Kannst du vor der Herrlichkeit Gottes erscheinen?
Jesaja 6

W. B.

© SoundWords, online seit: 04.03.2006, aktualisiert: 12.09.2018

Leitverse: Römer 3,23; Jesaja 6

Röm 3,23: Denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes.

Nicht einer wird irgendeine Schwierigkeit in dem ersten Teile dieser Schriftstelle finden. Dass alle gesündigt haben, ist eine Tatsache, die jedermann anerkennt. Niemand ist so unwissend, sie zu leugnen. Auch der am meisten mit sich selbst zufriedene Mensch würde sich nicht weigern, den Platz unter dem Urteil „Alle haben gesündigt“ einzunehmen. Aber wie steht es mit dem zweiten Teil: „und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“? Was bedeuten wohl diese Worte? Dass man wegen irgendeiner Pflicht zu kurz kommt, wird leicht verstanden, und dass dies hinsichtlich der Gerechtigkeit, die die Zehn Gebote fordern, gilt, ist auch nicht schwer zu sehen, aber bedeutet dass, das wir die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen? Hier wird eine neue Richtlinie, ein neuer Maßstab gegeben. Wie können wir ihn ausfindig machen?

Das große Gesicht, welches Jesaja hatte und das er in Kapitel 6 seines prophetischen Buches beschreibt, wird uns helfen. Lasst es uns betrachten.

Jes 6,1-8: Im Todesjahre des Königs Ussija, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Throne, und seine Schleppen erfüllten den Tempel. Seraphim standen über ihm; ein jeder von ihnen hatte sechs Flügel: mit zweien bedeckte er sein Angesicht, und mit zweien bedeckte er seine Füße, und mit zweien flog er. Und einer rief dem anderen zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit! Und es erbebten die Grundfesten der Schwellen von der Stimme der Rufenden, und das Haus wurde mit Rauch erfüllt. – Und ich sprach: Wehe mir! Denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich; denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen. Und einer der Seraphim flog zu mir; und in seiner Hand war eine glühende Kohle, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Und er berührte meinen Mund damit und sprach: Siehe, dieses hat deine Lippen berührt; und so ist deine Ungerechtigkeit gewichen und deine Sünde gesühnt. Und ich hörte die Stimme des Herrn, welcher sprach: Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich.

Beachten wir die Zeit dieses Gesichtes. Es wurde in dem Todesjahre des Königs Ussija gesehen. Wenn Monarchen sterben, gehen die großen Geschehnisse ihrer Regierung von neuem an den Augen der Menschen vorüber und werden für kurze Zeit der Gesprächsgegenstand eines jeden. Ussija war einer von Judas großen Königen. Seine Regierung, die sich über eine Zeit von 52 Jahren ausdehnte, war außerordentlich gedeihlich gewesen. In Krieg, in Diplomatie und in den mehr friedlichen Lebensaufgaben war ihm wunderbar geholfen worden. Aber Wohlergehen hat seine Gefahren, und es gibt einen Feind, dessen Feste innerhalb des menschlichen Herzens ist, dem es manchmal gelingt, unser Verderben noch hervorzurufen, wenn anderes nicht dazu dient. Ussija lernte dies auf seine Kosten. An einem bösen Tage ging er in den Tempel des Herrn, um daselbst zu räuchern. Er hätte wissen sollen, dass er dazu kein Recht hatte. Aber Übermut hatte ihn dreist gemacht. Mit einer Tollkühnheit, die bald gerächt wurde, ergriff er das Rauchfass mit dem brennenden Weihrauch und schritt mit Würde vor den Augen anderer in das Heiligtum, wohin niemand als nur der Priester gehen durfte. Aussatz war die unmittelbare Folge. Er war ein geschlagener Mann. Er fühlte es, er wusste es und er beeilte sich, hinauszukommen. Von jener Stunde an war seine Sonne untergegangen, um nie mehr aufzugehen. Die Geschäfte seines Königtums gingen in andere Hände über und Ussija lebte von jener Zeit ab allein, vom Hause des Herrn ausgeschlossen, ein unreiner Mann und ein Furcht einflößendes Zeugnis von der Heiligkeit Gottes, die er unbeachtet gelassen und die auch wir so oft vergessen.

In jener Zeit, als dies alles in der Erinnerung der Menschen lebendig geworden war, sah Jesaja das große Gesicht. Ein Thron stand vor ihm, vor dem alle irdischen Throne nichts waren, und auf ihm saß der HERR, der König, der Herr der Heerscharen, dessen Herrlichkeit die Höfe des Tempels erfüllte. Zu seiner Seite standen die Seraphim mit ihren vielen Flügeln und verkündeten mit lauter Stimme die Heiligkeit Gottes. Kein Wunder, dass der Prophet von Furcht und Zittern ergriffen wurde. „Wehe mir, denn ich bin verloren“, rief er aus. „Unrein, unrein“ war der Schrei des Aussätzigen in alten Tagen, und ein Gleiches tat Jesaja jetzt. Nie vorher hatte er dies in einem solchen Maß empfunden. Unter den Menschen mag er wegen seiner Frömmigkeit und seines Eifers für die Dinge Gottes einen Namen gehabt haben, aber dies alles glich jetzt welken Blättern. Seine Gerechtigkeit war gleich einem unflätigen Kleide. Er wurde mit der Herrlichkeit Gottes gemessen, und da kam er zu kurz. „Unrein, unrein“ war alles, was seine zitternden Lippen hervorbringen konnten.

Lasst uns einen Augenblick innehalten und die Frage stellen, ob eine ähnliche Überführung sich je mit Macht auf unsere Seelen gelegt hat? Sind wir passend für die Herrlichkeit Gottes? Können wir in seiner Gegenwart stehen? Dies ist jetzt der Maßstab. Es ist nicht die Frage, ob wir unsere Pflicht unter den Menschen getan oder den Anforderungen des Gesetzes entsprochen haben, sondern ob wir für die Herrlichkeit Gottes passend sind oder ob wir da zu kurz kommen? Wenn es Ussija verwehrt war, in „das Heiligtum, das mit Händen gemacht ist“, einzutreten, sind wir rein genug, in die Himmel selbst zu gehen und dort vor Gott zu stehen?

Hören wir auf das, was Hiob sagte, jener tugendhafte, gütige, großmütige Mensch, dessen Mitgefühl und Hilfsbereitschaft vieler Witwen Herzen vor Freude singen machte. Er befand sich auch eines Tages Gott gegenüber, und was sagte er damals: „Mit dem Gehör des Ohres habe ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42,5.6).

Sind wir jemals an einem solchen Punkte angekommen? Hat sich ein ähnlicher Schrei über unsere Lippen Bahn gebrochen?

Möchten wir dankbar sein, dass dieses große Gesicht uns noch etwas mehr als die Überführung der Seele von ihrem Unpassendsein für die Herrlichkeit Gottes sagt. Wenn dort von einem Throne die Rede ist, vor dem kein sündiger Mensch stehen kann, so ist auch ein Altar dort, durch den der tiefen Not, die kundgeworden ist, begegnet werden kann. „Und einer der Seraphim flog zu mir, und in seiner Hand war eine glühende Kohle, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Und er berührte meinen Mund damit und sprach: Siehe, dieses hat deine Lippen berührt, und so ist deine Ungerechtigkeit gewichen und deine Sünde gesühnt.“ Welch gesegnete Worte. Wie wurde durch diese das erschrockene Herz des Propheten so völlig zur Ruhe gebracht.

Jener Altar spricht nun in diesen Tagen des Evangeliums der Gnade von einem vorzüglicheren Opfer zu uns, als es jüdische Vorhöfe je gekannt haben, und von einem reicheren Blute als je auf ihren Gnadenstuhl gesprengt wurde. Jenen war der Schatten, uns gehört die Wirklichkeit. Christus ist gekommen, um durch das Opfer seiner selbst die Sünde hinwegzutun. Er kam, um der Forderung des Thrones zu entsprechen, indem Er unsere Sünden auf sich nahm und so ihre ernsten Folgen trug. Oh, welch eine Sprache redet doch Golgatha. Tritt näher, teure Seele, tritt mit unbeschuhten Füßen näher und schaue daselbst deinen Heiland an. Vernimm seinen Schrei. Es ist der Schrei eines von Gott Verlassenen. Und warum war ER verlassen? Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens, der mächtige Träger aller Dinge, der in seiner Menschheit auf Erden nie von dem Pfade des Gehorsams und des Vertrauens abwich, warum musste Er von Gott verlassen werden? Es wundert uns nicht, wenn Engel darob bestürzt dastanden. Oh, es gibt nichts dem Kreuz Ähnliches – dem einen Hoffnungsstern, der einzigen Zuflucht des Verlorenen. Von dort erstrahlt in ihrer vollen Majestät und Kraft die Heiligkeit Gottes, seine Gerechtigkeit, seine Liebe, ja alles, was seinen Namen herrlich macht.

Und redet dies nicht alles in einem weit tieferen Maße von Frieden zu uns, als Jesaja es je kennen konnte? „Er hat Frieden gemacht durch das Blut seines Kreuzes.“ Keine Anstrengungen oder Tränen unsererseits, keine Sorgen, keine Zerknirschung, keine Lebensänderung kann irgend etwas dem Werte seines Opfers hinzufügen. Ihm etwas hinzuzufügen würde seine Herrlichkeit verdunkeln. Er steht allein – der Mittelpunkt zweier Ewigkeiten – auf den die bewundernden Augen der Propheten und heiliger Männer ruhten und auf den die noch mehr verwunderten Augen der Erlösten des Herrn in den entferntesten Zeitaltern, die noch kommen, zurückblicken werden. Jetzt ist es nicht eine glühende Kohle vom Altar, wie sie Jesaja sah, sondern das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, und nur dieses reinigt uns von aller Sünde.

Und jeder an Ihn Glaubende ist gereinigt. Weißer als Schnee ist die Seele dessen, der zu Ihm seine Zuflucht nahm. Sie sind zu Teilhabern des Erbes der Heiligen im Licht geworden. Das ist die einfache Erklärung von Kolosser 1,12. Passend gemacht! Nicht ein fortschreitendes Werk der Vervollkommnung, das vollendet ist, wenn unsere Seele sich erhebt, um in das Heim der Liebe einzugehen. Wir sind jetzt passend gemacht. Des Vaters Willkommen und Kuss folgte das beste Kleid, der Ring an den Finger und die Sandalen für die Füße. Der verlorene Sohn – nun nicht mehr ein Verlorener – war dadurch für das Haus des Vaters passend gemacht. Ist es nicht auch so mit uns? Ganz gewiss. Im Geiste und durch die Macht des Heiligen Geistes treten wir jetzt in das Haus des Vaters ein und schmecken schon die Freuden, die unser Teil in alle Ewigkeiten sein werden.

Leser, weißt du etwas von diesem Segen? Oder stehst du etwa beiseite, mit Furcht und Zittern, nicht wissend, ob deine Unreinigkeit hinweggetan worden ist? Nicht durch Gefühle, Gemütszustände und Erfahrungen, denn dieses sind schwankende Dinge, wird dir dies bestätigt. Das Wort Gottes ist unendlich besser als diese. Dort kannst du lesen, dass deiner Sünden und Gesetzlosigkeiten nie mehr gedacht werden wird. Diese Worte findest du Hebräer 10,17. Wie einfach sind sie doch. Dies sind die Worte dessen, der dich liebt und der nicht lügen kann. Willst du Ihm nicht glauben?

Nachdem er gereinigt und in Ruhe gesetzt worden war, drang eine andere Stimme an des Propheten Ohr. Es war die Stimme des Herrn, der sprach: „Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehend?“ Dann antwortete er: „Hier bin ich, sende mich.“ Er war bereit, die Botschaft des Herrn zu tragen, und wartete nur darauf, gesandt zu werden.

Ist es so mit uns? Unser Gott hat Boten nötig. Und Er wird sie aussenden – einige in zivilisierte, aber meist von Ungläubigen bewohnte Länder, andere in finstere Gegenden, wo Kannibalen leben, einige in die ausgedörrten Ebenen Afrikas, andere auf die Eisfelder zu den Eskimos und einige werden in der Nähe ihres Wohnortes arbeiten. Aber sie gehen als von Ihm gesandt. Und wenn kein Ruf an uns kommt, in entfernte Gegenden zu gehen, wenn unsere Aufgabe eine geringe und unser Wirkungskreis nur ein kleiner ist, kann uns doch eine köstliche Botschaft der Ruhe für Ermüdete anvertraut sein. In dem Haushalt der Natur hat der Sperling seinen Platz wie auch der Adler. Gottes Botschaften werden nicht nur in Worten ausgedrückt, wir können auch dann für Christum leben, wenn wir nicht predigen. Doch dies ist die Reihenfolge: erst Überführung, dann Reinigung und dann Weihung zum Dienste für Gott. Ihm sei Dank, jeder Gläubige ist passend gemacht für das himmlische Erbe, möchte aber auch jeder durch Gnade darnach trachten, „ein Gefäß zur Ehre zu sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werke bereitet“ (2Tim 2,21).

„Hier bin ich, sende mich.“


Originaltitel: „The Vision of God“
aus Simple Testimony, Jg. 27, 1910, S. 253–259
auch in Edification, Jg. 3, 1929, S. 262–268


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