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Leitverse: Psalmen 16 + 22 + 23
Was wir in den Psalmen geschrieben finden,
bezieht sich in erster Linie auf die Juden oder auch auf den Herrn Jesus Selbst,
und zwar ganz besonders in Seinem Charakter als Messias. Sie nehmen
hauptsächlich Bezug auf den gläubigen Überrest der letzten Tage, und viele ihrer
Ausdrücke sind durchaus jüdisch und können von der Kirche nicht benutzt werden.
Dies ist der Schlüssel zu so vielen Stellen, die manchen Gläubigen, die dies
nicht erkannten, so vielfach große Schwierigkeiten bereiteten. Die Gläubigen der
Jetztzeit z.B. können richtigerweise nicht die Vernichtung ihrer Feinde
herbeiwünschen, um Trübsalen zu entgehen; während es in der kommenden Zeit der
großen Drangsal für die Juden ganz richtig sein wird, ihre Befreiung durch
Gerichte zu erwarten. Diese Gerichte hängen mit den Verheißungen Gottes
zusammen, und jüdische Hoffnungen werden sich an einem späteren Tage darauf
stützen. Allein die Erwartung der Kirche ist die Entrückung. Sie wird also
dadurch aller Trübsal entfliehen, dass sie beim Herrn in den Himmeln sein wird.
Sie erfährt Sein Mitgefühl in ihren Leiden auf der Erde. Die Psalmen aber
beschäftigen sich hauptsächlich mit den inneren und äußeren Leiden der
gottseligen Juden und mit Gott, der durch Gericht einschreitet und sie befreit,
indem Er ihren Feinden Vergeltung gibt. Christus wird in den Psalmen betrachtet
als in inniger Verbindung mit Israel und in alle Leiden des gläubigen Überrestes
eintretend.
Dann gibt es gewisse Psalmen, welche sich
persönlich auf Christus beziehen. Sie zeigen uns vorzugsweise den Charakter des
Geistes Christi, wie die Evangelien uns Ihn vornehmlich in Seinem Wandel und
Seinen Werken zeigen. Die Evangelien stellen uns denjenigen vor die Augen, in
dem keine Selbstsucht war, sie zeigen uns das Herz, welches für alle fühlte. So
tief auch Sein eigner Schmerz sein mochte, so dachte und sorgte Er doch immer
für andere. Er konnte Petrus noch in Gethsemane warnen und den sterbenden
Übeltäter am Kreuz trösten. Sein Herz war über die Umstände erhoben; Er ließ
Sich nie durch sie beherrschen, sondern handelte darin immer auf gottgemäße
Weise. Wir sehen, dass Er sie stets tief empfand, und besonders in den Psalmen
finden wir oft die Gefühle Seines Herzens ausgedrückt: "Wie Wasser bin ich
ausgeschüttet, und alle meine Gebeine haben sich zertrennt; wie Wachs ist
geworden mein Herz" (Ps 22,14). Er war der geprüfte, von allen Seiten auf die
Probe gestellte Mensch, und als solcher bin ich berufen, Ihm nachzufolgen. Ich
sollte mich selbst und das, was mich angeht, vergessen können, um anderen Liebe
zu erweisen. Eine Wirkung davon, dass ich mich nahe bei Christus aufhalte, ist,
dass ich in Bezug auf andere Gemeinschaft mit Ihm habe und in Seine Gedanken
eintrete, anstatt dass ich unter dem Druck meiner eigenen Umstände liege. Wie kann
mein Herz sich wirklich freuen mit den sich Freuenden und weinen mit den
Weinenden, wenn ich nicht in inniger Verbindung mit Christus lebe und von Ihm
erfüllt bin statt von mir selbst? In dem ganzen Leben Christi, wie die
Evangelien es uns erzählen, finden wir auch nicht die geringste Spur von
Selbstsucht, nicht das kleinste Handeln für Sich Selbst. Er konnte Sich freuen
mit den einen und innerlich bewegt sein und weinen mit den andern. Er wusste zu
ermuntern, zu warnen oder zurechtzuweisen, je nachdem es nötig war. Was immer
die Liebe verlangte, das tat Er.
In Psalm 22 sehen wir Ihn ganz allein
unter der Hand Gottes leiden und den Zorn über die Sünde ertragen; aber immer
bleibt Er der gerechte Mensch, der zu Gott ruft und Ihn rechtfertigt, selbst
wenn Er von Ihm verlassen ist. Auch in Psalm 69, wo wir eher Seine Leiden vonseiten der Menschen erzählt finden, sehen wir,
dass Gott stets Seine Zuflucht
ist. Sein Herz nahm all das bittre Leid auf Sich, welches die Sünde auf
denjenigen bringen musste, der den Platz des Sünders einnahm. Er ging durch die
schwersten Übungen, die ein Herz erfahren konnte, aber Er bringt alles vor Gott.
Es scheint uns oft schwierig, mit all unserem Kummer vor Gott zu kommen. 'Wie kann
ich es tun', denkt vielleicht der eine oder andere, 'da ja meine Trübsal die Folge
meiner Sünde ist? Ja, wenn ich um der Gerechtigkeit willen litte, aber wie kann
ich in Aufrichtigkeit des Herzens mein Leid vor Gott bringen, wenn ich weiß, dass
ich es verdient habe?' Und doch können wir es, denn Christus ist deswegen vor
Gott gewesen, und das ist die Grundlage, auf der ich nun gehen kann. Es ist
völlige Sühnung für alle meine Sünden getan, indem Christus das Gericht über die
Sünde getragen hat. Ich kann jetzt zu Gott gehen aufgrund der geschehenen
Sühnung, und Er begegnet mir in meinem Kummer, weil das Werk Christi so
vollkommen war. Der größte Teil unseres Kummers ist eine Folge der Sünde und
alle Hilfe ist auf das Sühnungswerk gegründet. Es gäbe für mich keine
Möglichkeit, auf Gott zu vertrauen, wäre nicht ein anderer der Sündenfrage
begegnet.
Gott konnte in Bezug auf die Sünde nicht
gleichgültig sein. Petrus fühlte dies, als er ausrief: "Gehe von mir hinaus,
denn ich bin ein sündiger Mensch." Gott blieb bei dem Hinwegtun der Sünde Seinem
Charakter durchaus treu, denn Er handelte betreffs ihrer mit Christus gemäß all
dem, was Er ist. Es mag zwar wohl sein, dass ich ihre bitteren Früchte zu
schmecken bekomme und dass Gott mich ihre Wirkung fühlen lässt, wenn Er mich auch
nicht mehr dafür richten wird, "auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat im
Tode, also auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch
Jesus Christus, unsern Herrn" (Röm 5,21). Allein mein Gewissen wird vollkommen
gereinigt durch das in vollkommener Liebe vergossene Blut Christi. Die
Gerechtigkeit dessen, der meine Sünden trug, gehört mir. Ich bin gerecht durch
die Gerechtigkeit eines anderen. Mein Herz ist frei. Ich kann alles vor Gott
bringen, meine Sünden, Betrübnis und Leid, welches die Folgen meiner Sünden
sind. Ich darf Ihm dieselben ja bekennen, ja noch mehr, ich kann sagen:
"Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz! ... Und siehe, ob ein Weg der
Mühsal bei mir ist, und leite mich auf dem ewigen Wege" (Ps 139). Durch die
Gnade kann ich vor Gott den Platz einnehmen, den Christus einnimmt, denn jetzt
beruht alles auf der Erlösung.
Wir finden in den Psalmen göttliche
Äußerungen über jede Art von Trübsal, und es ist sehr gesegnet, sie von diesem
Gesichtspunkt aus zu betrachten. Christus war in einem Ausmaß mit allen Folgen
der Sünde bekannt, wie kein anderer es je sein kann, und als Er auf "den Hörnern
der Büffel war" - auf dem Wege des Todes - und mit Gott die ganze Frage in Bezug
auf die Sünde erledigt hatte, konnte Er sagen: "Ich will deinen Namen verkündigen
meinen Brüdern, inmitten der Versammlung will ich dich loben" (Ps 22,21-22).
Welch ein Trost, dass wir Ihn nie verlieren können als unseren Gefährten. Wir
werden Ihm Selbst in die Herrlichkeit folgen, ja, ich werde dorthin gehen, um bei
Ihm zu sein, und Seine Gegenwart wird meine Seligkeit ausmachen. 0, welch ein
Platz gehört uns in Christus, aller Kummer wird vorüber sein!
Was nun den 16. Psalm betrifft, so finden
wir darin Äußerungen der eigentlichen Freude des Herrn auf Erden, der Freude desjenigen, den Gott Seinen Gefährten nannte. Als Petrus auf dem
Berg der
Verklärung Ihn in eine Linie mit Mose und Elia stellte, antwortete Gott auf
eine Weise, als ob Er sagen wollte: 'Nein, Er ist mein Gefährte und nicht der
Gefährte der Menschen'. Als der Jüngling im Evangelium Ihn als einen Menschen mit
den Worten "guter Meister" anredete, antwortete Er: "Was nennst du mich gut?"
Güte sollte im Menschen gar nicht vorausgesetzt werden, nicht einmal in Ihm,
wenn Er nur als Mensch betrachtet wurde. Und dennoch sind die Heiligen
vollständig die Wonne Christi (V. 3), und der arme Sünder, der sein Vertrauen
auf Gott setzt, hat den Herrn Jesus als seinen Tröster, der in allem versucht
worden ist und daher wie kein anderer denen zu helfen weiß, die versucht
werden.
In den Tagen Johannes des Täufers kamen
alle, welche Buße taten, zum Jordan, um getauft zu werden, und Jesus tat dies
ebenso. Er konnte nicht Buße tun, aber doch wollte Er nicht von den
Bußfertigen getrennt sein, indem Er sprach: "Also gebührt es uns, alle
Gerechtigkeit zu erfüllen." Ich nehme meinen Platz mit euch ein, mit den
Heiligen, die auf der Erde sind.
Welch reichen Trost gibt der Glaube dem von Gott abhängigen Menschen! "Ich habe
Jahwe stets vor mich gestellt", (V. 8) konnte Christus sagen, als Er hier auf
der Erde war. Sollte dies nicht auch die Sprache unserer Herzen sein? Brauchen
wir Ihn nicht jeden Augenblick in den Einzelheiten des täglichen Lebens? Er
allein kann mich stützen und auf dem rechten Weg erhalten, inmitten all der
Umstände, die mich sonst hin und her werfen würden. Christus nahm einst diese
abhängige Stellung ein. Selbst Seine Auferweckung (V. 10) ging von dem Vater
aus, durch die Kraft des Heiligen Geistes, obwohl Er in eigener Kraft hätte
auferstehen können, da der Tod keine Gewalt über Ihn hatte. Der Sohn war des
Vaters Wonne, der Gegenstand Seines Herzens, Seine ganze Freude.
Und nun ist Christus in Seiner Gegenwart,
als Mensch für uns Menschen, zugleich unser Vorläufer und unser Weg zum Vater.
Es erfreut und tröstet unsere Herzen und bringt Ihn uns so nahe, Ihn solcherweise zu betrachten, indem wir wissen,
dass so gewiss wir an der Natur des ersten
Adams und den Folgen seiner Sünde teilhaben, so gewiss wir auch als Gläubige
Teil an dem zweiten Adam haben. Der Herr Jesus Christus ist für mich in der
Gegenwart Gottes. Hier unten geht es durch manche Schwierigkeiten, aber einst
werden wir dort bei Ihm sein, wo Fülle von Freude für immer ist. Gott wird als
Gott verherrlicht werden, aber Er wird auch als Mensch dargestellt werden und
als in Christus werden wir die Herrlichkeit teilen. Wie gnädig und gesegnet sind
diese Worte: "Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch
an mich. In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen, wenn es nicht so wäre,
würde ich es euch gesagt haben. Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und
wenn ich hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, so werde ich
wiederkommen und euch au mir nehmen, auf dass, wo ich bin, auch ihr seid"
(Joh.14,1-3). Er wird mit Seinen Heiligen sein und Seine Heiligen mit Ihm. Wir
werden Seinem Bilde gleichförmig sein und dasselbe zur Schau tragen, wenn wir
Ihn sehen; ja, jetzt schon werden wir in dem Maß, wie wir Ihn anschauen, in Sein
Bild verwandelt.
Das ist unser gesegnetes Teil, und in
Gemeinschaft mit Ihm haben wir Anteil an dem, was Er ist. An den Heiligen ist
"alle seine Wonne". Er ließ Sich herab zu ihrem tiefsten Elend, und sie werden
dort, wo Er hoch erhoben ist, Seine Freude und Herrlichkeit mit Ihm teilen.
Wie verhalte ich mich nun in dieser
Zwischenzeit zu meinem Herrn? Bringe ich alle meine Anliegen vor Ihn? Ist Er
stets mein erster Gedanke bei allen meinen Nöten, in meinen Seelenübungen und
auch in Zeiten der Freude? Dies ist der Weg, Ihn und die Liebe, die in Seinem
Herzen ist, kennenzulernen. Es gibt keinen Zustand und keine Lage, worin Er
nicht mit mir fühlen könnte. Er ist in die tiefsten Tiefen meines Kummers
gegangen. Er konnte sagen: "Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner
Wassergüsse" (Ps 42,7). Es gibt keinen Platz, worin der Glaube Christus nicht
finden kann. "Das aber: Er ist hinaufgestiegen, was ist es anders, als dass er
auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? Der hinabgestiegen ist,
ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, auf dass er alles
erfüllte" (Eph 4,9-10). Die Frage ist nur die: Gehe ich meinen Weg in der
Welt mit Ihm? Sind meine Freuden solche, die ich mit Ihm genießen kann? Wandle
ich mit Ihm in meinem täglichen Leben? Ruhe ich so in Ihm, dass ich durch Ihn aus
meinem Leid herausgehoben werde?
Das Herz, welches auf Christus geworfen ist
und nahe bei Ihm bleibt, findet beständigen Trost und wird durch nichts
befriedigt, das es nicht mit Ihm teilen kann (siehe Ps 23). "Der Herr ist
mein Hirte" können wir im Blick auf alles sagen, was wir täglich nach innen und
außen bedürfen. Lasst uns nicht fürchten, dass die "grünen Auen" und "stillen
Wasser," die wir heute genießen, vielleicht bald für uns zu Ende gehen. O nein,
wie könnte dies sein, wenn Er uns dort "lagert" und zu denselben "leitet"! Aber
wenn wir uns etwa von Seiner Seite verirrt haben und infolgedessen unser Herz
traurig und niedergeschlagen ist - "Er stellt meine Seele wieder her." Er will bei
mir sein und mich trösten im Tale des Todesschattens. Ja, selbst in Feindesland
bereitet Er einen Tisch für mich und reicht mir einen überfließenden Becher. "Du
hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über. Fürwahr, Güte und Huld
werden mir folgen alle Tage meines Lebens; und ich werde wohnen im Hause des
HERRN
auf immerdar." Wie gesegnet ist es, in dieser Weise auf den Herrn zu schauen! Er
ist unsere gegenwärtige und unsere ewige Freude. Die Zeit wird kommen, wo alles,
was uns beschwert, vorüber sein wird, aber unser Freund wird bleiben. Er ist
unser geprüfter und wahrer Freund. Er ist auf die tiefsten Schmerzen unserer
Herzen eingegangen und will uns zu ewigen Teilhabern Seiner Freude machen.
Unsere Segnung, unsere Sicherheit, unsere Hoffnung, alles ist auf das
Sühnungswerk gegründet. Gibt es jemand, der dieses liest, der sich nicht an
Christus freuen kann und Ihn nicht kennt als sein gesegnetes Teil? Sagt jemand:
'Meine Sünde ist zu groß, um vergeben zu werden?' Deine Sünde zu empfinden ist
richtig, aber deswegen verzweifelt zu sein, ist ganz verkehrt. Du sagst dann: 'Meine Sünde ist größer als die Gnade
Gottes'. Wenn du auf Christus blickst,
wirst du nicht solche Worte sprechen. Ist Christus nicht groß genug? Ist die
Gnade kleiner als deine Not oder ist sie größer? Christus ist das Teil jeder
armen Seele, die an Ihn glaubt. Das Sühnungswerk wurde getan.
"Das Blut Jesu
Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde" (1Joh 1,7).
Collected Writings, Band 16, S. 311
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