Der Glaube Abrahams
Hebräer 11,8-19

George Vicesimus Wigram

© SoundWords, online seit: 21.11.2009, aktualisiert: 07.03.2018

Leitverse: Hebräer 11,8-19

Heb 11,8-19: 8 Durch Glauben war Abraham, als er gerufen wurde, gehorsam, auszuziehen an den Ort, den er zum Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme. 9 Durch Glauben hielt er sich in dem Land der Verheißung auf wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; 10 denn er erwartete die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. 11 Durch Glauben empfing auch selbst Sara Kraft, einen Samen zu gründen, und zwar über die geeignete Zeit des Alters hinaus, weil sie den für treu erachtete, der die Verheißung gegeben hatte. 12 Deshalb sind auch von einem, und zwar Erstorbenen, geboren worden wie die Sterne des Himmels an Menge und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist. 13 Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht empfangen, sondern sahen sie von fern und begrüßten sie und bekannten, dass sie Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde seien. 14 Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen. 15 Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgegangen waren, so hätten sie Zeit gehabt, zurückzukehren. 16 Jetzt aber trachten sie nach einem besseren, das ist himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet. 17 Durch Glauben hat Abraham, als er geprüft wurde, Isaak geopfert, und der, der die Verheißungen empfangen hatte, brachte den Eingeborenen dar, 18 über den gesagt worden war: „In Isaak wird dir eine Nachkommenschaft genannt werden“; 19 wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing.

Wir Menschen hätten niemals an die Möglichkeit eines persönlichen Verhältnisses zu Gott gedacht, wenn Er sich uns nicht offenbart hätte. Wir sehen aber in der Geschichte Abrahams, wie Gott sich ihm bekannt machte, ihm als eine lebendige Person seine Gedanken kundtat und ihn zu sich selbst zog, von seinem Vaterland und seiner Verwandtschaft hinweg. Abraham sollte hinfort in enger Beziehung zu dem lebendigen Gott stehen, der ihm versprach, sein Schild und sehr großer Lohn sein zu wollen. Abraham konnte sich auf nichts, als durch den Glauben auf das Wort Gottes stützen. Welch ein Tor muss er seinen Verwandten erschienen sein, als er sie auf das Geheiß von jemanden verließ, den er nicht sah und an den sie nicht glaubten!

Insoweit Abraham darauf baute, dass Gott für ihn war, ging alles gut, so wie er aber für sich selbst handelte, schlug alles fehl. Dies zeigte sich, als er seinen Vater und Lot mitnahm, die Gott nicht berufen hatte; das Wort lautete: „Gehe aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus.“ Abraham aber verließ nicht alles, so dass er sich bis zum Tod Tarahs in Haran aufhalten und nachher sich von Lot trennen musste. Erst dann ging er vorwärts.

Beachten wir auch, wie es in Hebräer 11,8 heißt, dass er berufen wurde, auszuziehen, „nicht wissend, wohin er komme“. Es war der Pfad des Glaubens. Nichts stellt die menschliche Natur so auf die Probe wie scheinbare Ungewissheit. Die traurigste Gewissheit ist uns fast lieber als ein langes Schweben in Ungewissheit. Gott aber gebraucht oft diesen Weg zu unsrer Prüfung. Es ist nicht immer sein Wille, dass wir im Voraus das Wie und Wann der Erfüllung seiner Verheißung sehen, weil ja auf solche Weise unser Glaube gar nicht geübt würde.

Gott sagte dem Abraham, dass die Zahl seiner Nachkommen sein werde wie die Sterne des Himmels, während er doch ohne Kinder geblieben war. Alles andere, wie Gold, Silber, Herden, Knechte, besaß er im Überfluss; aber wer sollte einst dies alles erben? Dieser natürliche Gedanke störte ihn oft, und Sarah, die ihm bei der Lösung der Schwierigkeiten behilflich sein wollte, fand Mittel und Wege, einen Sohn ins Haus zu bringen; aber leider war es nicht Isaak, der Sohn der Verheißung.

Wie oft gleichen wir der armen Sarah, wenn wir, anstatt mit Ausharren die Zeit abzuwarten, wo wir die Dinge von Gott empfangen, unsere Hand ausstrecken, um sie zu nehmen! Die Folge davon ist immer Betrübnis und Verlust in geistlicher Beziehung. Wären wir Gott unterworfen gewesen, so würde Er uns etwas weit Besseres gegeben haben als das, was wir uns in unserer Ungeduld selbst wählten.

Aus dem neunten Vers unseres Abschnitts ersehen wir, wie Abraham, in Hütten wohnend, seinen Charakter als Pilgrim und Fremdling bewahrte. Die Häuser gehören Kanaan, für die Wüste passen nur Zelte. Die Wohnung Gottes in der Wüste war eine Hütte oder ein Zelt und erst in Kanaan ein Tempel. Abraham blieb seinem Charakter als Fremdling treu, während Lot untreu war. Wir lesen von Letzterem, dass er Zelte aufschlug bis nach Sodom, dann, dass er in Sodom wohnte, und später finden wir ihn selbst im Tor dieser Stadt sitzend. Welch ein Ort für ein Kind Gottes, darin sich niederzulassen und selbst Ehre für sich zu empfangen! Abrahams Auge war auf eine ganz andere Stadt gerichtet, „denn er erwartete die Stadt, welche Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“, und Ihn zu seinem Teil wählend, begnügte er sich unterdessen, in Zelten wohnend.

Aufs Neue auf die Probe gestellt, weigert sich Abraham, von dem König von Sodom auch nur das Geringste anzunehmen, auf dass dieser nicht sage: „Ich habe Abraham reich gemacht.“ Gleich darauf gibt ihm Gott die Zusicherung: „Ich bin dein Schild und dein großer Lohn.“ Jedes Mal, wenn wir fähig sind, um Christi willen irgendeiner Sache zu entsagen, die wir natürlicherweise vielleicht sehr lieben, wird Gott sich uns sicher aufs Neue offenbaren. Indem wir die weniger köstlichen Dinge fahren lassen, machen wir Raum für den Herrn und verwirklichen in unserer Erfahrung die Verheißung in Johannes 14,23: „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“

Gott ist eine feurige Mauer um diejenigen her, die für Ihn abgesondert sind. Das Blut Christi ist unser Schutz und Schild und seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit, die uns als seinen Miterben bereitet ist, das vor uns Liegende. Sollten wir uns denn zurückwenden, um auf das Irdische zu sinnen? Ist etwa sein Vaterland nicht auch das unsrige, und sind seine Geliebten nicht auch die Gegenstände unserer Liebe, während wir Ihn als Heiland erwarten?

So bezeugen wir es doch durch unsere Gewohnheiten und unser ganzes Benehmen, dass wir „Fremdlinge und ohne Bürgerrechte auf Erden“ sind! Zeigen wir durch unsere Unabhängigkeit von Dingen, die der natürliche Mensch am meisten begehrt, und durch unsere Gleichgültigkeit gegen das, wodurch andere sich blenden und aufhalten lassen, dass wir im Licht eines besseren Vaterlandes diesen Schauplatz durcheilen, nichts selber wählend, sondern alles als Gabe aus Gottes Hand empfangend? Fragen wir uns, wenn etwas Begehrenswertes in unserem Bereich liegt: Ist es der Vater, der mir dieses gibt? Wenn nicht, so habe ich es nicht nötig. Ein wahrer Pilger wird sich niemals in einer Welt wie dieser festsetzen wollen, weil sie nicht gut genug ist, um uns von Gott gegeben zu werden. Er hat uns eine Stadt bereitet, wir gehen nach Hause; und unterdessen lasst uns Herzen und Sinne frei halten für denjenigen, der sich selbst für uns dahingegeben hat!

Wir lesen nirgends, dass Gott sich „der Gott Lots“ nannte. Er konnte seinen heiligen Namen nicht mit Sodom verbinden, wo Lot ein Bürger war; während wir doch sehen, dass Er sich nicht schämt, der Gott der Fremdlinge und Pilger zu heißen noch ihren Namen mit dem Seinigen zu vereinigen.

Wie scharf war die Probe, der Abraham nachher unterworfen wurde. Gott wollte sehen, ob er einzig und allein auf seine Verheißungen baue oder nicht. Glückselig der Mann, dessen Glaube, von Gott in ihm gewirkt, im Feuer der Trübsal nicht geringer wird.

Auch unser Glaube wird auf vielerlei Weise geprüft. Haben wir es zum Beispiel schon erfahren, was es ist, in Ungewissheit und Erwartung gehalten zu werden? Verstehen wir es, wenn Gott, um ohne Hindernis zu unserem Wohl tätig sein zu können, uns alles wegnimmt, womit wir uns selber zu helfen gedachten? Wissen wir, was es ist, mit Gott zu wandeln und nur von seinem Wort abhängig zu sein, wenn wir auch dabei lange warten müssen; was es ist, nichts zu nehmen, bevor Er es uns gibt, als Pilgrime und Fremdlinge hier unten zu wandeln und unseren Blick unverwandt auf die Herrlichkeit zu richten? Möge der Herr geben, dass die gesegneten Erfahrungen eines solchen Wandels immer mehr die unsrigen werden.


Originaltitel: „Der Glaube Abrahams“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 14, 1936, S. 30–34


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