Ein auserwähltes Gefäß (6)
Der neue Mensch

Frederick George Patterson

© SoundWords, online seit: 28.01.2014, aktualisiert: 21.06.2019

Leitvers: Epheser 4,24

Eph 4,24: [Der neue Mensch] ist nach Gott geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Wir kommen jetzt zum Neuen Testament, wo uns nach und nach Gottes Handeln mit dem neuen Menschen enthüllt wird. Dieser ist wirklich ein völlig anderer Mensch als der erste Mensch. Ich möchte eure Aufmerksamkeit auf einige der hervorstechenden Punkte aus den drei großen Briefen lenken, die, zusammengenommen, uns die Gesamtheit des Planes und der Absichten Gottes für die neue Schöpfung in Christus vorstellen. Ich beziehe mich auf Römer, Kolosser und Epheser.

Der erste dieser Briefe entwickelt eingehend die Endphase in der moralischen Geschichte des ersten Menschen. Dieser war einerseits ein gefallener Mensch – obwohl er alle Chancen auf seiner Seite hatte als er von Gott getestet wurde –, einer, der versagte, noch bevor das Gesetz gegeben war; er war also ein Gesetzloser. Andererseits war er, nach der Gesetzgebung, ein Gesetzübertreter, und das trotz der Privilegien und Vorzüge, die schon existierten, bevor sich Gott ein besonderes Volk erwählt hatte. Als Christus kam und abgelehnt wurde, endete die Testphase. Wenn man zurückschaut, hatten „alle gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“; das war jetzt das Maß und die Norm, nach denen alle beurteilt werden. Der Mensch war vollkommen geschaffen worden, war aber gefallen; konnte er jetzt noch die Feuerprobe der Herrlichkeit Gottes bestehen? 

In jeder Hinsicht war es mit dem alten Menschen endgültig vorbei. Gott musste nun entweder das Leben dieses Menschen, der sich gegen Ihn aufgelehnt hatte, durch sein gerechtes Gericht beenden oder sich ihm in unverdienter Gnade und Gerechtigkeit durch das Opfer Christi offenbaren. Ich möchte natürlich hier nicht näher auf das Werk am Kreuz, den Tod und die Auferstehung Christi eingehen. Ich erwähne das nur, um deutlich zu machen, wie Gott die moralische Geschichte des Menschen gerecht abschließt und die neue Schöpfung in seinem Sohn – als Haupt einer neuen Menschheit – beginnt.

Der Abschnitt des Briefes, in dem Gott zuerst zeigt, wie sehr die Menschheit vor Ihm schuldig und seinem Gericht verfallen ist, endet in Römer 3,19. Dann folgt sofort ab Römer 3,20 die Beschreibung, wie die Gerechtigkeit Gottes sich jetzt für den Sünder erweist, indem Er seinen Sohn von den Toten auferweckt und Ihn erhöht. Gott ist nicht gegen den Sünder, dass Er ihn sich selbst überließe. Die Gerechtigkeit Gottes erweist sich dadurch, dass die Sünde durch den persönlichen „Glauben an Jesus Christus“ und durch „den Glauben an sein Blut“ gesühnt ist. Der Sünder ist daher vollkommen gerechtfertigt und von seiner Schuld befreit.

Aber sein Status als Sünder in dem ersten Adam ist damit nicht aufgehoben. Nach dem Abschnitt, der in allen Einzelheiten von dieser Schuld handelt und der bei Römer 5,11 endet, beschreibt der Apostel die Art und Weise, wie unser Status mit dem Tod Christi beendet wird. Wir lesen in Römer 6,6: „Unser alter Mensch [ist] mitgekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde abgetan sei, damit wir der Sünde nicht mehr dienen.“

Im Römerbrief hören wir gar nichts über den „neuen Menschen“. Dagegen wird uns die Kreuzigung „des alten Menschen“ ausführlich vorgestellt, wodurch die Sünde als Ganzes abgelegt wird. Das, was sich dem Thema [über den neuen Menschen] in etwa nähert, finden wir in Römer 7,22: „Ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“, jedoch ohne dass der Gedanke weiter entwickelt wird. Während der Römerbrief eingehend die Fragen über unsere Schuld und unseren Status beantwortet, geht er aber nicht darüber hinaus. Er zeigt den auferstandenen Christus, sagt aber nicht, dass der Gläubige mit Ihm auferstanden ist. Von diesem nächsten Schritt hören wir im Brief an die Kolosser.

Im Römerbrief erscheint ein neuer Wille, der entweder gegen das Alte, d.h. das Fleisch, ankämpft (in Römer 7) oder der – nachdem die Seele befreit ist – in „Neuheit des Geistes“ und „Neuheit des Lebens“ wandelt. Der Römerbrief stellt uns also die Kreuzigung des „alten Menschen“ mit Christus vor.

Kolosser steht zwischen Römer und Epheser, was die Lehre betrifft. In Römer sehen wir den Menschen, wie er in der Sünde lebt. Er sucht hemmungslos danach, seine Lüste zu befriedigen. Was muss da geschehen? Er muss zu Tode gebracht werden – zum Tod Christi –, damit seine Geschichte endet: „… da wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist“ (Röm 6,6).

In Epheser wird uns der Mensch als „tot … in … Vergehungen und Sünden“ gezeigt, und daher muss hier eine andere Methode Anwendung finden. Nicht so wie in Römer, wo der Mensch zu Tode gebracht werden muss, weil er in der Sünde lebt. In Epheser muss das Leben sich positiv betätigen, um die Seele, die in Sünden tot ist, zum Leben zu erwecken und sie herauszuheben. Sie muss eine neue Schöpfung in Christus Jesus werden mit Ihm, der in den himmlischen Örtern sitzt.

Der Kolosserbrief behandelt daher, so wie man erwartet, beide Seiten: tot sein in Sünden und leben in Sünden. Er schaut zurück auf unseren Zustand in Römer und sieht vorwärts zum Epheserzustand in Christus Jesus. Daher lesen wir: „Unter denen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr in diesen Dingen lebtet“ (Kol 3,7). Und wir lesen auch: „… als ihr tot wart in den Vergehungen“ (Kol 2,13). Also wird der Heilige betrachtet als „mit Christus den Elementen der Welt gestorben“ [Kol 2,20], ebenso der Sünde und dem Gesetz, und auch als auferstanden mit Christus. Obwohl er nicht mit Christus Jesus in den himmlischen Örtern sitzt, sucht er doch, „was droben ist, wo der Christus ist … zur Rechten Gottes“. Folglich wohnt er noch hier auf der Erde.

Da das so ist, hat er in Kolosser noch nicht seinen neuen Platz bei Gott eingenommen, obwohl er Anspruch darauf hat, denn er ist mit Christus auferstanden und lebendig geworden. Er hat zwar einen neuen Status erlangt, aber noch nicht den neuen Platz. Deshalb finden wir in diesem Brief nicht den „neuen Menschen“, von dem in Epheser die Rede ist. Es ist bemerkenswert: Wenn es in Epheser 3 anscheinend um den neuen Menschen geht, erlangt diese Tatsache bei weitem nicht die Bedeutung, die sie in Epheser 4,24 hat. Im griechischen Original werden unterschiedliche Worte gebraucht, und das Wort „Mensch“ (a;nqrwpoj) steht dort gar nicht (Eph 3,9).

Daher wird in Kolosser ein anderes Wort für „neu“ benutzt als in Epheser 4,24. In Kolosser ist es ne,oj, in Epheser kaino,j. Das Letztere bedeutet anschaulich „brandneu“, die Sorte von Mensch, den man noch nie gesehen und von dem man noch nie gehört hat[1], während das Wort in Kolosser „ganz neu“ bedeutet. Dieses Wort hat nicht den Sinn von einer neuen Sorte oder neuen Gattung von Mensch so wie das Wort in Epheser.

Wir stellen aber fest, dass der Geist Gottes die beiden Schriftstellen aus Epheser 4 und Kolosser 3 mit außergewöhnlicher Weisheit verknüpft. Dies geschieht durch den Gebrauch der beiden Worte, die sich in dem Verb „erneuert“ in Epheser 4,23 und Kolosser 3,10 wiederfinden. Das Wort in Epheser ist abgeleitet von „neu“ in Kolosser und das von Kolosser von „neu“ in Epheser.[2] Wie wunderbar und weise ist doch das Wort Gottes!

Wir bemerken hier auch – das ist noch auffallender und aufschlussreicher! –, dass das Wort „ablegen“ in jedem der beiden Briefe ein anderes ist. Im Griechischen sind die beiden Worte nicht miteinander verwandt. In Kolosser bedeutet es, von etwas „entkleidet“ zu werden, so wie man von einem Gewand entkleidet wird. In Epheser hat es nicht diese Bedeutung, sondern drückt klar aus: „beiseitegelegt“ oder „hingelegt“. Ich kann einerseits meine Kleidung ausziehen und sie dann, in einer zweiten Bewegung, beiseitelegen, nachdem ich sie ausgezogen habe. Wir werden gleich den Grund verstehen, warum das wahrscheinlich so ist – wenn wir das schon Besprochene damit verbinden.

Es gibt ein Beispiel vom Gebrauch der zwei Worte in der Septuaginta in 3. Mose 16,23. Nachdem Aaron seinen Dienst am großen Versöhnungstag, an dem er in weiße Leinengewänder gekleidet war, beendet hatte, „nimmt er diese Kleider ab“ und legt sie im Zelt der Zusammenkunft nieder. Im Englischen steht in Apostelgeschichte 7,58 „laid down“, welches das gleiche Verb ist wie in Epheser 4,25, das mit „put off“ übersetzt ist, aber besser übersetzt würde mit „lay down“. Es geht um die Mörder des Stephanus, die ihre Kleider zu den Füßen eines jungen Mannes mit Namen Saul ablegten. Das Gleiche trifft zu in Hebräer 12,1 wo dieses Wort mit „ablegen jeder Bürde“ usw. übersetzt ist.

Kolosser gibt uns die subjektive Seite des „neuen Menschen“ (das praktische Leben des Heiligen hier auf der Erde) und Epheser behandelt die objektive Seite, d.h., der Brief zeigt unsere himmlische Stellung. Im Kolosserbrief geht es eher um die Wohnung des Christus in uns.

In Römer finden wir also „unseren alten Menschen gekreuzigt“, in Kolosser die Trennung vom „alten Menschen“ und die subjektive Seite des „neuen Menschen“. In Epheser dagegen geht es darum, dass der alte Mensch vollkommen „beiseitegelegt“ ist; wir werden als „in Christus“ angesehen. Das ist die objektive Darstellung des „brandneuen“ Menschen, eine absolut neue Schöpfung in Christus.

Wir lesen in Epheser 4,21-24: „Wenn ihr wirklich ihn gehört habt und in ihm gelehrt worden seid, wie die Wahrheit in dem Jesus ist: dass ihr, was den früheren Lebenswandel betrifft, abgelegt habt den alten Menschen, der nach den betrügerischen Begierden verdorben wird, aber erneuert werdet [das heißt: ganz neu] in dem Geist eurer Gesinnung und angezogen habt den neuen [brandneuen] Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit [nicht Unschuld] und Heiligkeit.“

Die „wahrhaftige Heiligkeit“ steht im Kontrast zu den „trügerischen Begierden“ von Epheser 4,22. Der Betrug der Schlange hatte am Anfang die Begierden hervorgerufen. Da Gerechtigkeit die Grundlage der neuen Schöpfung Gottes ist, wird der neue Mensch in Gerechtigkeit geschaffen und in der wahrhaftigen Heiligkeit (absoluter Trennung vom Bösen), die ihn gezeugt hat.

In der entsprechenden Stelle in Kolosser [Kol 3,10] wird es praktisch: „und den neuen angezogen habt“ (ne,oj). Dort wird „Mensch“ (a;nqrwpoj) ausgelassen, da dieses Wort nur gebraucht wird, wenn es im absoluten Sinn gebraucht wird wie in Epheser 4: „der beständig erneuert wird zur perfekten Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn erschaffen hat“.

Beachtet bitte, dass in Kolosser „Christus“ als das Vorbild für den neuen (Menschen) hingestellt wird. Unser Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott (Kol 3,3). Dem Auserwählten Gottes werden die Charaktereigenschaften von Christus, die er praktizieren soll und die ihn umgestalten, vorgestellt (Kol 3,12.13). Das Wort des Christus soll reichlich in ihm wohnen (Kol 3,16), ja, nach Vers 11 ist Christus alles und in allen. Jedoch in Epheser ist es „Gott“ und das Wesen Gottes, das als die Norm von allem dargestellt wird. Der „neue Mensch“ in diesem Brief ist nach Gott geschaffen (Kol 3,24). Er soll Nachahmer Gottes sein (Eph 5,1). Er soll in Liebe wandeln (wovon Christus ein perfektes Vorbild war) und wie ein Kind des Lichts wandeln – das sind die beiden wichtigen Eigenschaften Gottes (Eph 5,2.8).

Hier steht aber noch mehr: In Kolosser ist die Rede von „dem Bild dessen, der ihn erschaffen hat“ [Kol 3,10]. In Epheser wird mehr das Gott-selbst-„ähnlich-Sein“ betont (kata. qeo.n).

Hiermit kommen wir zurück zu den Worten „Ähnlichkeit“ und „Bild“. Der neue Mensch von Epheser ähnelt Gott, moralisch gesehen; er wird an seinem eigentlichen Platz – in Christus im Himmel – gesehen und wird uns von der objektiven Seite vorgestellt. Wenn wir daher über das praktische Leben oder die subjektive Seite sprechen, wird in Kolosser 3 „Bild“ benutzt. Denn der Mensch soll während seines Wandels auf der Erde Gott moralisch darstellen – den Gott, der in Christus war und der „alles“ ist.

Wir erwähnen jetzt noch die Ermahnung in jedem Brief in Verbindung mit dem „neuen Menschen“. In Kolosser 3,9 steht: „Belügt einander nicht.“ Das gehört zum praktischen Leben. Jedoch in Epheser 4,25 steht: „Da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit jeder mit seinem Nächsten.“ Hier, wo der alte Mensch abgelegt ist, geht es um die Sache selbst: das Lügen. Wir werden nicht nur ermahnt, wie in Kolosser, die Lüge abzulegen, sondern die Sache wird als schon abgelegt angesehen. Die Ermahnung ist positiv, nämlich die Wahrheit zu reden usw., so wie es anderswo in diesem Brief gehandhabt wird. Nur hier wird auch der Konflikt des Heiligen in seinem ganzen Umfang deutlich. Satan tritt wieder in besonderer Weise in den Vordergrund, um diesen Menschen der neuen Schöpfung zu bekämpfen, so wie er es in der ersten Schöpfung tat. Darauf möchte ich aber jetzt nicht eingehen.

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Anmerkungen

[1] Es handelt sich nicht um einen unschuldigen noch um einen gefallenen Adam und die Rechtfertigung unter dem Gesetz, sondern um eine wirklich neue Schöpfung.

[2] Wie schon gesagt, ist das kaino,j [„brandneu“] von Epheser 4,24 und das ne,oj [„ganz neu“] von Kolosser 3,10 charakteristisch für jeden Brief. In Epheser ist es eine neue Schöpfung im Kontrast zu der alten Schöpfung; in Kolosser geht es um das praktische neue Leben, in dem wir uns bewegen. [In Epheser] wird besonders darauf geachtet, zu zeigen, dass es etwas total Neues ist, von Gott geschaffen.


„Chapter 6: The New Man“ aus A Chosen Vessel

Übersetzung: Christel Schmidt

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