Gottes Souveränität bei der Erlösung des Menschen (1)
Gottes Souveränität bei der Erprobung des verlorenen Menschen

Roy A. Huebner

© SoundWords, online seit: 07.10.2007, aktualisiert: 09.09.2018

Die Bedeutung der zwei Adame

1Kor 15,45-49: So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde eine lebendige Seele“ [1Mo 2,7]; der letzte Adam ein lebendig machender Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche; danach das Geistige. Der erste Mensch ist von der Erde und Staub; der zweite Mensch vom Himmel. Wie der von Staub ist, so sind auch die, die von Staub sind; und wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen. Und wie wir das Bild dessen vom Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen.

Die Bedeutung und der Einfluss der zwei Adame – des ersten Menschen und des zweiten Menschen – wurden von J.N. Darby herausgearbeitet. Dieses Thema lässt sich in all seinen Werken finden. Er bemerkte:

Der erste bedeutende Gedanke, der der Offenbarung Gottes ihren Stempel aufprägt, ist der der zwei Adame: des ersten und des zweiten Menschen; des verantwortlichen Menschen und des Menschen nach Gottes Ratschlüssen. Während Gott den Grundsatz der Verantwortlichkeit bekräftigt, offenbart Er in diesem zweiten Adam sowohl sich selbst als auch seine souveränen Ratschlüsse und die durch Gerechtigkeit regierende Gnade. Diese beiden Grundsätze herrschen die gesamte Bibel hindurch vor. Gottes Güte zeigte sich in seinen Wegen bis zum Kommen seines Sohnes immer wieder. Doch war die Gnade in der ganzen Eindringlichkeit des Begriffs bis zu diesem Zeitpunkt nur prophetisch offenbart und außerdem noch verschleiert, um das dann bestehende Verhältnis des Menschen zu Gott nicht zu stören, und sie tauchte oft in Formen auf, die nur verstanden werden können, wenn das Neue Testament uns den Schlüssel dazu geliefert hat.[1]

„Die Gnade in der ganzen Eindringlichkeit des Begriffs“ war verschleiert, „um das dann bestehende Verhältnis des Menschen zu Gott nicht zu stören“, bis der Sohn kam. Doch als der Sohn tatsächlich kam, gab es Einen hier auf Erden, der „voller Gnade und Wahrheit“ war (Joh 1,14). Er wurde dem ersten Menschen in seinem gefallenen Zustand – nämlich in seiner verantwortlichen adamitischen Stellung unter der Erprobung – vorgestellt, um festzustellen, ob der Mensch wiederherstellbar wäre. Diese Erprobung (hierbei wurde der Verantwortlichkeit des Menschen solch ein Mensch „voller Gnade und Wahrheit“ vorgestellt) geschah vor dem Kreuz. Weil der Mensch Christus und den Vater in Ihm hasste (Joh 14,9-11; 15,24), brachte er Ihn ans Kreuz und löste sich so aus „Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Denn wenn der Mensch überhaupt religiös ist, dann will er eine Religion der eigenen Anstrengungen und Werke haben und keine Religion der Gnade und Wahrheit. So ist der erste Mensch. Gott begann auf seine eigene Weise mit dem ersten Menschen:

Gott begann nicht damit, dass Er seine Ratschlüsse zu erkennen gab[2]; Er erschuf den ersten Menschen in Verantwortlichkeit, und Er fuhr damit fort bis zum Kreuz. Dann wurde das zusätzliche Zeugnis des Stephanus abgelehnt, und nachdem das Fundament in Gerechtigkeit gelegt worden war, wurden die Ratschlüsse Gottes, die bereits vor der Welt existierten, bekannt. Es sind zwei ganz unterschiedliche Dinge: zum einen diese Ratschlüsse Gottes und das, was Er gibt, und zum anderen unsere Verantwortlichkeit: Die Geschichte des ersten Menschen ist die Geschichte unserer Verantwortung. Es gibt keinen Grund, weshalb ich dieselbe Herrlichkeit haben sollte wie der Sohn Gottes; dies hat mit meiner Verantwortlichkeit nichts zu tun. Wir erlangen beides durch das Kreuz: Unsere Verantwortlichkeit wurde übernommen, und die Grundlage für die Ratschlüsse Gottes wurde gelegt (2Tim 1,9; Tit 1,2). Die Schulden eines Menschen mögen bezahlt sein, und doch kann er danach nichts haben. Dies ist nicht die Art und Weise, wie Gott mit uns gehandelt hat; unsere Schulden sind bezahlt, und Gott gibt uns darüber hinaus, „dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein“ (Röm 8,29).[3]

Wir müssen erkennen, dass wir von Natur aus zum Geschlecht des ersten Adam zählen, zum ersten Menschen. Gottes Erprobung des Menschen im Alten Testament bedeutet, dass Menschen erprobt werden, die zum ersten Menschen, also zu dem gefallenen Menschen, zählen, gleichgültig, welche Form diese Erprobung auch immer annahm. Es gibt nur zwei Menschen vor Gott. So ist die Erprobung im Alten Testament die Erprobung des ersten Menschen, das heißt des gefallenen Menschen, um festzustellen, ob der Mensch in der Stellung des gefallenen Adams wiederherstellbar wäre. Die Erprobung soll Gott nicht darüber unterrichten, sondern beweisen, dass der Mensch nicht wiederherstellbar war. Diese Erprobung des gefallenen ersten Menschen war beendet, als der erste Mensch den zweiten Menschen ans Kreuz brachte. Die Erprobung des ersten Menschen in seinem gefallenen Zustand – der nach dem Fall vor Gott in der Stellung des ersten Adam war –, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre, wurde in mehreren Veröffentlichungen, die bei Present Truth Publishers[4] erhältlich sind, untersucht. Dieses Material, wie es im Zusammenhang mit der dispensationalen Wahrheit dargelegt wurde, soll hier nicht noch einmal behandelt werden. Stattdessen werden andere Erwägungen, die dieses Thema betreffen, im Zusammenhang mit dem allgemeinen Thema dieses Buches besprochen.

Gott ist nicht der Urheber des Bösen

Tit 1,2: Gott kann nicht lügen.

Jak 1,13: Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht; denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand.

1Pet 1,16: Seid heilig, denn ich bin heilig.

Das Wort „heilig“ ist hagios. J.N. Darby definiert es in einer Fußnote zu Hebräer 7,26:

Wenn sich dieses Wort auf Gott bezieht, kennzeichnet es Ihn als heilig, das Gute und das Böse vollkommen kennend und unbedingt das Gute und nichts Böses wollend.

Warum wurde Christus in den drei Stunden der Finsternis am Kreuz verlassen?

  • Ps 22,4: Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels.

  • 2Kor 5,21: Den … hat er für uns zur Sünde gemacht.

  • 1Pet 2,24: Er hat selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat.

Dort zeigte sich, was Gott als Licht ist – und was ist die Botschaft?

  • 1Joh 1,5: Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: dass Gott Licht ist, und gar keine Finsternis in ihm ist.

Finsternis ist Abwesenheit von Licht. Gott ist Licht und so kann implizit keine Dunkelheit in Ihm sein, und doch wird uns noch zusätzlich versichert, dass in Ihm gar keine Finsternis ist. Wenn Er das moralisch Böse[5] erschaffen hätte, wäre Gott nicht Licht und gäbe es Dunkelheit in Ihm. Vielmehr richtet Gott moralisch Böses – niemals erschafft Er es. Gott ist nicht dadurch eingeschränkt, dass Er das moralisch Böse nicht erschafft (eigentlich: nicht erschaffen kann).

J.N. Darby bemerkte:

Es ist ein grober Fehler, anzunehmen, dass es Gott einschränkt, nicht der Urheber des Bösen zu sein. Er kann, was seine Macht angeht, alles tun. Einschränken aber bedeutet, etwas daran zu hindern, sich in die Richtung fortzubewegen, die es normalerweise einschlagen würde oder zumindest einschlagen könnte. Doch es gibt in Gott nichts Böses, woran Er gehindert werden könnte. Macht an sich erschafft nicht das Böse. Wenn Gott der Urheber des Bösen wäre (mit Ausnahme von Strafen und körperlichem Unheil), würde Ihn das in dem einschränken, was Er ist: gut.[6]

Schlagen wir einmal in einer Konkordanz die Schriftstellen nach zu den Wörtern „heilig“ und „Heiligkeit“, die sich auf Gott und auf den Herrn Jesus beziehen. Die Seraphim zum Beispiel verkünden die dreifache Heiligkeit Gottes (Jes 6,3; s. Off 4,8).

W. Kelly stellte fest:

Das Böse [evil] hat nichts mit der Schöpfung zu tun, höchstens insofern als es mit ihr unvereinbar ist. Dabei geht es hier nicht um Übel [evil] im Sinne von körperlicher Züchtigung bzw. Strafe, denn diese wird hauptsächlich von Gott geschickt. Aber das moralisch Böse in irgendeinem Wesen steht im Widerspruch zu der Beziehung, in die Gott dieses Wesen gesetzt hat. Es ist daher weder in Gott noch von Gott, da es ein Versagen in Bezug auf das, was zuvor als Frucht des Wohlgefallens Gottes existierte, ist. Gott lässt es gleichwohl im Hinblick auf Regierung und Erlösung zu. Folglich verließen die Engel ihren ersten Stand. Satan stand (oder steht) nicht in der Wahrheit und Adam fiel aus seiner ursprünglichen Unschuld heraus. Dies ist keineswegs eine Beschränkung göttlicher Macht, ganz im Gegenteil: Es ist gerade der Irrtum, den ich bekämpfe, der seine Güte und seine Wahrheit einschränkt. Es ist unmöglich, dass es in oder aus Gott das Gegenteil dessen geben könnte, was Er ist: Er ist gut, Er allein. Im Geschöpf kann das Böse leicht vorhanden sein, und das ist es auch, wo die Schöpfung nicht von Gott erhalten oder durch seine Gnade erlöst wird.[7]

Gott erschuf den Menschen nicht in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet; Er brachte die Welt nicht in ihre moralische Unordnung, ganz zu schweigen von ihrer physischen Not. Jemand, der sich ein göttliches Wesen vorstellen kann, das den Menschen so geschaffen hätte, wie er ist, und die Welt, so wie sie ist, muss die Vorstellung von einem Dämon, einem Ahriman [böser Geist aus dem Zoroastrismus] haben und nicht von dem wahren Gott. Dass unbegrenzte Macht den Menschen so geschaffen hätte, dass der Mensch ein Opfer solchen Leides wäre, dass sein Herz von solch vielfältigem, starkem und unaufhörlichem Elend in Verzweiflung getrieben würde, dass gemäß dem Wort von Gott selbst das Böse sogar seiner Natur angeboren wäre (eine Lehre, die von den Tatsachen des Alltags untermauert wird) – jemand, der sich Gott so vorstellen kann, dass Er den Menschen so erschaffen und in solch eine Welt gestellt hätte, der hat die unwürdigste Vorstellung von Gott. Solch eine Vorstellung könnte selbst der Rationalismus hervorbringen. Nur das Wort Gottes liefert den Schlüssel und erklärt dieses ansonsten unergründliche Rätsel. Gemäß diesem Wort machte Gott den Menschen rechtschaffen; die Welt und jedes Geschöpf in ihr formte Er gut; aber der Mensch entfernte sich von Gott und verlor Ihn moralisch. Kein Wunder, dass Elend entstanden ist, wenn die Grundlagen vom Kurs abgekommen sind, das heißt, wenn der Mensch Gott verlassen hat und durch Rebellion, die sich selbst erhöht hat, gefallen ist; denn die einzig mögliche Quelle des Glücks liegt in der Gemeinschaft Gottes mit seinen Geschöpfen. Die Sünde zerstört diese Gemeinschaft unweigerlich; und nachdem der Mensch Gott verloren hat, wird er zum Opfer all des Bösen, das der Feind Gottes in die Welt zu bringen vermag, um den Menschen weiter und wenn möglich unrettbar von Gott zu trennen. Dies ist der Bericht der Heiligen Schrift, und es gibt keinen anderen, der mit ihm konkurrieren oder alles erklären könnte, um entweder Gott zu rechtfertigen oder den Zustand des Menschen zu erklären. Gott selbst zum Urheber des moralisch Bösen im Menschen zu machen, ist abscheuliche Bosheit, und das menschliche Gewissen weiß das auch, selbst wenn der Mensch sich gern entschuldigen möchte. Hier also am Anfang kommt der ungeheure und einzigartige Wert des Wort Gottes ins Spiel …[8]

Darüber hinaus ist gerade die Ausübung der Unabhängigkeit des Willens die Wurzel des Bösen:

Der Geist des Gehorsams ist das große Geheimnis aller Gottesfurcht. Die Quelle alles Bösen ist von Anfang an die Unabhängigkeit des Willens gewesen. Gehorsam ist der einzige rechtmäßige Zustand des Geschöpfes oder Gott wäre nicht länger der Höchste, Er würde aufhören, Gott zu sein. Wo Unabhängigkeit ist, da ist immer Sünde. Wenn wir diese Regel im Gedächtnis behielten, würde sie uns wunderbar helfen, indem sie unser Verhalten lenken würde.[9]

Der einst schirmende, gesalbte Cherub (Hes 28,14), der von seinem Platz fiel und in der Welt, in der er die Frau (Eva) betrog, zur Macht hinter dem Fürsten von Tyrus wurde (Hes 28,2), war ursprünglich in Unabhängigkeit [von Gott] seinem eigenen Willen gefolgt. Diese Unabhängigkeit des Willens flüsterte er im Garten Eden dem Menschen durch die Frau ein, und Adam, so scheint es, folgte ihr mit offenen Augen (1Tim 2,14). Adam hatte vor dem Fall keine „alte Natur“. Er übte seinen Willen im Ungehorsam aus, und in dieser Betätigung seines Willens liegt das Wesen der Sünde. Adams Nachkommen sind seitdem immer (Röm 5,12) Sklaven der Unabhängigkeit des Willens gewesen, wie man in Römer 8,7 und 3,10-18 lesen kann. Es gab nur einen Menschen, der nicht so war (Joh 8,29; 17,4), und Er ist nun der letzte Adam (1Kor 15,45), sozusagen das Haupt eines anderen Geschlechts.

Die Natur des Falls

Im Garten Eden hatte Adam einen moralisch freien Willen Gott gegenüber

Im nicht gefallenen Adam gab es nichts Böses. Es gab keine innere Veranlagung zum Bösen. Er war Gott unterworfen und bekam nur ein Gebot (ein Gesetz, wenn man so will, und nur eines), ein Gebot, dem er sich aus freien Stücken entschloss, nicht zu gehorchen. Der Feind kam von außen und begann mit der Frau, die betrogen wurde (s. 1Tim 2,14). Dabei hatte er es auf Adam, auf das Haupt der irdischen Ordnung, abgesehen, so dass alles, was Adam untergeordnet war, fiel. Das Wort Gottes spricht nicht davon, dass Adam betrogen worden wäre, sondern dass er ungehorsam war (Röm 5,19). Er ging sehenden Auges in die Sünde, er wusste, dass er ungehorsam war. Dies war das Folge davon, dass er nicht gehorsam blieb, sondern stattdessen in Ungehorsam seinen eigenen Willen ausübte. Adam fiel nicht von Gott durch Zwang oder durch irgendeine Notwendigkeit, die Gott ihm auferlegt hätte. Es war die Ausübung seines moralisch freien Willens Gott gegenüber.

Durch den Fall verlor Adam den moralisch freien Willen Gott gegenüber und nahm die „Sünde im Fleisch“ an

Als Folge des Sündenfalls wurde sein Wille in die Sklaverei dessen gebracht, was Römer 8,3 die „Sünde im Fleisch“ nennt. Die „Sünde im Fleisch“ war vor seinem Ungehorsam kein Teil des Menschen. Wir nennen dies die alte Natur. Also hatte Gott bereits den moralisch freien Willen im Menschen geprüft. Und nachdem der Mensch gefallen war, begann eine Prüfung völlig anderer Art, nämlich um festzustellen, ob der Mensch wiederherstellbar wäre. Die Geschichte des Alten Testaments bis zum Kreuz ist die Geschichte dieser Erprobung auf unterschiedliche Art und Weisen.

Tatsache ist, dass der Mensch den moralisch freien Willen Gott gegenüber sowie auch die Fähigkeit zu gehorchen verloren hat. Er wurde ein Sklave der „Sünde im Fleisch“ (Röm 8,3), wie Römer 6 sehr deutlich klarmacht. Der Wille des Menschen wurde nach dem Sündenfall der Lenkung durch die „Sünde im Fleisch“ unterworfen, und dieser Zustand ist von dem Zustand Adams vor dem Fall völlig verschieden. Die „Sünde im Fleisch“ ist in Adams gesamter Nachkommenschaft zu finden.

Der Römerbrief befasst sich bis Römer 5,11 mit Sünden und von Römer 5,12 bis Römer 8 geht es um Sünde – die Wurzel der Sünden, die im gefallenen Menschen Sünde genannt wird. Römer 5,12-21 betrachtet die beiden Häupter, Adam und Christus; Römer 6,1–7,6 betrachtet zwei Herren; Römer 7,7-25 spricht von zwei Naturen und von der Befreiung aus der Sklaverei der „Sünde im Fleisch“, welche wir die alte Natur nennen; Römer 8 spricht von christlicher Freiheit. Die „Sünde im Fleisch“ bleibt während des Lebens eines Christen hier auf der Erde vom Wesen her unverändert erhalten (Röm 7,25). Ein „Gesetz“ ist ein feststehendes Wirkungsprinzip, und „das Gesetz der Sünde“ hat einen feststehenden Charakter. Das Geschlecht der Menschen ist in seinem Haupt gefallen; nämlich „Adam-gefallen“.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass Adam vor dem Fall nicht heilig war. Er wusste nicht, was Gut und Böse war. Dies ist damit gemeint, wenn es heißt, dass Adam unschuldig war. Heiligkeit ist nicht Unkenntnis von Gut und Böse. Gott ist heilig. Der Herr Jesus war heilig, unschuldig, unbefleckt sowie von Sündern abgesondert. Er wurde heilig geboren (Lk 1,35). Gott weiß um Gut und Böse, und Er weist das Böse von Natur aus zurück. Vor dem Fall besaß Adam eine menschliche Natur in einem Zustand der Unschuld. In dem Zustand der Unschuld gibt es kein Wissen um Gut und Böse.[10] Als eine Folge des Falls erwarb Adam das Wissen um Gut und Böse, wie die Schlange gesagt hatte, aber er hatte nicht länger den moralisch freien Willen Gott gegenüber, um Ihm zu gefallen. Die „Sünde im Fleisch“ hatte nun die Macht über seinen Willen. Nun gab es in ihm einen neuen Handlungsgrundsatz, der den Menschen in die Knechtschaft unter das, was die Schrift „Sünde im Fleisch“ (Röm 8,3) nennt, brachte. Dieser Grundsatz war nicht im Menschen, als er sich im Zustand der Unschuld mit einem moralisch freien Willen Gott gegenüber befand. Nun aber war dieser Grundsatz in ihm (und in Eva), und folglich auch in seiner gesamten Nachkommenschaft. Durch den Fall des Hauptes … ist die Sünde in die Welt gekommen … und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen …, weil sie alle gesündigt haben (Röm 5,12).

Das, was „Sünde im Fleisch“ genannt wird, ist eine moralische Natur – völlig im Gegensatz zu der moralischen Natur, die wir von Gott in der neuen Geburt empfangen, wenn wir von Gott geboren werden. Neben der menschlichen Natur, die der Mensch hat – gleichgültig, ob er gefallen oder nicht gefallen ist – hat der Gläubige zwei Naturen: das, was wir die „alte Natur“ nennen (d.h. Sünde im Fleisch), die er vom gefallenen Adam empfangen hat, und die neue Natur, die er von Gott in der neuen Geburt empfangen hat[11].

Der Mensch ist völlig verloren – völlig verdorben

Adams Zustand wechselte von Unschuld zum Bösen, und er verlor den freien Willen, den er vor dem Fall hatte. Adam verlor seine Unschuld, und sie ist nicht wiederherstellbar. Die Menschen sind nicht fähig, sie wiederherzustellen. Die Unschuld war völlig verloren und völlig zerstört. Der moralisch freie Wille Gott gegenüber war völlig verloren, völlig zerstört, und er ist nicht wiederherstellbar.

Nun gab es eine große Kluft zwischen dem Zustand, in dem Adam einen freien Willen hatte, und dem nachfolgenden Zustand, in dem sein Wille unter der Herrschaft der „Sünde im Fleisch“ war. Die Behauptung, der Mensch habe jetzt einen moralisch freien Willen Gott gegenüber, leugnet in Wirklichkeit die wahre Natur des Falls. Letztlich leugnet diese Ansicht das Verlorensein des Menschen. Da nun die Heilige Schrift klar aussagt, dass der Mensch verloren ist, müssen diejenigen, die wollen, dass der Mensch einen moralisch freien Willen Gott gegenüber hat, denken, dass der Mensch zwar verloren ist, aber nicht dermaßen verloren; dass er nicht völlig verloren ist, sondern nur teilweise verloren; dass er wiederherstellbar ist, wenn er nur seinen moralisch freien Willen Gott gegenüber ausübt.

Die Worte „völlige Verdorbenheit“ werden in diesem Buch nicht verwendet werden, um den verlorenen Zustand des Menschen zu beschreiben. „Verloren“ beschreibt ihn hinreichend. Es ist eine Schande, dass wir die Worte „völlig verloren“ gebrauchen müssen, um den wahren Zustand des Menschen, nämlich den der Verlorenheit, zu beschreiben. Dies ist jedoch notwendig aufgrund der Arminianisierung des Wortes „verloren“, nach der es „verloren, aber nicht dermaßen verloren“ bedeutet. In diesem Buch bedeuten „verloren“ und „völlig verloren“ dasselbe, nämlich, dass der Mensch derart von Gott entfremdet ist, dass er unfähig ist, seinen Weg zurückzufinden, selbst wenn ihm ein Licht vorgehalten wird. Diese Entfremdung von Gott wird im Römerbrief dargelegt: Gefallene Menschen leben „im Fleisch“ (was ihre Stellung vor Gott betrifft, vor dem sie, in Adam gefallen, in der Verantwortung stehen), sie werden gemäß Römer 8,3 und Römer 6 von der „Sünde im Fleisch“ beherrscht, und das folgende Urteil ist über sie gesprochen:

  • Röm 8,7.8: Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; denn sie ist dem Gesetz nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen.

„Denn sie vermag es auch nicht“ ist eine direkte Aussage über die Unfähigkeit. Der Römerbrief sieht den Sünder also als im Fleisch lebend und vor Gott davonlaufend. Epheser 2,1-5 zeigt einen anderen Aspekt der Unfähigkeit des Menschen auf. Er wird dort als geistlich tot in Übertretungen und Sünden beurteilt, und die Verse 5 und 10 zeigen, dass die solchermaßen Toten Wiederbelebung (das Lebendigmachen) und den Schöpferakt Gottes benötigen. Wir werden weitere Schriftstellen betrachten, die Unfähigkeit des Menschen lehren, und mag man noch so viele Aufrufe Gottes an die Menschen, doch an das Evangelium zu glauben, zitieren – sie werden an der biblischen Lehre bezüglich dieser Tatsache nichts ändern. Gottes Aufrufe stellen den Menschen in die Verantwortlichkeit und legen seine Verlorenheit bloß.

Weil Erlösung ein Geschenk ist, wird gegen die Tatsache der menschlichen Unfähigkeit eingewendet: „Welche Fähigkeiten braucht man, um ein Geschenk anzunehmen?“ Die arminianische Antwort ist: „Natürlich keine.“ Diese Antwort setzt das voraus, was bewiesen werden muss. Die Frage und Antwort beweisen höchste Unwissenheit darüber, was es heißt, verloren zu sein. Die Antwort ist, dass man moralische Fähigkeit benötigt, um Gottes Geschenk der Erlösung anzunehmen – und verlorene Menschen haben diese moralische Fähigkeit nicht, weil ihr Wille unter der Herrschaft des „Gesetzes der Sünde“ (Röm 8,3.7 usw.), die in ihnen ist, steht.

Ich glaube nicht, dass J.N. Darby in seinen Schriften die Worte „völlige Verdorbenheit“ [total depravity] benutzte, sondern vielmehr, dass der Mensch „völlig verloren“ [totally lost] ist. Dies ist auch bei W. Kelly der Fall, wenn dieser auch oft die Formulierung „völliger Bankrott“ [total ruin] gebrauchte. Die Beziehung des Menschen zu Gott wurde völlig zerstört, und er ist völlig verloren. Adams Unschuld und sein moralisch freier Wille Gott gegenüber waren verloren, völlig zerstört. Der Zustand der Menschen ist folgendermaßen beschrieben:

  • Eph 4,18: Die Nationen sind … verfinstert am Verstand, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens.

J.N. Darby sagte treffend:

Die Lehre vom freien Willen dient der Anmaßung des natürlichen Menschen, er sei nicht gänzlich verloren, denn genau darauf läuft sie hinaus.[12]

So verlor Adam seinen moralisch freien Willen Gott gegenüber. Stattdessen war jetzt sein Wille von der Sünde im Fleisch gebunden. Seine Nachkommen haben dieselbe Sünde im Fleisch in sich und sind gleichermaßen gebunden. Sie sind verloren und haben keinen moralisch freien Willen Gott gegenüber, da dieser beim Fall verlorenging, und sie sind durch die Sünde im Fleisch gebunden. Es ist wichtig, zu verstehen, dass es vor Gott nur zwei Menschen gibt: den ersten und den zweiten Menschen, Adam und Christus (1Kor 15,47). Alle Menschen, die auf natürlichem Weg in diese Welt hineingeboren werden, stehen in dem ersten, gefallenen Menschen vor Gott. Also gibt es zwei Adame (1Kor 15,45)[13], und die Menschen befinden sich unter dem gefallenen Adam als ihrem Oberhaupt. Im Zustand der Unschuld hatte er keine Nachkommen, sondern erst, als er bereits gefallen war. Seine Nachkommen haben am Fall und an seinen Auswirkungen teil und werden, was ihre Stellung vor Gott betrifft, als in Adam betrachtet. Ihre Stellung vor Gott ist eine Stellung der Verantwortlichkeit.

Erinnern wir uns daran, dass in Adam Unschuld und moralisch freier Wille Gott gegenüber unter den günstigsten Umständen erprobt wurde und beide verlorengingen. Danach begann die Erprobung des gefallenen Adam, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre. Diese Erprobung endete am Kreuz. Der erste Mensch war in einem gefallenen, bösen Zustand und nicht wiederherstellbar.

Bevor wir die alte Natur näher betrachten, sollten wir einige Dinge bezüglich der Zustände der menschlichen Natur beachten. Ein Mensch könnte sich in einem Zustand der Unschuld, in einem gefallenen Zustand, in einem heiligen Zustand und in einem verherrlichten Zustand befinden. Der zweite Mensch, der Herr Jesus, war „das Heilige“ (Lk 1,35) und hielt seine menschliche Natur in einem heiligen Zustand.[14]

Nun ist Er außerdem noch in einem verherrlichten Zustand. Zur gegebenen Zeit werden wir seinem Bild gleichgemacht werden (Röm 8,29) und werden völlig sowohl in einem heiligen als auch in einem verherrlichten Zustand sein.

Was ist „Sünde im Fleisch“ und wie beeinflusst sie den Menschen?

Im Sündenfall erwarb der Mensch eine Veranlagung zum Bösen. Die Veranlagung zum Bösen ist ein aktiver (wie sollen wir es nennen?) Grundsatz des Widerstandes gegen Gott, der nun zusammen mit dem Willen in der Seele wohnt. Die Seele ist der Sitz der Persönlichkeit, der Gefühle und des Willens. Wir bezeichnen diese Veranlagung zum Bösen, die beim Sündenfall angenommen wurde, als „die alte Natur“. Sie ist nicht das, was mit menschlicher Natur gemeint ist oder mit „Natur“ in 1. Korinther 11 (nämlich die Schöpfungsordnung), sondern etwas, was im Sündenfall zu einer Person hinzugefügt wurde. Außerdem beeinflusst dieser aktive Grundsatz des Widerstandes gegen Gott, also die gefallene Natur in uns, den Willen, so dass der Wille moralisch gegen Gott gerichtet ist. Diese alte Natur besitzt die drei Merkmale, die wir in 1. Johannes 2,16 finden.

Der Wille im gefallenen Menschen ist also nicht neutral. So drückt sich der Wille im Menschen, der von der alten Natur regiert wird, diesen drei Beweggründen entsprechend aus. Der gefallene Mensch hat keinen moralisch freien Willen Gott gegenüber. Er hat eine moralische Veranlagung, die seinen (unfreien) Willen dahin gehend regiert, dass er den Gehorsam Gott gegenüber ablehnt. Der Ungehorsam Adams hat sich an den Menschen geheftet. Wegen dieser drei Beweggründe (1Joh 2,16), die als Folge des Falls in seiner Seele wohnen, hat er einen moralisch gebundenen Willen. Eine Untersuchung von 1. Mose 3,6 im Licht von 1. Johannes 2,16 zeigt, dass diese drei Beweggründe zusammenwirkten, als Eva die verbotene Frucht nahm. Diese drei Beweggründe stellte Satan dem Herrn Jesus bei der Versuchung in der Wüste vor. Und man kann sie auch in den Entschuldigungen erkennen, die die zum großen Gastmahl geladenen Gäste vorbrachten (Lk 14,17-20), als sie sich alle ohne Ausnahme weigerten zu kommen.

Gott zwingt niemals jemand, zu sündigen. Aber der Mensch (d.h. Adam) fiel aus der Stellung, wo er einen moralisch freien Willen Gott gegenüber hatte, heraus, und dann geriet sein Wille unter den Zwang der drei Beweggründe, die wir in 1. Mose 3,6 tätig sehen. Der freie Wille wurde also in dem unschuldigen Adam geprüft, und er fiel.[15] Folglich ist sein Wille jetzt nicht frei, so wie er es im unschuldigen Adam war, wenngleich er frei ist, sich innerhalb der Grenzen der Knechtschaft der alten Natur, das heißt der „Sünde im Fleisch“, zu bewegen. Er wählt, was ihm gefällt. Tun, was ihm selbst gefällt, ist das Wesen, der Kern der Sünde. Die Tatsache, dass der Mensch fiel, spricht ihn nicht von der Verantwortlichkeit, zu gehorchen, frei. Er ist dafür verantwortlich, Gott zu gehorchen, aber er will es nicht tun. Durch die alte Natur ist Unglauben in der Seele, obwohl der Mensch die Unheilbarkeit seines Herzens nicht kennt (Jer 17,9). Der Mensch hat aus freien Stücken den Willen, sich selbst zu zerstören. Gott zwingt ihn nicht dazu, das zu tun. So ist der Mensch seit dem Fall; und er steht in adamitischer Verantwortlichkeit vor Gott, als ein gefallener Mensch, in der Erprobung. Sie soll zeigen, ob er wiederherstellbar ist – natürlich nicht, um Gott in dieser Angelegenheit zu belehren, sondern damit Er seine Wege, auf denen Er seine Absicht bewirkt, offenbaren kann.

Wenn ein Sünder etwas will, wählt und handelt, ist das eine Handlung der Person, eine Handlung, für die er vor Gott Rechenschaft ablegen muss. Er wählt und handelt, ohne sich Gott zu unterwerfen. Das ist eben jenes Wesen der Sünde: zu handeln, ohne sich auf den Willen des Herrn zu beziehen. Das ist es, was mit Gesetzlosigkeit gemeint ist:

  • 1Joh 3,4: Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit.

Wenn ein Gesetz gebrochen wird, nimmt die sündige Tat den zusätzlichen Charakter der Übertretung an. Doch es braucht keine Übertretung, um der Gesetzlosigkeit schuldig zu sein. Dies könnte man wie folgt veranschaulichen: Ein Gläubiger, von der Liebe Christi gedrängt, hilft einem Menschen, der in Schwierigkeiten steckt, indem er ihm hundert Dollar gibt, während ein Ungläubiger aus Menschenfreundlichkeit das Gleiche tut. Er ist jedoch lediglich ein Menschenfreund. Der Letztere handelt nicht gemäß dem Willen Gottes, wenn auch Gott diese Tat für seine Absichten benutzen kann. Der Herr Jesus war nicht so. Er tat nichts aus reiner Menschenfreundlichkeit. Er tat immer und nur genau die Dinge, die dem Vater gefielen, so wie Er von Ihm geleitet wurde.

Was nun die „guten Taten“ und die Menschenfreundlichkeit des gefallenen Menschen angeht, so haben diese Dinge Beweggründe, die Gott bekannt sind. Sie entspringen nicht der neuen Natur im verlorenen Menschen, weil ein verlorener Mensch keine neue Natur hat. Das Beste, was über solche Taten gesagt werden könnte, ist, dass sie liebenswürdig oder religiös sind wie die des „Obersten“ in Lukas 18,18-26. Aber Christus selbst ist der wahre Prüfstein für den Zustand der Seele, wie Er es im Falle dieses Mannes war, wo Er aufzeigte, dass dessen Taten nicht einer neuen Natur entsprangen. Sind Römer 14,23 und Hebräer 11,6 hier hilfreich?

Die Seele ist nun der Sitz der Kraft, die sich der Wille nennt (hier sitzt die alte Natur, also die „Sünde im Fleisch“), und der Wille, von der alten Natur beherrscht, bestimmt die Handlungen. Der Ungläubige bestimmt sein Leben nach seinem eigenen Willen. Dieser wiederum wird von den Lüsten, die 1. Johannes 2,16 nennt, beeinflusst, und der Mensch wird für seine Taten, die diesen Willen zum Ausdruck bringen, verantwortlich gemacht.

Siehe auch Anhang 6: „Sünde im Fleisch“.[16]

Der Mensch braucht eine neue Natur

In einem Kind Gottes gibt es zwei Naturen. Wir nennen die eine „die alte Natur“ („Sünde im Fleisch“) und die andere „die neue Natur“, die uns von Gott bei der neuen Geburt eingepflanzt wurde. Die Worte „inwendiger Mensch“ aus Römer 7,22 beziehen sich auf das, was uns in der neuen Geburt gegeben wird. Es wird auch „sein Same“ in uns genannt (1Joh 3,9). Die neue Natur, die uns von Gott eingepflanzt ist, ist heilig und untadelig. Wir sind zu Teilhabern an der göttlichen Natur gemacht worden (2Pet 1,4), das heißt, wir haben teil an der moralischen Natur Gottes (aber nicht teil an seiner Göttlichkeit).

So wie die alte Natur nicht die menschliche Natur ist, ist auch die neue Natur nicht die menschliche Natur, sondern sie ist etwas, was Gott souverän in die Seele eingepflanzt hat. Als Teil der neuen Natur sind auch neue Beweggründe und Triebe eingepflanzt: das Wohlgefallen Gottes. Die neue Natur beeinflusst den Willen und lenkt ihn dahin gehend, dass er hervorbringt, was Gott wohlgefällt. Das „Ich“ der Persönlichkeit darf sich nun als mit dieser neuen Natur identifiziert betrachten (wir sehen dies charakteristisch in 1. Johannes).

Die alttestamentlichen Heiligen hatten eine neue Natur von Gott. Deshalb gab es überhaupt jemand, der Gott gefallen konnte. Das war jedoch die Folge dessen, dass Gottes souveräne Gnade die neue Natur einpflanzte. Auf diese Weise hatte Gott während der Zeit der Erprobung des gefallenen Menschen Zeugen seines Willens, und diese standen im Gegensatz zur Allgemeinheit der Menschen.

Die alte und die neue Natur unterscheiden sich von der menschlichen Natur

Die reformierte Theologie akzeptiert diese Überschrift nicht. Der Calvinist R.C. Sproul schreibt:

Natürlich stimmt die reformierte Theologie zu, dass die Erneuerung schöpferisch ist und zu einer fundamentalen Veränderung im Individuum führt. Sie bringt eine neue Natur mit sich. Aber diese neue Natur ist eine neue menschliche Natur; sie ist keine göttliche Natur … Die Vorstellung, Erneuerung bringe eine Art Apotheose mit sich, ist in der Kirchengeschichte nicht neu.[17]

„Apotheose“ bedeutet Vergöttlichung, ein Erheben in den Rang eines Gottes. Vielleicht vertreten einige wenige solchen Unsinn, aber es ist wohl kaum angemessen oder schicklich, den allgemeinen Vorwurf zu erheben, diejenigen, die an die zwei Naturen glauben, würden an eine Erhebung in den Rang eines Gottes glauben. Kann Dr. Sproul das ernst meinen? Ich nehme es an – und dieses Thema, durch die Brille reformierter Theologen betrachtet, führt zu einer gravierenden Verzerrung in Bezug auf die neue Geburt.

Tatsache ist, dass es drei Dinge gibt, von denen wir hinsichtlich des Wortes „Natur“ und der Erlösung des Menschen sprechen sollten. Vor dem Fall hatte Adam eine menschliche Natur, und in Bezug auf diese menschliche Natur war er nach dem Fall derselbe Adam. Allerdings wurde Adam die „Sünde im Fleisch“ (Röm 8,3) hinzugefügt, und diese „Sünde im Fleisch“ ist das, was wir unter der alten Natur verstehen. Wir haben dies bereits weiter oben betrachtet, aber hier müssen wir uns genau auf die Unterscheidung zwischen der alten Natur und der menschlichen Natur konzentrieren. Wenn wir lebendig gemacht werden, empfangen wir neues Leben. Wir werden aus Gott geboren. Wir bezeichnen diesen Vorgang als das Empfangen einer neuen Natur. Die neue Natur ist nicht „eine neue menschliche Natur“. Die „neue menschliche Natur“ der reformierten Theologie ist in Wirklichkeit etwas immer noch Böses, das durch geistliche Übungen gezügelt und überwunden werden muss, und wird angesehen als eine Natur, die ein neues Element in sich trägt, so dass es immer noch nur eine einzige Natur im Menschen gibt – die menschliche Natur. Was nun den überflüssigen Vorwurf der „Apotheose“ betrifft, so antworten wir mit Petrus’ Worten:

  • 2Pet 1,3.4: Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entflohen seid, das in der Welt ist durch die Begierde.

Eines der Dinge, die „seine göttliche Kraft“ uns gegeben hat und die zum Leben und zur Frömmigkeit dient, ist eine neue Natur. Die neue Natur gibt dem Menschen die Fähigkeit, Gott zu lieben und sich an Ihm zu erfreuen. Sie gibt ein neues Verlangen: Gott zu gefallen. Sünde kann niemals aus dieser Natur kommen, sondern nur das, was Gott gefällt. Die neue Geburt führt niemand in die Gottheit ein; weder vermittelt sie der Seele unübertragbare Göttlichkeit, noch vergöttlicht sie, noch erhebt sie in den Rang eines Gottes. Das, woran wir durch „seine göttliche Kraft“ teilhaben, ist von moralischer Art. Der bestimmte Artikel „die“ findet sich nicht vor den Worten „göttliche Natur“. Dies deutet an, dass eine moralische Beschaffenheit bzw. moralische Eigenschaften gemeint sind. Wir sind Teilhaber der göttlichen Natur, der moralischen Eigenschaften, die Gott hat, und nicht Teilhaber der Göttlichkeit.[18]

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die neue Geburt gänzlich eine souveräne Handlung von Gottes Willen ist; dass sie das Einpflanzen einer neuen Natur in die Seele ist. Sie ist Gottes Tat. Er pflanzt ein neues Leben und Glauben ein. Dies beides haben wir dann neben unserer menschlichen Natur, und wir haben auch immer noch die alte Natur, die vom Wesen her unverbesserlich ist.

Adam verlor die Gottesebenbildlichkeit

Wir müssen nun den Gegenstand vom Bild und Ebenbild Gottes zur Sprache bringen. Dies hat nichts mit Anthropomorphismus zu tun, in dem Adam geschaffen wurde (1Mo 1,26). Die Vertreter der Lehre des moralisch freien Willens Gott gegenüber behaupten manchmal, die Tatsache, dass der Mensch im Bild Gottes geschaffen wurde, bedeute, dass wir einen solchen freien Willen haben. Diese Behauptung deutet auf eine Verwirrung bezüglich der unterschiedlichen Bedeutungen der Begriffe „Bild“ [image] und „Ebenbild“ [likeness] hin. W. Kelly hat den Unterschied schön zusammengefasst:

Die Verwendung [dieser beiden Begriffe] im Alten und Neuen Testament scheint darauf hinzudeuten, dass „Bild“ darstellt bzw. symbolisiert, während „Ebenbild“ ähnlich ist oder gleicht. So stellt zum Beispiel das „Bild“ der Weltmächte in Nebukadnezars Traum die Abfolge heidnischer Weltreiche vom ersten bis zum letzten dar. Ähnlichkeit kann hier nicht beabsichtigt sein. Ebenso wurde ein „Bild“ in der Ebene Dura (Dan 3) aufgestellt, dessen Proportionen eine menschliche Figur oder etwas, was irgendeiner anderen lebenden Kreatur ähnelt, ausschließen. Wem auch immer es nicht ähnelte, so stellte es eindeutig etwas dar, was der König per Dekret zu einem Gegenstand der Anbetung bestimmte. Wiederum trug im Neuen Testament der Denar, um den unser Herr bat, das Bild und die Aufschrift Cäsars. Es mag in punkto Ähnlichkeit mangelhaft gewesen sein, aber es war unbestreitbar ein Bild des römischen Kaisers. Es drückte seine Autorität aus und bedeutete seinen Anspruch auf die Juden aufgrund ihrer Abkehr von Gott, so wenig es ihnen auch gefiel, eine dieser beiden Tatsachen anzuerkennen.

So heißt es von den Menschen (1Mo 1,26), dass sie in Gottes Bild, Ihm ähnlich, nach seinem Gleichnis, geschaffen wurden [in God’s image, after His likeness], und der erste Teil wird in Vers 27 mit Betonung wiederholt – also nicht nach seinem Gleichnis, sondern nach seinem Bild. In Gottes Bild: Auf dieser Wahrheit bestehen wir, wenngleich hier auch vom Menschen gesagt wird, dass er Gott ähnlich oder nach bzw. gemäß seinem Gleichnis gemacht wurde. Nur dem Menschen wurde es gegeben, hier unten auf der Erde Gott zu repräsentieren. Engel werden niemals in eine solche Stellung gerufen. Sie zeichnen sich durch überragende Macht aus. Sie erfüllen Gottes Wort, sie hören auf die Stimme seines Wortes. Und doch herrscht kein Engel in Gottes Namen, noch repräsentiert er Gott als Mittelpunkt eines Systems, das Gott unterworfen ist und zu Ihm aufschaut. Aber der Mensch wurde geschaffen, um Gott zu repräsentieren inmitten einer niedrigen Schöpfung, die vom Menschen abhängig ist. Dennoch wurde der Mensch Gott ähnlich geschaffen, ohne Böses und rechtschaffen, um in Gottes Bild geschaffen zu werden. Doch auch als die Ähnlichkeit durch die Sünde nicht mehr existierte, blieb der Mensch Gottes Bild; gleichgültig, wie mangelhaft er war, Gott recht zu repräsentieren – er war immer noch dafür verantwortlich, Ihn zu repräsentieren. Daher lesen wir in 1. Mose 5,1.2, dass Gott den Menschen Ihm gleich machte, sie als Mann und Frau schuf und sie segnete und ihren Namen am Tag ihrer Erschaffung Adam nannte. Aber in Vers 3 wird bezeichnenderweise hinzugefügt, dass Adam seinen Sohn ihm ähnlich nach seinem Bild zeugte. Set ähnelte seinem Vater, der nun gefallen war, und repräsentierte ihn auch. Als nach der Sintflut dem Menschen Tiere als Nahrung gegeben wurden, wurde der Genuss von Blut verboten und es wurde verlangt, menschliches Leben sorgfältig zu achten; „denn im Bild Gottes hat er den Menschen gemacht“ [1Mo 9,6]. Ihn zu töten war eine Rebellion gegen Gottes Bild, obwohl ein Mensch nun alles andere als Gott ähnlich war.

Das Neue Testament erhält dieselbe Unterscheidung aufrecht, weit hinaus über den Fall von Cäsars Bild, von dem bereits die Rede war. So wird der Mann in 1. Korinther 11 eindeutig Gottes Bild und Abglanz bzw. Herrlichkeit als sein öffentlicher Repräsentant genannt; und Christus, der Fleisch gewordene Sohn, wird als „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol. 1,15) bezeichnet. Dass Er nicht Gott „ähnlich“ genannt wird, bestätigt nur die Wahrheit.[19] Wenn Er so bezeichnet würde, würde das seine Gottheit bestreiten. Denn Er ist Gott, statt nur einfach wie Gott zu sein. Vergleiche in Bezug auf den Christen Kolosser 3,10 sowie 2. Korinther 3,18 und in Bezug auf das herrliche Ergebnis Römer 8,29 und 1. Korinther 15,49.

Andererseits dürfen wir den Zustand des nicht gefallenen Adam nicht mit dem neuen Menschen verwechseln, „der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit“ [Eph 4,24]. Diese Aussage beschreibt die neue Schöpfung, nicht den ersten Zustand Adams, wo alles reine Unschuld war, sondern das Wissen um Gut und Böse zusammen mit der Kraft aus Gnade, die das Böse verabscheut und dem Guten anhängt. Dies ist eingeschlossen in dem Gedanken der wahren Gerechtigkeit und Heiligkeit. Dies ist nicht Natur, sondern übernatürlich [d.h. außerhalb der menschlichen Natur] in Gläubigen, die Teilhaber der göttlichen Natur werden (2Pet 1,4).[20]

Also steht der Wille mit „Ähnlichkeit“ in Verbindung und nicht mit „Bild“. Es ist richtig, zu sagen, dass das „Bild Gottes“ (d.h. die Verkörperung, Darstellung) nicht beseitigt ist – weil „Bild“ keine Aussage über den Zustand des Willens macht. Es ist richtig, zu sagen, dass Ähnlichkeit mit Gott (d.h. Sündlosigkeit) verlorenging, und es ist zutreffend, zu sagen, dass der ursprüngliche Zustand des Willens ausgelöscht wurde – er ist unter der Macht der alten Natur.

Die Stellung des gefallenen Menschen

Wie oben beschrieben, fiel Adam aus einem unschuldigen Zustand in einen gefallenen Zustand, als er das Wissen um Gut und Böse erworben hatte. Sein Wille befand sich nun unter der Leitung der bösen moralischen Natur, die er im Fall ebenfalls erworben hatte. Der gefallene Adam wird in der Schrift als Haupt einer gefallenen Rasse gesehen. Wir sprechen von zwei Menschen, weil die Schrift es tut (1Kor 15,47). Der natürliche Mensch ist eine Nachbildung des gefallenen Adam. Der zweite Mensch ist vom Himmel. Dies bedeutet nicht, dass seine Menschheit vom Himmel kam (sie kam von Maria), sondern dass seine moralische Herkunft der Himmel ist, und deshalb ist Er nicht von dieser Welt (Joh 17,14). Also ist Er der Himmlische (1Kor 15,47.48). Und es gibt zwei Adame, zwei Häupter. Der Herr wird der „letzte Adam“ genannt (1Kor 15,45), was uns versichert, dass es nach Ihm kein weiteres Haupt mehr geben wird.

Die Menschen werden dann betrachtet als unter dem ersten Menschen, Adam, nachdem er gesündigt hatte. Bis zum Kreuz hin gab Gott dem gefallenen Menschen eine Probezeit und prüfte ihn, um festzustellen, ob der gefallene Mensch wiederherstellbar wäre. Es ist gut, zu verstehen, dass diese Stellung vor Gott ein Stand, eine Stellung im Fleisch ist.[21] Die Zeit der Erprobung, die von Adams Fall bis zum Kreuz dauerte, sollte Gott nicht darüber belehren, welches Ergebnis es geben könnte – das wäre ein grotesker Gedanke in Bezug auf den Allmächtigen –, sondern sollte eindeutig beweisen, dass der gefallene Mensch nicht wiederherstellbar war, und zu der Schlussfolgerung führen, dass er „verloren“ war usw. Es ist ein Trauerspiel, dass die meisten bekennenden Christen diese Lektion nicht gelernt haben. Jedenfalls nahm diese Prüfung viele Formen an, die in zahlreichen Büchern und Artikeln besprochen wurden und die Schriften J. N. Darbys durchziehen, weshalb sie hier nicht wiederholt werden sollen. Die letzte Prüfung war die Offenbarung des Vaters im Sohn:

  • Joh 15,24: Jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater. [Siehe auch Joh 14,9-11].

Dies war das Ergebnis dieses Höhepunktes der Prüfungen des gefallenen Menschen. Gemeint ist die Erprobung des Menschen in der gefallenen adamitischen Verantwortlichkeit, die herausfinden wollte, ob der Mensch wiederherstellbar wäre. Die Antwort ist ein endgültiges „Nein, der Mensch ist nicht wiederherstellbar“. Diese Antwort wird von den meisten, die bekennen, den Herrn zu kennen, nicht verstanden. Außerdem wurde die Erprobung des Menschen am Kreuz abgeschlossen.

Was mich betrifft, so sehe ich im Wort – und erkenne es auch in mir selbst – die völlige Verdorbenheit des Menschen. Ich sehe, dass das Kreuz das Ende aller Mittel ist, die Gott eingesetzt hatte, um das menschliche Herz zu gewinnen. Es beweist daher, dass dies unmöglich war. Gott hat alle seine Möglichkeiten erschöpft, der Mensch hat gezeigt, dass er unheilbar böse ist, und das Kreuz Christi verurteilt den Menschen – Sünde im Fleisch. Doch weil diese Verurteilung dadurch offenbar wurde, dass ein anderer sie durchlitt, ist sie die völlige Rettung derer, die glauben; denn Verdammung, Verurteilung, das Gericht über die Sünde liegt hinter uns; Leben war das Ergebnis davon in der Auferstehung. Wir sind der Sünde gestorben und leben Gott in Jesus Christus, unserem Herrn {Röm 6,1}. Erlösung, das Wort an sich, verliert ihre Bedeutung, wenn man diese Vorstellung vom alten Menschen hat.[22] Sie wird zur Verbesserung, zu einer praktischen Befreiung aus einem moralischen Zustand und ist keine Erlösung durch das vollendete Werk einer anderen Person. Das Christentum lehrt den Tod des alten Menschen und seine gerechte Verurteilung bzw. Verdammung, dann die Erlösung, die von Christus bewirkt wurde, und ein neues Leben, ewiges Leben, das in seiner Person vom Himmel herabgekommen ist und das uns mitgeteilt wird, wenn Christus durch das Wort bei uns Eingang findet. Der Arminianismus, beziehungsweise eher der Pelagianismus[23], gibt vor, dass der Mensch wählen könnte, dass der alte Mensch daher durch das, was er angenommen hat, verbessert werden könnte. Der erste Schritt wird ohne Gnade getan[24]}, und es ist in diesem Fall der erste Schritt, der einen teuer zu stehen kommt.[25]

Die Frage der Verantwortlichkeit

Die Verantwortlichkeit des Menschen ist eine wichtige Angelegenheit

Die Frage der Verantwortlichkeit … liegt an der Wurzel des Calvinismus und des Arminianismus. Verantwortlichkeit muss und sollte es immer geben; aber was die Annahme betrifft, war der erste Mensch der verantwortliche Mensch, und seine Geschichte endete am Kreuz. Allerdings muss dies jeder persönlich lernen. Unsere Stellung ist in dem zweiten Menschen, der unser Versagen in dem, wofür wir verantwortlich waren, tatsächlich auf sich nahm (wobei Er bei jeder Prüfung diesbezüglich vollkommen war) und den Grund für die vollkommene Annahme vor Gott legte: Auf der Grundlage des ersten Adam verloren, befinden wir uns vor Gott auf der Grundlage des vollbrachten Werkes des zweiten {letzten} Adam – kein Kind Adams, was unsere Stellung betrifft, sondern ein Kind Gottes, „die Rechtschaffenheit Gottes in ihm“. Vor dem Kreuz und bis hin zu ihm entwickelte sich die Verantwortlichkeit; danach wurde die Gerechtigkeit offenbart, und die ursprüngliche Absicht Gottes, die im zweiten {letzten} Adam war, konnte dann ans Licht gebracht werden. Nun tut sich das auf, was einzig von Gott ist, wovon wir hauptsächlich in Epheser lesen, aber auch anderswo; und der Wandel ist die Darstellung der göttlichen Natur wie in Christus. Diese Darstellung der göttlichen Natur ist ein gesegneter Teil davon {was von Gott ist}. Das Studium dessen, was Er ist, ist sicherlich die Nahrung der Seele. Seine Person, sein Werk mögen uns tiefer hineintragen in das Verständnis dessen, was Gott ist, denn es wurde dort {wo sein Werk geschah, d.h. am Kreuz} {dem Wesen Gottes} entsprochen und {die Eigenschaften dieses Wesens} verherrlicht {d.h. in ihrer Großartigkeit offenbar gemacht}, und wir beten an und lobpreisen; aber mit Ihm können wir wandeln und wissen und erfahren, dass niemand so gnädig ist wie Er. Wie wird es sein, Ihn zu sehen, wie Er ist![26]

Verantwortlichkeit und Vermögen werden verwechselt

J.N. Darby schreibt:

„Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun und gehorsam sein.“ Diese Worte (die einstimmige Antwort des Volkes, als Mose das Buch des Bundes genommen und ihnen vorgelesen hatte; 2Mo 24) waren die völlige Verwechselung zwei sehr verschiedener Grundsätze, die der Mensch seit Adams Fall ständig falsch verstanden und verwechselt hatte – Verantwortlichkeit und Vermögen. Der Mensch ist dafür verantwortlich, das Gesetz vollkommen zu halten, aber durch den Fall hat er das Vermögen, die Fähigkeit dazu, verloren {vgl. Röm 8,7}. Das natürliche Herz kann dies nicht verstehen. Der eine Mensch leugnet seine Verantwortlichkeit, ein anderer geht davon aus, dass er die Fähigkeit hat. Gnade, und nur sie, korrigiert den Menschen in beiderlei Hinsicht.[27]

Der Grund, weshalb „Gnade, und nur sie, […] den Menschen in beiderlei Hinsicht [korrigiert]“, wird vor dem Ende dieses Buches deutlich werden. Darby schrieb ferner:

Das Grundsatz, dass Verantwortlichkeit vom Vermögen der verantwortlichen Personen abhängt, ist falsch, außer insofern, dass die vermeintlich verantwortliche Person von einer solchen Natur ist, dass sie die Behauptung negiert. Ein Stein kann nicht für moralisches Verhalten verantwortlich sein, noch nicht einmal ein Tier, weil beide nicht in der Beziehung stehen, an die sich Verantwortlichkeit knüpfen kann. Aber aus Beziehung entsteht Verpflichtung, und wo die Beziehung existiert, die die Verantwortlichkeit schafft, da existiert auch die Verpflichtung: Das Vermögen, dieser Verantwortlichkeit nachzukommen, hat damit nichts zu tun. Die Verpflichtung gibt der Person, der der Verpflichtete verantwortlich ist, einen Anspruch. Ich hatte den folgenden Fall dargelegt: Ein Mann schuldet mir tausend Pfund; du bist ein Verschwender und hast keinen Penny, du hast nicht die Fähigkeit, tatsächlich zu bezahlen – also habe ich keinen Anspruch und du hast keine Verantwortung. So geht das nicht. Manche Römer schnitten ihren Daumen ab und konnten keinen Speer halten, um so dem Militärdienst zu entgehen: Wurden sie etwa nicht dafür verantwortlich gemacht?

Der Mensch folgt noch einer anderen Argumentation gegen Gott, nämlich dass Gott ihn in diese Stellung gebracht hat oder dass er in sie hineingeboren wurde und deshalb nicht verantwortlich ist. Dies führt zu einem anderen Punkt: dass moralische Verantwortlichkeit am Willen hängt und nicht am Vermögen. Wir tun, was unser eigenes Gewissen verurteilt, weil es uns gefällt. Mein Kind weigert sich zu kommen, wenn ich es rufe; ich werde es bestrafen, weil es nicht kommen wollte; es beruft sich darauf, dass es gefesselt war oder die Tür nicht öffnen konnte. Aber ich bestrafe es, weil es sich willentlich geweigert hat, der Verpflichtung nachzukommen: Ich hatte ein Messer bereit, um das, was es fesselte, durchzuschneiden, und einen Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Aber durch seinen Willen verweigerte es meinen Anspruch. Kurz gesagt: Verantwortlichkeit folgt aus dem Anspruch an uns, der sich aus der Beziehung, in der wir stehen, ergibt. Es gibt keinen Mann in Glasgow, der der Auffassung wäre, dass er keinen Anspruch an jemand hätte, der ihm tausend Pfund schuldete, weil derjenige nicht in der Lage wäre, zu bezahlen. Das hat nichts mit Verantwortlichkeit zu tun. Leider können wir Gott leicht so behandeln und sagen: „Die Frau, die du mir beigegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß“; aber wer so spricht, führt seine Sünde als Entschuldigung an. Gott sagt: „Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum …“, deshalb.[28]

Gott verlangt vom Menschen, wozu dieser nicht in der Lage ist

Im zweiten Teil des Römerbriefes (Röm 5,12–8), der die „Sünde im Fleisch“ (die alte Natur) besonders im Blick hat, lesen wir:

Röm 8,7: Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan ist, denn sie vermag es auch nicht.

Die Stellung des Menschen vor Gott wird als „Sünde im Fleisch“ bezeichnet und der Mensch kann Gott nicht (Unfähigkeit) zufriedenstellen (Röm 8,8). Und doch macht Gott den Menschen verantwortlich. Die Arminianer denken darüber nach und sagen, so etwas könne nicht sein. Ihre Vorstellung, zu der sie mit dem gefallenen menschlichen Verstand gelangen, besagt: Wenn ein Mensch nicht bezahlen kann, was er Gott schuldet, kann er auch nicht verantwortlich gemacht werden. Wir können vermuten, dass sie die Sache nicht so sehen würden, wenn jemand ihnen persönlich einen riesigen Betrag schulden würde, den er nicht bezahlen könnte. Wenn ein Mann einem Arminianer zehn Millionen Dollar schulden würde und nicht einen Cent bezahlen könnte, würde der konsequente Arminianer seinem Schuldner sagen: „Weil Sie nicht bezahlen können, schulden Sie mir auch nichts.“

Der Arminianer erkennt, dass der Mensch Gott etwas schuldet, und schließt aus dieser Tatsache, dass der Mensch die Fähigkeit habe, zu bezahlen. Wenn Gott Buße verlangt, schließt der Arminianer daraus, dass der Mensch dazu fähig sei, zu bereuen. Wenn Gott sagt: „Jeder, der will, möge kommen“, so schließt der Arminianer daraus, dass der Mensch die Fähigkeit habe, zu kommen. Wenn Gott sagt: „Glaube an das Evangelium“, so schließt der Arminianer daraus, dass der Mensch menschlichen Glauben ausüben und glauben könne. Und wenn Gott sagt: „Halte das Gesetz“ – lässt sich daraus folgern, dass der Mensch das Gesetz halten kann? Also führt der Arminianer eine Menge Schriftstellen an, aus denen er diese Dinge schließt, und dann behauptet er, diese Schriftstellen würden beweisen, was – wie wir in Wirklichkeit wissen – falsche Schlussfolgerungen sind. Es ist ein Zirkelschluss, der nichts beweist außer der Selbsttäuschung, die aus solchen Zirkelschlüssen folgt. J.L. Stauffer, ein arminianischer Mennonite, tut dies und zitiert als „Beweis“ sehr viele Texte.[29] In Wirklichkeit zeigen solche Texte nur, dass der Mensch verantwortlich ist, nicht aber, dass er einen moralisch freien Willen Gott gegenüber hat.[30]

Beachte besonders den Vers 5. Mose 30,19, den Stauffer zitiert. Vergleiche damit Hesekiel 3,21; 18,9.21-23; 20,11.21; 33,11; 2. Chronik 6,36; Psalm 130,3; Sprüche 20,9. Dachte der arminianische Schriftsteller, als er 5. Mose 30,19 zitierte, dass mit dem Wählen des Lebens ewiges Leben gemeint sei? Die Wahrheit ist: Wenn jemand das Gesetz hielt, würde sein natürliches Leben weitergehen – er würde nicht sterben, er würde den Lohn der Sünde, den Tod (Röm 6,23), nicht verdienen. Man erwählte das Leben, indem man das Gesetz vollkommen hielt. Dies kann einer Seele kein göttliches Leben, das heißt die neue Geburt, geben. Lesen Sie dazu folgende Schriftstellen:

  • Röm 4,15: Das Gesetz bewirkt Zorn.

  • Röm 7,13: … damit die Sünde überaus sündig werde durch das Gebot.

  • Röm 3,20: Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt.

  • Gal 3,21: Denn nur, wenn ein Gesetz gegeben wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz.

  • Gal 2,21: Wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben

War Israels Geschichte eine Geschichte von Menschen, die das Leben wählten? (Vergleiche 5. Mose 31,16-21; Hesekiel 18,25-28; 2. Chronika 36,15.16; Matthäus 21,33-46.) Lebendigmachen ist genau das, was die diejenigen brauchen, die tot sind in Vergehungen und Sünden (Eph 2,1-5; beachte die zusammengehörigen Begriffe „tot“ und „lebendig machen“). Die Schrift sagt uns, dass das Gesetz nicht lebendig machen kann (Gal 3,21). Als Gott also sagte: „Wähle das Leben“, sprach Er von der Fortdauer des natürlichen Lebens.[31] In Bezug auf den Missbrauch solcher Schriftstellen schrieb jemand einmal einen Brief an einen Freund, der unter dem Titel No Man Becomes a Child of God by an Act of His Own Will [Niemand wird ein Kind Gottes durch eine Handlung seines eigenen Willens] veröffentlicht wurde. In diesem Brief äußerte sich der Schreiber zu dem Thema, das wir untersuchen, folgendermaßen:

Und wenn Sie fragen, wie es einige in den Tagen des Apostels taten: „Was soll dann das Gesetz?“, möge Ihnen der Apostel antworten: „Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt (bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gemacht war“ (Gal 3,19). Und wenn Sie immer noch fragen: „Warum ist es um der Sünden willen hinzugekommen?“, so nehmen Sie als Antwort die Worte desselben Apostels an anderer Stelle: „Denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20). Und wiederum: „Das Gesetz aber kam daneben ein, damit die Übertretung überströmend würde“ (Röm 5,20). Und wiederum: „Aber die Sünde hätte ich nicht erkannt als nur durch Gesetz“ (Röm 7,7). Und wiederum: „Sondern die Sünde, damit sie als Sünde erschiene, indem sie mir durch das Gute den Tod bewirkte, damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot“ (Röm 7,13). Und noch einmal: „Denn das Gesetz bewirkt Zorn“ (Röm 4,15). Nun erscheint es mir angesichts all dieser inspirierten Erklärungen darüber, zu welchem Zweck das Gesetz vorgesehen war, als sehr schwerwiegend, zu behaupten, dass irgendjemand gerettet wurde, indem er gemäß der oben zitierten Worte Moses „das Leben wählte“. Das Leben wurde ihnen also unter der Bedingung angeboten, dass sie dem Gesetz gehorsam wären; und der Heilige Geist versichert uns, dass „aus Gesetzeswerken … kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt“ wird“ (Röm 3,20; Gal 2,16.21; 3,11). Das heißt mit anderen Worten, dass sie unter den Bedingungen, die Mose aufstellte, das Leben nicht haben konnten.

Mose selbst war sich dessen völlig bewusst. In dem Kapitel, das auf dasjenige, aus dem seine Worte zitiert wurden, direkt folgt, lesen wir, dass der Herr erschien und ihm sagte: „Siehe, du wirst dich zu deinen Vätern legen; und dieses Volk wird sich aufmachen und den fremden Göttern des Landes nachhuren, in dessen Mitte es kommt, und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihnen geschlossen habe“ (5Mo 31,16).

Sie hatten bereits einen Bund der Werke gebrochen, woraufhin Mose zum Zeichen des Bruchs die beiden Gesetzestafeln zerbrach, die er in seinen Händen hielt, als er vom Berg herunterkam (s. 2Mo 32,19). Mit einer unveränderten Natur und unter einen ähnlichen Bund der Werke gestellt – was konnte man jetzt erwarten? Was würde tatsächlich eintreten? Nicht genau die Folgen, die der Herr dem Mose und Mose dem Volk versichert hatte?

  • 5Mo 31,19-21: Und nun, schreibt euch dieses Lied auf, und lehrt es die Kinder Israel. Lege es in ihren Mund, damit dieses Lied mir zum Zeugen sei gegen die Kinder Israel. Denn ich werde es in das Land bringen, das ich seinen Vätern zugeschworen habe, das von Milch und Honig fließt; und wenn es wird essen und satt und fett werden; und es wird sich anderen Göttern zuwenden; und sie werden ihnen dienen; und es wird mich verachten und meinen Bund brechen. Und es wird geschehen, wenn viele Übel und Drangsale es treffen, so wird dieses Lied Zeugnis vor ihnen ablegen; denn es wird nicht vergessen werden aus dem Mund seiner Nachkommen. Denn ich kenne sein Sinnen, womit es schon heute umgeht, ehe ich sie in das Land bringe, von dem ich geschworen habe.

Kann es etwas Ernsteres oder Entscheidenderes geben als diese letzten Worte? Gott verkündete Mose, dass das Volk, anstatt das Leben zu wählen, damit sie leben könnten, sich anderen Göttern zuwenden, Ihn herausfordern und seinen Bund brechen würde; und Er spricht von diesen zukünftigen Übeln als einer bloßen Zurschaustellung dessen, was, wie Er wusste, zum damaligen Zeitpunkt bereits in ihren Herzen arbeitete: „Ich kenne ihre Gedanken“ usw. Daher sagt Mose zu ihnen: „Nehmt dieses Buch dieses Gesetzes und legt es zur Seite der Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes.“ Warum? Damit sie das Leben wählten und leben würden, indem sie das Gesetz hielten? Nein, sondern „dass es dort zum Zeugen gegen dich sei“. Er fährt fort: „Denn ich kenne deine Widerspenstigkeit und deinen harten Nacken. Siehe, während ich heute noch bei euch lebe, seid ihr widerspenstig gegen den HERRN gewesen; und wie viel mehr nach meinem Tod!“ (5Mo 31,26.27). Wiederum sagt er ihnen: „Denn ich weiß, dass ihr euch nach meinem Tod ganz und gar verderben und von dem Weg abweichen werdet, den ich euch geboten habe; und es wird euch das Unheil begegnen am Ende der Tages, weil ihr tun werdet, was böse ist in den Augen des HERRN, ihn zu reizen durch das Werk eurer Hände“ (5Mo 31,29). Sicherlich benötigen wir keine weitere Antwort an diejenigen von uns, die Moses Worte benutzen, um zu beweisen, dass die Erlösung vom menschlichen Willen abhänge. Wenn sie das täte, wer könnte gerettet werden?

Josuas Worte werden manchmal zu diesem Zweck zitiert, ebenso wie die des Mose, und zwar genauso wenig gerechtfertigt und mit genauso wenig Überzeugungskraft. Nachdem Josua Israel an den Zustand erinnert hatte, in dem ihre Väter lebten, die andern Göttern dienten, als der Herr Abraham von jenseits des Euphratstroms holte; nachdem Josua ihnen die Wunder aufgezählt hatte, die Gott gewirkt hatte und die viele von ihnen mit eigenen Augen gesehen hatten – nachdem er all das getan hatte, ermahnte er sie, den Herrn zu fürchten und Ihm treulich und rechtschaffen zu dienen und die anderen Götter wegzutun; und dann fügte Josua hinzu: „Und wenn es übel ist in euren Augen, dem HERRN zu dienen, so erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt, ob den Göttern, denen eure Väter gedient haben, die jenseits des Stromes wohnten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen“ (Jos 24,15).

Die Sache ist die, dass Josua sie nicht dazu aufforderte, zwischen dem Herrn und Götzen zu wählen. Er sagte: „Und wenn es übel ist in euren Augen, so erwählt“, ob ihr diesen oder jenen Götzen dienen wollt. Er – durch Gnade, wie wir wissen – war entschlossen, dem Herrn zu dienen. Aber als das Volk – vielleicht mit guten Absichten, aber in einem Geist der Selbstzufriedenheit und des Von-sich-selbst-überzeugt-Seins – erklärte, dass auch sie dem Herrn dienen wollten, wie nahm Josua ihre Beteuerungen auf? „Und Josua sprach zum Volk: Ihr könnt dem HERRN nicht dienen; denn er ist ein heiliger Gott, ein eifernder Gott; er wird eure Übertretung und eure Sünden nicht vergeben. Wenn ihr den HERRN verlasst und fremden Göttern dient, so wird er sich abwenden und euch Übles tun und euch vernichten, nachdem er euch Gutes getan hat“ (Jos 24,19.20).

Und als das Volk immer noch schwor und beteuerte: „Nein, sondern dem HERRN wollen wir dienen“, sagte Josua zu ihnen: „Ihr seid Zeugen gegen euch, dass ihr selbst euch den HERRN erwählt habt, um ihm zu dienen. Und sie sprachen: Wir sind Zeugen“ (Jos 24,22).

Oh ja: unsere eigenen Worte als Zeugen gegen uns zu haben, ist die einzige Folge, die aus unserer Erklärung, dass wir den Herrn und seinen Dienst wählen, resultieren kann. Und wie um ihnen zu zeigen, in welch einem armseligen Zustand sie waren, um solche Schwüre auf sich zu nehmen, ermahnte Josua sie sogleich: „So tut nun die fremden Götter weg, die in eurer Mitte sind, und neigt euer Herz zu dem Herrn, dem Gott Israels“ (Jos 24,23).

Es gab also fremde Götter unter ihnen! Auch mussten ihre Herzen erst dazu geneigt werden, dem Herrn zu dienen! Ein klarer Beweis dafür, dass sie seinem Dienst abgeneigt waren, so wie es das menschliche Herz, wie wir wissen, immer ist.

Hiervon haben wir noch weitere Beweise in dem Teil ihrer Geschichte, der gleich darauf folgt. Das Buch der Richter ist nichts anderes als die Geschichte ihrer Sünden und des Unheils, das die Sünden über sie brachten, sowie des gnädigen Eingreifens des Herrn zu ihrer Rettung. Darauf werde ich jetzt nicht näher eingehen. Auch werde ich den Verlauf ihrer gesamten Geschichte nicht weiter verfolgen. Das würde zu weit führen. Ein Punkt jedoch darf nicht ausgelassen werden: Damit meine ich den Dienst der Propheten. Dieser unterschied sich grundlegend von dem Gesetz, wenn man es einfach betrachtet. Das Gesetz ließ keinen Raum zur Buße. Es verlangte Gehorsam, doch im Falle des Versagens, hatte es nichts zu verkünden oder zu gewähren als Verurteilung und Fluch. Was das Gesetz verlangte, war Gehorsam, gleichbleibenden, unveränderlichen Gehorsam; nicht Buße, Reue und Umkehr zum Gehorsam. Aber die Propheten wurden gesandt, um sozusagen neue Bedingungen aufzustellen.

  • Jes 55,7: Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Mann des Frevels seine Gedanken; und er kehre um zu dem Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserem Gott, denn er ist reich an Vergebung.

  • Jer 3,1: Du aber hast mit vielen Liebhabern gehurt, und doch solltest du zu mir zurückkehren!, spricht der Herr.

  • Jer 3,12: Geh und rufe diese Worte aus nach Norden und sprich: Kehre zurück, du abtrünniges Israel, spricht der Herr; ich will nicht finster auf euch blicken. Denn ich bin gütig, spricht der HERR, ich werde nicht in Ewigkeit nachtragen.

  • Hes 18,25-28: So hört nun, ihr vom Hause Israel: Handle denn ich unrecht? Ist es nicht vielmehr so, dass ihr unrecht handelt? Denn wenn der Gerechte sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht, so muss er sterben; um seines Unrechts willen, das er getan hat, muss er sterben. Wenn sich dagegen der Ungerechte abkehrt von seiner Ungerechtigkeit, die er getan hat, und übt nun Recht und Gerechtigkeit, der wird sein Leben erhalten. Denn weil er es gesehen und sich bekehrt hat von allen seinen Übertretungen, die er begangen hat, so soll er leben und nicht sterben.

Dergleichen war das Amt der Propheten. Aber sollte dies denn mehr als Moses oder Josuas Worte bezüglich des Gesetzes beweisen, dass es dem Menschen möglich sei, sich aus seinem eigenen Willen heraus so von seiner Ungerechtigkeit abzukehren und das zu tun, was gerecht und richtig ist, so dass er dadurch leben könnte? Ganz sicher nicht. Es war eine weitere Prüfung – eine leichtere –, um zu zeigen, ob es im Herzen oder Willen des Menschen wäre, sich Gott zuzuwenden, Ihm zu dienen und zu gehorchen. Es war, als ob Gott gesagt hätte: Ich will dem Anspruch meines Gesetzes nicht hart und streng Geltung verschaffen. Es verlangt ununterbrochenen und allgemeinen Gehorsam. Ihr habt völlig darin versagt, diesen Gehorsam zu leisten, und das Gesetz weiß nichts von Buße. Aber jetzt gebe ich euch eine Gelegenheit, um noch einmal neu anzufangen.

  • Hes 18,21.22: Wenn aber der Gottlose umkehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und alle meine Satzungen hält und Recht und Gerechtigkeit übt, so soll er gewiss leben, er soll nicht sterben. Aller seiner Übertretungen, die er begangen hat, soll ihm nicht gedacht werden; wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, soll er leben.

Es war ein gerechtes Angebot, die Vergangenheit auszulöschen und noch einmal von vorn zu beginnen; und dieses Angebot wurde – denken wir daran – denen gemacht, die sich beklagten, ihr Schicksal läge nicht in ihren Händen. Hätte ein gerechteres Angebot gemacht werden können? Aber brauche ich euch, mein Brüder, fragen, ob es irgendeinem gefallenen Menschen möglich wäre, auf diese Weise gerettet zu werden? Wie? Durch das Halten aller Gesetzesvorschriften Gottes und durch zukünftiges rechtmäßiges und gerechtes Handeln? Dies würde doch sicher bedeuten, dass derjenige, der so handelt, dadurch lebt; und Paulus bezeichnet das als die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt. Das Angebot gewährte denen, die dachten, sie hätten es besser gemacht als ihre Väter, eine Gelegenheit, zu zeigen, was sie tun konnten!

Und was war das Ergebnis dieser Erprobung des Menschen durch die neuen Angebote von Buße und Änderung des Lebens?

  • 2Chr 36,15.16: Und der HERR, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen durch seine Boten, früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung. Aber sie verspotteten die Boten Gottes und verachteten seine Worte und verhöhnten seine Propheten, bis der Grimm des HERRN gegen sein Volk stieg, dass keine Heilung mehr war.

Nach der Gefangenschaft nahm Gott sein geduldiges Handeln mit Israel wieder auf; und Johannes, der Täufer, war der Letzte der langen Reihe derer, die auf diese Weise zu Israel gesandt wurden: „Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes“ (Mt 11,13). Sagte ich: der Letzte in der Reihe? Ja, er war der Letzte in der Reihe von Dienern, die auf diese Weise eingesetzt wurden; aber es gab Einen, der größer war als alle diese Diener Gottes, der nach ihnen allen kam, mit demselben Auftrag. Wende dich nun bitte Matthäus 21,33–22,14 zu, wo du die Zusammenfassung all dessen, was wir jetzt gemeinsam betrachtet haben, finden wirst, und zwar von den Lippen unseres gesegneten Herrn selbst. Du kennst die beiden Gleichnisse, die diesen Abschnitt bilden. Ein gewisser Hausherr pflanzt einen Weinberg und verpachtet ihn an Weingärtner. Als die Zeit der Früchte herbeikommt, sendet er seine Diener zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holen. Die Weingärtner nehmen die Diener, schlagen einen, töten einen anderen und steinigen wieder einen anderen. Wiederum sendet er andere Diener, mehr als beim ersten Mal, und sie tun ihnen desgleichen. Zuletzt sendet er seinen Sohn und sagt sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Der Sohn Gottes war also mit dem Ziel gesandt, bei denen, denen der Weinberg anvertraut war, nach Früchten zu suchen. Und wie wurde Er aufgenommen?

  • Mt 21,38: Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen! Und sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.

Dieses Gleichnis kann nicht falsch verstanden werden. Die Weingärtner waren das jüdische Volk. All die Vorrechte, die Gott ihnen gewährt hatte, waren der Weinberg. Der Gehorsam, den Er verlangte, war die Frucht, die sie hätten erbringen sollen. Das Gesetz forderte Gehorsam, aber vergebens. Ein Prophet nach dem anderen kam, um ihn zu suchen; doch Misshandlungen oder Tod war alles, was sie empfingen. Als Letzter von ihnen allen kam Jesus, der Erbe. Auch ihn töteten sie …

  • Niemand wird ein Kind Gottes durch einen Akt seines eigenen Willens! [Vgl. Joh 1,13]
  • Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den heiligen Geist [1Kor 12,3].
  • Eph 2,45: Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen seiner vielen Liebe, womit er uns geliebt hat, hat auch uns, als wir in den Vergehungen tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht.

  • Kol 2,23: Und euch, als ihr tot wart in den Vergehungen und der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat.

  • 2Kor 4,6: Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.

  • 1Kor 1,30: Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus.

  • Joh 15,16: Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt.

  • Jak 1,18: Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien.

  • Joh 1,13: … die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Mit diesen Zitaten endet der Brief. Doch immer noch fährt die ungläubige Argumentation damit fort, zu fragen, wie ein Mensch für seine Sünde verantwortlich gemacht werden kann, wenn er kein moralisch freier Handelnder ist. Nun, Tatsache ist: Das Wort Gottes macht ihn verantwortlich und weist die Vorstellung zurück, der Sünder hätte einen moralisch freien Willen Gott gegenüber. Der nicht gefallene Adam hatte ihn und verlor ihn. Der gefallene Mensch hat ihn nicht wiedererlangt. Wenn das Wort Gottes beide Wahrheiten lehrt, nämlich dass der Mensch kein mit moralisch freiem Willen Handelnder und dennoch verantwortlich ist, ist es unsere Aufgabe, uns unter diese Tatsachen zu beugen und uns nicht über die selbst erzeugten Schwierigkeiten zu beklagen, wie es der oben zitierte Schriftsteller tut. Als Christen haben wir zu glauben und anzunehmen, was Gott sagt, selbst wenn unser fleischlicher Verstand sich dagegen auflehnt. Nur auf diese Weise empfangen wir Licht aus der Schrift. Im Übrigen pflegen die Menschen nicht auf die Art und Weise der Arminianer zu argumentieren, wenn es um ihre eigene Tasche geht. Erinnern wir uns noch einmal daran:

Doch in der Argumentation der Arminianer gibt es einen völlig falschen Grundsatz, nämlich dass unsere Verantwortlichkeit von unserem Vermögen, unserer Fähigkeit abhängt. Wenn ich jemand 100.000 {britische} Pfund geliehen habe und er das alles verschleudert hat, ist er ganz gewiss nicht in der Lage, zu bezahlen; aber endet seine Verantwortlichkeit mit seiner (Un-)Fähigkeit? Sicherlich nicht. Verantwortlichkeit hängt von dem Recht der Person, die ihm den Betrag geliehen hat, ab und nicht von der Fähigkeit dessen, der das Geld zu Unrecht verschwendet hat.[32]

Verantwortlichkeit und Gnade

Wir haben festgestellt, dass die Tatsache, dass jemand nicht die moralische Fähigkeit hat, zu bezahlen, ihn nicht der Verantwortung enthebt. Gott gab das Gesetz, wohl wissend, dass der Mensch es nicht halten konnte (Röm 8,7.8), und doch machte Er die Menschen dafür verantwortlich, dass sie es brachen. Souveräne Gnade kann dem verlorenen Zustand des Menschen begegnen.

Der Mensch in der Verantwortlichkeit versagt immer. Der Mensch war in seiner Unschuld niemals das Oberhaupt eines Volkes; und was Noah betrifft: Er war sozusagen ein betrunkenes Oberhaupt über die Welt. In Adam gibt es nur Versagen, völliges Versagen, und vollstrecktes Urteil. In Unschuld und Schönheit erschaffen, misstraut er Gott und hört auf den Teufel, der sagte, dass Gott eifersüchtig das Beste zurückbehalten hätte: Dann kommt die Lust und als Nächstes die Übertretung, und was seinen Zustand betrifft, ist alles aus; er schreckt vor Gott zurück und wird aus dem Paradies vertrieben. Die Welt macht weiter und ist so böse, dass Gott die Flut über sie kommen lässt. Danach versagt Noah sofort. Und wie ich gesagt habe, zogen die Priester ihre Gewänder von Herrlichkeit und Schönheit niemals an, außer wenn sie geweiht waren; und die Juden waren ein gesetzbrecherisches Volk. An jedem Ort der Verantwortlichkeit ist das Erste, von dem wir hören, das völlige Versagen des Menschen. Nicht dass es durch Gnade keine Ausnahmen gegeben hätte; doch was den Menschen an sich betrifft, ist Versagen die unweigerliche Folge von Verantwortlichkeit. Im Prinzip vollendete Kain die Sünde des Menschen: Das Hauptmerkmal der Sünde Adams war Sünde gegen Gott, das der Sünde Kains war Sünde gegen seinen Nächsten; und diese beiden bilden die Summe aller Sünden.

Im Paradies haben wir nebeneinander die beiden Grundsätze, um die die Menschen seither stets gekämpft haben, nämlich die Verantwortlichkeit des Menschen und einfache, empfangene Gnade; den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und den Baum des Lebens. Wir finden diese beiden Bäume im Garten Eden: den Baum der Verantwortlichkeit [so wird der Baum in der Bibel zwar nicht genannt, doch die einzige Verantwortlichkeit des Menschen im Paradies bezog sich auf diesen Baum: nämlich nicht von diesem Baum zu essen] bzw. der Erkenntnis von Gut und Böse und den Baum des Lebens. In Christus allein werden beide Grundsätze vollständig zu einem Ergebnis gebracht, Gott darin verherrlicht und Segen erlangt. Er ist dem Versagen in der Frucht vom Baum der Erkenntnis begegnet, hat ewiges Leben bewirkt und in souveräner Gnade Gottes Ratschlüsse ausgeführt, und zwar in Gerechtigkeit. Gott vertrieb den Menschen aus dem Garten Eden, bevor er vom Baum des Lebens aß, und so hielt Er sein Prinzip der Gnade für eine vollkommenere Hoffnung zurück. Tatsächlich wäre es kaum Gottes Art und Weise gewesen, ein Leben in der Sünde ewig fortbestehen zu lassen.[33]

In diesem Buch geht es um Gottes überreichliches Handeln in souveräner Gnade, nachdem die Prüfung des ersten Menschen mit dem Kreuz abgeschlossen wurde – obwohl der erste Mensch die Gnade zurückgewiesen hatte, die sich so reichlich im Sohn zeigte, als Er hier war. Der Mensch hatte in Wirklichkeit Gottes Gnade zurückgewiesen, als er seinen Sohn verwarf. Worum es hier ging, war, dass Gottes Gnade dem Menschen vorgestellt wurde, während dieser erprobt wurde und sich bewähren sollte. Gott stellte ihm seine Gnade vor, indem der Verantwortlichkeit des Menschen der Sohn zur Annahme vorgestellt wurde. Ein Teil dieser Erprobung geschah dadurch, dass der Sohn Gottes als Ausdruck von Gottes Gnade hier war, und durch die Offenbarung des Vaters in dem Sohn (Joh 14,9-11). Beide wurden gehasst (Joh 15,24). Dieser Hass fand seinen vollständigen Ausdruck in der Kreuzigung Christi, doch Gott gebrauchte diesen Ausdruck menschlichen Zorns, um Ihn zu ehren (vgl. Ps 76,11). Gott wirkt so, dass die Sünde Ihm dient. Dies erinnert mich an die Zeilen des Liedes von J.G. Deck:

The very spear that pierced Thy side
Drew forth the blood to save.
[Der Speer, der Deine Seite durchbohrte,

Brachte das rettende Blut zum Vorschein.]

Das illustriert ganz gut, auf welche Weise Gott den Menschen zu seiner eigenen Herrlichkeit gebraucht. Gerade als Folge der Verwerfung Christi, der krönenden Missetat des ersten Menschen, entfaltete sich Gottes von Ewigkeit her verfolgte Absicht mit dem Menschen seines Ratschlusses.[34]

Der erste Mensch brachte den Sohn[35] an das Kreuz und verwarf so die Offenbarung der Gnade Gottes Gnade in seiner Person. Der Mensch wurde schon vor dem Kreuz durch die Gnade geprüft (Joh 1,14, usw.), und es gibt derzeit kein „Zeitalter der Gnade“, in dem der Mensch in Bezug auf die Gnade geprüft würde. Die Prüfung des ersten Menschen, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre, endete am Kreuz.

Die Stellung des Menschen und seine Verantwortlichkeit in der Gegenwart

Die gegenwärtige Verantwortlichkeit des Menschen im Vergleich mit der Verantwortlichkeit des Menschen in der Vergangenheit

Es ist wichtig, zu verstehen, dass der erste Mensch sich nicht länger in der Erprobung befindet, die feststellen soll, ob er wiederherstellbar ist. Das Kreuz beendete diese Prüfung, und das Urteil über den ersten Menschen ist gefällt und verkündet: Er ist nicht wiederherstellbar; er ist verloren, er ist tot (2Kor 5,14). Es war J.N. Darby, der die Wahrheit über die Prüfung des ersten Menschen, das Wesen dieser Prüfung und ihr Ende am Kreuz, über Gottes Regierungswege und die Haushaltungen etc. vor Gottes Volk brachte. Hier wollen wir einige seiner Aussagen darüber, dass die Erprobung des Menschen beendet ist und wie Gott jetzt den Menschen ansieht, betrachten.

Der Ausdruck „Ende der Zeiten“ [bei Luther; „Ende der Zeitalter“ in der Elberfelder; „ends of the world“ bei King James] in 1. Korinther 10,11 bedeutet die Vollendung der Zeitalter {d.h. die Zeitalter der Erprobung des ersten Menschen}. Meiner Meinung nach befindet sich die Welt zurzeit nicht unter irgendeiner Haushaltung {das mosaische Zeitalter geht weiter}, sondern Gottes Handeln mit ihr ist vorüber, bis Er zum Gericht kommt {beim Erscheinen Christi, um die Nationen heimzusuchen}. Der Mensch stand von Adam bis Christus unter Verantwortlichkeit {im gefallenen Adam, eine Stellung im Fleisch}, und dann sagt unser Herr: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt“ {Joh 12,31}. Historisch sehe ich dies: Bis zur Flut gab es kein Handeln Gottes, aber ein Zeugnis in Henoch. Wir sehen einen Menschen, der aus dem Paradies vertrieben wurde, und bald darauf greift Gott ein und setzt mit einer ernsten Handlung diese ganze Welt beiseite. Nach der Flut sehen wir dann, wie Gott auf verschiedene Weise mit der Welt handelt. Er beginnt damit, dass er sie Noah unterstellt {die erste Haushaltung – Regierung}. Er gab Abraham Verheißungen, dann gab Er das Gesetz, das die Frage der Gerechtigkeit aufwarf {die mosaische Haushaltung}, was die Verheißungen nicht getan hatten. [Die Verheißungen gingen nicht auf die Verdorbenheit des Menschen ein. Daher war nicht klar, auf welch einer gerechten Grundlage Gott das tun wollte, Das Gesetz stellte dann die Frage, ob der Mensch sich vielleicht so verhalten könnte, dass Gott aufgrund dieses Verhaltens ihn gerechterweise segnen könnte.] Das Gesetz wurde eingeführt, um das Fleisch zu prüfen, um festzustellen, ob für Gott Rechtschaffenheit vom Menschen zu erhalten wäre. Dann sandte Gott Propheten, bis es kein Mittel mehr gab, und dann sagte Er: „Es gibt noch eine Sache, die ich tun kann: Ich werde Meinen Sohn senden.“ Und als sie den Sohn sahen, sagten sie:„Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen“ {Mt 21,38}, und dann wurde Gott, soweit die Verantwortlichkeit ging, aus der Welt vertrieben. Dann kam das Kreuz und die Sühne für die Sünde, und damit die Grundlage für einen völlig neuen Zustand; das war die Vollendung der Zeitalter {d.h. der Zeitalter der Prüfung}. Gott handelt nun nicht mehr mit dem Menschen, um festzustellen, ob er verloren ist oder nicht. Folglich ist der Mensch im ersten Kapitel des Johannesevangeliums nicht mehr vorhanden. Die ersten drei Evangelien stellen Christus dem Menschen vor und dann Er wird verworfen; aber in Johannes 1,11-13 heißt es weiter:

  • Joh 1,11-13: Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an; so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Hier finden wir die Beschreibung, wie Gottes Macht in die Welt kommt, und erfahren, dass Gott mit [seinem ausschließlichen Handeln mit] den Juden fertig ist: Es nehmen Ihn nur einige auf, die von Gott geboren sind, und so ist das Johannesevangelium durch und durch das, was die Menschen calvinistisch nennen.[36]

Die Geschichte des Menschen unter der Verantwortung geht bis zum Kreuz; aber seit dem Kreuz befindet sich der Mensch nicht mehr in einem Zustand der Erprobung, wenn er auch als Individuum die Entdeckung dessen, was er ist, erfährt; die Verantwortlichkeit in dem Sinn ist vorbei. Hier ist ein Mensch, der, sagen wir einmal, Handel getrieben hat und keinen roten Heller mehr besitzt. Es nützt nichts, ihm zu sagen: „Kümmere dich um dein Geld.“ Er könnte nur sagen: „Ich habe kein Geld, um das ich mich kümmern könnte.“
Zurzeit ist es also so: Wenn ich wirklich meinen Zustand herausfinde, dann stelle ich fest, dass ich verloren bin. Christus kam zu suchen und zu retten, die verloren sind, nicht die, die sich in einem Zustand der Erprobung befinden. Dennoch muss ich persönlich diesen Lernprozess durchlaufen.
Ich erkenne, dass ich bereits verloren bin; mein Zustand ist Feindschaft gegen Gott; das ist eine gegenwärtige Tatsache, das heißt in meinem unbekehrten Zustand.
Wenn ich nun in meiner Feindschaft Christus abgelehnt habe, gab Gott Christus, um mich davon zu reinigen, und ich werde dazu gebracht, dies einzugestehen. Als Mensch bin ich hinweggetan, und ich bin nicht mehr im Fleisch, denn es wurde am Kreuz verurteilt; vielmehr bin ich jetzt rein und durch den zerrissenen Vorhang gehe ich so weiß wie Schnee in das Allerheiligste.[37]

Die Predigt geht an den verlorenen Menschen. Als die volle Wahrheit bekannt wurde und der Mensch sowohl durch die Gnade als auch durch das Gesetz geprüft worden war, kam Christus, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. In der jetzigen Zeit kann das Gesetz einem Menschen vorgelegt werden, um das zu beweisen. Es wurde für den Ungerechten gemacht, wie der erleuchtete und durch die Schrift belehrte Heilige weiß. Christus darf auch dem Sünder vorgestellt werden; aber wenn die Gnade nicht wirkt, will dieser nichts von Ihm wissen; er wird an seinem eigenen Fall beweisen – was das Wort von der Welt durch ihre Geschichte bewiesen hat –, dass er vorsätzlich seinen eigenen gesetzlosen (griech. anomos) Willen tut und dass er Gott hasst, selbst wenn Er in Gnade kommt {Joh 1} und Er auch jeden Beweis erbringt: „Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr Leben habt“ (Joh 5,40). So wurde die Grundlage der Verantwortlichkeit des Menschen auf jede Weise vollständig erprobt.[38]

Also ist seit dem Kreuz die Verantwortlichkeit des Menschen als solche vorbei; nicht dass er keine Schuld und keine Sünde hätte oder dass er nicht verantwortlich wäre: All das ist wahr; aber Gott wurde endgültig zurückgewiesen, und Gott kommt und wirkt sein eigenes Werk ganz allein. Als sein Werk vollbracht ist, verkündet Er seine Ratschlüsse und was Er zu tun beabsichtigt. Zu Beginn des Titusbriefes lesen wir von der „Erkenntnis der Wahrheit“ [King James: acknowledging of the truth = Eingeständnis der Wahrheit]; das Evangelium kommt, und der Mensch ist dafür verantwortlich, seine Verdorbenheit einzugestehen – „in der Hoffnung des ewigen Lebens, das Gott, der nicht lügen kann, verheißen hat vor ewigen Zeiten; zu seiner Zeit aber hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach Befehl unseres Heiland-Gottes“ (Tit 1,2.3).[39]

Nun ist zwar die Grundlage der Verantwortlichkeit des Menschen vorbei in dem Sinne, dass er völlig darin versagt hat, als er auf jede mögliche Weise darin geprüft wurde; doch was die moralische Handlungsweise jedes Einzelnen betrifft, so ist die Verantwortlichkeit in vollem Umfang vorhanden. Als moralisch handelndes Individuum muss der Mensch die Geschichte des Prozesses der Verantwortung und ihres Versagens durchlaufen; aber er durchläuft sie, damit sich Folgendes herausstellt: dass er nämlich bereits verloren ist. Die Wahrheit des Urteilsspruches Gottes, dass es im Menschen nichts Gutes gibt, muss sich an ihm erweisen; und so ist die Folge des Grundsatzes der Verantwortlichkeit, dass er herausfindet, dass er verloren ist, dass die Verantwortlichkeit vorüber ist; nicht dass sie nicht echt wäre, sondern weil er verloren und verdorben ist wie der Mann, der all sein Geld durch sein törichtes Handeln verloren hat. Es ist wichtig, die Verantwortlichkeit aufrechtzuerhalten, aber dem Einzelnen wird bewusst gemacht, dass auf dieser Grundlage alles mit ihm aus ist. Der Mensch ist verloren. Wir haben jeden Cent ausgegeben und haben nur Schulden; diese haben wir, wenn das für irgendetwas gut ist. Es ist alles aus mit dem ersten Menschen, und es wird nicht reichen, ihn zu verbessern: Er ist verloren und verdorben; doch Christus kam, um die Verlorenen zu retten.
Nun wird der zweite Mensch vorgestellt. Der erste Mensch wird nun nicht verbessert, sondern durch den zweiten Menschen ersetzt. Es gibt keine Verbesserung oder Ausbesserung des ersten Menschen (obwohl wir praktisch verändert werden, wenn wir zu Christus kommen), sondern die Sünden des ersten Adam sind alle weggeräumt; und zweitens wird durch den Glauben der Baum selbst mit der Wurzel ausgerissen. Am Kreuz sehen wir, wie der Verantwortlichkeit völlig begegnet und sie erfüllt wird. Christus ist allem Versagen, der Frucht des Baums der Verantwortlichkeit {d.h. des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse}, begegnet und hat Gott dabei verherrlicht. [Der Mensch sollte Gott gehorsam sein und war verantwortlich, nicht von diesem Baum zu essen. Seine ganze Verantwortlichkeit hing einzig und allein mit diesem Baum zusammen.] Der Mensch hatte das Durcheinander hereingebracht; aber Christus kam, bezahlte und bereinigte alles und triumphierte über alles. Als Er kam, ging es um die Aufrechterhaltung des Wesens Gottes, und da gab es keinen Ausweg. Wenn Er niemand gerettet, sondern die Sünder sofort verstoßen hätte, wäre dieses zwar Gerechtigkeit gewesen, aber es hätte keine Liebe gegeben. Wenn Er alles hätte durchgehen lassen, als der Mensch ein Sünder war, und auf diese Weise alle gerettet hätte (was der Mensch Liebe nennen würde, was aber nicht göttliche Liebe wäre, denn Gott ist heilig), wo wäre dann die Gerechtigkeit gewesen? Aber Christus kam. Wie nirgendwo sonst liegt im Kreuz Gerechtigkeit gegen die Sünde, und dennoch liegt dort ebenfalls die unendliche Liebe Gottes für die Sünder.
In Ihm, in Christus, sehe ich beide Bäume des Paradieses vereinigt, in Gnade erfüllt. Er trägt unsere Sünden, tut die Sünde hinweg, indem Er sich selbst opfert, und wird das Leben auf einer gerechten Grundlage. Ich erkenne, was ich bin, und dann sehe ich, dass Christus am Kreuz gestorben ist und alles auf sich genommen hat. Wenn ich Ihn – den Sohn Gottes – am Kreuz sterben sehe, dann sage ich: Wenn das nicht Gerechtigkeit ist, Gericht über die Sünde, dann weiß ich nicht, was es ist. Aber für wen stirbt Er? Für den schuldigen Sünder. Also, wenn das nicht Liebe ist, dann weiß ich nicht, was es ist.[40]

Das Kreuz begegnete unserer Verantwortlichkeit; dort kam der erste Mensch, ob Heide oder Jude, zum letzten Höhepunkt der Bosheit. Dies beendete die gesamte Geschichte der Verantwortlichkeit. Wenn nun mein Geist durch die Gnade dafür offen ist, meine Verantwortlichkeit anzusehen, so steht es außer Frage, ob ich am Tag des Gerichts bestehen kann; das Evangelium beginnt mit der Erklärung, dass ich verloren bin. Ich habe jede Menge Schulden und keinen Pfennig, um sie zu bezahlen: Auf dieser Grundlage ist alles aus mit mir; aber Christus kam, „zu suchen und zu retten, was verloren ist“. „Verloren“ hieß es nie, bis der Mensch Christus verworfen hatte, obwohl es vorher schon wahr war. Als die Apostel den verherrlichten Christus predigten, wurde die Geschichte der Verantwortlichkeit beendet. In diesem Werk am Kreuz begegnete Christus unserer Verantwortlichkeit und legte Er die Grundlage für alle Ratschlüsse Gottes. Dies wird in Apostelgeschichte 7 zusammengefasst: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr“ (Apg 7,51). Sie hatten das Gesetz gebrochen, die Propheten getötet, Christus gekreuzigt und sich dem Heiligen Geist widersetzt. Der Herr sagte am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dann kam das Zeugnis eines verherrlichten Christus. Dieses Zeugnis wurde zurückgewiesen, und das beendete endgültig nicht die Verantwortlichkeit, sondern deren Geschichte. Am Kreuz dann verherrlichte Christus vollkommen Gott selbst am Ort der Sünde, wo Er „zur Sünde gemacht“ wurde. Er ging ein in Gottes Herrlichkeit, was die Grundlage für die Ratschlüsse Gottes war. Dann konnte das ganze Geheimnis der Gemeinde ans Licht kommen.[41]

Satan hat dem gefallenen Menschen ein Wesensmerkmal gegeben

Der Herr Jesus wies diejenigen, die Ihn ablehnten, darauf hin, dass sie taten, was sie von ihrem Vater gesehen hatten (Joh 8,38), und dass sie die Werke ihres Vaters taten (Joh 8,41). Er sagte: „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel“ (Joh 8,44). Außerdem:

1Joh 3,8: Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an.

In der Tat:

  • 1Joh 5,19: Wir wissen, dass wir aus Gott sind, und die ganze Welt liegt in dem Bösen.

Seit dem Kreuz wird Satan als Gott dieser Welt bezeichnet und ist damit beschäftigt, die Gedanken zu blenden:

  • 2Kor 4,4: Der Gott dieser Welt hat den Sinn der Ungläubigen verblendet.

Und so ist Satan:

  • Eph 2,2.3: Der Fürst der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams; unter denen auch wir einst alle unseren Wandel führten, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten.

Beachten wir „den Willen des Fleisches und der Gedanken“. Die Sinne beziehungsweise Gedanken des Menschen und das Fleisch wollen niemals das Evangelium glauben! Der Mensch ist ein Sklave der Sünde (Röm 6,20), genau wie der Teufel selbst.

Das vollkommene Werk Christi regelte die Sache mit der Verantwortung

Die Geschichte des Menschen wurde also am Kreuz beendet. Zuerst Gesetzlosigkeit, dann Gesetzesbruch und dann Feindschaft gegen Gott; dann kommt das segensreiche, vollkommene Werk des letzten Adam, der der Not in seiner eigenen Person begegnete und die volle Erfüllung der Absichten Gottes hineinbrachte. Durch Tod und Auferstehung und schließlich Herrlichkeit hat Er den Menschen in eine gänzlich neue Sphäre gebracht und die gesamte Frage der Verantwortlichkeit erledigt.[42]

Der natürliche Erstgeborene wird ersetzt

Im ersten Buch Mose sollte wir eine Tatsache besonders beachten: Der besondere Segen wird nicht dem erstgeborenen Sohn gegeben. Dies beginnt mit Kain und lässt sich in allen Fällen, in denen wir genügend Informationen erhalten, beobachten, so dass es sich als Phänomen im ersten Buch Mose feststellen lässt. Wir sollten dies als Andeutung erkennen, dass es Gottes Absicht ist, den Erstgeborenen beiseitezusetzen. Im Zusammenhang mit dem letzten Adam, Christus, steht geschrieben:

1Kor 15,45-47: Der erste Mensch, Adam, wurde eine lebendige Seele; der letzte Adam[43] ein lebendig machender Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistige. Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch vom Himmel.

Dieses Beiseitesetzen des ersten Menschen durchzieht das erste Buch Mose wie ein roter Faden. Dabei steht diese Tatsache nicht explizit da, aber sie ist im ersten Buch Mose vorhanden, damit wir sie feststellen und ihr unsere Aufmerksamkeit schenken. Das Thema der Verwerfung des Erstgeborenen kommt im zweiten Buch Mose deutlicher heraus. Warum? Gottes Gericht über den ersten Menschen kann man (als Vorschattung) im zweiten Buch Mose, dem Buch der Erlösung, sehen. Wir sehen, wie passend das ist, wenn wir erkennen, dass Gott am Kreuz Christi, wo die Erlösung erwirkt wurde, die Stellung des ersten Menschen beendete, der gefallen war und geprüft wurde, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre. Beachten wir: Das Schlagen der Erstgeborenen fand im direkten Zusammenhang mit dem Passahopfer statt (2Mo 12). Dies ist von großer vorbildlicher Bedeutung.

Der Pharao aus dem zweiten Buch Mose war kein Erstgeborener. Und obwohl er wohl in den Augen der Ägypter einen göttlichen Status hatte, war er sozusagen gezwungen, die höhere Macht anzuerkennen (2Mo 12,31.32), so wie diejenigen in der Zukunft, die gezwungen sein werden, vor Christus ihre Knie zu beugen, sogar die Unterirdischen (Phil 2,10). Das Werk Christi hat auch für Befreiung von der Macht der Sünde gesorgt, die in uns wohnt („Sünde im Fleisch“; Röm 8,3), und so wurde die Macht dieses Fronherrn im Roten Meer – ein Vorbild von Christi Tod und Auferstehung für uns – besiegt. Also muss das Ganze – vom Passahopfer und der Durchquerung des Roten Meeres – zusammengenommen werden, um die Befreiung von Ägypten als Vorbild darzulegen, denn in der Schrift bedeutet Befreiung bzw. Erlösung einen Wechsel von einem Zustand der Sklaverei in einen Zustand der Freiheit. Und das bringt uns zu dem ersten aufgezeichneten Lied in der Schrift, dem Lied von Befreiung und Erlösung (2Mo 15), das den Mund der Israeliten an jenem Tag füllte. Was haben die Lieder der Welt im Mund der Erlösten zu suchen? Mögen die Erlösten des Herrn so sprechen!

Die größte Tragweite des Schlagens der Erstgeborenen Ägyptens, die wir im Alten Testament finden, steht in Psalm 136,10 (s.a. Ps 78,51; 105,36; 135,8):

  • Ps 136,10: Der HERR schlug Ägypten an seinen Erstgeborenen, denn seine Güte währt ewig.

Dass der Erstgeborene geschlagen wird, bedeutet, dass Ägypten geschlagen wurde. Es bedeutet die Verurteilung und das Beiseitesetzen Ägyptens. Ebenso hat Gott am Kreuz Christi gehandelt. Der erste Mensch wurde verurteilt, beiseitegesetzt und hat nicht länger vor Gott die Stellung eines Prüflings, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre. Gott ist mit dem ersten Menschen als solchem fertig.

Die zehn Plagen lassen sich in drei Dreiergruppen aufteilen (die sich mit der Sünde in ihrem Ursprung, ihrem Wesen und ihren Folgen befassen).[44] Dann kommt das letzte, das zehnte Gericht, das Schlagen der Erstgeborenen Ägyptens, wozu Jahwe den „Verderber der Erstgeburt“ (Heb 11,28) schickte – was die endgültige Beseitigung des ersten Menschen in der „dunkelsten Finsternis“ (Jud 13) bedeutete. Siehe Matthäus 22,13, wo es „die äußerste Finsternis“ heißt – völlig von Gott entfernt. Gott hatte dies gerade zuvor in der neunten Plage, in furchtbarer Finsternis, vorgeschattet. Niemand rückte von seiner Position ab oder tat Buße. Es gibt keine Gemeinschaft in der „dunkelsten Finsternis“. Gemeinschaft ist im Licht (1Joh 1,7). Mögen die Erlösten des Herrn so sprechen! (Ps 150).

Gott machte Christus zum Erstgeborenen – wobei wir nicht von einem Vorrang in der Zeit, sondern von einem Vorrang in allen Sphären und geistlichen Beziehungen sprechen (Röm 8,29; Kol 1,15.18; Off 1,5)[45] –, als dem, der in heiliger Menschheit kam und seinen Willen tat. Als solcher ersetzt Er Adam, der in der natürlichen Ordnung die Vorrangstellung eines Erstgeborenen hatte (in Bezug auf seine Stellung vor Ihm in der Erprobung, um festzustellen, ob er wiederherstellbar wäre); denn zuerst kommt das Natürliche und danach das Geistige (1Kor 15,46.47). Darüber hinaus ist der Christ in seiner besonderen Beziehung zu Christus, dem Erstgeborenen, innerhalb der „Versammlung der Erstgeborenen“ (Heb 12,23). Wir befinden uns unter dem letzten Adam als unserem Haupt, dem wahren Erstgeborenen, der den ersten Adam in Bezug auf eine Stellung vor Gott ersetzt hat. Mögen die Erlösten des Herrn so sprechen!

Schlussfolgerung: Der Mensch in Adam ist ein schlechter Baum

  • Mt 3,10: Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

  • Mt 12,33: Entweder macht den Baum gut und so seine Frucht gut, oder macht den Baum faul und so seine Frucht faul; denn an der Frucht wird der Baum erkannt.

  • Joh 15,16: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe.

  • Eph 2,10: Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.

  • Röm 9,16: Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.

Mögen die Erlösten des Herrn so sprechen!

Nachtrag: Was kommt zuerst – der Glaube oder die neue Geburt?

Da einige Leser sich über dieses Thema Gedanken machen werden, könnte es angebracht sein, anzudeuten, welches Verständnis dieser Frage dem vorliegenden Buch zugrunde liegt, obwohl sie später noch Beachtung finden wird. Arminianer werden sagen, dass der Glaube zuerst kommt, wobei sie einen menschlichen Glauben meinen und nicht einen von Gott eingepflanzten Glauben. Der Calvinist wird sagen, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgeht. Keine dieser beiden Aussagen ist wahr.

Gott pflanzt sowohl Glauben als auch eine neue Natur gleichzeitig ein – mittels seines Wortes, das der Geist Gottes verwendet, um auf die Person einzuwirken. Hoffentlich wird dies klarwerden, während wir Gottes souveränes Handeln und seine Herrlichkeit bei der Rettung der verlorenen Menschen betrachten.

Hinweis: Im Folgenden wollen wir versuchen, die Auswirkungen der Inhalte, die wir in diesem Kapitel diskutiert haben, in etwa zusammenzufassen.

Das Ende der Erprobung des ersten Menschen

1Kor 15,46.47: Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche … Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub.

Die letzte Prüfung durch die Person des Sohnes, den zweiten Menschen

Mt 21,37: Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen.

  • Der vollkommene König und das Königreich (Mt)
  • Der vollkommene Diener und der vollkommene Dienst (Mk)
  • Der vollkommene Mensch und vollkommene Abhängigkeit (Lk)
  • Der eingeborene Sohn, voller Gnade und Wahrheit (Joh 1,14)

Die Offenbarung des Vaters in dem Sohn

Joh 15,23.24: Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater.

Der erste Mensch wurde in der Person der Juden [d.h. der erste Mensch wurde repräsentativ in den Juden erprobt] durch das Königreich erprobt, indem ihm der König angeboten wurde; und er wurde durch die Gnade in der Person des Sohnes erprobt. Weder jetzt wird der Mensch durch Gnade erprobt, noch wird er in der Zukunft durch das Königreich erprobt werden. Gott hat die Erprobung des ersten Menschen abgeschlossen, da sie gezeigt hatte, dass alle unter der Sünde sind (Röm 3,9).

Der erste Mensch wurde erprobt unter

  • dem Gewissen (Gesetzlosigkeit)
  • der Regierung
  • dem Gesetz
  • der Priesterschaft
  • den Richtern
  • den Königen
  • dem Sohn (der zweite Mensch)

Zuletzt wurde der erste Mensch unter dem Sohn, dem zweiten Menschen, erprobt,

  • „als aber die Fülle der Zeit gekommen war“ (Gal 4,4) und „zur bestimmten Zeit“ (Röm 5,6): das Ende der Zeit der Erprobung
  • „da wir noch kraftlos waren, noch Sünder waren“ (Röm 5,6.8): die Schlussfolgerung am Ende der Erprobung
  • in der „Vollendung der Zeitalter“ (Heb 9,26): das Zeitalter der Erprobung.

Der zweite Mensch wird in seine Stellung eingeführt

1Kor 15,46: … danach das Geistige

1Kor 15,47: … der zweite Mensch vom Himmel

Jetzt:

Der zweite Mensch hat den ersten Menschen ersetzt.

Im Hinblick auf das Ende der Prüfung des ersten Menschen verkündet Gott:

  • Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart (Röm 1,18).
  • Alle sind unter der Sünde (Röm 3,9; Gal 3,22).
  • Jeder Mund wird verstopft (Röm 3,19).
  • Die ganze Welt ist dem Gericht Gottes verfallen (Röm 3,19).
  • Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes (Röm 3,23).
  • Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, um alle zu begnadigen (Röm 11,32).
  • Der Mensch ist ein Sklave der Sünde (Röm 6,20).
  • Der Sinn der Ungläubigen ist verblendet (2Kor 4,4).
  • Alle sind gestorben (2Kor 5,14; Eph 2,1; Joh 5,24.25; 1Joh 3,14).
  • Jetzt ist das Gericht dieser Welt (Joh 12,31).
  • Christus ist zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben (Röm 5,6).
  • Christus starb für alle (2Kor 5,15).
  • Christus gab sich selbst als Lösegeld für alle (1 Tim 2,6).
  • Christus ist die Sühnung für die ganze Welt (1Joh 2,2).
  • Die ganze Welt liegt in dem Bösen (1Joh 5,19).
  • Satan wird als Gott dieser Welt bezeichnet (2Kor 4,4).

Jetzt:

  • Röm 3,21: Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

  • 2Tim 1,9.10: Gott hat uns errettet und berufen mit heiligem Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben, jetzt aber offenbart worden ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus, der den Tod zunichte gemacht, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

  • Eph 3,10: … damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes.

  • Heb 9,26: Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer.

  • Apg 17,30: Gott gebietet … jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen.

  • 1Kor 10,11: … auf die das Ende der Zeitalter [die Zeitalter der Erprobung] gekommen ist.

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Anmerkungen

[1] J.N. Darby, Introduction to the Bible, Collected Writings, 34:2.

[2] Das Wort „Ratschlüsse“ [counsels] wird oft von JND verwendet, und deshalb ist es gut, hier den Unterschied zwischen den Wörtern „Vorhaben“ [purpose] und „Ratschluss“ [counsel] zu erklären. Diese beiden Wörter unterscheiden sich in der Hinsicht, dass Gott eine Absicht [intention] seines Willens hat, das heißt sein Vorhaben (prothesin), das Er auszuführen beabsichtigt, und indem Er das ausführt, handelt Er gemäß der Weisheit seines Geistes, das heißt gemäß seines Ratschlusses (boulän).

[3] J.N. Darby, Collected Writings, 34:403.

[4] Dies schließt J.N. Darbys Teaching Regarding Dispensations, Ages, Administrations and the Two Parentheses, Elements of Dispensational Truth, Bd. 1 ein.

[5] Von Schicksalsschlägen, die Gott herbeiführt und die in Jesaja 45,7 „Unglück“ [Elb.] oder „Unheil“ [Luther] genannt werden, heißt es, sie seien von Ihm erschaffen. (Diese Textstelle wird in Fußnote 10 kommentiert.) Manchmal werden solche Katastrophen „zeitliches Übel“ [temporal evil] genannt. Das ist es nicht, was mit moralisch Bösem [moral evil] gemeint ist, woran sich der Mensch in seiner Bosheit beteiligt.

[6] Collected Writings, 32:41.

[7] Exposition of the Gospel of John, London: Race, 2. Aufl., 1908, S. 10, Fußnote.

[8] Artikel Rationalism, in Pamphlets, Winschoten, Heijkoop, S. 59, 1971, Nachdruck.

[9] Collected Writings, 28:103. Außerdem bemerkte JND:

Zu sagen, das Böse [evil] diene einem guten Zweck (weil Gott es sonst niemals zugelassen hätte), oder Jesaja 45,7 (… der ich den Frieden mache und das Unglück [evil] schaffe) zu zitieren, zeigt nur, dass jemand die Schrift falsch anwendet. Gott schafft nicht das moralisch Böse, es ist zeitliches Übel im Gegensatz zum Frieden und nicht im Gegensatz zum Guten (Collected Writings, 31:113).

[10] Wenn Prediger 7,29 bei diesem Thema hinzugezogen wird, ergibt sich folgender Unterschied zwischen „aufrichtig“ und „Unschuld“: Unter Unschuld verstehen wir Unkenntnis von Gut und Böse, und „aufrichtig“ bedeutet „untadelig“. Dies bedeutet nicht, dass der Mensch heilig erschaffen wurde.

[11] Viele Reformierte (und folglich Calvinisten) akzeptieren nicht, dass der Gläubige diese zwei Naturen hat.

[12] Letters, 3:314.

[13] Christus wird „der letzte Adam“ genannt, weil es nach Ihm kein weiteres Haupt geben wird. Es gibt nur die beiden Häupter. Und so gibt es zwei Menschen, den ersten und den zweiten Menschen, auf die das zutrifft.

[14] Der Herr Jesus hatte keinen moralisch freien Willen Gott gegenüber, der in Ungehorsam ausgeübt werden konnte. Der Sohn Gottes nahm heiliges Menschsein (Lk 1,35) in seine Person auf, und zwar untrennbar. Er ist untadelig. Zu diesem Thema ist die Schrift Could Christ sin? [Konnte Christus sündigen?] bei Present Truth Publishers erhältlich.

[15] Diese Prüfung meinen wir nicht, wenn wir von der Prüfung des ersten Menschen sprechen. Hinsichtlich dieser Prüfung ist der erste Mensch der gefallene Adam und unsere natürliche Stellung vor Gott ist im gefallenen Adam. Unschuld ist kein Teil davon – gehört nicht zu dieser Stellung dazu, weil Adam keinem seiner Nachkommen je Unschuld vererbt hat [denn die Nachkommenschaft wurde erst nach seinem Fall gezeugt].

[16] Gott handelt im Rahmen dessen, was seiner Natur als Licht und Liebe angemessen ist.

[17] Willing to Believe, Grand Rapids, Baker, S. 198, 1997.

[18] Mehr darüber und über solche Fragen, wie und worin sich Wiedergeburt von neuer Geburt unterscheidet; was es bedeutet, dass Gottes Same [1Joh 3,9] in uns nicht sündigen kann; was es bedeutet, am ganzen Körper gewaschen zu werden (Joh 13,7-11); und dass die Wiedergeburt nicht die Taufe ist oder durch die Taufe geschieht, findet sich in From New Birth to New Creation (bei Present Truth Publishers erhältlich).

[19] {W. Kelly bemerkte auch:

Es ist ganz richtig bemerkt worden, dass Christus im Epheserbrief nie als das Bild Gottes bezeichnet wird; so wird Er aber ganz ausdrücklich im Kolosserbrief genannt. Um zu unterscheiden: Im Epheserbrief sehen wir vielmehr, dass Christus mir zeigt, wie Gott ist – nicht sein Bild, sondern seine moralische Ähnlichkeit wird in Christus widergespiegelt. Daher heißt es: „Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt … hat“ (Eph 5,1.2). Es geht hier mehr um Ähnlichkeit als um Repräsentation. Dennoch: Obwohl man von Christus sagen kann, dass Er das Ebenbild Gottes ist, heißt es vom Ihm nie, dass Er Gott ähnelt, ganz einfach deshalb, weil Er Gott ist. Im Kolosserbrief hören wir wiederholt vom Bild Gottes. Hier heißt es zum Beispiel vom neuen Menschen, dass er „nach dem Bild dessen, der ihn erschaffen hat“ (Kol 3,10), ist; so wie es im ersten Kapitel von Christus heißt, dass Er „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) ist. Die beiden Begriffe „Ähnlichkeit“ [likeness] und „Ebenbildlichkeit“ [image] können in unseren Köpfen oft verwechselt werden, aber nicht in der Schrift, wo Ähnlichkeit einfach bedeutet, dass eine Person einer anderen ähnelt. Ebenbild [bei Luther] oder Bild [Elberfelder] bedeutet, dass eine Person repräsentiert wird, ob der Repräsentant ihr ähnelt oder nicht – wobei beides natürlich zusammenkommen kann.}

[20] Aus In the Beginning and the Adamic Earth. Siehe auch den Artikel „Likeness and Image“ in Collected Writings of J.N. Darby, 13:232-235; auch 26:255-256; Letters, 2:466.

[21] Die Stellung „im Fleisch“ wird in Römer 7,5 und 8,8 festgestellt. Die Leser können eine Erklärung dazu in From New Birth to New Creation (bei Present Truth Publishers) finden.

[22] „Der alte Mensch“ ist ein Gattungsbegriff, der auf die Stellung im gefallenen Adam hinweist. Er bedeutet nicht dasselbe wie die alte Natur in uns. Ebenso ist „der neue Mensch“ ein Gattungsbegriff, der auf die Stellung hinweist, die wir in Christus haben. Er ist nicht identisch mit der neuen Natur in uns. Siehe F.G. Patterson, A Chosen Vessel, Kapitel 6; zu finden als Nachdruck in Collected Writings of F.G. Patterson, S. 228ff., erhältlich bei Present Truth Publishers.

[23] Pelagius hatte Ansichten über den Menschen und die Erwählung, die den Ansichten des Augustinus diametral entgegengesetzt waren. Pelagius lehrte, dass der Wille des Menschen bedingungslos frei sei und keinen Hang zum Bösestun habe (was den Zustand des Menschen vor Gott leugnet). Auf diese Weise kann der Mensch Schritte zur Erlösung unternehmen, ohne dass göttliche Gnade daran beteiligt wäre.

Semi-Pelagianismus ist

die Doktrin über die menschliche Natur, die im 4. und 5. Jahrhundert von einer Gruppe von Theologen vertreten wurde, die zwar nicht die Notwendigkeit der Gnade für die Erlösung leugnete, aber die Ansicht vertrat, der erste Schritt zum christlichen Leben werde gewöhnlich vom menschlichen Willen gemacht und die Gnade komme erst später hinzu. Ihre Position lag ungefähr in der Mitte zwischen den radikal entgegengesetzten Doktrinen von Sankt Augustinus und Pelagius (The Oxford Dictionary of the Christian Church, Oxford University Press, S. 1258, 1978, 2. Aufl.).

Ein Urteil in Bezug auf „ungefähr in der Mitte“ hängt wohl vom eigenen Standpunkt ab. Arminianismus ist sicher halb-pelagianistisch – und ebenso betrachte ich den 4-Punkte-Arminianismus. Die Lehrsätze über den menschlichen Willen, was der Begriff „verloren“ bedeutet und was Auserwählung und Vorherbestimmung ist – diese Lehrsätze berühren sehr stark das Werk Christi am Kreuz. Der Leser kann The Work of Christ on the Cross and Some of Its Results bei Present Truth Publishers erhalten.

[24] Über die Hilfe und die Anreize des Heiligen Geistes zu reden und auf mancherlei andere Weise zu versuchen, die Tatsache zu verschleiern, dass der erste Schritt gemacht wird, ohne dass Gott aus souveräner Gnade eine neue Natur eingepflanzt, ändert daran gar nichts. Arminianismus ist auf dem angeblich moralisch freien Willen Gott gegenüber aufgebaut. Danach leugnet man, dass der erste Mensch wirklich verloren ist. Das verleiht dem Begriff „verloren“ eine unbiblische Bedeutung. Es ist hilfreich, diesen Sachverhalt einmal kurz zu illustrieren. Hier ist ein Beispiel aus Words in Season, Oktober 2001, Artikel „Election (2)“ von Dr. H.A. Cameron:

Zwei Prediger diskutierten Schwierigkeiten in der Theologie: Der eine war ein weißer und der andere ein schwarzer Bruder. Sagte der weiße Prediger: „Bruder Johnson, haben Sie keine Schwierigkeiten mit der Auserwählung?“ – „Nein, mein Herr“, antwortete der andere, „ich habe keine Schwierigkeiten mit der Auserwählung. Ich sehe die ganze Sache so wie bei einer Abstimmung: Gott stimmt dafür, meine Seele zu retten; und der Teufel stimmt dafür, meine Seele zu verdammen; und wie die Abstimmung ausgeht, das hängt ganz davon ab, wofür ich stimme.“ Diese einfache Lösung wird natürlich den hartgesottenen Vertreter der Vorherbestimmung nicht zufriedenstellen, aber gibt es nicht in der Schrift eine Berechtigung für diese schlichte Haltung des Bruders? Gott will nicht den Tod irgendeines Menschen. Gott „will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ [1Tim 2,4]. Andererseits: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben“ [Joh 10,10], und die letzte Entscheidung wird vom Sünder selbst getroffen. „Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet“ [Joh 5,40], „Wie oft habe ich … gewollt … und ihr habt nicht gewollt“ [Mt 23,37] (S. 204).

Also ist jeder, der mit dieser törichten Geschichte und der falschen Anwendung der zitierten Texte (hinsichtlich ihrer wahren Bedeutung) nicht einverstanden ist, ein „hart gesottener Vertreter der Vorherbestimmung“, was sowohl ein sehr undifferenzierter Ausdruck als auch eine Karikatur ist. JNDs Beobachtung illustriert dies sehr sgut: „Es ist in diesem Fall der erste Schritt, der einen teuer zu stehen kommt“!

Darüber hinaus bedauern wir es, zu hören, dass der Teufel eine Stimme hat, die ebenso viel zählt wie Gottes vermeintliche Stimme. Hat Gott dem Teufel diese Stimme gegeben?

Auserwählung ist die absolute Verurteilung des gefallenen Menschen und seines eigensinnigen, widerspenstigen Willens. Der Arminianismus stellt diesen gefallenen Willen als endgültigen Schiedsrichter und letzten Aufseher in Bezug auf die Erlösung auf. Was wir gerade gesehen haben, ist eine ausgezeichnete Illustration dieser Tatsache.

[25] Collected Writings of J.N. Darby, 10:186.

[26] Letters of J.N.Darby, 2:477,478.

[27] Collected Writings, 12:276, Notiz.

[28] Letters, 2:168. Man lese auch den Brief auf S. 501–502.

[29] Jesaja 1,18; 55,1; Matthäus 11,28; 5. Mose 30,19; Hesekiel 18,30; Matthäus 11,21; Johannes 3,18.19; Römer 1,26.28; 14,12; 2,6; Matthäus 23,37; 1. Timotheus 2,4; Johannes 5,40; 8,24; 1,12 (The Eternal Security Teaching, Harrisonburg, Christian Light Publications, 1976).

[30] N. Geisler vertritt diese Unwahrheit, dass Gott nicht verlangt, was unmöglich ist:

Weiter schämt sich PF {d.h. The Potter’s Freedom, von James R. White} anscheinend nicht, zuzugeben, dass Gott das Unmögliche verlangt (108), weil er sich offensichtlich nicht der Irrationalität bewusst ist, die er dadurch Gott zuschreibt (aus dem zitierten Werk, S. 260, 2. Aufl. 2001).

Dr. Geisler ist sich offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass er dabei ist, Gottes Souveränität zu untergraben. Es scheint also, dass er denkt, gefallene Menschen könnten das Gesetz halten. Tatsächlich ergibt es sich implizit aus der Auffassung vom moralisch freien Willen Gott gegenüber, dass Gott Menschen nicht gebieten würde zu tun, was sie nicht tun können – und daher ergibt es sich implizit aus dieser Lehre, dass der gefallene Mensch das Gesetz halten könnte. Nun ja, jeder Mensch ist frei, jedwede Torheit zu glauben, die er glauben möchte, wenn er auch letzten Endes Gott gegenüber dafür verantwortlich ist.

[31] Beachten wir gut, dass Gott sagte: „Wählt das Leben.“ Der Standpunkt des oben zitierten Autors ist, dass der Mensch eine freie moralische Kraft hat und tun kann, was Gott sagt. Gott richtete das Gesetz an Israel, das es halten sollte. Bedeutet das – dem Autor gemäß –, dass es gehalten werden konnte? Was für eine Art Gott wäre das – gemäß dem arminianischen System der Argumentation und der Schlussfolgerungen –, der Menschen befehlen würde zu tun, was sie nicht tun können? Ihr Standpunkt ist, dass Gott so etwas nicht tut; nein, dass Er es nicht tun könnte, ohne die moralische Handlungsfreiheit des Menschen zu verletzen.

Die offensichtliche Tatsache bleibt, dass kein Sünder je das Leben wählte. Kein Sünder hielt jemals das Gesetz. Alle sind körperlich gestorben. Das Problem liegt nicht im Gesetz (Röm 7,10-12). Die Wahrheit ist, dass der Sünder das Leben nicht wählen kann, auch nicht in dem Sinne, der in diesem Abschnitt gemeint ist – dass er das Gesetz nicht halten kann. Nun ist es nicht nur so, dass universeller Tod die Tatsache bezeugt, dass der Mensch das Gesetz nicht halten kann; das Unvermögen des Menschen wird in der Schrift ausdrücklich festgestellt:

  • Röm 8,7: Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht.

„Denn sie vermag es auch nicht“ sind Worte, die Unvermögen, Unfähigkeit ausdrücken. Also gab Gott das Gesetz und befahl Israel, es zu halten, wohl wissend, dass das unmöglich war. Da ist er: der Beweis, dass Gott so etwas tut; und der Beweis, dass der Mensch nicht gehorchen kann und dennoch verantwortlich ist.

[32] Letters of J. N. Darby, 2:501.

[33] Collected Writings, 32:232,233.

[34] Siehe Collected Writings, 26:256, usw.

[35] Der Herr Jesus war, was seine Person betrifft, der zweite Mensch, als Er hier auf der Welt war. Aber in der Auferstehung nahm Er den Platz des zweiten Menschen ein. In diesem Zusammenhang gibt es hier zwei Dinge zu bemerken: (1) Der erste Mensch vertrieb den zweiten Menschen; (2) der zweite Mensch ersetzte den ersten Menschen in der Auferstehung. Der erste Mensch – also der Mensch, der erprobt wurde – wurde von Gott am Kreuz gerichtet. Der Christ als solcher wird mit dem zweiten Menschen auf der anderen Seite des Todes identifiziert. Eine Linie der Wahrheit, die als „Identifikationswahrheit“ bezeichnet wird, wurde von J.N. Darby im 19. Jahrhundert herausgebracht (wenn auch damals nicht so genannt) – und, so möchte ich hinzufügen, sie war frei von dem damit verbundenen Gepäck, das von einigen dazugepackt wurde, die kirchlich nicht mit JND identifiziert werden wollten.

[36] Collected Writings, 26:248.

[37] Notes and Jottings, S. 33. Siehe auch S. 321.

[38] Collected Writings, 10:275.

[39] Collected Writings, 26:256.

[40] Collected Writings, 32:236.

[41] Collected Writings, 34:403.

[42] Collected Writings, 34:296.

[43] Er wird der letzte Adam genannt, weil es niemals mehr ein anderes Oberhaupt geben wird.

[44] Ein Schaubild davon finden Sie auf der Internetseite www.presenttruthpublishers.com.

[45] Der Begriff „eingeborener Sohn“ bedeutet eine Beziehung mit dem Vater, die weder abgeleitet noch erworben, sondern einzigartig und ewig ist. Der Begriff „Erstgeborener“ hängt mit Ehren zusammen, die Er als Mensch erworben hat, in Bereichen, worin Er den Vorrang haben muss.


„Chapter 1: God’s Sovereignty in the Test of Lost Man“
aus God’s Sovereignty and Glory in the Election and Salvation of Lost Men
Present Truth Publishers, Jackson, 2003

Übersetzung: S. Bauer


Hinweis der Redaktion:

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