Wie Gott das Gebet belohnt
Daniel 6

J. B.

© SoundWords, online seit: 20.12.2017, aktualisiert: 29.12.2017

Leitverse: Daniel 6,5b.11

Dan 6,5b.11b: Aber sie konnten keinen Anklagegrund und keine schlechte Handlung finden. … Und dreimal des Tages kniete er auf seine Knie und betete.

Bei dem großen Kampf in diesem Kapitel geht es um Gebet. Doch zu wem soll gebetet werden? Wenn wir Daniel 9,1 und 11,1 betrachten, werden wir eine Hilfe zum Verständnis von Kapitel 6 finden. Die Worte „das erste Jahr Darius’“ in beiden Schriftstellen scheinen auf die Zeit dieses Kapitels hinzuweisen und das Gebet Daniels in Kapitel 9 mit seinem Gebet in Kapitel 6 zu verbinden. Dies erregte die Bosheit Satans gegen ihn. Wenn der Engel Darius nicht „als Helfer und Schutz“ (Dan 11,1) beigestanden hätte, würde Satan dessen Liebe zur Schmeichelei wohl dazu benutzt haben, diesen Mann, der Macht von Gott erlangt hatte, vom Erdboden zu vertilgen. Wir sehen in Daniel 10, dass Satan seine „geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12) hat, die für seine teuflischen Ziele kämpfen; und dies besonders hinsichtlich der Völker, die Macht und Einfluss bezüglich der Angelegenheiten Gottes und seines Volkes haben.

In Babylon war dieser böse Einfluss am Werk gewesen, als man dort einen Feuerofen für diejenigen hergerichtet hatte, die sich einem falschen Gott nicht beugen wollten. Und nun kam „der Fürst des Königreichs Persien“ (Dan 10,13), um eine Löwengrube für diejenigen zu bereiten, die nicht aufhören würden zu beten. Ein Gebet wie das in Daniel 9 rief einen Kampf im Himmel hervor, und ein solcher Mensch konnte im damaligen Weltreich Persien nicht geduldet werden. Es ist wahr: Ein weiterer Grund waren die eifersüchtige Bosheit der Vorsteher und Satrapen sowie die boshafte, gedankenlose Eitelkeit des Königs; doch der eigentliche, tödliche Konflikt um Gottes Diener und Gottes irdisches Zentrum Jerusalem fand zwischen den Engeln Gottes und den Engeln des Teufels statt.

Das Erbarmen Gottes macht einen großen Unterschied im Gericht. Der König war nicht der Urheber der Bedrängnis Daniels. Auch dachte er wohl nicht, dass seine Torheit derart unheilvolle Konsequenzen haben würde. Er verbrachte die Nacht „fastend“ und so blieb ihm das volle Ergebnis seiner bösen Eitelkeit erspart (Dan 6,19-24). Daniel hingegen verbrachte die Nacht in Gemeinschaft mit dem Engel Gottes, „und keine Verletzung wurde an ihm gefunden, weil er auf seinen Gott vertraut hatte“ (Dan 6,24). Der Teufel „kämpfte und gewann nicht“ (vgl. Off 12,7.8). So wie die Knechte Gottes in Daniel 3 auf den „Sohn“ Gottes im Feuer trafen, so traf Daniel auf den „Engel“ Gottes in der Löwengrube (Dan 7,23).

Zeigt diese wunderbare Erzählung nicht, wie sehr Gott das Gebet schätzt, und auch, wie sehr der Teufel es hasst? Wirft dies nicht Licht auf den beharrlichen und entschlossenen Widerstand gegen das Gebet im Kämmerlein wie auch in der Öffentlichkeit? Leere Gebetszusammenkünfte, unvorhergesehene Störungen, unerklärliche Ausbrüche von Unwohlsein sind auf böse Mächte zurückzuführen, denen der Wert des Gebets bekannt ist.

Daniel befand sich in einer Stellung öffentlichen Vertrauens und großer Verantwortung; seine Arbeit war sehr wichtig, doch er fand „in seinem Haus auf seinen Knien“ Zeit zum Beten für die Belange Gottes auf Erden. Der Teufel bietet die Löwengrube für den Mann des Gebets. Doch Daniel ist ein „Vielgeliebter“ (Dan 9,23), und Engeln wird befohlen, wegen seiner Worte schnell zu ihm zu kommen. Der „Fehler“, den der Teufel an Daniel fand, war, dass er „dreimal am Tag“ niederkniete zum Gebet (Dan 6,11).

Das Persische Reich war geringer als das BabyIonische Reich. Es wird im 2. Kapitel im Bild der „Brust und Arme von Silber“ dargestellt, in den Tieren des 7. Kapitels als Bär und im 8. Kapitel als Widder. Dieses Persische Reich war nicht unmittelbar von Gott errichtet, die Macht des Königs war nicht unumschränkt; auch gab es keinen Unterhalt und Schutz für diejenigen, die sich seiner Autorität unterwarfen wie etwa bei Nebukadnezar. Dem Bären wird nur gestattet, aufzustehen und „viel Fleisch“ zu fressen, seine tierischen Begierden zu stillen; da ist keine „ausnehmende Größe“ [Dan 4,33] oder gottgegebene Herrschaft über alle Dinge. Der Widder „stieß“ nur und „wurde groß“, bis ihn eine andere Macht hinwegtat.

Daniel erlebte die kostbare Verheißung, die Gottes zerstreutem Überrest gegeben worden war: „So bin ich ihnen doch ein wenig zum Heiligtum geworden in den Ländern, wohin sie gekommen sind“ (Hes 11,16). Auch seine irdische Weisheit empfing Daniel von Gott, dem allein er sie zuschrieb. Er „verrichtete die Geschäfte des Königs“ (Dan 8,27) und diente Gott ohne Unterlass, so dass die Neider keinen Anklagegrund finden konnten, um ihrer Bosheit Vorschub zu leisten. Aber weil „Eifersucht hart ist wie der Scheol“ (Hld 8,6), wird sie einen Deckmantel finden – und sei es die unleugbare Ergebenheit ihres Opfers. Und an dieser Art von Leiden nahm der Herr selbst (von dem Daniel ein so treffendes Vorbild ist) durch und durch teil und identifizierte sich in so rührender Weise mit seinem Volk in dieser Sache, so dass Er sagen konnte: „Bei unseren Schritten haben sie uns jetzt umringt; sie richten ihre Augen darauf, uns zu Boden zu strecken. Er ist wie ein Löwe, der nach Raub giert, und wie ein junger Löwe, der im Versteck sitzt“ (Ps 17,11.12).

Das Meisterstück teuflischer List ist darin zu sehen, dass die gegenwärtigen Mächte an ihre Stelle gesetzt werden. Das wird deutlich in den Worten: „Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers“ (Joh 19,12). Wie haben doch die unseligen Machthaber, sowohl weltliche als auch geistliche, in jener „Stunde der Gewalt der Finsternis“ geurteilt, dass es nützlich sei, dass „dieser Mensch“ geopfert werde! Daniel ist längst in seine Ruhe eingegangen und der Herr Jesus ist zum Vater gegangen, aber „der Gott Daniels ist der lebendige Gott und besteht ewig“ (Dan 6,27).

Die Vorsteher hatten keinen Engel, der ihnen in jener Nacht beistand und sie stärkte. Und als der Morgen kam, fanden sie keinen Engel in der Löwengrube. Sie dachten, sie hätten Daniels Untergang besiegelt; genau wie die Hohepriester, als sie nach einem Siegel für das Grab verlangten und die sarkastische Antwort erhielten: „Sichert es, so gut ihr könnt“ (Mt 27,65). Doch „der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer“ (Ps 2,4). Ein unterer Teil des Bildes mag bestehen bleiben, der Bär mag seine Gier stillen, und der Widder mag stoßen und groß werden. Sogar die weltlich Gesinnten unter Gottes Volk mögen derart tun – die „Daniels“ Gottes hingegen gehen ihren Weg, denn sie werden „ruhen und auferstehen zu ihrem Los am Ende der Tage“. Und auch sie „versiegeln“ ihre Gesichte – ein kostbares Geheimnis zwischen Gott und denen, die Ihn fürchten (Dan 12,4.13).

Gottes überreiche Antwort auf das Gebet Daniels sehen wir im Buch Esra im 1. Kapitel. Gottes Wille geschah, als Er Nebukadnezar sandte, die Stadt und das Heiligtum zu zerstören und die Geräte des Tempels wegzunehmen, um sie heimlich im Haus seines Gottes zu verwahren. Doch Gott konnte und wollte, als Antwort auf Daniels Gebet, das Haupt des nächsten Weltreiches dazu veranlassen, den Befehl zum Wiederaufbau der Stadt und des Heiligtums zu geben. Auch wollte Er diesem erwählten Mann seines Vorsatzes „verborgene Schätze und versteckte Reichtümer geben“ (Jes 45,3), damit sie seinem Volk und ihrem Platz wieder zu eigen würden! Belsazar dachte wohl kaum daran, dass er so bald durch die Hand des Gottes fallen würde, den er lästerlich verspottete, noch ahnte er, dass jene Gefäße, aus denen er und seine Zechgenossen gerade tranken, durch denselben Gott wieder an ihren Ort zurückgebracht würden, der es nach seinem eigenen Ratschluss erlaubt hatte, dass sie eine Zeit weggenommen werden würden! Ja, Gebet ändert die Umstände.

Doch dies alles genügte dem Gott Daniels noch nicht. Er wollte Daniel noch mehr geben. Es hätte genug sein können und war in der Tat wunderbar, denn ein glückseliger Teil reumütiger Juden kehrte in sein Land zurück. Sie hatten die Erlaubnis und das Material zum Wiederaufbau, und sie waren im Besitz der wertvollen Gefäße, die nun wieder ihrer Obhut anvertraut worden waren. Doch der „schnell fliegende“ Engel, der kam, um den Vielgeliebten zu berühren, hatte Geheimnisse mitzuteilen, die nur für ihn und sein Ohr als Gottes Freund bestimmt waren. Die Zukunft, „vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen“ (Dan 9,25), bis hin zum Fall des vierten Tieres, wurde ihm offenbart. Und als der Schmerz aller Schmerzen tat Gott seinem geliebten Daniel einen Kummer kund, der dem Herzen Gottes noch bevorstand: Er würde nämlich, nachdem Er sein auserwähltes Volk gebeten hatte, zuletzt seinen einzigen, seinen geliebten Sohn zu ihnen senden, indem Er spricht: „Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen“ (Mt 21,37). Aber das einzige Resultat davon lautet: „Und nach 62 Wochen wird der Messias weggetan werden und nichts haben“ (Dan 9,26).

Könnte es wirklich möglich sein, dass Daniels Volk dem Herrn so vergelten würde? Würde ihre wunderbare Rückkehr aus der Gefangenschaft, die eine Antwort auf Daniels Gebet war, so enden? Welch eine Ehre war es doch für ihn, dieses ernste, gewaltige Geheimnis so viele Jahre vorher mitgeteilt zu bekommen: den leidenden Messias vorauszusehen, der „in der Hälfte seiner Tage (Ps 102,25) hinweggetan werden würde, indem Er sprach: „Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod“ (Mt 26,38). Er konnte Ihn sozusagen schon im Voraus betrachten und zusehen, wie die „Hoffnung Israels“ (Jer 17,13) zu Boden geschmettert und zunichtegemacht würde!

So sind wir nicht überrascht und verstehen, warum Daniel nicht mit den übrigen nach Jerusalem zurückkehrte: Er bewahrte Gottes feierliches Geheimnis in seinem Herzen auf und trauerte, fastete und bekannte – so, wie es auch sein Volk an jenem zukünftigen Tag tun wird, wie in Sacharja 12,10 vorausgesagt.

Wir haben notwendigerweise bereits einen Teil dessen vorweggenommen, was in den späteren Kapiteln folgt. Dadurch erkennt man, wie umfassend Daniels Gebet beantwortet und geehrt wurde. Seit dieser Zeit nahm er eine Stellung bemerkenswerter Vertrautheit mit Gott ein und durfte mit Ihm Gemeinschaft in seinem größten Kummer haben: der Ermordung seines geliebten Sohnes. Andere hatten ähnliche Vorrechte, wenn auch nicht so große. So verlor Hesekiel die Lust seiner Augen, weil Gottes geliebtes Heiligtum zerstört und sein Volk hinweggeführt wurden. Hosea kannte die Schmach eines verunreinigten Hauses und den Schmerz unerwiderter Zuneigung, denn des Herrn Haus war verunreinigt und seine Liebe wurde verächtlich behandelt. Und Baruch war mit kleinen Dingen zufrieden, weil der Herr auch nur kleine Dinge hatte (s. Hes 24,16.21.25; Hos 3; Jer 45,5).


Originaltitel: „The Power of Prayer“
aus Edification, Jg. 3, 1929, S. 37–44

Übersetzung: Frank Cisonna


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