Die Errettung einer Hure
Lukas 7,36–8,3

David Willoughby Gooding

© SoundWords, online seit: 22.02.2005, aktualisiert: 14.10.2019

Leitverse: Lukas 7,36–8,3

Lk 7,36-50: Es bat ihn aber einer der Pharisäer, mit ihm zu essen; und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau, die in der Stadt war, eine Sünderin, erfuhr, dass er in dem Haus des Pharisäers zu Tisch liege, und brachte ein Alabasterfläschchen mit Salböl, und hinten zu seinen Füßen stehend und weinend, fing sie an, seine Füße mit Tränen zu benetzen; und sie trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber der Pharisäer es sah, der ihn geladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau es ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber spricht: Lehrer, rede. – Ein gewisser Gläubiger hatte zwei Schuldner, der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünzig; da sie aber nichts hatten, um zu bezahlen, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon aber antwortete und sprach: Ich meine, der, dem er das meiste geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser auf meine Füße gegeben, diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt,; diese aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Er aber sprach zu ihr: Deine Sünden sind vergeben. Und die mit zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt? Er sprach aber zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in Frieden.

Einleitung

Eines der schönsten Merkmale des Lukasevangeliums ist, dass es Christus als Sieger und Erlöser der Ausgestoßenen und Unterdrückten als der Eine darstellt, der den Menschen wahre Würde zurückgeben kann, deren Leben irgendwie krumm gelaufen ist oder die von der Gesellschaft abgelehnt oder sogar verfolgt werden. Und das Ziel dieser Studienreihe ist die Betrachtung einiger Menschen, die durch Christus gerettet und wiederhergestellt wurden.

Die Gesellschaft, in der Jesus sich aufhielt

Es wurde oft beobachtet, dass die Beschreibung von Christus als Freund der Zöllner und Sünder (Lk 7,34) in den Augen der Christen eine seiner größten Zierden wurde, obwohl es von den Gegnern ursprünglich als Anklage gegen seine Integrität vorgebracht wurde. Aber der zweite Ausdruck „Sünder“ ist ein Euphemismus, wie wir beim Vergleich mit Matthäus 21,31 („dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes“) feststellen. Denn wenn wir den beschönigenden Ausdruck gegen das „hässliche“ Wort austauschen und Christus als Freund der Zöllner und Huren bezeichnen, klingt es auch in christlichen Ohren nicht mehr so reizend. Allerdings wird der gläubige Christ den Satz im positiven Sinn anstößig finden.

Ursprünglich sollte die Aussage natürlich anstößig klingen. Es wurde nicht zu einer freizügigen Gesellschaft gesprochen. Die, von denen diese Aussage stammte, wollten damit ausdrücken, dass sie es für eine Beleidigung des allgemeinen Anstands und der Moral hielten, ganz zu schweigen von den strengen religiösen Vorschriften dieser Zeit. Es war umso schlimmer, weil es im Namen Gottes und des wahren Glaubens geschah. Sie dachten, Christus sei ein Betrüger und ihre Vermutung wurde bestärkt, als sie die Sorten Frauen beobachteten, die Ihm nachfolgten.

Da war zum Beispiel die Frau des Chusa, ein Verwalter des Herodes; Herodes' Palast war berüchtigt für die lockeren Maßstäbe. Jeder, der sich in diesen lebenslustigen Kreisen bewegte, war den streng religiösen Juden zwangsläufig verdächtig. Und dann war da noch Maria Magdalene, die Geringste der Geringen. Sieben Dämonen sind von ihr ausgefahren, sagt Lukas. Das bedeutet, dass sie eine unbeschreiblich schlimme Vergangenheit hatte. Ein junger, attraktiver Mann, Anführer einer neuen und ungewöhnlichen religiösen Sekte, gefolgt von begeisterten Anhängerinnen mit unmoralischer Vergangenheit … Man kann sich vorstellen, wie die religiösen Führer darüber dachten.

Und es lässt sich nur schwer leugnen, dass ihre Kritik absolut gerechtfertigt schien. Wie auch in unserer Zeit waren die Menschen damals sehr wohl mit religiösen Gruppen vertraut, die die Religion als Deckmantel für sexuelle Perversion missbrauchten. Natürlich hat Christus, als man Ihn fragte, betont, dass diese Frauen von ihrem bösen Leben umgekehrt waren, aber genau das werden die Pharisäer bezweifelt haben. Es ist wahrscheinlich, dass sie sofort bestritten haben, dass diese Frauen dadurch so verändert wurden, um sich wieder in die Gesellschaft einzufügen, geschweige denn der Gesellschaft eines Propheten würdig waren.

Und es war ihnen ein Rätsel. In seinen öffentlichen Predigten hatte dieser Jesus höhere moralische Maßstäbe gefordert als je jemand zuvor, und Er hatte die Pharisäer öffentlich angeprangert, diese nicht zu erfüllen; sie seien zufrieden mit der bloßen äußerlichen Ehrenhaftigkeit, während sie ständig durch innere geistliche Unmoral schuldig würden. „Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei Weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen … Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen“ (Mt 5,20.27.28). Was hatte Jesus dazu bewogen? War Er aufrichtig? Seine Lehre verurteilte die heiligsten Männer der Sünde. War Er selbst ohne Sünde? War Er ein Prophet? Was war mit den fragwürdigen Eigenschaften seiner Begleiter?

Im Haus des Pharisäers Simon

Mit solchen Fragen in seinen Gedanken lud der Pharisäer Simon unseren Herrn zum Mittagessen ein. Die Tischgespräche würden ihm vielleicht Gelegenheit geben, Jesus besser einschätzen zu können. Während das Essen in vollem Gange war, öffnete sich die Tür und eine verlegene Frau huschte herein und ging schnurstracks zu Christus, der gemäß der östlichen Sitte zu Tisch lag. Simon ärgerte sich sogleich. Er kannte die Frau, die in der Stadt einen schlechten Ruf hatte. Solche Menschen hatten normalerweise keinen Zutritt zu seinem Haus. Aber er war verblüfft darüber, was dann geschah. Als die Frau hinter Christus angelangt war, warf sie sich zu Boden und begann leise zu weinen. Sie war so nahe bei Ihm, dass einige Tränen auf seine Füße fielen, die sie ganz verlegen mit ihren langen Haaren abzuwischen versuchte.

Zu Simons vollkommenem Erstaunen küsste sie die Füße unseres Herrn und nahm schließlich ein kleines Gefäß und salbte seine Füße mit Salböl. All das geschah innerhalb kürzester Zeit. Simons erste Reaktion war wahrscheinlich, seinen Bediensteten zu befehlen, die Frau auf der Stelle hinauszuwerfen; aber als er zögerte, hatte sie die Füße von Christus ergriffen und Simon beherrschte sich in der Erwartung eines empörten Ausbruchs von Christus. Aber dieser sagte nichts; für Ihn war nichts Ungewöhnliches geschehen. So ging das Essen weiter. Die Unterhaltung war nun zusammenhanglos, denn Simon hing seinen Gedanken nach. Er sprach zu sich selbst: Damit ist es ja jetzt eindeutig. Dieser Mann ist kein Prophet; wenn er einer wäre, würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt. Sie ist eindeutig unmoralisch. So wie Simon die Dinge sah, hätte kein Prophet, der behauptete, das Sprachrohr Gottes zu sein, einer unmoralischen Frau erlaubt, ihn zu berühren. Aber Gott tat es.

Mit dem letzten Punkt hatte Simon zweifellos Recht. Die Heilige Schrift erklärt eindeutig, dass nichts Unreines in die Gegenwart Gottes treten darf. Hurer, Knabenschänder, Zauberer, Mörder, Götzendiener, Lügner sind für immer von der ewigen Stadt ausgeschlossen (Off 22,15). Zumindest der Himmel soll nicht zu einem unreinen Ort werden wie die Erde. Aber Simon hatte bei seiner Überlegung einen Punkt übersehen. Er hatte Christus in sein Haus eingeladen, ohne scheinbar einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sein Haus rein und heilig genug wäre, um Christus, wenn Er ein Prophet wäre, zu empfangen. Ohne darüber nachzudenken, hatte er angenommen, dass es so sei. Nicht dass er gesagt hätte, dass er sündlos war, im Gegenteil. Aber er unterschied sich von dieser Frau: Sie war unmoralisch, besonders unzüchtig. Seine eigenen Sünden … nun, man kann eine Sünde nicht anständig nennen … aber dann waren seine eigenen Sünden von der Art, wie sie anständige und ehrbare Menschen begehen … sie waren seiner Meinung nach nicht annähernd schlimm genug, dass sein Haus zu einem unpassenden Ort für einen Propheten des Allmächtigen würde.

Verschiedenheit von Sünde

Eine Stimme sprach ihn über den Tisch an und Simon fuhr zusammen. Ich habe dir etwas zu sagen. Es war Christus. Lehrer, sprich! antwortete Simon. Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner … Wie treffend hatte Christus diesen Vergleich gewählt: Sünde ist wie Schulden. Wenn ein Mensch fünf Millionen Pfund Schulden hat und nicht bezahlen kann, dann ist er bankrott. Wenn ein Mensch nur fünf Pfund Schulden hat und nicht bezahlen kann, ist er nicht weniger bankrott. Man kann die Beträge nicht miteinander vergleichen, aber das Prinzip des Bankrotts ist exakt dasselbe. Und wenn Sünde wie Schulden ist, dann sind die Unmoralischen durch ihre Vergehungen sicherlich vor Gottes Gesetz bankrott; aber die Angesehenen sind durch ihre Sünden nicht weniger bankrott.

Es ist wahr, wir neigen dazu, Sünden in verschiedene Kategorien einzuteilen …, auch wenn es denkbar, ja sogar höchstwahrscheinlich ist, dass sich Gottes Kategorien sehr von unseren unterscheiden. Trotzdem wissen wir alle, was gemeint ist, wenn wir manche Sünden als schlimm bezeichnen, und diese Beschreibung dient zur Unterscheidung. Aber wir müssen vorsichtig sein, dass dies uns nicht unbewusst zu der Auffassung bringt, dass die „nicht-schlimmen“ Sünden (die Kategorie, in die wir die meisten unserer Sünden einordnen) in gewisser Weise rein seien. Es gibt keine reinen Sünden. Alle Sünden sind unrein. Zugegebenermaßen ist ein Unterschied zwischen einem Körnchen und einer Tonne Ruß, aber der Unterschied liegt einzig in der Menge. In den wesentlichen Eigenschaften gleichen sich das Körnchen und die Tonne exakt. Sünde sexueller Art macht einen Menschen unwürdig für die Gegenwart Gottes. Aber es gibt keine Art von Sünde, die dies nicht macht. Mit anderen Worten, jede Sünde ist unmoralisch.

Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig. Christus führte sein Gleichnis weiter aus. Und wenn vorher Simon innerlich Vergleiche zwischen den Werten von Sünde zog, so war es nun offensichtlich an Christus, Vergleiche anzustellen. Die zwei Schuldner unterschieden sich in den Beträgen, die sie dem Gläubiger schuldeten, aber in einer Sache waren sie vollkommen gleich: Keiner der beiden konnte bezahlen, beide waren gleich bankrott. Es schien wirklich so, dass Simon eine lehrreiche Lektion erhielt, nicht über andere zu urteilen. Wenn nicht das Gleichnis zu dem verdienten Tadel geführt hätte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Aber an diesem Punkt nahm das Gleichnis Christi eine unerwartete Wendung in eine vollkommen andere Richtung.

„Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; da sie aber nicht zahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Simon wusste die Antwort, denn er konnte gut vergleichen. Wenn du dich einfach auf die Schulden konzentrierst, ist es keine Frage, dass, je größer die Schulden sind, desto ernster die Lage ist. Und wenn der einzige Weg, wie es in der Geschäftswelt üblich ist, um die Schulden loszuwerden, die Rückzahlung ist, dann ist der Nachteil des Schuldners umso größer, und umso größere Anstrengung muss er aufwenden, um die Schulden zu tilgen.

Aber wenn du dir einen Gläubiger vorstellst, der so außerordentlich gnädig und großzügig ist, dass er bereit ist, die Schulden vollständig zu erlassen, sie zu löschen, ohne nach weiteren Zahlungen zu fragen, dann ist es geradezu offensichtlich, dass, je größer die Schulden eines Menschen sind, er umso größere Erleichterung fühlen wird, wenn die Schulden ausgelöscht sind und umso größere Dankbarkeit wird er dem Gläubiger erweisen. Für Simon war es offensichtlich. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon aber antwortete und sprach: Ich nehme an, der, dem er das meiste geschenkt hat. Das war die richtige Antwort.

Verschiedenheit von Vergebung

Aber der neue Faktor in der Rechnung war beunruhigend. Schuldenerlass! Vollkommener und tatsächlicher Schuldenerlass, ohne einen Cent dafür bezahlt zu haben. Schuldenerlass, den man nicht verdient hat, der aber den Menschen angeboten wurde, die nichts besaßen, womit sie ihre Schuld zahlen hätten könnten. Die Bedeutung des Vergleichs war unmissverständlich: Wenn Sünde wie Schuld war, dann war Gott der erlassende Gläubiger. Das war ein gewaltiger Unterschied zu Simons vorgefasster Meinung. Er glaubte natürlich an Vergebung; seine Psalmen, seine Lieder, seine Bibel waren voll davon. Und er flehte Gott in seinen Gebeten nicht selten darum an, während die Priester im Tempel sie über dem Sünder aussprachen, während sie die Opfer darbrachten.

Aber jetzt, wie auch immer die Theorie und Theologie darüber lautete, war die derzeitige Praxis und Erfahrung nichts gegenüber dieser Vergebung. Derzeit wurden ihm von Zeit zu Zeit verschiedene Punkte auf seinem geistlichen Konto vergeben, aber das Konto blieb bestehen und in seinem Herzen wusste er, dass es im Allgemeinen in den roten Zahlen war. Doch es gab einen Trost: Der Betrag, den er schuldete, die Kluft zwischen Gottes Geboten und deren Erfüllung, war nicht annähernd so groß wie bei Menschen wie dieser Prostituierten.

Aber die Kluft war da und die Vergebung einiger Punkte schloss sie nur zu einem Bruchteil. Täglich tat er mit großer Anstrengung und Disziplin alles, was er wusste, um diese Kluft zu verkleinern und eine Stellung zu erreichen, die ihn zuletzt hoffen ließ, dass Gottes Gnade Ihn dazu bewegt, die geringen Außenstände zu übersehen und schließlich Simon in den Himmel aufzunehmen. Aber das war eine Stellung, die Simon nach vielen Jahren erduldeter Mühen noch nicht erreicht hatte. Tatsächlich schien die Kluft nicht geringer als sonst. Es schaute so aus … Aber das war eine Aussicht, über die Simon nicht länger nachdenken wollte. Stolz, vielleicht auch Angst, verschlossen sein Herz vor der ernsten Schlussfolgerung: Wenn die geringste Anforderung fortwährende, vollkommene Erfüllung von Gottes Gesetz bedeutet, konnte kein Betrag das Defizit einer einzigen Sünde auffüllen. Simon hatte nichts, womit er seine Schulden bezahlen konnte. Er war ebenso bankrott wie die Prostituierte.

Verschiedenheit von Liebe

Aber die Stimme gegenüber sprach weiter: Simon, siehst du diese Frau? Natürlich hatte er sie gesehen. Wenn Christus gesagt hätte, dass sie plötzlich umgekehrt sei oder „errettet“ worden sei, wäre er nicht bereit gewesen, es zu glauben, und das sicherlich nicht nur, weil Christus es gesagt hätte. Aber Christus sagte es nicht, noch nicht. Er stellte ein paar Tatsachen fest: „Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; sie aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salböl meine Füße gesalbt.“

Wieder ein Vergleich; aber diesmal von Simon. Simon war es, der das Offensichtliche so überzeugend festgestellt hatte, dass ein Mensch, wenn ihm vergeben wurde, den liebt, der ihm vergeben hat. Und je mehr ihm vergeben wurde, umso mehr liebt er. Die Tatsache kann man nicht bestreiten, dass er Christus, obwohl er Ihn eingeladen hatte, keine besondere Liebe gezeigt hat. Er hatte Ihm kaum die damaligen Höflichkeiten erwiesen, wohingegen die Frau, als Er sie rief, ihre außergewöhnliche Liebe und Demut gegenüber Christus bewies. Wenn Liebe ein Beweis für empfangene Vergebung war … und keine Liebe ein Beweis für die nicht empfangene Vergebung … Erbarmungslos fuhr die Stimme fort: Aufgrund dessen sage ich dir, dass die Sünden dieser Frau, so viele es auch sein mögen, vergeben sind … sie müssen es sein, denn schau, wie viel Liebe sie mir erwiesen hat. Und dann an die Frau gewandt sprach Christus die Worte aus, die der Heilige Geist sie in ihrem Herzen bereits spüren ließ: Deine Sünden sind dir vergeben.

Nicht nur Simon, sondern auch alle anderen Gäste verstanden, worum es ging. Unglücklicherweise dachten die Menschen durch eine Unzulänglichkeit in früheren Bibelübersetzungen, die glücklicherweise in den neueren Übersetzungen wieder ausgebessert wurde, dass der Herr Jesus die Sünden der Frau aufgrund ihrer Liebe vergeben hatte. Deshalb haben sie auf alle mögliche Art und Weise versucht, Liebe für Gott in der Hoffnung zu entwickeln, damit Gott, wenn sie es nur gut genug schafften, dadurch dazu bewegt würde, ihnen zu vergeben. Wenn auch durch sonst nichts hätten sie durch die allgemeine Erfahrung erkennen müssen, wie schwierig, wenn nicht sogar unmöglich es für einen Schuldner ist, seinen Gläubiger zu lieben, während die Schuld noch offen ist und der Gläubiger ihm weiterhin ein Verfahren androht. Aber abgesehen davon macht es das Gleichnis unseres Herrn deutlich, dass die Schuldner keine Vergebung erlangen durch Liebe zu ihrem Gläubiger; sie fangen an, ihn nach und wegen der Vergebung zu lieben.

Gottes Vergebung

Die Gäste beim Mittagessen verstanden sofort, worum es ging. Was sie erschreckte, war eine weitere Bedeutung der Worte Christi. Wie Simon waren auch sie gewohnt, dass die Priester im Tempel ihnen Vergebung aussprachen, wenn sie ihre Opfer darbrachten – aber die Priester sprachen Vergebung im Namen Gottes aus, nicht aus eigener Vollmacht; im besten Fall ließen sie das Urteil des letzten Gerichts offen. Aber sie merkten, dass Christus die Sünden in seiner Vollmacht vergab, uneingeschränkt und endgültig. Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt?, fragten sie. Sie hatten es aber richtig bemerkt. Christus handelte hier in seiner persönlichen und uneingeschränkten Funktion als Richter, wie Er selbst es einmal ausdrückte: „Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.“ Er wandte sich nochmals an die Frau und sagte: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden!

So wurde eine gefallene Frau gerettet und für die Gemeinschaft mit Gottes Sohn bereitet. Aber wann genau geschah dies? Wir können es nicht sagen. Es wird uns nur wenig über sie berichtet, nur dass zu der Zeit, als unser Herr die Aufmerksamkeit von Simon auf sie lenkte, ihr bereits vergeben war, so dass Simons Widerspruch gegen den Empfang von ihr unbegründet war. Sie war unmoralisch gewesen, aber sie war es nicht mehr. Wann die Umkehr stattgefunden hat, können wir nur vermuten. Aber eines können wir mit Gewissheit sagen: Die Umkehr war nicht das Ergebnis der Religion, der Simon folgte. Seine Predigt gegen die Unmoral war vollkommen richtig, in der Tat biblisch und notwendig. Aber das hatte keine Umkehr der Frau bewirkt. Einst hatte sie gesündigt, aber das brachte sie nur tiefer zur Verzweiflung. Wie konnte die Vergangenheit ausgelöscht werden, wenn sie für den Rest ihres Lebens ohne Sünde gelebt hätte? Und wenn die Vergangenheit nicht ausgelöscht werden konnte, wie konnte sie in die anständige Gesellschaft zurückkehren? Und wenn sie das nicht konnte, was blieb ihr übrig in der Welt, in der sie lebte, außer weiterhin zu sündigen? Und wenn Simon und seine Leute sowohl durch ihre Predigten als auch durch ihr Verhalten offen zeigten, dass sie sie verachteten und sich selbst als unendlich viel besser betrachteten, hätte ihre Verzweiflung vielleicht in Zynismus geendet. Manche Männer in der Stadt nahmen ihre Dienste in Anspruch – war keiner aus Simons Synagoge dabei?

Aber eines Tages hörte sie einen Prediger, der sich von ihnen unterschied. Er predigte ebenso gegen die Unmoral, nur mit dem Unterschied, dass seine Lehren die Synagogenbesucher als moralisch bankrott vor Gott mit einschloss. Aber dann sagte Er, dass Gott bereit war aufzunehmen, willkommen zu heißen und allen vollkommen zu vergeben, die in aufrichtiger Reue zu Ihm kommen. Dass Er, als Gott, hier und jetzt die Macht hat, sie so aufzunehmen, wie sie waren, ihnen zu vergeben, sie zu reinigen und zu heiligen und sie in die persönliche Gemeinschaft mit Gott aufzunehmen. Unter diesen Bedingungen gebot Er Sündern, zu Ihm zu kommen, und die Frau nahm Ihn in ihrer Einfältigkeit beim Wort. Sie bot der Geringachtung, Entrüstung und Verärgerung in beinahe jedem Gesicht am Tisch die Stirn. Aber sie war erst gekommen, als sie wusste, dass sein Wort wahr war. Ihr wurde vergeben und sie wurde angenommen und ohne ihre Umgebung wahrzunehmen, brachte sie ihre Erleichterung und Freude zum Ausdruck. Ihre Dankbarkeit war der unmittelbare Beweis für ihr Wissen um die Vergebung. Aber das war noch nicht alles. In den folgenden Jahren wurde sie zu einem der Hauptbeweggründe für ihr verändertes Leben. In seinen Schlussversen erinnert uns Lukas daran, dass es mehrere Frauen wie sie gab, mit verschiedenen Hintergründen. Deren Dankbarkeit rief nicht bloße Tränen hervor, sondern veränderte sie zu praktischen, fleißigen und heiligen Nachfolgern und Dienern Christi.

Fragen zum Studium und zum Gespräch:

  1. Wie erscheint Christus in diesem Abschnitt?
  2. Warum interessierte sich Christus nicht für Simons gute Werke und Selbstgerechtigkeit?
  3. Wie können wir wissen, dass der Frau vergeben wurde?
  4. Was sagt uns diese Geschichte darüber, was ein Sünder ist?
  5. Wie ist Christi Haltung gegenüber unserer Sünde? Bietet Er uns auch heute noch Vergebung an?

Übersetzt aus dem Buch Windows on Paradise. 14 Studies in the Gospel of Luke,  The Myrtlefield Trust, 2015,
„Reclaiming a Prostitute“, S. 5–14

Übersetzung: SM


Hinweis der Redaktion:

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