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Leitverse: Epheser 4,8.11-16
Eph 4,8.11-16: Darum sagt er: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen
geführt und den Menschen Gaben gegeben“ {Ps 68,18} … Und er hat die einen
gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und
andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des
Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zu
der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem
erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus; auf
dass wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von
jedem Winde der Lehre, die da kommt durch die Betrügerei der Menschen, durch
ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum; sondern die Wahrheit
festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt
ist, der Christus, aus welchem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden
durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maße jedes
einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner
Selbstauferbauung in Liebe.
In der letzten Zeit sind mir bestimmte Tendenzen aufgefallen, die ich
persönlich für sehr unglücklich halte. Hier und dort kann man lesen und hören,
dass die Brüderbewegung „zu sehr an den alten Brüdern klebt“ und dies abgelöst
werden sollte hin zu mehr Schriftstudium und dem selbständigen Lesen der
Bibel. Es wird sogar davor gewarnt, viele würden nur noch oder zu viel in den
Schriften „der Brüder“ lesen.
Ich darf kurz einflechten, dass ich selbst nicht in der „Brüderbewegung“
groß
geworden bin, sondern erst im Alter von 21 Jahren bekehrt wurde und mich erst seither [1990]
in der Brüderbewegung aufhalte.
Nun ist es natürlich gut gemeint, wenn viele uns auffordern, die Bibel zu lesen
und sie unter Gebet zu lesen. Diesen Punkt möchte ich natürlich bestätigen und
deutlich unterstreichen. Doch kann ich mich überhaupt nicht mit der Aussage
anfreunden, dass man sich heutzutage zu sehr mit den Schriften „der Brüder“
beschäftige und man so Gefahr laufe, zu erstarren. Persönlich erlebe ich es immer
wieder, dass das große Dilemma unserer Tage gerade darin zu suchen ist (in der
Brüderbewegung), dass die Schriften „der Brüder“ eben nicht mehr gelesen werden
oder aber wenn doch, nur leicht zu lesende, erbauliche und „praktische“ Artikel
gelesen werden. Im Übrigen ist es eines der Ziele der Internetseite
www.soundwords.de, dieser Problematik zu
begegnen.
Würde man die Schriften der Brüder vergangener Jahrhunderte hingegen wirklich
einmal intensiver lesen, dann würde man entdecken, wie weit wir uns von ihren
Schriften in der persönlichen Hingabe, aber auch in Bezug auf die Gemeinde von
ihnen wegbewegt haben, und vor allen Dingen, wie wenig wir noch von den
lehrmäßigen Fundamenten für manche Überzeugungen wissen. Somit nimmt es mich
auch nicht wunder, dass es heute schon immer mehr gibt, die vieles, was die
Brüder früher gelehrt haben, völlig fahren lassen, weil sie die Begründung nicht
kennen — und leider auch nicht studieren wollen. Das kann sehr wichtige Themen
betreffen, wie die Souveränität Gottes, die Entrückung vor der Drangsal, die
Sonderstellung der Gemeinde usw. Denken wir nur mal an den
Dispensationalismus, den die meisten in der Brüderbewegung für richtig halten.
Aber viele werden sich in einer Diskussion bereits schnell geschlagen geben
müssen, wenn Leute mit der Bundestheologie ihre Argumente offenlegen. Gerade in
diesem Punkt müssen wir wieder „Grundlagenarbeit“ betreiben, um Mitgläubige vor
diesem Fallstrick zu bewahren. Viele sind in unseren Tagen bereits „umgefallen“,
und manche sind wohl dabei „umzufallen“. (Übrigens ein sehr wichtiger Grund, warum
wir in letzter Zeit einige Artikel zu diesem Thema veröffentlicht haben.) Leider
bestätigt sich auch hier das mangelnde Interesse an diesem Thema. Wir können das
über unsere Klickzahlen verfolgen. Es ist teilweise erschreckend, wie leicht man
bereit ist, eine andere Überzeugung anzunehmen, ohne die bisher eigene wirklich
grundsätzlich verstanden zu haben.
Tatsache ist, dass heute die Namen verschiedener Brüder immer in den Mund
genommen werden, ohne zu wissen, was sie gesagt und geschrieben haben. Ich kann
mich des Eindruckes nicht erwehren, dass diese Brüder — wenn sie heute auferstehen und
noch einmal in unsere Gemeinden kommen würden — entweder nur wenig willkommen oder
gar ausgeschlossen würden. Sie wären uns irgendwie lästig, sie würden uns
ständig ins Gewissen reden, sie würden nicht nur von Hingabe reden, sondern uns
ein Vorbild sein, was uns die Röte ins Gesicht zeichnen würde. Hier ist sicher
nicht der Platz, dies näher auszuführen, und doch möchte ich diesen Eindruck
einfach mal loswerden als jemand, der in dieser Bewegung nicht groß geworden
ist.
Es ist ja wie mit so vielen Dingen hier auf der Erde: Was man hat und von
klein auf kennt, das verliert ein wenig an Wert, man hört auf, etwas zu
schätzen, wofür andere alles hergeben würden. Wie oft hat man mir gesagt, dass
man schon fast neidisch auf mich ist, dass ich manche Wahrheiten mit so viel
Freude aufnehmen würde — obwohl ich auch sagen möchte, dass ich froh bin, Brüder
und Schwestern zu kennen, die, obwohl sie diese Dinge von klein auf hörten, sich
immer noch darüber freuen können wie jemand, der „große Beute“ findet (Ps 119).
Heute tut es mir in der Seele weh, mit ansehen zu müssen, wie man sich des
einzigartigen Schrifttums entledigen will (ohne damit sagen zu wollen, dass der
Herr in anderen Bewegungen nicht auch einzigartige Dinge in seiner Gnade
geschenkt hätte, dessen wir uns genauso dankbar bedienen dürfen), indem man eine
gewisse Angst vor Erstarrung schürt oder einem einfältigen Christen klarmachen
möchte, dass es viel geistlicher wäre, man würde die Zeit, in der man eine
Betrachtung zur Hand nimmt, besser nutzen, um die Bibel lesen. Ich kann mich des Eindruckes
nicht erwehren, dass man das Lesen von Betrachtungen und Artikeln von den Vätern
auch deshalb in Misskredit zieht, um selbst ein Alibi zu haben, warum man sich
selbst darauf beschränkt, „nur“ die Bibel zu lesen. Es ist ja schon auch eine
gewisse Mühe damit verbunden, die Schriften der Väter zu lesen und sich an ihren
Schreibstil und die altmodische Sprache zu gewöhnen. Aber das müssen wir beim
Lesen der Bibel auch.
Ich halte dies für eine sehr gefährliche Sache. Wenn wir wirklich einer
Erstarrung entgegenwirken wollen, dann sollten wir unsere Generation anleiten,
die Schriften „der Väter“ in der rechten Gesinnung zu lesen. Niemals sollten wir
diese Schriften lesen, um einfach geistliches Wissen anzuhäufen oder damit wir
jene sind, die auf alle Fragen eine Antwort haben. Sicher ist die Gefahr, nur
Kopfwissen anzusammeln, sehr ausgeprägt vorhanden. Aber wir sollten nun nicht das
Kind mit dem Bad ausschütten, sondern uns fragen, wo die wahren Probleme liegen.
Wenn ich die Bibel recht verstehe, so ist der Herr Jesus in den Himmel
aufgefahren und hat von dort seiner Gemeinde Gaben gegeben, so lese ich Epheser
4. Und wenn das wirklich stimmt — und es stimmt, weil es ausdrücklich so in Epheser
4 steht —, dann frage ich mich, für wen oder was wir uns halten, wenn wir diese
Gaben entweder ignorieren (was vielleicht eher selten geschieht) oder sie
wenigstens derart herunterspielen, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt,
wenn man viel in diesen Schriften liest. An dieser Stelle möchte ich noch darauf
hinweisen, dass es nicht allein um die Gaben geht, die der Herr der
Brüderbewegung geschenkt hat, sondern die der Herr Jesus dem ganzen Leib
gegeben
hat.
Natürlich ist es eine Gefahr, wenn wir uns einseitig ernähren. Wenn wir „nur“
noch die Bibel oder „nur“ noch die Schriften „der Brüder“ oder „nur“ noch einen ganz bestimmten Bruder lesen würden, dann wäre das
sicher sehr einseitig und ungesund (damit möchte ich allerdings nicht die Schriften irgendwelcher Glaubensmänner auf eine Stufe mit der Bibel stellen, es geht hier um das
„nur“!). Gott hat es in seiner Weisheit gefallen, uns
als Glieder in einem Leib zusammenzufügen und da dürfen wir nicht sagen: „Ich
bedarf deiner nicht“ (lies 1. Korinther 12). Es geht sogar noch weiter: Der Herr
Jesus hat die Gaben gegeben „zur Vollendung der Heiligen“ (lies Epheser 4)
— welche Schlussfolgerung müssen wir daraus ziehen? Je mehr wir die Gaben, die der
Herr geschenkt hat, ignorieren oder geringschätzen, desto weniger werden wir die
Vollendung erreichen, die wir natürlich vollkommen erst im Himmel erreicht
haben werden. Aber wollen wir bereits auf dieser Erde geistlich wachsen, dann
müssen wir auf die Gaben achten, die der Herr seiner Gemeinde gegeben hat. Dabei möchte ich natürlich darauf hinweisen, dass wir diese Schriften nicht auf
die gleiche Stufe mit der Heiligen Schrift stellen dürfen. Wenn schon die Beröer
deshalb so edel waren, weil sie sogar die Schriften von Paulus täglich
untersuchten, ob es sich auch so verhielte, wie viel mehr müssen wir die
Schriften der Väter anhand des Wortes Gottes prüfen. Es waren auch nur Menschen
und wir müssen damit rechnen, dass sie Fehler gemacht haben.
Nebenbei sei bemerkt, dass ja oft gesagt wird, wenn wir die Fehler von Brüdern
lesen, wir auch in Gefahr stehen, diese Fehler zu übernehmen oder ihnen darin zu
folgen. Nun sollte man natürlich schon ein grundsätzliches Vertrauen in das
haben, was man liest. Ist ein Bibelausleger sowieso zweifelhaft, dann sollten
wir auch sehr vorsichtig sein mit dieser Lektüre. Allerdings, wenn auch diese
Gefahr real vorhanden ist, so müssen wir doch nicht meinen, diese Gefahr würde
geringer, wenn wir „nur“ noch die Bibel lesen, denn dann machen wir uns unsere
eigenen Gedanken und hängen unseren eigenen selbst erdachten Lehren nach, die ja auch
falsch sein können. Wichtig ist, dass wir immer wieder bereit sind, alles
anhand des Wortes zu untersuchen und uns auch korrigieren zu lassen, wenn wir
von der Schrift her belehrt werden.
Wir wollen uns an dieser Stelle auch einmal daran erinnern, dass der Heilige
Geist zu bestimmten Zeiten mächtiger wirkt als zu anderen Zeiten. Das liegt
einfach an der Souveränität Gottes. So hat Gott zu Zeiten eines Luthers oder
Calvins mächtig in diesen Personen durch den Geist Gottes gewirkt. Obwohl wir
mit ihnen in vielen Punkten ihrer Lehre heute nicht übereinstimmen würden, so
schenkte der Herr Jesus diesen Menschen es doch, eine bestimmte Wahrheit, die
scheinbar lange verschollen war, wieder an das Tageslicht zu bringen. Und im 19.
Jahrhundert tat Gott sein Werk beginnend durch einige wenige Brüder in Irland —
aber auch zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt —, die ihrerseits dankbar anerkannten, was Gott in anderen Glaubensmännern vor
ihnen bereits gewirkt hatte, aber an Hand der Schrift auch etliches abweisen
mussten. Und das waren sicher nicht die einzigen Wirkungen, die der Heilige
Geist in der Geschichte der christlichen Kirche gewirkt hat.
Wenn wir wirklich
daran glauben, dass dieses Wirken von Gott her kam, dann müssen wir auch damit
rechnen, dass Gott diesen Menschen Gaben gegeben hat, die Er vielleicht in
dieser Fülle und mit dieser Auswirkung nicht noch einmal geben wird. Dass Gott
auch heute einem einfältigen Gläubigen, der vielleicht gar nicht mehr hat als
eine Bibel, die gleichen großartigen Wahrheiten klarmachen kann, leugne ich
nicht. Aber es wird sicher eher die Ausnahme als die Regel sein. Gottes
Souveränität läuft mit der Verantwortung des Menschen immer parallel, und diese
beiden Seiten widersprechen sich nicht. Wenn uns also der Zugang zu bestimmten
Schriften möglich ist, dann ist es unsere Verantwortung, diese Schätze
auszugraben, die der Herr zuvor in einer ganz bestimmten Epoche der Gemeinde
geschenkt hat. Wenn wir dankbar annehmen, was Gott bzw. der Herr Jesus anderen
vor uns geschenkt hat, dann legen wir damit eine gute Grundlage dafür, dass Gott
uns vielleicht Dinge zeigt und schenkt, die vielleicht vorher noch nicht so
offenbar und klar waren. Wie heißt es so schön in Matthäus 13,52: „Er aber
sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der im Reiche der Himmel
unterrichtet ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatze Neues und Altes
hervorbringt.“
Ich möchte besonders die jungen Leute auffordern, nicht gleichgültig über das
hinwegzugehen, was der Herr Jesus seiner Gemeinde geschenkt hat. Es mag zwar
etwas mühsam sein, bestimmte Schriften der Väter zu lesen, weil die Zeit, in der
diese Brüder schrieben, natürlich völlig anders war und auch die Sprache eine
völlig andere war. Wenn man aber einmal gelernt hat, dass es nicht darum geht,
nun die Schriften dieser Brüder auswendig zu kennen, sondern dass es
darum geht, den geistlichen Inhalt mit unseren Worten und in unsere Zeit zu
transportieren, dann werden wir einen sehr großen Segen davon haben und auch
andere können dadurch gesegnet werden. Bibelstudium sollte uns immer dazu
führen, dass wir am Ende größer von unserem Herrn denken. Zu eigen machst du dir
diese Schriften immer dann, wenn sie dich dazu führen, den Herrn anzubeten, oder
wenn du diese Schriften als Herausforderung für deine Hingabe an Christus
ansiehst. Die Gefahr, dass wir die schönsten Wahrheiten nur mit dem Verstand
erfassen, ist sehr groß, wenn sie aber nicht zu deinem Herzen gelangen, sind sie
nicht dein Eigen — du magst vielleicht hier und da Probleme mit der Umsetzung
haben, aber wenn eine Wahrheit dein Herz berührt, dann wird das Auswirkungen
haben in Bezug auf deine Hingabe an Christus oder in der Anbetung des Vaters und
des Sohnes.
Ich freue mich jedenfalls riesig über das, was der Herr Jesus bestimmten Menschen
vor uns und auch in der heutigen Zeit geschenkt hat. Es hat mich so oft
ermuntert und begeistert, so sehr, dass ich nichts von dem missen möchte, was
ich bisher lernen konnte, und ich bekenne, dass es viel weniger ist, als ich
hätte aufnehmen können, wenn ich nur mehr Hingabe in diesen Dingen gezeigt
hätte. In der Ewigkeit werden wir alles in vollkommener Weise erkennen. Wenn wir
uns aber nicht bereits in diesem Leben über Dinge, die unseren Herrn betreffen,
von Herzen freuen können, dann frage ich mich, was wir einmal im Himmel überhaupt
wollen? Dort werden wir bei Ihm sein und an Ihm unser völliges Genüge haben. Das
Großartige ist, dass wir hier bereits damit anfangen können, es ist ein
Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Wenn wir in den Urlaub fahren, dann
beschäftigen wir uns mit dem Reiseziel, damit wir gut vorbereitet sind — ob wir
das wohl auch mit der Reise machen, die alle einmal antreten werden?
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