Ich gehe wählen ... (1)
... obwohl ich Himmelsbürger bin!

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 18.09.2004, aktualisiert: 10.09.2018

Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel ist aus dem Holländischen übersetzt (Übersetzungsfehler nicht auszuschließen). Er berücksichtigt selbstverständlich die holländische und nicht die deutsche politische Situation. So gibt es in den Niederlanden keine 5-Prozent-Hürde, die für kleine (auch christliche) Parteien von besonderer Bedeutung ist. Insofern wird auch dem Zeugnischarakter von christlichen Parteien in Deutschland ein größerer Stellenwert zukommen als in den Niederlanden. Und das Wählen einer bibeltreuen Partei hat neben dem symbolischem Wert oft nur die Bedeutung, dass man – durch die Wahlkampfkostenrückerstattung – diese Parteien finanziell unterstützt.

Leitverse: Philipper 3,20; 1. Petrus 2,11

Phil 3,20: Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten.

1Pet 2,11a: Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und als solche, die ohne Bürgerrecht sind.

Bekenntnis

Ich muss ein Bekenntnis ablegen. Jahrelang habe ich der Meinung gehuldigt, dass es nicht schriftgemäß ist, wenn ein Christ an politischen Wahlen teilnimmt, erst recht nicht, dass er ein politisches Amt einnimmt. Ich habe mit dieser Meinung auch nicht hinter dem Berg gehalten und dadurch andere Christen auf eine Weise beeinflusst, die ich heute bereue. Trotzdem möchte ich dabei sagen, dass ich großen Respekt habe vor meiner früheren Meinung! Es war für mich eigentlich schon immer ungefähr 50:50 – so viele Argumente, die es dagegen gab, so viele gab es auch dafür. Aber das Verhältnis fiel dann ungefähr 40:60 aus, und so war ich dagegen. Ich möchte es so ausdrücken: Heute ist das Verhältnis ins Umgekehrte verändert und deswegen bin ich jetzt dafür.

Aber ihr seht auch: So ganz von Herzen geht es immer noch nicht. Politik ist eines der Bereiche des Lebens, wo die Sünde des menschlichen Herzens ganz besonders ans Licht kommt. Denken wir nur an den Machtmissbrauch totalitärer Regime, aber auch an die moralische Unterdrückung einer Minderheit innerhalb einer Demokratie, ganz zu schweigen von den gewöhnlichen politischen Intrigen, den Halbwahrheiten und den ganzen Lügen sowie den parteipolitischen Spielchen. Früher war dies für mich ein Grund, um mich davon fernzuhalten. Doch heutzutage sage ich: Wenn auf diesem Gebiet so viel Böses geschieht, ist das nicht ein Grund mehr, um auf diesem Gebiet eine radikal biblische Stimme hören zu lassen? Und wenn es auch wahr ist, dass die „Wahrheit“ und die „Moral“ der fünfzig Prozent plus eins in einer stets sich weiter vom Christentum entfernenden Welt immer abstoßender wird (siehe unten), dann ist es kein Grund, um uns wie geprügelte Hunde in einer Ecke zurückzuziehen, sondern ganz das Gegenteil.

Struktur und Richtung

Nun klingt das natürlich ziemlich pragmatisch (obwohl es auch ein gutes biblisches Prinzip ist, auf allen Lebensgebieten das Zeugnis des Wortes Gottes hören zu lassen!). Zuallererst muss die Frage gestellt werden: Ist es grundsätzlich wirklich berechtigt, dass ein Christ, der doch „ein Fremdling und Beisasse“ auf der Erde ist (1Pet 2,11), ja dessen „Bürgertum in den Himmeln“ ist (Phil 3,20), sich mit einer so irdischen, um nicht zusagen weltlichen Sache wie der Politik beschäftigt? Nun, gerade in diesem Punkt habe ich meine Haltung prinzipiell verändert! Geholfen hat mir dabei der wichtige philosophische Unterschied zwischen Struktur und Richtung. Die Struktur hat mit der Wirklichkeit zu tun, so wie Gott sie geschaffen hat. Hier geht es um Schöpfungsstrukturen. Davon gibt es viele. [Anm. d. Red.: Ob es sich wirklich bei allen Lebensgemeinschaften, die nun folgen, um Schöpfungsstrukturen handelt, ist fraglich.] Aber in diesem Zusammenhang denke ich an die verschiedenen Möglichkeiten des Zusammenlebens. Dazu gehören die Ehe und Familie, die Schule und die Betriebe, der Staat und die Kirche (in dem Sinne einer konkreten organischen Gemeinschaft von Gläubigen auf der Erde, ganz besonders die örtliche Gemeinde). Ich bin „Glied“ einer Ehe und einer Familie (von allen beiden bin ich selbst das Haupt), ich bin Dozent an verschiedenen Hochschulen, steuertechnisch habe ich einen eigenen „Betrieb“, ich bin Glied einer örtlichen Gemeinde und ich bin Staatsbürger des Reiches der Niederlande.

Früher hätte ich gesagt: Das Letzte bin ich allein auf dem Papier, aber „in Wirklichkeit“ bin ich Bürger eines Reiches in den Himmeln. Und sieh, da war genau mein Denkfehler! Wenn ich in diesem Sinn Himmelsbürger bin, dann bin ich nicht nur „in Wirklichkeit“ kein niederländischer Staatsbürger, sondern auch kein wirkliches Glied einer Familie, kein wirklicher Arbeitnehmer, kein Betriebsleiter, kein Konsument, kein Verkehrsteilnehmer usw. In jedem Fall sind dies allemal typisch irdische Dinge! Im Himmel gibt es keine Ehen, keine Familien, keine Schulen und keinen Betriebe mehr und selbst keine örtliche kirchliche Gemeinschaft. Und doch bestreitet niemand, dass wir als Himmelbürger irdische Ehen schließen können, irdische Familien, Schulen und Betriebe errichten können, irdisch kaufen und verkaufen können, am irdischen Verkehr teilnehmen können usw.! Warum geht das dann nicht, wenn es um die Staatsbürgerschaft mit all ihren Vorrechten und Verpflichtungen, die dazugehören, geht?

Die Antwort darauf wird deutlicher, wenn wir nicht allein auf die Schöpfungsstrukturen schauen, sondern auch auf die „Richtung“, d.h. die Richtung (Ausrichtung) des menschlichen Herzens. Es gibt zahllose Schöpfungsstrukturen, aber prinzipiell gibt es eigentlich nur zwei Richtungen: die schriftgläubige und die abgefallene Richtung des Herzens (auch wenn das in der Praxis oft dadurch vermischt ist, dass die Sünde noch in uns wohnt). Jemand mit einem abgefallenen (unwiedergeborenen) Herzen ist ein echter Erdenbewohner: Er hasst Gott und den Nächsten und sucht sein ganzes Heil im Diesseits. Jemand mit einem schriftgläubigen (wiedergeborenen) Herzen ist (wenn der Geist ihn beherrscht) ein echter Himmelsbürger: Er nimmt eifrig teil an allen irdischen Lebensgemeinschaften, woran er nach Gottes Vorsehung teilhat, aber sein eigentliches Leben und seine Hoffnung ist dort, wo Christus ist: in den Himmeln (Kol 3,1-3). Das gilt für alle Lebensbereiche!

Der Christ nimmt teil an solchen urirdischen Dingen wie Ehe und Familie, aber er tut das auf eine ganz spezifische Weise, nämlich als Himmelsbürger. Das besagt: Innerhalb der irdischen Verbindungen demonstriert er das Anderssein von Epheser 4,20: Er „versprüht“ (wenn das nicht zu hart klingt …) ein Stückchen himmlischen Glanz über Ehe und Familie, sprüht den Glanz des Wortes Gottes über seine Arbeit in der Schule, im Betrieb und im Verein. Und so ist er auch strukturell gesehen ein Bürger des niederländischen Staates, aber was seine Ausrichtung angeht, ist er mit seinem ganzen Herzen eben auf den Gott des Himmels gerichtet, und das erklärt auch von Augenblick zu Augenblick die Weise, in welcher er seine Staatsbürgerschaft erfüllt. Diese Himmelsbürger- und Fremdlingsschaft bestimmt, wohin er das Kreuz in der Wahlkabine macht (in welcher Partei kommt am deutlichsten eine bibeltreue Stimme zum Vorschein, von all den Fragen, die in der Politik drankommen?). Genauso gut wie es seine Wahl des Ehepartners bestimmt, die Bildung einer Familie und das Erziehen seiner Kinder, die Art und Weise, wie er seinen Betrieb führt oder die Schule, das Ausüben seines Berufes, das Bestreiten seines Einkommens, die Weise, wie er teilnimmt am Verkehr usw. In allen Lebensgemeinschaften macht er seine Himmelbürgerschaft wahr, nicht dadurch dass er diese Verbindungen gering schätzt oder leugnet, sondern dadurch, dass er sie besser verwirklicht, als ein Ungläubiger es tut, himmlisch, d.h. nach dem Wort des Gottes des Himmels.

Insofern ist es auch fehl am Platz, zu behaupten, dass Christen nicht von politischen Machtmitteln Gebrauch machen dürfen, sondern nur von der geistlichen Waffenrüstung (Eph 6). Das ist für mich auch wieder ein falscher Gegensatz. Strukturell gibt es viele Waffen, von denen Christen Gebrauch machen können (z.B. eine Zivilrechtsprechung), aber von der Ausrichtung des Herzens her müssen sie allezeit aktiv sein in der geistlichen Waffenrüstung, d.h. beispielsweise nicht in der Gesinnung von Hass und Neid. Und so – um einen anderen Ausdruck zu brauchen – lebt der „neue Mensch“ nicht auf einem anderen Gebiet als der alte Mensch, sondern er ist Teil genau derselben Strukturen, wenn auch der erneuerte Geist eine neue Ausrichtung hat.

Herrschen und Leiden

Hier würde ich früher eingeworfen haben: Ja, der Staat nimmt aber doch bei den Lebensgemeinschaften einen einzigartigen Platz ein. Ich bin wohl Staatsbürger, aber darum brauche ich noch nicht mitzubestimmen, wer mich regieren soll, schon gar nicht, dass ich auch selbst an einem Parlament oder der Regierung teilnehmen soll! Wir sind nicht berufen, um zu herrschen, sondern gerade um mit Christus zu leiden. Fremdlingschaft bedeutet gerade den Weg des Ausgestoßenseins mit Christus zu teilen: sein Kreuz auf uns zu nehmen und Ihm nachzufolgen. Himmelsbürgerschaft bedeutet, dass wir bald im Himmel mit Christus regieren werden – aber nun nehmen wir mit Christus den Platz der Unterdrückten ein.

Ich denke, das ist ein begreiflicher und respektabler Standpunkt. Deswegen habe ich ihn immerhin selbst lange genug verteidigt. Das große Problem, das ich heutzutage damit habe ist, dass er leider im Allgemeinen nicht passt, und das sogar in verschiedener Hinsicht:

Als erstes die Frage des Herrschens. Hier sitzt meiner Meinung nach der größte Denkfehler. In jedem Fall sind wir auf zahllose Weisen gerufen zu regieren! Der Mann ist das Haupt seiner Frau und der Familie, er kann Direktor in einer Schule oder einem Betrieb sein, er kann Vorsitzender einer Stiftung oder eines Vereins oder Leiter in einer Gemeinde sein. Wir nennen das wohl zwar nicht „regieren“, aber das Prinzip des Ausübens von Autorität ist natürlich genau dasselbe wie das Ausüben von Regierung über eine bürgerliche Gemeinde, eine Provinz oder einen Staat.

Es ist doch eigentlich wohl etwas inkonsequent, dass einige Christen Referendare in einer bürgerlichen Gemeinde oder selbst als nicht-politisch gebundene Person zum Bürgermeister bestimmt sind und zugleich aus Prinzip nicht wählen wollen, um sich nicht selbst zur Wahl zu stellen (ich kenne solche Fälle!). [Dies ist wohl eine Besonderheit in Holland; Anm. d. Red.] „Regiert“ ein Bürgermeister denn nicht? Ich weiß, dass es noch andere Gründe sein können, um sich in solchen Fällen nicht (aktiv oder passiv) mit Wahlen einzulassen, z.B. Argumente gegen das demokratische Prinzip; darauf komme ich gleich zurück. Aber in jedem Fall können sie nicht das Argument gebrauchen, dass Christen nicht „regieren“ dürfen.

Aber sind wir nun gerufen zu herrschen oder zu leiden? Heute sage ich: Das ist klar ein falscher Gegensatz. Das Ausüben von Autorität (in welcher Form auch immer) hat mit Struktur zu tun, das eventuelle Leiden als Christen bei dieser Autoritätsausübung hat mit der Richtung zu tun. Das bedeutet: Autoritätsausübung gehört zu meiner Position in vielen gesellschaftlichen Strukturen. So wie jemand gerufen sein kann, Leitung auszuüben in einer Familie, einer Schule, in einem Betrieb oder einem Verein, so kann jemand gerufen sein, eine bürgerliche Gemeinde, eine Provinz oder einen Staat zu leiten. Und wenn er diese Leitung durchführt als Christ, dann besteht in einer bösen Welt die Gelegenheit, dass er die Schmach des Christus tragen muss. Römer 8,17 sagt: Nun leiden wir mit Christus, bald regieren wir mit Christus; aber das bedeutet nicht, dass wir heutzutage keine Form von Autorität ausüben. Es bedeutet: Bald sollen wir als Könige mit Christus über die Erde herrschen (Off 5,10); dafür ist es, solange Christus nicht wiedergekommen ist, noch nicht der Zeitpunkt. Jetzt ist die Zeit der Leiden, auch da, wo wir gerufen worden sind, Autorität und Leitung auszuüben. In einer bösen Welt, die im Allgemeinen mit Gott und seinem Wort keine Rechnung hält, haben Christen zu leiden, ob das nun als Erwachsener oder als Kind ist, als Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, als Dozent oder als Student, als Obrigkeitsperson oder als Bürger.

„Wo steht das …?“

Was das baldige Herrschen mit Christus betrifft, spielt bei unserem Standpunkt, was die Teilnahme am politischen Leben betrifft, oft natürlich auch unsere Vorstellung von der Zukunft eine Rolle. Früher sagte ich: Bald, im Tausendjährigen Reich, werden wir mit Christus regieren, und deswegen ist jetzt nicht die Zeit, um zu regieren. Aber dann entdeckte ich, dass einige Christen, die überhaupt nicht an ein tausendjähriges Reich glauben, in der heutigen Epoche doch politisch und kulturell sehr passiv sind („Weltvermeidung“), und dass einige Christen, die wohl an ein zukünftiges tausendjähriges Reich glauben, dadurch keinesfalls abgehalten werden, in unserem Zusammenleben und in unserer Kultur eine aktive Rolle zu spielen.

Das ist auch begreiflich. Wenn wir fleißig christliche Schulen gründen, Betriebe aufrichten nach christlichen Grundsätzen, christliche Stiftungen und Vereine (z.B. eine christliche Radiosendung) ins Leben rufen, warum dann nicht eine christliche politische Partei? Warum soll unsere gesellschaftliche Betroffenheit davor haltmachen? Wenn wir denn die Berufung dazu haben und die Gelegenheit haben, auch im gesellschaftlichen Bereich christliche Werte und Normen auszutragen, warum sollten wir dann nicht dankbar davon Gebrauch machen, ganz besonders dort?

Nun fragen einige Christen in solch einem Fall sofort: „Wo lesen wir in der Bibel, dass wir an Politik teilnehmen müssen?“ Es ist merkwürdig, dass solche Fragen allezeit nur gestellt werden, wenn es um Sachen geht, bei denen man selbst nicht eins ist! Aber diese Frage kann man auch bei zahllosen anderen Dingen stellen: „Wo lesen wir in der Bibel über (christliche oder nicht-christliche) Schulbetriebe, Vereine, Radiosendungen? Wo lesen wir in der Bibel über Telefone, Radios, Fahrräder und Autos, über Krankenhäuser, Narkose und Chirurgen, über Post, ADAC und Rentenfond?“ Alle Christen, die ich kenne, machen von allen diesen Sachen und gesellschaftlichen Möglichkeiten dankbar Gebrauch, auch wenn darüber nichts in der Bibel steht. Warum fragt man dann bei dem politischen Leben wohl, wo es in der Bibel steht?

Lasst mich eine Gegenfrage stellen: Wo lesen wir in der Bibel, dass der Statthalter Sergius, der zur Bekehrung kam (Apg 13,12), von Paulus den dringenden Rat bekam, sofort sein Statthalteramt niederzulegen? Wo bekam der Funktionär Publius diesen Rat (Apg 27,7-10)? Ist es in Wirklichkeit nicht prächtig, dass auf diese Weise auch ins Römische Reich christliche Statthalter kamen? Sollen sie für ungläubige Statthalter ihren Platz räumen? War das Gottes Absicht? Wo hören wir, dass Erastus, der Finanzbeamte in Korinth (Röm 16,23), nach seiner Bekehrung auf Bitten des Paulus direkt sein weltliches Amt niedergelegt hat? Ich frage das einmal speziell diejenigen, die an biblischen Grundsätzen nicht genug haben und gerne Beweistexte haben wollen.

Die „Welt“

Ich komme noch einmal zurück auf das Wort „Weltvermeidung“. Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass in dem Denken vieler Christen tatsächlich ein großes Stück reiner Gnostik sitzt. Damit meinen wir in diesem Fall – Gnostik hat viele Bedeutungen –, dass Christen das Böse vor allen Dingen in bestimmten Lebensbereichen suchen. Die „böse Welt“ ist dann ein bestimmtes „Terrain“ außerhalb der Kirche – wir sprechen sogar von „Kirche und Welt“ –, wo Sünde und Satan herrschen. Dazu gehört dann für viele Christen vor allen Dingen die Politik, aber auch in höherem Maße die Kunst, die Wissenschaft und in extremen Fällen die Kultur im Allgemeinen. Das ist ein ernster Denkfehler und so typisch wieder eine Verwirrung von Struktur und Richtung.

Die Strukturen (insoweit sie zurückgehen auf echte Schöpfungseinrichtungen) sind als solche nicht falsch – die hat Gott immerhin selbst geschaffen oder eingestellt. Aber die Strukturen können beeinflusst werden durch die abgefallene Ausrichtung des menschlichen Herzens. Wo Kunst und Wissenschaft durch Ungläubige ausgeübt wird, haben wir zutiefst mit abgefallener Kunst und Wissenschaft zu tun. Aber das bedeutet nicht, dass Kunst und Wissenschaft als solche verwerflich sind. Kunst und Wissenschaft können umgebogen werden zu Gott hin – so wie Gott es gedacht hat –, wenn sie durch Gläubige in Unterwerfung an sein Wort ausgeübt würden. Dann wird der Glanz des Wortes Gottes auch auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft sichtbar.

Genauso ist es mit der Politik. Nicht die Politik, nicht dieses gesellschaftliche Steuerungsinstrument als solches ist verkehrt, denn auch diese Sache ist von Gott eingestellt. Kein Gläubiger würde jemals dafür sein, die Politik abzuschaffen!? Stärker noch: Strukturell ist die Obrigkeit nicht allein von Gott eingestellt, sondern selbst „Gottes Dienerin“ (Röm 13,1-4). Allein: Die Politik sieht oft dadurch so verkehrt aus, weil ihre Ausrichtung oft nicht in Ordnung ist, d.h., weil so viele von Gott abgefallene Menschen darin aktiv sind. Aber auch in der Politik können gläubige Menschen sich nach Gottes Wort ausrichten und dann wird die Politik ein kleines bisschen – mehr nicht, denn wir leben nun einmal in einer gefallenen Welt – umgebogen zu dem Dienst Gottes hin. Strukturell sind alle Obrigkeitspersonen Diener Gottes; würde es dann nicht schön sein, wenn sie auch von Herzen ausgerichtet sein würden als echte Diener Gottes, die nach Ihm und seinem Wort fragen?

Die Sünde, die „böse Welt“, ist nicht ein bestimmtes Gebiet (Kunst, Wissenschaft, Politik oder Kultur im Allgemeinen), von der wir uns fernhalten müssen, um nicht „beschmutzt“ zu werden. Nein, die Sünde sitzt in unserem eigenen Herzen. Darum ist die Gegenüberstellung „Kirche und Welt“ völlig verkehrt, denn die Welt offenbart sich auch mitten in der Kirche, nämlich dort, wo Christen sich auch in der Kirche durch das sündige Fleisch leiten lassen. Überall, wo sich die abgefallene Ausrichtung des Herzens offenbart, das heißt auch, wo die Sünde sich bei Christen offenbart, da ist die „Welt“, das „Reich von Satan“, ob es nun in der Kirche oder in dem Staat ist, in der Kunst und in der Wissenschaft. Und umgekehrt überall, wo der Gehorsam an Gott und sein Wort sich offenbart auch in Kunst, Wissenschaft, Politik und im Zusammenleben, da wird Gott geehrt und gedient, da offenbart sich das Reich Gottes.

Himmlisch sein auf der Erde

Ich denke, dass ein verkehrtes Verstehen des Ausdrucks „Himmelsbürger“ schuld daran ist, dass so viele Christen einer starken Kulturvermeidung verfallen sind und damit den größten Teil des kulturellen und zwischenmenschlichen Zusammenlebens völlig der Macht des Feindes preisgegeben haben. Man meint dann, dass Himmelsbürgerschaft beinhaltet, dass man so viel Zeit wie möglich mit himmlischen Dingen beschäftigt ist. Aber ich beeile mich zu sagen, dass viele Christen viel zu wenig Zeit mit himmlischen Dingen beschäftigt sind. Sie begreifen viel zu wenig davon, was es bedeutet, „in Christus in die himmlischen Örter versetzt zu sein“, wo all unsere geistlichen Segnungen zu finden sind (Eph 2,6; 1,3). Auch verstehen zu wenig Christen etwas von unserem wahren Leben, das mit Christus verborgen ist in Gott (Kol 3,3). Sie sind viel zu beschäftigt mit stofflichen Dingen und viel zu wenig darauf ausgerichtet, das ewige bzw. das wahre Leben zu ergreifen (1Tim 6,12,17-19).

Aber umgekehrt machen die „Kulturvermeider“ da einen ebenso großen Fehler. Schauen wir uns nur die drei paulinischen Briefe an, aus denen ich gerade zitiert habe. Gerade der Epheserbrief und der Kolosserbrief legen den größten Nachdruck darauf, dass unsere Himmelsbürgerschaft enorme Konsequenzen hat für die Weise, wie wir Ehegatten und Ehegattinnen, Eltern und Kinder, Meister und Sklaven sind – also in rein irdischen Dingen! Meister und Sklaven haben wir (glücklicherweise) nicht mehr – stattdessen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Dozenten und Lehrlinge/Studenten, Vorsitzende und Mitglieder, Obrigkeiten und Bürger. Der Hauptpunkt in den Briefen an die Epheser und die Kolosser ist nicht, wie wir uns in diesem Leben auf den Himmel vorbereiten, sondern wie wir gerade in unseren rein irdischen, zwischenmenschlichen Beziehungen als Bürger des Himmels leben können, wie wir sozusagen ein Stück Himmel auf Erden bringen.

Und schauen wir einmal in den 1. Timotheusbrief. Dieser Brief sagt uns, dass jedes Geschöpf und alles Geschaffene – und auch alle Schöpfungsstrukturen, alle von Gott gegebenen zwischenmenschlichen Beziehungen – gut ist und nichts verwerflich ist, wenn wir es mit Danksagung nehmen, sondern es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet (1Tim 4,4). Das heißt doch: Alle Schöpfungsstrukturen sind gut, aber ob wir auch richtigen Gebrauch davon machen, hängt von der Ausrichtung unserer Herzen ab; denn wenn wir davon in eigener Kraft und in Unabhängigkeit von Gott Gebrauch machen, liegen wir falsch, ob wir nun „Kulturvermeider“ oder „Kulturnachjagende“ sind. Oder wir tun es in Abhängigkeit von Gott unter der Heiligung durch sein Wort und Gebet, und dann ehren und dienen wir Ihm in allen Lebensbereichen, in allen Lebensgemeinschaften und -beziehungen.

Nächster Teil


Erschienen in einer Zusammenstellung von Aufsätzen zum Thema Politik von J.J.Frinsel sr. e.a.
Titel: „Vreemdelingschap en politiek“ (1994)

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