Ach, Darby ...

André Gibert

© SoundWords, online seit: 13.03.2005, aktualisiert: 09.10.2016

Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel richtet sich vor allen Dingen an Christen aus der sogenannten Brüderbewegung; andere werden vielleicht Mühe haben, einiges in diesem Artikel nachzuvollziehen.

Einleitung

Viele von uns sind schon früh mit den Wahrheiten der Bibel über die Person und das Werk Christi, die Gemeinde Gottes und die Wiederkunft des Herrn in Kontakt gekommen. Dadurch hat Gott uns mehr begnadigt, als wir vielleicht erkennen. In den schwierigen Zeiten der Geschichte der Gemeinde, in denen wir leben, haben die Gläubigen mehr Licht zur Verfügung, als man jemals seit der Zeit der Apostel hatte. Das Licht war an sich nicht neu, aber es wurde aufs Neue nach vorn gebracht. Ohne irgendwie das zu verkennen, was Gott in Zeiten davor gegeben hat, können wir doch sagen, dass die Gesamtheit der „Schriften der Brüder“ ein unvergleichlicher Reichtum ist, der in unserem Zugriffsbereich liegt. Die Bücher beinhalten wirklich den Dienst von begabten Arbeitern. Es geht ihnen darin nicht so sehr um die eigenen Gesichtspunkte oder persönlichen Lehrgebäude, sondern zuerst um das Wort Gottes in der Weise, dass sie uns helfen, Christus in der Bibel zu finden. Diese Schätze sind nicht ohne Arbeit und Mühe zu bekommen und sind für uns in vielen dieser Bücher aufbewahrt. Was tun wir damit?

„Die Brüder sagen …“

Traurigerweise ist es oft so, dass wir uns zwar der Dinge rühmen, die wir empfangen haben, aber doch so leben, als ob wir sie nicht empfangen hätten. Manchmal sind wir auch stolz darauf, was wir überliefert bekommen haben, und werden selbstzufrieden. Man ersetzt die lebendige Wirkung des Wortes Gottes durch ein passives Annehmen von Gedanken und Ausdrücken, die man von anderen entlehnt hat. Es ist möglich, dass man Theologe wird mit den Schriften, von denen ich gesprochen habe. Man kann argumentieren und diskutieren über viele Texte, ohne dass Herz und Gewissen angerührt werden, ja, manchmal sogar ohne zu begreifen, was man gelesen hat. Auf diese Weise schafft man sich eine Autorität an, die man, ohne dass man dabei daran denkt, über das Wort Gottes stellt: „Die Brüder haben gesagt …“, oder: „J.N.D. hat gesagt …“ Das ist genau das Entgegengesetzte von dem, was diese treuen Diener Gottes gewollt haben. Sie wollten Menschen mit dem göttlichen Wort in Kontakt bringen; sie wollten ihnen damit helfen und nicht über sie herrschen.

„Ich brauche das nicht …“

Aber noch trauriger ist das Entgegengesetzte: nämlich die zur Zeit weitverbreitete Neigung, „die gesunde Lehre“ unserer Vorgänger abzulehnen. „Ach, ich lese meine Bibel. Ich habe etwas anderes nicht nötig, Menschen können sich eh irren …“ Hüte dich davor, den Dienst derer, die der Herr gegeben hat, um „hier das Wort der Wahrheit recht zu teilen“ (2Tim 2,15), zu verachten. Es waren treue Männer, die imstande waren, auch andere zu unterweisen, weil sie selbst aufgebaut worden waren durch die heiligen Schriften. Wenn du das verwirfst, was der Herr durch sie gegeben hat, wird Er das nicht zum zweiten Mal geben [zumindest nicht dir, wenn du diese Dinge bewusst verwirfst; Anm. d. Red.]. Ihr Dienst bietet sich gerade deswegen an, weil es ihnen nicht darum ging, sich selbst in den Vordergrund zu bringen, sondern allein das Wort und Christus in diesem Wort. Diese Vorgänger haben nicht gesagt: „Folge uns“, sondern: „So sagt Gottes Wort.“ Sie haben ihre Sichtweise anderen nicht aufgezwungen, sondern haben auf die göttliche Autorität hingewiesen. Wenn man das eigenwillig vernachlässigt, zeigt man nur, wie eingebildet man selbst ist und wie man die eigenen Gedanken über die der anderen stellt. Solche bieten auf diese Weise der Irrlehre durch Unwissenheit eine Chance, während die Schriften verdreht werden (2Pet 3,16).Wir müssen nicht erwähnen, dass die Gedanken eines J.N. Darby nicht inspiriert waren. Aber sie sind durch Gott unterwiesen, und darum dürfen wir dem nicht gleichgültig gegenüberstehen. Diese Gedanken lassen sich untersuchen durch das Wort, wovon sie durchdrungen sind und dem jeder Gedanke — von wem auch immer – unterworfen sein muss. Lassen wir uns selbst so einer wertvollen Hilfe nicht berauben.

„Ich habe keine Zeit …“

Vielleicht sagt jemand: „Ich habe keine Zeit.“ Wenn das wirklich der Fall ist, brauchst du nicht zu verzweifeln: Lies in erster Linie vor allem die Bibel! Doch in unseren Tagen ist mehr freie Zeit zur Verfügung als in den Zeiten unserer Väter. Doch auch sie haben eifrig in den Schriften gelesen, über die sie verfügten. Wir haben heute mehr Zeit für Entspannung und Sport (eine, wenn auch zu wenigem, nützliche leibliche Übung). Wir haben Zeit, um weltliche Zeitschriften und andere Bücher zu lesen. Haben wir wirklich keine Zeit für geistliche Übung? Der wahre Grund ist ein Mangel an Esslust für diese feste Speise. Das ist wirklich weniger anziehend als andere christliche Bücher, in denen doch „so viel gute Dinge stehen“ und die so nett und mundgerecht angeboten werden. Man kann diese Bücher ohne Anstrengung lesen. Aber was man ohne Anstrengung liest, ist oftmals auch inhaltlich ziemlich schwach.

„Ich versteh das sowieso nicht …“

Der außergewöhnliche Überfluss an gedruckten Büchern – passend für jedes Niveau, so wie wir das heute vorfinden – birgt sehr oft die Gefahr in sich, das geistliche Wachstum zu lähmen. Natürlich lehrt das Wort uns auch, dass unterschiedliche Nahrung abhängig von der Lebenszeit und der geistlichen Entwicklung notwendig ist. Der eine braucht Milch, der andere feste Speise, und die Vorstellung der Wahrheit muss diesem Niveau angepasst sein. Aber das Eigenartige an gesunder Nahrung für ein Kind ist, dass sie aufbauend ist, dass sie ihm die notwendige Kraft gibt, damit es immer mehr und mehr feste Speise zu essen imstande ist. Aber allzu oft wendet man sich einer vereinfachten Lehre zu oder einer, die auf anziehende Art und Weise die Welt und das Christentum vermengt, und das ist sehr oft eine verfälschte Lehre. Wir müssen hierauf reagieren, und ganz besonders junge Menschen müssen das tun, wenn sie stark werden wollen. Wie oft hört man sagen: „Oh, J.N. Darby, das ist viel zu schwierig für mich, davon verstehe ich sowieso nichts …“ Und dann hört man damit auf! Dabei ist es der Mühe wert, die Nuss zu knacken, selbst wenn sie auch hart zu sein scheint; der Nutzen ist gewaltig. Es ist der Mühe wert, den steilen Pfad auf sich zu nehmen, um später die prächtige Aussicht zu genießen. Für den, der sich das aber fest vorgenommen hat, gibt es bald keine anziehendere und nutzvollere Lektüre. Allerdings im Gegensatz zu so viel anderer Lektüre ist es hierbei absolut notwendig, dass man allezeit die Bibel dabei hat und mit Gebet liest. Denn derartige Schriften sind kein Ersatz für christliches Leben, auch wenn sie uns mit Christus nähren. Die Angriffe gegen das christliche Zeugnis werden zahlreicher.

„So wie die Brüder sich aber verhalten …“

Es ist deutlich, dass viele heute die Schriften unserer Vorväter nicht gelesen haben, selbst ihre besten Werke nicht. Wir haben alle mit Problemen in unserem Wandel zu tun, aber das ist nicht die Schuld der Belehrung, die uns in diesen Schriften gegeben wird. Im Gegenteil, sie beruht darauf, dass wir diese Unterweisung nicht festgehalten haben, wenn wir sie nicht sogar verdreht haben. Darum ist es sehr wünschenswert, dass jeder sie studiert.

„Die Zeit ist heute ganz anders …“

Dann wirst du dich verwundern über die Menschenkenntnis und auch die Allgemeinbildung, über die Kraft und den unverkrampften Blick, womit diese Christen von damals über Themen gesprochen haben, die heute noch für unsere Zeit ganz aktuell sind: die Notwendigkeit der Evangelisation, der Platz und die Rolle des Christen auf der Erde, die liebevolle Beziehung zu denen, die draußen sind, und das auf einem schmalen Weg der Absonderung. Man wird bemerken, dass sie zwei Klippen angeben:

  1. weltliche Gesinnung auf der einen Seite
  2. Engherzigkeit auf der anderen Seite.

„Und erst mal dieses sektiererische Gemeindeverständnis der ,Brüder‘ …“

Erst wenn man diese Schriften liest, wird man verstehen, welch eine Differenz zwischen dem ist, was diese Brüder damals wirklich über die Gemeinde geschrieben haben, und den Gedanken, die sich viele darüber gebildet haben. Nichts wird uns mehr schützen gegen die Gefahr, in der Verwirrung der Christenheit noch eine Sekte zu bilden; eine Sekte, die heißen würde: „Darbysmus“. Diese Brüder haben nur allezeit und allein nach den Grundsätzen der Schrift für sich selbst gefordert: das Zusammenkommen zum Herrn Jesus hin im Gehorsam zu seinem Wort unter Leitung des Heiligen Geistes. Ach, das wir doch durch die Gnade Gottes besser begreifen würden, was der Wert und die Bedeutung dieses Zeugnisses ist, für das Er uns gerufen hat. Nicht wir haben dieses Zeugnis ausgewählt, sondern Er hat uns dorthin gestellt. Wir müssen Gleichgültigkeit und Parteigeist vermeiden. Statt uns eifrig mit diesen Dinge zu beschäftigen, fallen wir in eine dieser beiden Gefahren: „Mache die Bahn für deinen Fuß gerade“ (Spr 4,26).

„Erkenntnis bläht doch eh nur auf …“

Lasst uns fleißig studieren! Sicher, die Kenntnis bläht auf, aber die Kenntnis des Herrn, die demütig zu seinen Füßen gelernt wird, nicht. Lies den zweiten Petrusbrief noch einmal! Wie oft steht dort der Ausdruck „Kenntnis“. Dass wir uns geistlich mit dem nähren, was unsere Vorväter uns bereits geliefert haben! Gott wird uns zeigen, wie wir „das, was du von Anfang gehört hast“, in neue Umstände anzupassen haben, aber das, „was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch“ (1Joh 2,24).

„Ich bin doch nicht von gestern …“

In 1. Mose 26,15-22 gibt es eine Illustration, die wir überdenken sollten. Abraham und seine Knechte hatten Brunnen gegraben, doch als Abraham tot war, verstopften die Philister sie. Isaak würde ohne Wasser umgekommen sein, wie reich er auch sonst war, wenn er diese Brunnen, Abraham einst gegraben hatte, nicht wieder aufgemacht hätte. Liebe Freunde, unsere Väter im Glauben haben Brunnen gegraben, und sie haben lebendiges Wasser gefunden: Christus. Gott hat uns mit unverdienten geistlichen Reichtümern überschüttet. Der Besitz dieser Reichtümer bewahrt uns nicht vor Straucheln, wenn wir uns das Wasser, von dem unsere Väter getrunken haben, nicht selbst zu eigen machen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass der Feind diese Brunnen weiter zustopft. Wir wollen die Schaufel in die Hand nehmen und niedrige Arbeit tun. Man wird uns vielleicht als ein bisschen hinter dem Mond ansehen und uns sogar feindlich begegnen. Aber für Brunnengräber ist das immer so gewesen. Und um lebendiges Wasser zu finden, muss man sich bücken. Aber wir wollen uns doch wegen Kampf und Mühe nicht entmutigen lassen. Es ist eine nützliche Arbeit. Das Wasser werden wir bestimmt finden, das lebendige Wasser, von dem wir trinken können, wir selbst, und dann auch für andere weiterströmen lassen können. Wir haben die gehorsame und ausdauernde Kraft des Glaubens nötig, die mit der „gesunden Lehre“ verbunden ist.


Frei übersetzt aus Le Messager Evangélique


Hinweis der Redaktion:

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