„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“
Matthäus 7,1-2

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 22.01.2025, aktualisiert: 14.07.2025

Leitverse: Matthäus 7,12

Mt 7,1-2: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Einleitung

Wie müssen wir diese Verse verstehen?

Die Jünger sollten sich vor dem Geist der Kritik bzw. vor dem Richtgeist hüten. Die Sprache des Herrn Jesus ist sehr stark, denn Er sagt: „Mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“

Wenn wir einen kritischen Geist in uns selbst nicht richten, dann wird das unseren Charakter prägen und unser Zeugnis verderben. Deshalb sagt der Herr: „Richtet nicht.“

Aber woran genau denkt der Herr Jesus hier? Zuerst einmal halten wir fest, dass das Wort Gottes es nicht genauer bezeichnet. Das griechische Wort krino für „richten“ könnte man auch übersetzen mit „(be-)urteilen“ oder „ein richterliches Urteil fällen“. Der Kontext macht allerdings deutlich, dass wir das Wort „richten“ hier eingeschränkt verstehen müssen; es geht hier nicht um jede Art von „richten“ oder „beurteilen“, denn einige Verse weiter heißt es, dass wir durchaus „den Splitter aus dem Auge des Bruders herausziehen“ können (Mt 7,5). Dazu ist es aber geradezu notwendig, etwas zu beurteilen. Im Weiteren sollten die Jünger beurteilen, wer die „Hunde“ (Mt 7,6) und die „falschen Propheten“ (Mt 7,15) sind; solche würden sie „an ihren Früchten erkennen“ (Mt 7,20). Dazu gehört ein gutes Unterscheidungs- und Beurteilungsvermögen. Des Weiteren finden wir im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther noch weitere Hinweise, wann und was wir „beurteilen“ sollen: Wir sollen „keinen Umgang haben“ mit einem Bösen, „der Bruder genannt wird“, das heißt, wir sollen ihn bzw. sein Tun gleichsam „richten“ (1Kor 5,11-12; krino). Auch die Lehre des Apostels (1Kor 10,15; krino) und die Weissagungen der Propheten sollten sie „beurteilen“ (1Kor 14,29; diakrino).

William Kelly kommentiert zu Matthäus 7,1:

Was meint unser Herr, wenn Er sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“? Er bezieht sich nicht auf das, was offen zutage liegt, sondern auf das Verborgene. Er spricht von dem, was vielleicht da ist, aber nach dem Wunsch Gottes noch nicht vor den Augen seines Volkes enthüllt. Wir sind nicht verantwortlich, das zu richten, von dem wir nichts wissen. Im Gegenteil, wir sollen uns vor dem Geist hüten, der schnell Arges unterstellt.[1]

Richte nicht, wenn du dich nicht zuvor selbst gerichtet hast

Beachten wir den Kontext in Matthäus 7,1: Der Herr fordert uns auf, zuerst den „Balken“ aus unserem eigenen Auge herauszuziehen, bevor wir auch nur daran denken, den „Splitter“ aus dem Auge unseres Bruders zu entfernen. Ja, wir haben das Recht, bei unserem Bruder etwas zu beurteilen, aber erst nachdem wir uns selbst beurteilt haben. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn wir nicht in einem guten geistlichen Zustand sind und selbst nicht gewohnt sind, uns im Licht des Wortes Gottes zu betrachten und uns selbst zu richten, dann gilt uns die Aufforderung: „Richtet nicht.“

Richte nicht, wenn es sich um Fragen des Gewissens handelt

In Römer 14,1-13 finden wir einen weiteren Bereich, wo der Herr Jesus uns auffordert: „Richtet nicht.“ Es geht im Kontext um Dinge in unserem christlichen Leben, die nicht von fundamentaler Bedeutung sind und eher in die Kategorie des persönlichen Gewissens gehören, zum Beispiel das Essen gewisser Speisen oder das Halten spezieller Tage. Manche Dinge sind aus dem Wort Gottes nicht eindeutig zu klären oder sind der persönlichen Entscheidung eines Gläubigen überlassen. In diesem Fall sollten wir uns nicht einmischen und den anderen nicht richten. Natürlich können wir liebevoll miteinander reden und einander auf gewisse Dinge hinweisen, doch „jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ (Röm 14,12). Auch Paulus sprach über diese Dinge und versuchte, dabei zu helfen, dass „ein Schwacher im Glauben“ nicht immer „schwach“ bleiben musste.

Richte nicht, wenn es um die Beweggründe und Motive geht

In 1. Korinther 4,1-5 werden wir aufgefordert, nicht über die Motive, die Beweggründe von Menschen zu „urteilen {od. zu richten}“. Der Apostel Paulus ermahnt die Gläubigen mit sehr deutlichen Worten: „So urteilt {od. richtet} nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird“ (1Kor 4,5). Der Bibellehrer Bruce Anstey kommentiert:

Der Herr ist der Einzige, der den Beweggrund für eine Handlung richtig einschätzen kann, und deshalb muss Ihm die Beurteilung überlassen werden: „Von ihm werden die Handlungen gewogen“ (1Sam 2,3). Wir sollen also die Handlungen beurteilen, nicht aber die Beweggründe.[2]

Richte nicht, wenn das Böse nicht offenbar ist

Jakobus 2,1-4 ermahnt uns, Menschen nicht nach dem äußeren Schein zu beurteilen. Wie oft ertappen wir uns dabei, dass wir Menschen, die wir zum ersten Mal sehen, von oben bis unten gleichsam „scannen“ und in Schubladen stecken. Jakobus bezeichnet uns dann als „Richter[3] mit bösen Gedanken“ (Jak 2,4). Später schreibt er: „Redet nicht gegeneinander, Brüder. Wer gegen seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet gegen das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?“ (Jak 4,11-12).

Ein kritiksüchtiger Geist sucht permanent Dinge, die der andere verkehrt macht. Wie schnell unterstellen wir dem anderen böse Dinge, ohne dass sie offenkundig wären. Es ist nicht unsere Aufgabe, Dinge zu richten oder zu beurteilen, die nicht völlig ans Licht gekommen sind. Gott hält uns nur dafür verantwortlich, Dinge zu beurteilen, die für alle offensichtlich sind. Solange dies nicht der Fall ist, sollten wir uns mit einem Urteil zurückhalten und dem Gebot des Herrn gehorchen: „Richtet nicht.“ Wir sollten uns bewusst machen: Wenn wir „gegeneinander reden“, dann ist das Herabsetzen des anderen oft eine versteckte Form der Selbsterhöhung. Vielmehr sollten wir einander liebevoll auf bestimmte Dinge ansprechen und auch aufeinander achthaben, aber gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass unserem Gegenüber zweifelsfrei klar ist, dass wir nur das Allerbeste für ihn wünschen.

Fazit

Wir haben gesehen, dass man manches Mal auf das Wort des Herrn „Richtet nicht“ zu Unrecht verweist, zum Beispiel in Fällen, wenn die Gläubigen nach dem Wort Gottes böse Dinge bzw. Handlungen, die allen offenbar geworden sind, richten oder beurteilen sollen. Eine falsche Anwendung des Wortes nimmt allerdings nichts von dem warnenden Charakter der Worte Jesu weg. So steht uns nicht zu, ein Urteil über jemand zu fällen, wenn wir selbst nicht bereit sind, uns im Licht Gottes zu betrachten. Außerdem: Sind wir wirklich berechtigt, einen Gläubigen zu beurteilen oder gar zu richten, oder geht es bei dieser bestimmten Sache um eine Frage des Gewissens und ist daher nicht von fundamentaler Bedeutung? Grundsätzlich sollten wir davor zurückschrecken, die Beweggründe und Motive eines Mitgläubigen zu beurteilen. Nicht wir, sondern Gott ist der „Herzenskenner“ (vgl. Apg 15,8). Und wenn (vielleicht sogar böse) Dinge noch nicht vollends offenbar geworden sind, dann wollen wir füreinander beten, einander in Liebe dienen und der Aufforderung des Herrn gehorchen: „Richtet nicht.“

Anmerkungen

[1] W. Kelly, Kommentar zu Matthäus 7,1 in „Kapitel 7“ aus Vorträge zum Matthäusevangelium (Lectures on the Gospel of Matthew, 1868). Quelle: bibelkommentare.de.

[2] B. Anstey, aus „The Danger of a Critical Spirit“ in The Gospel of Matthew – The Divinely Inspired Record of the Jews’ Rejection of Jesus Christ, the Messiah, Hamer Bay: Christian Truth Publishing, 2023: The Lord is the only One who can properly weigh the motive behind an action, and therefore, all such judgment must be left to Him. “By Him actions are weighed” (1Sam 2:3). Hence, we are to judge actions, but not motives.

[3] Übrigens heißt das griechische Wort für „Richter“ krites; damit verwandt ist wohl das Wort kritikos, von dem unser Wort „Kritiker“ stammt.

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