Welche Gläubigen gehen durch die große Drangsal?
1. Thessalonicher 4,15-18; Offenbarung 6.7; 12; 14.15; 18

Arend Remmers

© CSV, online seit: 24.11.2005, aktualisiert: 10.10.2016

Leitverse: 1. Thessalonicher 4,15-18; Offenbarung 6–7; 12; 14.15; 18

Frage:

Müssen die Christen noch durch die große Drangsal gehen? Nimmt der Herr Jesus die Versammlung vor der großen Drangsal zu sich oder erst später?

Antwort:

Das sind Fragen, mit denen sich viele Kinder Gottes beschäftigen. Manche sind darüber in Sorge und Not, weil sie befürchten, dass sie vielleicht nicht die Kraft haben, auszuharren bis ans Ende. Manche glauben, es sei ein Zeichen von Leidensscheu, wenn andere fest glauben und sagen, dass der Christ nicht auf die große Drangsal wartet, sondern auf das vorherige Kommen des Herrn Jesus.

Für die Ungewissheit in dieser Frage scheint es in der Hauptsache zwei Gründe zu geben. Erstens besteht offenbar viel Unklarheit über das Kommen oder die Ankunft des Herrn Jesus (das griechische Wort parousia bedeutet eigentlich Gegenwart, Anwesenheit). Zweitens fehlt vielen Kindern Gottes ein wirkliches Verständnis über die besondere Stellung der Gläubigen der jetzigen Gnadenzeit, die die Versammlung des lebendigen Gottes bilden. Untersuchen wir daher, was das Wort Gottes zu dieser Frage sagt, die so viele Gemüter bewegt.

Die Ankunft des Herrn Jesus

Die Tatsache, dass der Herr Jesus aus dem Himmel wiederkommen wird, wird an zahlreichen Stellen des Neuen Testaments bezeugt. Nur in den Briefen an die Galater, die Epheser und an Philemon sowie im dritten Brief des Johannes fehlt jeder Hinweis darauf. Von den vielen Schriftstellen können wir hier aber nur einige erwähnen, die jedoch ausreichend sein dürften.

Die Entrückung

An mehreren Stellen des Neuen Testaments wird die Ankunft des Herrn als das Ereignis angekündigt, auf das die Erlösten jeden Tag hoffen und warten dürfen. In Johannes 14 teilt der Herr Jesus seinen Jüngern mit, dass Er ihnen im Hause des Vaters eine Stätte bereiten und wiederkommen wird, um sie zu sich zu holen. In 1. Korinther 15,51-54 offenbart der Apostel Paulus das Geheimnis, dass nicht alle Gläubigen entschlafen, sondern bei der letzten Posaune lebendig verwandelt werden. In 1. Thessalonicher 4,15-18 schreibt der Apostel, dass bei der Ankunft des Herrn zunächst die Toten in Christo auferweckt und dann alle Gläubigen zusammen dem Herrn in Wolken in die Luft entgegengerückt werden. Schließlich erinnert der Herr Jesus selbst die Leser der Offenbarung im letzten Kapitel dieses Buches daran, dass Er bald kommen wird (Off 22,20). In keiner dieser Schriftstellen wird auch nur angedeutet, dass irgendein Ereignis, geschweige denn eine große Drangsal, dem Kommen des Herrn zur Aufnahme der Seinigen in den Himmel vorausgehen muss. Diese Seite der Ankunft des Herrn wird oft die „Entrückung“ genannt.

Die Hoffnung der Gläubigen auf das Kommen des Herrn zur Heimholung seiner Braut beinhaltet also:

  • Der Herr kann in jedem Augenblick zur Entrückung der Seinigen kommen;
  • der Herr wird jedoch nicht auf der Erde sichtbar erscheinen;
  • Zuerst werden die entschlafenen Gläubigen auferweckt, danach werden die lebenden Christen verwandelt werden;
  • alle Gläubigen werden zusammen dem Herrn Jesus in den Wolken entgegengehen.

Der Zeitpunkt der Entrückung

An zwei Stellen des Neuen Testaments, in 1. Thessalonicher 1,10 und Offenbarung 3,10 wird uns etwas über den Zeitpunkt der Ankunft des Herrn für die Seinigen gesagt. Es handelt sich jedoch nicht um eine absolute Zeitangabe, sondern um eine relative. Die Thessalonicher hatten sich bekehrt, um dem lebendigen Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, „Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn“. Dieser „kommende Zorn“ ist nicht die ewige Strafe der Ungläubigen, sondern das Strafgericht, das nach der Entrückung der Braut über die ganze Erde kommen wird und die große Drangsal mit einschließt. Das geht deutlich aus Offenbarung 6,16.17; 11,18; 19,15 hervor.

In Offenbarung 3,10 verheißt der Herr im Sendschreiben an die Versammlung in Philadelphia, dass Er die Gläubigen bewahren wird vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen. Diese „Stunde der Versuchung“ gilt also nicht dem Volke Gottes, sondern denen, „die auf der Erde wohnen“, das heißt, den Ungläubigen, die in Offenbarung 13,8 beschrieben werden als solche, „die auf der Erde wohnen …, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist im dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an“. Die Stunde der Versuchung beinhaltet auch die große Drangsal. Die Gläubigen der jetzigen Zeit werden jedoch davor bewahrt bleiben. Manche Kinder Gottes glauben, Offenbarung 3,10 so verstehen zu müssen, dass die Gläubigen mitten aus der Stunde der Versuchung entrückt werden, da hier im Griechischen das Verhältniswort aus steht. Aber ebenso ist es in Johannes 17,15; dort kann aber unmöglich übersetzt werden: „… dass du sie bewahrest aus dem Bösen“; es muss selbstverständlich heißen: „… dass du sie bewahrest vor dem Bösen.“

Die Erscheinung Christi nach der Drangsal

Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Stellen über die Ankunft des Herrn, die besagen, dass Er sichtbar für alle Menschen erscheinen oder offenbart werden wird. So heißt es zum Beispiel in Offenbarung 1,7: „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes.“ Von dieser Phase der Ankunft Christi schreibt Paulus den Thessalonichern: „… bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel, mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn Er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen; welche Strafe leiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke, wenn er kommen wird, um an jenem Tage verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben“ (2Thes 1,7-10; vgl. Mt 25,31-46; Apg 1,11; Kol 3,4; 1Thes 3,13; 1Tim 6,14-16; 2Tim 4,8; Off 19,11-21).

Bei dieser zweiten Phase seiner Ankunft wird der Herr Jesus also in ganz anderer Weise kommen als bei der ersten:

  • Er wird für alle Menschen sichtbar auf der Erde erscheinen,
  • Er wird begleitet von Engeln und Heiligen (d.h. Gläubigen),
  • Er wird Gericht auf der Erde ausüben,
  • Er wird danach sein Reich errichten.

Wenn im Neuen Testament von der Entrückung der Gläubigen vor der großen Drangsal die Rede ist, heißt es immer nur: wir. Damit sind die Erlösten der jetzigen Zeit gemeint, die jeden Augenblick die Erfüllung ihrer glückseligen und lebendigen Hoffnung erwarten dürfen. Die Entrückung ist ein Geheimnis für die Versammlung Gottes in der jetzigen Zeit.

Wenn aber von der Erscheinung oder Offenbarung Christi in Begleitung der Engel und der Heiligen die Rede ist, dann wird die ganze Welt Ihn sehen. Auch dieses Ereignis ist ein Grund zur Freude für uns, denn dann werden wir Zeugen davon sein, dass unser jetzt verworfener Herr in dieser Welt als König der Könige und Herr der Herren anerkannt werden wird, und wir werden dann mit Ihm vereinigt sein!

Der Herr Jesus spricht in Matthäus 24 von dieser seiner für alle Menschen sichtbaren Erscheinung. Viele Kinder Gottes meinen zwar, in den Versen 37-42 eine Ankündigung der Entrückung sehen zu müssen. Aber Vers 27 und besonders die Verse 29-31 lassen keinen Zweifel daran, dass hier von der öffentlichen Erscheinung Christi die Rede ist. Alle werden Ihn kommen sehen in Macht und Herrlichkeit, und Er wird seine Engel, die mit Ihm erscheinen werden, aussenden mit starkem Posaunenschall.

Aus den Versen 29-31 ist ebenso klar zu entnehmen, dass die Erscheinung Christi erst nach der großen Drangsal stattfinden wird. Auch aus 2. Thessalonicher 2,1-8 geht klar hervor, dass die „Erscheinung der Ankunft“ des Herrn Jesus nach dem Auftreten des Antichristen stattfinden wird.

Dies wird in Offenbarung 19,11-21 bestätigt. Auch hier wird die Erscheinung des Herrn mit den himmlischen Kriegsheeren zur Vernichtung des Römischen Reiches und zur Bestrafung des Antichristen beschrieben. Die voraufgehenden Kapitel 6–18 handeln von den Strafgerichten, die über die Erdbevölkerung hinwegfegen werden, während die vierundzwanzig Ältesten bereits um den Thron Gottes im Himmel versammelt sind. Diese vierundzwanzig Ältesten stehen stellvertretend für alle Gläubigen, die vor der großen Drangsal entrückt werden. Sie befinden sich während dieser ganzen Zeit bereits bei Ihm in der himmlischen Herrlichkeit.

Überblicken wir die angeführten Schriftstellen über die Ankunft des Herrn Jesus noch einmal, dann können wir daraus die drei folgenden wichtigen Tatsachen entnehmen:

  1. Wir dürfen jeden Augenblick das Kommen des Herrn zur Heimholung der Seinigen vor der Stunde der Versuchung und der großen Drangsal erwarten.
  2. Nach den Strafgerichten und der großen Drangsal wird der Herr mit uns öffentlich auf der Erde erscheinen zum Gericht der Lebenden (Mt 25,31-46) und zur Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches.
  3. Daraus geht hervor, dass die Gläubigen, die zur Versammlung Gottes gehören und in der jetzigen Gnadenzeit leben, nicht durch die große Drangsal hindurchgehen müssen, sondern während dieser Zeit bereits im Himmel sein werden.

Die große Drangsal

Nun wird mancher Leser vielleicht einwenden, dass nicht nur in den Evangelien, sondern gerade in der Offenbarung so viel von Gläubigen die Rede ist, die sich in der Zeit der Drangsal auf der Erde befinden. Wer sind nun diese Gläubigen, und wo liest man etwas von den bereits vor der Drangsal Entrückten?

Gehen wir zunächst kurz auf die letzte Frage ein. In der Offenbarung wird bis zum Ende von Kapitel 3 die prophetische Geschichte der Kirche als Zeugnis Gottes auf der Erde beschrieben. Die sieben Versammlungen in Asien stehen stellvertretend für die ganze Geschichte des Zeugnisses der Versammlung. Die Entrückung der Gläubigen wird entsprechend dem Charakter der Offenbarung jedoch nicht als ein besonderes Ereignis beschrieben. Ab Offenbarung 4 wird uns der Blick in die Zukunft eröffnet. Zunächst sehen wir den Thron Gottes im Himmel. Dort befinden sich außer den vier lebendigen Wesen und den Engeln auch vierundzwanzig Älteste, die, wie bereits erwähnt, symbolisch die bei der Entrückung in den Himmel aufgenommen Gläubigen darstellen. Sie genießen während der gesamten Zeit von Offenbarung 4–19 die Nähe und Gemeinschaft Gottes und des Lammes. Sie werden auch deutlich von den dann auf der Erde befindlichen Gläubigen unterschieden (Off 5,8-10; 7,13.14).Nun ist allerdings noch die Frage offen, wer die Gläubigen sind, die während der Zeit der Gerichte auf der Erde leben und zum Teil sogar als Märtyrer sterben werden. Wir wollen daher die einzelnen Stellen im Buch der Offenbarung der Reihe nach kurz betrachten.

Die Prediger des Evangeliums des Reiches (Off 6,9-11)

Off 6,9-11: Und als es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, welche geschlachtet worden waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. Und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Bis wann, o Herrscher, der du heilig und wahrhaftig bist, richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und es wurde ihnen einem jeden ein weißes Gewand gegeben; und es wurde ihnen gesagt, dass sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mitknechte und ihre Brüder vollendet sein würden, die ebenso wie sie getötet werden würden.

In Offenbarung 6,9-11 sieht Johannes prophetisch bei der Öffnung des fünften Siegels unter dem Altar die Seelen derer, die wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses, das sie hatten, den Märtyrertod gestorben sind. Sie rufen um Rache und erhalten die tröstende Antwort, dass sie noch kurze Zeit warten müssen.

Der Ruf nach Rache und Vergeltung zeigt, dass diese Märtyrer, die ihr Leben zum Opfer dargebracht haben, nicht auf dem Boden des Christentums stehen. Dies ist nicht die Sprache eines Christen, sondern der Propheten und Psalmisten des Alten Testaments. Wie anders haben doch ein Stephanus in Apostelgeschichte 7,60 und ein Paulus in 2. Timotheus 4,16 geredet! Ihr und unser Vorbild ist der Herr Jesus, der in seinen größten Leiden beten konnte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). – Hier handelt es sich offenbar um die Seelen derer, die gleich zu Anfang der Drangsalszeit getötet werden, weil sie das Evangelium des künftigen Reiches Gottes verkündigen (vgl. Mt 24,8.9). Bei der Erscheinung des Herrn mit den himmlischen Heerscharen auf der Erde werden auch sie mit anderen auferweckt werden, um mit Ihm zu herrschen (Off 20,4).

Die 144 000 Erwählten aus Israel (Off 7,3-8)

Off 7,3-8: … und sagte: Beschädiget nicht die Erde, noch das Meer, noch die Bäume, bis wir die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen versiegelt haben. Und ich hörte die Zahl der Versiegelten: 144 000 Versiegelte, aus jedem Stamme der Söhne Israels. Aus dem Stamme Juda 12 000 Versiegelte, aus dem Stamme Ruben 12 000, aus dem Stamme Gad 12 000, aus dem Stamme Aser 12 000, aus dem Stamme Nephthalim 12 000, aus dem Stamme Manasse 12 000, aus dem Stamme Simeon 12 000, aus dem Stamme Levi 12 000, aus dem Stamme Issaschar 12 000, aus dem Stamme Zabulon 12 000, aus dem Stamme Joseph 12 000, aus dem Stamme Benjamin 12 000 Versiegelte.

In Offenbarung 7 wird der Gang der Ereignisse kurz unterbrochen, um zwei Gruppen von Gläubigen vorzustellen, die in der Zeit der Drangsal von Gott bewahrt werden. Auch diese beiden Gruppen gehören nicht zur Versammlung Gottes. In ihr gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden (1Kor 12,13; Eph 2,11-17). Hier aber werden die Versiegelten aus Israel deutlich von der großen Schar der Erlösten aus den Nationen unterschieden.

Zunächst werden aus jedem Stamm des Volkes Israel 12.000 Auserwählte versiegelt. Dan und Ephraim werden nicht erwähnt, wohl wegen ihres Götzendienstes (Ri 18; Hos 4). An ihre Stelle treten Joseph und Levi. Durch die Versiegelung werden die Gläubigen aus Israel während aller Drangsal und Not auf der Erde bewahrt für das Tausendjährige Reich (s. Off 9,4).

Die große Volksmenge (Off 7,9-17)

Off 7,9-17: Nach diesem sah ich: und siehe, eine große Volksmenge, welche niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen, und sie standen vor dem Throne und vor dem Lamme, bekleidet mit weißen Gewändern, und Palmen waren in ihren Händen. Und sie rufen mit lauter Stimme und sagen: Das Heil unserem Gott, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamme! Und alle Engel standen um den Thron her und um die Ältesten und die vier lebendigen Wesen, und sie fielen vor dem Throne auf ihre Angesichter und beteten Gott an und sagten: Amen! Die Segnung und die Herrlichkeit und die Weisheit und die Danksagung und die Ehre und die Macht und die Stärke unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer von den Ältesten hob an und sprach zu mir: Diese, die mit weißen Gewändern bekleidet sind, wer sind sie, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Dies sind die, welche aus der großen Drangsal kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und haben sie weiß gemacht in dem Blute des Lammes. Darum sind sie vor dem Throne Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Throne sitzt, wird sein Zelt über ihnen errichten. Sie werden nicht mehr hungern, auch werden sie nicht mehr dürsten, noch wird je die Sonne auf sie fallen, noch irgend eine Glut; denn das Lamm, das in der Mitte des Thrones ist, wird sie weiden und sie leiten zu Quellen der Wasser des Lebens, und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen.

Von dieser Gruppe von Gläubigen, die aus allen Nationen hervorgehen, wird ausdrücklich gesagt, dass sie aus der großen Drangsal kommt. Viele meinen, hierin ein Bild aller Erlösten sehen zu können. Aber wie bereits erwähnt, spricht die Tatsache, dass die Versiegelten aus dem Volke Israel von dieser Schar unterschieden werden, dagegen. In der Versammlung Gottes sind alle nationalen und sonstigen irdischen Unterschiede aufgehoben, hier jedoch nicht. Dadurch, dass einer der vierundzwanzig Ältesten dem Johannes erklärt, wer diese Menschen sind, wird zusätzlich hervorgehoben, dass es sich um Gläubige handelt, die sich von den Ältesten unterscheiden und sich noch nicht im Himmel befinden. Sie stehen zwar vor dem Throne Gottes, nicht aber wie die vierundzwanzig Ältesten und die Engel rings um den Thron. Aus dem ab Vers 15 Gesagten geht auch hervor, dass diese sich während des Tausendjährigen Reiches auf der Erde befinden werden und deshalb nicht zu den mit Christus herrschenden, verherrlichten Gläubigen gehören können.

Die Übrigen von dem Samen des Weibes (Off 12,17)

Off 12,17: Und der Drache ward zornig über das Weib und ging hin, Krieg zu führen mit den übrigen ihres Samens, welche die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.

Die Frau in Offenbarung 12, die das männliche Kind gebiert, ist ein Bild des Volkes Israel, aus dem der Messias hervorgegangen ist. Satan, der Drache, wird sie verfolgen und „Krieg führen mit den übrigen ihres Samens, welche die Gebote halten und das Zeugnis Jesu haben“. Diese Menschen sind also einzelne gläubige Juden, die nicht zu dem von Gott besonders bewahrten Teil des Volkes gehören, sondern wegen ihres Festhaltens am Wort Gottes von Satan verfolgt, aber doch gerettet werden (vgl. Mt 24,16; Zeph 3,12).

Die 144 000 bei dem Lamme (Off 14,1-5)

Off 14,1-5: Und ich sah: und siehe, das Lamm stand auf dem Berge Zion und mit ihm 144 000, welche seinen Namen und den Namen seines Vaters an ihren Stirnen geschrieben trugen. Und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel wie das Rauschen vieler Wasser und wie das Rollen eines lauten Donners; und die Stimme, welche ich hörte, war wie von Harfensängern, die auf ihren Harfen spielen. Und sie singen ein neues Lied vor dem Throne und vor den vier lebendigen Wesen und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen, als nur die 144 000, die von der Erde erkauft waren. Diese sind es, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind Jungfrauen; diese sind es, die dem Lamme folgen, wohin irgend es geht. Diese sind aus den Menschen erkauft worden als Erstlinge Gott und dem Lamme. Und in ihrem Munde wurde kein Falsch gefunden; [denn] sie sind tadellos.

Offenbarung 14 stellt wieder einen Einschub dar, der verschiedene Szenen aus der Endzeit beschreibt. In den ersten fünf Versen sehen wir den Herrn Jesus als das Lamm auf dem Berge Zion stehen und bei Ihm 144.000 Gläubige. Hier wird nicht, wie in Kapitel 7,3-8 hinzugefügt, dass sie aus den zwölf Stämmen Israels stammen. Aber die Zahl 144.000 weist auf das irdische Volk Gottes hin, so dass wir hier, im Unterschied zu Kapitel 7, den Überrest aus den Juden sehen dürfen.

Dieser Gedanke wird durch die Erwähnung des Berges Zion (Jerusalem) bekräftigt. Zion ist das Zentrum der Regierung und der Gnade im Tausendjährigen Reich. Auch dieser gläubige Überrest befindet sich vor dem Throne Gottes, aber auf der Erde (vgl. Off 7,9). Er wird auch von den vierundzwanzig Ältesten im Himmel unterschieden, ist also nicht mit ihnen identisch. Auch diese 144 000 Erlösten singen ein neues Lied, das aber niemand anders singen kann als sie allein.

Die Überwinder des Tieres (Off 15,2)

Off 15,2: Und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt, und die Überwinder über das Tier und über sein Bild und über die Zahl seines Namens an dem gläsernen Meere stehen, und sie hatten Harfen Gottes.

Die hier vorgestellten Gläubigen stehen an einem gläsernen Meer, das wir bereits in Kapitel 4,6 erwähnt finden. Bei der Stiftshütte und beim Tempel gab es ein ehernes Becken, Meer genannt, das mit Wasser gefüllt war und zur Reinigung der Priester diente. Dieses gläserne Meer ist jedoch kein Bild der Reinigung, sondern vollendeter Reinheit, da es aus einer festen Masse besteht. Allerdings ist es mit Feuer vermischt – eine Andeutung der furchtbaren Verfolgung von Seiten des Herrschers des Römischen Reiches, des ersten Tieres aus Offenbarung 13, die diese Märtyrer erdulden mussten. Als Überwinder sind sie jedoch treu geblieben bis zum Tod und singen nun das Lied Moses und das Lied des Lammes. Das Lied Moses in 2. Mose 15 war das erste Lied des Glaubens in Gottes Wort; hier finden wir nun das letzte. Auch diese Gläubigen befinden sich nicht in derselben Stellung wie die vierundzwanzig Ältesten, die ein neues Lied singen, in dem von Priestertum und Königsherrschaft die Rede ist. Die hier genannten Märtyrer aus der Periode des wiedererstehenden Römischen Reiches werden in Offenbarung 20,4 als dritte Gruppe der auferweckten und mit Christus im Tausendjährigen Reich herrschenden Heiligen aufgeführt.

Mein Volk (Off 18,4)

Off 18,4: Und ich hörte eine andere Stimme aus dem Himmel sagen: Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen;

Offenbarung 17 und 18 enthalten die Beschreibung der großen Hure Babylon, zunächst als ein Weib in Verbindung mit dem Römischen Reich (Off 17) und dann als Stadt (Off 18). Welch ein Zerrbild der Braut Christi, der wahren Kirche, die das Weib des Lammes und die Stadt Gottes genannt wird (Off 21)! Babylon ist das Endstadium der Weltkirche ohne Christus auf der Erde, gekennzeichnet von Götzendienst und weltlicher Machtausübung. Bevor der Herr mit seiner wahren Braut, die vor den Strafgerichten der Endzeit zu Ihm entrückt wurde, wieder auf der Erde erscheint, muss die falsche Braut, Babylon, gerichtet werden. Vor diesem Gericht über Babylon werden nun die Gläubigen aufgefordert: „Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet und auf das ihr nicht empfanget von ihren Plagen.“ Es wird also auch in dieser teuflischen, religiösen Organisation Babylons noch Menschen geben, die sich durch die Predigt des Evangeliums des Reiches (Mt 24,14) bekehrt haben und die Erscheinung des Herrn Jesus als König erwarten. Als unwissende, aufrichtige Seelen haben sie sich dieser falschen Kirche angeschlossen. An sie richtet sich dieser letzte Appell zur Absonderung, bevor Babylon ihr Strafgericht empfängt.

Zusammenfassung

Wir haben nun anhand verschiedener Stellen des Neuen Testaments gesehen, dass die Gläubigen in der jetzigen Gnadenzeit nicht die große Drangsal, sondern das baldige Kommen des Herrn Jesus zur Entrückung vor der Drangsal erwarten. Nach der Entrückung der Versammlung wird in dieser Welt die Zeit der Endgerichte und der Drangsal für die Juden beginnen. Aber auch in dieser Zeit wird Gott eine gute Botschaft verkünden lassen: das Evangelium des Reiches, das auf die nahe Erscheinung Christi zur Errichtung des Friedensreiches hinweist. Viele Juden und Heiden werden es annehmen. Einige werden dafür als Märtyrer mit dem Leben bezahlen müssen. Diese werden vor dem Tausendjährigen Reich auferweckt und zusammen mit Christus und den vorher entrückten Gläubigen herrschen. Andere werden in dieser Zeit der Gerichte bewahrt und auf der Erde lebendig in das Friedensreich eingehen. Wenn in Gottes Wort von solchen Gläubigen die Rede ist, die in der schweren Zeit vor der öffentlichen Erscheinung Christi leben, dann ist damit nicht die Versammlung Gottes gemeint, die dann bereits mit ihrem Haupt im Himmel vereint ist, sondern Gläubige, die nach der Entrückung durch das Evangelium des Reiches zum Glauben kommen werden und die in dieser Zeit der großen Drangsal für den Herrn zeugen und leiden werden. Aber dann sind die Leiden der heute lebenden Gläubigen bereits für immer beendet. Sie werden dann bei ihrem Herrn sein.

Leiden um Christi willen

Wenn also, wie wir gesehen haben, die Versammlung nicht auf die große Drangsal, sondern auf das Kommen des Herrn vor der Drangsal wartet, dann bedeutet das jedoch nicht, dass den Gläubigen der jetzigen Zeit jegliche Leiden erspart bleiben. Der Herr Jesus selbst hat den Seinigen Verfolgungen angekündigt (Joh 15,20). Paulus sagte den Gläubigen in Kleinasien, dass wir durch viele Trübsale (oder Drangsale) in das Reich Gottes eingehen müssen (Apg 14,22); und seinem Mitarbeiter Timotheus schrieb er: „Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden“ (2Tim 3,12). Welche Leiden brachten auch die Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte für die Kinder Gottes mit sich! Wie müssen noch heute viele Gläubige in manchen Ländern leiden! Auch wenn wir in demokratisch regierten Ländern Religionsfreiheit genießen, werden wir doch mehr oder weniger die Feindschaft und den Hass der Mitmenschen zu spüren bekommen, wenn wir dem Herrn treu zu folgen wünschen. „Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr; wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“

Die Tatsache, dass die Versammlung vor der Stunde der Versuchung bewahrt bleibt, bedeutet also nicht, dass es für sie keine Leiden, keine Trübsal von Seiten der Menschen geben wird. Insofern ist das eingangs angeführte Argument der „Leidensscheu“ nicht stichhaltig. Aber diese vorhergesagten Drangsale dürfen wir nicht gleichsetzen mit der großen Drangsal, vor der wir bewahrt bleiben, indem der Herr Jesus kommt, um uns heimzuholen ins Vaterhaus.


Aus der Monatsschrift Ermunterung und Ermahnung, 1989, S. 273-288
www.csv-verlag.de

Weitere Artikel in der Kategorie Fragen (86)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...