Die Kinder Gottes
Johannes 1,10-13; 11,51.52

Edward Dennett

© EPV/SoundWords, online seit: 17.06.2010, aktualisiert: 10.09.2018

Leitverse: Johannes 1,10-13; 11,51.52

Joh 11,51.52: Dies aber sagte er nicht von sich selbst aus, sondern da er jenes Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte.

Joh 1,10-13: Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an; so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Christus, der eingeborene Sohn, hat, wie wir sahen, den Vater kundgemacht und Ihn dargestellt. Sobald aber Gott als Vater offenbart worden ist, müssen auch solche da sein, die die hohe und glückselige Stellung von Kindern Gott gegenüber einnehmen. Und wir finden, dass dasselbe Evangelium, das uns Christus als die Offenbarung des Vaters zeigt, auch zuerst von den Kindern Gottes redet; dies tut es an drei verschiedenen Stellen.

Wenden wir uns zunächst zu Kapitel 11 des Johannesevangeliums. Nachdem Lazarus in Bethanien vom Herrn auferweckt worden war, versammelten sich die Führer des jüdischen Volkes, um zu beraten, was zu tun sei. Sie konnten das herrliche Wunder nicht leugnen, aber indem sie seine göttliche Bedeutung nicht erkennen mochten und ihre Augen vor diesem Beweis der Gottheit Christi schlossen, vielmehr nur ihre eigenen selbstsüchtigen Interessen und Vorteile verfolgten, beschlossen sie, Ihn hinwegzutun, der ihnen so große Unruhe bereitete und die Menge hinter sich herzog. In ihren bösen Plänen dachten sie nur an sich selbst; Gott aber war unsichtbar gegenwärtig. Er vernahm ihre Gedanken und stand im Begriff, ihren Zorn zu seiner eigenen Verherrlichung und zur Ausführung seiner großen Heilsgedanken und ewigen Gnadenratschlüsse zu benutzen. Durch den Mund des Kajaphas ließ Er kundwerden, dass Jesus für das jüdische Volk sterben sollte, was sein Vorsatz von Ewigkeit her gewesen war. Durch den Evangelisten Johannes aber fügt der Geist Gottes dieser Prophezeiung eine andere, größere hinzu, um die größere Tragweite des Todes Christi ans Licht zu stellen: „… und nicht für die [jüdische] Nation allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (Joh 11,52).

Wir hören also hier, dass Gottes Herz sich nach der Sammlung einer Familie von Kindern sehnte und dass der Tod Christi notwendig war, ehe diese Familie gesammelt werden konnte. Sein Tod war nötig, sowohl zur Befriedigung der gerechten Ansprüche Gottes gegenüber der Sünde als auch zur Erlösung seines Volkes. Er war nötig als die Grundlage, auf der der Geist Gottes mit der kostbaren Einladung des Evangeliums in alle Lande ausgehen und die einzelnen Seelen einholen und sammeln konnte, die miteinander die Familie Gottes bilden und so die Erben Gottes und Miterben Christi werden sollten. Wie der Vater nur durch das Leben und den Tod Christi völlig offenbart werden konnte, so konnten auch die Kinder Gottes nur aufgrund des Todes Christi gesucht und gesammelt werden.

Im ersten Kapitel unseres Evangeliums haben wir die zweite Stelle, die von den Kindern Gottes redet. Sie zeigt uns, auf welchem Weg Gott sich aus Sündern seine Kinder wirbt. Es geschieht, und zwar einzig und allein, durch die neue Geburt oder Wiedergeburt. In Übereinstimmung mit dem Charakter des Johannesevangeliums ist uns diese Wahrheit gleich zu Anfang mitgeteilt, wie auch die andere, dass Christus weder in Israel, dem Bundesvolk, noch in der Welt überhaupt Aufnahme fand. In den drei anderen, den sogenannten synoptischen Evangelien, ist dies nicht der Fall. Hier wird Christus dem Volk Israel zuerst als der Messias zur Annahme angeboten; aber es zeigt sich im Verlauf der Geschichte, dass Israel Ihn nicht wollte, Ihn verschmähte und verwarf. Der Evangelist Johannes dagegen stellt Christus von vornherein als den Verworfenen dar. „Er war in der Welt, und die Welt ward durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seinige [Israel], und die Seinigen [die Juden] nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,10.11). Die Welt „kannte Gott nicht“, und Israel „gehorchte dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht“ (2Thes 1,8). Die Welt war blind und Israel war ungehorsam. Und so stellt Johannes die herrliche Person des von Israel und der ganzen Welt Verworfenen, welcher der Sohn Gottes ist, sowie auch den Ausgang, den Er am Kreuz nehmen sollte, in seiner vollen Bedeutung gleich am Anfang deutlich hin, statt wie die übrigen Evangelisten den Verlauf der Dinge abzuwarten. Christus ist also von der Welt nicht erkannt, von Israel verschmäht und verworfen; aber wir finden Einzelne, die Ihn erkennen und aufnehmen. Und diese sind es, aus Israel und den Nationen, die das Recht und die Macht empfangen, Gottes Kinder zu werden. Wir lesen: „So viele ihn [den Sohn Gottes] aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Joh 1,12).

Um aber jede Ungewissheit betreffs der Natur und des Wesens dieser Kinder auszuschließen, fügt der Schreiber hinzu: „… die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13). Es handelt sich also um eine unumschränkte, göttliche Wirksamkeit, betätigt durch eine Macht und durch Mittel, die ganz und gar außerhalb des Menschen liegen und mit denen der Mensch, obwohl er der Gegenstand dieser Wirksamkeit ist, nichts zu tun hat. Das Recht, ein Kind Gottes zu sein, hat also nur der aus Gott Geborene.

Für einen Israeliten hatte das „Geblüt“, also Abrahams Nachkomme zu sein, einen außerordentlichen Wert, denn darin lag die Zugehörigkeit zu dem auserwählten Volk. Jetzt aber, da Christus gekommen ist, kann niemand mehr aufgrund seiner natürlichen Herkunft, und wäre sie noch so hoch, Anspruch erheben, zu Gottes Volk zu gehören oder gar ein Kind Gottes zu sein; sie ist gänzlich beiseitegesetzt. Nichts Geringeres als dies: aus Gott geboren zu sein, ist dazu erforderlich. Es handelt sich nicht nur um eine Aufnahme in die Familie Gottes, sondern tatsächlich um eine neue Geburt. Diese aber kann nur das Resultat einer unumschränkten, göttlichen Wirksamkeit und Macht sein, wodurch diejenigen, die sie an sich erfahren haben, Teilhaber einer neuen Natur, des göttlichen Lebens, geworden sind. Von dieser neuen Natur spricht Johannes, indem er ihrem Charakter seine ganze Aufmerksamkeit zuwendet, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass der Gläubige neben der neuen auch noch die alte Natur in sich trägt: „Jeder, der aus Gott geboren [oder: von Gott gezeugt] ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1Joh 3,9). Die Familie Gottes besteht also aus solchen, die aus Gott geboren sind.

Im dritten Kapitel unseres Evangeliums spricht der Herr von der Macht und dem Mittel, wodurch von Gott aus die neue Geburt herbeigeführt wird: „Es sei denn, dass jemand aus Wasser und Geist geboren werde, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.“ Das Wasser ist hier, wie in der Schrift so oft, ein Bild des Wortes Gottes.[1] Das Wort Gottes ruft und führt unter der Macht des Heiligen Geistes die geistlich toten Seelen zum göttlichen Leben. So lesen wir: „Der Same [des neuen Lebens] ist das Wort Gottes“ (Lk 8,11). Darum schreibt Jakobus an die Gläubigen: „Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt“ (Jak 1,18). Und noch deutlicher sagt uns der Apostel Petrus: „Ihr seid wiedergeboren, nicht aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1Pet 1,23).

Derselbe Apostel Johannes sagt uns indessen noch mehr. Nicht nur sind die Gläubigen, wie wir in seinem ersten Brief lesen, aus Gott geboren: Ihre Stellung und Segnung als Kinder Gottes ist der Ausdruck des Herzens und der Liebe des Vaters. „Sehet“, ruft er aus, „sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen!“ (1Joh 3,1). In der Tatsache, dass wir Kinder Gottes sind, findet die Liebe Gottes ihren Ausdruck; Er wollte uns zu seinem Wohlgefallen, zu seiner Freude haben, und diesen Gnadenratschluss fasste Er „vor Grundlegung der Welt“: „Er hat uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten“ (Eph 1,5.6). Wir können nicht zu großen Nachdruck auf die Tatsache legen, dass wir es einzig und allein der Liebe Gottes verdanken, dass wir seine Kinder sind. Wenn wir zurückdenken und uns fragen, wer wir vordem waren; wenn wir an unseren verlorenen, gottentfremdeten Zustand und daran denken, dass Feindschaft wider Gott der Ausdruck unseres Herzens und der Charakter unseres Tuns war, dann werden wir in etwa die Bedeutung des Ausrufes verstehen und aus der Tiefe unseres Herzens in ihn einstimmen: „Sehet, welch eine Liebe"“

Ja, es ist eine unaussprechliche, unergründliche Liebe, eine Liebe, die ihren Beweggrund nicht in den Gegenständen, denen sie sich zugewandt hat, sondern allein in dem Herzen findet, dem sie entströmt.

So arm und wertlos ich auch sei,
die Liebe legte Wert mir bei.

Wohl mögen wir uns voll Anbetung niederbeugen in dem Bewusstsein, dass wir, die einst armen, schuldigen, gottentfremdeten Sünder, nun Gegenstände dieser Liebe geworden und in ihren Genuss gebracht worden sind, und das für alle Ewigkeit!

Kehren wir indessen noch einmal zu Johannes 1,12 zurück. Da heißt es: „So viele ihn [Christus] aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Nimmt ein heilsbedürftiges Herz das Wort von Christus auf und so Christus selbst als den Erretter, der ihm im Evangelium verkündigt wird, glaubt es an seinen kostbaren Namen, so empfängt es neues göttliches Leben, die neue Natur. Es ist wiedergeboren, aus Gott geboren.

Wie einfach ist dies, so einfach, dass selbst ein Kind es verstehen kann. Der lebendige Glaube an Christus, das herzliche Vertrauen auf seinen Namen ist das erste Kennzeichen des neuen Lebens und zugleich die Hand, die es ergreift. Die bekümmerte, heilsverlangende Seele braucht nicht zu grübeln und in sich selbst zu forschen, wie und wie weit Gott in ihr gewirkt habe; sie hat nur getrost und voll Vertrauen ihren Blick von sich weg auf Christus zu richten. Von Ihm hängt alles ab; in Christus allein ist ihr Heil. Wer Christus im Glauben aufgenommen hat, auf seinen Namen und sein vollendetes Erlösungswerk von ganzem Herzen vor Gott sein Vertrauen setzt, der ist aus Gott geboren. Er hat neues Leben und eine neue Natur. „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1Joh 5,2). Wer Christus nicht besitzt, hat darum auch vor allem nicht das Recht, sich ein Kind Gottes zu nennen; er ist noch geistlich tot, besitzt nur das natürliche, das durch die Sünde verderbte Leben. „Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch“; und „alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und seine Blume ist abgefallen“ (1Pet 1,24). „Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen“ (Röm 8,8).

Der lebendige, durch den Geist Gottes gewirkte Glaube an Christus, sei er auch nur schwach, errettet die Seele. Von dem Augenblick an, wo jemand sich vor Gott verurteilt, nicht mehr auf sich selbst und sein Tun, sondern auf Christus und sein vollendetes Erlösungswerk vertraut, steht er vor Gott in dem vollen Werte Christi und seines vergossenen Blutes da, selbst wenn er dies noch nicht voll und ganz verstehen sollte. Nicht nach dem schwachen Maße, mit dem er selbst das Werk Christi kennt und wertschätzt, ist der Gläubige errettet, sondern nach dem vollkommenen Maße, in dem Gott die Größe und Fülle des Opfers Christi kennt und wertschätzt. Wie bedauerlich ist es nun, dass es tatsächlich in der Christenheit nicht wenige Christen gibt, die vielleicht schon seit Jahren wiedergeboren sind und neues Leben besitzen und dennoch sich nicht der Gewissheit der Vergebung ihrer Sünden erfreuen. Dass sie wiedergeboren sind und göttliches Leben besitzen, erhellt aus ihrer wahren Liebe zu ihrem Erlöser und Herrn und zu seinem Wort und zu den Seinigen, ferner aus ihrem ganzen Tun und Lassen; aber mangelhafte oder gar verkehrte Belehrung trägt die Schuld, dass sie sich nicht ihrer Annahme und Versöhnung bei Gott erfreuen. Und welch ein Verlust für ein gläubiges Herz ist es, wenn es das herrliche Teil und die hohe Stellung nicht kennt und genießt, die es durch das Opfer Christi besitzt! – Auch Gott hat Verlust dadurch; denn wie viel mehr Dank, Anbetung und hingebender Dienst würde Ihm dargebracht werden, wenn jeder, der an Christus glaubt und Ihn aufgenommen hat, sich tatsächlich seiner hohen Vorrechte und Segnungen als gereinigt und wiedergeboren, ja als ein Kind Gottes erfreuen würde!

Wie wunderbar ist diese Tatsache: „So viele ihn [Christus] aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Der Gläubige nimmt, von Gott dazu berufen, befähigt und berechtigt, die Stellung eines Kindes Gottes ein. Etwas Ähnliches war vor dem Kommen Christi unbekannt. Ohne Zweifel waren, wie wir früher schon sagten, die alttestamentlichen Heiligen wiedergeboren, aber da die Versöhnung noch nicht geschehen und der Heilige Geist noch nicht ausgegossen war, weil Jesus, der Sohn des Menschen, noch nicht verherrlicht war, so konnten auch unmöglich Menschenkinder in die wunderbare Stellung von Kindern Gottes erhoben und selbst, wenn dies hätte geschehen können, zu dem Genuss einer solchen Stellung befähigt werden.

Solange nicht das „eine Schlachtopfer für Sünden“ in der Dahingabe Christi dargebracht worden war, konnte kein Gläubiger „ein vollkommenes Gewissen“ besitzen, d.h. ein Gewissen, das betreffs seiner Sünden vollkommen zur Ruhe gebracht ist. Niemand konnte mit Freimütigkeit in der Gegenwart Gottes weilen. Und doch gehört gerade dieses in erster Linie zu dem Verhältnis eines Kindes, dass es ohne jede Furcht und jeden Zweifel mit völliger Freimütigkeit in der Gegenwart des Vaters weilt und sich im Bewusstsein seiner Vaterliebe glücklich daheim fühlt, sich für immer an das Herz des Vaters gebracht weiß. Dies aber ist jetzt, aufgrund göttlicher Gnade und göttlicher Berechtigung, der angewiesene Platz, die vorgezeichnete Stellung eines jeden wahren Gläubigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen und um schwachen Seelen zu dienen, möchten wir, an das Vorhergehende anknüpfend, noch einige Worte hinzufügen betreffs der Frage nach der Vergebung der Sünden. Wir haben bis jetzt nur von der Notwendigkeit der neuen Geburt geredet. Das Wort Gottes aber besteht nicht nur auf der Forderung der Wiedergeburt für jeden Menschen, sondern auch auf der Tilgung seiner Sünden und der Reinigung seines Gewissens vor Gott. Es handelt sich für den Sünder darum, sowohl Leben aus Gott, als Versöhnung mit Gott zu erlangen, der gläubige Christ besitzt beides. Beides: neues Leben und Vergebung hat er zugleich erlangt, als er sich heilsverlangend und vertrauensvoll zu Jesus wandte, dem Sohn Gottes. Wir lesen, dass Gott seinen Sohn sowohl gesandt hat, damit wir durch Ihn leben möchten, als auch damit durch Ihn unsere Schuld gesühnt würde (1Joh 4,9.10).

Der Herr sagt zu Nikodemus: „Ihr müsset von neuem geboren werden“, aber auch: „Der Sohn des Menschen muss erhöht werden“, erhöht am Kreuz, um unsere Schuld zu tilgen durch sein Blut. Der Mensch bedarf nicht nur einer neuen Natur, um Gott nahen und für ewig nahe sein zu können, sondern er braucht auch die Sühnung und Reinigung seiner Sünden. Gott in seiner Heiligkeit konnte einem Menschen nicht das ewige Leben schenken und ihn dabei in seinen Sünden lassen. Welche Gnade aber, dass die Seele beides zugleich und sofort in Jesus findet, was sie nötig hat, um vor Gott und mit Gott in Verbindung und heiliger, glücklicher Gemeinschaft zu sein. – Daher heißt es sowohl: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben“, als auch: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet“ (Joh 3,18.36). Sowohl der Tod als auch die Verdammnis ist für den Gläubigen hinweggetan: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesu sind“ (Röm 8,1). „Über diese hat der zweite Tod keine Gewalt“ (Off 20, 6).

Möchten solche Seelen doch aus Gottes Wort hören und im Glauben erkennen, was sie in Jesus alles besitzen: dass Er „unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25), und dass Gott von ihnen sagt: „Ihrer Sünden und Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken“ (Heb 10,17). Daher lesen wir in Gottes Wort: „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind“[2] (1Joh 2,12). O, welch ein Gewinn für die gläubigen Seelen, wenn sie aus Gottes Wort erkennen: „Ihr alle seid Kinder Gottes durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 3,26). Welcher Gewinn ist dies aber auch, wie wir schon sagten, für Gottes Vaterherz!

Möchten doch auch alle, die bemüht sind, anderen Seelen zu dienen, auf diese Dinge achthaben; möchten sie den Unbekehrten nicht nur die Notwendigkeit der Wiedergeburt, sondern auch ebenso die Notwendigkeit der Versöhnung mit Gott und der Vergebung ihrer Sünden vorstellen. Erst wenn der Mensch seine Sünden fühlt, erwacht in ihm das Bedürfnis nach Heil und Leben. Ach ja, dass Christus mehr in seiner ganzen Fülle den Seelen vor die Augen des Herzens gestellt würde, damit sie sich vor Ihm nicht nur beugen und Ihn im Glauben ergreifen, sondern auch erkennen, was ihr herrliches und ewiges Teil in Ihm ist: „Heilige“ und „Geliebte“ geworden zu sein (Kol 3,12), „geliebte Kinder Gottes“ (Eph 5,1; 1Joh 3,1.2).

Werfen wir jetzt noch einen Blick auf die schon angeführte Stelle in Kapitel 20 des Evangeliums Johannes. Dort hören wir, dass der Herr am Morgen seiner Auferstehung, wie wir schon gefunden hatten, seine Jünger alsbald mit der neuen Stellung, die Er ihnen durch seinen Tod und seine siegreiche Auferstehung erworben hatte, bekanntmacht. „Gehe hin“, sagt Er zu Maria, „zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17).

Welche Gnade und Fürsorge, welche herzliche Liebe unseres Herrn zu den Seinigen offenbart sich darin, dass Er sie, sobald Er Tod und Grab siegreich überwunden hat, nun auch gleich in die Segnungen einführt, die Er ihnen so teuer erworben hat. Ach, wie viel liegt Ihm daran, dass die Seinigen die Liebe seines Gottes und Vaters kennen! Möchten wir daher doch auch allezeit in dieser Liebe ruhen!

Wir sehen aus der Botschaft des Herrn an seine Jünger, dass die Stellung, die Gott, der Vater, uns gegeben hat, nun vor Ihm die gleiche ist, die Christus selbst innehat. Als Mensch nennt Christus Gott seinen Gott, und als Sohn nennt Er Ihn seinen Vater. In dieser doppelten Beziehung zu Gott befand Er sich hier auf der Erde; in ihr befindet Er sich auch jetzt als der Auferstandene und Verherrlichte droben. Daher reden die Apostel in den Briefen oft von dem „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (2Kor 1,3; Eph 1,3; 1Pet 1,3 u.a.m.). Und so wenden auch wir uns im Gebet zu Gott als zu unserem Gott und Vater, weil Er der Gott und Vater unseres Herrn ist, der uns durch die Gnade auf den gleichen Platz und Boden mit sich selbst gebracht hat. Nichts kann uns so wie diese Tatsache die wunderbare Kraft und Wirkung seines Todes und seiner Auferstehung erkennen lassen. Der Herr Jesus führt uns in seine eigene Stellung ein, in den Genuss seiner eigenen Beziehungen zu Gott, dem Vater, und wir dürfen Gott unseren Gott und Vater nennen, wie Er sein Gott und Vater ist. Indessen sollten wir stets eingedenk sein, dass unser Herr, obwohl Er uns also mit sich selbst vor Gott vereinigt hat, doch allezeit den Vorrang behält. Er sagt nicht und konnte nicht sagen im Blick auf uns und sich gemeinsam: „Unser Vater, unser Gott“, sondern wir hören Ihn sagen: „… mein Vater, euer Vater, mein Gott, euer Gott.“ Denn wenn Er sich auch nicht schämt, uns seine Brüder zu nennen, so behält Er doch stets den ersten Platz. Gott hat uns „bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein“, aber der Herr Jesus ist und bleibt stets „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“.

Manche Gläubige fehlen sehr in Bezug auf diesen Punkt; wir finden dies nicht selten in Gebeten und Liedern; da werden Ausdrücke gebraucht, die nicht den Unterweisungen des Geistes Gottes entsprechen. Wenn unser Herr uns in seiner unbegreiflichen Gnade und Liebe in seine eigene Stellung zum Vater bringt und sich herneigt, uns „Brüder“ zu nennen, so haben wir doch keinerlei Recht, Ihn z.B. „unseren Bruder“ zu nennen. Dies wäre völlig unehrerbietig und ungeziemend; es bedeutete, dass wir seine ewige Herrlichkeit, Hoheit und Würde vergessen. So vertraut das Verhältnis auch ist, in das Er die Seinigen eingeführt hat, so innig die Beziehungen und Namen sind, die Er uns gibt, so dürfen wir es doch nie vergessen, und wenn wir seine Liebe wahrhaft schätzen, so werden wir es auch niemals vergessen, dass sein Name über alle Namen ist. Wir werden vielmehr uns selbst vergessen und der Freude unserer Herzen in seiner Gegenwart dadurch Ausdruck geben, dass wir nur Ihn erhöhen, bewundern und anbeten.

Wir schließen dieses Kapitel mit einem Hinweis auf ein Wort in dem herrlichen Kapitel 17 unseres Evangeliums. Hier hören wir den Herrn am Schluss seines wunderbaren, unaussprechlich kostbaren Gebets vor seinem Weggang aus der Welt zum Vater sagen: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf dass die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.“ Hier sehen wir, weshalb der Vater uns offenbart worden ist und weshalb wir in die Stellung von Kindern zu Ihm gebracht worden sind. Der Herr hatte den Seinen den Namen des Vaters[3] kundgetan, und Er versprach, ihn nach seiner Auferstehung durch die Wirksamkeit seines Geistes noch völliger kundzutun, damit dieselbe Liebe, die auf Ihm nicht nur von Ewigkeit her, sondern in besonderem Sinne auch während seines Wandels durch diese Welt geruht hatte, nun auch auf ihnen ruhen und in ihnen sein möchte, d.h., dass diese Liebe auch von ihren Herzen verstanden und genossen werde. So sagt der Herr in Johannes 15,9: „Gleichwie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt.“ Die gleiche wunderbare Liebe, die aus dem Herzen des Vaters in das Herz des Sohnes strömte, während Er hier auf der Erde pilgerte, ist auch das glückselige Teil unserer Herzen und kommt in zweifacher Weise zu uns, sowohl vom Vater als vom Sohn: Der Vater liebt uns und Jesus liebt uns. Wer könnte eine solche göttliche, unergründliche Liebe genugsam preisen? – Als der Herr Jesus auf der Erde war, öffnete sich über Ihm der Himmel und die Stimme des Vaters wurde vernommen: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17). Es war seine eigene persönliche Vollkommenheit und Vortrefflichkeit, die diesen Ausdruck der Liebe des Vaters hervorrief. Aber in Ihm, dem Geliebten, stehen auch wir in der gleichen göttlichen Gunst; auch auf uns, zwar nicht wegen eigener Vortrefflichkeit, sondern weil wir mit der Kostbarkeit Christi bekleidet sind, ruht diese Liebe und das Wohlgefallen des Vaters: Auch wir sind „geliebte Kinder“. Mag ein Kind Gottes selbst über Mangel an Kraft und Treue im Wandel klagen müssen, mag es gar sich zu verurteilen haben, weil es so manches Mal den Heiligen Geist betrübt und den Herrn verunehrt hat (obwohl dies gewiss nicht der Fall sein sollte), so steht es doch in Christus, angetan mit dem ganzen Wert und all der Kostbarkeit seines vollendeten Erlösungswerkes und seiner herrlichen Person vor Gott; ja es darf sich im Heiligen Geist all der Vorrechte und Segnungen eines Kindes Gottes und der Liebe und des Wohlgefallens des Vaters demutsvoll, aber freudig rühmen und erfreuen. Und es wird nach dem Wort des Herrn, wie wir in demselben Gebet hören dürfen, die Stunde kommen, wo selbst die Welt erkennen muss, dass der Vater uns, die Erlösten, seine Kinder, ebenso geliebt hat wie Jesus, unseren Erlöser und Herrn (Joh 17,23).

Möchten wir denn zur Verherrlichung unseres Gottes und Vaters und unseres Herrn Jesus Christus in aller Heiligkeit und Treue vorangehen, um auch im Genuss der Liebe und Huld des Vaters und unseres Erlösers und Herrn zu wandeln, im Vorgeschmack der ewigen Herrlichkeiten und Segnungen des himmlischen Vaterhauses. Bald wird die ganze Familie Gottes gesammelt sein und von Jesus, unserem Herrn, droben eingeführt werden; und Er, der Herzog unserer Seligkeit, der Anführer unserer Errettung, wird die vielen Söhne, die Er zur Herrlichkeit bringt, Gott, dem Vater, darstellen mit den Worten: „Siehe, ich und die Kinder, die du mir gegeben hast“ (vgl. Heb 2,10-13).

O Gott der Liebe, Dich zu kennen,
nun frei von Schuld und ewig Dein,
ja, selbst Dich dürfen Vater nennen,
wie muss es unser Herz erfreun!
Oh, lass in Deiner Lieb’ uns wandeln
inmitten dieser Welt voll Streit,
als Deine Kinder lass uns handeln,
bis wir bei Dir in Herrlichkeit!

 

Anmerkungen

[1] In folgenden Versen erkennt man, dass das Wasser oft ein Sinnbild von Gottes Wort ist, wie auch von dem durch Gottes Wort und Geist gewirkten neuen Leben: Jeremia 2,13; 17,13.15; Hesekiel 36,25.26; Joh 4,10-14; 7,37-39; 15,3; Epheser 5,26; Offenbarung 21,6; 22,17.

[2] So im Urtext und erfreulicherweise jetzt auch so in der revidierten lutherischen Übersetzung.

[3] Wir wiederholen hier, dass der Name in der Schrift stets ausdrückt, was die Person ist. Wenn z.B. die Gläubigen sich im Namen des Herrn Jesus (eigentlich zu dem Namen des Herrn Jesus hin) versammeln, so bedeutet dies, dass sie versammelt sind aufgrund und und in Anerkennung alles dessen, was Christus getan hat und vor allem, was Er sebst ist. So auch hier der Name des Vaters.


Aus dem Buch Die Kinder Gottes , Ernst-Paulus-Verlag
von der SoundWords-Redaktion sprachlich leicht bearbeitet


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