Der Jakobusbrief (2)
Kapitel 2

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 25.04.2021

Der Glaube wird dadurch geprüft, wie wir andere behandeln (V. 1-26)

Ein weiterer Bereich, in dem der Glaube geprüft wird und sich seine Echtheit zeigt, ist im Umgang mit anderen. Jakobus fährt fort, dieses sehr praktische Thema anzusprechen.

Auch das, was wir hier lesen, fand eine besondere Anwendung auf seine jüdischen Brüder, die sich erklärtermaßen zu Christus bekehrt hatten. Das Ansehen einer Person (Parteilichkeit) war unter den Juden eine verbreitete Sache. Der Herr erwähnte dies im Zusammenhang mit einer Hochzeit (Lk 14,7-11) und ebenso bei ihren gemeinsamen Festen (Mt 23,6), aber Er billigte es natürlich nicht.

Die Juden liebten es, soziale und religiöse Abstufungen untereinander vorzunehmen, die darauf basierten, wie reich und einflussreich eine Person war oder nicht war. Einiges davon kam von einer verzerrten Sicht bestimmter alttestamentlicher Schriften, die mit einem regierungsmäßigen Handeln Gottes in Verbindung mit seinem Volk zu tun hatten. In der alten Haushaltung konnte eine Person, deren Verhalten Gott gefiel, damit rechnen, dass ihr der Segen des HERRN in materieller Hinsicht zuteilwurde (5Mo 28,1-14; Spr 3,9.10 usw.). Daraus folgerten sie, dass ein Mann, der materiell reich war, ein guter Mensch sein musste, den Gott anerkannte. Wenn ein Mann arm war und sein Leben voller Schwierigkeiten und Nöte war, musste er Gott gegenüber rebellisch sein (5Mo 28,15-68). Ausgehend von dieser Annahme neigten die Juden also dazu, ihre Brüder zu beurteilen und zu klassifizieren und sie entsprechend zu behandeln. Da Menschen von Natur aus gerne gut angesehen und mit Respekt behandelt werden wollen, gab es in der jüdischen Gesellschaft einen ständigen Drang, sich eines falschen Reichtums und einer falschen Geistlichkeit zu rühmen – was aber nicht unbedingt der Wahrheit entsprach. Das führte zu einem heuchlerischen Leben, wofür die Pharisäer ein Paradebeispiel waren (Lk 12,1).

Das Problem, mit dem Jakobus hier zu tun hatte, war, dass diese jüdischen Bekehrten diese Art von Verhalten guthießen, während sie sich als Christen bekannten. Während das Ansehen einer Person in der alten Haushaltung toleriert worden sein mag, hat es im Christentum sicher keinen Platz. Die Überreste eines jüdischen Denkens und einer jüdischen Lebensweise unter der alten Haushaltung hielten sich offensichtlich bei diesen bekennenden Gläubigen; es waren weitere „Grabtücher“, die sie ablegen mussten.

Die Sünde der Parteilichkeit

Vers 1

Jak 2,1: Meine Brüder, habt den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, des Herrn der Herrlichkeit, nicht mit Ansehen der Person.

Das „Ansehen der Person“ (Parteilichkeit) ist ein unangemessenes Ansehen oder eine Geringschätzung bestimmter Personen aus niederen Beweggründen. Jakobus stellt zu Beginn fest, dass Christen diese Art von Verhalten gegenüber Menschen in der Gesellschaft nicht haben sollten, auch nicht im christlichen Umfeld, denn es ist völlig unvereinbar mit denen, die bekennen, „unseren Herrn Jesus Christus“ als ihren Retter zu kennen. Diese Haltung und Praxis gab es nicht unter den jüdischen Gläubigen in den ersten Tagen des christlichen Zeugnisses, als sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt waren. In Apostelgeschichte 2,44.45 heißt es: „Alle aber, die glaubten, waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Besitztümer und die Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer irgend Bedarf hatte.“ Und weiter heißt es in Apostelgeschichte 4,34.35: „Es war auch keiner unter ihnen bedürftig, denn so viele Besitzer von Feldern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Erlös des Verkauften und legten ihn zu den Füßen der Apostel nieder; es wurde aber jedem ausgeteilt, so wie einer irgend Bedarf hatte.“ Es dauerte jedoch nicht lange, bis einige von ihnen begannen, die anderen zu beschuldigen, dass sie gewisse Personen mehr achteten und andere ausschlossen. In Apostelgeschichte 6,1 heißt es: „In diesen Tagen aber, als die Jünger sich mehrten, entstand ein Murren der Hellenisten (hellenistische Juden) gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.“ Vor diesem Geist müssen wir heute in der Christenheit auf der Hut sein. Er führt zu Missgunst und zerstört die praktische Einheit, die unter den Gläubigen bestehen sollte.

Der materielle Besitz und der soziale Status eines Menschen sind kein Maßstab, um seine Geistlichkeit und Treue im Christentum zu beurteilen. Das liegt daran, dass das Grundprinzip der Jüngerschaft darin besteht, dass wir alles um Christi und des Evangeliums willen aufgeben sollten (Mk 10,21.28-30). Wenn ein Mensch seinen irdischen Besitz für die Sache Christi aufgibt, kann er sehr wohl in eine finanziell bedrückende Situation geraten (2Kor 8,2.3). Auch unter der Verfolgung, der die Christen damals ausgesetzt waren, kann einem Menschen sein irdischer Besitz auf ungerechte Weise weggenommen worden sein (Heb 10,34). Umstände, die sich aus solchen Dingen im Leben eines Menschen entwickeln könnten, sind nicht eine Folge davon, dass er Gott gegenüber untreu oder rebellisch ist, sondern weil er in den Dingen Gottes treu gewesen ist. Daher ist es grob unfair, jemanden im Christentum auf der Grundlage seines materiellen Besitzes oder dessen Fehlen zu beurteilen. Und selbst wenn ein Mitchrist nicht so eng mit dem Herrn wandelt, wie er es könnte und sollte, bedeutet das nicht, dass wir ihn geringschätzig behandeln sollten; wir sollen uns ihm zuneigen und ihn zu einem engeren Wandel mit dem Herrn führen.

Die Bevorzugung kann sich auf viele Arten im Volk des Herrn äußern. Wir können Christen ungewollt danach einordnen, wie wichtig sie unserer Meinung nach für den Leib Christi sind, und sie dann entsprechend behandeln. Der Apostel Paulus lehrte: So wie jedes Glied des menschlichen Leibes von den anderen Gliedern des Leibes gebraucht wird, so sollen auch wir jedes Glied am Leib Christi mit demselben Respekt und derselben Ehre behandeln. Wir brauchen einander – auch wenn eine Person ein scheinbar unbedeutendes Glied im Leib Christi ist (1Kor 12,23.24). An anderer Stelle sagt er, dass „einer den anderen höher achten [soll] als sich selbst“ (Phil 2,3). Eine Frage, die wir uns stellen können, ist: „Beurteilen und bewerten wir Menschen nach ihrem Äußeren oder nach ihrer geistlichen Gesinnung oder nach irgendeinem anderen Kriterium – und behandeln wir sie dann nach unserer Einschätzung?“

Zwei Arten von Besuchern bei einer Zusammenkunft (V. 2-4)

Verse 2-4

Jak 2,2-4: 2 Denn wenn in eure Synagoge ein Mann kommt mit goldenem Ring, in prächtiger Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung herein, 3 ihr seht aber auf den, der die prächtige Kleidung trägt, und sprecht: Setze du dich bequem hierher, und zu dem Armen sprecht ihr: Stelle du dich dorthin, oder setze dich [hier] unter meinen Fußschemel – 4 habt ihr nicht unter euch selbst einen Unterschied gemacht und seid Richter mit bösen Gedanken geworden?

Indem Jakobus dieses Thema der Parteilichkeit anspricht, bringt er ein typisches Szenario zur Sprache. Zwei Männer kommen in eine „Versammlung“ von Christen.[1] Es scheint, dass Jakobus kein volles Verständnis für die Wahrheit der Kirche hatte – die sich später unter dem Dienst des Paulus herausbildete – und deshalb das Wort „Synagoge“ für eine Versammlung von Christen verwendete. Es ist unwahrscheinlich, dass Jakobus versuchte, die Ordnung in einer buchstäblichen jüdischen Synagoge unter der alten mosaischen Haushaltung zu ordnen; Synagogen standen unter der Kontrolle von ungläubigen Juden, die ihm wegen seines Glaubens an den Herrn Jesus Christus niemals zugehört hätten. Dass man einen weltlichen Geist der Parteilichkeit in einer jüdischen Synagoge finden würde, ist nicht überraschend, aber ihn in einer christlichen Versammlung zu finden, war entsetzlich, und das veranlasste Jakobus, dieses Thema anzusprechen.

In seinem theoretischen Beispiel geht es um einen reichen Mann „mit goldenem Ring, in prächtiger Kleidung“ und um einen „armen Mann in unsauberer Kleidung“ (es geht nicht darum, ob diese Männer gerettet sind oder nicht). Dem reichen Mann wird ein Ehrenplatz zugewiesen, aber dem armen Mann wird gesagt, er solle sich an die Wand stellen oder auf den Boden setzen. Dies war ein offensichtlicher Fall von „Ansehen der Person“ (Bevorzugung). So etwas gab es offensichtlich unter Juden im Judentum, aber es sollte unter Christen nicht so sein. Diese Praxis war ein weiteres Beispiel dafür, was die Juden aus ihren alten Tagen in ihrer Religion mit sich herumschleppten und was ausgerottet werden musste.

Warum Parteilichkeit keinen Platz unter Christen hat (V. 5-13)

Jakobus fährt fort, drei Gründe zu nennen, warum das „Ansehen der Person“ (Parteilichkeit) keinen Platz im christlichen Leben hat:

Vers 5-7

Jak 2,5-7: 5 Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die weltlich Armen auserwählt, reich zu sein im Glauben, und zu Erben des Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? 6 Ihr aber habt den Armen verachtet. Unterdrücken euch nicht die Reichen, und ziehen nicht sie euch vor die Gerichte? 7 Lästern nicht sie den guten Namen, der über euch angerufen worden ist?

Parteilichkeit leugnet, was die Gnade in der Erlösung bewirkt hat. Ein solches Verhalten verrät eine Unkenntnis der grundlegenden Wahrheit des Evangeliums. Man fragt sich, ob diejenigen, die eine Vorzugsbehandlung unterstützen, wirklich gerettet sind. Jakobus macht darauf aufmerksam, dass Gott bei der Errettung der Menschen keine Bevorzugungen vornimmt; Er rettet die Reichen und die Armen gleichermaßen. Er hat die „Armen auserwählt, reich zu sein im Glauben“, um „Erben des Reiches“ zu sein. Als Gläubige haben wir alle den gleichen Platz vor Gott. Warum sollten wir dann den einen vor dem anderen bevorzugen, wenn Gott das offensichtlich nicht tut? Wenn Er einen armen Menschen „ausgewählt“ und reich gesegnet hat, sollten wir diesen armen Menschen nicht anders als mit Ehre behandeln. Wenn wir es anders machen, entehren wir einen Menschen, den Gott geehrt hat. Im Grunde genommen ist es eine Verachtung von Gottes Erwählung! Außerdem stellen wir Gott falsch dar, der kein „Ansehen der Person“ kennt (Mt 22,16; Apg 10,34; Röm 2,11; Eph 6,9; Kol 3,25; 1Pet 1,17).

In den Versen 6 und 7 erinnert uns Jakobus an den allgemeinen Charakter der Reichen, wenn nicht die Gnade in ihren Seelen gewirkt hat. Sie „unterdrücken“ oft Gläubige und bringen ungerechte Klagen gegen sie vor. Schlimmer noch, sie „lästern den guten Namen“, mit dem Christen bezeichnet werden. Wenn sie Christen öffentlich herabsetzen und den Herrn lästern, warum sollten wir dann denken, dass wir sie mehr als andere Menschen ehren sollten? Könnte es sein, dass wir von ihnen Gefälligkeiten erwarten?

Verse 8-11

Jak 2,8-11: 8 Wenn ihr wirklich das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, so tut ihr recht. 9 Wenn ihr aber die Person anseht, so begeht ihr Sünde und werdet von dem Gesetz als Übertreter überführt. 10 Denn wer irgend das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden. 11 Denn der gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen“, hat auch gesagt: „Du sollst nicht töten.“ Wenn du nun nicht ehebrichst, aber tötest, so bist du ein Gesetzes-Übertreter geworden.

Parteilichkeit verstößt gegen das königliche Gesetz. Jakobus nennt in der Folge einen zweiten Grund, warum eine Vorzugsbehandlung im Leben eines Gläubigen keinen Platz hat – sie liegt unterhalb des Maßstabes des Gesetzes. Sogar das Gesetz von Mose lehrte höhere Lebensprinzipien als die, in die sie verfallen waren. „Das königliche Gesetz“, von dem Jakobus spricht, ist die zweite Tafel des mosaischen Gesetzes, die die letzten sechs Gebote enthält. Diese Gebote beziehen sich auf die Verantwortung des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen und können mit den Worten zusammengefasst werden: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,39). Beachte: Jakobus sagt nicht, dass der Christ unter dem Gesetz steht, sondern er beruft sich auf das Gesetz, um zu zeigen, dass die moralische Bedeutung des Gesetzes darin bestand, dass der Israelit seinen Nächsten wie sich selbst lieben sollte. Ein „Ansehen der Person“ liegt unter den Maßstäben des Gesetzes und verstößt somit gegen das Gesetz. Alle, die dies taten, wurden „von dem Gesetz als Übertreter überführt“. Daher wurde ein solches Verhalten – auch in der alten Haushaltung – von Gott verurteilt.

Jakobus zeigt auch, dass das Gesetz nicht trennbar ist; es muss als Ganzes genommen werden (Jak 2,10.11). Wenn jemand das ganze Gesetz hält, „aber in einem strauchelt, ist er aller Gebote schuldig geworden“. Diejenigen, die unter dem Gesetz standen, konnten sich nicht aussuchen, welche der Gebote sie halten wollten und welche nicht; das Gesetz steht und fällt zusammen.

Verse 12.13

Jak 2,12.13: 12 So redet und so tut als solche, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht.

Parteilichkeit widerspricht dem Gesetz der Freiheit. Jakobus fährt fort, einen dritten Grund zu nennen, warum eine Vorzugsbehandlung im Christentum keinen Platz hat – sie widerspricht „dem Gesetz der Freiheit“. Die viel höheren Prinzipien des christlichen Lebens, wie sie in diesem Gesetz [der Freiheit] aufgezeigt werden, fordern den Gläubigen auf, alle Menschen in Gnade und Gleichheit zu behandeln. Das ist etwas, was für einen Christen ganz natürlich sein sollte, weil er ein neues Leben hat, das sich daran erfreut, solche Dinge zu tun. Da es Gottes Wille ist, dass wir allen, mit denen wir zu tun haben, Freundlichkeit und Respekt entgegenbringen, und da wir eine neue Natur haben, die genau diese Dinge zu tun wünscht, sollte es keine Last für uns sein, Menschen unvoreingenommen zu behandeln. In der Tat ist es für einen Gläubigen pure Freiheit, sich auf diese Weise auszudrücken, denn das ist das Gesetz der Freiheit.

Da dies der Fall ist, sagt Jakobus: „So redet und so tut als solche.“ Er will damit sagen, dass, wenn wir bekennen, an den Herrn Jesus Christus zu glauben, wir dies auch durch unsere Taten beweisen sollen und die Verantwortung haben, so zu leben, ohne bestimmten Personen gegenüber voreingenommen zu sein. Außerdem macht Jakobus deutlich, dass wir uns durch das Bekenntnis als Christ in eine Position höherer Verantwortung begeben und deshalb „nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden“. Das heißt, es prüft und entlarvt uns als das, was wir wirklich sind. Normales Christsein bedeutet, dass das Gesetz der Freiheit Christen dazu bringt, barmherzig und gnädig gegenüber anderen zu sein. Wenn eine Person allerdings diese Neigung nicht verspürt, offenbart dasselbe Gesetz [der Freiheit], dass sie vielleicht gar nicht dieses neue Leben und diese neue Natur hat. So beurteilt das Gesetz der Freiheit unser Bekenntnis als falsch, und damit wird unsere Errettung in Frage gestellt.

Mehr noch, wenn wir den Herrn Jesus Christus zwar als unseren Erlöser kennen, uns aber weigern, nach dem „Gesetz der Freiheit“ zu handeln, werden wir Gottes Züchtigung in seinen Regierungswegen über uns bringen. Jakobus warnt uns, dass „das Gericht ohne Barmherzigkeit sein wird gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“. Er fügt hinzu: „Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht“ (Jak 2,13). Das bedeutet, dass Gott sich an der Barmherzigkeit erfreut und nicht am Gericht (Mich 7,18). Deshalb sollten wir das auch tun. Wenn wir anderen Barmherzigkeit erweisen, werden wir das Gericht über uns selbst abwenden.

William MacDonald stellt in diesem Zusammenhang einige prüfende Fragen:

Wir sollten uns fragen, wie es bei uns mit diesem wichtigen Thema der Parteilichkeit steht. Erweisen wir Angehörigen der eigenen Volksgruppe mehr Freundlichkeit als Ausländern? Lieben wir die Jungen mehr als die Alten? Kommen wir gutaussehenden Menschen mehr entgegen als denen, deren Äußeres in unseren Augen unansehnlich oder hässlich ist? Ist es uns wichtiger, bekannte Persönlichkeiten kennenzulernen, als die weniger bekannten? Meiden wir Menschen mit körperlichen Gebrechen und suchen nur die Gemeinschaft mit Starken und Gesunden? Ziehen wir die Reichen den Armen vor? Zeigen wir „Fremden“ die kalte Schulter, denen, die unsere Sprache nur mit Akzent sprechen können? Wenn wir diese Fragen beantworten, sollten wir daran denken: So, wie wir mit denjenigen Gläubigen umgehen, die alles andere als liebenswürdig sind, behandeln wir auch unseren Heiland (Mt 25,40).[2]

Die Echtheit des Glaubens wird durch Werke geprüft (V. 14-26)

Das veranlasst Jakobus dazu, von der Notwendigkeit zu sprechen, das Bekenntnis eines Menschen auf die Probe zu stellen. Ganz offensichtlich war eine gemischte Schar von jüdischen Brüdern, denen er schrieb, nur bekennende Christen. Sie hatten ein Bekenntnis abgelegt, an den Herrn Jesus Christus zu glauben, aber in ihrem Leben gab es wenig oder gar keine Beweise dafür. Es ist kein Wunder, dass sie keine Gewissensbisse hatten, wenn sie nach fleischlichen und weltlichen Maßstäben handelten, indem sie um die Gunst der Reichen buhlten und die Armen verachteten.

Im letzten Teil des Kapitels stellt Jakobus eine Reihe von Fragen, die die Echtheit des Glaubens einer Person prüfen sollen. Dreimal sagt er in den Versen 14 bis 18: „Wenn jemand sagt“, und: „Jemand von euch spricht“, und: „Aber es wird jemand sagen.“ Der Punkt hier ist, dass ein Mensch ein Glaubensbekenntnis ablegen und „sagen“ kann, dass er ein Gläubiger ist, aber die Echtheit seiner Aussage muss durch „Werke“ bewiesen werden. Das wird durch die Ausdrücke „zeige mir“ und „sieh/sehe“ (Jak 2,22.24) angedeutet. Wir können den Glauben einer Person nicht sehen, genauso wie wir den Wind nicht sehen können, aber wir können den Beweis für den Wind in den Auswirkungen sehen, die er macht, indem er Dinge hin und her weht. Genauso wird sich echter Glaube in sichtbaren Auswirkungen zeigen.

Verse 14-17

Jak 2,14-17: 14 Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn erretten? 15 Wenn [aber] ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, 16 jemand von euch spricht aber zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige – was nützt es? 17 So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.

Jakobus fragt: „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke?“ Auf die einfachste Weise besteht er darauf, dass „Werke“ im Leben eines Gläubigen gezeigt werden, damit die Echtheit seines Glaubens unter Beweis gestellt wird. Glaube und Werke sollten zusammengehören. Daher ruft er die Gläubigen dazu auf, ihren Glauben in ihrem täglichen Leben zu zeigen. Das theoretische Beispiel, das er verwendet, um seinen Punkt zu betonen, ist das Thema, das wir bereits besprochen haben – das Verhalten gegenüber anderen. Wenn „ein Bruder oder eine Schwester“ Kleidung und Nahrung braucht und wir keine praktische Hilfe anbieten, sondern nur ein paar leere Worte der Ermutigung geben, zeigen wir nicht die Eigenschaften eines Gläubigen. Jakobus fragt: „Kann etwa der Glaube ihn erretten?“ Das heißt: „Kann diese Art von Glaube einen Menschen retten?“ Die Antwort lautet: „Nein!“ Ein solcher Glaube erweist sich als wertlos; er ist nur ein leeres Bekenntnis. Die normale christliche Praxis ist es, nicht nur Höflichkeit, sondern auch Mitleid mit allen zu haben. Im Fall der Person, von der Jakobus spricht, ist es jedoch klar, dass sich der Glaube dieser Person, wenn er getestet wird, als „tot“ erweist (Jak 2,17).

Verse 18-20

Jak2,18-20: 18 Aber es wird jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen. 19 Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern. 20 Willst du aber erkennen, o nichtiger Mensch, dass der Glaube ohne die Werke tot ist?

Jakobus stellt dann diese beiden Arten des Glaubens für uns gegenüber. Er sagt: „Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen.“ Wahrer Glaube ist eine lebendige Sache, die sich in Werken äußert. Diese Art des Glaubens unterscheidet sich von der toten Form des Glaubens, die nur in der Annahme bestimmter Tatsachen über Gott besteht, ohne dass das Herz unter die Kraft dieser Tatsachen gebracht wird. Er sagt: „Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht.“ Wirklicher Glaube ist jedoch mehr als nur eine verstandesmäßige Anerkennung von Fakten über Gott. Um das zu beweisen, sagt er: „Auch die Dämonen glauben“ diese Tatsachen, aber es hat sich für sie nichts geändert; sie „glauben“, aber sie „zittern“ auch. Jakobus kommt daher auf seine frühere Schlussfolgerung zurück und sagt: „Glaube ohne Werke ist tot.“

Das bringt uns zu einer herausfordernden, aber sehr praktischen Frage: „Wenn die Obrigkeit in diesem Land sich gegen die Ausübung des Christentums wenden würde und sie anfangen würde, Christen zu inhaftieren, gäbe es dann in unserem Leben genug Beweise für unseren Glauben?“ Der Herr lehrte, dass es durchaus möglich ist, unsere „Lampe“ (unser persönliches Zeugnis) im „Verborgenen“ zu verstecken, und folglich würde es niemand sehen (Lk 11,33). Der Herr sagte, dass wir unsere Lampe „auf einen Leuchter“ stellen sollten, damit alle sie sehen können. Er sagte: „Ebenso lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Mt 5,16).

Rechtfertigung durch Glauben und Rechtfertigung durch Werke

Jakobus spricht davon, dass ein Mensch „durch Werke gerechtfertigt“ wird und dass „Glaube ohne Werke tot ist“ (Jak 2,20.21). Paulus hingegen spricht davon, dass ein Mensch „durch den Glauben gerechtfertigt“ wird (Röm 5,1). Dies sind keine Widersprüche, sondern vielmehr zwei verschiedene Aspekte der Rechtfertigung. Die Rechtfertigung im Römerbrief (Röm 3–5) unterscheidet sich erheblich von der Rechtfertigung, die in Jakobus 2 gelehrt wird. Im Folgenden sind einige der Hauptunterschiede aufgeführt:

  • Im Römerbrief ist es der Glaube eines Sünders, der nach Erlösung sucht, aber im Jakobusbrief ist es der Glaube eines Gläubigen, der Zeugnis von der Erlösung gibt, die er besitzt.
  • Die Rechtfertigung im Römerbrief geschieht vor Gott und deshalb wird der Glaube betont. Die Rechtfertigung in Jakobus ist vor den Menschen und deshalb werden die Werke betont.
  • Paulus spricht von dem, was vor Gott entscheidend ist, während Jakobus von dem spricht, was vor Menschen bezeugt wird.
  • In dem Moment, in dem eine Person an den Herrn Jesus glaubt, ist sie vor Gott gerechtfertigt – wie Paulus in Römer sagt –, aber diese Person ist nicht vor den Menschen gerechtfertigt, bis sie einen Beweis dafür in ihren Werken zeigt. Daher spricht Paulus von Dingen, die Gott betreffen, und Jakobus spricht von Dingen, die Menschen betreffen.

Jakobus spricht nicht von „Werken“, um gerettet zu werden, sondern von Werken, die aus dem Gerettetsein resultieren. Solche Werke sind nicht die Ursache der Errettung, sondern die Folge der Errettung, die man besitzt. Jakobus sagt auch nicht, dass wir durch Glauben plus Werke gerettet werden; eine solche Sichtweise leugnet das vollbrachte Werk Christi (Joh 19,30). Werke haben keinen Anteil an unserer ewigen Errettung – nicht einmal ein bisschen (Röm 4,4.5; Tit 3,5). Aber die Werke zeigen anderen, dass wir gerettet sind. Da die Menschen unseren Glauben nicht sehen können, muss ihnen ein Beweis dafür gezeigt werden, bevor sie unser Zeugnis als glaubwürdig akzeptieren. Sie haben jedes Recht, einen Beweis von uns zu verlangen, der unseren Glauben an Gott beweist. Daher sind unsere Werke „gut und nützlich für die Menschen“ in einem bezeugenden Sinn (Tit 3,8). Werke rechtfertigen auf diese Weise einen Gläubigen vor seinen Mitmenschen – sie zeigen vor den Menschen, dass wir vor Gott wirklich gerecht sind.

Abraham und Rahab (V. 21-26)

Verse 21-25

Jak 2,21-25: 21 Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Werken gerechtfertigt worden, da er Isaak, seinen Sohn, auf dem Altar opferte? 22 Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammen wirkte und dass der Glaube durch die Werke vollendet wurde. 23 Und die Schrift wurde erfüllt, die sagt: „Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“, und er wurde Freund Gottes genannt. 24 Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. 25 Ist aber ebenso nicht auch Rahab, die Hure, aus Werken gerechtfertigt worden, da sie die Boten aufnahm und auf einem anderen Weg hinausließ?

Was Jakobus mit seinem Argument sagen will, ist, dass Glaube und Werke zusammengehören – sie sind untrennbar. Wenn eine Person wirklich Glauben hat, dann wird es in ihrem Leben einen Beweis dafür geben. Er führt zwei Personen aus dem Alten Testament an, die die Art von Werken illustrieren, die aus wahrem Glauben hervorgehen. Die eine ist „Abraham“, der Vater des jüdischen Volkes, und die andere ist „Rahab“, eine verachtete Heidin. Beide bewiesen die Echtheit ihres Glaubens durch ihre Werke und wurden von Gott gesegnet.

Abraham wurde „durch den Glauben gerechtfertigt“ (1Mo 15), als er Gott glaubte (Röm 4,2.3), aber er wurde auch „durch Werke gerechtfertigt“ (1Mo 22), als er seinen Sohn auf dem Altar opfern wollte (Heb 11,17). Sein Glaube wurde ihm „zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Röm 4,2.3), aber seine Werke wiesen ihn als „Freund Gottes“ aus (Jak 2,23; vgl. 2Chr 20,7). Ebenso handelte Rahab im „Glauben“ (Heb 11,31), aber sie brachte auch „Werke“ hervor, indem sie „die Boten aufnahm und auf einem anderen Weg hinausließ“ (Jak 2,25). Das lehrt uns, dass Glaube und Werke zusammengehören müssen. Wenn wir den Glauben aus dem Bild nehmen, könnte man Abraham als (versuchten) Mörder und Rahab als Verräterin bezeichnen.

Es ist bemerkenswert, dass Jakobus darauf achtet, keine Liste von äußerlichen Dingen zu geben, die als „Werke“ bezeichnet werden könnten, die eine Person auf eine oberflächliche Weise tun könnte. Er listet keine Dinge auf wie: Spenden an Wohltätigkeitsorganisationen, Hilfe für Kranke, Besuch von Bibeltreffen usw. Ein bloß bekennender Gläubiger könnte diese Dinge tun und trotzdem weit von Gott entfernt sein. Stattdessen weist Jakobus auf Werke eines moralischen Charakters hin, die aus dem Inneren der Seele kommen, die im Glauben lebt. Zwei herausragende Werke, die die Echtheit von Abrahams und Rahabs Glauben kennzeichneten, waren:

  • Abraham zeigte Gehorsam gegenüber Gott (Jak 2,20-24).
  • Rahab offenbarte Liebe für das Volk Gottes (Jak 2,25.26).

Das sind vielleicht die beiden größten „Werke“ des Glaubens, die ein Mensch tun kann, die zeigen würden, dass er oder sie wirklich gerettet ist. Glaube, Hoffnung und Liebe sind Dinge, die mit den „mit der Errettung verbundenen Dingen“ einhergehen (Heb 6,9-12). Abrahams Gehorsam war so groß, dass er bereit war, den Gegenstand seiner Liebe loszulassen – seinen Sohn, auf den er so lange gewartet hatte. Rahabs Liebe zum Volk Gottes war so groß, dass sie bereit war, ihr Leben zu riskieren, um ihnen zu helfen. Sie bewies die Echtheit ihres Glaubens, indem sie bereit war, ihre früheren Verbindungen zu ihrem Volk abzubrechen und sich mit Gottes Volk zu identifizieren. Sie kehrte der Welt, von der sie einst ein Teil war, den Rücken und legte ihr Los in die Hände des Volkes des Herrn.

Wenn wir die Prinzipien von Jakobus’ Argumentation darauf anwenden, wie wir Menschen behandeln, die in unsere Zusammenkünfte kommen, können wir etwas von Abraham und Rahab lernen. Von Abraham lernen wir, dass wir Gott den Vorrang vor jeglichen Personen geben müssen, die wir von Natur aus bevorzugen würden. Von Rahab lernen wir, dass wir Menschen herzlich empfangen und ihnen mit echter Liebe und Fürsorge helfen sollen.

Vers 26

Jak 2,26: Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne [die] Werke tot.

Jakobus schließt seine Ausführungen über den Glauben, der durch Werke bewiesen wird, indem er wiederholt, was er zuvor in den Versen 17 und 20 gesagt hat: „Glaube ohne Werke ist tot.“ So wie „der Leib ohne Geist tot ist“ – so müssen auch diese beiden Dinge zusammengehen.


Übersetzt aus The Epistle of James

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] „Versammlung“ ist Übersetzung von Bruder William Kelly. Das Wort bedeutet wörtlich „eine Versammlung von Menschen“ und gibt nicht an, ob es sich um eine jüdische oder eine christliche Versammlung handelt. J.N. Darby übersetzt das Wort mit „Synagoge“, aber er bemerkt in seiner Auslegung, dass Jakobus die Versammlung so beschreibt, weil sein Geist noch sehr von den jüdischen Denkgewohnheiten geprägt war; siehe Collected Writings, Bd. 28, S. 121.

[2] W. MacDonald, Anmerkung zu Jakobus 2,13 in Kommentar zum Neuen Testament, Bielefeld (CLV) 72018, S. 1282.

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