Die Hexe von Endor: Totenbeschwörung und anderes Unheimliches
Gedanken zu 1. Samuel 28

Hans-Robert Klenke

© H.-R. Klenke, online seit: 31.05.2012, aktualisiert: 06.12.2017

Leitverse: Jesaja 8,19.20

Jes 8,19.20: Und wenn sie zu euch sprechen werden: Befragt die Totenbeschwörer und die Wahrsager, die flüstern und murmeln, so sprecht: Soll ein Volk nicht seinen Gott befragen? Soll es für die Lebenden die Toten befragen? Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Wort sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte.

Saul

Zum Zeitpunkt des Geschehens in 1. Samuel 28 war Saul bereits von Gott verworfen. „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe, denn er hat sich hinter mir abgewandt und hat meine Worte nicht erfüllt“ (1Sam 15,11). Saul hatte Amalek besiegt; das Volk hatte aber entgegen der Anweisung Gottes von der Beute genommen, angeblich um in Gilgal zu opfern. Gottes Antwort erfahren wir dann: „Siehe, Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder“ (1Sam 15,22b). Und wenige Verse später wird uns die wahre Gesinnung Sauls mitgeteilt: „Ich habe gesündigt! Nun ehre mich doch vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel“ (1Sam 15,30a). Die wahre Motivation Sauls für sein Bekenntnis „Ich habe gesündigt“ war also nicht echte Reue vor Gott, sondern dass seine Position vor den Ältesten und vor seinem Volk wieder gestärkt wurde. Er bekennt nicht, dass seine frühere Behauptung, er habe „das Wort des HERRN erfüllt“ (1Sam 15,13b), eine glatte Lüge war; und er ist sich auch nicht darüber im Klaren, dass er auch für das Handeln seines Volkes als ihr König verantwortlich ist. Heute würde man sagen: Der Minister hat seine Leute nicht im Griff, deshalb muss er zurücktreten.

In Kapitel 28 erfahren wir zunächst, dass Saul „die Totenbeschwörer und die Wahrsager aus dem Land weggeschafft“ hatte (1Sam 28,3b). Zu welcher Zeit dies geschehen ist, ob noch zu einer Zeit, als ihm das Königtum noch nicht entzogen war oder erst später, wird uns meines Wissens nicht berichtet. Es muss Saul klar gewesen sein, dass er auch in dieser Sache dem Gesetz (3Mo 19,31; 20,6) nicht vollkommen entsprochen hatte, denn wie sonst konnte er auf die Idee kommen, eine Totenbeschwörerin zu suchen, die es ja eigentlich im Lande nicht mehr geben konnte.

Saul unternimmt den verzweifelten Versuch, den Herrn zu befragen (1Sam 28,6), aber er erhält wegen seiner Untreue keine Antwort. Anstatt nun das gerechte Gottesurteil zu akzeptieren – die Philister wurden von Gott benutzt, um Israel zu züchtigen –, versucht er, sich mit okkulter Praxis gegen Gottes Zucht zu wehren. Und er macht der Frau noch das falsche Versprechen (er schwört bei Gott), dass sie nichts zu befürchten habe (1Sam 28,10).

Samuels Erscheinen

Samuels Geist wurde aus dem des Leibes entkleideten Zwischenzustand heraufgebracht. Doch geschah dies durch Gott, nicht durch das Medium (Ungers großes Bibelhandbuch, S. 153). 

Die Aussage der Frau stützt diese These: „Ich sehe einen Gott aus der Erde heraufsteigen“ (1Sam 28,13b), ebenso ihre Furcht („da schrie sie mit lauter Stimme“; 1Sam 28,12). Gott lässt Samuel heraufkommen, um Saul noch einmal seine Verwerfung mitzuteilen – und sein baldiges Ende (1Sam 28,17b.19).

Die Geschichte der Hexe von Endor ist sehr umstritten. Wir entnehmen aber eines mit Sicherheit: Saul hat sich bei dieser Spiritistin das Todesurteil geholt (Kurt E. Koch, Seelsorge und Okkultismus, S. 239). 

Dasselbe geschieht König Ahasja, der in seiner Krankheit Boten nach Ekron sendet, um Baal-Sebub (den Gott von Ekron) zu befragen. Auch er handelt sich damit sein Todesurteil ein (2Kön 1,3.4). Samuels Vorhersage aus jener „Geistererscheinung“ wird also buchstäblich und termingenau erfüllt: „Und so starb Saul wegen seiner Treulosigkeit, die er gegen den HERRN begangen hatte, bezüglich des Wortes des HERRN, das er nicht gehalten hatte, und auch weil er eine Totenbeschwörerin aufsuchte, um sie zu befragen; aber den HERRN befragte er nicht. Darum tötete er ihn und wandte das Königtum David, dem Sohn Isais, zu“ (1Chr 10,13.14). Hier erfahren wir sogar, dass die Befragung des Herrn (1Sam 28,6) nicht echt gewesen sein kann.

Die Frau

Es stellt sich die Frage, ob die Frau wirklich die Macht hatte, Samuel (oder andere Gestorbene) aus den Toten „heraufzubringen“. Dazu schreibt Scofield in der sogenannten Scofield-Bibel in der Anmerkung zu 1. Samuel 28

Die Bibel gibt strenge Anweisungen gegen jedes Eindringen in das Reich der Geister (3Mo 19,31; 20,6.7; 5Mo 18,10-12). Menschen, die behaupten, dass sie Umgang mit Geistern haben, sind Betrüger, aber gewiss gibt es auch echte Fälle. Gott ist gegen jede Form des Spiritismus, ob betrügerisch oder echt (1Chr 10,13.14). Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Frau die Verbindung mit einem Dämon erwartete (der sich verstellen würde, als wäre er Samuel, 1Sam 28,11), aber zu ihrem Erstaunen und Schrecken (1Sam 28,12) erlaubte Gott, dass Samuel ihr wirklich erschien und dass er Saul eine Botschaft des Gerichts gab. Der Text sagt deutlich, dass es wirklich Samuel war (1Sam 28,15.16.20). Kein Vertreter Satans hätte eine Botschaft geben können, die so klar vom Herrn kam wie Vers 17. Der Abschnitt sagt nicht, dass die Frau etwa Samuel von den Toten „heraufbrachte“. Das Ereignis unterstützt keineswegs die falsche Behauptung der Spiritisten, dass sie mit den Toten reden können. Die Medien haben keinen Zugang zu den Toten, sondern sie verkehren mit Geistern (vgl. Eph 6,12b), die sich ausgeben, als wären sie Personen, die gestorben sind; darum werden diese Geister Lügengeister genannt (1Kön 22,21).

Israels Untreue

Israel war immer wieder von seinem Gott, der es aus Ägypten herausgeführt hatte, abgewichen. In Ägypten hatten sie alle dämonischen, magisch-mantischen Praktiken kennengelernt. Dort wie auch in der übrigen heidnischen Umwelt des Volkes spielte der Namenkultus eine große Rolle (Walther Eichrodt, Theologie des AT). Wer den oder einen Gottesnamen kannte, besaß Macht über das einfache Volk und hatte Zauberkräfte. Im Gegensatz dazu findet man im AT kein Beispiel für den Gebrauch des Gottesnamens Jahve zu okkulten Zwecken.

Wenn das Volk gegen Moses murrt: „Warum doch hast du uns aus Ägypten heraufgeführt, um mich und meine Kinder und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen?“ (2Mo 17,3), dann scheint es vordergründig nur um das fehlende Wasser zu gehen; dahinter aber steht die Überzeugung, dass sie mit den spiritistischen Praktiken Ägyptens besser gefahren sind. Und dem Murren folgt die Tat, als Mose verzieht, vom Berg Sinai herabzukommen: „Und Aaron nahm es [das Gold] aus ihrer Hand und bildete es mit einem Meißel und machte ein gegossenes Kalb daraus“ (2Mo 32,4). Diese zwiespältige Haltung gegenüber ihrem Erretter haben die Israeliten nie aufgegeben. Immer wieder haben sie den Aberglauben der umliegenden Heiden angenommen und ihn mit den von Gott gegebenen Geboten vermischt, so dass Jesaja klagt: „Habe ich es dich nicht seit langem hören lassen und dir verkündet? Und ihr seid meine Zeugen. Gibt es einen Gott außer mir? Und es gibt keinen Fels, ich weiß keinen. Die Bildner geschnitzter Bilder sind allesamt nichtig, und ihre Lieblinge nützen nichts“ (Jes 44,8.9).

Gefahren in heutiger Zeit

Auch heute noch gilt die klar gefasste Formulierung: 

Der Spiritismus stellt eine geistige Bewegung dar, begründet auf der Überzeugung, dass die Menschen über bestimmte Personen, die „Medien“, mit den Verstorbenen in Verbindung treten und so Offenbarungen aus dem Jenseits erhalten können (Rudolf Tischner, Ergebnisse okkulter Forschung). 

Kurt E. Koch nennt das Beispiel einer bewährten, siebzigjährigen Christin, die durch die Totenerscheinung (mit Hilfe eines Mediums) ihres verstorbenen Mannes in Schwermut und Selbstmordgedanken verfiel. Auch diese Frau hatte – wie einst Saul – zunächst erfolglos darum gebetet, zu erfahren, wie es ihrem ungläubig verstorbenen Mann erginge.

Natürlich kann man in einer ausweglos scheinenden Situation (z.B. Krankheit) in Versuchung kommen, einen solch fragwürdigen Weg zu beschreiten. Und was viel schlimmer ist: Die Tatsache, dass derartige spiritistische Praktiken zuweilen helfen, scheint darauf hinzuweisen, dass es sich um eine gute Sache handelt. „Und Gutes kann nur Gott wirken.“ Viele (nicht alle) sogenannten „Glaubensheilungen“ in der heutigen Zeit beruhen entweder auf Betrug oder aber auf spiritistischer Praxis. Wenn man sogenannte „Fernsehevangelisationen“ in den USA sieht, bei denen durch emphatischen Gesang geradezu beschwörend Heilungen telegen vollzogen werden, dann muss man ganz ernsthaft die Frage stellen, ob das von Gott ist oder aus einer anderen Quelle stammt. Der evangelische Theologe Thielicke schreibt dazu: 

Satan hat die Leidenschaft und die Sachkenntnis eines Renegaten, deshalb tut er Wunder wie Christus selber. In allem, was er tut und wie er es tut, ist er der Affe Gottes (Helmut Thielicke, Fragen des Christentums an die moderne Welt, S. 191).

Wir können aus der Tatsache, dass eine Methode hilft, also nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass sie deshalb unbedingt von Gott sein muss. Es sollte uns das Prinzip geläufig sein, das Johannes uns schildert: „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1Joh 4,1).

Leider ist es auch so, dass Menschen ohne ihr Wissen oder eigenes Zutun unter okkulten Einfluss geraten können. Kurt E. Koch schildert einen Fall, wo ein Kind wegen einer Hauterkrankung mit Erfolg „besprochen“ wurde. Fast zwanzig Jahre später hört dieses Kind als junge Frau das Evangelium und will sich bekehren. Aber trotz ihres intensiven Gebets und trotz der Gebete vieler Gläubiger gelingt dies nicht; sie bekommt keine Heilsgewissheit. Erst nach langen Recherchen eines Seelsorgers wird der Grund erkannt: Sie ist okkult belastet. Gezielt wird deswegen weitergebetet; sie findet Frieden im Herrn und – ihre Hauterkrankung kehrt zurück (und wird später mit normalen medizinischen Mitteln geheilt).

Das erste Gebot

Wenn wir uns die Zehn Gebote ansehen, dann fällt uns zunächst auf, dass nichts gegen Wahrsagerei, Zeichendeutung und Magie gesagt wird. Erst viel später wird die Verbindung zum ersten Gebot deutlich: „Ihr sollt euch nicht zu den Totenbeschwörern und zu den Wahrsagern wenden; ihr sollt sie nicht aufsuchen, euch durch sie zu verunreinigen. Ich bin der HERR, euer Gott“ (3Mo 19,31). In dieser Stelle wird deutlich, worum es eigentlich geht. 

Alle magisch-mantischen Praktiken des A.T. werden von der Situation des ersten Gebots aus verstanden. Der Israelit hat es in erster Linie nicht mit den Aschera-Bildern, den Spukgeistern oder gar mit Dämonen zu tun, sondern er ist mit dem heidnischen Brauchtum vor die Schranke seines Gottes gerufen. Er muss sich entscheiden, ob Jahve sein Herr ist oder nicht. Er muss sich mit der Wirklichkeit Gottes auseinandersetzen und nicht mit der Existenz von Geistern und Dämonen. Die Magie des A.T. ist daher keine Dämonenfrage, sondern eine Gottesfrage (Kurt E. Koch, Seelsorge und Okkultismus, S. 240).

Zum neutestamentlichen Aspekt des Dämonischen schreibt Karl Heim: 

Die Beseitigung der Verwirrung, die durch die satanische Empörung (gegen Gott) angerichtet worden ist, ist also der letzte Sinn der Sendung Jesu auf Erden. Hätte diese satanische Revolution gegen Gott nicht stattgefunden, so wäre die Sendung Christi auf die Erde nicht erfolgt (Karl Heim, Jesus, der Weltvollender, S. 84).

Gestützt wird diese These durch Paulus’ Aussage: „Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (1Kor 15,25)

Propheten – falsche Propheten

Die Propheten heißen so, weil sie prophezeiten oder weissagten (beides bedeutet dasselbe). Was ist weissagen? Die allgemeinste und immer zutreffende Definition von Weissagen ist: Verborgenes aufdecken. Das erste Mal, wo Gott einen Propheten an sein abtrünniges Volk sendet, macht das deutlich: „Und es geschah, als die Kinder Israel wegen Midians zu dem Herrn schrien, da sandte der Herr einen Propheten zu den Kindern Israel; und er sprach zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt aus dem Hause der Knechtschaft; und ich habe euch errettet aus der Hand der Ägypter und aus der Hand all eurer Bedrücker, und ich habe sie vor euch vertrieben und euch ihr Land gegeben. Und ich sprach zu euch: Ich bin der Herr, euer Gott, ihr sollt nicht die Götter der Amoriter fürchten, in deren Land ihr wohnt. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht (Ri 6,7-10)“ (Zitat Benedikt Peters; Vortrag vom 15.2.2006).

Aber immer wieder treten falsche Propheten auf: „Nichtiges und Ungereimtes haben deine Propheten dir geschaut, und sie deckten deine Ungerechtigkeit nicht auf“ (Klgl 2,14). „Seine Häupter richten für Geschenke, und seine Priester lehren für Lohn, und seine Propheten wahrsagen für Geld; und sie stützen sich auf den HERRN und sagen: Ist nicht der HERR in unserer Mitte?“ (Mich 3,11).

Im NT finden wir eine adäquate Definition von Weissagung (Prophetie): „Wenn aber alle weissagen, und irgend ein Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar [aufgedeckt], und so, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist“ (1Kor 14,24.25). Und weiter: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen. Wenn aber einem anderen … eine Offenbarung zuteilwird, so schweige der erste“ (1Kor 14,29.30). Aber auch im NT wird vor falschen Propheten (1Joh 4,1) gewarnt ebenso wie vor „geistlichen Mächten der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12b).

Schlussbemerkung

Sowohl in der Zeit des alten Bundes als auch in der Gnadenzeit haben die Gläubigen es mit der Gefahr von Dämonie, Götzentum, okkulten Gebräuchen und falschen Propheten zu tun. Und was das Allerschlimmste ist: Satan, dem Diabolos (Durcheinanderwürfler), gelingt es immer wieder, Gut und Böse zu vermischen: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die Finsternis zu Licht machen und Licht zu Finsternis; die Bitteres zu Süßem machen und Süßes zu Bitterem!“ (Jes 5,20).

„Kinder, hütet euch vor den Götzen!“ (1Joh 5,21).


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...