Mutmacher für müde Diener Gottes
1. Könige 19

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© SoundWords, online seit: 26.12.2015, aktualisiert: 10.09.2018

Leitverse: 1. Könige 19

Also dahin war er (Elia) gekommen, der gewaltige Glaubensheld: „Er bat, dass seine Seele stürbe!“ Er wurde schwach in dem Punkt, in dem er am stärksten gewesen war. Ein Mensch wie wir, war er nicht in sich selbst stark, sondern nur in Gott; und das hatte er auf seinem bisherigen Weg bewiesen. Dass er jetzt zusammenbrach, war kein Wunder, wohl aber dass er sich wieder erhob.

Eben noch hatte Elia in der Kraft des Glaubens auf dem Karmel gestanden und der Herr hatte sich wunderbar durch ihn bezeugen können. Der herrlichen Offenbarung der Kraft war ein Rückschlag gefolgt. Das kommt häufiger vor. Dem Hinaufsteigen folgt ein Hinabgehen und die Tiefe der Depression entspricht der Höhe der Begeisterung.

Muss es so sein? Nein; solange der Herr meine Kraft bleibt, „vermag ich alles, in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13). Er „macht meine Füße denen der Hirschkühe gleich und lässt mich einherschreiten auf meinen Höhen“ (Hab 3,19). Außer Ihm aber vermag ich nichts.

Und Elia hatte sein Auge von dem Herrn abgewandt. Er litt unter einer schmerzlichen Enttäuschung. Isebel übte nach wie vor ihre gesetzlose Gewalt aus und Israel war für den Herrn nicht gewonnen. Auch mochte Elia von der Erregung am Karmel und von dem Laufe vor Ahab her sehr müde geworden sein, denn Nerven von Stahl hatte auch er nicht. Und nun kommt seine Niedergeschlagenheit zum Ausdruck: „Es ist genug; nimm nun, Herr, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter“ (1Kön 19,4). Sein Wunsch war Torheit. Eben war er vor dem Tod nach Beerseba und von da in die Wüste geflohen. War er nicht jetzt auch nötiger für den Dienst Gottes denn je? Zudem sollte er nicht sterben. Wie töricht und unweise war deshalb seine Bitte! Sein Schmerz und seine Niedergeschlagenheit veranlassten ihn dazu. Er war mit den Umständen beschäftigt. Zu anderer Zeit hatte er gesagt: „So wahr der Herr lebt, vor dessen Angesicht ich stehe!“ Jetzt stand er vor einem Menschen, vor der gottlosen Isebel. Das machte ihn unfähig zum Urteilen.

Nein, es war „noch nicht genug“! In mancher Hinsicht hatte Gott ihm auch ein besseres Teil gegeben als seinen Vätern. Er hatte ihn bevorzugt, mehr für Ihn zu tun als sie. Wie stark und kühn hatte der Herr ihn gemacht als seinen Zeugen! Wie viel hatte er auch genossen: Krith, Zarpath, Karmel! Und hinsichtlich seines Heimgangs sollte er gleichfalls mehr begünstigt sein als sie: Gottes Wagen wartete auf ihn!

Da liegt nun der müde Knecht unter dem Ginsterstrauch. Er klagt und seufzt und wünscht den Tod herbei. Aber wie zärtlich ist der Herr gegen ihn! Er ist so ganz anders als Menschen. Was würde wohl Obadja (1Kön 18) gesagt haben, wenn er Elia hier in dieser Verfassung angetroffen hätte! – Doch was tut der Herr? Er gewährt seinem müden Knecht zunächst Schlaf. Das war besser als Medizin, als Vorwürfe, als geistliche Unterweisungen. Die hätte Elia da auch nicht fassen, nicht ertragen können. Dann speiste Er ihn mit stärkender und passender Nahrung. Er ließ ihn auch die Fürsorge und Hilfe von Engeln erfahren. „Ein Engel rührte ihn an.“ Und das alles zweimal! Und dann ging Elia „in der Kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Gottes, den Horeb“ (1Kön 19,8).

Er hatte jedenfalls nicht die Absicht gehabt, eine so weite Reise zu machen, als er in die Wüste floh, aber Gott führte seinen Knecht an den Horeb, um in der heiligen Stille der Höhle (wohl dieselbe, in der einst Mose gestanden hatte) mit ihm zu reden. Die Schule war noch nicht aus, die Unterweisung noch nicht gelernt. Jahrhunderte früher war ein anderer treuer Mann auf den Horeb gestiegen, um über die Sünde und Abgötterei Israels mit Gott zu reden; aber mit welch anderen Gefühlen war es geschehen! Vierzig Tage und vierzig Nächte hatte Mose sich vor Gott niedergeworfen und um Erbarmen und Vergebung geschrien, ja er hatte endlich sich selbst in den Riss stellen wollen, um Sühnung für das Volk zu tun! „Lösche mich doch aus deinem Buche“, so hatte er gerufen, in der Angst seiner Seele völlig vergessend, dass sein Einstehen das geliebte Volk nicht retten konnte.

Wie ganz anders war die Stimmung des Propheten in diesem Augenblick! Er war nicht nur völlig entmutigt, sondern auch erbittert über Israel. Wieder und wieder verklagt er das Volk bei dem „Herrn, dem Gott der Heerscharen“ (an den „Gott Abrahams, Isaaks und Israels“, 1Kön 18,36, denkt er nicht mehr) und redet dann von dem, was er für den Herrn getan, wie er geeifert habe und nun ganz allein übriggeblieben sei. Es wäre ganz nach seinem Sinn gewesen, wenn der gewaltige, heilige Gott, wie einst bei der Gesetzgebung, sich in Sturm, Erdbeben und Feuer offenbart hätte, wenn ein vernichtendes Gericht über Ahab, Isebel und das ganze Volk gekommen wäre. Aber Gott war weder in dem Wind noch in dem Erdbeben noch in dem Feuer. Mochte sein Knecht auch ungeduldig und mutlos werden, Er gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Noch war die Stunde der Abrechnung nicht gekommen. Das „sanfte Säuseln“ der Gnade ertönt und ganz überwältigt tritt Elia mit verhülltem Angesicht an den Eingang der Höhle und nun redet Gott unmittelbar mit ihm. Schon vorher war „das Wort des Herrn“ zu ihm geschehen (1Kön 19,9), jetzt redet Gott gleichsam von Angesicht zu Angesicht mit ihm, und wenn Elia auch den ganzen weiten Weg, den er gekommen war, wieder zurückwandern muss, so hat er doch die Gemeinschaft mit Gott wiedergefunden; und wenn das der Fall ist, so tritt alles andere in den Hintergrund, alles bekommt ein ganz anderes Gesicht.

Freilich erhält Elia jetzt einen Auftrag, der für sein Volk ein furchtbares Verhängnis und für ihn selbst den Abschluss seines öffentlichen Dienstes bedeutete: Er soll Hasael und Jehu, die beiden unerbittlichen Vollstrecker des göttlichen Gerichts an Israel und dem Hause Ahabs, zu Königen salben und Elisa, den Sohn Saphats, zum Propheten an seiner statt (1Kön 19,6). Aber doch ist die unterbrochene Verbindung wiederhergestellt, und Elia geht willig nach Abel-Mehola, um den empfangenen Auftrag an Elisa auszuführen. Das Salben der beiden anderen Männer blieb ihm bekanntlich erspart. Erst im 8. Kapitel des zweiten Buches der Könige wird uns berichtet, dass Elisa nach Damaskus kam und Hasael die Prophezeiung Gottes überbrachte, und im 9. Kapitel sendet Elisa einen Prophetensohn mit der Ölflasche nach Ramoth in Gilead, um Jehu zum König zu salben. Elias Weg war fortan – mit nur einigen wenigen, uns bekannten Ausnahmen (vgl. 1Kön 21; 2Kön 1) – still und verborgen, aber ohne Frage ein Weg reichen Segens, und – er führte zur Entrückung in den Himmel!

So hatte Elia es wieder unmittelbar mit Gott zu tun, und wenn unser Herz auf Gott gerichtet ist, dann haben andere Dinge keinen großen Wert mehr. Zugleich hatte Gott noch eine gute, wenn auch zugleich beschämende Botschaft für Elia. Er konnte ihm sagen: „Ich habe mir siebentausend in Israel übriggelassen, alle die Knie, die sich nicht vor dem Baal gebeugt haben“ (1Kön 19,18). Das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins wurde dadurch dem Propheten genommen, allerdings auch die Meinung, dass nur er für Gott dagestanden und eingetreten sei. Beides war gut und notwendig, ein Segen für den müden Diener.

Was für ein wunderbarer Gott ist doch unser Gott! Wie vermag Er die Müden aufzurichten, die Kraft- und Mutlosen zu stärken! Was für eine Zärtlichkeit erfüllt sein Herz! Nicht Vorwürfe, sondern wirksame Hilfe ließ Er Elia zuteilwerden! Er ruhte nicht, bis Elia wieder „vor dem Herrn“ stand und die Verbindung mit der Quelle aller Kraft wiedergefunden hatte.

Wie wichtig ist es, dass auch wir vor dem Herrn stehen! Es ist jetzt nicht Zeit, müde zu sein oder über die Umstände zu klagen, sondern treu zu sein auf dem Wege Ihm nach und Ihm entgegen. Lasst denn unser Auge allezeit auf Ihn gerichtet sein, dann werden wir Kraft haben und seinen Frieden genießen.

Bleibt mein Aug’ auf Ihn gericht’,
wanke und verzag’ ich nicht.

Sollte aber hier und da jemand unter dem Ginsterstrauch liegen, so möge er Mut fassen. Der Herr ist voll treuer Liebe und zärtlichen Mitgefühls und vermag aufzurichten. Bitte nicht um den Tod! Die Entscheidung über den Ausgang unseres Weges sollten wir Gott überlassen. Für den Sünder ist es nie recht, den Tod herbeizuwünschen, denn der Tod bedeutet für ihn die Hölle. Dem Heiligen ist solcher Wunsch gestattet, aber doch innerhalb gewisser Grenzen. Er darf mit dem Apostel sagen: „Ich habe Lust abzuscheiden“ (Phil 1,23). Wir dürfen uns nach dem Himmel sehnen. Doch sollte der Beweggrund für uns nicht der sein, vom Dienst, von Mühen, Leiden, Enttäuschungen, Unehre usw. befreit zu werden, sondern nur, bei Christus zu sein! Ungeduld, Leidenschaft, Stolz und Trug dürfen nie den Grund unserer Sehnsucht bilden, sondern das Verlangen, Jesus zu sehen und bei Ihm zu sein allezeit. Noch über ein gar Kleines, dann kommen wir zur Ruhe.

Es wird nicht lang mehr währen,
halt noch ein wenig aus!
Es wird nicht lang mehr währen,
dann kommen wir nach Haus!

Dort ist dann Ruhe für die Müden, dort ist Ruhe für dich und für mich. Dort werden wir Ihn preisen, der uns errettet, durch die Wüste geleitet und zur Herrlichkeit geführt hat. Und:

Dann, wenn schauend wir Dir Ehre bringen,
jeder müde Kämpfer siegreich ruht,
werden ewig sel’ge Herzen singen:
Du, o Jesu, machtest alles gut!


Originaltitel: „Ein müder Diener“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1919, S. 25–30,
von der Redaktion leicht bearbeitet


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