Einführung zum Buch des Predigers (0)

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 03.03.2006, aktualisiert: 22.02.2018

Mitteilung von Erfahrungen

Niemand wird bestreiten wollen, dass Salomo dieser Prediger ist (siehe Pred 1,1.12). Gelehrte indessen, die, außer ihrem eigenen Wissen, alles in Frage zu stellen gewöhnt sind, leugnen es. Das darf uns jedoch nicht verwundern, denn kein Mensch, und sei es der gelehrteste, kann den einfachsten Gedanken Gottes verstehen, es sei denn durch den Geist Gottes. Der Gläubige, der diesen alles erforschenden Geist besitzt, ist fähig, die Geheimnisse der Weisheit zu verstehen und sowohl den Zweck, zu dem Gott uns diese Unterweisungen gibt, als auch den Nutzen, den wir daraus ziehen können, zu erkennen. Der Prediger will Menschen um sich sammeln, die Ohren haben zu hören, um sie zu unterweisen und ihnen seine Erfahrungen mitzuteilen.

Die Belehrungen des Predigers haben einen ganz besonderen Charakter, wie wir ihm in keinem anderen Buch der Bibel begegnen. Der Leser möge zur Erläuterung nachstehenden Betrachtungen folgen.

Der erste Adam

Im ersten Buch Mose finden wir auf der Erde einen Menschen, den ersten Adam, unschuldig, ohne Erkenntnis des Guten und Bösen, inmitten einer wunderbar aus der Hand Gottes hervorgegangenen Schöpfung. Er steht in Verbindung mit seinem Schöpfer, von dem er weiß, dass Er jeden Ungehorsam richtet, und er besitzt einen Geist, der fähig ist, die ihn umgebenden Dinge zu verstehen und zu genießen. Er ist auch imstande, eine wirksame Herrschaft über die ganze Erde auszuüben, und besitzt ein Herz, das zu lieben vermag und von Gott einen seiner Liebe würdigen Gegenstand erhält. Dieser Mensch brauchte also, um glücklich zu sein, nur in der Abhängigkeit von Gott zu bleiben, der die Schöpfung seinen Füßen unterworfen hatte. 

Was geschieht aber? Anstatt die Furcht Gottes zu bewahren, wird er bei der ersten Versuchung, die an ihn herantritt, stolz und hochmütig. Er erachtet es für einen Gewinn, seinem Schöpfer gleich zu sein, handelt in Unabhängigkeit und fällt in Sünde; sein ganzes Glück ist zerstört. Von nun an erkennt er das Gute und das Böse, ist jedoch unfähig, das Gute zu tun; er ist ein Sklave der Sünde geworden. Die Erde ist verdorben, der Tod hat auf ihr seinen Einzug gehalten, und der Himmel ist dem Menschen verschlossen. Das Gericht Gottes ist seine Zukunft, wenn nicht die Gnade dazwischentritt, um ihn zu retten. Das ist in der Tat auch die einzige Verheißung, die Gott dem Menschen unmittelbar nach dem Sündenfall gibt (1Mo 3,15).

Der zweite Adam

Die Erfüllung dieser Verheißung führt den zweiten Adam ein. Er tritt nicht in eine reine und schöne Schöpfung ein, sondern Er kommt auf den verdorbenen Schauplatz der Sünde und des Todes, aber in voller Kenntnis des Zustandes der Welt und mit einem bestimmten Ziel. Er ist mit einer Weisheit ausgestattet, die nicht diesen Verfall und die absolute Unmöglichkeit, daran etwas zu ändern, feststellen will, sondern ein Heilmittel zu bringen beabsichtigt. Die göttliche Weisheit in Ihm bringt dem Menschen keine Erleichterung, die ihm auch die Weisheit Salomos nicht hatte verschaffen können, sondern vollständige Heilung und Befreiung von diesem Elend. Die Weisheit Gottes in Christus, dem vollkommenen Menschen, war nicht nur aus göttlicher Quelle, sondern sie war die Quelle selbst, die Quelle des Lebens zur Besiegung des Todes, die Quelle des Lichts zur Zerstreuung der Finsternis und die Quelle der Reinheit, um die Sünde hinwegzunehmen und den Menschen mit Gott zu versöhnen. Sie war das Licht, das das Böse aufdeckt, und zugleich die Liebe, die es heilt. Von Ewigkeit her, vor aller Schöpfung, vor dem Dasein des Bösen und dem Fall des Menschen hatte diese Weisheit ihre Wonne bei den Menschenkindern (Spr 8,31), an denen sie ihr Wohlgefallen finden wollte. Sie war in vollkommener Übereinstimmung mit dem, der sie gezeugt hatte. „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“, spricht sie beim Eintritt in diese Welt. Und diese Weisheit war Liebe. 

Welcher Empfang wird ihr zuteil? Der Prediger, so weise er auch war, hatte persönlich weder bösen Willen noch Hass gefunden, sondern zweifellos nur Eitelkeit, Kummer und ein Haschen nach Wind festgestellt, aber seine eigenen Erfahrungen unterwarfen ihn selbst der Eitelkeit aller Dinge. So war es jedoch nicht mit der in dem Menschen Jesus Christus offenbarten Weisheit. Die ganze Welt erhob sich gegen Ihn, überhäufte Ihn mit Schimpf und Schande und nagelte Ihn an ein Kreuz, weil der Mensch die Wahrheit nicht ertragen konnte. Er wollte die Gnade nicht, weil er die Knechtschaft Satans der Versöhnung mit Gott vorzog. Aber die Tat selbst, durch die der Mensch Christum verwarf, wurde das Heilmittel für den Sünder. „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege!“ Ihm sei ewiger Ruhm!

Der Prediger – ein Mensch zwischen dem ersten und zweiten Adam

Der Prediger zeigt uns einen dritten Zustand. Wir sehen dort einen Menschen, Salomo, nicht mehr unschuldig wie Adam vor seinem Fall, sondern mit der Erkenntnis des Guten und Bösen. Dieser Mensch steht, wie Adam, in Verbindung mit Gott, und wie dieser besitzt auch er den „Anfang der Aussprüche Gottes“ (Heb 5,12), den „Glauben an Gott“ und die Kenntnis des „ewigen Gerichts“ (Heb 6,1.2). Aber er wird uns hier im Prediger ohne den Besitz jeder Offenbarung vorgestellt, die ihn in Verbindung mit dem HERRN, dem Gott des Bundes, bringt. In diesem Zustand ist notwendigerweise die Erkenntnis Gottes von der Furcht Gottes und der Gewissheit begleitet, dass Er ein Richter aller Menschen sein muss. Solcher Art ist das moralische Gemälde des Predigers. In der Tat ähnelt sein Zustand, abgesehen von der Erkenntnis des Guten und Bösen, demjenigen Adams vor dem Fall.

Nun stelle diesen Menschen in eine durch die Sünde beschmutzte und verdorbene Schöpfung, gib ihm die unbeschränkte Möglichkeit, das Leben und alle schönen, angenehmen Dinge dieser Welt zu genießen. Schenke ihm schließlich die Fähigkeit, alle Dinge unter der Sonne zu verstehen, und eine Weisheit aus göttlicher Quelle, die Adam nicht besaß, die dieses schwache Wesen jedoch nicht vor den demütigendsten persönlichen Erfahrungen zu bewahren vermag. Stelle ihm die Aufgabe, durch die Weisheit ein Mittel zum Leben zu finden und inmitten all dieser Verderbnis glücklich zu sein und sich zu freuen. Lass ihn alle irdischen Genüsse kosten und alle Dinge hienieden erforschen: Erkenntnis, Macht, Reichtum, die Werke der Schöpfung, die Erfüllung aller seiner Wünsche. Gib ihm auch alles, was man durch die Arbeit erwerben kann, ja lass ihn selbst die Torheit kosten – ohne jedoch die Weisheit abzulegen –, um auch zu erfahren, was in ihr ist und ob sie seiner Seele irgendwelche Freude gewähren kann. 

Was wird aus diesem in alle diese Dinge hineinversetzten Menschen werden? Unermessliche Lehre! Das Ergebnis ist einerseits das vollständige Unglück, die Entzauberung aller und der Ekel gegen alle Dinge, selbst gegen die Erkenntnis, denn sie hinterlässt, auf alle irdischen Dinge angewandt, in seinem Munde einen bitteren Geschmack, von dem er sich nicht befreien kann! Anderseits vermittelt sie ihm die Gewissheit, dass es ohne eine Offenbarung für den Menschen keine andere Hilfe gibt als die Furcht Gottes, eines Gottes aber, vor dessen Gericht er am Ende erscheinen muss!

Hierüber geht das Buch nicht hinaus, obgleich das in ihm enthaltene Ergebnis von ungeheurer Wichtigkeit ist (Pred 12,13). Ihm fehlt aber, zu diesem Schluss gekommen, eine Offenbarung, die die Seele in Gott, dem Richter, einen Gott-Heiland finden und ein Glück erwerben lässt, das weder die größte Weisheit noch die Erkenntnis Gottes als Schöpfer und Richter ihr zu geben vermögen. Aber der erste Schritt ist wenigstens getan, denn Salomo selbst sagt uns, dass die Furcht des HERRN zum Leben sei (Spr 19,23).

Der Name „HERR“ (Jahwe/Jehova) fehlt

Was wir soeben betrachtet haben, erklärt, warum wir hier den Namen „HERR“, der sich als der Bundesgott Israels, und zwar nicht nur im Gesetz in Gerechtigkeit, sondern auch in Güte und Barmherzigkeit offenbart hat – bevor Er sich im Evangelium als der Gott der Liebe und Gnade kundtat –, nicht finden. Salomo erkannte Ihn als solchen in den Sprüchen, denn wenn dort von der Furcht die Rede ist, ist es die Furcht „des HERRN“. Hier aber, im Prediger, ignoriert er sozusagen die Erkenntnis des Bundesgottes, um untersuchen zu können, was die Welt in sich selbst für den weisesten, mächtigsten und glücklichsten, jedoch jeglicher Offenbarung beraubten Menschen ist.

Erkenntnis bedeutet Leiden

Ein anderer, bedeutsamer Zug unterscheidet den Prediger noch von dem ersten Adam vor seinem Fall. Adam hatte, solange er ohne die Erkenntnis des Guten und Bösen war, nichts zu leiden. Sein Leben – und wie lange währte dieses! – eilte dahin in der Frische der Unschuld und in dem Glück, alles, was ihm von den sichtbaren Dingen begehrenswert erschien, mit Ausnahme eines einzigen Dinges, zu besitzen. Hier im Prediger gewährt die Weisheit Salomo inmitten der Umstände, die dem Fall des Menschen folgten, keinerlei Befriedigung, obwohl er die Möglichkeit besitzt, alles, was die Erde dem Menschen bietet, zu genießen. Alles zernagt den Geist, alles ist verdorben, und eine Made ist selbst im Herzen der schönsten Frucht. Der Prediger muss es am Ende eines langen Lebens bestätigen. In dieser Beziehung heißt erkennen leiden (Pred 1,18), was wir das ganze Buch hindurch finden werden. Schließlich lässt die Weisheit diesen Menschen in sein eigenes Herz blicken, wohinein Gott die Welt gelegt hat (siehe die Anmerkung zu Pred 3,11), und er entdeckt auch dort nur Torheit und Eitelkeit.

Der Prediger, der Gott kennt und fürchtet, ermahnt die Menschen, Ihn auch zu fürchten, und benutzt diese Weisheit zum Erwerb des eigenen Glücks in dieser Welt, aber er begegnet statt Glück nur Kummer und Schmerz. Man sollte meinen, dass seine Weisheit ihm einen Ersatz biete, aber er findet keinen. Nicht nur kann sie sich nicht über das erheben, in dessen Mitte sie sich übt, sondern sie ist auch auf die Gegenwart beschränkt und viel von der Vergangenheit zu vergessen verurteilt. Was die Zukunft anbelangt, so steht sie vor einer verschlossenen Tür, die ihr allein eine Offenbarung zu öffnen vermag; das Jenseits bleibt ohne eine solche für die Weisheit ein Geheimnis. Diese verschlossene Tür gibt den Erfahrungen des Predigers zuweilen einen Anflug von Rationalismus.

Wir besitzen drei Bücher von Salomo: die Sprüche, den Prediger und das Lied der Lieder.

Vergleich mit Sprüche

In den Sprüchen nimmt die Weisheit, in der wir bisweilen Christus, die ewige Weisheit in Person, erkennen, den Jüngling am Anfang seines Lebenspfades in die Schule. Sie ist sein Lehrer, um ihn im Lichte des HERRN, der sich ihm offenbart hat, solche Wege zu führen, auf denen er Ihn ehren kann, indem er sich abwendet von den „Wegen zum Scheol, die hinabführen zu den Kammern des Todes“ (Spr 7,27). So wird der Jüngling unter der Leitung der Weisheit seinen Weg in Reinheit gehen, wenn er auf das Wort Gottes, auf die direkten Offenbarungen Gottes, achthat.

Im Prediger finden wir, wie wir sehen werden, nichts dem Ähnliches. Die Weisheit der Sprüche führt den Menschen zum Licht, die des Predigers in die menschliche Finsternis, mitten in das hinein, was „unter der Sonne“ geschieht. Überdies besteht zwischen diesen beiden Büchern noch ein anderer Unterschied, der wert ist hervorgehoben zu werden, wenn man den Prediger verstehen will. Die Sprüche enden mit einem Lob auf die tugendhafte, tüchtige und weise Frau. Sie wird gepriesen – das ist fast das letzte Wort dieses Buches –, weil sie den HERRN fürchtet und weder Anmut noch Schönheit sucht, die nur Eitelkeit sind (Spr 31,30). Die Furcht des HERRN, die wie ein goldener Faden das ganze Buch durchzieht (Spr 1,7; 2,5; 8,13; 10,27; 14,26.27; 15,16.33; 16,6; 19,23; 22,4; 23,17; 31,30), charakterisiert die tugendhafte Frau. Der Prediger dagegen schließt mit der Furcht Gottes (Pred 12,13), aber erst nach den bitteren Erfahrungen in Bezug auf alles, was das Glück und die Freude verfolgt. Hier ist es kein goldener, sondern ein schwarzer Faden, der sich durch das ganze Buch hindurchzieht, und das ist die Eitelkeit.

Vergleich mit dem Hohenlied

Das Lied der Lieder ist von den beiden vorhergehenden Büchern ganz verschieden. Von Anfang bis zu Ende ist es der Wechselgesang der Liebe. Es redet von den Beziehungen zwischen Christus und Israel, die wiederhergestellt sind aufgrund eines gegenseitigen Wunsches, nachdem von Seiten Israels alles gefehlt und dieses Volk „seinen Weinberg nicht gehütet“ hatte. Die Braut weiß, dass sie ihres Geliebten ist und Er ihr gehört. Hier besteht die Weisheit in der Erkenntnis der Liebe.

Nächster Teil


Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke, Hückeswagen, herausgeben wurde


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