Buchvorstellung: Modernes Pharisäertum
Ein Buch von Philip Svetlik

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 01.12.2025, aktualisiert: 01.12.2025

Philip Svetlik 
Modernes Pharisäertum
Vom frommen Schein zu dem, was wirklich zählt 
Hmaidan.media
160 Seiten, Hardcover 
9,90 Euro
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Wer beim Lesen dieses Buches an andere denkt, sollte es ein zweites Mal lesen.

Philip Svetlik schreibt auf 160 Seiten sehr erfrischend und kurzweilig. Sein Buch richtet sich an jeden, der es mit seinem Glauben ernst meint. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Eine absolute Leseempfehlung! Manches tut weh – ist aber hoffentlich heilsam.

Ich möchte jedes der sieben Kapitel kurz anteasern, um einen kleinen Vorgeschmack zu geben.[1] 

Kapitel 1 | Wenn Hingabe entgleist: Vom guten Start zum harten Herzen 

Wer waren die Pharisäer und wie wurden sie zu dem, was der Herr Jesus so scharf kritisierte? Bruder Svetlik schreibt auf den Seiten 14 und 18 von einem guten Start der Pharisäer:

„Zurück zur Heiligen Schrift!“ – das war der pharisäische Schlachtruf. Ihr Herzschlag. Ihre Mission.

Sie wollten das Wort Gottes nicht nur studieren – sie wollten es leben, anwenden, verwirklichen. Also nicht nur Theorie, sondern Praxis. Nicht lauwarm, sondern mit konsequentem Gehorsam.

Ein displiziniertes Leben. Gewissenhafte Trennung von der Welt. Persönliche Heiligung. Ein reiner Gottesdienst. Evangelistischer Eifer. Die Parallelen zwischen den Pharisäern zur Zeit Jesu und konservativen evangelikalen Christen von heute sind wirklich erstaunlich auffällig. 

Doch dann nahm die dramatische Geschichte der Pharisäer ihren Lauf (S. 19):

Ein guter Start – ein trauriges Ende. Im Geist begonnen – im Fleisch vollendet. So oder so ähnlich könnte man die Entwicklung der Pharisäer beschreiben.

Was als geistliche Erneuerung begann, wurde mit der Zeit zu einem System religiöser Kontrolle. Sie wollten das Richtige – doch sie verloren das Wichtigste: das Herz. Sie strebten nach Reinheit und übersahen dabei, wie der Stolz in ihnen immer mehr zunahm. Sie hielten die Form, aber verloren die Beziehung. […] 

Die Linie zwischen geistlicher Entschiedenheit und geistlichem Stolz ist manchmal dünner, als wir denken. […]

Das macht die Geschichte der Pharisäer so aktuell. Denn sie erinnert uns: Auch wir können gut starten und dennoch geistlich entgleisen, wenn das Herz nicht mehr mitgeht.

Kapitel 2 | Absonderung – göttlicher Auftrag oder menschliches Rückzugsprogramm?

In diesem Kapitel schreibt Svetlik wohltuend ausgewogen über den biblischen Auftrag der Absonderung, die aber nicht als menschliches Rückzugsprogramm enden darf. Ernst wird es, wenn er darüber schreibt, was passiert, wenn wir über das biblische Maß der Absonderung hinausgehen (S. 28–31):

Auf einmal taucht dieser Jesus von Nazareth auf und stellt das pharisäische System auf den Kopf. Und plötzlich gerät alles ins Wanken. […]

Er redet mit Samaritern. Er isst mit Zöllnern. Er begnadigt Prostituierte. Er berührt Aussätzige.

Kein Sicherheitsabstand.
Keine Berührungsängste.
Kein heiliger Sperrbezirk.

Das passte den Pharisäern ganz und gar nicht. Denn ihre Absonderung war längst nicht mehr biblisch – sondern elitär. Nicht mehr Ausdruck der Heiligkeit – sondern der Selbsterhöhung.

Wer nicht in ihr Raster passte, wurde aussortiert. Wer anders dachte, war verdächtig. Wer sich nicht ihrem System unterordnete, kam auf die Abschussliste. Kritik war ihr Hobby – Empathie eher nicht.

Kein Wunder, dass sie am Ende fast nur noch um sich selbst kreisten. Um ihre Regeln, ihre Reinheit und ihre Richtigkeit. […]

Und wenn das Wissen dann auch noch meint, die Wahrheit gepachtet zu haben, dann steht am Ende ein Glaube ohne Herz. Und das – ist brandgefährlich. […]

Man will das Böse meiden – und meidet plötzlich alle, die nicht in allen Lehrfragen genauso denken wie man selbst. So schnell wird gesunde Absonderung zu geistlicher Isolation. So schnell wird ein gutes Prinzip zur unbarmherzigen Praxis.

Kapitel 3 | Die Pharisäerfalle – Wenn der Zaun heiliger wird als der Garten 

In diesem Kapitel geht es um die Pharisäerfalle, dass am Ende „der Zaun heiliger wird als der Garten“. Gemeint ist, dass eigene Regeln über das Wort Gottes gestellt werden. So schreibt Svetlik auf Seite 38:

Die Bibel ist kein Menschenwort mit göttlichem Touch – sie ist Gottes Wort mit durchschlagender Autorität. Und genau deshalb ist sie kein Vorschlag, sondern Maßstab. Kein netter Impuls, sondern das Fundament unseres Glaubens. Wir sollen uns ihr nicht nur nähern – sondern unterstellen.

Gefährlich wird es, wenn wir anfangen, Gottes Wort mit unseren Regeln zu „ergänzen“. Wenn wir menschliche Gebote danebenstellen und sie so behandeln, als wären sie göttlich autorisiert.

Und zack: Schon steht unser Regelkatalog neben der Bibel – oder schlimmer: sogar noch drüber. Das ist nichts Neues. Die Pharisäer haben es vorgemacht – und Jesus hat sie dafür scharf kritisiert.

Sie wollten Gottes Gebote schützen – und haben sie dabei immer mehr entstellt.

Kapitel 4 | Am Ziel vorbei – mit bester Absicht. Prioritäten, die ins Leere laufen

In diesem Kapitel geht es darum, unfassbar viel zu wissen, aber nicht in der Lage zu sein, zwischen Wichtigem und noch Wichtigerem zu unterscheiden. Auf Seite 65 und 66 schreibt Svetlik:

Man kann Bibelwissen haben wie ein Lexikon – und trotzdem blind sein für das, was Gott wirklich will.

Die Pharisäer sind der beste Beweis. Sie kannten das Gesetz quasi auswendig. Sie konnten das Alte Testament vorwärts, rückwärts und im Schlaf zitieren. Ihre Köpfe waren voll mit der Schrift – aber ihre Herzen wurden hart wie Stein.

Natürlich: Bibelstudium ist gut. Unbedingt notwendig. Aber wenn wir die Bibel nur mit dem Kopf lesen, dann passiert das, was Paulus den Korinthern schreibt: „Die Erkenntnis bläht auf“ (1Kor 8,1). Dann kriegen wir einen dicken Kopf – aber kein weiches Herz. Dann wird Bibelwissen zum Treibstoff für Stolz. Dann fängt man an, von oben herab auf Geschwister zu schauen, die vielleicht weniger wissen, eventuell manches falsch verstehen – aber mehr lieben. Wie oft ist mir das schon passiert!

Kapitel 5 | Ein krankes Herz – Mehr Schein als Sein?

In diesem Kapitel geht es um das Herz und die Motivation, mit der wir Dinge tun oder nicht tun (S. 88–89):

Sie [die Pharisäer] hatten mehr Schein als Sein. Eine äußere Fassade ohne innere Realität. Fromme Worte, aber ein krankes Herz – weit von Gott entfernt. […]

Im Glaubensleben zählt nicht nur, was wir tun – sondern viel mehr noch, warum. Das Herz hinter der Tat. Der Antrieb. Die Motivation.

Paulus bringt es in 1. Korinther 13 auf den Punkt: Du kannst dein Vermögen verschenken, dein Leben riskieren, als Märtyrer sterben – wenn es nicht aus Liebe geschieht, bringt es nichts. Null. Ohne Liebe ist selbst die größte Heldentat in Gottes Augen wertlos.

Das heißt: Man kann das vermeintlich Richtige tun – und trotzdem am Ziel vorbeischießen.

Bitterernst. Genau das ist den Pharisäern passiert: Sie spendeten. Sie beteten. Sie fasteten. Rein äußerlich – alles top. Aber ihr „Warum“? Falsch verdrahtet. Nicht Gottes Ehre, sondern Selbstprofilierung.

Gott sieht nicht nur die Tat – Er scannt das Herz. Deshalb ist für uns der Herz-Check wichtiger als die To-do-Liste.

Natürlich kann man auch mit einer guten Motivation auf einem Holzweg unterwegs sein. Nur wenn Gottes Wort unser Kompass ist und Sein Wille unser Führer, gehen wir auch in die richtige Richtung.

Kapitel 6 | Gefangen im Traditionalismus?

Wann werden Traditionen gefährlich? Darum geht es in Kapitel 6.  Philip Svetlik leitet die Frage wie folgt ein (S. 106):

Manchmal schleicht es sich ganz leise ein. Nicht durch eine große theologische Debatte. Sondern durch Gewohnheit. Durch das alte Totschlag-Argument: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Plötzlich ist nicht mehr die Bibel unser Maßstab – sondern die Tradition der Gemeinde. Nicht mehr Gottes Wort entscheidet – sondern die „heiligen“ Abläufe. Und wehe, jemand rüttelt daran. Dann wird’s brenzlig.

Warum? Weil Tradition sicher ist. Vertraut.
Man muss nichts hinterfragen.
Man muss sich nicht ändern.
Und schon gar nicht prüfen lassen.

Aber genau da liegt die Gefahr: Kann es sein, dass wir manchmal Tradition mit Wahrheit verwechseln? Halten wir an Formen fest – nur weil sie alt sind – und merken gar nicht, dass der Inhalt vielleicht im Lauf der Zeit verloren gegangen ist?

Die Pharisäer hatten diese „Kunst“ zur Meisterklasse gebracht. Sie hielten menschliche Überlieferungen für so verbindlich wie Gottes Gebote. Und wer nicht in ihr Schema passte, galt als geistlich defizitär.

Kapitel 7 | Befreiung von Pharisäertum

Im siebten Kapitel zeigt Philip Svetlik anhand des Beispiels von Nikodemus auf, wie es Befreiung vom Pharisäertum im eigenen Herzen geben kann. Er schreibt auf Seite 129:

Nikodemus – „Der Lehrer Israels“, hoch angesehen, top vernetzt – und trotzdem geistlich im Dunkeln unterwegs. Wortwörtlich: Er kommt bei Nacht zu Jesus. Nicht, weil er Nachtspaziergänge liebt, sondern weil Menschenfurcht ein mächtiger Gegner ist.

Rufverlust? Bloß nicht. Anerkennung verlieren? Um keinen Preis.

Und genau da fängt Pharisäertum an: Wenn der eigene Ruf wichtiger ist als die Wahrheit. Wenn wir mehr darüber nachdenken, was andere sagen, als darüber, was Gott denkt. Wenn wir schweigen, weil uns folgende Frage die Schweißperlen auf die Stirn treibt: Mit welchen Konsequenzen muss ich rechnen, wenn ich wirklich sage, wovon ich überzeugt bin – und auch danach lebe?

Doch Nikodemus macht den ersten Schritt: Er sucht Jesus. Im Schutz der Dunkelheit, ja – aber er geht.

Das ist immer der Anfang von Freiheit: sich aufmachen. Fragen stellen. Ehrlich prüfen, ob das eigene Leben und die eigene Gemeinde wirklich biblisch unterwegs sind.

Nicht mit einem Kritikgeist, sondern mit einem suchenden Herzen. So wie die Beröer: Alles prüfen – selbst die Worte eines Paulus (s. Apg 17,11) – und das Gute festhalten.

Geistlicher Missbrauch – Symptome und Schutzmaßnahmen 

In einem letzten Teil geht Philip Svetlik noch auf das Thema „Geistlicher Missbrauch“ ein, da dieses Thema häufig eng mit Pharisäertum verknüpft ist.

Ich wünsche diesem herausfordernden Buch eine weite Verbreitung und jedem, der es liest, ein offenes Herz und den Mut, in den Spiegel zu schauen.

Anmerkungen

[1] Anm. von SI: Hervorhebungen (fett und kursiv) im Original.

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