Zeit auch immer, dass ihre Autorität von dem „Gott des Himmels“ verliehen ist.

Das zweite und dritte Königreich werden nur flüchtig erwähnt, doch dann werden unsere Gedanken auf das vierte gelenkt, dem besondere Kraft zukommt, worauf das Eisen hinweist. Es zerbrach, sich ausdehnend, jeden Widerstand, unterwarf den zivilisierten Teil der Welt und überdauerte in seiner vereinigten Form viele Jahrhunderte. Obgleich seine Einheit zerfiel, wie wir wissen, wird es in dem Traum als irgendwie fortbestehend gesehen bis zu seiner letztgültigen Ausformung als ein Zehnstaatenbund am Ende seiner Geschichte, wenn Ton sich mit dem Eisen vermischt; daraus folgt, dass dieses Reich teils stark und teils zerbrechlich sein wird. Die Vermischung von Ton und Eisen symbolisiert dies in passender Weise, denn die beiden Stoffe sind in ihrer Eigenart völlig verschiedene Substanzen. Eisen ist ein Metall, von geringerem Wert als Gold, obwohl stabiler. Ton ist nichtmetallisch, und sein bildlicher Gebrauch in der Schrift zeigt an, was menschlich ist im Gegensatz zu dem, was göttlich ist. Vergleiche dazu Hiob 10,9 und 33,6, ferner auch jene Anspielungen, dass der Mensch wie Ton in Gottes Hand ist; Gott ist der Töpfer.

Der Traum zeigt also an, dass das vierte Reich in seinen letzten Tagen „Könige“ haben würde, und zwar bis zur Zahl Zehn, und dass da trotz seiner Stärke Zerbrechlichkeit vorhanden ist, die durch ein menschliches Element eingeführt wird – was in diesen Tagen Demokratie genannt wird. Ein berühmter Mann definierte sie so: „Eine Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk.“ Nichts ist unbestimmter und deshalb zerbrechlicher als der Wille des Volkes. Es scheint somit gewiss zu sein, dass wir in den Tagen leben, die der letzte Zeitabschnitt in der Geschichte des Traumbildes sind.

Der Stein schlug an die Füße des Bildes. Es wird gesagt, dass er „sich losriss ohne Hände“, was bedeutet, dass Menschen damit nichts zu tun haben. Von Gott geht die Sache aus. Der erste prophetische Hinweis auf den Herrn Jesus als den Stein findet sich in 1. Mose 49,24, wo der alte Jakob seine Söhne segnet und in einer Einschaltung gleichsam ausruft: „Von dann ist der Hirte, der Stein Israels.“ Unter diesem Bild erscheint er dann wieder in Jesaja 28,16 und in Weiterführung im Neuen Testament.

In dem Traum, den wir betrachten, wird der Stein als ein Königreich gedeutet, „das ewiglich nicht zerstört werden wird“. Wir wissen, wer der König dieses Reiches sein wird. Gerade so wie das „Gesicht“ in Habakuk 2,3, das sicher kommen und nicht verziehen wird, in Hebräer 10,37 mit Bezug auf eine Person auftaucht (denn das „es“ in Habakuk wird in Hebräer als „er“ aufgenommen), so wird das „Königreich“, das Daniel erwähnt und in dem Stein des Traumes Nebukadnezars vorausgesagt sieht, sich um eine Person konzentrieren, die Gottes „König der Könige“ ist.

Wir kennen Ihn als den „lebendigen Stein“, und wir sind schon zu Ihm gekommen, woran uns 1. Petrus 2,4 erinnert. Wir sind schon Sein und haben teil an seiner Natur als „lebendige Steine“. Unter seiner Autorität werden wir auferbaut zu einem geistlichen Haus und heiligen Priestertum, wie dort gesagt wird. Wenn Er als König des kommenden Reiches nach der Weissagung in Daniel 2 zum Gericht erscheint, so wird das wiedererstandene vierte Reich völlig zerstört werden. Während wir darauf warten, wissen wir um seine anziehende Kraft, die wirksam ist zur Auferbauung. Wie groß ist die Gunst und der Segen, Ihn so zu kennen!

In der Tat ist es ein ernster Gedanke, dass zuletzt das Gericht auf dieses eindrucksvolle Bild, dass die Herrschaft der Heiden auf der Erde darstellt, fallen muss und alles zu Staub zertrümmert. Es sollte eine ernüchternde Wirkung auf uns alle haben, da wir doch wahrnehmen, dass nichts von der Menschen Prunk und Macht und äußerer Herrlichkeit bleiben wird. Nicht nur werden das Eisen und der Ton zu Staub zermalmt, sondern ebenso auch das Gold und das Silber und das Erz. Gottes Wind wird sie wie Spreu der Sommertennen entführen. Der Gott, der dies tun wird, ist groß, und Er tat es diesem König kund, der in den Augen der Menschen groß war. Die Größe Gottes verbürgt die Gewissheit der Dinge, die der Traum vorhersagt.

Dies sollte uns auch in Erinnerung rufen, was wir in 1. Korinther 1,19 und 2,6 lesen, wo die Worte des Apostel uns unterrichten, dass nicht nur machtvolle heidnische Reiche hinweggefegt werden sollen, sondern auch intellektuelle Fürsten der Erde, und alle Weisheit, die sie vertreten, wird zunichtewerden an dem Tag, an dem Gott im Gericht aufsteht. Diese Enthüllung, die den König durch Daniel erreichte, übte auf ihn eine unmittelbare Wirkung aus, wie wir in den letzten Versen des Kapitels sehen. Statt dass die Ankündigung des letztendlichen Untergangs ihn erzürnt hätte, wurde er sich eindringlich der Gegenwart des Übernatürlichen bewusst – eine Kraft war sichtbar geworden, die den Chaldäern und seinen Beschwörern gänzlich abging. Da er als Heide aufgewachsen war, interessierte ihn vor allem der Mann, in dem jene Kraft sich gezeigt hatte. Tatsächlich erkannte er an, dass der Gott Daniels ein „Gott der Götter und ein Herr der Könige“ war, doch die Anbetung, die er anbot, richtete sich mehr auf Daniel als auf den Gott, in dessen Namen er sprach. So sehen wir hier ein Illustration dessen, was Römer 1,25 aussagt, dass die Heiden „dem Geschöpf mehr Verehrung und Dienst dargebracht haben als dem Schöpfer, der gepriesen ist in Ewigkeit. Amen.“

So empfing Daniel nicht Verehrung, er wurde auch zu einem Obervorsteher der Ratgeber und Fürsten des Königs gemacht, und auf seine Bitte hin wurden auch seine drei Genossen zu hohen Stellungen erhoben. Hatte nun diese wunderbare Bezeugung göttlicher Macht einen heilsamen und anhaltenden Effekt auf Nebukadnezar? Das nächste Kapitel zeigt eindeutig, dass dem nicht so war.

Kapitel 3

Es wird uns nicht gesagt, wie lange die Zeit zwischen den in Kapitel 2 und 3 berichteten Ereignissen war, aber es drängt sich der Eindruck auf, dass eine Beziehung bestand zwischen dem Traumbild Nebukadnezars und dem riesengroßen Bild, das er dann machen ließ. In seinem Traumbild war nur das Haupt, das ihn selbst darstellte, von Gold. Er aber ließ sein gewaltiges Bild ganz von Gold machen.

Da die alte Elle der Länge des menschlichen Armes entsprach – etwa 45 bis 50 Zentimeter –, muss dieses Bild eine Höhe von etwa 30 Meter und eine Breite von etwa 18 Meter gehabt haben. Der unermessliche Vorrat an Gold, der dem König ermöglichte, ein solches Vorhaben auszuführen, mag nicht an die Goldmengen heranreichen, über die ein Salomo verfügte, doch er zeigt, dass die „Zeiten der Nationen“ mit einer Entfaltung von Macht, Reichtum und Pracht begannen. Und wie wird diese Periode heidnischer Herrschaft enden? Die Antwort darauf finden wir in Offenbarung 13. Ein anderer mächtiger König wird aufstehen und ein weiteres großes Bild wird gemacht werden. Wenn wir beide Szenen vergleichen, bemerken wir manche Ähnlichkeiten, jedoch auch einen bezeichneten Gegensatz. Im ersten Fall war es der „Gott des Himmels“, der Nebukadnezar „Macht und Gewalt und Ehre“ gab, wohingegen der kommende große König, der „das Tier“ genannt wird, „seine Macht und seinen Thron und große Gewalt“ von dem „Drachen“ bekommen wird, also von dem Teufel selbst.

Die Ähnlichkeiten sind gleicherweise auffallend und bezeugen die Tatsache, dass die sündigen Neigungen des armen gefallenen Menschen zu allen Zeiten genau die gleichen sind. Durch den Gott des Himmels wurden Nebukadnezar viel Macht und Ehre gewährt, doch sogleich benutzte er sie, sich selbst durch dieses riesige Bild zu verherrlichen. Viele verschiedene Völker unterstanden seiner Herrschaft, und sie hatten ein jedes seine eigenen Götter, die sie anbeteten. Nun sollten sie, während sie ihre eigenen Gottheiten behielten, noch ein Art „Superreligion“ über sich haben, die dem Zweck diente, sie unter seiner Herrschaft fest zusammenzubinden. Deshalb der Ausruf des Herolds: „Ihr Völker, Völkerschaften und Sprachen …“

Diese alten Monarchen wussten überdies, wie sie Volksmassen beeinflussen konnten. Die Musik übt eine unaufdringliche Wirkung auf das menschliche Gemüt aus, sei es in der kultivierten klassischen Weise oder in den minderwertigen Erzeugnissen der heidnischen Welt. Tatsächlich erzielen Letztere die am stärksten berauschenden Effekte, wie es die „Teufelstänze“ der Wilden zustande bringen. Unter der Einwirkung solcher Musik geraten die Leute, und besonders Jugendliche, in den Zustand eines Rausches.

Um eine solche gewaltige Völkermenge zur Anbetung des goldenen Bildes zu bringen und in dieser Form dem mächtigen König zu huldigen, erklang „allerlei Art von Musik“. Wer der Aufforderung nicht nachkam, der wurde mit einer furchtbaren Strafe bedroht: lebendig in den brennenden Feuerofen geworfen zu werden.

Ganz ähnliche Dinge werden in Offenbarung 13 für das Ende des Zeitalters vorausgesagt, jedoch mit noch erstaunlicheren Begleiterscheinungen. Statt musikalischer Verführungskünste wird der falsche Prophet die Macht haben, dem Bild des Tieres Odem und Rede zu geben, und solche, die sich weigern, es anzubeten, werden getötet. Die Ankündigung einer solchen Kraft, dem Bild „Leben“ zu vermitteln, ist bestürzend, aber wir müssen uns erinnern, dass jene Zeit gekennzeichnet sein wird von der „Wirksamkeit des Satans, in aller Macht und allen Zeichen und Wundern der Lüge und in allem Betrug der Ungerechtigkeit in denen, die verlorengehen“ (2Thes 2,9.10).

Beim Weiterlesen in unserem Kapitel erfahren wir, wie Gott die Gedanken Nebukadnezars durchkreuzte und seinen Plan vereitelte. Und wenn wir in Offenbarung weitergehen bis zu Kapitel 19, sehen wir, wie ein noch weit furchtbareres und ewiges Gericht, das, obgleich länger zurückgehalten, auf das Tier – verkörpert in dem kommenden Bild – und auf den falschen Propheten, der es unterstützt, fallen wird.

Von allen Lüsten und Begierden, die dem armen gefallenen Menschen innewohnen, sitzt der Wunsch, sich selbst zu verherrlichen, am tiefsten, und er wird nicht davor zurückschrecken, sich zum Gott zu machen. Am Anfang unterlag er der verführerischen Behauptung Satans: „Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses“ (1Mo 3,5). Der Widersacher verschwieg natürlich, dass sie danach nicht fähig sein würden, das Gute zu vollbringen und das Böse zu meiden. Selbsterhebung ist seitdem die herrschende Idee in unserer Welt. So war es bei Nebukadnezar. In dem Augenblick war er die Spitze der Pyramide. Und unter ihm standen, ihn stützend, die „Satrapen, der Statthalter und die Landpfleger, die Oberrichter, die Schatzmeister, die Gesetzeskundigen, die Rechtsgelehrten und alle Oberbeamten der Landschaften“, und diese achtfache Auflistung bedeutsamer Persönlichkeiten findet sich zweimal in unserem Kapitel, um uns gleichsam zu beeindrucken von der Festigkeit dieser Pyramide und ihrem erhabenen Haupt. Von dieser anscheinend unwandelbaren Position aus verfügte der König seinen Erlass, durch den er wahrlich Gott trotzte. Und durch drei ergebene Knechte, die Er in der Reserve hatte, nahm Gott die Herausforderung an.

Es ist schon merkwürdig, dass Daniel in diesem Kapitel nicht erwähnt wird, doch kann uns das zu einer Ermunterung gereichen. Weshalb er nicht erwähnt wird und wo er war, wird nicht mitgeteilt. Aber es ermutigt zu sehen, dass Gott bei Abwesenheit eines Dieners von hervorragendem Mut und ungewöhnlicher Kraft weniger begabte Diener erwählen und benutzen kann, um durch sie machtvoll zu wirken. Die drei Genossen Daniels besaßen nicht sein Verständnis für Träume und Prophezeiungen, aber sie teilten mit ihm seine Ergebenheit gegenüber dem einen wahren Gott, was eine tief greifende Absonderung von dem Gräuel des Götzendienstes einschloss. Deshalb standen sie aufrecht, wenn die Menge vom Hochgestelltesten bis zum Geringsten niederfiel, um das Bild anzubeten. Sie gaben ein Beispiel für den Grundsatz, den die Apostel in Apostelgeschichte 5,29 feststellten: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.“

Ihre Feinde berichteten dies sogleich, was Nebukadnezar in Wut und Zorn versetzte. Immerhin veranlasste er eine Untersuchung, ob die gemeldete Verweigerung wirklich gegeben war, und gab dann seine letzte Forderung bekannt. Er verband sie mit der überheblichen Frage: „Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?“ Die Antwort der drei jüdischen Männer ist wahrlich denkwürdig.

Soweit wir uns erinnern, wird hier erstmalig berichtet, dass Dienern Diener Gottes die grässlichste Art der Todesstrafe angedroht worden ist, falls sie nicht ihren Gott verleugnen und den Glauben preisgeben würden, obgleich ein Prophet wie Elia von Isebel bedroht wurde. Seitdem hat es viele solcher Fälle gegeben. In Kapitel 6 betrifft es Daniel. In der Geschichte der frühen Kirche lesen wir von vielen, die den wilden Tieren vorgeworfen wurden, weil sie ihren Herrn und Meister nicht verleugnen wollten. Mancher „Ketzer“ in unserem Land (England) beschloss sein Leben auf dem Scheiterhaufen ebenso wie in Spanien unter der Inquisition; und wir glauben, dass in unseren Tagen nicht wenige unter der eisernen Faust des Kommunismus Märtyrer wurden. Aber der erste Fall – wir haben es oft erwähnt – bleibt überaus denkwürdig, und der feste Glaubensstand, den die drei Freunde Daniels bewiesen, hallt nach durch die Jahrhunderte.

An erster Stelle standen sie dafür ein, dass ihr Gott fähig wäre, sie zu erretten. Sie priesen seine Macht. An zweiter Stelle deuteten sie an, dass Gott eigene Gründe haben könnte, sie nicht zu retten. An dritter Stelle stellten sie mit äußerster Entschlossenheit fest, dass, wenn es ihrem Gott nicht gefiele, sie zu retten, sie Ihn dennoch nicht verlassen und das goldene Bild des Königs nicht anbeten würden, um dadurch falschen Göttern Ehre zu geben. „Wir werden deinen Göttern nicht dienen“ war ihr klares Wort, und es hatte zur Folge, dass ihr Gott ihnen große Ehre zuteilwerden ließ.

Jedoch mag es gut sein, wenn wir uns erinnern, dass die Verführungskünste der Welt unserem Zeugnis mehr Schaden zufügen, als wenn sie uns widersteht und mit Unheil oder dem Tod bedroht. Am Ende seines Lebens musste der Apostel Paulus schreiben: „Demas hat mich verlassen“, und das nicht, weil er die Drohungen der Welt fürchtete, sondern „da er den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat“ (2Tim 4,10). Unmittelbar vorher hatte Paulus von allen geschrieben, „die seine Erscheinung lieben“. Er wusste, dass die Erscheinung des Herrn Jesus eine Welt schaffen wird, die von der gegenwärtigen sehr verschieden ist, und dieser Wandel wird völlig den Gedanken Gottes entsprechen. Demas erlag der Verführung der jetzigen „Welt“ (oder des jetzigen „Zeitalters“), und in der gleichen Gefahr stehen wir – die Christen der Englisch sprechenden Länder, die von Verfolgungen, wie sie in anderen Regionen stattfinden, gänzlich ausgenommen sind. Möge Gott uns jene Entschiedenheit geben, die die drei hebräischen Männer auszeichnete, so dass wir gegenüber allen Verlockungen sagen können: „Es werde kund … wir werden nicht …“

Im Fortgang der Erzählung bemerken wir bei Nebukadnezar eine vollständige Veränderung, verglichen mit dem Bild, das er am Ende des zweiten Kapitels bot. Dort fiel er in der Gegenwart Daniels auf sein Angesicht, womit er seine Nichtigkeit bezeugte. Nun steht er auf seinen Beinen und ist so voll des Grimmes, dass sein Angesicht sich zu wilder Entschlossenheit verfärbt. Nicht nur werden die drei Männer, die seinem Willen getrotzt haben, ins Feuer geworfen, der Ofen wird auch siebenmal mehr als sonst üblich geheizt. Und die stärksten Männer seines Heeres müssen herbei, um die Verurteilten hineinzuschleudern. Sie führten die Tat aus. Das Urteil wurde vollstreckt.

Doch in dem Augenblick wurde Gottes Hand sichtbar. Das Gericht traf nicht die wehrlosen Juden, sondern die stärksten Männer aus Nebukadnezars berühmtem Heer. Ihre von der übergroßen Hitze getöteten Körper bekam der stolze, gottlose König als Erstes zu sehen. Was für ein demütigender Anblick für ihn! Als Nächstes sah er vier Männer frei und unverletzt mitten im Feuer wandeln, dessen äußerste Flammen seine besten Soldaten getötet hatte. Das Feuer, das ihnen den Tod brachte, bedeutete diesen Knechten Gottes Bewahrung und Freiheit. Sie waren „gebunden“ hineingeworfen worden, aber jetzt „wandelten“ sie, denn das einzige, was die Flammen verzehrt hatten, waren ihre Fesseln, und zudem leistete ein himmlischer Besucher ihnen Gesellschaft.

Angesichts eines solchen Wunders gab sich der erzürnte König geschlagen. Der Traum in Kapitel 2, den Daniel ihm deutete, hatte ihn bewegt, aber obgleich er erfuhr, dass er selbst das goldenen Haupt des Traumbildes war, hatte er nicht die Tatsache zu Herzen genommen, dass es der „Gott des Himmels“ war, der ihm die höchste irdische Machtstellung verliehen hatte. Er würde sonst nicht überheblich gefragt haben: „Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?“ Der Gott des Himmels, der ihm seine Herrschaft übertragen hatte, nahm seine Herausforderung an, machte sein Wort zunichte, dämpfte die Gewalt des siebenfach angeheizten Feuers und zeigte sich in der Gegenwart derer, die ihm zum Opfer fallen sollten.

Der König erkannte, dass die vierte Gestalt einem „Sohn der Götter“ glich. Zweifellos war es von Gott, wie er seiner Überzeugung Ausdruck gab. Bileam hatte Aussprüche getan, die er ohne göttlichen Zwang nie geäußert haben würde. Kajaphas sprach eine Weissagung aus, deren Sinn seiner Absicht völlig widersprach, wie Johannes 11,51 berichtet. So war es auch hier. Nebukadnezar musste anerkennen, dass Gott eingegriffen hatte und sich durch seine Gegenwart zu den Männern bekannte, die er zu töten gesucht hatte. Und er gebrauchte die genau richtigen Worte, obgleich er deren wahren Sinn kaum verstand. Während es der Vater ist, der den Ratschluss entwirft, ist es der Sohn, der ihn offenbart und ausführt. Wir lernen dies verstehen, wenn wir zum Neuen Testament kommen.

Das Wunder war so vollständig, dass ihre Leibröcke nicht verändert und ihre Haare nicht versengt waren, selbst der Geruch des Feuers hatte sie nicht erreicht. Der König erkannte sehr deutlich die Hand Gottes und anerkannte deren gewaltige Macht. Aber er kam nicht weiter, als Ihn zu erkennen als den „Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos“, ähnlich wie er Ihn am Schluss des zweiten Kapitels als den Gott Daniels erkannte hatte. Er anerkannte Ihn nicht als seinen Gott, obwohl er schwere Strafen all denen androhte, die Unrechtes wider Ihn sprechen würden. Dieser große Mann, mit dem die Zeiten der Nationen begannen, hatte eine noch ernstere Lektion zu lernen.

Kapitel 4

Wir finden diese Lektion, wenn wir in diesem Kapitel weiterlesen. Die Erzählung nimmt jetzt eine bemerkenswerte Wendung. Wir dürfen Dinge kennenlernen, die Nebukadnezar zu einem späteren Zeitpunkt aufschreiben und all den vielen Nationen und Sprachen verkündigen ließ, über die er herrschte. Er gab kund, wie Gott – den er nun den „Höchsten“ nannte – mit ihm persönlich gehandelt habe. Es war die Geschichte seiner eigenen vollkommenen Niederlage und Demütigung unter Gottes Hand. Deshalb zeigte eben die Tatsache, dass er diese Geschichte weithin veröffentlichte, eine große und fundamentale Veränderung in seinem Denken und seiner Haltung an.

Die Vorrede zu diesem Bericht, und besonders Vers 3, ist sehr eindrucksvoll. Als Erstes erwähnt er „seine Zeichen“ und „seine Wunder“ (Dan 4,3). Wir leben in einem Zeitalter, das der Glaube kennzeichnet. Der Apostel konnte von einer Zeit schreiben, „bevor der Glaube kam“, und wiederum von einer anderen Zeit, „nachdem der Glaube gekommen ist“ (Gal 3,23.25). Bevor die Zeit des Glaubens begann, kam sichtbaren Zeichen eine besondere Bedeutung zu. Doch treten sie ebenso auf, wenn Gott eine neue Haushaltung einführt. Er bestätigte Neues durch wunderbare Zeichen. So war es, als Er Israel aus Ägypten brachte und die Gesetzesepoche am Sinai begann. Und so geschah es in höchster Form, als Er sich selbst in seinem Sohn Jesus Christus offenbarte. Und dann wieder, als die Zeit der Kirche begann, wie wir es in der Apostelgeschichte finden. So sehen wir es auch hier zu Beginn der Zeiten der Nationen.

Das besondere Zeichen und Wunder, von dem Nebukadnezar nun zu berichten im Begriff steht, ist, wie wir sehen, für ihn sehr demütigend. Innerhalb einer Stunde wurde ihm sein Königreich genommen, obgleich es ihm gegenwärtig zurückgegeben war. Im Gegensatz hierzu bekannte er, dass Gottes Königreich ewig währt. In ihrer vollen Bedeutung mag ihm diese Wahrheit kaum aufgegangen sein. Immerhin überdauerte sein Reich, abgebildet durch das Gold, zwei oder drei Generationen, bevor es einem anderen weichen musste, das durch das Silber vorgestellt wird. Das Reich Gottes, so musste er anerkennen, dauert von Geschlecht zu Geschlecht. Dies bekannte er, bevor er von seiner Erfahrung berichtete, die ihm zu solcher Einsicht verholfen hatte. Gott musste im Gericht mit ihm handeln.

Voraus erging eine Warnung von Seiten Gottes. Das ist immer seine Weise. Vor der Flut warnte Gott durch Noah. Pharao war gewarnt, bevor die Gerichte Ägypten trafen. Und wie war Jerusalem durch Jeremia gewarnt worden, bevor die Stadt dem Ansturm der Chaldäer erlag. Auch heute fehlt es nicht an Warnungen im Blick auf die Gerichte, die ausbrechen werden, wenn die Zeit der Kirche zum Abschluss kommt. Und bei Nebukadnezar, diesem mächtigen Herrscher, war es nicht anders. Gott warnte ihn, indem er dazu einen Traum benutzte. Sein erster Traum mochte ihm wohl viel selbstherrlichen Auftrieb vermittelt haben, denn er war das Haupt von Gold. Sein zweiter Traum warnte ihn vor einem totalen Sturz. Die Warnung erreichte ihn gerade auf dem Gipfel seines Wohlergehens. Seine vielen kriegerischen Feldzüge waren beendet, seine gewaltigen Eroberungen abgeschlossen. Im Palast seiner prachtvollen Hauptstadt genoss er diese Zeit der Blüte und pflegte der Ruhe. Wie wir alle wissen, sind Träume seltsame und unerklärliche Vorgänge. Wenn der Schlaf schwächer wird und der Geist wieder auflebt, huschen ungewöhnliche Dinge durch das erwachende Bewusstsein. Es überrascht deshalb nicht, dass es Gott gefällt, durch einen Traum den Menschen seine Gedanken und Absichten bekannt zu machen, besonders zu entscheidender und notvoller Zeit. Wie denkwürdig, wenn Gott in den ersten beiden Kapiteln des Matthäusevangeliums nicht weniger als fünfmal durch Träume spricht.

Dieser zweite Traum versetzte ihn von neuem in Unruhe und Furcht. Er entstammte – woran er nicht zweifelte – der unsichtbaren Welt und enthielt eine Botschaft an ihn; doch frühere Führungen Gottes hatten ihn bisher wenig geprägt, denn in seiner Verlegenheit dachte er zuerst wieder an die chaldäischen Weisen und Wahrsager, und erst als sie versagten, war wiederum Daniel seine letzte Zuflucht.

Jedoch fällt uns auf, dass der König Daniel unter seinem heidnischen Namen anspricht, den er selbst ihm gegeben hat. Zweimal finden wir in den Versen Daniel 4,8 und 9 „Beltsazar“, und er fügt noch hinzu „nach dem Namen meines Gottes“, denn Bel war einer der Hauptgötter Babylons. Und übereinstimmend mit dem heidnischen Namen, den er benutzte, anerkannte er lediglich, dass in Daniel „der Geist der heiligen Götter“ wäre. Der wahre Gott – der „Gott des Himmels“, der ihm seine gewaltige Herrschaft verliehen hatte – war ihm immer noch unbekannt.

Wir erfahren diese Dinge – daran sei erinnert – nach seinem eigenen Bekenntnis, bevor er sich anschickte, den Traum zu erzählen, der ihm Furcht einflößte und ihn vor einem Schlag durch Gottes Hand warnte.

Die Verse in Daniel 4,10-17 enthalten den Bericht Nebukadnezars über den Traum, der ihn ängstigte. Beim Lesen merken wir darin sogleich starke übernatürliche Anklänge. Nicht nur ist da die Rede von einem „Wächter und einem Heiligen“, die vom Himmel herabsteigen, sondern auch von einem Beschluss, den der „Höchste“ gutheißt, der „über das Königtum der Menschen herrscht“. Der König konnte sich nur noch an Daniel wenden, den er Belsazar nannte „nach dem Namen meines Gottes“. Jesaja 46,1 erwähnt die Götter Babels in ironischem Sinn: „Bel krümmt sich, Nebo sinkt zusammen.“ Obwohl der König sich Aufklärung von einem Mann erhoffte, in dem „der Geist der heiligen Götter ist“, überrascht es uns nicht, dass er vor dem „Höchsten“ erschrak.

Entsetzt und bestürzt sehen wir auch in Daniel 4,19 Daniel, dem die Bedeutung des Traumes sofort offenbart wurde, denn er erkannte die Warnung an den König vor einer Züchtigung durch Gottes Hand, also vor einem äußerst schweren Schlag.

Vergegenwärtigen wir uns kurz, was diesem Traum vorausgegangen war. Die Zeiten der Nationen begannen, als Nebukadnezar auf dem Höhepunkt menschlicher Machtentfaltung stand und eine unvergleichliche Selbstherrschaft ausübte. Durch einen früheren Traum war er gewarnt worden, dass, obgleich er das Haupt von Gold in jenem Mannesbild war, Verfall einsetzen und am Ende die ihm zeitweilig übertragene Herrschaft durch Gottes Gericht zermalmt werden würde.

Wie wenig ihn die Prophezeiung berührt hatte, sehen wir im nächsten Kapitel. Von allen Leidenschaften im Herzen des gefallenen Menschen ist ihm Selbsterhebung die liebste. So hatte der große König das gewaltige Bild errichtet, das alle anbeten sollten, und wehe dem, der es nicht tat! Und wieder griff Gott ein. Er gab seinen drei Knechten Mut, dass sie dem Grimm des Königs trotzten, auch wenn der Ofen siebenfach überhitzt wurde. Die Folge war Nebukadnezars Niederlage. Gott machte ihn zum Narren in Gegenwart einer riesigen Menge seiner Völker. Nützte ihm eine solche Erfahrung?

Das Kapitel, das wir betrachten, beweist, dass es nicht der Fall war. Er ist immer noch ein Mensch, der sich selbst verherrlicht. So muss Gott auf eine noch drastischere Weise mit ihm handeln. Das erste Eingreifen richtete sich an seine Intelligenz – sein Verständnis der künftigen Entwicklung. Das zweite war eine Enthüllung göttlicher Macht, die ihn öffentlich demütigte. Obwohl er für den Augenblick zutiefst beeindruckt gewesen war, war eine nachhaltige Änderung ausgeblieben. Deshalb traf ihn jetzt eine persönliche Züchtigung, die jedoch das Königreich von „Gold“ weiter bestehen ließ.

Bei diesem zweiten Traum geht es um einen großen Baum. Anderswo in der Schrift werden große Männer und Nationen mit stattlichen Bäumen verglichen – zum Beispiel in Hesekiel 31. Das Bild war darum nicht ungewöhnlich. Daniel sah sofort, dass der Baum den König selbst abbildete und dass ihm Gericht drohte. Aber Gott wird ihn persönlich nicht schlagen, bevor Er ihn gewarnt hat. Gottes freundliche Vorsorge zeigt sich immer auf diese Art. Er ließ die Flut über die Welt der Gottlosen nicht kommen ohne vorausgehende vielfache Warnungen noch erfolgte die Wegführung Israels in die Gefangenschaft ohne die lange vorher ausgesprochenen Hinweise der Propheten. Heute leben wir in einer Zeit, die dem Gericht sehr nahegekommen ist und längst liegen entsprechende Warnungen vor. Nehmen wir sie genügend wahr? Wenn das Evangelium der Gnade gepredigt wird, kommt dann auch die Warnung genügend deutlich zur Sprache? Wir befürchten, dass es bedauerlicherweise vielfach nicht geschieht, dass sie vielmehr als ein unbeliebtes Thema vermieden wird.

Die meisten Menschen mögen solcher Warnungen heute ebenso missachten, wie es Nebukadnezar tat. Daniel fehlte es nicht an Mut, ihn zu warnen, ihm sogar zu raten, sein Verhalten zu ändern (s. Dan 4,27). Aber der König beachtete die Warnung nicht und befolgte auch nicht seinen Rat. Und selbst dann wartete Gott noch zwölf Monate, bevor das Gericht ihn traf.

Umherwandelnd inmitten der Pracht seiner Hauptstadt, genoss er noch einen Augenblick höchsten Stolzes. Alles sprach von seiner „Macht“, seiner „Ehre“, seiner „Herrlichkeit“. Die Ruinen Babylons sind noch heute denkwürdig, und Gelehrte haben die großartigen Bauwerke dieser Stadt in Bildern rekonstruiert. Wenn wir sie betrachten, können wir nur sagen, dass, wenn die Wiedergaben zutreffen, keine unserer gegenwärtigen Städte mit ihr konkurrieren könnte. Vom Stolz geschwellt, fühlte sich der König maßlos erhaben. Und da traf ihn der Schlag.

Vom Gipfelpunkt seines Ruhmes stürzte er ab auf die Stufe eines Tieres, ja fast noch darunter. Und in diesem elenden, viehischen Zustand musste er verharren, bis „sieben Zeiten“ verflossen waren. Es handelte sich nicht um eine kurzfristige Prüfung, sondern um eine lang anhaltende, obgleich nicht deutlich wird, ob „Zeiten“ Jahre bedeuten. An anderen Stellen ist das offensichtlich der Fall.

Diese Geschichte enthält, wie wir glauben, einen prophetischen Hinweis, denn es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass am Ende des Berichts über die heidnischen Weltreiche in Offenbarung 13 ein Tier erscheint. Der letzte Mensch, der diesen höchsten Platz innehaben und durch die Erscheinung des Herrn Jesus vernichtet werden wird, wird als ein „Tier“ beschrieben. Er wird kein Wahnsinniger sein, wie es Nebukadnezar war; er wird, weil Satan ihn beherrscht, weit schlimmer auftreten. Er wird seine Augen niemals zum Himmel erheben, sondern sie beständig niederwärts auf die Erde richten. Und ferner wird er, wenn wir nicht fehlgehen, ihn mit dem „kommenden Fürsten“ in Daniel 9,26.27 gleichzusetzen, während jener „Woche“ (von sieben Jahren), die in den genannten Versen erwähnt wird, wirken, so dass diese Woche als ein Gegenstück zu den „sieben Zeiten“ erscheint.

Doch besteht auch ein Gegensatz, denn das Tier der letzten Tage geht in den „Feuersee, der mit Schwefel brennt“, wohingegen Nebukadnezar am Ende der sieben Zeiten seine Gesundheit und sein Königreich wiedererlangt. Und weiter scheint diese Zeit nicht ohne Wirkung auf die Seele des Königs geblieben zu sein. Nicht nur erhebt er mit Verstand und Einsicht seine Augen zum Himmel, er verherrlicht auch Gott und nennt Ihn den „Höchsten“. Zum ersten Mal begegnet uns dieser erhabene Name Gottes in 1. Mose 14, wo Melchisedek Priester des „Höchsten, der Himmel und Erde besitzt“, genannt wird. 

Einiges Verständnis dieser Tatsache scheint Nebukadnezar jetzt aufgegangen zu sein, wie wir es in den Versen Daniel 4,34 und 35 erkennen. Die Folge ist ein Bewusstsein seiner eigenen Nichtigkeit, denn er bekennt, dass „alle Bewohner der Erde wie nichts geachtet werden“, und wenn es sich um alle handelt, dann gehört er selbst auch dazu. Er anerkennt die Vormachtstellung Gottes, um im Himmel wie auf der Erde seinem Willen Geltung zu verschaffen. Angesichts der Größe und Macht Gottes anerkennt er schließlich seine Nichtigkeit und sein Unvermögen.

So hatte er am Ende seine Lektion gelernt. Er sprach die Anerkennung Gottes öffentlich aus, und deshalb wurde die ungewöhnlich schwere Züchtigung, durch die er hatte gehen müssen, aufgehoben, und er wurde, jetzt in geläutertem Geist, wieder in sein Königtum eingesetzt. Sein öffentliches Bekenntnis und sein Lobpreis des „Königs des Himmels“ werden im letzten Vers unseres Kapitels erzählt. Ihm schrieb er nun „Ehre“, „Wahrheit“ und ein „gerechtes Gericht“ zu, und zwar in all seinen Werken. Niemals hatte sich ein Mensch im Stolz mehr erhoben als dieser König, und niemals war ein Hochmütiger tiefer erniedrigt worden.

Gott vermag zu demütigen, und lasst uns seine Macht dazu nicht vergessen. Wir verweilen oft bei der Gnade Christi, wie der Hebräerbrief sie uns vorstellt, aber denken wir daran, dass Er nicht nur vermag Mitleid zu haben und „Gnade und rechtzeitige Hilfe“ zu gewähren, sondern dass Er ebenso zu beugen vermag. Er beugte Nebukadnezar auf äußerst wirksame Weise und offensichtlich zu seinem geistlichen Nutzen. Noch weit drastischer wird Er mit dem „Tier“ in Offenbarung 13 verfahren, wie wir am Ende von Kapitel 19 jenes Buches sehen werden. Der Stolz des Menschen, den seine wissenschaftlichen Fortschritte und daraus folgend seine wundervollen Errungenschaften hervorbringen, nimmt noch zu. Er wird sich bald zu maßloser Höhe steigern. Dann wird sich Nebukadnezars Bekenntnis in überwältigendem Maß als wahr erweisen – „der zu erniedrigen vermag, die in Hoffart wandeln“.

Kapitel 5

Die Periode der babylonischen Vormachtstellung war vergleichsweise kurz, und das „Haupt von Gold“ musste der „Brust und den Armen von Silber“ weichen. Zu Beginn von Kapitel 5 befinden wir uns in den letzten Stunden dieses ersten Weltreiches. Noch war die große Stadt gekennzeichnet von Wohlstand und üppiger Pracht.

Vor Jahren behaupteten gelehrte Kritiker, dass Buch Daniel sei zumeist legendär und mehrere Jahrhunderte nach den berichteten Ereignissen geschrieben. Belsazar hielten sie für eine Phantasiegestalt, weil sie ihn in bereits vorhandenen geschichtlichen Berichten nicht auffinden konnten. Später tauchte sein Name jedoch auf einer ausgegrabenen Tontafel auf, und damit wurde diese Behauptung, wie auch sehr viele andere Behauptungen des Unglaubens hinfällig, als die Archäologen diese alten Ruinen erforschten. Es scheint, dass er, alter Gewohnheit entsprechend, in dem Königtum mit seinem Vater verbunden war, und indem sein Vater sich zu der Zeit woanders aufhielt, war er praktisch König in Babylon, und das gerade, als die Stadt der aufsteigenden Macht Medo-Persiens unterlag.

Was auch immer die bleibende Wirkung des Handelns Gottes mit Nebukadnezar gewesen sein mag, seine Nachfolger entfalteten wieder alle arrogante Selbstherrlichkeit der früheren Jahre. Der Name Belsazars begann mit dem Namen des Gottes Babylons; das glanzvolle Fest mit wohl tausend seiner Gewaltigen, zusammen mit Frauen und Nebenfrauen, war typisch heidnisch. Vom Wein angeregt, hatte er die goldenen Gefäße, die Jahre zuvor aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen worden waren, herzubringen lassen, und, genussvoll daraus trinkend, konnten sie den HERRN öffentlich verhöhnen und ihre vielen falschen Götter von Erz, Holz und Stein preisen. Mit Bedacht warf er Gott den Fehdehandschuh hin und Gott antwortete unmittelbar auf diese Herausforderung.

In dieser Weise handelt Gott immer, wie wir glauben. Er richtet nicht, bis das Böse völlig offenbar ist. Wir sehen es so bei den Amoritern nach 1. Mose 15,16. Bei den Königen und dem Volk Jerusalems war es nicht anders, wie 2. Chronika 36,11-20 bezeugt. Und so wird es geschehen in der traurigen Geschichte der Christenheit, wie Offenbarung 17 und 18 sie voraussagen.

So geschah es in der großen Festhalle zu Babel, und die Folge war eine der dramatischsten Szenen, die je schriftlich niedergelegt worden sind. Keine Legion von Engeln erschien, es gab keine sichtbare Entfaltung göttlicher Macht, bloß die Finger einer menschlichen Hand waren zu sehen und schrieben vier Wörter auf den „Kalk der Wand“, genau „dem Leuchter gegenüber“, wo man sie am besten sehen konnte. Der stolze König erschauerte zu einem gewöhnlichen Sterblichen, und seine Gewaltigen wurden bestürzt.

Wenn wir diese Szene bedenken, wenden sich unsere Gedanken in zwei Richtungen. Sie gehen zum zweiten Buch Mose zurück, wo wir vom Gesetz lesen, das der „Finger Gottes“ auf die Steintafeln schrieb. Sie waren geeignetes Material, denn ein Stein lässt sich nicht entstellen oder verbiegen, obgleich er zerbrochen werden kann. Der Finger Gottes ist hier verbunden mit Forderungen an den schuldigen Menschen. Und dann gehen unsere Gedanken auch wohl zu Johannes 8, wo eingebildete Schriftgelehrte und Pharisäer eine schuldige Frau zu dem Herrn Jesus bringen, damit er sie schuldig spräche. Aber er verurteilte sie nicht. Und warum? Er gab die Begründung deutlich zu erkennen, indem er sich niederbückte und mit dem Finger auf die Erde schrieb. Und das tat er zweimal, um der Geste Nachdruck zu verleihen. Er beugte sich nieder, um in den Staub des Tempels zu schreiben, denn er hatte sich von den Höhen seiner Herrlichkeit erniedrigt „in den Staub des Todes“ (Ps 22,15), so dass die Gerechtigkeit Gottes aufrechterhalten und seine Liebe vollkommen entfaltet werden könnte. So haben wir hier nicht den Finger göttlicher Forderung, sondern vielmehr, wie wir sagen könnten, den Finger des Staubes.

In Daniel nun begegnet uns wieder der „Finger Gottes“, und wir erkennen ihn als den Finger des Gerichts, das auf Kalk geschrieben wird, der leicht zu Staub zerfällt. Gott offenbarte seine Gegenwart, indem Er die Spitze seines Fingers sehen ließ, der Belsazar zu Tode erschreckte. Wenn die Stunde des letzten Gerichts anbricht und die „Toten, die Kleinen und die Großen, vor Gott stehen“ (Off 20,12), was mögen sie empfinden? Wir werden an das Wort erinnert: „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31)

Wieder einmal ließ der König die weisen Männer von Babel herbeirufen, doch vermochten sie nichts zu erklären und stellten ihre Unwissenheit unter Beweis. Dabei wird uns berichtet, dass an diesen vier Wörtern nichts Ungewöhnliches war. Sie entstammten nicht einer unbekannten, primitiven Sprache. Da sie aber bei dieser Gelegenheit Gottes Worte waren, lagen sie außerhalb des Verständnisses dieser Diener der Welt und ihrer falschen Götter. Was der 1. Apostel Paulus in 2. Korinther 2,14 feststellt, findet hier eine eindrucksvolle Illustration. Als „natürliche“ Menschen verstanden sie nicht, was Gott geschrieben hatte.

Die ganze Szene war nun völlig verändert. Belsazar, vorher übermütig lästernd, kam jetzt einer Ohnmacht nahe. Die ganze festliche Gesellschaft sah sich aus fröhlicher Heiterkeit in eine düstere Stimmung versetzt. In diese chaotische Szene trat die Königin, wie Daniel 5,10 berichtet, und im nächsten Vers bezieht sie sich auf Nebukadnezar als den „Vater“ Belsazars. Nicht selten wird in der Schrift „Vater“ für „Vorvater“ gebraucht, und ganz klar ist es hier so. Offensichtlich war sie die Königinmutter und sehr wahrscheinlich eine Tochter Nebukadnezars, und insofern besaß sie eine deutlichere Erinnerung an Gottes Fügungen hinsichtlich ihres Vaters und ebenso an Daniel und sein von Gott verliehenes Verständnis.

Weiter sieht man sehr deutlich, dass, nachdem Jahre vergangen waren, Daniel der öffentlichen Beachtung völlig entrückt war. In Hofkreisen war sein Name so unbekannt, dass die Königin ausführlich von ihm und seinen Fähigkeiten berichten musste, obgleich sie Letztere noch als „Weisheit der Götter“ bezeichnete. Daniel wird aus seiner Verborgenheit geholt und vor den König gebracht. Hohe Ehren werden ihm in Aussicht gestellt, wenn er die Worte deuten könne. Der Grund dafür, dass ihm der dritte Platz im Königreich verheißen wurde, liegt augenscheinlich darin, dass Belsazar nur der Zweite war. Der Erste war sein Vater, der zu der Zeit sich an einem anderen Ort aufhielt.

Die Antwort Daniels in Vers 17 ist sehr eindrucksvoll (Dan 5,17). Früher hatte Daniel, wie am Ende von Kapitel 2 berichtet wird, die ihm zugeteilten Ehren angenommen, jetzt weist er sie verächtlich zurück. Die Bedeutung der vier verhängnisvollen Worte hatte er offensichtlich schon tief in sein Herz aufgenommen, und er wusste, dass Gott Belsazar verworfen hatte und dass sein Königtum vor dem Zusammenbruch stand; schon deshalb waren die angebotenen Auszeichnungen wertlos.

Bevor die Deutung der Schrift an der Wand gegeben wird, erhebt Gott durch Daniel eine unanfechtbare Anklage gegen das Babylonische Reich, das in Belsazar, seinem lebenden Haupt, zusammengefasst gesehen wird. Dem König wurde Gottes Handeln mit Nebukadnezar vorgestellt, und wie musste ihn das demütigen. Belsazar hatte Kenntnis von diesen Dingen und sie dennoch ignoriert. Sich selbst hatte er noch unverhohlener gegenüber dem „Gott des Himmels“ erhoben dadurch, dass er die goldenen Gefäße herbeischaffen ließ aus dem Tempel zu Jerusalem, der einstmals dessen Gegenwart offenbart und die Stätte seiner Verehrung gewesen war. Der König aber und seine Großen hatten aus den Gefäßen getrunken und die dämonischen Mächte gepriesen, die von den Götzen dargestellt wurden. Das trieb die Bosheit auf den Höhepunkt, und der erste der „Umstürze“, die Hesekiel 21,27 voraussagt, stand bevor.

Die Schrift auf der Wand bedeutete eine Warnung, obgleich nur noch einige Stunden verstrichen, bevor der Gerichtsschlag niederging. Das Wort „gezählt“ wurde zweimal geschrieben und dadurch besonderer Nachdruck darauf gelegt. Der Gott, der die Sterne zählen kann und ebenso die Haare auf dem Haupt eines Menschen, hatte die hoffärtigen Sünden des Babylonischen Reiches beobachtet und gezählt. Das Wort „gewogen“ zeigt an, dass Belsazar selbst getestet und verdammt worden war. Durch „geteilt“ wurde der unmittelbare Sturz des Reiches angekündigt.

Die Warnung brachte noch keine Veränderung in Belsazar hervor, denn er übertrug Daniel ehrenvolle Auszeichnungen, als ob sein Königreich fortbestehen würde und obwohl Daniel solche abgelehnt hatte. Er trug sie auch nur für ein paar kurze Stunden, denn in jener Nacht traf das vorhergesagte Gericht ein. Darius, der Meder, nahm die Stadt und das Königreich ein, und Belsazar wurde getötet.

Das war das Ende des ersten der gewaltigen Reiche, die die Zeiten der Nationen ausfüllen. Es erscheint uns beispielhaft dafür, wie Gott die anderen gleicherweise in den Untergang führt. Allerdings kommt das vierte, das Römische Reich, zu einem Wiederaufleben, indem seine Bestandteile wieder zusammengefügt werden, damit es entscheidend und endgültig durch die persönliche Ankunft des Herrn Jesus zerstört wird. Schließlich geschah es unter römischer Herrschaft, dass der Herr verspottet und gekreuzigt wurde. Und damit sind dann die gewaltigen Reiche des Menschen insgesamt zu nichts gemacht, gleich der „Spreu der Sommertennen, die der Wind hinwegführt“. Als der Schreiber jung war, sah es aus, als ob das britische Weltreich stabil und zukunftsträchtig sei, denn ein Jahrhundert zuvor war Viktoria, die verstorbene Königin glücklichen Andenkens, zur „Kaiserin von Indien“ ausgerufen worden. Knappe 100 Jahre später erwies sich der Ausdruck „Weltreich“ als eine falsche Bezeichnung und sie wurde aufgegeben.

Kapitel 6

Das Medo-Persische Reich wurde jetzt beherrschende Weltmacht, und Darius wurde König in Babylon. Die Historiker haben anscheinend Schwierigkeiten, diesen Mann zu identifizieren. Möglicherweise war er nur ein Lehnskönig unter der Obergewalt des Königs Cyrus von Persien. Aber dies ist eine Frage, bei der wir uns nicht aufzuhalten brauchen. Im babylonischen Teil des neuen Reiches ordnete er die Dinge, wie er es für gut hielt, und wir finden wieder, dass Daniel auf einen hohen, machtvollen Platz erhoben ist. Die Hand Gottes führte es so, wobei auf menschlicher Seite zwei Umstände für ihn günstig gewesen sein mögen. Erstens war er kein Einheimischer, zweitens hatte Darius ziemlich sicher von der dramatischen Szene gehört, die sich kurz vor Eroberung der so uneinnehmbar scheinenden Stadt im Palast ereignet hatte, und damit auch von den übersinnlichen Einsichten Daniels.

Die in Kapitel 6 geschilderte Begebenheit spiegelt sehr wahr Leben und Natur des Menschen. Die hohe Stellung Daniels erfüllte die Herzen von Menschen, die ihm unterstellt waren, mit Neid und Hass. Wenn möglich, würden sie ihn zu Fall bringen. Diese ihre Absicht bringt ein bemerkenswertes Zeugnis über seinen Charakter ans Licht – „er war treu, und keine schlechte Handlung und kein Vergehen wurde an ihm gefunden“. Sie schlossen daraus, dass es keinen Zweck hätte, ihn anzugreifen, es sei denn in einer Sache, die Gottes Gesetz betraf.

Lasst uns hier eine Pause einlegen und unsere eigenen Wege überdenken. Was für Angriffspunkte bietet ein jeder von uns denen, die uns in feindseligem Geist kritisch beobachten? Sehr häufig, so befürchten wir, bieten wir mehr als nur einen solchen Punkt. Das begründet die beständigen Ermahnungen zu einem Leben in Gottseligkeit, die wir in den Briefen des Apostels Paulus finden. Beispielsweise bat er die Philipper eindringlich, „auf dass ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchen ihr scheinet wie Lichter in der Welt, darstellend das Wort des Lebens“ (Phil 2,15.16). Wenn wir heute, ebenso wie die Philipper vor neunzehn Jahrhunderten, so beschrieben werden können, werden verdrehte und verkehrte Menschen, die anzuklagen wünschen, ihre Anklage mehr gegen das Wort des Lebens richten müssen, oder gegen die Art, wie wir es darstellen, als gegen unser persönliches Verhalten. Möge doch jeder von uns in dieser Sache ernstlich geübt sein.

Die Vorsteher und Satrapen waren scharfsinnige Männer. Sie wussten um die Macht der Schmeichelei und wie Menschen es lieben, sich selbst zu erhöhen. Deshalb schlugen sie Darius vor, eine Verordnung zu erlassen, die ihn selbst erhöhte, d.h. ihn faktisch einen Monat lang zum Gott erhob. In diese Falle tappte Darius hinein, und in Verbindung damit erfahren wir, dass in diesem Königreich von „Silber“ die Macht des Monarchen nicht so absolut war wie in dem Königreich von „Gold“. Nebukadnezar tat, was ihm beliebte, und daran konnte ihn niemand hindern. Die medo-persischen Könige hatten den Rat ihrer Statthalter und Landpfleger zu achten, und ein Gesetz, das einmal veröffentlicht war, konnte nicht geändert werden. Das Gesetz wurde unterzeichnet, durch das jeder, der den Gott des Himmels fürchtete, unter Androhung einer schrecklichen Todesstrafe für dreißig Tage von Ihm abgeschnitten sein sollte. Im Prinzip beging er dieselbe große Sünde, die Nebukadnezar in Kapitel 3 versuchte. Er forderte durch das goldene Bild seine eigene Anbetung. Des Darius Methode war lange nicht so spektakulär, aber gleicherweise gegen Gott gerichtet. In den alltäglichen Gegebenheiten sollte während dreißig Tagen Darius an Gottes Stelle treten!

In Kapitel 3 war Daniel abwesend, und seinen Genossen wurde Mut verliehen, in ihrer Treuepflicht gegenüber dem allein wahren Gott festzustehen und einen Kniefall vor dem Bild zu verweigern. In diesem Kapitel sind die drei Genossen abwesend, und es geht um Daniel allein. Derselbe Geist wird sichtbar in ihm. Sie vermochten nicht, sich auch nur für einen Augenblick zur Anbetung vor einem Gott niederzubeugen, den der Mensch sich ausgedacht hatte. Auch nicht für einen Tag würde er aufhören, zu dem wahren Gott, wie er Ihn kannte, zu beten. Sie handelten hier im negativen Sinn, indem sie dem Befehl des Königs Darius trotzten, satanische Mächte anzubeten. Und im positiven Sinn handelte er, indem er den Kontakt mit dem Gott des Himmels aufrechterhielt, obwohl dies einschloss, sich dem Gebot des Darius zu widersetzen. In beiden Fällen trat Gott ins Mittel und stützte und befreite seine Knechte in einer Weise, die die Torheit der Könige bloßstellte.

Diese seine Torheit musste Darius in der Tat sehr schnell entdecken. Daniel erhob keinen aufsehenerregenden Protest; er fuhr lediglich fort, nach seiner Gewohnheit zu tun. Dreimal des Tages kniete er nieder vor Gott, um zu lobpreisen und zu beten, und er tat es nicht heimlich, denn seine Fenster waren geöffnet, und alle konnten es sehen.

Aber warum waren seine Fenster „nach Jerusalem hin“ geöffnet? Lies 1. Könige 8,46-50 und der Grund dafür ist klar. Er glaubte, dass Gott jene Bitte im Gebet Salomos beantworten würde, und so erfüllte er die Bedingung, das Gebet zu verrichten „nach dem Land hin, … der Stadt, die du erwählt hast“. Dieser Wortlaut war in den Schriften enthalten. Und danach tat er im Gehorsam, und er beharrte darin trotz der Verordnung des Königs.

Wir mögen uns selbst ernstlich fragen, ob wir mit der Schrift auch so vertraut sind wie Daniel und uns ebenso wie er im Gehorsam nach ihr richten.

Sein Mut ist fast sprichwörtlich geworden. „Wage es, ein Daniel zu sein!“ ist ein wohlbekannter Ausspruch. Wahrlich, ein guter Rat. Doch woher nahm er den Mut zu diesem Wagnis? Die gewisse Antwort ist: Er vertraute auf Gott und sein Wort! Wir können ebenso zuversichtlich behaupten, dass – bis zu unseren Tagen – alle Heiligen, die den Mut gewannen, für die Wahrheit einzutreten und um ihretwillen zu leiden, auf die gleiche Weise gestärkt worden sind. In den toleranten, unbekümmerten Ländern, wo Englisch gesprochen wird, gehört es zur Mode, Kompromisse zu schließen. Aber so war es nicht bei Daniel, und so sollte es bei uns auch nicht sein.

In Daniel war ein „außergewöhnlicher Geist“, dennoch sahen die ihm unterstellten Verwaltungsbeamten keine Schwierigkeit, ihn beim König, der in törichter und lästerlicher Weise die nicht abzuändernde Verordnung unterzeichnet hatte, anzuklagen. Als er seine Torheit bemerkte, unternahm der König verzweifelte Versuche, Daniel bis zum Einbruch der Nacht noch zu retten und übrigens auch sich aus dieser selbstverschuldeten Verstrickung zu befreien. Aber es war alles umsonst.

Und so, wie wir in Kapitel 3 sahen, dass die drei treuen Hebräer ihr Schicksal auf sich nahmen, so tut es nun Daniel gleicherweise. Und mit dem gleichen Ausgang. Gott griff ein, veränderte die Ordnung der Natur und befreite seinen Knecht. Ein erstaunliches Wunder geschieht, ähnlich dem, das Kapitel 3 berichtet. Gott hat der Schöpfung eine gewisse Ordnung verliehen, ob in der Auswirkung des Feuers oder im Verhalten der lebendigen Tiere. Feuer wird in immer gleicher Weise Kleider verbrennen und auch selbst die menschlichen Körper, die sie tragen. Hungrige, wilde Tiere, wie beispielsweise die Löwen, werden sich ausnahmslos auf ihre Beute stürzen und sie verzehren. Doch Gott, der diese Ordnung eingerichtet hat, kann sie umkehren, wenn es Ihm gefällt, das zu tun. Hier gefiel es Ihm in beiden Fällen. Und seine Macht über die Löwen ist ebenso bemerkenswert wie die Unterdrückung der Wirkung des Feuers.

Einige möchten vielleicht fragen, warum Gott nicht weit häufiger in dieser Weise zugunsten seiner Knechte gehandelt hat. Darauf lässt sich antworten, dass Gott dann in dieser wunderbaren Weise verfährt, wenn Er einen Wandel in seinem Handeln mit den Menschen einleitet, obgleich Er in seiner Vorsehung oft zum Nutzen seiner Heiligen wirkt. So war es zum Beispiel bei Beginn der christlichen Haushaltung. Durch ein Wunder wurde Petrus aus dem Gefängnis und vor dem sicheren Tod gerettet, wie Apostelgeschichte 12 berichtet. Seitdem ist mancher Gläubige um des Evangeliums willen im Gefängnis umgekommen; andere wieder sind durch Gottes Fügung befreit worden.

Indem wir diese Frage bedenken, tritt ein Grund jedenfalls deutlich hervor. In den beiden uns vorliegenden Fällen hatten durch den vollständigen Zusammenbruch Israels und die Zerstörung Jerusalems die Zeiten der Nationen gerade begonnen. Die natürliche Schlussfolgerung, die hieraus gezogen werden konnte, war, dass die Götter der Welt Babels mächtiger wären als der HERR, dessen Tempel zu Jerusalem war. Doch das waren sie nicht, und dafür gab Gott den Beweis, indem Er durch Wunder seine Knechte aus den Klauen der Mächte der Finsternis befreite. Er wird auch am Ende dieses Zeitalters seine Macht erweisen, indem Er seine Feinde und die seiner Heiligen verdammt.

Dasselbe gilt für die gegenwärtige Zeit des Evangeliums. Apostelgeschichte 12 beginnt mit der Befreiung des Petrus und endet mit dem Gericht über Herodes. In beiden Fällen „schlug“ ein Engel „zu“. Er schlug Petrus an seine Seite, um ihn zu retten, und schlug dann Herodes, dass dieser auf elende, ekelerregende Art sterben musste. Gott hat solche Handlungen nicht wiederholt, gerade weil wir in dieser Zeit des Evangeliums leben, die durch Gnade gekennzeichnet ist. Wenn dieses Zeitalter der Gnade endet, werden wir erleben, dass die Heiligen Gottes völlig errettet und ihre Unterdrücker sämtlich gerichtet werden.

In Daniel 6 sehen wir nicht nur Daniel befreit, sondern auch die bösen Männer, die sich gegen ihn verschworen hatten, gerichtet. Sie und ihre Familien erlitten genau das Geschick, das sie für Daniel geplant hatten, und das auf Befehl des Königs, den sie getäuscht hatten, um ein verhängnisvolles Gesetz zu erlassen.

Der Schluss des Kapitels zeigt die heilsame Wirkung der ganzen Begebenheit auf den Geist des Darius. Sein Bekenntnis und seine Verordnung, die zu allen Völkerschaften und Sprachen ausging, war dem Erlass ähnlich, den früher Nebukadnezar verfügt hatte. So erfolgte auch in diesem zweiten von den vier Weltreichen diese Ehrung, durch die Gott nicht nur als der „Gott Daniels“ bekannt wurde, sondern auch als der „lebendige Gott“, der „in Ewigkeit besteht“, und sie ging zu allen Menschen aus. Noch war die Zeit nicht gekommen, um Gottes Liebe zu offenbaren, aber seine Macht wurde in eindrucksvoller Weise bekundet, und jedermann im Herrschaftsgebiet des Darius wurde verpflichtet, sich vor Ihm zu „fürchten“ und zu „zittern“.

Lasst uns auf den „Erlass“ in Daniel 6,8 achten und dann, im Sinn des Gegensatzes, auf den in Vers 26. Beide wurden in einem Reich veröffentlicht, das keine Änderung oder Aufhebung zuließ, und doch standen sie im Widerspruch zueinander. Der erste wurde hinsichtlich seiner Bestrafung entkräftet; der zweite scheiterte bald in seiner Ausführung. Die anschließende Geschichte dieses Reiches zeigt, dass die Menschen nicht zitterten und sich nicht fürchteten vor einem lebendigen Gott, wie ihnen zu tun befohlen war. Kein Reich kann in den Sachen mit Gott Gesetze aufstellen; und so wurde dieses „Gesetz der Meder und Perser“ bald gründlich und allgemein gebrochen! Wir sehen das beispielsweise im Buch Esther.

Kapitel 7

In Kapitel 5 hatten wir den Bericht über das letzte Jahr, ja tatsächlich die letzten Stunden, des Königtums Belsazars. Zu Beginn von Kapitel 7 werden wir zum ersten Jahr seiner Regierung zurückgeführt. Um diese Zeit war Daniel ganz in Vergessenheit geraten, wie es Kapitel 5 bezeugt. Er stand nicht mehr im Zeichen weltlichen Ruhmes, doch durch einen Traum stand er mit dem Himmel noch in Verbindung. Vorher gründete sich sein Ruhm im Wesentlichen auf die ihm durch Gott vermittelten Deutungen von Träumen, wobei ihm in Kapitel 2 die Auslegung in „einem Nachtgesicht“ offenbart worden war. Jetzt, in der Zurückgezogenheit von weltlichen Geschäften, wird ihm mittelst eines Traumes eine prophetische Offenbarung gegeben, und „er schrieb den Traum auf“, und das zu unserem Nutzen, da sein Buch in den Kanon der inspirierten Schriften aufgenommen worden ist.

Der Vers Daniel 7,2 ist sehr aufschlussreich. Was er sah, wurde durch ein Wehen der „vier Winde des Himmels … auf das große Meer“ wahrnehmbar. Das Meer nun stellt ein Bild dar, das auf Menschenmassen hinweist, wie wir es bei den „vielen Wassern“ in Offenbarung 17,1.15 finden: Sie bedeuten „ Völker und Völkerscharen und Nationen“. So ist der „Wind“ oft ein Bild der Macht Satans, denn er ist der „Fürst der Gewalt der Luft“ (Eph 2,2). Was Daniel in Bildern sah, waren die Mächte der Finsternis, die auf die Massen der Menschheit einwirken. Sie bringen, wie wir sehen werden, die vier Weltreiche hervor, die die Zeiten der Nationen ausfüllen. Israel ist die einzige Nation, die von Gott zu einer Vorrangstellung erhoben worden ist, aber während es beiseitegesetzt ist, treten vier Weltreiche in Erscheinung, die auf dem Wirken satanischer Mächte beruhen, also nicht unmittelbar durch die Macht Gottes aufgerichtet werden.

Sie werden als „Tiere“ dargestellt. Beachtenswert ist, dass wir dieses Bild im Buch der Offenbarung an der Stelle wiederfinden, wo die Wiederbelebung des Römischen Reiches in den letzten Tagen beschrieben wird als „ein Tier, das aus dem Meer aufsteigt“ (Off 13,1); dass die vier Weltreiche als Tiere abgebildet werden, ist für sie kein Kompliment. Gott gibt jedoch keine Komplimente, sondern stellt sie bildlich genau so vor, wie sie sind, entsprechend ihrer inneren Natur. Die weltliche Geschichtsschreibung, soweit sie bis heute vorliegt, bestätigt die Genauigkeit der benutzten Bilder.

Die vier Tiere erscheinen nacheinander und werden in den Versen Daniel 7,4-7 beschrieben:

  • Das erste Tier steht für das Babylonische Reich; es hat die Stärke eines Löwen und die Schnelligkeit eines Adlers. Der letztere Teil von Daniel 7,4 scheint sich auf die Züchtigung zu beziehen, die Gott dem Nebukadnezar schickte. Sie war schon nahezu ausgestanden, als Daniel den Traum hatte.

  • Das zweite Tier steht für das Medo-Persische Reich, das das Babylonische Reich stürzte, bald nachdem Daniel den Traum gehabt hatte. Es ist als Bär dargestellt, was bemerkenswert ist. Das Babylonische Reich war gleich einem Löwen und einem Adler, wie wir es auch in Jeremia 4,7 und 49,19-22 sehen. Der Bär nun hat seiner Natur nach nicht die Stärke des Löwen, statt dessen zeichnet ihn Raubgier aus, wie unser Vers ausführt. Die Geschichte berichtet, dass die eine Seite, nämlich die medische, sich zuerst behauptete, denn Darius war ein Meder; aber bald gewann der Perser Cyrus die Oberhand. Er erzeigte den Juden seine Gunst, wie die Anfangsverse von Esra zeigen, im Übrigen aber bewies er wenig Duldsamkeit, und die Worte „Stehe auf, friss viel Fleisch!“ haben sich in seiner Geschichte erfüllt.

  • Daniel 7,6 stellt das dritte Weltreich vor, das wir als das Griechische Reich kennen und das von Alexander dem Großen gegründet wurde. Der Leopard ist ein grausames Tier und große Geschmeidigkeit zeichnet ihn aus. Seine Flinkheit wird noch dadurch unterstrichen, dass dieses Tier im Traumgesicht „vier Flügel eines Vogels auf seinem Rücken“ hat. Sie bringen in passender Weise die Schnelligkeit der Eroberungen Alexanders und seine Überwältigung des Persischen Reiches zum Ausdruck. Das Tier hatte auch „vier Köpfe“, worin wir eine Anspielung auf das Folgeereignis seines frühen Todes sehen – die Aufteilung des Reiches in vier eigenständige Staaten, an deren Spitze vier seiner führenden Generäle traten.

  • Aber ein viertes Weltreich sollte entstehen, wie Daniel 7,7 aussagt, nämlich das Römische Reich, das so außergewöhnlich sein würde, dass keines der wohlbekannten Tiere wie Löwe, Bär und Leopard es darzustellen vermochte. Es würde „von allen Tieren“, die vor ihm waren, „verschieden“ sein – „schrecklich und furchtbar und sehr stark“. Seine Zähne würden von „Eisen“ sein, und es würde nicht nur unterjochen, sondern auch verzehren und alles Unterworfene in Stücke zerreißen. Wie genau ist damit das Römische Reich beschrieben, wovon die Geschichte Zeugnis ablegt!

Vor uns stehen somit die vier Weltreiche, die schon der Traum Nebukadnezars anzeigte, der in Kapitel 2 berichtet wird. Doch jetzt werden sie unter einem anderen Aspekt vorgestellt. Dort wurde die Verschlechterung in der Qualität ihrer Regierungen angezeigt, anfangend von Gold bis hin zu einer unzuverlässigen Verbindung von Eisen und Ton. Hier werden sie ihrem inneren Wesen nach in Charakter und Geist enthüllt. Und alle vier sind Tiere, ausgestattet mit großer Kraft, die sich in zerstörerischer Macht äußert. Ein entsetzlicher Anblick, die mächtigen Reiche der Menschen so zu sehen, wie Gott sie sieht. Und sie umfassen die Zeiten der Nationen. Lasst uns darüber tief nachsinnen und lernen, die Weltdinge in dem Licht zu betrachten, das uns hier bekannt gemacht wird.

Das vierte Tier hat zehn Hörner, die den zehn Zehen in dem Mannesbild von Kapitel 2 entsprechen. Die Verse 8 und 9 unseres Kapitels zeigen, dass diese „Hörner“ mächtige Männer und Könige abbilden, die in den letzten Tagen des vierten Tieres aufstehen werden (Dan 7,8.9). Von diesen werden drei vor „einem anderen kleinen Horn“ ausgerissen werden, das sich durch scharfsinnige Intelligenz und gewaltige Wirksamkeit einer ruhmredigen Sprache auszeichnen wird. Hier begegnen wir zum ersten Mal dem bösen Mann, in dem Satans Macht sich personifizieren wird, wie wir im weiteren Verlauf unseres Kapitels noch sehen werden.

Während Daniel noch von diesem außergewöhnlichen Anblick gebannt ist, wurden „Throne aufgestellt“ und „ein Alter an Tagen setzte sich“, das heißt, er sah die Stunde des Gerichts Gottes gekommen. Wie majestätisch ist die Sprache dieser Verse! Man kann sie nicht lesen, ohne an die Art und Weise erinnert zu werden, in der Herr Jesus dem Johannes erschien, wie er in Offenbarung 1 berichtet. Wir vergegenwärtigen uns auch, dass „der Vater niemand richtet, sondern das ganze Gericht dem Sohn gegeben hat“ (Joh 5,22). Den Pharisäern und anderen erklärte Johannes der Täufer: „Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen … und die Spreu wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen“ (Mt 3,11.12); und „Feuer“, beachte es, kennzeichnet die Szene, die wir vor uns haben.

Der „Alte an Tagen“ stellt uns Gott dar in seinem ewigen Sein, denn wir müssen daran denken, dass die Personen der Gottheit noch nicht deutlich unterschieden wurden, wie es nach dem Kommen Christi möglich war. In der Gegenwart Gottes des Allmächtigen wird das Römische Weltreich in seiner letzten und schlimmsten Phase durch Gericht zerstört werden, und zwar unter der Herrschaft des „kleinen Horns“, das wir mit dem ersten Tier in Offenbarung 13 gleichsetzen. Den drei früheren Reichen wird bis zu jener Zeit eine gewisse Existenz gewährt werden, obgleich ihnen ihre Herrschaft genommen sein wird, wie Vers 12 sagt.

Dieser Traum gliedert sich klar in drei Teile. Erstens das Gesicht über die vier Tiere. Zweitens das Gesicht über die zum Gericht aufgestellten Throne und das vierte Tier mit dem kleinen Horn, das in der Gegenwart des allmächtigen Gottes zerstört wird. Drittens das Gesicht von der Ankunft und Herrlichkeit und ewigen Herrschaft des „Sohnes des Menschen“. Die Anspielung auf den Herrn Jesus hier ist nicht so deutlich wie in Psalm 8,4, wo „Mensch“ im ersten Fall nach dem hebräischen Wort „sterblicher Mensch“ bedeutet, während im zweiten Fall das Wort „Adam“ (= Mensch) gebraucht wird. Er war kein „sterblicher Mensch“, sondern in der Tat „Sohn Adams“, wie das Lukasevangelium zeigt. In Daniel 7,13 ist er jedoch wirklich „eines Menschen Sohn“ nach dem Wort, das im Chaldäischen für einen sterblichen Menschen gebraucht wird. Daniel sah im Gesicht den Einen „wie eines Menschen Sohn“, und das war Er, „indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist“ (Phil 2,7). Im Licht des Neuen Testaments haben wir das Vorrecht, zu wissen, wer Er wirklich ist.

Von Vers 15 ab bis zum Schluss des Kapitels haben wir die Erklärung, die Daniel über sein Gesicht gegeben wird. Vieles davon ist schon erwähnt worden, doch enthält sie auch noch Einzelheiten, die in dem Traum nicht dargestellt waren. So finden wir beispielsweise in den Versen 18 und 25 die „Heiligen der höchsten Örter“. Wenn das vierte Tier vernichtet wird, zusammen mit dem „Horn“ (Dan 7,18.25), in dem wir sein Oberhaupt sehen, werden diese Heiligen das Reich empfangen und auf ewig besitzen. Doch werden einige von ihnen umkommen. Vers 21 sagt, dass dieses „Horn Krieg wider die Heiligen führte und sie besiegte“ (Dan 7,21).

Wir haben hier eine flüchtige Andeutung von Dingen, die in Offenbarung 13,7; 14,9-13 deutlicher mitgeteilt werden. Wir bitten unsere Leser, diese Verse zu lesen, dabei Vers 13 besonders zu beachten und sich dann Vers 4 in Kapitel 20 vorzunehmen. Danach scheint es klar zu sein, dass das „Horn“, dem das erste Tier in Offenbarung 13 entspricht, manche der Gottesfürchtigen, die ihm und seinem „Zeichen“ widerstehen, verfolgen und töten wird. Daraus aber wird ein besonderer Segen für sie hervorgehen; sie werden ruhen von ihren Mühen und auferweckt werden, bevor die Regierung Christi beginnt, um ein himmlisches Teil zu gewinnen; auch wird ihnen Herrschaft gegeben, gemeinsam mit allen anderen, die den „höchsten Örtern“ angehören, d.h., sie werden dieses himmlische Teil genießen im Unterschied zu einem Platz inmitten der Segnungen des Tausendjährigen Reiches auf der Erde.

Es werden nicht alle von den Heiligen, die Vers 21 unseres Kapitels erwähnt, getötet werden, obgleich Krieg gegen sie geführt wird. Die Übrigen werden natürlich in die irdischen Segnungen des Reiches eingehen. So haben wir in unserem Kapitel die „Heiligen“, die entrinnen und auf der Erde gesegnet sein werden: die „Heiligen der höchsten Örter“, deren Teil im Himmel ist. Und weiter in Vers 27 das „Volk der Heiligen der höchsten Örter“, dem die „Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel“ gegeben werden soll. Jenes Volk wird das wahre Israel sein, gereinigt und wiedergeboren, wie Hesekiel 36 vorhersagt; es wird dem Geiste nach leben, entsprechend Hesekiel 37.

Dieses Gesicht wurde Daniel gewährt, kurz bevor das erste der vier Reiche unterging, und da er weiteres Licht nicht empfing, wie wir es im Neuen Testament finden, können wir verstehen, dass die erschauten Bilder seinen Geist tief beunruhigten. Was ihn ängstigte, vermag uns aber sehr wohl zu ermutigen. Die tierartigen Reiche des Menschen werden in Gerichten untergehen, und alle Herrschaft wird dem Sohn des Menschen übertragen werden, während himmlische wie irdische Heilige von Ihm verliehene Autorität ausüben werden.

Kapitel 8

Wir verlassen nun jenen Teil der Prophezeiung, der sich im Besonderen mit den heidnischen Mächten befasst; in Kapitel 8 wechselt dabei die ursprüngliche Sprache vom Chaldäischen zum Hebräischen. Das Gesicht, von dem dieses Kapitel berichtet, wird auf etwa zwei Jahre nach dem Gesicht datiert, das wir soeben betrachtet haben. Obgleich die heidnischen Mächte noch im Blickfeld sind, scheint ihr Handeln hinsichtlich Jerusalems mit seinem Heiligtum und seinem Opferdienst der Hauptpunkt zu sein. Daniel war nicht mehr in Babel, als er dieses Gesicht erschaute, sondern hielt sich in Susan auf, in einer Burg des Medo-Persischen Reiches, das das Babylonische Reich zu Fall brachte, und es muss kurz vor diesem Fall gewesen sein.

Bevor somit das Medo-Persische Reich siegreich triumphierte, zeichnete sich im Geist Daniels bereits dessen Untergang ab, da der Widder mit zwei Hörnern deutlich jene Macht abbildete. Das persische Horn gewann die Oberhand, indem es zuletzt hochstieg. Eine Zeit lang war der Widder unwiderstehlich, er handelte nach seinem Gutdünken und stieß in alle Richtungen.

Der Ziegenbock in Daniel 8,5 stellt die griechische Macht vor, und das „ansehnliche Horn“ bedeutet eine Weissagung auf Alexander den Großen, der mit großer Schnelligkeit seine Feldzüge führte und die persische Macht niederrang. Vers 8 sagt dann das plötzliche Ende Alexanders voraus und die Aufteilung des gerade erst erworbenen Herrschaftsgebietes in vier schwächere Teile.

So weit haben wir hier einen ausführlichen Bericht über das, was Vers 6 des vorhergehenden Kapitels in sehr knapper Form vermittelte. In Daniel 8,9 kommen wir zu neuen Weissagungen, die Ereignisse behandeln, die mehr aus dem Zerfall des griechischen Reiches hervorgehen, als dass sie mit den letzten Tagen zu tun haben, bis wir zur Deutung des Gesichts in den Versen Daniel 8,19-26 kommen. Wie es häufig der Fall ist, geht die Deutung über Einzelheiten, die wir in dem beschriebenen Gesicht finden, hinaus.

Die prophetischen Aussagen über „das kleine Horn“ und sein Verhalten unterscheiden sich von jenem „kleinen Horn“ in Kapitel 7. Jenes entsprang dem vierten Weltreich in seinen letzten Tagen; dieses kommt aus einem der vier Teilreiche des dritten Weltreiches hervor. Es stellt eine außergewöhnliche Persönlichkeit vor, die sich selbst verherrlichen und nach Süden und Osten und gegen das „Land der Zierde“ großtun wird, wobei es sich zweifellos um Palästina handelt. Die „Sterne“, die er niederwerfen würde, verstehen wir als leuchtende Diener Gottes. Er würde das tägliche Opfer wegnehmen, das Heiligtum niedertreten und Schande auf den „Fürsten des Heeres“ bringen. All das erfüllte sich in der Laufbahn dieses bösen Mannes, bekannt in der Geschichte als Antiochus Epiphanes. Er verunreinigte den Tempel und versuchte, den Juden die Verehrung heidnischer Gottheiten aufzuzwingen, was unter den Makkabäern zu einem Aufstand und einer Zeit arger Bedrängnis führte, bis zuletzt, nach den 2300 Abenden und Morgen, das Heiligtum gereinigt wurde. Wir glauben, dass viele der Einzelheiten, die in Hebräer 11,35-38 erwähnt werden, sich auf die Gläubigen jener Tage beziehen.

Als Daniel vorbereitet wurde, das Gesicht zu verstehen, richteten sich seine Gedanken alsbald auf das, „was in der letzten Zeit des Zornes geschehen wird“, wie Daniel 8,19 sagt. Die Daniel 8,20-22 fassen die Geschichte, die wir betrachtet haben, zusammen, und Vers 23 bringt uns dann zu den letzten Tagen, wo zwei Dinge geschehen werden. Erstens werden „Frevler ihr Maß voll gemacht haben“. Zweitens wird ein König aufstehen, der sich durch kühne Macht und große Klugheit auszeichnen wird. Der Ausdruck „am Ende ihres Königtums“ lässt erkennen, dass er sich aus dem gleichen Bereich erheben wird, d.h. aus der nördlichen Region Syriens, aus der auch Antiochus, ein Erzfeind unglückseligen Andenkens, kam, dessen Vater Seleukus war, einer der Generäle Alexanders, und der König des Nordens wurde, während Ptolemäus und seine Nachfolger Könige des Südens oder Ägyptens wurden.

Dieser künftige König des Nordens wird, wie Antiochus, bestrebt sein, „Starke und das Volk der Heiligen“ zu vernichten, d.h. das Israel der letzen Tage. Sein Vorgehen wird in Daniel 8,24 und 25 beschrieben, indem er sich zuletzt gegen den „Fürsten der Fürsten“ auflehnt mit der Folge, „ohne Menschenhand“ zerschmettert zu werden, was nach unserem Verständnis so viel wie „ohne Mitwirkung von Menschen“ bedeuten mag. Hier haben wir somit jenen „König des Nordens“ oder den „Assyrer“ vor uns, der so häufig in anderen alttestamentlichen Prophezeiungen auftaucht und den der Herr Jesus vernichten wird, wenn Er in Herrlichkeit erscheint und seine Füße auf dem Ölberg stehen, wie Sacharja 14,4 vorhersagt.

Wichtig ist unseres Erachtens, dass wir das „kleine Horn“ (Dan 8,9), das aus dem dritten Tier hervorgeht, klar unterscheiden von dem „kleinen Horn“ bei dem vierten Tier in Kapitel 7, das von dem falschen Messias in Jerusalem – nach Offenbarung 13 – gestützt wird. Das bedeutet, dass er mit den Juden und Jerusalem verbündet ist, wohingegen der König des Nordens ihnen mit äußerster Feindseligkeit begegnet. Beide werden, obschon nicht im gleichen Augenblick, durch die herrliche Erscheinung Christi vernichtet werden.

Dem Daniel wurde versichert, dass dieses Gesicht wahr und gewiss sei, obgleich es Ereignisse sehr ferner Tage abbildete. Entsetzen erfasste ihn, und er verstand es nicht. In seinen Tagen sollte es eine versiegelte Schrift sein. Uns sind die Augen darüber geöffnet, da wir das Licht des Neuen Testaments haben und die Innewohnung des Heiligen Geistes. Wir mögen wohl ausrufen: „Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe.“

Kapitel 9

Was uns in Kapitel 9 berichtet wird, ereignete sich, kurz nachdem Darius Babylon erobert und das Königreich übernommen hatte – also bald nach der Erfahrung Daniels, die in Kapitel 5 mitgeteilt wird. Um diese Zeit war er natürlich ein alter Mann und nahe dem Ende seines von Dienst erfüllten Lebens, denn er gehörte zu der ersten Gruppe von Gefangenen, die Nebukadnezar weggeführt hatte. Jeremia, ein alternder Mann, war in Jerusalem zurückgelassen worden. Er prophezeite dort bis zur Zerstörung der Stadt.

Der Fall Babylons bedeutete eine gewaltige Erschütterung. Wie wirkte sie sich auf Daniel aus? Sie veranlasste ihn, jenen Teil des Wortes Gottes zu studieren, der ihm zur Verfügung stand. Ein erstrangiges Beispiel für uns heutzutage, da in den letzten fünfzig Jahren Umwälzungen unter den Völkern stattgefunden haben, die weit schwerwiegender gewesen sind als der Fall Babylons. Die Prophezeiungen Jeremias waren aufgeschrieben worden und standen ihm als „Schriften“ zur Verfügung. Wir besitzen die vollendete Bibel, die wirklich „das Buch“ ist.

Diese „Schriften“ waren für Daniel das „Wort des HERRN“, d.h., er empfing sie als von Gott inspiriert. So kam ihnen volle Autorität zu, ohne sie zu hinterfragen. Auch wir sind glückliche Leute, wenn wir, seinem Beispiel folgend, mit unserer Bibel gleicherweise umgehen. Die besondere Stelle, die Daniel so tief berührte, war Jeremia 25,8-14, wo eine 70-jährige „Verwüstung“ vorhergesagt war. Daniel muss sofort erkannt haben, dass die 70 Jahre nahezu vergangen waren und eine Befreiung irgendwelcher Art bevorstand. Die Wirkung, die diese Entdeckung auf ihn hatte, ist äußerst belehrend und auch herzerforschend für uns.

Wir an seiner Stelle hätten uns durch diese Entdeckung vielleicht sehr froh stimmen lassen und freudiger Erwartung Raum gegeben. Nicht so war es bei Daniel; vielmehr sehen wir das genaue Gegenteil. Sie löste bei ihm Fasten und Demütigung, Bekenntnis und Gebet aus, indem sich ihm die große Sünde seines Volkes enthüllte, die dieses ganze Gericht über sie gebracht hatte. Das erkennen wir beim Lesen der Verse 4-19 unseres Kapitels. Er verurteilte zutiefst sich selbst als eins mit seinem Volk, und er rechtfertigte Gott in seinen Gerichten und verkündete seine Gerechtigkeit in allem, was Er getan hatte.

Diese Worte Daniels sollten nachhaltig von jedem von uns bedacht werden! Nirgendwo in der Bibel finden wir ein ansprechenderes Beispiel von einem so tief gehenden Bekenntnis und Gebet, obgleich Esras Gebet in Kapitel 9 seines Buches ihm ähnelt. Er spielte nicht auf den Verheißungsbund an, den Gott mit Abraham machte, sondern stellte sich selbst vor Gott auf den Boden des Gesetzesbundes durch Mose und den darauf folgenden Dienst der Propheten. In dieser Hinsicht bekannte er den völligen Zusammenbruch und das Unglück, obgleich er selbst weniger als irgendein anderer in seinen Tagen an dem Verfall beteiligt war.

Aber so ist es immer. Die am meisten in Versagen und Sünde verwickelt sind, haben eben dadurch das Gefühl für die Tiefe verloren, zu der sie abgesunken sind, während solche, die weniger in die Übel verstrickt sind, ein schmerzliches Bewusstsein vom Zustand der Dinge haben. Wie sieht es heute in der bekennenden Kirche aus? Eine prophetische Skizze der Kirchengeschichte wird uns in Offenbarung 2 und 3 dargestellt. Die letzte Phase ist die von Laodizea. Sind diejenigen, die den Niedergang vor anderen verschulden, wohl fähig zur Beugung in Bekenntnis und Gebet? Nein. Nur solche, die kaum eine Schuld trifft, sind dazu bereit. Mögen wir alle es beherzigen!

Die Kennzeichen eines wahren Bekenntnisses kommen hier deutlich zum Ausdruck. Das Böse wird anerkannt ohne jeglichen Versuch, es zu entschuldigen oder zu verharmlosen. Dass Gottes Gerichte und Züchtigung rechtens sind, wird voll und ganz anerkannt, und die Bitte, Gott möge Rettung geben, wird eindringlich vorgebracht und in Übereinstimmung mit seinem Wort, „nicht um unserer Gerechtigkeiten willen, sondern um deiner vielen Erbarmungen willen“. Lasst uns solche vorzüglichen Merkmale pflegen in unseren Tagen. Auch wir können nichts erbitten aufgrund von Verdiensten, sondern nur aufgrund von Erbarmen. Wenn wir den Zustand der Christenheit heute ansehen, und auch unseren eigenen Zustand, so lasst uns Raum geben dem Geist eines demütigen Bekenntnisses, wie er Daniel auszeichnete.

Ein solches Bekenntnis und Gebet begegnen einer unmittelbaren Antwort, wie wir in Daniel 9,20 und 21 sehen. Gabriel, der Bote Gottes, überbrachte, „schnell fliegend“, Daniel einen Bescheid, um ihn „Verständnis“ zu lehren hinsichtlich der künftigen Ereignisse und auch um ihn wissen zu lassen, dass er in Gottes Wertschätzung ein „viel geliebter“ Mann sei. Welchem anderen Gläubigen wäre je ein solches Zeugnis über sich selbst ausgestellt worden? Unser Herr sprach die Worte: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12). Hier bietet sich uns dazu eine Illustration. Daniel hatte sich so außergewöhnlich gedemütigt, und so darf er wissen, im Himmel ein „Vielgeliebter“ zu sein. Welche Erhöhung! Hätte er sich nicht so wahrhaftig gedemütigt, dann könnte ihn eine solche Zusicherung aufgebläht und dadurch ruiniert haben.

Gabriel wurde beauftragt, Daniel die Prophezeiung über die „70 Wochen“ zu deuten. Das Wort Woche bezeichnet hier eine Periode von sieben Zeiteinheiten; das können Tage sein oder, wie hier offensichtlich, Jahre. Wir haben soeben gesehen, dass Daniel durch die Entdeckung der Tatsache, dass die 70 Jahre Verwüstung nahezu abgelaufen waren, zu Bekenntnis und Gebet angeregt wurde; jetzt hat er zu lernen, dass 70 Jahre mal sieben vergehen müssen, bis nach göttlicher Zeitrechnung eine volle Erlösung und Segnung erreicht sein würden, wie Vers 24 anzeigt (Dan 9,24).

Die Mitteilungen in diesem Vers müssen wir sorgfältig beachten. Zuerst einmal ist die angegebene Zeit „über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt“ und nicht über die Welt im allgemeinen; obgleich Ereignisse, die Israel und Jerusalem angehen, zweifellos eine große Wirkung auf die allgemeine Welt haben. An zweiter Stelle bedeutet der „Abschluss“ oder das „Ende“, dem die Entwicklung zustrebt, die Aufrichtung der vollen Segnungen im Tausendjährigen Reich. Dann erst wird die traurige Geschichte der Übertretungen und der Sünde vorüber sein; dann wird eine „ewige Gerechtigkeit“ eingeführt sein; dann werden Gesicht und Prophezeiung versiegelt werden, da alles erfüllt ist; dann wird ein „Allerheiligstes“ gesalbt und für Gott abgesondert sein, wie es auch eine Stelle wie Hesekiel 43,12 voraussagt. Das Ende der 70 Jahre Verwüstung an sich würde nur einen schwachen und unvollkommenen Ausblick bieten.

Die 70 Wochen oder 490 Jahre sind indessen in drei Abschnitte einzuteilen, und sie hatten ihren Anfang, als das Wort ausging, Jerusalem wiederherzustellen und als Stadt zu bauen. Die Eingangsverse des Buches Esra geben uns den Erlass des Königs Cyrus, den Tempel wiederaufzubauen. Der Erlass zum Wiederaufbau der Stadt war der des Königs Artasasta, wie Nehemia 2 berichtet. Er bedeutete den Start der 70 Wochen, die hier vorhergesagt werden. Der erste Abschnitt, oder neunundvierzig Jahre, umfasst den Wiederaufbau und die Wiedereinsetzung Israels in der Stadt und im Land; es ist die Zeit bis zum Propheten Maleachi. Daran schlossen sich die 62 Wochen oder 434 Jahre an; sie erfüllten die Periode „bis auf den Messias, den Fürsten“.

Wir haben hier somit eine klare und eindeutige Prophezeiung, die sich erfüllt hat. Wenn wir ihre Erfüllung überprüfen, liegt die Hauptschwierigkeit in der Tatsache, dass die Juden ihre Jahre anders zählen als wir, was Unstimmigkeiten hervorruft. Wir übernehmen gern das Ergebnis einer Untersuchung, die vor einigen Jahren der verstorbene Sir Robert Anderson durchgeführt hat, denn er war ein zuständiger und verlässlicher Mann. Er zeigte auf, dass die 483 Jahre bis auf Christus nicht nur korrekt angegeben waren, sondern dass sie sogar genau an dem Tag ausliefen, an dem Er sich seinem Volk öffentlich darstellte, nämlich als Er auf einem Eselsfüllen in Jerusalem einzog, wie Sacharja es vorhergesagt hatte.

Und was war die Folge dieser offiziellen Vorstellung? Genau das, war wir in Vers 26 finden. Der Messias wurde „weggetan“ und hatte „nichts“. So entsprach seine Verwerfung der Weissagung, und obgleich Er das Anrecht auf die ganze Erde besaß, stand Ihm nichts zur Verfügung: Ein Stall für die Geburt war geliehen; Er hatte nichts, um während seines Dienstes sein Haupt niederzulegen; auch sein Grab am Schluss war geliehen. Somit finden wir, dass die Juden hier eine Sünde begehen, die weit schlimmer war, als das Gesetz zu brechen und anhaltendem Götzendienst zu verfallen. Die Folgen dieser größten aller Sünden sind im letzten Teil von Vers 26 beschrieben (Dan 9,26).

Vor Jahren hörten wir von einem Christen, der zu einem jüdischen Rabbi sprach und ihn fragte, was denn in ihrer Geschichte Gott ein Recht gab, sie zu dem Unglück und dem Elend zu verdammen, das sie in Babylon erlitten. Er gab umgehend zu, dass sie das Gesetz gebrochen und Götzendienst geübt hätten. Nun, fuhr der Christ fort, dann sagen Sie mir, was haben Sie getan, das Gott ein Recht gab, Sie zu noch weit schlimmeren Katastrophen und Qualen zu verdammen, wie sie seit dem Jahr 70 n.Chr. andauern und, wie es scheint, an Härte noch zunähmen? Das war für ihn eine niederschmetternde Frage, und was wollte er darauf erwidern? Wir wussten sogleich, was darauf zu antworten war, und wiesen auf den zwischen zwei Räubern gekreuzigten Messias hin.

In dieser Prophezeiung werden am Schluss von Daniel 9,26 die Folgen der Tötung des Messias kurz zusammengefasst. Sehr bald danach wurde bereits die Stadt und das Heiligtum zerstört, und zwar durch „das Volk des kommenden Fürsten“. Dieser Fürst nun war das „kleine Horn“, von dem wir in Kapitel 7 gelesen haben, das Haupt des Römischen Weltreichs in seiner wiedererstandenen und letzten Phase, identisch mit dem ersten „Tier“ in Offenbarung 13. Dieser römische Gewaltherrscher wird noch kommen, doch das Volk der Römer war zur Zeit unseres Herrn die bestimmende Macht, die später auch Jerusalem gründlich zerstörte.

Jene Zerstörung war indessen erst der Anfang züchtigender Gerichte. Deshalb spricht die Prophezeiung von einem „Ende davon“, und zwar einer „überströmenden Flut“. Der Ausdruck zeigt nach unserer Meinung an, dass die Leiden und Verfolgungen, denen die Juden durch die Jahrhunderte ausgesetzt waren, kurz vor dem Ende zur Höhe einer Flut ansteigen. Die Schlussworte dieses Verses lauten: „bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen“. Wahrlich eine Aussage, die mit ein paar Worten Bände füllt.

Während der letzten 19 Jahrhunderte ist Krieg das Hauptkennzeichen gewesen. Wenn alles, was sich auf Kriegsereignisse bezieht, aus unseren Geschichtsbüchern herausgeschnitten würde, dann blieb nicht mehr viel Geschichte übrig. Und Kriege werden vorausgesagt, die noch kommen werden. Doch die Juden und ihre Stadt stehen im besonderen Blickpunkt dieser Prophezeiung, und deshalb begegnen wir erneut dem Wort „Verwüstungen“. Unser Kapitel begann mit einer Bezugnahme auf die 70-jährige Verwüstung, die Jeremia vorhergesagt hatte; und jetzt an seinem Ende finden wir eine andere Prophezeiung über Verwüstungen, die an Dauer und schließlicher Stärke die früheren übertreffen werden. So folgte auf den Tod des Messias fast unmittelbar die Zerstörung Jerusalems, und schließlich steht, ohne genauere Angabe ihrer Dauer, eine lange Periode von Krieg und Verwüstungen in Aussicht.

Der Schluss von Vers 26 leitet uns über zu den Ereignissen am Schluss von Daniel 9,27. Wer ist „er“, mit dem dieser Vers beginnt? Es ist ganz klar der „kommende Fürst“, der das wiederaufgelebte Römische Reich der letzten Tage beherrschen wird. „Er wird einen Bund schließen mit den Vielen für eine Woche.“ Offensichtlich handelt es sich um die eine Woche, die die 70 Wochen dieser Prophezeiung vollmacht. Dieser Bund wird, wie wir es sehen, den Juden an jenem Tag erlauben, „Schlachtopfer und Speisopfer“ zu Jerusalem wiederaufzunehmen, denn in der Mitte der Woche wird er den Bund brechen, und die Verwüstungen werden ihren Höhepunkt erreichen.

Der zweite Teil von Vers 27 erwähnt ferner: „Wegen der Beschirmung der Gräuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Verwüstung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden.“ Das wird die Zeit der großen Drangsal sein, und in dem „Verwüster“ erkennen wir den „König frechen Angesichts“, von dem die letzten Verse von Kapitel 8 erzählen. Am Ende dieser 70. Woche wird der Messias mit Macht und großer Herrlichkeit erscheinen, wie andere Schriftstellen zeigen, und die „ewige Gerechtigkeit“ wird eingeführt werden. Sein Erscheinen wird den Verwüster stürzen und das Verwüstete vollständig befreien.

Der Tag der Gnade, in dem wir leben, findet eine Einschaltung zwischen der 69. und der 70. Jahrwoche. Der letztere Teil von Vers 26 zeigt, dass eine zeitlich unbestimmte Periode eintreten wird, deren Kennzeichen hinsichtlich der Weltereignisse und der Juden Krieg und Verwüstungen sind, die aber auch das Ausgehen des Evangeliums umschließt, wie das Neue Testament zeigt. So waren die Verwerfung und der Tod des Messias deutlich vorhergesagt, und als die Folge Bedrängnis der Welt im Allgemeinen und des jüdischen Volkes im Besonderen.

Kapitel 10

Zu Beginn von Kapitel 10 begegnet uns wieder der Ausdruck „Wochen“. Sie sind jedoch zu unterscheiden von den Wochen, die wir soeben betrachtet haben, da eine Fußnote in unseren Bibeln besagt, dass sie im Hebräischen „Wochen von Tagen“ bedeuten. In jenen Wochen trauerte und fastete Daniel, obgleich der Grund dazu nicht angegeben wird.

Am Schluss von Kapitel 1 erfuhren wir, dass Daniel bis zum ersten Jahr des Königs Kores blieb. Was wir jetzt betrachten wollen, geschah im dritten Jahr jenes Königs; somit war Daniel um diese Zeit ein alter Mann und dem Ende seiner denkwürdigen Laufbahn nahe. Unser Kapitel teilt uns Einzelheiten mit, die die prophetischen Offenbarungen der Kapitel 11 und 12 vorbereiten. Sie sind sehr aufschlussreich, da sie uns die Art und Weise zeigen, in der Engel tätig werden als „dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die die Seligkeit ererben sollen“ (Heb 1,14).

Die Verse Daniel 10,5-9 beschreiben den Besuch eines Engels und seine Wirkung auf Daniel. Wir bemerken, dass Engel, wenn sie sich Menschen zeigen, dies gewöhnlich in menschlicher Gestalt tun. Nichtsdestoweniger kennzeichnet sie ein übernatürliches Wesen, das den, der sie sieht, an die Gegenwart Gottes erinnert. So war es auch bei dieser Gelegenheit, und die Schilderung in Vers 6 erinnert uns daran, wie Johannes in Offenbarung 1,14.15 seinen Herrn beschreibt. Doch hier war der Engel nicht der Herr, was Vers 13 unseres Erachtens deutlich macht. Trotzdem fiel Daniel nieder auf sein Angesicht und lag hingestreckt.

Ferner ergibt sich eine Ähnlichkeit dieser Szene mit dem Geschehen bei der Bekehrung des Paulus von Tarsus. Dabei sahen die Gefährten das Licht, hörten aber nicht die Worte, die gesprochen wurden, obgleich sie den Schall vernahmen. Hier sahen die Männer nichts, wurden aber von Furcht erfüllt und flohen, um sich zu verbergen. Der gefallene Mensch kann in Gottes Gegenwart nicht aufrecht stehen, und selbst ein Gläubiger – ob Daniel im Alten und Johannes im Neuen Testament – fällt nieder wie „tot“. Wir kennen Gott als unseren Vater, doch dürfen wir seine höchste Majestät als Gott nie vergessen.

Im ersten Jahr des Darius vernahm Daniel die Anrede „Vielgeliebter“, wie wir im vorigen Kapitel sahen. Jetzt sind wir zum dritten Jahr des Kores gekommen, und wieder wird er zweimal so angeredet; wie ehedem war er einer solchen Bezeichnung würdig. Und warum das, da wir doch oft sehen müssen, wie Gläubige abfallen und ein gottseliges Leben nicht bewahren? Wir denken, dass Daniel 10,12 die Frage beantwortet. In seiner Frömmigkeit hatte Daniel zwei Dinge aufrechtgehalten.

An erster Stelle hatte er sein Herz darauf gerichtet, Verständnis zu erlangen. Wie oft ermangelt uns das heutzutage! Ist es unser leidenschaftlicher Wunsch zu verstehen, was Gott offenbart hat, nicht allein mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen? Daniel liebte seinen Gott und liebte sein Volk, so dass ihn tief bewegte, was Gott kundgetan hatte. Wenn unsere Liebe glühender wäre, würden wir unsere Herzen auf die Wahrheit richten, die Gott uns bekannt gemacht hat.

Zweitens „läuterte“ oder „demütigte“ er sich selbst vor Gott, während er Verständnis suchte. Auch darin liegt ein Anruf an uns selbst. Es ist so verhängnisvoll angenehm, ein tieferes Verständnis göttlicher Wahrheit zu begehren, wenn man dadurch an Bekanntheit und Bedeutung gewinnt. Aber in Wirklichkeit demütigt uns alle Wahrheit, wenn wir sie mit dem Herzen recht erfassen. Wir sehen das beispielhaft in dem Apostel Paulus. Indem er über die großen Gedanken Gottes bezüglich der Kirche schreibt (Eph 3), ist er „der Allergeringste von allen Heiligen“. Und in 2. Korinther 12, nachdem er von seiner Entrückung ins Paradies gesprochen hat, sagt er: „Ich bin aber nichts.“ Wenn wir uns wahrhaftiger vor Gott läuterten, würden uns bald ein tieferes Verständnis seiner Wahrheit aufgehen.

Daniel 10,12 und 13 enthüllen, dass eine Antwort auf unsere Gebetsanliegen durch feindliche Mächte in der unsichtbaren Welt verzögert werden kann. Satan hat seine Engel, und es scheint, dass er einige von ihnen beauftragt, das Werk Gottes in gewissen Reichen zu hindern. Der Fürst des Königreichs Persien, der dem heiligen Engel, der mit Daniel redete, Widerstand leistete, war ohne Zweifel ein gefallener Engel. Michael, an anderer Stelle der Erzengel genannt, kam ihm zu Hilfe. Der erste Vers von Kapitel 12 zeigt, dass Michael den besonderen Auftrag hat, sich für die Kinder Israel zu verwenden, und so greift er ein bei dieser Gelegenheit (Dan 12,1). Im letzten Vers unseres Kapitels wird er „euer Fürst“ genannt.

Ebenso gab es in der Welt der Engel den „Fürsten von Griechenland“, wie aus Daniel 10,20 hervorgeht; aber ungeachtet dieser gegnerischen Mächte war der Bote Gottes zu Daniel gekommen und hatte ihn aufgerichtet und gestärkt, die Mitteilungen zu empfangen, die Gott ihm jetzt geben wollte. Ein Konflikt im Bereich der Engel war noch auszutragen zwischen den Fürsten von Persien und Griechenland – Letzteres war im Begriff, das Persische Reich zu erobern –, aber die Belehrung dieses demütigen und ergebenen Dieners Gottes erhielt, verglichen damit, den zeitlichen Vorrang.

Er war gekommen, um Daniel kundzutun, „was in dem Buch der Wahrheit verzeichnet ist“. Er sprach so, als ob es bereits aufgeschrieben wäre, aber wir mögen in der Tat Gott Dank sagen, dass es in der Bibel – dem Buch der Wahrheit – verzeichnet worden ist, wie wir sie heute in unseren Händen halten und lesen können. Was Daniel übermittelt wurde, ist in den folgenden Kapiteln enthalten, und indem wir sie lesen, werden wir sehen, dass einige der offenbarten Dinge sich schon ereignet haben und andere noch ihrer Erfüllung harren, wie wir es gerade in der Prophezeiung über die 70 Wochen gesehen haben. Was so genau eingetroffen ist, lässt uns gewiss sein, dass die wichtigen Ereignisse, die noch geschehen müssen, alle mit gleicher Genauigkeit zu ihrer Zeit eintreten werden.

Kapitel 11

Wir kommen nun zu den letzten prophetischen Offenbarungen, die Daniel empfing und die von ihm berichtet worden sind. Sowohl die Anfangsverse wie überhaupt der längste Teil des Kapitels bieten uns Vorhersagen, die sich offensichtlich seit langem erfüllt haben. Wenn unsere Leser einen Blick auf den Schluss von Vers 35 werfen, werden sie die Worte finden: „bis zur Zeit des Endes, es verzieht sich noch bis zur bestimmten Zeit“. Zurückblickend auf Daniel 9,26, finden sie dort die Worte: „und bis ans Ende“. An diesem Punkt begann die geheimgehaltene Lücke oder Unterbrechung in der Prophezeiung der 70 Wochen – die, wie wir jetzt erkennen, inzwischen mehr als 19 Jahrhunderte andauert –, an deren Ende erst sich die 70. Woche anschließen wird. Und das ist an dieser Stelle, wie wir glauben. Erst wenn wir Vers 36 unseres Kapitels erreichen, leitet die Prophezeiung plötzlich über zur Zeit des Endes und zu den letzten Tagen (Dan 11,36).

Die drei persischen Könige, die laut Daniel 11,2 „aufstehen“ sollten, sind offensichtlich jene drei, die in Esra 4,5-7 erwähnt werden und die in der Geschichte als Kambyses, Smerdis und Darius Hystapses bekannt sind. Der vierte, „mit größerem Reichtum“, würde Xerxes sein, der von seiner eigenen Größe so berauscht war, dass er Griechenland angriff und den „gewaltigen König“ in Daniel 11,3 – Alexander den Großen – gegen sich aufbrachte, der seinen Stolz beugte und sein Königreich zerschmetterte, indem er „große Macht“ gewann und nach seinem Gutdünken handelte.

Die Geschichte berichtet, dass Alexanders Herrschaft nur kurze Zeit bestand, denn er starb, als er noch jung war, und sein Reich wurde unter vier seiner Generäle aufgeteilt, wie Daniel 11,4 es klar voraussagt. Die Teilreiche erreichten bei Weitem nicht die Macht, „mit der er geherrscht“ hatte. Von Daniel 11,5 ab wird unsere Aufmerksamkeit auf die Handlungen von zweien dieser vier Nachfolgefürsten gelenkt: den König des Südens und den König des Nordens. Wenn wir untersuchen, warum die Prophezeiung sich nur mit diesen beiden beschäftigt, lautet die Antwort sicherlich, weil nur sie sich in die Angelegenheiten der ins Land zurückgekehrten Juden einmischten und sie unterdrückten. Ihre Reiche lagen im Norden und Süden Palästinas, Gebiete, die wir heute Syrien und Ägypten nennen; und die Könige waren Seleukos und Ptolemäus.

Daniel 11,5 lautet nach der Neuen Übersetzung: „Der König des Südens, der einer seiner Fürsten ist, wird stark werden; und ein anderer wird stark werden über ihn hinaus.“ Beide Fürsten Alexanders würden stark werden, doch der nördliche würde der stärkere von den beiden sein. Genau so geschah es.

Daniel 11,6 beginnt: „Und nach Verlauf von Jahren …“ Damit überbrücken wir sogleich eine gewisse Zeit in der Geschichte, denn die Prophezeiung befasst sich hier nicht mit den einzelnen Königen. Es geht um den „König des Nordens“ oder um den „König des Südens“, obwohl verschiedene Einzelpersonen gemeint sein mögen. Deutlich vorhergesagt werden beständige Reibereien und Kriege zwischen diesen beiden einander feindlichen Mächten, die jahrelang dauerten und den zwischen ihnen wohnenden Juden Palästinas Ärger und Beschwerden bereiteten. Wir können deshalb sagen, dass die Verse 6-20 ihre bösen Ränke und Kämpfe vorhersagen, und zwar bis zu einem Zeitpunkt, wo die Macht Roms offenbar wird, vor der der dann herrschende König des Nordens „straucheln und fallen und nicht mehr gefunden werden“ würde. Sein Nachfolger sollte nur noch ein bloßer „Eintreiber von Abgaben“ sein, um damit dem Verlangen Roms nachzukommen. Ungläubige haben darauf bestanden, dieses Kapitel müsse nach den Ereignissen geschrieben worden sein, weil es so genau vorhersage, was sich danach wirklich ereignet hat.

Ab Daniel 11,21 lesen wir dann, dass nach diesem „Eintreiber von Abgaben“ ein „gemeiner Mensch“ aufstehen wird, den gleicherweise listige Schmeicheleien und kriegerische Gewalttaten kennzeichnen würden; und seine Handlungen und deren Folgewirkungen beschäftigen uns bis Vers 36. Wir haben hier wieder, wie wir glauben, den Mann, der uns in Daniel 8,9 vorgestellt wird, jenes „kleine Horn“ , das aus einem der vier Reiche emporwächst, unter die das griechische Weltreich aufgeteilt wurde. Es ist der Mann, den die Geschichte als Antiochus Epiphanes kennt. Seine bösen Taten werden ausführlich beschrieben, weil er, wie wir glauben, mit solcher Grausamkeit gegen die Juden vorging, dass er zu einem Typus oder Vorentwurf jenes Königs des Nordens wurde, der in den letzten Tagen ihr großer Widersacher sein wird.

Wir sehen das besonders in Daniel 11,28-32. Im ersten dieser Verse richtet sich „sein Herz gegen den heiligen Bund“. Dann werden seine Pläne für eine Zeit von den „Schiffen von Kittim“ vereitelt, d.h. durch einen militärischen Vorstoß Roms. Diese Begebenheit mag einige von uns an unsere Schulzeit erinnern, als wir davon hörten, dass der römische Feldherr, seiner Treulosigkeit überdrüssig, einen Kreis um ihn zog da, wo er stand, und ihn zu einer klaren Antwort aufforderte, bevor er aus dem Kreis treten durfte. Er war darüber verärgert, und da er die Römer nicht anzugreifen wagte, ließ er seine Wut an den Juden aus und war „zornig gegen den heiligen Bund“.

Unter den Juden seiner Tage fanden sich solche, „die den heiligen Bund verließen“, wie Daniel 11,30 anzeigt. Mit diesen Abtrünnigen nahm er Kontakt auf und ging gewaltsam gegen das Heiligtum vor, um es zu entweihen, wie Daneil 11,31 voraussagt. Er stürzte die gesamte Ordnung des Tempeldienstes zu Jerusalem, schaffte die Opfer für Jehova ab in dem Bestreben, alle zur Verehrung eines falschen Bildes anzuhalten, das hier als „Gräuel der Verwüstung“ beschrieben wird. Ferner verleitete er zum Abfall und gewann durch Schmeicheleien solche, „die gottlos gegen den Bund handelten“.

Lasst uns beachten, dass der „Bund“ nicht weniger als viermal in diesen Versen erwähnt wird, und in drei Fällen wird auch „heilig“ hinzugefügt. Was Gott durch einen Bund verordnet hat, ist immer die Zielscheibe für Angriffe des Teufels, und dieser Mann war zweifellos ein Agent Satans in seinen Anstrengungen, die noch verbliebene Anbetung des einen wahren Gottes zu Jerusalem zu zerstören.

Doch in jenen Tagen gab es nicht nur Gottlose, die den Abfall mehrten, sondern auch „ein Volk, das seinen Gott kennt“ und jene „Verständigen unter dem Volk“. So ist das immer Gottes Weise. Er selbst bleibt nicht ohne ein Zeugnis irgendwelcher Art. Und so haben wir hier eine Weissagung von dem, was in jenen dunklen Tagen wirklich geschah. Die Makkabäer wurden erweckt, eifrige und gottesfürchtige Männer, und unter ihrer Führerschaft wurde schließlich eine Befreiung erwirkt, obgleich nicht ohne große Verluste und viele Leiden, worauf Daniel 11,33 hinweist.

In den letzten Versen von Hebräer 11, besonders in Hebräer 11,36-38, finden wir Hinweise auf die Leiden von Gläubigen vergangener Zeiten, die in der alttestamentlichen Geschichte schwerlich auszumachen sind; und es mag wohl sein, dass sie sich auf Gläubige beziehen, die in jener Periode der Erprobungen litten, nach den Tagen Maleachis. Ihre Prüfungen verstärkten sich noch dadurch, dass einige unter den Verständigen erlahmten und abfielen, was Hebräer 11,35 unseres Kapitels vorhersagt; aber das würde eine läuternde Wirkung auf solche haben, die wirklich fest auf Gottes Seite standen.

Dieser vermischte Zustand wird anhalten „bis zur Zeit des Endes“. So steht es geschrieben, und so ist es gewesen – besonders hinsichtlich des Juden, der in dieser Prophezeiung vor uns steht. Es gibt in dieser Entwicklung „eine bestimmte Zeit“; aber es wird nicht angedeutet, wie lang diese Zeit sein soll. Wir wenden uns zu neutestamentlichen Schriftstellen wie Epheser 3,5 und Kolosser 1,25.26 und finden, dass in unserer Epoche die Gnade des Evangeliums zu den Heiden ausgeht und Gott Vorhaben verwirklicht, die Er von Ewigkeit her hatte, die aber zu Zeiten des Alten Testaments nicht offenbart wurden. Jedoch wurden in der Weisheit Gottes die Prophezeiungen sprachlich so gefasst, dass sie Raum ließen für die nachfolgenden Ereignisse und diese ohne Widerspruch zu den früheren Weissagungen bekannt gemacht werden konnten. Jesaja 61,2 bietet hierzu eine oft herangezogene Illustration, weil sie in einem Vers auf beide Kommen hinweist. Dasselbe kann auch von Daniel 9,26 gesagt werden und auch von dem Vers, den wir jetzt vor uns haben.

Daniel 11,36 führt unvermittelt „den König“ ein. Ein Blick auf Daniel 11,40 lässt uns erkennen, dass seine Herrschaft „zur Zeit des Endes“ sein wird, und auch, dass sein Reich in einem Land liegt zwischen dem König des Nordens und dem König des Südens. Daraus schließen wir, dass er ein König ist, der in den letzten Tagen über Palästina herrschen wird und über den wir Weiteres im Neuen Testament lesen. Er ist, wie wir glauben, mit dem zweiten Tier in Offenbarung 13 gleichzusetzen und mit jenem falschen Messias, der „in seinem eigenen Namen“ kommen wird, den der Herr Jesus in Johannes 5,43 ankündigte.

Die Handlungen dieses „Königs“ werden in Daniel 11,36-39 vorhergesagt, und ihr durchgehendes Merkmal ist: Er „wird nach seinem Gutdünken handeln“. Nun ist die Sünde Gesetzlosigkeit, ein Ausbrechen des Geschöpfes aus der Abhängigkeit vom Schöpfer, um seinen eigenen Willen zu behaupten und durchzusetzen. In 2. Thessalonicher 2,3 lesen wir von jenem „Menschen der Sünde“, der offenbart werden soll, wenn der, der zurückhält, aus dem Weg ist. Wenn wir jene Stelle mit dieser vergleichen, fällt uns sofort eine erstaunliche Ähnlichkeit auf, denn in beiden ist das hervorstechende Merkmal dieses künftigen gewaltigen Menschen Eigenwille und Selbsterhöhung.

Möge ein jeder von uns sich um des Guten seiner eigenen Seele willen erinnern, dass kaum etwas mehr das wahre Leben eines Christen verdirbt als der Eigenwille. Wir sind berufen, nicht unseren eigenen Willensregungen zu folgen, sondern den Willen Gottes zu tun. Wir sind zu einem Leben in Gehorsam berufen, denn wir sollten die Gesinnung haben, die in Christus war, die Ihn sogar zum Tod hinführte. Sein Leben war Selbsterniedrigung, das genaue Gegenteil von einer Gesinnung, die das eigene Ich erhöht, die in Adam war und die das Fleisch in jedem von uns kennzeichnet.

Aus Daniel 11,37 schließen wir, dass er ein Jude sein wird, denn er verachtet den „Gott seiner Väter“ und ebenso die „Sehnsucht der Frauen“, denn jede typisch jüdische Frau sehnte sich danach, die Mutter des Messias zu werden. Er wird „Erstaunliches“ gegen den wahren Gott reden und für sich selbst eine gottgleiche Stellung einnehmen. Den „Gott der Festungen“ wird er ehren, eine Andeutung, wie wir glauben, auf das, was wir sehr klar in Offenbarung 13 sehen, wo das zweite Tier den religiösen Abfall anführt, dabei aber von dem ersten Tier hinsichtlich weltlicher und militärischer Macht abhängig ist.

Er bedarf der Unterstützung, denn die Könige des Südens und des Nordens stehen ihm feindselig gegenüber, ganz besonders der König des Nordens, wie uns die letzten Verse unseres Kapitels zeigen. In Jesaja wird von ihm als dem Assyrer gesprochen und der „überflutenden Geißel“ (Dan 28,15), Sacharja 14,1-3 scheint sich auf das Ende dieses Widersachers zu beziehen, wie die beiden letzten Verse unseres Kapitels voraussagen. Zu Anfang wird er große Erfolge haben, viele Länder überfluten, außer Edom, Moab und Ammon, die aufgespart werden und mit denen Israel, wiederhergestellt, handeln wird. Er wird sogar Ägypten überwältigen, doch dann werden Nachrichten aus dem Nordosten ihn nach Palästina zurückführen, und „er wird sein Palastgezelt aufschlagen zwischen dem Meer und dem Berg der heiligen Zierde“. Und dann, wenn seine Unternehmungen ihren Höhepunkt zu erreichen scheinen, „wird er zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen“. In dieser knappen, aber anschaulichen Art wurde dem Daniel offenbart, was Sacharja 14,3 aussagt: Der HERR wird ausziehen zum Kampf, nämlich in der Person des Herrn Jesus. Der feindselige König des Nordens wird vernichtet und kommt zu seinem Ende.

Kapitel 12

Es wird jedoch neben dem König des Nordens und des Südens und dem falschen Messiaskönig zu Jerusalem noch andere feindselige Mächte geben. Mit allen wird gehandelt werden, denn „in jener Zeit“ – so erklärt der erste Vers von Kapitel 12 – wird Gott sein Handeln mit Israel in Gnade wiederaufnehmen. Michael, der Erzengel, ist beauftragt, zu ihrem Nutzen zu wirken, und er steht auf, um diesen Auftrag zu erfüllen. Zwei große Ereignisse treten ein. Zuerst wird das Volk Daniels eine völlige Errettung erfahren.

Diese Zeit schlimmster Not entspricht offensichtlich der „großen Drangsal“, die der Herr in seiner prophetischen Rede erwähnt (Mt 24,21), nachdem Er von dem „Gräuel des Verwüstung“ gesprochen hat, „von dem durch Daniel, den Propheten geredet ist“. Damit bezieht Er sich auf Daniel 12,11 und nicht auf Daniel 11,31, wenngleich Ähnliches deutlich mit dem zu tun hat, was unter Antiochus Epiphanes geschah. Dieser Vers in Daniel 12 ist die erste bestimmte Prophezeiung über diese furchtbare Zeit einer Trübsal, die bevorsteht.

Und es ist der Beachtung wert, dass diese erste Vorhersage eindeutig den Juden meint, übereinstimmend mit der Weissagung des Herrn in Matthäus 24 und Markus 13. Sie wird der Höhepunkt sein in den Regierungswegen Gottes mit diesem Volk, das den Messias verwarf und kreuzigte, obgleich nach Offenbarung 3,10 die ganze Erde davon betroffen sein wird, da die Heiden als eine zweite Macht beim Tod Christi mitgewirkt haben. In jener Drangsal werden nicht nur entsetzliche Untaten geschehen, die von Menschen und Satan ausgehen, sondern Gottes Zorn wird sich entladen, wie Offenbarung 16 enthüllt. Als Christen haben wir die Sicherheit, dass „Gott uns nicht zum Zorn gesetzt hat, sondern zur Erlangung der Seligkeit durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1Thes 5,9).

Unsere Schriftstelle sagt uns, dass ein auserwähltes Israel aus der Drangsal errettet werden wird – „ein jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“, dem Buch des Lebens, wie das Neue Testament davon spricht. Mancher Jude wird schlafen in der Beziehung auf seinen Gott und im Staub der Nationen begraben sein. Sie werden erwachen, die einen, gekennzeichnet durch Glauben, um in das ewige Leben des Tausendjährigen Reiches einzugehen; andere verharren im Unglauben und kommen ins Gericht. Es wird ihnen ergehen wie den heidnischen Völkern, wie der Herr es in Matthäus 25,31-46 ankündigt.

Es wird auch – nach Daniel 12,3 – eine Zeit der Belohnung sein für die Verständigen und Eifrigen in ihrem Dienst für Gott. Lasst uns das nicht übersehen, denn die Grundsätze Gottes im Umgang mit seinen Dienern ändern sich nicht. Es gibt also eine Belohnung für die „Verständigen“, jene, die eine von Gott gegebene Einsicht in seine Wahrheit und seine Wege haben, um auch andere zu unterweisen; und dann auch eine Belohnung für solche, die eifrig sind, Seelen zu gewinnen und sie auf den Weg der Gerechtigkeit zu leiten. Was wir die besinnliche Seite christlichen Lebens und die tätige Seite im Dienst nennen können, sollte im Verhältnis zueinander ausgeglichen sein.

Daniel 12,4 schließt die prophetische Mitteilung ab, die mit Kapitel 11 begann; und er bestätigt die Feststellung, dass wir von Daniel 12,36 ab offenbarte Ereignisse haben, die sich zur „Zeit des Endes“ zutragen werden. Obgleich sie Daniel gezeigt und von ihm berichtet wurden, sollte es sich um ein verschlossenes Buch handeln, bis die Zeit des Endes gekommen wäre. Während der letzten 100 Jahre etwa sind diese Weissagungen viel erforscht worden, und ihr Licht hat sich ausgebreitet. Das sollte uns gewiss machen in dem Gedanken, dass das Ende des Zeitalters nahe ist.

Und die letzten Worte dieses Verses bestärken uns darin noch mehr: „Viele werden es durchforschen, und die Erkenntnis wird sich mehren.“ Von beiden Merkmalen sind unsere Tage auffallend gekennzeichnet. Unsere Reisemöglichkeiten zu Land, auf See und in der Luft haben in einer Weise zugenommen, von der unsere Vorfahren nicht zu träumen wagten. Aber alles ist nur ein Hin und Her. Wir fliegen hin und kehren zurück an den Ausgangspunkt. Wir enden, wo wir begannen. Unser Wissen vermehrt sich ungeheuerlich; auf dem Gebiet der Atomkraft ist es geradezu furchterregend, wie jeder weiß. Wissen – ja, aber Weisheit – nein. Der Mensch ist noch dasselbe sündige Geschöpf wie vor alters, den Täuschungen des Widersachers immer wieder unterliegend.

Wenn wir an Gottes Gerichte denken, steigt die Frage auf: Wie lange noch? So lautete auch die Frage im Gespräch der Engel, die in Gestalt von Menschen Daniel die Prophezeiung übermittelt hatten. Daniel 12,7 enthält die Antwort darauf, und sie zeigt klar, dass die Frage auf das Ende der Drangsalszeit zielte, nachdem diese einmal begonnen hatte. Die Antwort gibt an: „eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“. Wir verstehen darunter dreieinhalb Jahre, und zweifellos handelt es sich um die zweite Hälfte der 70. Jahrwoche, die Kapitel 9 anzeigt. Wenn jene letzte Woche vorüber ist, wird alle Kraft des „heiligen Volkes“ geschwunden sein; gemeint ist damit der gottesfürchtige Überrest in Israel. Sie werden in einem Zustand äußerster Schwachheit geraten, während ihre Widersacher zu höchster Macht gelangen. Dann aber wird der Herr plötzlich in Herrlichkeit und Macht erscheinen, seine bedrängten Heiligen retten und die Widersacher endgültig zerschmettern.

So ist es immer gewesen, und so wird es noch wieder sein. Nimm als Beispiel Israel in Ägypten. Als Jakob in den Tagen Josephs nach Ägypten kam, waren er und seine Kinder geehrte Leute. Die Jahre vergingen, und sie sanken tiefer und tiefer, bis sie ein Haufen von Sklaven unter der Peitsche ihrer Treiber waren. Dann handelte Gott im Gericht: Sein kraftloses Volk wurde gerettet, der mächtige Feind vollständig geschlagen. So wird Israel es zu Beginn des Tausendjährigen Reiches erfahren; und wir erwarten nicht, dass es anders sein wird, wenn die Gläubigen zur Herrlichkeit entrückt werden, wie es 1. Thessalonicher 4 vorhersagt. Sie werden keineswegs einen Zustand geistlichen Reichtums von der Art erreicht haben, dass die Engel zu denken versucht sein könnten, sie hätten die Befreiung verdient. Ganz im Gegenteil. Es wird ein göttliches Werk sein, das nicht etwa Verdienste auf des Menschen Seite, wohl aber seine Barmherzigkeit krönt, worauf Judas 21 hinweist.

Die Frage Daniels in Vers 8 findet einen Widerhall in unser aller Herzen (Dan 12,8). Sie betrifft jetzt nicht die Zeit des Endes, sondern das letztendliche Ergebnis all dieser menschlichen Bosheit und des Handelns Gottes. Daniel verkörperte den Typ eines gottesfürchtigen Juden, und als solchem war ihm zu jener Zeit verborgen, was „verschlossen und versiegelt“ bedeutete. 1. Petrus 1,12 sagt, dass die alttestamentlichen Propheten von Dingen sprachen, die sie selbst nicht verstanden, da zu ihrer Zeit die Erlösung noch nicht vollbracht und der Heilige Geist nicht gegeben war. Was Daniel wissen sollte, war, dass Gott noch immer ein Volk für sich selbst aufrechterhalten würde, das durch seine Fügungen gereinigt und weiß gemacht, „geprüft“ und „geläutert“ werden würde, während die Gottlosen ihren bösen Weg im Finsteren noch weiter verfolgen würden. Nur die Verständigen würden es verstehen. Diese ernste Tatsache finden wir sehr deutlich in 1. Korinther 2,14 beschrieben.

So hatte Daniel seinen Weg fortzusetzen, ohne dass er eine klare Antwort bekam. Jedoch erhielt er eine zusätzliche Information hinsichtlich der letzten Zeiten, denn in den Versen 11 und 12 werden die beiden Zeitabschnitte von 1290 und 1335 Tagen angeführt. Nach jüdischer Rechnung umfasste ein Jahr 360 Tage, und deshalb würden „Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“ (laut Dan 12,7) 1260 Tage ausmachen. 1290 Tage würden einen weiteren Monat umfassen. 1335 Tage wäre darüber hinaus ein noch um eineinhalb Monate verlängerter Zeitabschnitt. Was Daniel wissen konnte, war, dass derjenige, der mit Ausharren das Ende der längsten Periode erwartete, in die Segnung eingehen sollte.

So ergibt sich hier doch noch mit einem Wort eine Antwort auf die Frage in Daniel 12,8. Daniel mochte keine Einzelheiten erfahren, aber er konnte versichert sein, dass für Gottes Volk der Segen am Ende des Weges lag. Uns gilt dieselbe Zusage, doch haben wir sie vielfach erweitert, auch in den Einzelheiten. Wie sehr auch immer Gottes Gerichte das Böse im Menschenleben erforschen mögen, für den demütig Harrenden ist immer endlicher Segen aufbewahrt. In diesen Worten ist eine andere Tatsache eingeschlossen. Gott handelt, ob in Gericht oder in Segen, in Etappen. Er verfuhr so mit Israel in Ägypten. Und so geschah es, als die Kirche eingeführt wurde. Während vierzig Tagen wiederholte der Herr seine Offenbarungen als der Auferstandene; es folgten zehn Tage des Wartens und danach die Bildung der Kirche durch die Ausgießung des Heiligen Geistes.

Es wird auch so in den letzten Tagen sein, wenn das Reich Gottes mit offenbarter Macht aufgerichtet wird. Das letzte Wort an Daniel ist voller Zuversicht. Bis es eintrifft, ist Ruhe sein Teil, nach einem Leben ungewöhnlicher Unruhe und Anstrengung. Und wenn es eintrifft, fällt ihm sein bestimmtes „Los“ zu, zu dem er hinzutreten wird – und wir wagen es anzunehmen, dieses „Los“ wird kein geringes sein.

Und auch wir, ein jeder von uns hat am Ende sein „Los“. Teilhabend an dem Platz und dem Teil der Kirche, wissen wir, dass es wunderbar sein wird. Wie steht es aber um unser „Los“ in dem kommenden Reich unseres Herrn? Das wird abhängen von unserer Treue im Dienst hier. Wenn unser „Los“ im Reich in etwa mit dem Daniels vergleichbar sein soll, so müssen wir, wie er, in heiliger Absonderung und Hingabe an Gott durch diese gegenwärtige Welt gehen.


Originaltitel: „Daniel“
übersetzt aus Rebuilding Zion

Weitere Artikel zur Bibelstelle Daniel (1)


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