Der „Mann der Schmerzen“
Jesaja 52,13–53,12

Frederick Charles Jennings

© SoundWords, online seit: 05.04.2011, aktualisiert: 26.03.2018

Leitverse: Jesaja 52,13–53,12

Aufbau des Kernstücks des Buches:

  • Bedeutung
  • Zusammenhang mit dem Pentateuch Moses
  • Darstellung dieses Pentateuchs

In unserem Buch stehen wir nun genau auf der Schwelle zum Allerheiligsten, und wir tun gut daran, mit Ehrfurcht einzutreten, damit auch nicht eine einzige Spur von Irdischem dieses Heiligtum verunreinigt. Seine Wände sind sicherlich weißer, als irgendein Walker auf Erden sie weiß machen könnte. Wird nicht wenigstens einer der Leser mit mir flehen, dass der Geist, der ebenso heilig ist wie dieser Text der Schrift, uns vor Irrtum bewahre, uns in die Wahrheit leite und uns die Dinge, die Christus betreffen, in Erinnerung bringe, um unsere unsteten Herzen zu Ihm zu ziehen und sie für immer festzuhalten?

Dieser Abschnitt ist das Herzstück Jesajas. Beim Nachsinnen über die Bedeutung des Namens Jesaja, erkennen wir, dass das Innerste der „Rettung des Herrn“, das Herz Gottes, sich hier dem ehrfürchtigen Glauben und der dafür empfänglichen Liebe offenbart. Wen anders könnten wir erwarten hier zu finden als nur den, dessen Wohnung von Ewigkeit her in seinem Schoß war und der Ihn verließ, um Sündern seine Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen (Joh 1,18)?

Bevor wir eintreten, wollen wir einen Gesamtüberblick des Textes gewinnen: die Wachtürme bestimmen, die Befestigungen markieren, seine Paläste betrachten, uns an der Schönheit und Festigkeit seiner Bauart erfreuen. Auf diese Weise werden wir an das Thema herangeführt: unseren Herrn selbst!

Es ist leicht, festzustellen, dass die Aufgliederung in Kapitel von Menschenhand herrührt; sein Aufbau nimmt eindeutig dadurch Schaden, seine Bedeutung wird verschleiert. Wenn wir jedoch bedenken, dass die Einteilung in Verse in der hebräischen Poesie genauso göttlich inspiriert ist wie der Text selbst, stellt man bei näherer Betrachtung fest, dass die nun folgenden fünfzehn Verse in fünfmal drei Verse unterteilt werden können. „Drei“ und „fünf“, wie schon bemerkt, beschreiben in diesem Zusammenhang die vitale Verbindung von Gott (3) und Mensch (5). Aber sogleich fragt man sich, auf wen sonst sich diese Vereinigung beziehen könnte als auf das „Wort, das im Anfang Gott war“ (Joh 1,1) und doch „Fleisch wurde und unter uns wohnte“ (Joh 1,14). Damit ist kein anderer als Immanuel gemeint, was übersetzt heißt „Gott mit uns“ oder, in anderer Form, Jesus, was übersetzt bedeutet „Erretter“. Daher drückt dieser Name beides aus: Mensch und Gott, der über allem ist und gepriesen sei in Ewigkeit, denn Gott selbst sagt: „Außer mir ist kein Erretter“ (Jesus).

Diese fünf Abschnitte bilden einen zweiten Pentateuch, der frappierende Ähnlichkeit mit dem ersten Pentateuch der Bibel hat. Daher bilden die ersten drei Verse die Genesis, die Entstehung dieser Weissagung, denn ebenso wie das erste Buch unserer Bibel beinhalten sie den Ursprung alles sich daran Anschließenden.

Beim Betrachten dieses Textes fallen uns die unbezwingbaren Befestigungen auf, die allen Formen von Unglauben widerstehen, die Wachtürme, von denen aus unser Glaube verteidigt wird, und noch ein anderer Turm, der wirklich grob und schmucklos aussieht. Doch gerade diese Merkmale finden wir anziehend, da allein sie in vollem Einklang mit dem gewichtigen Thema stehen. „Es gibt nur zwei Texte, in denen die Ausdrucksweise rauer, verschleierter und gewichtiger wird, nämlich in den Kapiteln 53 und 57. Im ersteren herrscht der Eindruck der Traurigkeit vor, im letzteren der des Zorns“ (Delitzsch). Wenn es sich so verhält, dürfen wir hier nicht den früheren gleichmäßigen und fröhlichen Klang erwarten, der einer metrischen Fassung mit wenig Veränderung ähnelt. Das Thema bleibt harsch, geradeso wie sein Gegenstand.

Kapitel 52,13-15

Jes 52,13-15: 13 Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein. 14 Wie sich viele über dich entsetzt haben – (so entstellt war sein Aussehen, mehr als irgendeines Mannes, und seine Gestalt, mehr als der Menschenkinder). 15 Ebenso wird er viele Nationen in Staunen versetzen[1], über ihn werden Könige ihren Mund verschließen. Denn sie werden sehen, was ihnen nicht erzählt worden war; und was sie nicht gehört hatten, werden sie wahrnehmen.

„Siehe“ ist selbstverständlich eine Aufforderung Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erden, wie die einleitenden Verse des ersten Buches Mose – der Genesis – Ihn uns vorstellen. Er fordert uns auf, dem Einen, seinem Knecht, allerhöchste Aufmerksamkeit zu schenken. Wer kann denn dieser Knecht sein? Wo kann man Ihn ausfindig machen, um Ihm Beachtung zu schenken? Das Wort „Knecht“ in diesem Vers (siehe auch Jes 42) kann sich auf drei verschiedene Begriffe beziehen: zum einen auf das ganze Volk Israel, zum anderen auf den gläubigen Überrest und darüber hinaus auf den Messias. Wer genau ist in diesen Versen gemeint?

Der Großteil des leidenden jüdischen Volkes in der Zerstreuung hat diese Prophezeiung schon immer auf sich selbst bezogen und behauptet, dass Israel der besagte Knecht sei. In den folgenden Sätzen testen wir diese Hypothese: „Der Herr hat dieses Volk treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit.“ – „Dieses Volk ist weggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht. Und wer wird sein Geschlecht aussprechen?“ – „Man hat das Grab dieses Volkes bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist dieses Volk gewesen in seinem Tod.“ Müssen wir fortfahren? Eine Widerlegung dieser Theorie lohnt sich nicht, sie widerlegt sich selbst.[2]

Der bescheidene „Überrest“ würde gar nicht erst solchen Anspruch erheben. Somit drängt sich uns die schlichte Wahrheit auf, dass damit niemand anders als Jesus von Nazareth gemeint ist, der wahre Messias Israels, unser Erlöser. Die Übereinstimmung aller Einzelheiten ist so klar, so einfach, so wunderbar, dass es unerklärlich ist, wie jemand mit gesundem Menschenverstand seine Bedeutung in Frage stellen kann, dass ein logisch Denkender seinen Verstand ausschließt. Solch ein fleischlich Gesinnter widersetzt sich allem Göttlichen und steht unter der Herrschaft eines mächtigen und heimtückischen Feindes.

Die ersten Worte offenbaren uns genau den Gleichen, von dem der Geist in den vorhergehenden Kapiteln sprach, die zu diesem Höhepunkt hinführen. Er war es, dessen Ohren geöffnet wurden; Er war es, der den vor Ihm liegenden Pfad des Leidens und der Schande erkannte und bereit war, ihn zu gehen. Er lernte, das Böse zurückzuweisen und das Gute zu wählen. Hier sieht man Ihn als jemand, der diese Wahl weise trifft. Er ging diesen Weg, weil die Schriftrolle Ihn klar auf das Kreuz und die darauf folgende Herrlichkeit hinwies.

Er handelte sehr weise, um seinen Erfolg sicherzustellen. Die Worte „einsichtig handeln“ bedeuten so viel wie „erfolgreich sein“, und man kann tatsächlich beide Begriffe hier erkennen: Mit ein und demselben Wort ist beides gemeint: klug handeln und Erfolg haben. Sein weises Handeln führte Ihn hin bis zu grenzenlosem Leiden, und dadurch erreichte Er sein Ziel. Die erste Zeile handelt also von diesem „weisen“ Leidensweg, der am Kreuz endete.

Die nächsten drei Zeilen beschreiben das dreifache Ergebnis seines weisen Handelns. Erstens wurde Er erhoben aus dem Abgrund der Erniedrigung, wo dieser Leidensweg Ihn hingeführt hatte: dem Grab. Dann wurde Er erhöht, als seine Füße sich vom Ölberg abhoben und eine Wolke Ihn einhüllte, und schließlich erhielt Er den allerhöchsten Platz im Universum. Diese wenigen Worte schildern die ganze Laufbahn des Messias: Er verließ den Thron als Gottessohn und nahm ihn wieder ein als Menschensohn. All das entfaltet sich in der Genese dieses Pentateuchs.

Der Vers 14 handelt wieder von den Tiefen seiner Erniedrigung: „Wie sich viele über dich entsetzt haben …“, gefolgt von einer erklärenden Zwischenbemerkung: „so entstellt war sein Aussehen, mehr als irgendeines Mannes, und seine Gestalt, mehr als der Menschenkinder“. Hier müssen wir uns nun wirklich von manch einem Kommentatoren distanzieren (auch von Delitzsch), denn sie beziehen dieses entstellte Aussehen auf das Äußere unseres Herrn: als ob zu seinen Lebzeiten seine Erscheinung bis zur Unkenntnis verzerrt gewesen sei. So eine Deutung muss mit Entsetzen abgelehnt werden. Kleine Kinder, deren Gespür unfehlbar ist, kamen gerne zu Ihm, saßen auf seinem Schoß oder bargen sich an seiner Brust. Sie wurden von Ihm angezogen und nicht abgestoßen, weder von seinem Gesicht noch von seiner Erscheinung. Wie hätte Er zu diesem Zeitpunkt unmenschlich aussehen können?

Ohne Frage weisen jedoch diese Worte hin auf die Tiefen seiner Leiden und dessen Folgen auf sein Äußeres. Bis zum Glockenschlag zwölf an diesem fatalen Tag im April des Jahres 32 unseres Zeitalters (nach der ziemlich sicheren Chronologie von Sir Robert Anderson) werden die Verbrecher rechts und links von Ihm gleichermaßen gelitten haben. Vielleicht war Jesu Leiden auch schwerer aufgrund der vermehrten Empfindsamkeit seines makellosen menschlichen Körpers. Doch drei Stunden lang, und nur drei Stunden, litt Er tatsächlich „mehr als irgendein Mensch“, so dass sein Gesicht über die Maßen verzerrt wurde. Ohne Zweifel hat Gott einen Schleier gezogen über diese Qual, um feierlich anzudeuten, dass niemand die ganze Tiefe dieses Martyriums „sehen“ oder erfassen kann. Doch das heilige Schweigen der Evangelien wird ergänzt durch die göttlich inspirierte Beschreibung des Propheten Jesaja. Von diesem unvergleichlich harten Todeskampf berichtet uns Gott selbst das, was Er in dieser großen Finsternis sah. Wie groß muss sein eigener Schmerz gewesen sein, denn dieser am Kreuz Leidende war sein geliebter Sohn!

Wir müssen besonders beachten, dass sein Antlitz verunstaltet wurde, d.h., es war nicht so von Geburt an. Etwas war also vorgefallen, dass dieses Gesicht entstellt wurde. Es war so anziehend gewesen für kleine Kinder und besonders für reumütige Sünder. Es wäre nicht richtig, die Reichweite der ersten Linie des Verses 14 zu begrenzen und zu glauben, dass nur geistlich blinde, verachtungswürdige Menschen sich entsetzt hätten. Auch Engel, die darauf brannten, einen Einblick in dieses heilige Geheimnis zu gewinnen, fehlten gewiss nicht bei diesem schrecklichen Geschehen. Sie waren sicher zutiefst überwältigt von dem freiwilligen, stellvertretenden Todeskampf ihres Schöpfers.

Der Vers 15 nimmt die Aussage der ersten Linie von Vers 14 wieder auf: „Wie sich viele über dich entsetzt haben“ (wegen der beispiellosen Erniedrigung des Einen, der so vollkommen war), „ebenso wird er viele Nationen in Staunen versetzen.“ Selbst Könige werden sprachlos vor Verwunderung, denn so etwas übersteigt alles bisher Dagewesene.

Der erste Abschnitt, oder die Genese, endet mit der Vorhersage von etwas Wunderbarem für diejenigen, die so etwas noch nie gesehen oder gehört hatten: die anderen Nationen, die keine Offenbarungen und keine Prophezeiungen von Gott empfangen hatten so wie Israel. Am Anfang des zweiten Abschnitts des Pentateuchs (Exodus) identifiziert sich der Prophet mit dem Volk in seinem demütigen Sündenbekenntnis und klagt bitterlich über dessen Verblendung und Unglauben. Daher ähnelt dieser Text stark dem Exodus des Alten sowohl als auch dem des Neuen Testaments (der Apostelgeschichte). In beiden Büchern wird Israel die Rettung angekündigt, und in beiden wird auch die Ablehnung derselben beschrieben: „Diesen Mose, den sie verleugneten, indem sie sagten: Wer hat dich zum Obersten und Richter gesetzt?, diesen hat Gott zum Obersten als auch zum Retter gesandt.“ – „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr“ (Apg 7,35.51). Die Geschichte wiederholt sich. Aber jetzt steht der Prophet mit niedergeschlagenen Augen, ganz so wie der Zolleinnehmer oder wie dieser andere bedeutende Mann, Daniel. Er macht sich eins mit seinem Volk, bekennt ihre Sünden und klagt:

Kapitel 53,1-3

Jes 53,1-3: 1 Wer hat unserer Verkündigung[3] geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbar geworden? 2 Und er ist wie ein Reis vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten. 3 Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen[4] und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet, und wir haben ihn für nichts geachtet.

Um die gewaltige Aussage zu erfassen, müssen wir uns klarmachen, dass der erste Abschnitt eng zusammenhängt mit dem Schluss des vorigen Kapitels. Dort erhielten Nichtjuden und ihre Könige eine Ankündigung, über die sie sich wunderten; jedoch galt diese Prophezeiung – so sagt der Prophet Israels – zuerst uns. Sie war für uns bestimmt, zu uns gesandt: Aber wer unter uns glaubte daran? Der Arm ist der Körperteil, durch den eine Arbeit erledigt wird, die besondere Kraft erfordert. Der Arm führt das aus, was der Wille diktiert. Gibt es ein treffenderes Bild für den, der in der Tat der Arm Gottes war? Und wer tat so wie dieser Arm mit Freuden den Willen Gottes? Er wirkte so mächtig, dass niemand anders gefunden werden konnte, selbst wenn man den Himmel, die Erde und die Orte unter der Erde durchsucht hätte (vgl. Off 5,3).

Doch wem wurde dieser Arm offenbar? Wer erkannte in diesem demütigen Menschen den mächtigen Arm Gottes? Israel hatte wiederholt gerufen: „Wache auf, wache auf, du Arm des Herrn!“ Aber als der Arm erschien, wer erkannte Ihn? Konnte Er, der angeblich der Sohn eines Zimmermanns war, der Arm des Herrn sein? Konnte Er, der verborgen und unbekannt in diesem einfachen Haus im verachteten Galiläa wohnte, der Arm des Herrn sein? Niemals konnte etwas Gutes aus Nazareth kommen (Joh 1,46); konnte der Arm des Herrn überhaupt von dort sein? Und als Er dann tatsächlich von dort kam, wurde Er von allen abgewiesen, selbst von denen, die wir für die Ehrbaren, Weisen, Angesehenen und religiösen Führer des Volkes gehalten hatten. Ist es möglich, dass Er, der von all jenen verachtet war, doch der Arm des Herrn war? Wir erwarteten einen ganz anderen. Unser hochmütiger Blick ging in eine ganz andere Richtung. Wir erhofften einen mit „königlichem Banner und allem, was dazugehört, mit Ansehen, Pomp und Prunk herrlichen Krieges“ und der Israels Heerscharen anführen würde wie der Oberste des Heeres des Herrn in lang vergangenen Zeiten (Jos 5,14) und der uns im Siegeszug von der römischen Besatzung befreien würde. Das wäre in unseren Augen großartig gewesen! Voller Freude hätten wir uns um so einen geschart! Doch mit diesen hochtrabenden Erwartungen, was konnten wir Ehrenwertes finden in diesem unscheinbaren Mann? Er weinte mit den Weinenden; Er war ein Mann vieler Schmerzen, der sich nur wenige Augenblicke mit den sich Freuenden freute.

Langsam fällt der Schleier von den Augen unseres Herzens, und wir erinnern uns, dass das Passahlamm nie vor dem Zehnten des Monats bestimmt und abgesondert wurde. In den ersten zehn Tagen unseres Jahres [das jüdische Jahr beginnt im Frühjahr; Anm. d. Übers.] kennt nur der Herr das Passahlamm, und nur seine Augen ruhen mit Wohlgefallen auf Ihm. Niemand anderes weiß es! So ist es auch mit unserem Messias; auch Er war verborgen und wurde als Lamm Gottes erst dann bezeichnet, als dreißig Jahre vergangen waren. So wuchs Er vor Ihm alleine heran.

Das Haus Davids glich lange einem gefällten Baum, und Jahrhunderte vergingen, bis ein Nachkomme Davids auf seinem Thron saß. Aber siehe da, aus den Wurzeln des gefällten Baumes wächst ein sich gut entwickelnder Spross heran, während alles andere ausgedörrt, trocken und abgestorben ist. So wuchs Er heran, eine menschliche Blume, wie sie lieblicher weder Gott noch Mensch zuvor auf Erden gesehen hatten. Und doch, als Er an die Öffentlichkeit trat und anfing zu wirken, Gutes tat, die Schmerzen der Menschen teilte sowie auch linderte, wurde Er von unseren Führern verachtet. Und leider wurde Er auch von uns, die wir nun unseren Unglauben beklagen, nicht geachtet. Wir handelten wie Menschen, die sich von einem Gegenstand abwenden, an dem sie kein Interesse haben.

Die traurige Menschheitsgeschichte wiederholt sich in unseren Tagen. Wir stehen kurz vor dem erneuten Kommen des Herrn Jesus. Und wieder wenden sich die Ehrbaren, die Gelehrten und die rein religiösen Menschen von dem ab, der einzig die „Kraft Gottes zur Errettung“ ist: dem wahren Arm des Herrn.

So wie damals, als nur einige wenige, die sich ihrer Hilflosigkeit bewusst waren, an Ihn klammerten, so ist es auch heute: Die Geschichte wiederholt sich. Nur verhältnismäßig wenige treibt die Last ihrer Sünden zu seinen Füßen. Denjenigen allerdings erscheint Er weit begehrenswerter als alle Kostbarkeiten der Welt. Allein bedauern wir die geringe Vertrautheit mit Ihm. Darf ich annehmen, dass unsere ausgetrockneten Herzen nach Ihm dürsten und danach verlangen, Ihn besser zu kennen? Denn Ihm allein, der für uns der „Arm des Herrn“ geworden ist, verdanken wir unsere Errettung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Damit kommen wir zum dritten Teil dieser Prophetie, dem dritten Buch des Pentateuchs (Leviticus), das uns ins Heiligtum mit den vielen damit verbundenen Opfern führt. Hier sehen wir das eine Opfer, das all diese Schattenbilder ersetzt hat und durch das wir sogar Zugang zum Allerheiligsten haben. Die nächsten drei Verse enthüllen das Geheimnis dieser Leiden. Wir sollten gut hinhören, nicht gleichgültig, sondern mit Ergriffenheit über diese Offenbarung. Denn das hier Geschriebene geht uns persönlich in höchstem Maße an.

Kapitel 53,4-6

Jes 53,4-6: 4 Doch er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen. Und wir, wir hielten ihn für bestraft[5], von Gott geschlagen und niedergebeugt; 5 doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. 6 Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; und der Herr hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit.

Wie überwältigend sind diese Verse! Sie werfen ein heiliges Licht auf jenes Leiden, das durch eine dreistündige Finsternis auf Golgatha dem menschlichen Auge verborgen blieb. Die Aussagen sind so klar und deutlich, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie vor mehr als 700 Jahren vor ihrer Erfüllung geschrieben wurden.

Das erste Wort in Vers 4 ist das „Amen“, das auch im Neuen Testament vorkommt und das unser Herr Jesus so oft verwendete. [Die Wurzel bedeutet so viel wie „so sei es, wahrhaftig, wirklich, fürwahr, wahrlich“; Anm. d. Übers.] Es drückt den höchsten Grad einer Bestätigung aus. Niemand sollte auch nur im Geringsten über die wahre Ursache dieser unvergleichlich schweren Leiden im Zweifel sein. Ganz sicher hatte dieser Grund nicht existiert in seinem Leben, das dem Vater wohlangenehm war. Nein, nur durch die drei letzten Stunden am Kreuz erfahren wir etwas darüber.

Keine Peitsche, die seinen Rücken pflügt, keine Dorne, die seine Stirne aufreißt, kein Nagel, der seine Hände und Füße durchbohrt, kann Ihm auch nur ein Stöhnen abringen. Es bedarf noch tieferer Qual, um den Schrei „Eli, lama sabachtani“ auszulösen. Was konnte der Grund für noch mehr Qualen sein?

Zur Mittagsstunde verstummen die Spötteleien der Menschen. Die sonst so helle Sonne verdunkelt sich. Kein Licht fällt auf diese heilige Szene, während meine Sünde auf Ihm liegt. (Möchtest du dich mir anschließen mit gebeugtem Haupt und niedergeschlagenen Augen?). Gott […] verlässt Ihn deshalb, und die Schläge seiner Rute treffen Ihn; verglichen damit waren die römischen Peitschenhiebe sanft. Einzig davor schreckte seine unschuldige Seele zurück, so dass sogar im Voraus sein Schweiß wie große Blutstropfen wurde. Und doch war auch dieser Vorgang im Garten nur ein Schatten dessen, was Ihn erwartete. Wie unerträglich muss erst die Wirklichkeit gewesen sein? Könnten wir das nur ein ganz klein wenig ermessen, würden unsere Herzen nicht so geteilt sein. Wir würden unser Leben nicht so selbstsüchtig vergeuden, wie wir es leider oft tun. Wir wollen uns einsmachen mit den Worten dieses angesehenen Mannes in biblischen Zeiten: „Mit dem Gehör des Ohres haben wir von dir gehört, aber nun haben unsere Augen dich gesehen. Darum verabscheuen wir uns und bereuen in Staub und Asche.“ Wenn dieser Anblick nicht Reue und Buße bei uns auslöst, was sonst kann uns dazu bewegen?

Gerne hätten wir es uns erspart, diese tiefgehenden Betrachtungen zu verlassen. Doch es ist unumgänglich, eine seltsame und falsche Auslegung dieser Worte zu untersuchen. In Matthäus 8,16.17, dem ersten Evangelium des Neuen Testaments, lesen wir: „Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten.“ Aus dem letzten Satz schließen manche, dass der Herr Jesus damals in seinem Leben die Krankheiten anderer getragen hätte und dass daher die Seinen nie krank werden dürften! Jedoch ist Er nie krank oder schwach geworden. So trug er die Krankheiten bestimmt nicht. Als Er einen Mensch mit einer verdorrten Hand heilte, hatte das keine Auswirkung auf Ihn selbst. Sein Körper war nicht den Schwachheiten unterworfen, die unser Los sind. Unsere Gebrechen sind eine Folge der Sünde, die in die Welt kam. Zwar unterwarf Er sich freiwillig den sündlosen Schwächen wie Hunger, Durst und Müdigkeit, aber Er hatte durchaus nichts gemein mit den Folgen des Kommens der Sünde in die Welt. Er wurde in allem versucht (auf die Probe gestellt) in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde (Heb 4,15).

Warum schreibt denn Matthäus, dass Er „unsere Schwachheiten nahm und unsere Krankheiten trug“? Unmöglich konnte es nur aus Mitleid mit den leidenden Menschen sein. Der Herr Jesus traf überall auf die bitteren Folgen der Sünde wie Besessenheit, Krankheit, Schmerz, Missbildungen, Tränen, und heilte immer. Aber obwohl Er auf Erden Macht und Autorität hatte, die Auswirkungen der Sünde oder die Strafe dafür zu beseitigen (Mk 2,10), übernahm Er selbst die Verantwortung für die Ursache. Er allein konnte das tun, da Er die Sünde, die solche Leiden verursacht hatte, an „seinem Leib auf dem Holz tragen“ [1Pet 2,24] würde. Niemals konnte Er, als die Zeit gekommen war, einen einzigen Schmerz wegnehmen, ohne auch die Sünde zu tragen, die diesen Schmerz verursacht hatte. So wie der kleinste Seufzer oder eine einzige Träne die Existenz der Sünde beweist, genauso ist das Stillen des Seufzens und des Weinens ein Beweis für die Sühnung der Sünde. Nichts anderes im ganzen Universum hätte das zustande bringen können als nur diese Leiden am Kreuz während der letzten drei Stunden. Matthäus berichtet uns, dass Er unsere Leiden getragen hat, damit die Prophezeiung Jesajas sich erfülle. Das damals Geschehene war nur ein Bild (so wie seine Taufe im Jordan ein Bild war von der Erfüllung der Gerechtigkeit), doch für die endgültige Erfüllung müssen wir alleine zum Kreuz blicken.

Wenn die Ursache der Sünde nun weggenommen ist, warum sind seine Folgen nicht beseitigt, wenigstens für die, die in Reue und Glauben die Versöhnung für sich in Anspruch genommen haben? Warum werden Gläubige noch mit Krankheit und Tod konfrontiert? Weil alles Handeln Gottes mit den Menschen abhängt von dem Platz, den sein geliebter Sohn einnimmt. Er wird immer noch abgelehnt und erhält noch nicht die Ihm gebührende Ehre. Sein Versöhnungswerk ist zwar vollkommen und vollständig abgeschlossen hinsichtlich der Forderung Gottes – „Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt“ –, die tatsächliche Anwendung auf unser Leben liegt jedoch noch in der Zukunft. Die Sünde haftet unserem Körper noch an. Warum würden wir sonst ermahnt, durch den Geist die Handlungen des Leibes zu töten (Röm 8,13)? Wir warten noch darauf, tatsächlich in den Stand von Kindern Gottes versetzt zu werden (d.h. Gott anzugehören und öffentlich als seine Kinder anerkannt zu werden), dann, wenn auch unser Körper erlöst sein wird (Röm 8,23). Bis jetzt wird der Herr Jesus noch abgelehnt, und der Geist Gottes befindet sich noch hier auf der Erde. Daher besteht der Segen Gottes nicht in Heilung von Krankheiten – unser Körper steht noch unter der Macht des Todes (Röm 8,10) –, sondern in „jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern“ (Eph 1,3), entsprechend dem Platz, den Christus und der Heilige Geist jetzt noch einnehmen.

Er war sündlos und fleckenlos; Er hat unsere Sünden nicht während seines Erdenlebens getragen und hat sie auch nicht bis an das Kreuz getragen – sein Leben lang hatte Er sich im Wohlgefallen seines Vaters gesonnt –, sondern als fleckenloses Lamm opferte Er sich selbst und trug unsere Sünden nur, als Er am Kreuz hing.

In Vers 5 fällt das Licht Gottes auf diese Leiden und macht auf ergreifende Weise klar: Wir waren die Übertreter und Er wurde bestraft; wir hatten gesündigt und Er wurde dafür geschlagen. Wir waren schuldig, Er erlitt den Tod, der Sünde Lohn! Unsere Worte müssen jetzt verstummen, denn Stille kann mehr ausdrücken als Worte. Hinter den Schlägen, den Wunden, dem Tod, ahnen wir etwas von seiner Liebe zu uns.

Was sich jetzt vor unseren Augen entfaltet, nehmen die intelligentesten der Geschöpfe mit tiefem Erstaunen wahr. Wie gerne würden sie diese unerforschlichen Tiefen noch mehr ergründen! Dieser Gott, von dem wir uns alle in verschiedene Richtungen entfernt haben, sollte veranlasst haben, dass unser aller Ungerechtigkeiten wie eine gewaltige Flut von stinkenden Abwässern in einem Schwall sich an einen bestimmten Ort ergießen sollten – auf Ihn, der Ihm am teuersten war? Wie ist es möglich, einem solchen Gott fernzubleiben? Uns erwartet nicht nur Brot, sondern eine Umarmung; nicht der Rang eines Knechts, sondern des Vaters Brust; nicht die Kleidung eines Lohnarbeiters, sondern der beste Anzug. Wäre das hinreichend bekannt, welcher verlorene Sohn würde nicht nach Hause zurückeilen? Ich möchte meinen Leser an die Hand nehmen und mit ihm zusammen so zu diesem Gott rufen: „Oh, mein Vater, lass mich für den Rest meines Lebens in dieser Welt nahe bei Dir bleiben, denn Du hast mich so teuer erkauft. Oh, Gott mein Vater, lass die Liebe, die Ihren einzigen Sohn für mich Unwürdigen nicht verschont hat, mein unstetes Herz für immer an Dich binden. Ich habe mich von Dir entfernt, nicht nur als ich noch nicht wiedergeboren war, sondern selbst auch seitdem ich Deine Liebe kenne. Ich schäme mich und bitte Dich flehentlich, dass ich nicht wieder von Dir weggehe. Herr Jesus, wenn ich auch unbeschreiblich schwach bin, bleibe ich doch Dein Schaf, das Dich braucht. Du bist mein Hirte, der sogar sein Leben für mich gegeben hat. Ich flehe Dich an, halt mich nah bei Dir bis zu dem Tag, wo ich für immer bei Dir sein werde!“

Im Heiligtum haben wir des Herrn Jesu Leiden mit den Augen Gottes gesehen. Kehren wir nun zurück zum ersten Pentateuch der Bibel, denn auf das Buch über das Heiligtum, Leviticus, folgt Numeri, das Buch „in der Wüste“, wie es in der hebräischen Bibel genannt wird. In 4. Mose wird die Wüstenwanderung Israels beschrieben, einschließlich der Prüfungen, denen das Volk unterworfen war, und seines ständigen Versagens. Auch in Jesaja kommen wir gerade zu diesem Aspekt des Heilands Leiden: wie Er unter den Anfechtungen seitens der Menschen litt und doch standhaft blieb; Er versagte nie.

Kapitel 53,7-9

Jes 53,7-9: 7 Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf. 8 Er ist weggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht.[6] Und wer wird sein Geschlecht aussprechen?[7] Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen: Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen. 9 Und man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist.

Hier geht es um die Rückschau auf diese Leiden, die nun der Vergangenheit angehören. Diejenigen, die beschämt und zerknirscht über diesen Abschnitt nachsinnen, sind überwältigt von der demütigen Hingabe des Leidenden. Seine demütige Einwilligung in das unverdiente Leiden spricht einerseits an, und andererseits treibt es zur Anbetung; dieser Tatbestand drückt ein grundlegendes Element des Erlösungsplans aus. Wenn der Leidende aus Protest auch nur einen einzigen Seufzer ausgestoßen hätte, wäre die Freiwilligkeit seines Opfertodes vereitelt und seine Folgen unvorstellbar gewesen. Dann hätten die ungerechten Richter, die den Unschuldigen für den Schuldigen bestraften, vielleicht einen Grund gehabt. Wir erinnern uns, dass es Pilatus die Sprache verschlug, denn in seinem Amt hatte er oft mit Menschen zu tun, die lautstark protestierten und ihre Unschuld beteuerten. Diesem Mann hingegen drohte ein schrecklicher Tod, und doch stand Er schweigend und gefasst vor ihm; ein Mann, dessen bloße Gegenwart Bände sprach, obwohl kein einziges Wort über seine Lippen kam. Niemals war Schweigen so beredt! Niemals verkündete ein geschlossener Mund solch tiefgehende Wahrheiten! Hätte Er ein einziges Mal aufbegehrt, sich beklagt oder vielleicht Freude gezeigt im Blick auf das Kreuz, wo Er die Sünden tragen sollte, hätte das die Vollkommenheit seiner Person und sein Erlösungswerk völlig ruiniert. Kein menschliches Gehirn könnte sich etwas so Ausgewogenes ausdenken und keine menschliche Hand so etwas beschreiben. Ich wiederhole: Niemals war Schweigen so beredt!

Gott hat offensichtlich jedes seiner Geschöpfe auf Erden erschaffen, um unsichtbare göttliche Wahrheiten zu vermitteln; die Majestätischen, die Schönen, die Sanften unter den Tieren versinnbildlichen die moralische Anziehungskraft seines Sohnes. Der Löwe drückt die Würde des Sohnes aus, der Ochse seinen geduldigen Dienst; wird das Lamm stumm bleiben? Wenn es so ist, wird nicht gerade das Stillschweigen Jesu im Angesicht des Todes seine Liebe beweisen, die Ihn befähigte, „das Kreuz zu erdulden und die Schande nicht zu achten“ [Heb 12,2], damit Gott dadurch die Macht hat, zu retten, und Er selbst die Freude, sündige Menschen zu retten und mit ihnen die Freuden zu teilen, die Er zur Rechten Gottes genießt, die Er ohne das Leiden ewig hätte alleine haben können?

Im Innenhof zog man Ihn aus und bekleidete Ihn zum Spott mit einem königlichen Mantel. Doch hörte man kein Schimpfwort als Antwort auf das Gelächter der rauen römischen Soldaten. Dann folgte Golgatha; dort herrschte die gleiche unterwürfige Stille, die der Prophet siebenhundert Jahre vorher angekündigt hatte und über die wir heute, Tausende von Jahren später, nachdenken. Und dieses Thema wird uns auch noch in der ganzen Ewigkeit beschäftigen!

Vers 8 führt uns ein Stück weiter auf dieser Via Dolorosa: Der Prophet sieht, wie der Leidende nach der Parodie eines Prozesses und gelöst von seinen Fesseln weitergetrieben wird bis hin zum Tod. Adams Stammbaum finden wir in 1. Mose 5, doch wer wird seinen aufzeichnen? Wo sind die Nachkommen, die seine Linie fortführen und damit auch seinen Anspruch auf den Thron Davids aufrechterhalten, seines Stammvaters „nach dem Fleisch“? Seine Linie wird mit Ihm erlöschen; die Verheißung, die Ihm galt, wird mit seinem Tod hinfällig; die Hoffnung des Volkes scheint erloschen zu sein. Sehr bekümmert sind auch die Jünger während dieser dunklen drei Tage, denn sie hatten „gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen solle“ (Lk 24,21). Doch nun liegt ihre Hoffnung tot und begraben in Josephs Grab. Wer kann die wahre Bedeutung dieser Leiden und dieses allzu kurzen Lebens erkennen? Wer versteht, dass Er nicht für seine eigene Sünde, sondern für die des Volkes Gottes bestraft wurde? Und das Strafgericht wurde nicht von Menschen, sondern von Gott vollstreckt! Wer verstand damals das tiefe Geheimnis dieser Leiden? Doch jetzt endet der Schmerz: Die Schande ist für immer vorbei. Von dem Moment an, als sein Tod durch den Speer des römischen Soldaten festgestellt wird, gestattet Gott keine Spur von Demütigung mehr, sondern „von jetzt an legt die Liebe nur das zu seinen Füßen, was aus seiner Fülle kommt“!

Die Menschen, denen es gelungen war, Ihn zu töten, hatten vorgehabt, Ihn begraben zu lassen zusammen mit den Verbrechern, zu denen Er gezählt worden war. Obwohl Gott diesen schändlichen Tod erlaubt hatte, weil es die Erfüllung seines genau festgelegten Plans und seiner Vorsehung bedeutete, gebietet Er jetzt der menschlichen Bosheit Einhalt: Bis hierher und nicht weiter! Nur eine ehrfürchtig liebende Hand darf den heiligen Körper berühren, und nur ein Grab, das nicht verunreinigt ist durch einen sterblichen Körper, darf dieses „heilige Etwas“ aufnehmen. Wie schon erwähnt, ein von einer Jungfrau Geborener kann nur in ein unberührtes Grab gelegt werden. Daher wird das Grab dieses reichen Mannes die Ehre haben, den Körper des Herrn der Herrlichkeit zu beherbergen. Wo immer das Evangelium verkündigt wird, wird auch der Name dieses Reichen erwähnt werden. Beim Betreten solch heiligen Bodens kann ich nicht glauben, dass man seinen Namen erwähnen kann, ohne seine tiefgehende Bedeutung zu erklären: „Joseph von Arimathia“.

„Joseph“ (mit der verheißungsvollen, fröhlichen Bedeutung „Er wird hinzufügen“) war der Name, den Rahel ihrem Erstgeborenen gab, denn – so fragt die glückliche Mutter – wird diese kostbare Gabe der letzte Beweis der Gnade Gottes sein? Nein, denn „der Herr füge mir [d.h. Joseph] einen anderen Sohn hinzu“, und Gott tat es. Vielleicht fragen wir: Sind dieses Kreuz, dieses Grab das Ende? Kann nichts hinzugefügt werden? Gibt es keinen Benjamin, keinen „Sohn meiner Rechten“? Der Name „Joseph“ kann darauf Antwort geben, denn in Prophezeiungen bezieht er sich immer auf die Geschichte einer Errettung, z.B. in Psalm 81,6. Der fröhliche Posaunenklang ist „gesetzt als ein Zeugnis für Joseph“ und verkündet dem geöffneten Ohr, dass, so wie Israel aus Ägypten errettet wurde, dies hinzugefügt werden wird; Israel wird aus dem Staub der Erde erwachen (Dan 12,2). Genauso wird Gott noch das überaus mächtige Werk zu jenem Begräbnis „hinzufügen“; ein „Joseph“ muss noch, allerdings unbewusst, mit seinem Namen das verkünden. Aber was ist das gewaltige Werk? Der Name der Geburtsstadt Josephs gibt die Erklärung: „Arimathia“ bedeutet „erhoben werden“[8] wie in Jesaja 52,13, und das ist es, was „hinzugefügt“ wird. Obwohl das Grab unbenutzt war, kann es Ihn nicht zurückhalten: Er wird daraus „erhoben“ werden. Diese kostbarste aller Wahrheiten wird ebenso reden wie der Name und Geburtsort dieses bescheidenen, aber echten Jüngers und ehrenwerten Ratsherrn, dieses reichen Joseph von Arimathia, und es wird noch von willigen Ohren vernommen werden.

Die Heiligkeit unseres Heilands war vollkommen: Er war ohne Falschheit und Gewalttätigkeit. Aber sein Begräbnis in einem unberührten Grab genügte nicht, um Ihm gebührende Anerkennung zu zollen – es wäre wirklich nutzlos gewesen. Denkmäler, auf denen die angeblichen Tugenden der darunter Verwesenden aufgeführt sind, beweisen das Gegenteil und mögen gut sein für die Nachkommen Adams. Aber die Heiligkeit des Herrn Jesus konnte nur durch seine Auferstehung bewiesen werden. Als Er während seines Erdenwandels „Schreie und Tränen darbrachte“, wurde Er wegen seiner „Frömmigkeit {oder heiliger Furcht} erhört“ [Heb 5,7]. Die „Furcht“ davor, zu einem von uns gemacht zu werden, ließ Ihn zurückschrecken. Doch sein Gehorsam bewies sein Vollkommensein und seine Heiligkeit. Seine Auferstehung bezeugte, dass Er erhört worden war um seiner Gottesfurcht willen (Heb 5). In zwei scheinbar unbedeuteten Namen finden wir, wie ein duftendes Veilchen unter Blättern versteckt, einen dieser Verse, durch den der Geist die Auferstehung belegt: Er wurde auferweckt am dritten Tag „nach den Schriften“. „Joseph von Arimathia“ lehrt uns, dass die Auferstehung auf das Kreuz folgen muss („hinzugefügt wird“). An diesem Ort fühlt man sich wohl, vor allem nach dem Sturm, der das hochgelobte Haupt beugte, einem Sturm, der jetzt für immer gestillt ist. Noch ist die dunkle Wolke sichtbar, doch verzieht sie sich langsam, um nie mehr auf Ihn zurückzukommen. Wir aber stehen im hellen Sonnenlicht, errettet für die Ewigkeit. Wir dürfen und werden bis zu seiner Wiederkunft von Zeit zu Zeit Rückschau halten: Beim Brechen des Brotes und beim Trinken aus dem Kelch erinnern wir uns an sein Kreuz und an den Speerstoß, das Gerichtsurteil und den Tod, den Er für uns erlitt.

Schweigend verweilen wir hier noch einen Augenblick, denn sicher lag das Grab nicht ohne göttliche Absicht in einem Garten. Wir besuchen im Geist den ersten Garten in Eden, den Gott selbst pflanzte. Logischerweise herrscht dort eine gedrückte Stimmung, denn hier wurde das Todesurteil verkündet über unsere Vorfahren, die gesündigt hatten. Infolgedessen vererbten sie ihre sündige Natur ihrer ganzen Nachkommenschaft (Röm 5,12). In Josephs Garten dagegen erwachen in den ersten Apriltagen im Jahr 32 n.Chr. (nach Sir Robert Andersons vorsichtiger Chronologie) gerade die Vögel und singen, als die Frauen sehr früh (Mk 16,1) dorthin kommen. Blumen und Obstbäume treiben Knospen, ein Zeichen, dass die Natur vom Winterschlaf wieder zum Leben erwacht. Alles verkündet die frohe Nachricht, dass die düstere Stimmung des Gartens Eden vertrieben ist. Der Tod ist zunichtegemacht[9], aber Leben und Unverweslichkeit sind ans Licht gebracht worden (2Tim 1,10). Werft einen Blick ins Grab! Es ist leer, außer den Leintüchern. Sie sind aus zwei Gründen zurückgeblieben: einerseits, um die übernatürliche Kraft zu bekunden, durch die das Grab leer geworden ist. Kein eiliger „Totendieb“ hätte die Grabtücher gelöst und sie so sorgfältig gefaltet, dass man genau erkennen konnte, wo der Tote gelegen hatte. Andererseits sollten die verbliebenen Tücher klarmachen, dass Er sie nie mehr brauchen würde (im Gegensatz zu Lazarus, der sie mit sich aus dem Grab brachte).

Wie ein Bruder im Herrn (C.H. Burchell, aus Birmingham, England) bemerkte, erscheint im letzten Garten der Bibel, in Offenbarung 22, nicht der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, sondern nur der Baum des Lebens, der in Eden stand. Aber er wird jetzt nicht mehr bewacht durch den Cherubim mit seinem flammenden Schwert. Der Zugang ist offen für alle, die nicht auf ihre eigene Gerechtigkeit pochen, dagegen symbolisch ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen haben, das das Feuer für immer gelöscht hat.

Der letzte Satz („weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Munde gewesen ist“) gleicht einem zusätzlichen Schutzmantel für den Heiligen des Herrn, allerdings ist für das Begräbnis nötiger als für den Tod. Böse Männer wollten Ihn mit den Verbrechern begraben – das war zugelassen – und damit Ihn ihnen gleichstellen. Aber nicht sie hatten über die Bestattung des heiligen Toten zu bestimmen. Seine Grabstätte sollte bezeugen, dass nicht eine Spur der beiden Elemente Gewalttätigkeit und Verderbtheit in Ihm war. Was macht es aus, dass die, die Christus verwerfen, mit Fingern auf seine inkonsequenten Nachfolger zeigen? Sie versuchen damit vergeblich, ihre eigene Entscheidung, die zur ewigen Verdammnis führt, durch gerade diese Widersprüchlichkeit zu rechtfertigen. Nicht einen Hauch von Bösem werden sie an Ihm finden. Ein höherer Wille, der weit über Hohepriester und Herrscher, über Schriftgelehrte und Pharisäer steht, wacht darüber, dass seine Grabstätte von seiner Vollkommenheit zeugt und dass der bittere Schrei „Eli, Eli, lama sabachthani“ nicht für Ihn selbst erklang. Lieber Leser, du und ich, wir wissen um den wahren Grund.

Wir kommen zum letzten, zum deuteronomischen Teil dieses Pentateuchs, und wie das fünfte Buch Mose (Deuteronomium) ist er eine Zusammenfassung von Gottes Handeln mit Israel. So wie sie nach ihrer Wüstenreise an der Grenze zum verheißenen Land stehen und es auf der anderen Seite des dazwischenliegenden Flusses erblicken, so wird hier der Weg des Knechts noch einmal betrachtet. Seine Reise durch die Wildnis ist vorüber. Wir sehen Ihn hier vorwärtsschauen auf das lange Leben, das vor Ihm liegt, ein Leben für immer und ewig. Aber nicht danach verlangte sein liebendes Herz am meisten. Er wollte zu seiner Genugtuung die Ewigkeit mit anderen teilen, so wie wir im Folgenden sehen werden.

Kapitel 53,10-12

Jes 53,10-12: 10 Doch dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen[10], er hat ihn leiden lassen. Wenn seine Seele das Schuldopfer gestellt haben wird, so wird er Samen sehen, er wird seine Tage verlängern; und das Wohlgefallen des Herrn wird in seiner Hand gedeihen. 11 Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen. Durch seine Erkenntnis[11] wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, und ihre Ungerechtigkeiten wird er auf sich laden. 12 Darum werde ich ihm Anteil geben an den Vielen, und mit Gewaltigen wird er die Beute teilen: dafür, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod und den Übertretern beigezählt worden ist; er aber hat die Sünden Vieler getragen und für die Übertreter Fürbitte getan.

Von allen Worten, die jemals geschrieben oder gesprochen worden sind, sind keine so unglaublich tiefgründig; keine haben eine so vielschichtige Symbolik, und keine enthalten eine so Ehrfurcht gebietende Wahrheit als diese: „Dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen.“ Mit Zittern und Zagen nähern wir uns jetzt diesem heiligen Wort und denken über jeden Begriff nach. Wer wurde so geschlagen? Kein anderer als der, dessen Freude es war, den Willen dessen zu tun, dem es gefiel, Ihn zu zerschlagen.

Wenn Er doch so demütig und gehorsam war, warum hat der Herr Ihn denn geschlagen? Ja noch mehr: Ihm gefiel es sogar, Ihn zu zerschlagen. War Er erbost über einen schwerwiegenden Fehltritt dieses geliebten Knechts? Nein, dieser hatte selbst bezeugt, dass Er immer das Gott Wohlgefällige tat (Joh 8,29). Niemand konnte Ihn der kleinsten Schwäche überführen, schon gar nicht einer Sünde. Wirklich nicht. Fast droht der Himmel auseinanderzubersten, so glücklich ist der Herr über dieses sünd- und fleckenlos gelebte Menschsein. Jene Worte bei seiner Taufe und auf dem Berg der Verklärung bezeugen ein Wohlgefallen Gottes, das ungetrübt war. Und doch steht hier: „Es gefiel dem Herrn, Ihn zu zerschlagen!“ Warum nur hatte dieser allmächtige Arm so hart zugeschlagen und Schmerz und Kummer auf den Geliebten gebracht? Was konnte den Herrn dazu bewegt haben, sich selbst solches Leid zuzufügen, wie es einen Vater schmerzt, wenn Er seinem geliebten Sohn Leid zufügt?

Seine Liebe zu den Sündern war so groß, dass Er seinen eigenen, geliebten Sohn nicht verschonte. Können wir solch eine Liebe ermessen? Die Nöte, die uns das Leben oder der Tod bescheren, könnten wir mit Freuden durchstehen, wenn wir nur das erfasst hätten.

Wie kann man das „gefallen“ verstehen? Für den Sohn war es eine Freude, den Willen des Vaters zu tun, und doch führte Ihn das zu großen Qualen. Als seine Seele nur einen Schatten dieser Leiden durchmachte, betete Er mit starkem Schreien und Tränen, dass, wenn möglich, dieser Kelch an Ihm vorübergehe. Darum, nur darum, gefiel es dem Herrn, Ihn zu zerschlagen. Seine Liebe schreckte vor dem Schlagen zurück, genauso wie der geliebte Sohn vor dem Leiden. Aber seine Liebe zu uns armen Sündern bewegte den Vater, die Strafe auszuführen, und bewegte den Sohn, sie zu erdulden.

Beachten wir, dass es seine Seele war, die ein Opfer für Sünden wurde. Die Seele wird physisch durch das Blut dargestellt. Sie ist das Verbindungsglied zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen. Jemand hat gesagt: „Die Seele scheint die gleiche Beziehung zum Geist zu haben wie die Frau zum Mann: Der eine ist überwiegend emotional veranlagt und der andere vor allem geistig aktiv; beide ergänzen sich. So wie die Sünde anfing durch die Verführung Evas, so wurde die Seele zum Opfer für die Sünde.“

Was war das Ergebnis? „So wird er Samen sehen.“ Das Weizenkorn ist gestorben und bringt jetzt durch seine Auferstehung viel Frucht. Er hat gelitten so wie ein Geschöpf, das gebärt. Diese sühnenden schweren Leiden sind wie die Geburtswehen, durch die der Samen aufgeht. Niemand konnte sein Geschlecht beschreiben, denn Er hatte keinen natürlichen Samen, aber geistlichen in großer Anzahl. Der Psalmist schließt sich dem Propheten an und ruft aus: „Ein Same wird ihm dienen“ (Ps 22,31).

„Er wird seine Tage verlängern.“ – „Leben erbat er von dir, du hast es ihm gegeben: Länge der Tage immer und ewig“ (Ps 21,5). Da Er das Leben von Ihm empfangen hat, ist sein Samen ebenfalls da, wo es keinen Tod gibt; nicht einer von denen, die dieses ewige Leben empfangen haben, wird den Tod jemals sehen (Joh 8,51).

„Das Wohlgefallen des Herrn wird in seiner Hand gedeihen.“ Diese Worte fallen wie ein Sonnenstrahl auf eine Wetterwolke und werfen einen verheißungsvollen Bogen darüber. Von dem traurigen Geschehen auf Golgatha, wo es dem Herrn gefiel, Ihn zu zerschlagen, sehen wir dieses Wohlgefallen eingebettet in eine Umarmung, aus der nichts in der ganzen Schöpfung uns arme Sünder, schuldige und verirrte Geschöpfe herausreißen kann. Welche Freude muss es Gott bereiten! Es gab keine Alternative, um zu dieser Freude zu gelangen, als das Zerschlagen seines Sohnes. Allein deshalb hat Er Ihn nicht verschont. Und diese Freude wird andauern, bis Er alle Dinge neu gemacht hat.

Und was ist mit dem, der gelitten hat? „Er wird seinen Samen sehen“, und dadurch wird Er „sich sättigen“. Wie tief ist doch die Liebe, von der diese wenigen Worte handeln! Er hätte zu jeder Zeit seines Erdenlebens zurückkehren können zu dem Schoß, woher Er kam; allerdings wäre Er unbefriedigt gewesen. Ihm wären die Schande und die Angst des Kreuzes erspart geblieben, aber Er würde nicht glücklich gewesen sein. Er hätte nach seiner Auferstehung alleine zurück zur Rechten Gottes auffahren können, dahin, wo ewige Freuden sind; aber selbst da, bei eben diesen Freuden, hätte Ihm etwas gefehlt. Seht die Myriaden von Menschen: Alle haben Bekanntschaft gemacht mit der Sünde und ihren Folgen: Schmerzen und Leiden. Alle haben Gottes Zorn verdient. Jetzt aber erwartet jeden von ihnen eine Ewigkeit, wo Freude herrscht. All diese Menschen hat Er vor Augen. und daher ist seine Seele gesättigt. Das alles haben wir Ihm zu verdanken. Welch ein Vorrecht, die Liebe zu kennen, die allen Verstand weit übersteigt!

Mit den Worten „durch seine Erkenntnis“ ist nicht die Weisheit gemeint, die seine Kinder von Ihm erhalten können. Hier lenkt Gottes Geist unsere Herzen auf den Herrn Jesus allein. Das Wort, das Ihm Weisheit zuschreibt, verbindet die letzte Serie der Gruppe von je drei Versen mit der ersten. Dort hieß es, dass der Knecht „weise handeln“ würde. Durch diese Weisheit oder Einsicht, die Er sich „Morgen für Morgen“ aneignet, erkennt Er den vor Ihm liegenden Weg. Dieser erreichte seinen Höhepunkt dadurch, dass Er viele mit Gott versöhnte, indem Er ihre Sünden trug.

Das einfache Lesen von Vers 12 wirft zumindest Fragen auf. Es scheint nicht normal zu sein, dass die, die weder gelitten hatten noch hätten mitleiden können, an der Belohnung dessen teilhaben sollten, der so unvergleichlich schwere Schmerzen und Demütigungen erlitten hat. Der Geist widersetzt sich heftig jedem Geschöpf, das einen derartigen Platz einnehmen könnte. Falls die hebräischen Worte mit Recht die Anfechtung dieser offenbar so ungebührenden Rivalität zulassen, möchten wir gerne dieser Übersetzung zustimmen, wobei wir uns gegen die geringste Abweichung von der Wahrheit der Schrift wehren. Die Schrift braucht nicht verteidigt zu werden. Wir finden genau die gleiche Struktur in Hiob 39,17: „Keinen Verstand teilte er ihr zu.“ Hier ein Vergleich der beiden Verse:

Hiob 39,17: „Keinen Verstand teilte er ihr zu.“
Jesaja 53,12: „Darum werde ich ihm Anteil geben an den Vielen …“

Auf den ersten Blick ist hier keine Unklarheit erkennbar, aber so wie Gott dem Strauß keinen „Verstand“ gegeben hat, so hat Er doch diese „Vielen“ seinem Knecht gegeben. Der Strauß teilt nicht mit Verstand – das ergäbe keinen Sinn –, aber genauso teilt der Herr Jesus nicht mit den Vielen. Es sind nicht die Vielen, die mit diesem einzigartigen Knecht teilen, sondern sie sind die Objekte, die Er empfängt. Damit sind wohl die Nichtjuden gemeint.[12]

Die Bedeutung des zweiten Satzes: „Mit Gewaltigen wird er die Beute teilen“[13], ist nicht sicher. Wir können nicht ohne weiteres denen zustimmen, die so wie Luther übersetzen: „Er soll die Starken zum Raube haben“, denn die Präposition ändert sich. Dazu müssen wir wieder eine ähnliche Stelle in einem anderen Vers berücksichtigen. Sprüche 16,19 ist ähnlich in seiner Struktur: „… als Raub teilen mit [eth] den Stolzen.“ Daher habe ich mich gedrungen gefühlt, es zu übersetzen wie oben.

Aber wer sind nun diese „Starken“? Es muss sein „williges Volk“ gemeint sein, dessen Angehörige wie ihre Vorfahren, die Makkabäer, „aus der Schwachheit Kraft gewannen“ (Heb 11,34) und die auch große Taten ausführten, „sich stark erwiesen und handelten“ (Dan 11,34). Er identifiziert sich mit ihnen, wie schon einmal, und stellt sich an die Spitze des Volkes, mit dem Er die Beute seiner und ihrer Feinde teilen will: „Denn ich habe mir Juda gespannt, den Bogen mit Ephraim gefüllt; und ich erwecke deine Söhne, Zion, gegen deine Söhne Griechenland, und mache dich wie das Schwert eines Helden“ (Sach 9,13). Auch davon hat uns Gott ein Beispiel gegeben in David, der so ausgezeichnet den Messias verkörperte, indem er die Beute mit Israel teilte (1Sam 30,26-31). Wenn ich mich nicht irre, bezieht sich der erste Ausdruck auf die feindlichen Nichtjuden und der zweite auf das reumütige Israel, den gläubigen Überrest. Die Ersteren werden zu seiner Beute, die Er mit den Letzteren teilt.

Wieder verleitet uns der Text, uns selbst zu fragen: „Warum diese Erhöhung?“, und wieder geben wir vier Antworten:

  • Er hat seine Seele ausgeschüttet in den Tod.
  • Er ist den Übertretern beigezählt worden.
  • Er hat die Sünde Vieler getragen.
  • Er hat für die Übertreter Fürbitte getan.

Wie sehr gleicht das dem fünften Buch Mose: Es gibt einen umfangreichen Rückblick auf alles vorher Gesagte. Wie tief liebt doch Gott die arme Menschheit! Er erhöht seinen Sohn, weil Er durch dessen Tod seine Segnungen auf die verlorene Menschheit ausgießen kann. Jede Offenbarung der Liebe Christi zu den Menschen, bringt auch die Liebe des Vaterherzens zum Ausdruck. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme“ (Joh 10,17). Werden wir dadurch nicht freudig berührt? Gab es je einen Augenblick, wo der Vater seinem Sohn nicht mit zarter, grenzenloser Liebe zugetan war? Und doch sagt dieser Sohn, dass es keine größere Liebe gibt, als sein Leben für die Schafe hinzulegen, um es durch die Auferstehung wiederzunehmen. Dadurch konnte Er seinem armen Volk ein von jeder Verdammnis befreites Leben schenken. Darum liebt Ihn der Vater.

Ich wiederhole: Unermesslich ist die Liebe Gottes, des Vaters, zu armen Menschenkindern – ja, zu uns! Ja, zu mir! Das ist die göttliche Triebfeder für wahre Heiligkeit. Verunehren wir Ihn nur nicht durch die Annahme, dass „Fürbitte für die Übertreter“ einen strengen Gott gnädig stimmen könne. Die Fürsprache von Blastus (Apg 12,18-23) bei dem „sehr verärgerten“ Herodes bietet kein Gott wohlgefälliges Beispiel für seine Fürbitte. Die Königin Esther dagegen erlangte des Königs Gunst durch ihre natürliche Schönheit und weil sie bekleidet war mit königlichen Prachtgewändern. Als er ihr das goldene Zepter entgegenstreckte, war jeder Angehörige ihres Volkes ebenso sicher wie sie selbst (Est 5). Aber was ist der Schatten verglichen mit der Wirklichkeit? Wer kann sich die Freude Gottes über seinen Sohn vorstellen, als Er zu Ihm zurückkehrte, nachdem Er seine Seele ausgeschüttet hatte in den Tod, den Übertretern beigezählt worden war und die Sünden Vieler getragen hatte? Muss dieser geliebte Sohn noch mit eindringlichem Flehen, auf den Knien liegend, einen unwilligen Gott zum Ändern seiner Haltung bewegen? Weit, sehr weit gefehlt! Seine Wundmale bewirkten die Erlösung und legen Fürsprache ein für die Ärmsten seines Volkes, nach denen sein Verlangen steht. Dadurch kann seine Liebe uneingeschränkt fließen. Falls es doch ein Hindernis geben sollte, liegt es an den kalten, ungläubigen Menschenherzen.

Wir sehen Ihn nun vom Ölberg himmelwärts fahren, mit segnend erhobenen Händen, noch immer bittend für die, deren Sünde Er getragen hat, und wir trennen uns hier von Ihm. Der uns all dieses mitteilt, ist der Prophet, der für Israel spricht und „bitterlich klagt, dass es so spät geliebt hat“.

 

Anmerkungen

[1] Dieser Begriff bedarf einer Erklärung. Das englische Verb to sprinkle der Authorised King James Version hat unter den Kommentatoren zu heißen Debatten geführt. Obwohl ich versuche, die verschiedenen Auslegungen zu berücksichtigen, möchte ich kurz den Grund für meine Schlussfolgerung andeuten. Die primäre Bedeutung der Wurzel ist „springen, vor Freude jauchzen“; wenn es sich dagegen um Flüssiges handelt, bedeutet es „spritzen“, und so wie es hier gebraucht wird, bedeutet es „sprengen“. So ist es jedenfalls in allen anderen Bibelstellen wiedergegeben, und damit wird seine Bedeutung hier bestätigt. Aber andererseits – ich zitiere Delitzsch: „Das Wort wird niemals mit dem Akkusativ der Person oder des Objekts, das ,besprengt‘ wird, konstruiert.“ Hier ein Beispiel von vielen: „Er sprengte davon auf den Altar.“ Immer ist die gesprengte Substanz mit dem Verb verbunden. In Vers 15 würde seine Bedeutung sein: „die Nationen besprengen“; daher wird es oft übersetzt mit „viele Nationen zerstreuen, zunichtemachen“, was abgelehnt werden muss. Delitzsch sagt mit Recht: „Eine plötzliche Darstellung des Knechts in der Funktion eines Priesters, der [eine Flüssigkeit] sprengt, wäre zu abrupt.“ Daher scheint es sicher zu sein, dass „sprengen“ in diesem Vers eine andere Bedeutung hat. Im Arabischen, das eng mit dem Hebräischen verwandt ist, wird dieses Wort in seiner primären Bedeutung gebraucht und bedeutet es: „ein Aufspringen von Personen wie von einer starken Gemütsbewegung angetrieben“. Weil dies eine ausgezeichnete Antithese der ersten Linie des Verses 14 darstellt, habe ich mich für die Übersetzung „vor Verwunderung aufspringen lassen“ entschieden.

[2] „Christliche Gelehrte“, sagt der Jude Abravanel, „glauben, dass diese Prophezeiung sich auf den Mann bezieht, der in der Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem gekreuzigt wurde. Sie behaupten, dass er der Sohn Gottes war und Mensch wurde im Mutterleib einer Jungfrau.“ Aber nach Jonathan ben Uzziel bezieht sich diese Stelle auf den noch kommenden Messias; das ist auch die Ansicht der rabbinischen Gelehrten in vielen ihrer Kommentare. Zumindest zeigt dieses, dass die Juden des Altertums wussten, dass der Gegenstand dieser Prophezeiung der Messias war!

[3] „Verkündigung“ bezieht sich auf etwas, was gehört, und nicht auf etwas, was gesprochen wird; vergleiche 2. Samuel 4,4, wo das gleiche Wort mit „Nachricht“ wiedergegeben wird.

[4] „Schmerzen“ steht im Grundtext im Plural und vermittelt den Gedanken von Intensität oder von verschiedene Arten von Schmerzen.

[5] Das hebräische Wort nahga bedeutet „schwer bestrafen“. Es wird dasselbe Wort verwendet wie für die Bestrafung mit Aussatz in 2. Chronik 26,20. (Vgl.: „Die Hand Gottes hat mich angetastet“; Hiob 19,21.)

[6] Die Bedeutung des Wortes „weggenommen“ ist nicht die des Wortes „Entrückung“ im Fall von Henoch, sondern von „schnell weggerafft“.

[7] Die nächste Zeile ist als schwierig bekannt, so wie es die verschiedenen Übersetzungen beweisen. Zum Beispiel: Die primäre Bedeutung des Wortes „aussprechen“ in Vers 8 ist „herausbringen“; wenn es sich aber auf Worte bezieht, bedeutet es „verkünden“ oder „aussagen“; wenn es auf Gedanken bezogen wird, „meditieren“. Viele behaupten, dass diese Bedeutung hier zutrifft. Im Fall von glücklichen Gedanken fließt die Bedeutung „singen“ ein (Ps 45,5); wenn sie traurig sind, bedeutet es „klagen“ (Hiob 7,11). Ebenso ist die primäre Bedeutung von dohr („Generation“) „sich im Kreis bewegen“, daher auch „ein Zeitalter, eine Generation“ (der Kreislauf der Lebensjahre). Dann wird noch ein moralisches Element eingeführt, und es wird zu „Rasse“ von Menschen, die sich durch moralische Charakterzüge voneinander unterscheiden (5Mo 22,15; Mt 23,36). Der Begriff „Nachkommenschaft“ ist auch nicht ausgeschlossen, so wie in 4. Mose 9,10: „Wenn irgendjemand von euch oder von euren Geschlechtern …“

[8] „Erhoben werden“ ist der erste Schritt auf dem Siegespfad.

[9] Die wahre Bedeutung ist: „abgeschafft“.

[10] „Zerschlagen“ ist ein sehr starkes Wort (hebr. dakah). Es ist nicht dasselbe wie in 1. Mose 3,15 („zertreten“, hebr. suf). Satan durfte nicht teilhaben an diesem „Zerschlagen“, das dem Versöhnungswerk diente – allein der Herr konnte das tun.

[11] Dies Wort bedeutet „Erkenntnis, die von Gott kommt“.

[12] Das ist die Meinung vieler Hebraisten; z.B. lesen wir in der Septuaginta: „Daher soll er Viele erben“; Luther übersetzt: „Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben“; Birks: „Ich werde ihm einen Anteil von den Vielen geben.“

[13] Das (hebr.) beth, das im vorhergehenden Satz „in“ bedeutet, wird in diesem mit eth wiedergegeben und bedeutet „mit“ und macht dadurch den Unterschied aus.


Originaltitel: „Chapters fifty-two (Verses 13 to 15) and fifty-three“
aus Studies in Isaiah; 1935

Übersetzung: Christel Schmidt


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