Dispensationalistische oder bundestheologische Sicht? (6)
Sacharja 12–14

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 28.09.2005, aktualisiert: 22.01.2018

Anmerkung der Redaktion
Innerhalb dieses Artikels werden für die theologischen Denkrichtungen Abkürzungen benutzt. So bedeutet:
(E bzw. G) D: Anhänger des Dispensationalismus
(E bzw. G) B: Anhänger der Bundestheologie
Um innerhalb dieser beiden Gruppen noch zwischen extremen und gemäßigten zu unterscheiden wird manchmal noch ein E für extrem, oder ein G für gemäßigt davorgestellt.

Leitverse: Sacharja 12–14

Neue Zerstreuung …

In großen Linien finden wir hier wieder dasselbe vertraute Bild. Aber es gibt einige Besonderheiten, die wir sonst nicht so deutlich finden. Ich weise erst noch hin auf Sacharja 10,6-10, wo wir nicht nur die bekannten Verheißungen der Rückkehr eines Überrestes für sowohl Juda als auch Joseph (= Ephraim, die Zehn Stämme) finden, sondern auch eine Ankündigung von Zerstreuung. Sacharja nimmt eine besondere Stellung ein, weil er einer der wenigen Propheten ist, die nach der Gefangenschaft da waren. Desto bemerkenswerter ist darum Vers 9: „Und ich will sie unter den Völkern säen, und in den fernen Ländern werden sie meiner gedenken; und sie werden mit ihren Kindern leben und zurückkehren“ (Sach 10,9).

Dies ist eine der deutlichsten Prophezeiungen über eine neue Gefangenschaft – die große Gefangenschaft, die mit dem Fall von Jerusalem im Jahre 70 nach Christi begonnen hat – woraus die Israeliten noch einmal, und dann endgültig, wiederhergestellt werden sollen. Bei dieser letztendlichen Wiederherstellung werden auch die zehn Stämme einbezogen sein, die aus Assur versammelt werden (Sach 10,10).

… und Wiederherstellung

Diese Wiederherstellung wird ausführlicher beschrieben in Sacharja 12–14. Diese Kapitel sind nicht genau chronologisch, aber sie geben wohl in großen Linien den Verlauf der Geschehnisse in der Endzeit wieder:

  1. Sacharja12,1-9
    Die Belagerung von Jerusalem durch die versammelten dämonischen Mächte der Endzeit (der „Assur“ von Jesaja, der „Gog“ von Hesekiel) und die Befreiung der Stadt. Die Juden werden selbst einen besonderen Beitrag in dieser Befreiung liefern, aber wir können hier nicht auf die Besonderheiten eingehen. Wichtig ist der typisch eschatologische Ausdruck „An jenem Tage“ (16-mal in den Kapiteln 12–14!).

  2. Sacharja 12,10-14
    Die große Wehklage Israels, wenn es in dem kommenden Messias niemand geringeren als den Herrn Jesus wieder erkennen wird, den sie einmal auf der Erde „durchstochen“ haben (siehe Joh 19,37). Diese Wehklage ist tatsächlich ein Schuldbekenntnis; darum folgt direkt darauf:

  3. Sacharja 13,1-7
    Die Entsündigung und Reinigung des Volkes und die Ausrottung jeden Götzendienstes und der falschen Propheten aus dem Volk. Nach einigen, aber lange nicht allen Auslegern verweist der Vers 6 im Gegensatz dazu auf den Messias, den wahren Propheten, dem in dem Haus seiner Freunde Wunden in seinen Händen zugefügt wurden. Für unser Thema ist das nicht so bedeutend. Auf jeden Fall verweist Vers 7 nach dem Messias, Gottes Hirten und Genossen, der geschlagen wird durch das Schwert des Zorns Gottes, damit die Schafe frei ausgehen können (s. Mt 26,31 und Parallelstellen).

  4. Sacharja 13,8.9
    Aufgrund des Versöhnungswerkes des Messias wird einmal in der großen Drangsal ein Überrest in Israel gebildet werden. Zwei Drittel des Volkes werden in den Kriegen umkommen, aber ein dritter Teil wird geläutert und gereinigt und lernt zu dem Herrn zu rufen und er wird sie erhören. Diese Erhöhung besteht in der Wiederkunft des Messias, der Rettung des Überrestes und der Festigung des Friedensreiches, so wie es in Kapitel 14 beschrieben wird.

  5. Sacharja 14,1-7
    Wieder die Belagerung Jerusalems in der Endzeit (vgl. Sach 12,1-9), die darin mündet, dass der Herr wiederkommt zur Rettung seines Volkes. Seine Füße werden auf dem Ölberg stehen (Sach 12,4; vgl. Apg 1,11!). Der Herr, der wiederkommt, ist derselbe, den sie durchstochen haben (Sach 12,10) und der zu gleichen Zeit der Hirte und Genosse des Herrn ist! Wunderbares Zeugnis bezüglich seiner Gottheit und Menschheit. Er, der wiederkommt, ist der Mensch Jesus Christus, einmal durch Gott geschlagen am Kreuz, aber doch ist Er der Herr selbst.

  6. Sacharja 14,8-21
    Die Königs-Herrschaft des Herrn, das ist des Messias. Wiederherstellung des Landes und Wiederaufbau von Jerusalem, das schwer geschunden aus der Belagerung zum Vorschein kommen wird. Alle Völker beugen sich nieder vor dem Messias und ziehen jedes Jahr hinauf nach Jerusalem, wo das Haus des Herrn steht.

Kommentar von EB

In großen Linien ist die Prophezeiung deutlich genug. Das soll nicht bedeuten, dass es bei der Detail-Auslegung keine Probleme gibt, im Gegenteil, aber das verändert nichts an der Hauptlinie. Trotzdem hatte EB viele Male probiert, wegen der Schwierigkeiten bei der Detailauslegung einfach die ganze wörtliche Auslegung in Misskredit zu bringen zum Beispiel weil

  • … einige kleine Elemente gut symbolisch aufgefasst werden können (sowie zum Beispiel Sacharja 10,11) – aber darum kann man noch nicht die ganze Prophezeiung symbolisch erklären! Ich weise auf Jesaja 40,3, wo EB das selbst auch nicht tut. Ist es nicht so, dass bibeltreue EB-Anhänger selbst auch protestieren, wenn liberale Ausleger aufgrund von solchen eventuell übertragbaren Einzelheiten in historischen Abschnitten, zum Beispiel 1. Mose 1–11, diese Abschnitte deswegen ganz vergeistlichen wollen? Doch tut EB selbst genau dies bei den prophetischen Büchern.
  • … es schwierig ist, heutzutage anzugeben, wo genau Assur (Sach 10,10; oder z.B. Magog, Mesech, Tubal, Gomer, Togarma in Hes 38), und vor allen Dingen, wo die zehn Stämme zu suchen sind – aber was würden EB-Leute sagen, wenn andere bei historischen Kapiteln, in denen Völker und Länder vorkommen, die wir auch nicht genau lokalisieren können, eine buchstäblich große Auslegung ablehnen würden?

  • Sacharja 12,4; 14,15,20 bloß über Reiter und Pferde sprechen, wogegen heutige Armeen doch über modernste Waffen verfügen – aber wenn auch die zukünftigen Armeen über Panzer und Raketen verfügen, dann ist es doch wohl kaum zu erwarten, dass Sacharja diese in seiner Beschreibung nennen würde.

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Übersetzt aus Israel en de Kerk, 1991

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