Die Schriften der Väter (2)
Antwort auf eine Lesermeinung

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 03.10.2005, aktualisiert: 17.12.2018

Folgende Lesermeinung ging zum Artikel „Die Schriften der Väter“ ein:

Lieber Stephan,
du schreibst:

Natürlich ist es eine Gefahr, wenn wir uns einseitig ernähren. Wenn wir „nur“ noch die Bibel oder „nur“ noch die Schriften „der Brüder“ oder „nur“ noch einen ganz bestimmten Bruder lesen würden, dann wäre das sicher sehr einseitig und ungesund.

Dabei stellst du die Bibel und die Schriften der Brüder auf eine Stufe – hast du vielleicht nicht so gemeint, dennoch verhängnisvoll.

Ein weiterer Gedanke: Man sollte die Schriften der „Brüder“ nicht auf Darby und Kelly beschränken, es gab auch Rosenius, Augustinus, Calvin …, die sicher auch alle Brüder waren. Mein geistiger Blick wurde da etwas durch B.P. geweitet, der „ganz alte Brüder“ öfter in seinen Büchern zitiert. Sei herzlich gegrüßt von …

Lieber …,

danke für deine Rückmeldung zu diesem Artikel. Sieh es mir nach, wenn ich ein wenig weiter ausholen muss. Aber dieses Thema ist mir besonders wichtig (typisch, wirst du sicher denken ;-).

Ich gebe zu, dass der Artikel etwas „Brüder“-lastig ist, aber dass ich die Schriften der Brüder auf Darby und Kelly beschränke, wie du schreibst, kann ich nicht sehen. Dass ich die oben Angeführten vielleicht unter anderem im Sinn habe, ist etwas anderes, aber für die Leser ist das nicht ersichtlich, weil ich es bewusst vermieden habe, irgendwelche Namen zu nennen. Ich wende mich hier natürlich in erster Linie an solche, die aus der Brüderbewegung kommen (weil auch aus mehreren Erlebnissen dieser Artikel zustande kam). Mir war diese Einseitigkeit bereits beim Schreiben bewusst, deshalb schrieb ich ja auch im Artikel:

An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass es nicht allein um die Gaben geht, die der Herr der Brüderbewegung geschenkt hat, sondern die der Herr Jesus dem ganzen Leib gegeben hat … Dabei möchte ich natürlich darauf hinweisen, dass wir diese Schriften nicht auf die gleiche Stufe mit der Heiligen Schrift stellen dürfen. Wenn schon die Beröer deshalb so edel waren, weil sie sogar die Schriften von Paulus täglich untersuchten, ob es sich auch so verhielte, wie viel mehr müssen wir die Schriften der Väter anhand des Wortes Gottes prüfen. Es waren auch nur Menschen und wir müssen damit rechnen, dass sie Fehler gemacht haben.

Es kommt vielleicht nicht gut genug heraus, aber in dem Artikel muss man schon drauf achten, wo ich die Brüder ohne oder Anführungszeichen schreibe. Lasse ich die Anführungszeichen weg, dann kann jeder sein Herz öffnen für alle Brüder, die ihm in den Sinn kommen einschließlich der Kirchenväter, denn sie sind ja auch Brüder. In der Erstfassung dieses Artikels habe ich die Kirchenväter sogar noch mit Namen erwähnt. Ich habe aber dann schlussendlich darauf verzichtet, weil es mir auch wiederum zu weit ging, einen Luther oder Calvin lehrmäßig (!) neben z.B. Darby oder Kelly zu stellen, nicht von ihrer Persönlichkeit, sondern von ihrer lehrmäßigen Ausrichtung her.

Ich sehe auch einen Augustinus, Luther, Calvin oder Spurgeon als Gaben an (siehe das Bild im Artikel, wo ich diese Persönlichkeiten absichtlich mit aufnahm), die der Herr seiner Gemeinde gegeben hat, doch fällt es mir schwer, diese so uneingeschränkt hier zu empfehlen (Calvin geht mir z.B. in der Erwählungsfrage viel zu weit – Stichwort: doppelte Prädestination), und ich könnte bei Luther und den anderen ähnliche Dinge anführen, die m.E. keinen geringen Stellenwert einnehmen (wo wirklich fundamentale Wahrheiten berührt werden). Sorry! Aber ich sehe zwischen J.N. Darby und Calvin wirklich einen Unterschied (lehrmäßig), ohne zu verkennen, dass sicher auch ein Calvin für seine Zeit ein bestechender Lehrer war. Denn sicher ist es so, dass ich auch nicht alles uneingeschränkt so sehe (nicht dass es darauf ankäme, aber ich bin in meinem Gewissen ja auch gehalten!), wie irgendein Bruder aus der Brüderbewegung geschrieben hat – doch bei den zentralen Wahrheiten finde ich persönlich die größten Übereinstimmungen.

Nebenbei bin ich davon überzeugt, dass Darby und Kelly (u.a.) auf dem aufbauten, was sie bei den Kirchenvätern fanden – so sind die wesentlichen Wahrheiten (z.B. Rechtfertigung aus Glauben) in den Schriften der „Brüder“ enthalten.

Vielleicht muss ich den Satz, den du zitierst, wirklich noch mal überdenken oder noch einen erläuternden Satz ergänzen, obwohl ich ja bereits im nächsten Absatz klar schreibe, dass man die Bibel nicht auf die gleiche Stufe mit irgendwelchen Schriften stellen darf, seien sie auch noch so wertvoll. Es geht ja gar nicht um die Gewichtung von Bibel, Brüder, Bruder (da wäre es wirklich fatal, die Schriften der „Brüder“ mit der Bibel auf eine Stufe zu stellen), sondern um das Wort „nur“ in Verbindung mit dem Lesen. Und ich halte es – zumindest bei unseren Möglichkeiten – für unverantwortlich, sich darauf zurückzuziehen und sich dabei auch noch geistlich zu dünken, wenn man sagt: „Ich lese nur die Bibel.“ (Wir empfehlen zu diesem Gedanken den Artikel „Ich lese ,nur‘ die Bibel“ von Ch. Briem.) Dabei meint man auch noch, etwas sehr Geistreiches gesagt zu haben. Doch man verkennt die Tatsache, dass der Herr uns gerade durch seine Gaben „zur Vollendung“ bringen möchte (Eph 4,12).

Aber ganz ehrlich: Mir wäre schon ganz recht, die Leute, an die ich mich richte, würden mal mit den Schriften der „Brüder“ beginnen, bevor sie sich an das wagen, was die Kirchenväter schrieben. Denn – wie gesagt – ich glaube, dass „die Brüder“ auf dem aufgebaut haben, was sie von den Kirchenvätern gelernt haben, aber eben auch Dinge korrigiert bzw. neu auf den Leuchter gestellt haben, die vorher nicht klar oder gar nicht gesehen wurden. Diese Brüder gibt es übrigens auch heute noch – Brüder, die auf dem aufbauen, was sie von den Brüdern (inkl. Kirchenvätern) gelernt haben, und die bestimmte Dinge weiterführen bzw. auch Dinge entdecken, die damals vielleicht noch nicht so deutlich waren. Der Herr Jesus hat in jeder Epoche seine Leute und seine Gaben, die Er seiner Gemeinde schenkt.

Ich kenne aus meinem direktem Umfeld einige Brüder (und es sind nicht die schlechtesten!), die durch die einseitige Beschäftigung mit den Kirchenvätern heute einen sehr zweifelhaften Weg eingeschlagen haben und sich zu dem zurückwenden, was längst widerlegt wurde (Bundestheologie, doppelte Prädestination, Unausgewogenheit beim Thema Souveränität Gottes und Verantwortung des Menschen usw.). Wenn man ein gesundes Fundament hat, wie ich es bei B.P. voraussetze, dann kommt man sicher auch mit den Kirchenvätern klar.

Ich sehe heute etwas die Gefahr, dass wir in die Gibeoniter-Falle tappen (Jos 9). Da kamen diese Gibeoniter mit altem Brot an und die Israeliten waren geblendet durch dieses scheinbar so klare Argument. Wir meinen manchmal: Je älter eine Sache ist, desto bibeltreuer muss sie sein. In unseren Kreisen habe ich manchmal den Eindruck, dass man der „Brüder“ ein wenig überdrüssig ist, weil viele meinen, das, was man heute unter den „Brüdern“ sieht, wäre das, was „die Brüder“ damals glaubten und lehrten. Tut mir leid, auch die Bücher von B.P. kämen bei vielen lange nicht so gut an, wenn er mehr Zitate von Brüdern aus der Brüderbewegung zitieren würde (die in vielen Punkten ja nichts anderes gesagt haben). Es ist heute nicht populär, Brüder aus der Brüderbewegung zu zitieren, weil man gleich die Angst haben muss, dass andere, die nicht so stark in der Materie drin sind, denken: „Na, was aus dieser Bewegung geworden ist (Isolation usw.), sieht man ja heute!“ Deshalb zieht man sich auf die Kirchenväter zurück, weil das einen großen Anziehungseffekt hat, weil es eben so alt ist – man möchte zwar auch die kirchlichen Strukturen nicht, aber die sind nicht so präsent wie der überzogene Absonderungsgedanke vieler heutiger „Brüder“.

Lieber …, ich bin sehr dankbar, das du mich auf dieses Missverständnis hingewiesen hast –, doch liegt mir dieses Thema wirklich sehr am Herzen. Vielleicht auch umso mehr deshalb, weil ich nicht das Vorrecht hatte, diese Dinge von Kind auf „verabreicht“ zu bekommen.

Ich grüße dich herzlich im Herrn Jesus.
Dein Stephan

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