Hindernisse der Jüngerschaft
Aus dem Buch „Wahre Jüngerschaft“

William MacDonald

© Hänssler-Verlag, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 07.09.2018

Leitverse: Lukas 9,57-62

Jeder, der sich anschickt, Christus nachzufolgen, kann sicher sein, dass sich mancherlei Fluchtwege vor ihm auftun werden. Es werden sich ihm zahlreiche Gelegenheiten bieten zurückzuweichen. Andere Stimmen werden auf ihn einreden und ihm vorschlagen, etwas vom Kreuz abzuschneiden. Unsichtbare Mächte stehen bereit, ihn vom Weg der Selbstverleugnung und der Hingabe abzuhalten.

Dies wird eindrücklich dargestellt in dem Bericht der Drei, die Jesu Jünger hätten sein können, die aber anderen Stimmen den Vorrang gegenüber der Stimme Christi einräumten:

Lk 9,57-62: Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hingehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem anderen: Folge mir nach. Der aber sprach: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes. Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Drei nicht namentlich genannte Männer standen Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie fühlten einen inneren Drang, ihm zu folgen, aber sie erlaubten, dass sich etwas anderes zwischen ihre Seele und eine völlige Hingabe an ihn stellte.

Herr Eilig

Wir wollen den ersten „Herrn Eilig“ nennen. Er bot sich begeistert an, dem Herrn überallhin zu folgen. „Ich will dir folgen, wo immer du hingehst.“ Keine Kosten sollten ihm zu hoch sein, kein Kreuz zu schwer, kein Weg zu steinig!

Die Antwort des Heilandes scheint auf den ersten Blick in gar keinem Zusammenhang mit dem bereitwilligen Angebot des Herrn Eilig zu stehen.

Jesus sagte: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.“ In Wirklichkeit war die Antwort des Herrn sehr passend. Es war so, als ob er sagte: „Du erklärst, dass du willens bist, mir überallhin zu folgen, aber bist du auch gewillt, ohne jede Bequemlichkeit auszukommen? Die Füchse besitzen mehr von den Annehmlichkeiten dieser Welt als ich. Die Vögel haben ein Nest, das sie ihr eigen nennen können, aber ich bin ein heimatloser Wanderer auf der Erde, die meine Hände geschaffen haben. Bist du bereit, die Sicherheit eines Heimes zu opfern, um mir zu folgen? Bist du bereit, die normalen Bequemlichkeiten des Lebens aufzugeben, um mir treu ergeben zu dienen?“ Offensichtlich war dieser Mann nicht dazu bereit, denn wir hören in der Heiligen Schrift weiter nichts von ihm. Seine Liebe zur irdischen Bequemlichkeit war größer als seine Hingabe an Christus!

Herr Langsam

Den zweiten Mann wollen wir „Herr Langsam“ nennen. Er kam nicht von sich aus wie der Erste; der Heiland berief ihn vielmehr zum Nachfolger. Seine Entgegnung war keine strikte Ablehnung. Es war nicht so, dass er völlig uninteressiert am Herrn gewesen wäre. Es war da nur etwas, was er gern vorher noch tun wollte. Das jedoch war seine Sünde. Er stellte seine eigenen Ansprüche vor den Anspruch Christi. Achten wir auf seine Antwort: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“

Nun ist es zwar vollkommen in Ordnung, dass ein Sohn seinen Eltern den gebührenden Respekt entgegenbringt, und wenn ein Vater gestorben ist, so liegt es gewiss im Rahmen des christlichen Glaubens, dass man ihm ein würdiges Begräbnis bereitet. Doch eine an sich im Leben angebrachte Höflichkeit wird zur Sünde, wenn sie über die Interessen des Herrn Jesus gestellt wird. Der wirkliche Ehrgeiz dieses Mannes ist aus seinen Worten zu erkennen: „Herr, … ich zuvor“. Die anderen Worte, die er sagte, waren bloß ein Versuch, seinen tatsächlichen Wunsch, sich selbst voranzustellen, zu verbergen.

Offensichtlich hat er nicht begriffen, dass die Worte „Herr, … ich zuvor“ ein Widerspruch und eine Unmöglichkeit in sich sind. Wenn Christus wirklich der Herr ist, dann muss er zuerst kommen. Wenn das persönliche Fürwort „Ich“ auf dem Thron sitzt, hat Christus keine Befehlsgewalt mehr.

Herr Langsam musste erst eine Arbeit vollenden, und er stellte diese Arbeit an die erste Stelle. Es war deshalb angebracht, dass Jesus zu ihm sprach: „Lass die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes.“ Wir können seine Worte auch wie folgt abwandeln: „Es gibt bestimmte Dinge, die ein geistlich Toter genauso wie ein Gläubiger tun kann. Sieh zu, dass du dein Leben nicht mit Sachen zubringst, die ein unbekehrter Mensch genauso gut hätte tun können. Lass die geistlich Toten ruhig die leiblich Toten begraben. Aber – was dich angeht – sei unabkömmlich. Der Haupttrieb dieses Lebens sei, meine Sache auf Erden voranzutreiben.“

Der Preis scheint Herrn Langsam zu hoch gewesen zu sein; er verschwand von der Bühne der Zeit im namenlosen Schweigen.

Wie uns der erste Mann veranschaulicht, dass materielle Bequemlichkeit ein Hindernis für die Jüngerschaft ist, so zeigt uns der zweite, wie die Arbeit oder der Beruf den Vorrang vor dem Hauptzweck eines Christenlebens gewinnen können. Es ist nichts Unrechtes an nichtchristlicher Arbeit. Gottes Wille ist, dass ein Mann für seine Bedürfnisse und für die seiner Familie arbeiten soll, aber das Leben wahrer Jüngerschaft gebietet es, dass wir das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit als Erstes suchen, dass ein Gläubiger sein Leben nicht damit verbringen soll zu tun, was die Unbekehrten ebenso gut, wenn nicht besser, erledigen können, und dass die Ausübung einer Beschäftigung nur dazu dient, für die laufenden Bedürfnisse zu sorgen, während die Hauptberufung eines Christen ist, das Reich Gottes zu predigen.

Herr Einfach

Der dritte Mann soll „Herr Einfach“ genannt werden. Er gleicht dem ersten insofern, als auch er sich freiwillig anbietet, dem Herrn zu folgen. Dem zweiten ist er darin ähnlich, dass er die gleichen Worte des Widerspruchs gebraucht: „Herr, … ich zuvor“. Er sagt: „Herr, ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.“ Wiederum müssen wir zugeben: An seiner Entgegnung ist nichts Falsches. Es steht nicht im Gegensatz zu Gottes Gebot, liebevolle Anteilnahme an seinen Verwandten zu nehmen oder die Regeln der Höflichkeit zu beachten, wenn man sie verlässt. Worin hat also dieser Mann versagt? Es war dies: Er gestattete der zärtlichen, natürlichen Verbundenheit zu seiner Familie, Christus von seinem Platz zu verdrängen.

So sagte ihm der Herr Jesus mit durchdringender Einsicht: „Wer seine Hand an den Pflüg legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ Mit anderen Worten: „Meine wirklichen Jünger sind nicht aus solch einem egoistischen, weichlichen Stoff gemacht wie du. Ich brauche Menschen, die bereit sind, auf häusliche Bindungen zu verzichten; solche, die nicht von sentimentalen Angehörigen abgelenkt werden; solche, die mich über alles in ihrem Leben stellen.“ Wir müssen annehmen, dass Herr Einfach Jesus verließ und traurig seiner Wege ging. Seine ehrliche Absicht, ein Jünger zu sein, zerbrach am Felsen zu angenehmer Familienbande. Vielleicht war es eine weinende Mutter, die schluchzte: „Du wirst das Herz deiner Mutter brechen, wenn du aufs Missionsfeld gehst!“ Wir wissen es nicht. Alles, was wir wissen, ist, dass die Bibel gnädig davon absieht, den Namen dieses verzagten Mannes zu nennen, der – indem er sich zurückwandte – die größte Gelegenheit seines Lebens versäumte und die Inschrift auf seinem Grabe verdiente: „Nicht geschickt zum Reich Gottes“.

Zusammenfassung

Dieses sind also drei der Haupthindernisse für die Jüngerschaft, dargestellt anhand von drei Männern, die nicht gewillt waren, den ganzen Weg mit dem Herrn zu gehen.

  • Herr Eilig – die Liebe zur irdischen Bequemlichkeit
  • Herr Langsam – der Vorrang einer Beschäftigung oder eines Berufes
  • Herr Einfach – die Vorrangstellung zärtlicher Familienbande

Der Herr Jesus ruft auch heute noch – wie er schon immer gerufen hat – Männer und Frauen, die ihm tapfer und hingegeben folgen wollen.

Die Versuchung zum Zurückweichen ist noch immer da, und sie tritt mit bittenden Worten an uns heran: „Schone dich doch! Das sei ferne von dir!“ Nur wenige sind bereit, darauf zu antworten:

Jesus, dein Kreuz will ich tragen,
will verlassen Welt und Sünd.
Gern will ich Verfolgung leiden,
du liebst mich ja als dein Kind.

Ich will folgen dir, mein Heiland,
du vergossest dein Blut für mich.
Ob die Welt mich auch verachtet:
Du verlässest mich ja nicht!

Lass in dir mich ganz verlieren,
dieser Welt gestorben sein.
Du alleine sollst mich führen,
du bist mein und ich bin dein.

Mögen Freunde mich verlassen,
mein Erbarmer bleibt mir doch.
Mag die ganze Welt mich hassen,
liebst du mich, mein Heiland, noch.

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Aus dem Buch Wahre Jüngerschaft, Hänssler-Verlag, 1971, S. 25–30

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