Der Schrei des leidenden Christus
Psalm 22,2-4

William John Hocking

© SoundWords, online seit: 28.03.2012, aktualisiert: 03.09.2018

Leitverse: Psalm 22,2-4

Ps 22,2-4: 2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Gestöhns? 3 Mein Gott! Ich rufe am Tag, und du antwortest nicht; und bei Nacht, und mir wird keine Ruhe. 4 Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels.

Im Psalm 22 finden wir eine der vielen alttestamentlichen Prophezeiungen, die sich direkt auf unseren Herrn Jesus Christus beziehen. Die Prophezeiung in diesem Psalm unterscheidet sich jedoch von allen anderen: Sie macht nämlich über seine einzigartigen und unergründlichen Leiden Voraussagen, die man in anderen Prophezeiungen nicht findet. Hier kommen sie in einfacher und ernster, ergreifender Anmut von den Lippen des leidenden Heiligen selbst.

Drei herausragende messianische Psalmen

Viele Psalmen deuten auf den kommenden Gesalbten des HERRN hin, aber drei Psalmen ragen unter den übrigen besonders heraus, weil sie seine Leiden in anschaulichen Details ankündigen. Außer Psalm 22 handelt es sich noch um die Psalmen 69 und 102. Alle drei Psalmen prophezeien in Liedform den erstaunlichen Weg dessen, der die Hoffnung Israels darstellte. Er wurde von allen, die Ihn sahen, verspottet. Er war der Retter der Menschen und hatte doch keinen Ort, wo Er sein Haupt hinlegen konnte. Jeder dieser drei Psalmen beschreibt eine spezielle Phase der Leiden Christi mit den entsprechenden Folgen. Psalm 22 ist jedoch der Psalm, der unsere Zuneigung und Hingabe am tiefsten erweckt.

Psalm 69

Das Thema von Psalm 69 sind die Leiden des Herrn Jesus Christus, wie Er vor den Augen derer, die Ihn „ohne Ursache hassten“ (Ps 69,5), die Schmach des HERRN trug, ohne zurückzuschrecken. Die Großen der Welt und die Geringen waren seine Feinde. „Die im Tor saßen“ (Ps 69,13) waren gegen Ihn, und Er war „das Saitenspiel der Zecher“ (Ps 69,13), d.h., die Betrunkenen sangen ihre Spottlieder über Ihn. „Rette mich, o Gott“, rief Er, „denn die Wasser sind bis an die Seele gekommen!“ (Ps 69,2). Der HERR hörte Ihn und antwortete Ihm, wie der letzte Teil des Psalms zeigt. Gott wird einmal schwere, aber gerechte Vergeltung über die gottlose Generation ausüben, die ihren Messias abgelehnt und gekreuzigt hat. Auf die Leiden durch die Feindseligkeit der Menschen folgt ein gerechtes Gericht derer, die diese Leiden verursacht haben.

Psalm 22

Psalm 22 ist anders gestaltet, und sein Leitgedanke ist einzigartig. Obwohl die hier beschriebenen Leiden viel tiefer und ergreifender sind, ist das Resultat für den Menschen nicht Gericht, sondern Gnade. Hier steht nicht ein einziges Wort von Zorn oder von Verurteilung des Menschen. Daher könnte man Psalm 22 beinahe ansehen als die engste Annäherung – im Alten Testament – an die Offenbarung der alles übersteigenden Gnade Gottes im Neuen Testament. Anstatt dass das Gewitter des Zornes Gottes auf diejenigen fällt, die den Messias misshandelt haben, endet der Psalm mit einem Lobgesang, der von der ganzen Menschheit zu Gott emporsteigt. Die Leiden Christi bewirken einen gemeinsamen und universalen Lobpreis, den die ganze Welt Gott bis dahin noch niemals dargebracht hatte. Zwar gibt es hier und da Lobpreis von einigen; doch in diesem Psalm wird eine Zeit beschrieben, wo jedermann sich in Gott freut und Ihm das darbringt, was seinem Namen gebührt. Jeder wird Ihm dann das bringen, wozu eigentlich die menschliche Zunge bestimmt ist: verständiges und von Herzen kommendes Lob. „An jenem Tag“ werden „alle Geschlechter der Nationen“ den Gott Israels anbeten infolge der Leiden Christi, die im prophetischen Monolog dieses Psalms beschrieben sind.

Psalm 102

Psalm 102 besingt die Leiden Christi. Dort wird der Messias in seiner Erniedrigung unter die Menschen und durch die Menschen dargestellt und in seiner unveränderlich demütigen Unterwerfung unter den Willen Gottes, wie immer er auch aussah. Man nennt diesen Psalm das „Gebet eines Elenden, wenn er verschmachtet“ ist [„das Gebet des Bedrängten, wenn er am Ende ist“; Übs.]. In seiner unendlichen Größe machte Christus „sich selbst zu nichts“ [Phil 2,7]. Im Gehorsam nahm Er in einer Welt der Selbstgenügsamkeit und Selbsterhöhung den Platz des geringen, schwachen Menschen ein. Er wurde von den Menschen im Stich gelassen; man ließ Ihn alleine klagen „wie ein einsamer Vogel auf dem Dach“ [Ps 102,8]. In seiner Not schrie der Messias: „Mein Gott“, und Er wünschte, dass Gott Ihn nicht „in der Hälfte seiner Tage“ wegnehme [Ps 102,25]. Daraufhin rechtfertigt der HERR seinen leidenden und verstoßenen Sohn (Ps 102,25-28). Die Zeit seiner Erniedrigung hätte allerdings abgekürzt werden können, denn war Er nicht der Schöpfer von Himmel und Erde? Die ganze Schöpfung wird vergehen, aber der Messias bleibt ewig, unveränderlich, „derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ [Heb 13,8]. Daher wird das Gebet des Leidenden erhört von einem göttlichen Zeugen der innewohnenden Herrlichkeit seiner Person. Hebräer 1,10-12 ist ein krönendes Zeugnis der Herrlichkeit des ewigen Sohns, durch den Gott zur Zeit des Neuen Testaments zu den Menschen gesprochen hat.

Leiden und Lobpreis

In Psalm 22 jedoch kommen die Leiden Christi von Gott. Schon in den ersten Versen heißt es, dass Gott Ihn verlassen hat, und dies liefert den Schlüssel für den ganzen Psalm. Die menschliche Grausamkeit erscheint auch hier wie in anderen Psalmen; aber die Tatsache, dass der Messias Israels von dem Heiligen Israels verlassen wird, ist – wie es nicht anders sein kann – das vorherrschende Thema in dieser Prophezeiung. Außerdem bekennt der heilige Leidende selbst, dass Er von seinem Gott verlassen ist. Er, der diese Verlassenheit erleidet, beschreibt sie selbst. Er ist der Redende in diesem ganzen Psalm. Mit der Beschreibung seiner Leiden bringt Er gleichzeitig Gott seinen Lobpreis dar. Wir erfahren, dass, nachdem das Werk der Sühnung vollendet ist, die Erde zu gegebener Zeit vom Lob Gottes erfüllt sein wird.

Erinnern wir uns daran, wie wunderbar diese Kombination von Sühnung und Lobpreis in 3. Mose 16 durch das Blut und das Räucherwerk dargestellt wird. Dort wird das große Werk der Sühnung Christi vorausschauend versinnbildlicht. Das Blut des Stiers und auch des Bocks wird vom Vorhof des Zeltes der Zusammenkunft [der „Stiftshütte“; Übs.] ins Allerheiligste gebracht und dort auf und vor den Deckel der Bundeslade [den „Gnadenstuhl“; Übs.] gesprengt. Aaron betritt das Allerheiligste – wo die Gegenwart des HERRN auf dem Deckel thront – mit Blut und Räucherwerk. Das Versprengen des Opferbluts auf die vorgeschriebene Weise wird von wohlriechendem Duft begleitet, der von dem brennenden Weihrauch aufsteigt und für Ihn, der zwischen den Cherubinen thront, ein angenehmer Wohlgeruch ist. So veranschaulicht dieses Sinnbild, dass das Räucherwerk des Lobpreises eng verbunden ist mit der Sühnung, die Christus im Hinblick auf unsere Sünden vollbracht hat. Sein sühnendes Werk ist die ewig gültige Basis für die gegenwärtige Anbetung der Gläubigen und für die Huldigung aller Menschen während des tausendjährigen Königreichs.

Der Vater „sucht“ Anbeter. Wenn wir an den Herrn Jesus Christus glauben, sind wir aufgrund des sühnenden Werkes des Herrn Jesus Anbeter geworden. Der Vater erwartet unsere Anbetung, weil wir jetzt dazu berechtigt sind. Was können wir denn Gott, dem Vater, Angenehmes bringen? Sollen wir Ihm materielle Opfer bringen? Ihm etwas bringen, was unserem Herz entspringt: natürliche Liebe und eigene Anstrengungen? Wir wissen sicher, dass in uns selbst nichts ist, was wert wäre, von Ihm angenommen zu werden. Wo können wir als Anbeter denn etwas finden, was Gott, dem Vater, auf jeden Fall angenehm ist? Alles, was seinen Sohn, den Herrn Jesus Christus, angeht, ist dem Vater wohlgefällig. Und wenn etwas davon wohlgefälliger sein kann als etwas anderes, dann das, was sein Leiden und seinen Tod angeht, wodurch Gott in Ihm verherrlicht ist [Joh 13,31]. Daher müssen wir als Anbeter in unseren Herzen ein klares Verständnis haben von dem umfassenden Werk der Sühnung, das auf dem Kreuz vollbracht wurde, als Er, der hochgelobte Sohn Gottes, der Sünde nicht kannte, dort von Gott „für uns zur Sünde gemacht“ wurde (2Kor 5,21).

Die Schrift gebraucht für Christi Sühnung oft einfache Worte, die selbst ein Kind auswendig aufsagen kann. Doch wie tief und unergründlich ist ihre volle Bedeutung! Über diese Worte sollten wir beständig nachdenken, indem wir dem Heiligen Geist gestatten, ihren Sinn und ihre Tragweite vor unseren Augen zu erschließen und zu vertiefen. Dann können unsere Herzen in würdigere Loblieder ausbrechen, wenn wir daran denken, dass der heilige und vollkommene, sündlose Sohn Gottes auf dem Kreuz von Gott „für uns zur Sünde gemacht“ wurde. Wir können diese tiefe Lehre nicht vollständig erfassen; das brauchen wir auch nicht, um Gott anzubeten. Aber wenn wir vor Gott „im Allerheiligsten“ stehen und uns daran erinnern, dass der Tod Christi das bedeutendste Ereignis der Weltgeschichte ist und dass damals etwas geschah, was von unermesslichem Wert ist und keiner Wiederholung bedarf – dann werden wir die Loblieder, die aus uns hervorquellen, nicht zurückhalten können. Das Räucherwerk eines Gott wohlgefälligen Lobes wird dann zum ewigen Thron aufsteigen.

Der Leidende und sein Gott

Lasst uns klar vor Augen haben, dass wir in diesem Psalm die Worte Christi hören, der sich an Gott wendet. Die meisten von uns kennen den bitteren Schrei am Anfang des Psalms, der diesen wie ein Leitmotiv durchzieht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hier sind diese herzergreifenden Worte prophetischer Art, in den Evangelien sind sie Geschichte. Matthäus und Markus schreiben, dass Jesus diese Worte auf dem Kreuz aussprach. In den Tiefen seiner Qual sprach der Herr diese Worte; Er kannte ihre volle Bedeutung und wusste auch, dass die Prophezeiungen von Psalm 22 sich in Ihm selbst erfüllten. Als die Zeit erfüllt war, kam Er in die Welt, um die Sünde hinwegzutun, indem Er sich selbst opferte. Bei diesem Werk stand unser Herr und Heiland allein – Er war von Gott verlassen. Diese schreckliche Erfahrung verkündete Er so laut, damit jeder es hören konnte: „Eli, Eli, lama sabachthani?“ [Mt 27,46]. Wie so oft schon: Die, die Ihn hörten, verstanden Ihn nicht. Sie sagten: „Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn zu retten!“ [Mt 27,49]. Dass dieser Gekreuzigte so zu Gott im Himmel rufen könnte, überstieg ihr Verständnis. Darin [dass Christus von Gott verlassen war] liegt aber tatsächlich die zentrale Wahrheit der Sühnung, die Christus für unsere Sünden und für die ganze Welt vollbrachte.

Beständige Gemeinschaft mit Gott während seines Lebens

Dies ist das erste Mal, glaube ich, dass wir in den Evangelien lesen, dass unser Herr die Worte „Mein Gott“ gebraucht, wenn Er sich an seinen Gott wendet. Der Sohn war beständig in Gemeinschaft mit dem Vater; Er hörte sein Wort und befolgte seine Gebote. Als Er mit seinem Vater redete, lesen wir, dass Christus Ihm antwortete und sagte: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir“ (Mt 11,25.26).

Diese Gemeinschaft des Sohnes mit dem Vater bestand ununterbrochen – nicht nur während seines öffentlichen Auftretens, als Er den Armen das Evangelium predigte, die Kranken heilte und den Menschen auf vielerlei Weise Gutes tat und ihnen Gnade erwies. Diese Gemeinschaft bestand auch während der ernsten Mitternachtsstunde in Gethsemane. Da war der Herr allein, abseits von seinen Jüngern; Er kniete auf der Erde, und sein Schweiß glich großen Blutstropfen, die zu Boden fielen. Doch in diesem Leidenskampf und in seinen Seelenqualen angesichts seines bevorstehenden Todes war unser Herr und Heiland nicht ganz allein. So hatte Er zu seinen Jüngern kurz vorher am selben Abend gesagt: „Siehe, die Stunde kommt und ist gekommen, dass ihr zerstreut werdet, jeder in das Seine, und mich allein lasst, und ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir“ (Joh 16,32). Während seines „starken Schreiens und [seiner] Tränen“ war die Gemeinschaft mit seinem Vater ungebrochen. „Abba, Vater“, rief Er. „Mein Vater, wenn es möglich ist … Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ [Mt 26,39; Lk 22,42]. Obwohl Er genau wusste, was des Vaters Wille für den folgenden Tag war, fügte sich der gehorsame Sohn in Gethsemane, so wie Er es immer getan hatte: „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ [Joh 18,11].

Von Gott verlassen auf dem Kreuz

Aber hier in Psalm 22 spricht der Herr, als Er am Kreuz hängt. Er sagt jetzt nicht „mein Vater“ wie im Garten Gethsemane, sondern „mein Gott“. Es geht hier um die Frage der Sünde, und deshalb ist hier die Anrede „Gott“ passend, da Gott der Richter aller ist. Gott ist der gerechte Richter der Welt. Seine Natur steht der Sünde entgegen, und sein Wesen verlangt Bestrafung der Sünde. Heiligkeit und Unheiligkeit, Licht und Finsternis haben nichts gemeinsam. Und hier hatte Gott den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht. In dem Bewusstsein, dass Er die Sünde trug und dass Er „ein Fluch für uns geworden“ war, schrie Christus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Unser Herr bekannte inmitten seiner Leiden für die Sünde, dass Er von seinem Gott verlassen war, doch nannte Er Ihn immer noch „mein Gott“.

Jesus hatte diese Beziehung zu Gott seit seiner frühesten Kindheit. In unserem Psalm sagt Er: „Doch du bist es, der mich aus dem Mutterleib gezogen hat“ (Ps 22,10). Von der Krippe in Bethlehem an anerkannte Er, der vollkommene und gesegnete Mensch, Gott als den, dem Er Gehorsam schuldete und von dem Er abhängig war. Aber hier wurde es um die Mittagszeit dunkel, und es gab einen unermesslichen Unterschied: Sein Gott, dem Er vertraute, hatte Ihn verlassen! Warum? Christus war in die Welt gekommen, um den Platz des Unheiligen und Ungerechten einzunehmen, der unter dem Gericht des gerechten und heiligen Gottes stand. Aber Er war doch selbst der Heilige: „Darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“, sagte der Engel zu Maria (Lk 1,35). Sogar der Dämon in Kapernaum sagte zu Ihm: „Ich kenne dich, wer du bist: der Heilige Gottes“ [Mk 1,24; Lk 4,34]. Und was legte Petrus nach Pfingsten den Juden zur Last? „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet“ [Apg 3,14]. Als der Apostel von der Auferstehung Jesu sprach, führte er Psalm 16,10 an: „Denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen noch zugeben, dass dein Frommer {o. Heiliger} Verwesung sehe“ (Apg 2,27).

Doch hier anerkennt Christus, der Heilige, seinen Gott als den Heiligen: „Mein Gott! Ich rufe am Tag, und du antwortest nicht … Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels“ (Ps 22,4). Was ist die Erklärung dafür? Der Heilige war der, der die Sünde trug. Der Gerechte nahm den Platz des Ungerechten ein. „Der selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat …“ [1Pet 2,24]. Wie abgrundtief ist diese Erniedrigung! Welch tiefes ungelöstes Geheimnis ist das! Das menschliche Herz steht in stiller Ehrfurcht vor dem undurchdringlichen Vorhang, der den Erlöser für immer vor neugierigen Blicken Sterblicher abschirmt während dieser schrecklichen Stunde. Nur einer war da in dieser Finsternis und dem Todesschatten. Nur dieser kann davon erzählen. Er hat gesprochen. Seine Worte stehen hier: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Der Preis unserer Errettung

Wir können diesen qualvollen Schrei, der sich vom Herzen Christi rang, weder verstehen noch seine Tragweite begreifen. Jedoch, abgesehen von seiner Deutung, besitzen wir die Wahrheit und den Segen dieser Tatsache mit Hilfe des Heiligen Geistes. Unser Glaube eignet sich diesen ergreifenden Ausruf des leidenden Christus an. Diese Worte reden vom Preis unserer Errettung. Sie messen den Wert des Opfers auf dem Kreuz für unsere Sünden und zur Verherrlichung Gottes. Der heilige Christus wurde von dem heiligen Gott verlassen!

Je mehr wir in der Gegenwart des Herrn nachdenken über diesen bedeutsamen Schrei, der von seinen Lippen kam, desto besser verstehen wir das sühnende Werk des Herrn Jesus. Denn Er stand, wo Er niemals zuvor gestanden hatte – unter dem Gewicht unserer Schuld und des Zornes Gottes über diese Schuld. Während seines Dienstes auf Erden trug Christus nicht unsere Sünden, wie manche fälschlich denken. Auf dem Holz trug Er unsere Sünden an seinem Leib, wie Paulus schreibt. Dort litt Er für uns, für unsere Vergebung, unsere Erlösung, damit Er uns zu Gott bringe, damit die Segnungen Gottes in ihrer ganzen Fülle ungehindert in unsere Seelen fließen könnten.

Gottes Ehre stand auf dem Spiel

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt des Sühnungswerks, den wir keinesfalls vergessen dürfen: Wegen der Sünde des Menschen stand Gottes Ehre auf dem Spiel. Eine ewige Eigenschaft Gottes, nämlich seine Gerechtigkeit, war gefährdet. War Er wirklich der Heilige, der die Sünde verabscheute? Oder billigte Er die Sünde und sah über die verdiente Strafe hinweg? Der Herr Jesus gab die Antwort in seiner Person, und auf dem Kreuz hielt Er die unveränderliche Heiligkeit Gottes aufrecht. Dort verkündete Er vor den Ohren des Universums: „Du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels“, indem Er von dieser Heiligkeit Zeugnis gab durch das Bekenntnis, dass Er selbst verlassen war.

Der heilige Leidende wurde zur Sünde gemacht und deshalb verlassen, allein gelassen. In seiner Angst rief Christus laut zu seinem Gott: „Mein Gott, mein Gott“, sagte Er. Die Wiederholung bedeutet tiefe Gefühlsregung, eine drängende Not. Als Abraham an dem Altar stand, auf dem Isaak gebunden lag, und das Messer in der erhobenen Hand hielt, um seinen Sohn zu töten, da rief der Engel des HERRN: „Abraham, Abraham!“ Zwei Mal wurde der Name des Vaters vom Himmel gerufen. Der Patriarch sollte dringend hören. Kein Augenblick war zu verlieren! Noch dringender war der Schrei unseres gelobten Herrn. Er war in tiefster Not, von den Wellen des göttlichen Zorns über die Sünde überrollt, und der Schrei durchdrang die trostlose Einöde: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das sind die Worte des geliebten Sohnes Gottes, des Eingeborenen des Vaters, Gott offenbart im Fleisch. Lasst uns darüber nachsinnen, immer wieder neu. Möchten diese Worte unser Innerstes durchdringen. Das reinigt den Geist und erleuchtet das Herz. Wir bekommen eine neue Sicht von der Größe der Gnade Gottes und rühmen uns mehr und mehr in dem Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Dann sehen wir immer mehr von dem Licht und der Liebe Gottes in Ihm, der allein war an diesem schrecklichen Ort der Finsternis und des Fluches. Und wir werden Ihn inbrünstiger anbeten, Ihn, der liebte und ausharrte bis ans Ende und der auch dann nicht die Verbindung zu seinem Gott verlor, als Er von Ihm verlassen war, denn Er nannte Ihn „Mein Gott“ im Vertrauen darauf, dass Er erhört werden würde wegen seiner Gottesfurcht (Heb 5,7).

Die sieben Aussprüche Jesu am Kreuz

In den Evangelien werden uns sieben Aussprüche unseres Herrn am Kreuz berichtet. Drei davon wurden in den frühen Stunden gesprochen und vier gegen Ende. Der einzige der sieben Aussprüche, der in mehr als einem Evangelium berichtet wird, ist der Schrei Christi, dass Er von seinem Gott verlassen war. Er wird sowohl von Matthäus als auch von Markus berichtet. Durch das zweifache Zeugnis des Heiligen Geistes wird deutlich, dass wir diesem Schrei unsere ehrerbietige Aufmerksamkeit zuwenden und besonders im Gebet darüber nachdenken sollten.

Anfangs, als man Ihn auf das Fluchholz band, betete der Herr: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Dann, während die Sonne noch hoch am Himmel stand, sah Jesus Maria, seine Mutter, und den Jünger, den Er liebte, und sagte zu ihr: „Frau, siehe, dein Sohn!“, und zu ihm: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26.27). Sein Mitgefühl war durch den eigenen Schmerz und sein Leiden nicht abgestumpft. Später hören wir, wie Er dem Schächer neben Ihm, der genauso den Schrecken der Kreuzigung erlebte und der an Ihn glaubte, die gnädige Zusicherung gab: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Obwohl der Herr ärmer war als der Ärmste der Ärmsten, konnte Er immer noch etwas geben. Er war ausgestoßen aus seinem Erbe und wurde selbst seiner Kleider beraubt; es schien so, als ob Er nichts mehr besaß – doch verleiht Er dem bekehrten Verbrecher das Recht, ins Paradies einzugehen. Welche Freude war im Himmel über den einen Sünder, der Buße getan hatte!

Aber dann verfinsterte sich die Mittagssonne auf übernatürliche Weise. Finsternis lag über dem ganzen Land von der sechsten bis zur neunten Stunde. Der heilige Leidende war vor dem menschlichen Auge verborgen. Er war mit Gott allein. In dieser „Nacht“ war Er nicht stumm. Aus der Finsternis heraus kam der Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Johannes berichtet von zwei zusätzlichen Äußerungen (Joh 19,28-30): „Mich dürstet!“, und: „Es ist vollbracht!“, beide gesprochen, weil Er allwissend war.

Was geschehen musste, war jetzt vollbracht. Was war denn vollbracht? Was war geschehen? Wer kann es beschreiben? Wer kann es ermessen? War es nicht das gewaltige Werk der Sühnung für die Sünde, das Gott hinsichtlich all seiner Eigenschaften [z.B. Liebe, Gerechtigkeit, Heiligkeit; Anm. d. Red.] befriedigte? Gott kann jetzt gerecht sein und den Ungerechten, der an Jesus glaubt, rechtfertigen. Der Herr wusste, was Er vollbracht hatte. Er wusste, was Er erduldet hatte und dass Er in seinem Leiden von Gott verlassen gewesen war. Außerdem wusste der Sohn Gottes, dass das für die Sünde verlangte Opfer gebracht worden war und ausreichte. Er wusste, dass die Dunkelheit vorbei war und dass Er herausgetreten war in das Licht Gottes, zur Freude und Zufriedenheit des Vaters. Danach kommt der siebente Ausspruch: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!“ (Lk 23,46). Dann ging Er ins Paradies ein und empfing dort den reuigen Verbrecher, der an Ihn geglaubt hatte und für dessen Sünden Er Sühnung vor Gott erwirkt hatte.

Sühnung und Lobpreis

Im vierten Vers gibt der Messias selbst die Antwort auf seine Frage: „Warum hast du mich verlassen?“ Sie lautet: „Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels.“ Die Heiligkeit des HERRN forderte das Gericht der Sünde, bevor Er sein Volk oder den Lobpreis seines Volkes annehmen konnte. Sühnung für Sünde ist die Grundlage für Preis und Anbetung, denn der Wohnort des HERRN ist heilig.

Von allen anderen Nationen der Erde waren die Kinder Israel abgesondert, um den HERRN beständig zu preisen. Das Zelt der Zusammenkunft in der Wüste und der Tempel auf dem Berg Zion wurden errichtet, damit Er unter ihnen wohne und ihren Lobpreis empfange. Der HERR hatte angeordnet, dass die Priester morgens und abends vor Ihm hochheiliges Räucherwerk verbrennen sollten an heiligem Ort. Weihrauch ist ein Sinnbild des wohlriechenden Lobes, das Gott von den Lippen der Menschen erwartet. Israel war erwählt worden, um durch diesen täglichen Dienst des Lobpreises zu veranschaulichen, was der HERR von allen Menschen erwartet. Er hatte sie aus der Sklaverei herausgeführt und war ihnen gnädig gewesen, als der Würgengel an ihrer Tür vorbeiging. Er rettete sie, während ihre Feinde im Roten Meer ertranken. Sogleich stieg der Lobgesang seines geretteten Volkes auf zum HERRN. Mose und die Kinder Israel feierten den Sieg des HERRN; sie schrieben ihre Befreiung der Macht seiner Rechten zu (2Mo 15). In diesem nationalen Loblied schaute Israel auch vorwärts zu dem Berg des Erbteils des HERRN, seiner Wohnstätte, dem Heiligtum, das seine Hände im verheißenen Land bereitet hatten [2Mo 15,17]. „Da glaubten sie seinen Worten, sie sangen sein Lob“ [Ps 106,12]. Aber schnell vergaßen sie die mächtigen Taten des HERRN, missachteten seine Gebote und verehrten die Götter der Nationen, die Gott nicht kannten. Sie verließen den Heiligen Israels und vernachlässigten die täglichen Friedensopfer vor seiner Wohnstätte. Israel sündigte schwer und beschwor den gerechten Zorn seines Gottes herauf, des Gottes, der bei den Lobgesängen Israels wohnt.

Auf diese große Sünde der erwählten Nation scheint der heilige Leidende in Vers 4 besonders anzuspielen. Wegen der Sünden des Volkes, nicht wegen seiner eigenen Sünden, wurde Er verlassen und blieben seine Schreie ungehört. Jesus stand in der Bresche. Er hatte sich selbst hingegeben als ein Opfer für Sünden. Er tat Sühnung für die Sünde. Durch sein Leiden brachte Er Heiligkeit, wo jetzt Unheiligkeit war, Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit war, und Lob, wo jetzt nur „Fluchen und Bitterkeit“ war. Durch sein sühnendes Werk hat der Herr Jesus – was die Sünden der Menschen angeht – jeder Forderung des Heiligen, der bei den Lobgesängen Israel wohnt, Genüge getan; doch während Er Sühnung tat, hörte dieser Heilige nicht auf sein Schreien.

Der enge Zusammenhang zwischen Sühnung und Lobpreis ist in dem Aufbau des Psalms klar gekennzeichnet. Der erste Teil (von Vers 2 bis zur Mitte des Verses 21) beschreibt Christus auf dem Kreuz, während der Rest des Psalms das Ergebnis von Christi sühnendem Werk vorhersagt: Israel und alle Nationen bis zu den Enden der Erde würden mit dem Geist des Lobes des HERRN erfüllt sein.

Die Väter gerettet, aber Christus verlassen

In Vers 5 spricht immer noch der Geist Christi. Der Herr auf dem Kreuz vergleicht sich mit gottesfürchtigen Menschen aus früheren Zeiten: „Auf dich vertrauten unsere Väter (Abraham, Isaak, Jakob, Mose und andere); sie vertrauten und du errettetest sie. Zu dir schrien sie und wurden errettet; sie vertrauten auf dich, und wurden nicht beschämt“ (Ps 22,5). Widersprach es daher nicht dem Handeln Gottes in der Vergangenheit, dass der Herr Jesus in seinem Leiden von Gott verlassen war und dass Gott seinem Schreien nach Rettung keine Beachtung schenkte? Abrahams Frömmigkeit war nicht vollkommen, doch wurden seine Gebete erhört. Hiobs Geduld im Leiden war bemerkenswert, aber er bewies viel Ungeduld mit seinen „Freunden“ und bekannte dem HERRN: „Siehe, zu gering bin ich“ [Hiob 40,4]. Auch Hiob wurde erhört, und ihm wurde geholfen. Als aber der Messias in seiner Todesangst zu Gott schrie, war es still im Himmel. Der Arm des HERRN war nicht ausgestreckt, um Ihm in dieser Stunde beizustehen. Was der Wille Gottes Ihm als Aufgabe gegeben hatte, musste Er selbst ausführen; Er musste alles allein erdulden, ohne Hilfe. In seiner Seele hatte Er das bittere Empfinden, dass Gott Ihm in dieser äußersten Not nicht half, so wie Er den Vätern in Israel geholfen hatte. Warum dieses veränderte Verhalten? Weil Er, der Sohn des Menschen, der Sünde nicht kannte, „zur Sünde gemacht wurde“, um Sühnung für Sünde zu tun. Einzig und allein zu diesem Zeitpunkt und nur aus diesem einzigen Grund verließ Gott seinen gehorsamen Knecht, damit die Herrlichkeit seines Todes am Kreuz in alle Ewigkeit ungetrübt scheine.

Doch die Geduld und die Demut unseres Herrn offenbaren sich in dieser dunklen Stunde. Als der von Gott Verlassene bekennt Er: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mann“ (Ps 22,7). Er akzeptiert es, unter den Menschensöhnen für nichts zu gelten. Er stellte sein eigenes Ich vollständig in den Hintergrund. Jetzt, wie schon immer, gefiel Christus „nicht sich selbst“ [Röm 15,3]. Als „ein Wurm und kein Mann“ verzichtete Er auf jeden Anspruch eines Eingreifen Gottes: ein krönender Beweis der vollkommenen Demut und Selbstverleugnung unseres Herrn und Heilands. Der Wurm ist ein Symbol äußerster Schwäche. Der Herr, der „in Schwachheit gekreuzigt worden“ war [2Kor 13,4], verglich sich selbst mit einem Wurm, um die scheinbare Vernachlässigung von seinem Gott zu rechtfertigen.

Auf dem Kreuz bleibt der Herr nicht blind oder unempfindlich gegenüber den Gedanken und Worten der Schaulustigen; sie vermehren noch seine Not und sein Leiden. Er wird geschmäht und verachtet. Sie verspotten Ihn, weil von dem Gott, dem Er doch bekanntlich vertraute, keine Rettung kommt. Während seiner Kreuzigung und unbemerkt von den Zuschauern hält Christus jedoch an dem ungebrochenen Vertrauen auf seinen Gott fest (Ps 22,10-12). Wie in Bethlehem und Nazareth, in Kapernaum und Chorazin, in Bethanien und Jerusalem, so war Jesus auch auf Golgatha der „Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Heb 12,2). Die Schande des Kreuzes nicht achtend, blieb Er – nach seinen eigenen Worten – standhaft im Willen Gottes: „Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ [Lk 22,42]. Die Menschen spotteten, Christus litt, Gott wurde verherrlicht.

Als unser Herr am Anfang seines Dienstes von Satan versucht wurde, lebte Er in der Wüste bei den wilden Tieren (Mk 1,13). Am Kreuz hängend sieht Er, wie die Menschen um Ihn her sich Ihm gegenüber aufführen wie dreiste und grausame Tiere, die verenden. Er ist umringt von „gewaltigen Stieren von Basan“ und von dem „reißenden und brüllenden Löwen“ (Ps 22,13.14). Unreine wütende „Hunde“ haben Ihn umgeben (Ps 22,17). Er ist an das Holz genagelt, völlig hilflos inmitten all dieser. Hingeschüttet wie Wasser ist Er; seine Kraft ist vertrocknet wie eine Tonscherbe; alle seine Gebeine haben sich zertrennt [vgl. Ps 22,13-18]. So beschreibt der gekreuzigte Christus seine Schwachheit, als die Rotte der Übeltäter Ihn umgibt und mit Ihm willkürlich verfährt, indem sie seine Hände und Füße durchbohren. Sie ziehen Ihm seine Kleider aus und verlosen sein Gewand. Sie weiden sich an seiner Blöße. Selbst während der Feierlichkeiten des Passahfests ergötzen sich ihre verdorbenen Herzen an diesem Anblick! In den Versen 13-19 beschreibt Christus durch den prophetischen Geist seine von den Menschen verursachten Leiden, die sich am Kreuz ballten und vervielfachten.

Aber während dieser ganzen Zeit drückt der Messias seine beharrliche Abhängigkeit von dem HERRN aus. Er sagt: „Mein Gott! … du bist es, der mich aus dem Mutterleib gezogen hat … du bist mein Gott. Sei nicht fern von mir“ (Ps 22,3.10-12). Hier breitet Christus vor seinem Gott den Schmerz und das Leiden aus, die Er durch die Menschen erfährt, die von dem Fürsten dieser Welt angeführt werden. Alles, was die Macht der Finsternis Ihm in dieser Stunde bescherte, akzeptierte Er als den Willen Gottes für Ihn. Als der Sohn Gottes, der sich selbst zu nichts machte, war Er gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Und in dieser seiner allertiefsten Erniedrigung anerkennt Er, dass genau dieser Zustand das höchste Ziel Gottes für Ihn war: „In den Staub des Todes legst du mich“ (Ps 22,16).

Der Siegesschrei: „Es ist vollbracht“

Aber das Ende ist in Sicht. Die Intensität des Gebets wird abgelöst von inbrünstigem Lob. Der Herr fleht Gott an: „Meine Stärke, eile mir zur Hilfe! Errette vom Schwert meine Seele, meine einzige von der Gewalt des Hundes; rette mich aus dem Rachen des Löwen!“ (Ps 22,20-22). In der Mitte des Verses 22 ändert der Sprecher dann plötzlich seinen Ton. Bis hierhin war das Thema in diesem Psalm: unbeantwortetes Gebet. Jetzt aber ist die Antwort gekommen und auch empfangen worden: „Ja, du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel [andere übersetzen „Einhörnern“; Übs.].“

Nicht extra erwähnt wird in diesem Psalm die unermessliche Bedeutung des Wechsels vom Bitten hin zum Empfangen durch den, der am Anfang bekannte, von Gott verlassen zu sein. Es wird uns überlassen, über diese Tatsache nachzudenken, d.h. dass die gleiche Stimme, die zu Gott sagte: „Rette mich aus dem Rachen des Löwen“, nun hinzufügt: „Du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel.“ Derjenige, der zuvor sagte: „Mein Gott! Ich rufe … und du antwortest nicht“ (Ps 22,2), ruft jetzt aus: „Du hast mich erhört.“ Mit starkem Geschrei und Tränen, mit Bitten und Flehen hatte Er in seinem Leiden auf dem Kreuz, als Er die Sünde trug, zu Gott gerufen. Dann kam der Augenblick, als Er wusste, dass sein Sühnungswerk für die Sünde vollbracht war; dass Er wegen seiner Frömmigkeit erhört worden war von dem, „der Ihn aus dem Tod zu erretten vermochte“ (Heb 5,7). Seine Frömmigkeit oder Gottesfurcht war auf die Zerreißprobe gestellt worden. Gerade in seinem abgrundtiefen Leiden, von Gott verlassen wegen der Schuld der Menschen, leuchtete sein unbeugsamer Gehorsam makellos und ungeschmälert. Er war von Gott anerkannt, obwohl verspottet von den Menschen.

Jetzt kam die Rettung, gerade als Er wehrlos war gegenüber den „Hörnern der Büffel“ und unter „der Gewalt des Hundes“. Der Thron der Gerechtigkeit im Himmel und das Kreuz von Golgatha auf der Erde verbanden sich, als Christus Jesus sein einmaliges Opfer für Sünden gebracht hatte. Sein sühnendes Blut bedeckte den goldenen Deckel unter den herrlichen Cherubinen. Sein ewig gültiges Werk der Sühnung für Sünde hat Er „in dem Leib seines Fleisches“ auf dem Kreuz vollbracht. Diese Tatsache verkündete der allwissende Herr den Menschen, den Engeln, den Dämonen: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist“ (Joh 19,30). So berichtet der Apostel Johannes, dass der Sohn Gottes mit Worten bezeugt, dass Er sein Werk vollbracht hat. Es war ursprünglich [im Original] nur ein einziges Wort, das Jesus auf dem Kreuz äußerte, aber es kam von den Lippen der allwissenden Allmacht und wird widerhallen bis zu den Enden des Universums und bis in die Zeitalter der Zeitalter.

Wir haben gehört, was der Herr verkündet hat über das Werk, das Er selbst für die Sünde hinausgeführt hat und wodurch Gott gerecht sein kann und den für gerecht erklären, der an Jesus glaubt. Können wir da noch mit dem Gedanken spielen, dass trotz alledem noch etwas getan werden müsse, um die Herrlichkeit Gottes völlig aufzurichten? Nachdem Christus sich selbst für uns als freiwilliges Opfer für Gott dahingab und ausrief: „Es ist vollbracht!“ – ist es da möglich, dass noch etwas hinzugefügt werden kann, um Sühnung für Sünden zu bewirken? Es sei denn, dass die Schrift es klar unterstütze, würde solch ein Vorschlag durch seine Tragweite Christus entehren und seinem Wort und seinem Werk Abbruch tun.

Die Pforten des Lobpreises öffnen sich

Nachdem der Verlassene „von den Hörnern der Büffel“ gerettet worden und die Sühnung vollbracht ist, fängt sofort der Dienst des Lobpreises an. Die Wohlgerüche des allerheiligsten Räucherwerks steigen himmelwärts, zusammen mit den nach oben gerichteten Blicken. Der Urheber der Errettung, jetzt „durch Leiden vollkommen“ gemacht [Heb 2,10], erklärt: „Verkünden will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben“ (Ps 22,23). Dies ist die prophetische Verheißung über das Ergebnis der vollbrachten Sühnung. Der Name Gottes als der Vater und der Sohn und der Heilige Geist soll sich sodann entfalten, und Christus selbst wird die würdige Anbetung Gottes inmitten seiner versammelten Anbeter anführen.

Es wird uns berichtet, dass unser Herr darauf anspielte, als Er nach seiner Auferstehung zu Maria Magdalena von seinem Gott sprach. Er sagte: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Diese Aussage hatte Er früher nicht gemacht, da sie [noch] nicht zutraf. Aber jetzt war Sühnung für die Sünde geschehen, die Gerechtigkeit Gottes und seine Gnade waren aufgerichtet. Es entsprach der Herrlichkeit Gottes, dass eine neue Art der Beziehungen der Gläubigen untereinander bekanntgegeben wurde. Aufgrund des Werkes, das Er auf dem Kreuz vollbracht hat, verbindet unser Herr seine schwachen und versagenden Jünger mit sich selbst als seine Brüder. Jetzt hatten sie das Recht, als Söhne vor Gott zu stehen und so wie Christus selbst angenommen zu sein: „Mein Vater und euer Vater“ – und das nicht nur, weil sie wiedergeboren waren aus Wasser und Geist, sondern aufgrund des Opfers für Sünden, das Christus dargebracht und Gott angenommen hat. Der Herr verbindet die Seinen mit sich als seine Brüder. So wie Er sagte: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). „Mein Gott!“, schrie der Herr, als Er allein und verlassen war, als Er unsere Sünden an seinem Leib trug; niemand konnte da seinen Schrei teilen. Aber jetzt sagt Er zu seinen Brüdern: „Mein Gott und euer Gott“. Diese neue Beziehung war die Erstlingsfrucht von Christi sühnendem Leiden und seinem Tod.

Doch auf die Erstlingsfrucht folgt die Ernte. Durch die ganzen restlichen Verse dieses Psalms entfalten sich immer weitere Kreise von Lobgesang dem HERRN. Alle Nachkommen Jakobs und Israels werden Ihn verherrlichen und Ihn fürchten. Alle Enden der Erde und die Familien der Nationen werden sich besinnen, sich zu Ihm kehren und Ihn anbeten. Im letzten Vers lesen wir: „Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit verkünden einem Volk, das geboren wird, dass er es getan hat“. Der letzte Satz „dass er es getan hat“ ist nicht ganz deutlich. Die Worte sind allgemeiner Art und manche mögen fragen: Wer hat es getan? Und: Was hat Er getan? Für jeden geistlich Gesinnten ist jedoch klar, worauf sie sich beziehen: Es geht um das unübertroffene Werk der Sühnung Christi auf dem Kreuz, wo Er zum Sühnmittel dargestellt wurde, um die Gerechtigkeit Gottes in Bezug auf die Sünde zu verkünden (Röm 3,23-26).

Christus war selbst der erste Zeuge seines vollbrachten Werks durch seine Worte: „Es ist vollbracht.“ Seine durch den Geist Gottes geleiteten Nachfolger haben dieses Zeugnis auf der Erde von Generation zu Generation weitergetragen. Sühnung für Sünden ist die Grundlage für alles Lob, alle Anbetung und allen Dienst. Himmel und Erde werden sich noch vereinen, um dem Lamm, das geschlachtet wurde, alle Ehre zu geben. Herz und Stimme aller Erlösten werden zur Ehre Gottes froh bekennen, „dass er es getan hat“.

Möge dieser Psalm, liebe Freunde, beständig zu uns sprechen von dem „Elend des Elenden“ (Ps 22,25). Möge er Loblieder in uns wecken und sie mit heiligem Wohlgeruch ausstatten, die dem Heiligtum Gottes und der Gegenwart Christi würdig sind. Seine Leiden und sein Opfertod bilden die ewige Grundlage für eine Gott wohlangenehme Anbetung. Der Vater sucht Anbetung in Geist und Wahrheit. Wer kann Ihm diese bringen, wenn nicht diejenigen, die Jesus Christus kennen und die fest im Glauben auf sein vollbrachtes Werk stehen! Möchten wir die glückliche Erfahrung machen, dass der Herr Jesus Christus inmitten seiner Gemeinde der Anführer und das Zentrum alles Lobpreises ist; und das, sooft wir uns daran erinnern, „dass er es getan hat“ (Ps 22,32), und sooft wir uns in seinem Namen versammeln.


Originaltitel: „The Cry of the Suffering Christ“, 1947
Quelle: http://www.stempublishing.com/authors/WJ_Hocking/WJH_Suffering_Christ.html

Übersetzung: Christel Schmidt


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