Als der Vorhang zerriss …
Matthäus 27,51.52

Walter Thomas Turpin

© SoundWords, online seit: 09.04.2003, aktualisiert: 14.10.2019

Leitverse: Matthäus 27,51.52

Mt 27,51.52: Der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten; und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt.

Diese Verse berichten uns, was geschah, als der Herr Jesus seinen Geist aufgab. Der Herr Jesus starb, Er legte selbst sein Leben nieder, und keiner hatte ein Recht und die Macht, sein Leben von Ihm zu nehmen: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen“ (Joh 10,18). Das sind seine eigenen Worte. In dem Augenblick, wo sich dies ereignete, folgten Geschehnisse, die durch nichts anderes hätten herbeigeführt werden können. Auch sein vollkommenes Leben, Gott im Fleisch, konnte solches nicht vollbringen. Doch als Er sein Leben aufgab, als seine Seele das Schuldopfer stellte, als Er das gerechte Gericht Gottes für die Sünde trug – da zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten in zwei Stücke, die Erde erbebte, die Felsen zerrissen und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt und sie gingen nach seiner Auferweckung aus den Grüften. Himmel, Erde und Hades fühlten eine Macht, die sie vorher nicht gekannt hatten.

Das „Allerheiligste“ war von dem „Heiligen“ durch einen Vorhang getrennt, der von blauem und rotem Purpur, Karmesin und gezwirntem Byssus gemacht worden war. Diese Trennung durch den Vorhang deutete die Entfernung des Menschen als Sünder von Gott an und besagte, dass es von Gottes Seite aus unmöglich war, mit dem Menschen, der noch in seinen Sünden war, Umgang zu haben. Der Brief an die Hebräer belehrt uns, dass der Weg zum Allerheiligsten noch nicht offenbart war: Gott konnte nicht herauskommen und der Mensch nicht hineingehen. Doch jetzt ist mit dem Tod Christi alles verändert: Der Vorhang wurde zerrissen, jener Vorhang von blauem und rotem Purpur, Karmesin und gezwirntem Byssus, der die fleckenlose Menschheit des Herrn Jesus darstellte. Der Vorhang musste zerrissen werden, damit die volle sittliche Herrlichkeit Gottes hervorstrahlen und wir eintreten konnten. Der neue und lebendige Weg war für uns eingeweiht „durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch“ (Heb 10,20).[1]

Auch die Art, wie der Vorhang zerriss, hat eine großartige Bedeutung: Es geschah „von oben bis unten“. Daraus geht hervor, dass keine andere Hand als die Hand Gottes ihn zerrissen hat. Damit erklärt Gott, dass Er nicht wollte, dass die Entfernung, die bis zu diesem Augenblick vorhanden war, fortbestehe. Und nicht nur das: Gott selbst nahm diese Entfernung weg, und zwar in einer Weise, die alle Gerechtigkeit, Heiligkeit, Wahrheit und Liebe seiner Natur kundtat. Das Leben Jesu konnte niemals den Vorhang zerreißen oder die Grüfte öffnen – so schön, so vollkommen und so gesegnet sein Leben, sein Dienst für die Menschen, sein Gehorsam für Gott auch war. Wenn es keinen Heiland gegeben hätte, der gestorben wäre, der seinen Leib dahingegeben und sein Blut vergossen hätte, so wäre Gott noch hinter jenem Vorhang verborgen. Der Mensch – auch der beste Mensch – befände sich noch in Entfernung, der Hades wäre noch unbesiegt, und der, der die Macht des Todes hat, wäre noch nicht unterworfen. Doch, gelobt sei Gott, jetzt ist dies alles geschehen, weil Christus gestorben ist. Gott ist völlig hervorgekommen, die Sünde ist in ihrer Wurzel gerichtet, der Weg ins Allerheiligste offenbart. Christus, der starb, ist auferstanden und verherrlicht, und in seinem Angesicht leuchtet der Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes [2Kor 4,6].

Mit dem Tod des Herrn Jesus Christus sind zwei Dinge von gewaltiger Bedeutung verbunden. Erstens: Aufseiten Gottes ist alles offenbart und kundgemacht. Zweitens: Aufseiten des Menschen ist alles bloßgestellt und gerichtet. Durch das Zerreißen des Vorhanges ist Gott nicht allein in den Stand gesetzt, in gerechter Liebe gegen schuldige Empörer, wie wir es sind, zu handeln, sondern die Zuneigungen seiner Natur, seines Herzens, sind in solch wunderbarer Weise enthüllt, dass uns nichts anderes zu tun übrigbleibt, als in der Gegenwart solcher Gunst bewundernd anzubeten. Es ist überwältigend, daran zu denken, dass jetzt keine Geheimnisse mehr in dem Herzen Gottes sind; die Leiden des geliebten Sohnes haben alles offenbart, was in dem Herzen des Vaters war. Jesus, der eingeborene Sohn, der allezeit in dem Schoß des Vaters war, hat den Vater kundgemacht, und zu keiner Zeit wahrhaftiger als da, wo Gott Ihn verließ, als sein Herz vor Hohn brach, als Er auf Mitleiden wartete und keins da war und als Er auf Tröster wartete und keine fand (Ps 69). Wie gewaltig ist es, zu sehen, dass aufseiten Gottes sein Herz und der neue Platz, in den Er uns in Christus seinem Herzen entsprechend bringen wollte, zu derselben Zeit offenbar gemacht worden sind, als unsererseits alles bloßgestellt und gerichtet wurde. Welche Botschaft würde das Letztere ohne das Erstetr sein? Wie könnte auch nur einer das Angesicht einer solchen Szene zuwenden, wenn das Herz nicht die Kenntnis von einem Heim in Ihm hätte, der „die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit“ ist (vgl. Heb 1,3)?

Ich bin sicher, dass wir das Gericht, das göttliche Gericht, wie es im Kreuz Christi seinen Ausdruck fand, nur schwach erfassen können. Wir können auch nur schwach die Schönheit jenes göttlichen Kreises erfassen, der für uns jetzt weit geöffnet ist, die Schönheit jenes Platzes, jener Region auf der Seite Gottes, wo nicht nur alle seine Geheimnisse enthüllt, sondern wo sein Herz seine Befriedigung darin findet, uns seine Reichtümer zu zeigen. An dem frühesten Augenblick, an dem Gott dies tun konnte, tat Er es, und dies war, als sein eigener Sohn, der gekommen war, den Willen Gottes zu tun, ihn zur Vollkommenheit der Natur Gottes vollbracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten in zwei Stücke; die Stille, die so lange hinter diesem geheimnisvollen Vorhang geherrscht hatte, war gebrochen, und dort, wo früher an einem Tag des Jahres nur ein Mensch aus dem ganzen Volk eintreten durfte – der Hohepriester –, dort sind jetzt arme Herzen, gleich den unseren, berechtigt, in Vollkommenheit und für immer ihr Heim zu haben.

O welch ein Heim! Wer kann die Liebe fassen,
die dort an jener heiligen Stätte wohnt,
wohin Er alle seine Vielgeliebten
einst bringen wird, wo ewiger Friede thront.

Dann, zweitens, zu derselben Zeit, als aufseiten Gottes alles offenbar gemacht und aufseiten des Menschen alles bloßgestellt und gerichtet worden war, verfinsterte sich die Sonne, erbebte die Erde, zerrissen die Felsen, taten sich die Gräber auf, und in diesem Augenblick verspürten Verderbnis und Tod die Macht dessen, von dem sie bisher nur mit ihrem Ohr ein Gerücht gehört hatten. Wenn unsere Herzen nur ein wenig mehr in den wunderbaren Umfang dieses Gerichtes eintreten würden, so wollten wir nie zu irgendetwas zurückkehren, was unter dieses Gericht kam; die Befreiung würde wunderbar für uns sein. Verstünden wir das Kreuz besser, dann wäre des Herrn Abendmahl unser beständiger Seelenzustand; wirkliche Ergriffenheit verbände uns mit Ihm in seinem Tod, wenn wir Seiner gedächten, weil durch jenen Tod der Kreis für uns geöffnet ist, wo wir mit Ihm Festfeier halten, und weil sein Tod die Liebe Jesu sowie die des Vaters zum Ausdruck gebracht hat. Es würde dies ferner unsere Herzen gegen Täuschungen befestigen, denn wie könnten wir hier auf der Erde etwas anderes erwarten als den Tod, wenn unsere Herzen in beständiger Erinnerung seines Todes für uns lebten?


Lesermeinung zu diesem Artikel:
Das Zerreißen des Vorhangs beinhaltet, wie ich einmal hörte, möglicherweise auch noch einen zweiten Gedanken: Seit der Babylonischen Gefangenschaft gab es ja keine Bundeslade mehr! Der zerrissene Vorhang zeigte allen Vertretern des „offiziellen Judentums“, dass das Allerheiligste leer war. Gott wohnte auf der Erde nicht mehr dort, sondern nur noch in seinem Sohn. Dies war für die Juden, die es sehen wollten, eine sichtbare Demonstration der Tatsache, dass ihr altes System „ausgedient“ hatte.
Herzliche Grüße, Frank.

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Der Vorhang in Hebräer 10 ist der Vorhang aus der Stiftshütte. Dieser Vorhang wurde nicht zerrissen.


Originaltitel: „Der Vorhang zerriss, die Felsen erbebten, die Gräber taten sich auf“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 8, 1930, S. 136–140
[Der Artikel wurde von der Redaktion sprachlich leicht bearbeitet.]
Engl. Originaltitel: „The Veil Rent, the Rocks Riven, the Graves Opened“,
aus Occasional Helps, Jg. 1, 1875, S. 257–262

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