Scheinfrömmigkeit hilft uns nicht weiter
2. Könige 6,24–7,20

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© SoundWords, online seit: 28.04.2006, aktualisiert: 12.03.2018

Leitverse: 2. Könige 6,24–7,20

Einleitung

Samaria war die Hauptstadt des Königreichs Israel oder der zehn Stämme. Gebaut durch Omri, einen ihrer gottlosen Könige, wurde sie der Königssitz seines Sohnes Ahab, von dem die Schrift sagt, dass er sich verkauft habe, um zu tun, was böse ist in den Augen des HERRN. Wegen seiner Gottlosigkeit wurde über ihn und sein Haus das Gericht ausgesprochen, das Gott in seiner Langmut jedoch nicht in den Tagen Ahabs, sondern erst in den Tagen des ebenso schuldigen Thronfolgers ausführte.

In dem vor uns liegenden Schriftabschnitt finden wir Joram, den Sohn Ahabs. Er scheint in seiner Gottlosigkeit und in seinem Widerstand gegen Gott nicht so weit gegangen zu sein, wie sein Vater oder wie sein Bruder Ahasja. Er tat die Säule Baals, die sein Vater gemacht hatte, hinweg. „Doch blieb er hangen an den Sünden Jerobeams …; er wich nicht davon“ (2Kön 3,3). Augenscheinlich war es seine Eigengerechtigkeit, die ihn drängt, sich auf äußere Formen des Gottesdienstes zu stützen; denn hätte ihn die Gottesfurcht einer Seele beherrscht, welche die Gnade und Treue Gottes kennt, so würde er sich nicht damit begnügt haben, nur die von seinem Vater eingeführten groben Formen des Götzendienstes zu beseitigen, sondern er würde sicher die goldenen Kälber Jerobeams vernichtet haben, durch deren Anbetung sich die zehn Stämme von ihrem Gott getrennt hatten. Solange das Volk in dieser schrecklichen Sünde voranging, war nichts imstande, das Missfallen Gottes abzuwenden. So geschah es, dass in den Tagen dieses eigengerechten Königs, der in den Augen der Menschen weit besser als viele seiner Vorfahren war, die ersten Tropfen der herannahenden Zornflut Gottes niederzufallen begannen. Wir werden aus dem Verlauf unserer Betrachtung sehen, von wie geringem Wert äußere Gottesfurcht ist.

Gott kündigt Gericht an

Wir finden hier aufs Neue den Beweis, wie träge das Herz des Menschen ist zu glauben, dass Gott einen Abscheu gegen die Sünde hat. Die Schrift verbirgt uns diese Wahrheit nicht. Freilich ist Gott langsam zum Zorn und seine Langmut ist groß über uns; aber wenn Er sich einmal zum Gericht erhebt, dann werden „sich Rahabs Helfer unter ihn beugen“ (Hiob 9,13). Das Wort Gottes offenbart uns nicht jene falsche Nachsicht, welche die Gefahr verblümt oder hinwegleugnet, bis es zum Entrinnen zu spät ist. Nein, es sind unzweideutige und feierliche Ausdrücke, wenn wir lesen: „Gott ist ein gerechter Richter, und ein Gott, der jeden Tag zürnt“ (Ps 7,11). „Es werden zum Scheol umkehren die Gesetzlosen, alle Nationen, die Gottes vergessen“ (Ps 9,17). „Wenn ihr nicht Buße tut, so werdet ihr alle ebenso umkommen“ (Lk 13,3). „Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen“ (Röm 1,18). „Bei der Offenbarung des Herrn Jesu vom Himmel mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christi nicht gehorchen; welche Strafe leiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2Thes 1,7-9). Ja, lieber Leser, Gott ist langsam zum Zorn; Er ist „langmütig gegen euch, da er nicht will, dass irgendwelche verlorengehen“ (2Pet 3,9); aber seine Rache ist umso fürchterlicher, weil es die Rache dessen ist, der mit der Vergeltung bis zum Ende hin gezögert hat. „Weil ich gerufen, und ihr euch geweigert habt, meine Hand ausgestreckt, und niemand aufgemacht hat und ihr all meinen Rat verworfen und meine Zucht nicht gewollt habt, so werde auch ich bei eurem Unglück lachen, werde spotten, wenn euer Schrecken kommt“ (Spr 1,24-26). Weil das Gericht zögert, bilden sich die Menschen ein, dass es nie kommen werde. Aber Gott sagt: „Solches hast du getan, und ich schwieg; du dachtest, ich sei ganz wie du. Ich werde dich strafen und es dir vor Augen stellen“ (Ps 50,21). Und wie voll Gnade ist die Warnung, die unmittelbar diesen Worten folgt: „Merket doch dieses, die ihr Gottes vergesset, damit ich nicht zerreiße und kein Retter sei da“ (Ps 50,22)!

Gott führt Gericht aus

Aber es ist nicht so, dass nur die warnenden Aussprüche der Schrift den Abscheu Gottes gegen die Sünde und seinen Entschluss offenbaren, sie zu bestrafen, sondern es werden uns auch viele Beispiele vor Augen gestellt, wo Gott durch sichtbare, zeitliche Gerichte seinen Hass gegen die Sünde kundgibt. Er hat nicht das Gift der Lüge der Schlange im Herzen der Menschen wirken lassen, ohne zugleich ein Gegengift zu geben. Die große Flut, die Verwüstung Sodoms, die Plagen Ägyptens, die Ausrottung der Kanaaniter, alles bezeugt, dass die Sünde nicht ungestraft bleiben kann. Vor allem aber liefert uns die Geschichte Israels beachtenswerte Beispiele dieser Art. Auch die Belagerung von Samaria ist ein Beispiel. Viele Jahrhunderte vorher hatte Gott sein Volk Israel auf die Folgen der Empörung wider Ihn aufmerksam gemacht. Er hatte von Plagen und Trübsalen gesprochen, die sie, wenn sie ungehorsam wären, treffen würden; ja, Er hatte ihnen sogar vorausgesagt, dass ihr Unglück sie dahin treiben werde, das Fleisch ihrer Kinder zu essen. „Die Weichlichste unter dir und die Verzärtlichste, welche vor Verzärtelung und vor Verweichlichung nie versucht hat, ihre Fußsohle auf die Erde zu setzen, deren Auge wird scheel sehen auf ihre Kinder, die sie geboren hat, denn sie wird sie im Geheimen aufessen, im Mangel an allem, in der Belagerung und in der Bedrängnis, womit dein Feind dich bedrängen wird in deinen Toren“ (5Mo 28,56.57). Und ist diese angekündigte schreckliche Strafe nicht erfüllt? Gewiss, sie ist, wie wir in dem Abschnitt unserer Betrachtung lesen, buchstäblich erfüllt worden (2Kön 6,29). Gott richtet nicht bloß seine Drohungen an die Menschen, sondern Er führt sie auch aus, wenn die Zeit des Gerichts gekommen ist. Und hat Er nicht das ewige Verderben als die unausbleibliche Folge darauf angekündigt, dass sie im Unglauben fortfuhren und in der Sünde beharrten? Er wird sicher diese Drohung erfüllen. Man täusche sich nicht mit dem Gedanken, dass seine Liebe Ihn verhindern werde, sie auszuführen. Er ist wahrhaftig; und Er würde nie ein solches Gericht über die Widersacher des Evangeliums ausgesprochen haben, wenn es nicht die einfache, nackte Wahrheit wäre. Gott bewahre jeden unserer Leser vor einer solchen falschen, verderblichen Vorstellung von der Gnade Gottes!

Scheinfrömmigkeit hilft uns nicht weiter

Und gerade die Erfüllung der in 5. Mose 28 angekündigten Dinge war es, die den wahren Charakter der Scheinfrömmigkeit des Königs ins Licht stellte. Er war kein offenbarer Gotteslästerer; er war auch nicht gleichgültig angesichts der Leiden seines Volkes, vielmehr suchte er durch seine Bußübungen und durch sein Fasten den Herrn zu bewegen, die Drangsale hinwegzunehmen. Diese Drangsale waren auch wahrlich nicht gering.

Kapitel 6,25

2Kön 6,25: Und es entstand eine große Hungersnot in Samaria, und siehe, sie belagerten es, bis ein Eselskopf achtzig Sekel Silber und ein Viertel Kab Taubenmist fünf Silberlinge galt.

Und das war noch nicht das Schlimmste:

Kapitel 6,27

2Kön 6,27: Und es geschah, als der König von Israel auf der Mauer einherging, da schrie eine Frau zu ihm und sprach: Hilf, mein Herr König! Und er sprach: Hilft der HERR dir nicht, woher sollte ich dir helfen? von der Tenne oder von der Kelter?

Wie sehr drücken diese ironischen Worte die Bitterkeit seines Herzens aus! Befand er sich doch selbst fast am Rande der Verzweiflung. Dennoch fragte er die Frau nach der Ursache ihrer Klage, und sie antwortete ihm:

Kapitel 6,28.29

2Kön 6,28.29: Diese Frau da hat zu mir gesagt: Gib deinen Sohn her, dass wir ihn heute essen, und meinen Sohn wollen wir morgen essen. Und so kochten wir meinen Sohn und aßen ihn, und ich sprach zu ihr am anderen Tage: Gib deinen Sohn, dass wir ihn essen! Aber sie hat ihren Sohn verborgen.

Diese haarsträubende Mitteilung macht deutlich offenbar, was in dem Herzen des Königs ist.

Kapitel 6,30

2Kön 6,30: Da zerriss er seine Kleider, während er auf der Mauer einherging, und das Volk sah, und siehe, er trug Sacktuch auf seinem Leibe.

Pharisäische Frömmigkeit und Eigengerechtigkeit kann wehklagen und fasten, kann eine traurige Miene aufsetzen und sich viele Dinge auflegen, um dadurch die Gunst Gottes zu erlangen. So war es auch bei Joram. So lange noch ein Schimmer Hoffnung übrig blieb, vermochte er den Schein von Gottesfurcht aufrechtzuerhalten; aber sobald sich seine Gebete als fruchtlos erwiesen, sein Sitzen in Sack und Asche keinen Vorteil brachte, die Belagerung fortdauerte und die Hungersnot ihren höchsten Gipfel erreichte, da warf er sich der Verzweiflung in die Arme und offenbarte sich als ein öffentlicher Feind des Gottes, dem er bisher zum Schein gehuldigt hatte. Gott selbst war außer seinem Bereich; aber es gab einen, von dem er wusste, dass er völlig eins war mit dem Namen und der Sache Gottes; und er beschloss, an diesem, dem Propheten Elisa, den Zorn zu stillen, der in seinem Herzen gegen Gott entbrannt war.

Kapitel 6,31

2Kön 6,31: So soll mir Gott tun und so hinzufügen, wenn der Kopf Elisas, des Sohnes Saphats, heute auf ihm bleibt!

Der König war sich bewusst, dass dieser Prophet zu jener Zeit in Samaria war und wohl auch in ganz Israel so nahe bei Gott war wie keiner; darum beschloss er, sich an ihm zu rächen. Elisa, der in seinem Hause sitzt, benachrichtigt die um ihn sitzenden Ältesten von dem Kommen des königlichen Boten und teilt zugleich mit, dass der Schall der Tritte des Königs hinter dem Boten sei. Kaum hat er seine Worte vollendet, da erscheint auch schon der angekündigte Bote und sagt:

Kapitel 6,32.33

2Kön 6,32.33: Siehe, das Unglück ist von dem HERRN; was soll ich noch auf den HERRN harren?

Der König hatte von sich die Meinung, Gott gedient zu haben; jetzt aber, wo der Leidenskelch bis zum Überfließen gefüllt ist, wirft er das Joch, das er sich selbst auferlegt hatte, ab und schiebt öffentlich alle Schuld auf Gott, anstatt sich zu beugen in der demütigen Erkenntnis, dass er alles Elend verdient habe. „Das Unglück ist von dem HERRN; was soll ich noch auf den HERRN harren?“ Mit anderen Worten: Ich dachte Ihn mit meinen Gebeten und meinem Fasten erweicht zu haben, aber ich sehe nun, dass Er unerbittlich ist; das Unglück kommt von Ihm, aber ich werde mich rächen.

Wie gering ist der Abstand zwischen der Eigengerechtigkeit und dem Ermorden des Volkes Gottes. Wie finden wir Kain, den ersten Menschen, der seine Hände mit dem Blute seines Bruders befleckte? War er ein offenbar ungläubiger, ein gottloser Mann? Keineswegs; vielmehr war er auf seine Art ein Anbeter Gottes. Er hatte seinen Altar und brachte Gott sein Opfer. Und was verleitete ihn, seinen Bruder zu ermorden? Er hatte sich in den Erwartungen, gegründet auf seine Eigengerechtigkeit, getäuscht. Als er sah, dass das Opfer seines Bruders angenommen, sein eigenes aber verworfen wurde, ersann und vollführte er die entsetzliche Tat.

Ebenso dachte Joram in der uns vorliegenden Geschichte sich durch das, was er sein „Harren auf den HERRN“ nannte, bei Gott angenehm zu machen; aber als er erfuhr, dass die züchtigende Hand Gottes immer schwerer und schwerer auf ihm ruhte und sich nirgends Aussicht auf Veränderung kundgab, da ließ er die Maske fallen und der religiöse Mann streckte seine Hand zum Morde aus; in seinem Hass gegen den Gott Elisas verschwört er sich, an dem Propheten Rache zu nehmen.

Die Parallele zum Sohn Gottes

Aber die Schrift teilt uns noch einen höheren Grad menschlicher Bosheit mit. Der König Israels kannte, wie gesagt, niemanden, der näher bei Gott war als der Prophet Elisa. Aber in der Fülle der Zeiten sandte Gott seinen Sohn und kam in Ihm dem Menschen so nahe, dass alles, was in eines Menschen Herz gegen Gott war, unmittelbar gegen Ihn ausgesprochen werden konnte. Und welcher Empfang erwartete den Sohn Gottes? Als Er in seiner unendlichen Liebe und Gnade Mensch wurde, ja als Er sich bis zum Knecht der Menschen erniedrigte, um der Arzt ihrer Wunden, der Tröster in ihren Trübsalen zu sein, als Er, Gutes tuend, umherging, alle die Kranken und die vom Teufel Besessenen heilte, wie wurde Er von denen, welchen Er diente, aufgenommen? Wie haben, um den Vergleich zu vervollständigen, vor allen die religiösen Menschen jener Tage Ihn behandelt? Wie empfingen sie den Sohn Gottes? Wie beantworteten sie die unaussprechliche Liebe, die Ihn trieb, um in ihrer Mitte zu wohnen? Er selbst sagt uns dies in den ernsten, feierlichen Worten: „Jetzt aber haben sie gesehen und gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,24). Sie selbst aber drücken ihre Antwort aus in dem Rufe: „Hinweg, hinweg! kreuzige ihn!“ Von Wut entbrannt forderten sie sein Blut. „Sie aber nahmen Jesus hin und führten ihn fort.“

Wie aber begegnete Gott diesen Ergüssen der menschlichen Bosheit? Welche Antwort gab Er auf diese Äußerungen des gegen Ihn entbrannten Menschenhasses? Ließ Er die Donnerschläge seiner Rache auf das Haupt des Königs Joram fallen, als dieser seine Hand ausstreckte, um den Propheten zu ermorden? Verfolgte Er die, die seinen eingeborenen Sohn ermordet hatten, sofort mit der Rute seines Zornes? Nein, in beiden Fällen bewahrheitete sich das Wort: „Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwänglicher geworden“ (Röm 5,20). Ja, Gott beantwortete die Wut Jorams mit der Offenbarung seiner überreichen Güte und Gnade.

Die Gnade triumphiert

Kapitel 7,1

2Kön 7,1: Da sprach Elisa: Höret das Wort des HERRN! So spricht der HERR: Morgen um diese Zeit wird ein Maß Feinmehl einen Sekel gelten und zwei Maß Gerste einen Sekel im Tor von Samaria.

Es ist, als ob der Herr hätte sagen wollen: „Jetzt, nachdem dein Charakter ans Licht getreten und es klar erwiesen ist, dass du ein offenbarer Feind Gottes bist, kann ich handeln nach der Freiheit meiner eigenen überschwänglichen Gnade und sofort der ausgehungerten Stadt in Überfluss meine Gaben darreichen. Solange du fastetest und einen Sack auf deinem Leibe trugst, würde meine Dazwischenkunft deine selbstgerechten Handlungen gebilligt haben; aber jetzt, wo du im Begriff bist, meinen Propheten zu ermorden, kann ein solcher Irrtum nicht mehr stattfinden. Die Errettung der Stadt kann allein den Reichtum meiner Gnade verherrlichen, und die Gnade wird ihren freien Lauf haben.“

Doch wie herrlich dieser Triumph der Gnade auch sein mag, was ist sie im Vergleich mit jener Gnade, die am Kreuze Christi erwiesen wird? Nie zuvor war die Feindschaft des Menschen gegen Gott in einer solchen Weise offenbar geworden als in dem Tode Christi. Wenn jemand eine Geschichte liest, in der die Grausamkeit und Gottlosigkeit eines Menschen gegen seine Mitgeschöpfe offenbar gemacht wird, so hört man ihn vielleicht mit Entrüstung sagen: „Wie ist es möglich, dass Gott in seiner Langmut eine Welt dulden kann, in der solche Gräuel geschehen?“ Und doch schaute Gott einmal aus dem Himmel und sein Auge sah den Mord seines vielgeliebten Sohnes. Dieselbe Barmherzigkeit, die Er anderen erwiesen hat, wird von Seiten der Menge als eine Beschimpfung gegen Ihn benutzt. „Andere hat er gerettet; sich selbst kann er nicht retten“, rufen sie Ihm höhnend zu. Ja, so war die Schreckensszene, auf die das Auge Gottes nieder sah. Und was folgte darauf? Etwa die unmittelbare Vertilgung der Mörder seines Sohnes, die sofortige Zertrümmerung der von ihnen repräsentierten Welt? Nein! Auf dem Kreuz wurde die größte Feindschaft des Menschen gegen Gott von Gott damit beantwortet, dass Er die vollkommenste Liebe gegen die Menschen ausströmen ließ. Das durch Menschenhände vergossene Blut wurde als eine Sühnung für die Sünde des Menschen angenommen, und Gott ließ verkündigen, dass jeder, der sein Vertrauen auf dieses kostbare Blut setze, Vergebung der Sünden und ewiges Leben empfangen und teilhaben werde an den Segnungen und an der Herrlichkeit mit dem Herrn Jesus Christus.

Wer könnte die hier entfaltete Gnade schildern? Wenn Jorams öffentliche Feindschaft wider Gott es klarwerden ließ, dass die Errettung Samarias nur aus„ Gnaden“ und nicht aus „Werken“ möglich war, so ist sicher die Versöhnung für eine Welt, die sich des Mordes des vielgeliebten Sohnes Gottes schuldig gemacht hat, erst recht der Ausdruck einer Unvergleichlichen, unumschränkten Gnade. „Gott war in Christo, die Welt mit sich selbst versöhnend.“ Und selbst nachdem die Welt die Friedensanerbietungen Gottes durch die Ermordung seines fleischgewordenen Sohnes beantwortet hatte, sandte Er, statt unmittelbar Rache zu nehmen, eine neue Gesandtschaft aus, welche rief: „So sind wir nun Gesandte für Christum, als ob Gott durch uns ermahnte. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Dies ist nicht eine bloße Fortsetzung oder Wiederholung jener Anerbietungen, die vor dem Tode Christi geschehen waren, sondern die Vergebung der Sünden ist gerade auf diese Tatsache gegründet. Die Menschen in ihrer Bosheit waren das Werkzeug der Ermordung Christi; aber das, was das Evangelium uns verkündigt, ist der Anteil Gottes an diesem wunderbaren Ereignis. Denn „den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2Kor 5,19-21). Ja, wahrlich, nun kann gesagt werden: „Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwänglicher geworden.“

Die Gegenstände der Gnade Gottes

Doch kehren wir zu unserer Betrachtung zurück. Der Mann Gottes hatte angekündigt, dass binnen vierundzwanzig Stunden ein Überfluss an Lebensmitteln in Samaria sein sollte. Und was für Menschen waren es, die zuerst von diesem Überfluss Gebrauch machten? Vier Männer waren es, die außer dem, dass sie mit ihren Mitbürgern das Elend der Belagerung zu erdulden hatten, auch noch an ihren eigenen Leibern eine Qual mit sich herumtrugen, die sie mehr noch als alle anderen das Gewicht dieses Elends fühlen ließ. Sie befanden sich in einem verzweiflungsvollen Zustand, und sie fühlten dies. Sie waren aussätzig und mithin von allen übrigen Stadtbewohnern getrennt. Sie saßen am Eingang des Tores; und es ist leicht zu begreifen, da selbst die ekelhafteste Speise so außergewöhnlich hoch im Preis stand, dass man sicher an die unglücklichen Aussätzigen nicht dachte, oder sie mit Nahrungsmitteln versah:

Kapitel 7,3.4

2Kön 7,3.4: Und es waren vier aussätzige Männer am Eingange des Tores, und sie sprachen einer zum anderen: was bleiben wir hier, bis wir sterben? Wenn wir sprechen: Lasst uns in die Stadt gehen, so ist die Hungersnot in der Stadt, und wir werden daselbst sterben; und wenn wir hier bleiben, so werden wir auch sterben. Und nun kommt und lasst uns zu dem Lager der Syrer überlaufen; wenn sie uns leben lassen, so leben wir, und wenn sie uns töten, so sterben wir.

Wie großartig sind die Wege Gottes! Man kann mit Recht sagen: „Wo der Mensch endet, da fängt Gott an.“ Auch der Glaube hat dort seinen Anfang; und wie wenig der Glaube auch die Triebfeder zu dem Entschluss dieser Aussätzigen sein mochte, so haben wir doch in ihrem verzweifelten Vornehmen eine treffende Aufklärung der Bewegungen, die dem Glauben oft vorangehen und das Geleit geben. Die gewöhnlichen Hilfsmittel waren erschöpft; sowohl länger da zu verweilen, wo sie waren, als auch in die Stadt einzutreten, beides stellte nichts anderes als einen gewissen Tod in Aussicht. Dagegen bot es doch noch irgendeine Möglichkeit der Errettung, in das Lager der Syrer überzulaufen, und war dieses nicht der Fall, so war das Schlimmste, was sie treffen konnte, der Tod, dem sie, wenn sie blieben oder in die Stadt gingen, unabweislich verfallen gewesen wären. Welch ein treues Gemälde der Gefühle, mit denen so mancher beladene, zitternde und verzweifelnde Sünder zu den Füßen Jesu niedergesunken ist, als wollte er gleich diesen Aussätzigen sagen: „Ich kann nichts mehr als umkommen; und wenn, dann komme ich zu den Füßen Jesu um.“

Gott schafft die Rettung selbst

Aber nie ist jemand hier umgekommen. Gott war diesen armen, mit dem Tode ringenden Aussätzigen vorausgegangen und hatte in dem Lager der Syrer ein Werk vollbracht, das zum Mittel der Errettung Samarias dienen sollte. Während alle Bewohner der Stadt ratlos waren und der König sich der Verzweiflung in die Arme geworfen hatte, hatte Gott selbst für sie gekämpft, indem Er die Syrer ein Getöse hören und sie glauben ließ, dass ein mächtiger Feind ihnen auf den Fersen sei. Und dies hatte sie mit einer solchen Furcht erfüllt, dass sie in wilder Flucht ihre Zelte verlassen und sogar ihre Schätze und ihre Speisevorräte zurückgelassen hatten, um nur ihr nacktes Leben zu retten. Die Aussätzigen wussten davon nichts, als sie ihren verzweifelten Entschluss fassten, in das Lager der Syrer zu gehen. Ohne Zweifel hatte Gott diesen Entschluss in ihnen geweckt. Er wusste, dass die Belagerer auseinander getrieben und in die Flucht gejagt waren. Die Aussätzigen wussten, dass es im Lager der Syrer einen Speisevorrat zur Stillung ihres Hungers gab; und es war ja möglich, dass der Feind Mitleid mit ihnen haben und sie am Leben lassen würde. Freilich konnte auch der Tod ihr Los sein. Aber wie wunderbar! Das Lager war leer. Die Lebensmittel waren da, während die Syrer die Flucht ergriffen hatten. Der Kampf war bereits gekämpft, der Sieg errungen; und statt der Feinde, die sie zu fürchten hatten, fanden sie Zelte, angefüllt mit Vorräten, um ihre gegenwärtigen Bedürfnisse zu befriedigen und auch noch für die Zukunft Überfluss zu haben, ohne dass die Gegenwart auch nur eines einzigen Feindes ihnen den Besitz streitig gemacht hätte.

Seinen hoffnungslosen Zustand erkennen

Der einzige Unterschied zwischen den Aussätzigen und einem armen Sünder, der seine Zuflucht zu Jesu nimmt, besteht darin, dass jene von Seiten Gottes keine Versicherung ihrer Rettung im syrischen Lager besaßen, während der Sünder das Wort Gottes vor sich hat, das ihm versichert, dass in Christus, und zwar in Christus allein, völlige Errettung zu finden ist. Ach, wie wenige gibt es, die ihre Zuflucht zu Christus nehmen, bis sie, sozusagen durch das Gefühl ihres vollkommenen Elends und ihres verzweiflungsvollen Zustandes, worin sie sich befinden, dazu gezwungen werden! Wie viele unter denen, die diese Zeilen lesen, können es bezeugen, dass, so lange ihnen noch irgendeine Hoffnung auf sich selbst oder auf etwas in der Umgebung übrig blieb, sie sich weigerten, zu Christus zu kommen! Solange der Mensch noch sein Vertrauen auf seine Werke setzen kann, auf seine Buße, auf seine religiösen Verrichtungen, findet das Evangelium, wenn es ihm vorgestellt wird, kein aufmerksames Ohr. Erst wenn er die Erfahrung macht, dass sein Zustand hoffnungslos ist, dass alle Stützen der Eigengerechtigkeit morsch und nutzlos sind, wenn er nichts sieht als seine Sünden in der Vergangenheit, sein böses Herz in der Gegenwart, ein unausbleibliches Gericht in der Zukunft, einen gerechten, allwissenden Richter über sich und einen klaffenden Abgrund des Elends unter sich, ohne dass irgendwo eine rettende Hand sich zeigt, dann erst ruft er sich zu: „Ja, ich bin hoffnungslos, elend und unter dem Zorn eines ewigen Richters; aber spricht denn nicht Gott von einer Erlösung in Christus? Und sagt Christus nicht selbst: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen?“ Oh, dann gibt es auch noch Hoffnung für mich; denn ich erkenne, dass mich nur eine freie, vollkommene Gnade erretten kann.

Und wie furchtsam sich auch eine Seele heranwagt, um sich auf Christus und auf das Zeugnis, das Gott von Ihm gegeben hat, zu stützen, so wird sie doch nie beschämt werden; und welch eine Fülle von Freude genießt sie, wenn sie erfährt, dass kein Grund zur Furcht mehr vorhanden ist! Ja, sie hat mehr gefunden als sie gesucht hat! Sicher, alle Erwartungen werden weit übertroffen, sobald wir im Glauben zu Christus gekommen sind. Wir vertrauen dann auf ein Werk, das lange vorher vollbracht ist, auf einen Sieg, der lange vorher errungen worden ist; und wir sehen uns als Teilhaber an allem, was Christus getan hat und was Er ist. Weder der König, noch die Bewohner, noch die Aussätzigen wussten etwas von dem, was außerhalb der Stadt im syrischen Lager vorgegangen war; nur Gott wusste alles; und auf dieses Wissen war das Zeugnis des Propheten gegründet, dass binnen vierundzwanzig Stunden in der ausgehungerten Stadt Überfluss sein sollte. Und so war es auch uns unbekannt, was Gott in Christus getan hat. Ja selbst für die, welche Augenzeugen der Kreuzigung waren, blieb die volle Bedeutung und das große Gewicht dieser Tatsache verborgen. Und dennoch, es war auf dem Kreuz, wo alles, was uns im Wege stand, hinweggetan worden ist. Dort wurde das glorreiche Werk vollbracht, wodurch jedem Sünder, der durch die Gnade an Jesus glaubt, eine ewige Erlösung zuteil wird.

Als die vier Aussätzigen an das Ende des Lagers der Syrer kamen,

Kapitel 7,5

2Kön 7,5: Siehe, kein Mensch war da.

Statt, dass sie Feinde fanden, die sie gefürchtet hatten,

Kapitel 7,8

2Kön 7,8: … gingen sie in ein Zelt und aßen und tranken und nahmen daraus Silber und Gold und Kleider und gingen hin und verbargen es.

Ebenso ist es, wenn ein mühseliger und beladener Sünder sich in die Arme Jesu wirft und das Zeugnis Gottes über seinen Sohn annimmt. Er wird dann erfahren, dass alle Feinde durch Ihn vernichtet und überwunden sind, und dass er mit Ihm nur die Beute des von Ihm errungenen Sieges zu teilen hat.

Alle Furcht zunichtegemacht

Fürchtest du das Gesetz noch? „Christus hat uns losgekauft von dem Fluche des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist“ (Gal 3,13). Fürchtest du den Zorn Gottes über die Sünde? Christus hat sie an unserer statt getragen. Seine Sprache am Kreuz war: „Alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen“ (Ps 42,7). Drückt die Sünde dich nieder? „Jetzt ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter geoffenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“ (Heb 9,26). Denkst du mit Furcht an den Tod? „… auf dass er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14.15). Erfüllt die Heiligkeit Gottes dich mit Schrecken? Gott hat das Versöhnungsblut Christi angenommen, und Er ist durch dieses Opfer so vollkommen befriedigt und verherrlicht, dass Er den Herrn Jesus aus den Toten auferweckt und Ihn zu seiner Rechten gesetzt hat. Gott selbst ist es, der von dem Werk des allgenugsamen Blutes Christi Zeugnis ablegt, indem Er erklärt, dass dieses Blut von aller Sünde reinigt. „Gott ist es, welcher rechtfertigt.“ Gehst du gebeugt unter dem Joch der Sünde einher? „Die Sünde wird nicht über euch herrschen; denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). Der Sieg Christi ist so vollkommen und die Folgen sind für den Sünder, der an Jesus glaubt, so gesegnet, dass er mit dem Apostel sagen kann: „Wenn Gott für uns ist, wer wider uns“ (Röm 8,31)?

Das Leben, die Gerechtigkeit, die Kindschaft, der Heilige Geist als Siegel und Salbung, eine vollkommene Teilhaftigkeit mit Christus an allen Segnungen und an der Herrlichkeit, zu der Er als der auferstandene Mensch erhöht ist, das sind die Schätze, die das Teil derer sind, die das Zeugnis Gottes über seinen Sohn angenommen haben.

Ein Tag guter Botschaft

Aber zu welchem Zweck ist uns ein solcher Gnadenreichtum verliehen worden? Diese Frage wird in uns durch das wachgerufen, was unsere Geschichte uns in Bezug auf die vier Aussätzigen mitteilt. Zuerst stillen sie ihren Hunger und dann bereichern sie sich mit der Beute, die sie in dem feindlichen Lager vorfinden. Doch jetzt erinnern sie sich, dass es noch andere in der Stadt gibt, für die dieser Überfluss ebenso wie für sie bestimmt ist.

Kapitel 7,9

2Kön 7,9: Und sie sprachen einer zum anderen: Wir tun nicht recht. Dieser Tag ist ein Tag guter Botschaft; schweigen wir aber und harren bis der Morgen hell wird, so wird uns Schuld treffen. Und nun kommt und lasst uns hineingehen und es im Hause des Königs berichten.

Gibt es nicht wie damals hungernde und dürstende Seelen, denen wir die „gute Botschaft“ gerade aus dem Grunde bringen sollen, weil wir selbst aus Gnaden diese „gute Botschaft“ kennengelernt haben? Es ist ohne Zweifel nötig, dass zuerst wir selbst bezüglich unserer eigenen Seligkeit zur Ruhe gebracht sind. Es ist nötig, dass wir zuerst uns durch den Glauben die Beute aneignen, die durch Jesus, den Überwinder des Todes und der Hölle, erworben ist. Gott sendet niemanden mit der frohen Botschaft seiner Erlösung aus, der nicht selbst diese Erlösung gekostet hat. Aber dann haben wir auch die Frage zu erwägen: Ist uns Christus nur unseres eigenen Glückes wegen geoffenbart? Ist es nur geschehen, damit wir seine Miterben sein sollen? Oh nein, gewiss nicht. Dieser Tag ist ein Tag guter Botschaft: es gehörte sich nicht, davon zu schweigen.

Lieber Leser! Wenn du geschmeckt hast, dass der Herr gütig ist, wenn du das Fleisch des Sohnes des Menschen gegessen und sein Blut getrunken hast (Joh 6,53), dann erinnere dich der ausgehungerten Seelen, denen diese himmlische, Leben gebende Speise noch unbekannt ist. Gedenke ihrer mit Mitgefühl und erzähle ihnen die Wunder, die vor deinen Augen enthüllt sind. Du brauchst dazu keine besonderen Fähigkeiten, keine Schulweisheit, um diesen Dienst der Liebe auszuüben.

Die Aussätzigen beschränkten sich auf die bloße Mitteilung dessen, was sie gefunden hatten.

Kapitel 7,10

2Kön 7,10: Wir sind in das Lager der Syrer gekommen, und siehe, kein Mensch war da, und keine Menschenstimme, sondern nur die Rosse angebunden, und die Esel angebunden, und die Zelte, so wie sie waren.

Das war genügend. Zelte, die mit Lebensmitteln angefüllt waren und nirgends ein Feind, der ihnen den Besitz streitig machen konnte, das war Leben und Rettung für eine Stadt, deren Bewohner dem Hungertode nahe waren. Weiter brauchte nichts gemeldet zu werden, als dass drüben im Lager Speise die Fülle war. So ist es auch mit Seelen, die in Wahrheit ihren elenden, verlorenen Zustand fühlen. Sie brauchen keine beredten Worte; sie haben kein anderes Verlangen als zu wissen, wie Gott auf ihre ängstlichen Zweifel und auf die Seufzer ihrer beschwerten, mit Sünden beladenen Herzen antwortet. Und kannst du diese Antwort nicht geben? Kannst du ihnen nicht erzählen, wo die Ketten, mit denen auch du einst gebunden warst, von dir abgefallen sind, wo du Vergebung und Frieden, Freiheit und heilige Freude gefunden hast? Kannst du ihr Auge nicht auf das Kreuz richten, wo Er ausrief: „Es ist vollbracht!“, und wo Er dann seinen Geist aufgab? Kannst du sie nicht zu dem leeren Grabe führen, wo die Jünger und die Frauen Ihn am Morgen des dritten Tages vergeblich suchten? Hast du seine Worte „Friede euch!“ vergessen, als Er, der Überwinder des Todes und der Hölle, in der Mitte seiner furchtsamen Jünger erschien und ihnen seine Hände und seine Seite zeigte? Kannst du nicht mit ihnen von seiner Erhöhung zur Rechten Gottes sprechen, von dem Heiligen Geist, der auf die Erde gekommen ist um zu bezeugen, dass das auf Erden vergossene Blut Jesu im Himmel angenommen, und dass droben eine Stätte, ein Thron, eine Heimat bereitet ist und zwar für jeden Sünder, der zu dem vergossenen Blute seine Zuflucht nimmt? Sind das nicht noch größere Wunder, als die verlassenen, mit vergänglicher Speise angefüllten Zelte, und als der ganze Reichtum eines syrischen Lagers? Ja, es ist in der Tat ein Tag „guter Botschaft“, und wir dürfen nicht schweigen. „Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2Kor 6,2)! Der Herr gebe den Lesern und dem Schreiber dieser Zeilen, dass es während der noch übrigen Zeit ihres kurzen Lebens ihre Freude sei, die „gute Botschaft“ zu verkündigen!

Die Folgen des Unglaubens

Doch unsere Geschichte sagt uns noch mehr. Sie stellt uns ein treffendes Beispiel von den Folgen des Unglaubens vor Augen. Wo diese Folgen auch nicht ganz und gar zum Verderben führen, so sehen wir doch den Einfluss des Unglaubens in dem Zögern beim Eintritt der Erlösung. Als der Bericht der vier Aussätzigen dem König zu Ohren kam, konnte sein düsterer, argwöhnischer Geist darin nicht die Erfüllung des Wortes Elisas und die Dazwischenkunft der Macht und Gnade Gottes zugunsten der armen Stadt erkennen. Der König konnte keinem anderen Gedanken Raum geben, als dass die Syrer eine List zum Verderben der Seinigen ersonnen haben würden, um die Belagerten, deren Hungersnot sie kannten, durch Aussicht auf Speise aus der Stadt zu locken und sie aus einem Hinterhalt zu überfallen und zu vernichten. Oh, die Vernunft des Unglaubens! Er konnte fasten, sich in Sack und Asche hüllen, das Haupt wie ein geknicktes Rohr hängen lassen; aber als Gott durch solche, welche die Befreiung gekostet hatten, diese Befreiung ankündigen ließ, da fehlte der Glaube, um die Hand der Rettung zu erfassen. Jedoch gab es in der Umgebung des Königs Männer, die durch die Hungersnot weiser geworden waren, als der König selbst; und auf ihren Rat wurden zwei Boten ausgesandt, um die Aussage der Aussätzigen zu prüfen. Sie fanden Kleider und Geräte, die die Syrer in ihrer übereilten Flucht weggeworfen hatten, auf dem Wege umhergestreut, so dass nicht mehr der geringste Zweifel darüber herrschen konnte, dass der Feind sich entfernt hatte. Jetzt wurden die Schätze in großer Hast aus dem Lager nach der Stadt gebracht, so dass sich das Wort des Herrn als buchstäblich erfüllt erwies.

Kapitel 7,16

2Kön 7,16: Und es galt ein Maß Feinmehl einen Sekel und zwei Maß Gerste einen Sekel, nach dem Worte des HERRN“.

Doch wie ernst begegnet hier Gott dem Spötter und Verächter seines Wortes. Der Anführer, auf dessen Hand sich der König lehnte, hatte auf die Ankündigung des Propheten mit Geringschätzung geantwortet und gesagt: „Siehe, wenn der HERR Fenster am Himmel machte, würde wohl dieses geschehen“ (2Kön7,2)? Welche Anmaßung! Der Gott, der nicht lügen kann, bestimmt, was Er tun will; und dieser Mann wagt es, darüber zu spotten, so dass der Prophet ihm zurufen muss: „Siehe, du wirst es mit deinen Augen sehen, aber du wirst nicht davon essen.“ Dieses Wort wurde erfüllt. Das Lager der Syrer lieferte jenen Überfluss, von dem der stolze Anführer erklärte, dass es dazu der Fenster am Himmel bedürfe. Das Wort Gottes wurde erfüllt, und der Überfluss strömte vor den Augen des Spötters in die Stadt hinein. Doch auch kein Jota des Wortes Gottes sollte unerfüllt bleiben. Der König hatte den Anführer ins Tor gestellt, und das Gedränge war so groß, dass ihn das Volk im Tore zertrat, so dass er starb (2Kön 7,17). Welch eine ernste Predigt! „Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten!“

Schlussworte

Möge der Herr einen jeden meiner Leser vor einem solchen Gericht bewahren! Das Wort Gottes wird noch immer verkündigt und ladet einen jeden ein, zu Jesu zu kommen, um bei Ihm Vergebung der Sünden, Frieden, Freiheit, ewiges Leben und ein unverwelkliches Erbteil mit Christus zu finden. Es ist möglich, dass du, der du diese Zeilen liest, bisher das Zeugnis der Liebe Gottes unbeachtet gelassen hast. Dein Herz ist vielleicht unberührt geblieben oder du verwirfst gar, gleich jenem Anführer Samarias, das Wort Gottes bis auf diesen Augenblick. Aber bevor du dieses Blatt, auf dem dein Auge ruht, aus der Hand legst, lass dir dieses eine Wort noch sagen, dass, wenn du lebst und stirbst in der Verwerfung des Wortes Gottes, sicher und gewiss einmal der Tag anbrechen wird, wo du von der Wahrheit dieses Wortes überführt werden wirst. Ja, „du wirst es mit deinen Augen sehen, aber du wirst nicht davon essen“. Du wirst den Erlöser, den du verachtet hast, in der Herrlichkeit schauen, und viele deiner jetzigen Genossen wirst du in seiner Umgebung sehen, viele, die ebenfalls große und, nach deiner Schätzung, noch größere Sünder als du gewesen sind, aber durch Gnade das Zeugnis, das du jetzt verwirfst und missachtest, angenommen haben. Sie erfahren dann die Wahrheit dieses Zeugnisses zu ihrem ewigen Glück; du aber wirst es mit deinen Augen sehen, aber nicht davon genießen.

Möge der Herr in seiner Gnade dich durch diese Warnung bewegen und dich sowohl die Torheit als auch die Gottlosigkeit des Unglaubens erkennen lassen. Möge Er dein Ohr öffnen für die Stimme Jesu, der dich einlädt und dir zurufen lässt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“


Originaltitel: „Die Belagerung von Samaria“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1877, S. 264–287


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