Habe acht auf dich selbst! – Ein Weckruf
1. Timotheus 4,16

William John Hocking

© SoundWords, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 01.06.2017

Leitvers: 1. Timotheus 4,16

1Tim 4,16: Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre, beharre in diesen Dingen.

Ist es nicht für uns an der Zeit, den Zustand der Dinge, die bei „uns“ herrschen, ernst zu Herzen zu nehmen? Gott hat uns in seiner Barmherzigkeit und Gnade viele Wahrheiten zurückgegeben, die für Jahrhunderte aus dem Blickfeld verlorengegangen waren. Wir wissen, dass unsere Sünden jetzt vergeben und für immer weggetan sind. Wir wissen, dass Gott uns von allem gerechtfertigt hat. Wir wissen, dass wir im Sohn Gottes ewiges Leben besitzen. Was würden nicht wenige Christen in heutiger und früherer Zeit darum gegeben haben, die Gewissheit dieser und anderer Segnungen zu besitzen, die unter uns „Allgemeinwissen“ sind?

Überdies wissen wir, dass der Heilige Geist in uns wohnt und wir somit mit dem Herrn Jesus Christus als Glieder seines Leibes verbunden sind. Wir wissen auch, dass die gegenwärtige Gunst, in der wir stehen, und die zukünftige Herrlichkeit, in die wir bald eingeführt werden sollen, nur gemessen werden können an der Freude, die der Vater für sein Herz in der Person und im Werk seines geliebten Sohnes gefunden hat. Außerdem wissen wir, dass der Herr Jesus kommt, um uns zu sich zu nehmen, und dann wird sein Herz befriedigt und unsere Freude auf ewig voll sein.

Ich sage, dass wir diese Dinge wissen; und damit meine ich, dass sie zu den üblichen Themen des Dienstes gehören und dass die Gläubigen mit ihnen als lehrmäßige Wahrheiten vertraut sind. Wo aber herrscht die praktische Gottesfurcht, der Eifer, die Hingabe, die Wachsamkeit und das Gebetsleben, was eigentlich das Ergebnis einer solch umfassenden Kenntnis und einer reichen Segnung wie dieser sein sollten?

Es ist viel Trennung von offener Weltlichkeit vorhanden, aber ist der Grund dafür nicht oft die Angst, dass unser guter Ruf unter den Gläubigen Schaden nehmen könnte, anstatt dass die Freude an Christus dazu die Triebfeder ist? Kommen wir nicht oft zum Lesen des Wortes, zum Gebet und sogar zum Brotbrechen auf eine kalte, formelle Art und Weise zusammen, ohne dass die wahre Quelle des Lobes, des Verlangens und der Anbetung in unseren Herzen durch die Kraft des Heiligen Geistes berührt und geöffnet worden sind?

Wie steht es mit unseren Zeiten des persönlichen Gebets und des Nachsinnens? Verlaufen sie nicht häufig kalt und kraftlos, mit fehlendem inneren Brennen und ohne Segnung, selbst wenn wir sie nicht ganz vernachlässigen? Existiert unter uns nicht eine erschreckende Gleichgültigkeit in Bezug auf die Belange Christi, die deutlich wird durch das Fehlen des Gebets – persönlich, gemeinsam und öffentlich?

Haben wir denselben Wunsch in Bezug auf die Segnung anderer wie der Apostel, der sagen konnte: „Ich bin allen alles geworden, auf dass ich auf alle Weise etliche errette“, und: „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwänglicher ich euch liebe, umso weniger geliebt werde“ (1Kor 9,22; 2Kor 12,15)?

Wenn mit anderen Christen gesprochen wird, haben wir dann nicht oft mehr die Absicht zu beweisen, dass sie falsch und wir richtig sind, anstatt ihnen etwas zu geben, was sie weiterbringen würde? Gibt es nicht unsererseits oft eine Anmaßung geistlicher Überlegenheit, die allem, was wir sagen, widerspricht? Wollen wir uns noch einmal warnen lassen! Wie furchtbar wäre es, wenn wir nichts mehr als eine Sekte mit einer schönen, korrekten und schriftgemäßen, aber leblosen und kalten Theologie werden würden!

Der besondere „Kunstgriff“ des Teufels heutzutage ist, die Offenbarung des Willens unseres Vaters zu einer Theologie herabzusetzen, die diskutiert, erörtert und zum Thema von Streitfragen gemacht wird. Vergesst nicht, dass, obwohl der Apostel „habe acht auf die Lehre“ sagt, er doch die ernste Ermahnung voranstellt: „Habe acht auf dich selbst“ – eine Ermahnung, die heute leider beinahe in Vergessenheit geraten ist.

„Was sollen wir denn sein oder tun?“ So werden wohl einige überrascht fragen, die nicht mit Sorge den Verfall wahrgenommen haben, der sich allmählich über so viele Jahre hin eingeschlichen hat und der nun jedem gottesfürchtigen Herzen so klar ist. Der Wunsch des Herzens Gottes für uns findet seinen Ausdruck in den Worten „Werdet erfüllt mit dem Geist“.

Liebe Freunde, die Ihr jetzt dieses lest, wir wollen uns mit allem Ernst fragen: Kennen wir die Fülle gegenwärtiger Freude, den unaussprechlichen Frieden, die volle Kraft zum Gebet, zur Anbetung und zum Zeugnis und die überströmende Hoffnung, die sich als Früchte des „Erfülltseins mit dem Geist“ einstellen?

Ist es für dich und mich eine Gewohnheit gesteuert, geleitet, angetrieben und erfüllt zu sein durch den Heiligen Geist Gottes? Oder ist das wenigstens dein und mein tiefster innerer Wunsch? Falls das unser Verlangen ist, müssen wir da nicht das Fehlen der Kraft und den Mangel an Segen betrauern, der sich so häufig in den Zusammenkünften zum Gebet, zur Wortverkündigung und zur Anbetung bemerkbar macht? Wollen wir nicht mit zerbrochenem Geist in unser Zimmer gehen, um dort im Bekenntnis des niedrigen geistlichen Zustandes, der überall offenbar ist, unser Herz vor Gott ausschütten und Ihn bitten, uns eine wirkliche Erweckung in der Kraft des Heiligen Geistes zu schenken? Wollen wir nicht so im Aufblick auf den bald wiederkommenden Herrn unseren Weg gehen, damit wir als wartende, wachende und arbeitende Christen gefunden werden?

Wenn unsere Seele nicht frei und glücklich ist in tief empfundener Liebe Christi, wenn wir im tiefen Innern unseres eigenen Herzens nicht in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn durch die Kraft des Heiligen Geistes unseren Weg gehen, dann wollen wir nicht zulassen, dass der Feind uns täuscht, indem er uns dahin lenkt zu denken, dies sei darauf zurückzuführen, dass wir ein größeres Wissen haben.

Vielleicht verstehen wir heute manche „Versammlungswahrheiten“ viel besser als vor fünf Jahren. Ist aber Christus uns wertvoller geworden? Haben wir mehr wirkliche, tiefe Freude, an Ihn zu denken und von Ihm zu sprechen? In Bezug auf geistliches Wissen mögen wir Fortschritte gemacht haben, aber ist unsere Zuneigung tiefer und treuer als in dem Moment, in dem wir das erste Mal erfuhren, dass Er uns liebte und sich selbst für uns hingab? Brennt unser Herz im Eifer und in der Glut der „ersten Liebe“? Ist seine Liebe und seine Hingabe heute noch immer so wichtig für mich wie damals?

Bedenke den Appell des Herrn an die mit Gaben gesegnete und geistlich fortgeschrittene Versammlung in Ephesus: „Aber ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Off 2,4). Was für einen Gewinn hat eine größere Menge an Wissen über seine Person und sein Werk, wenn die von Ihm so geschätzte Seelenzuneigung dabei abnimmt?

Und dann – haben wir, was das Kommen des Herrn anbetrifft, ein Verlangen, seinen Ruf zu hören und sein Angesicht zu sehen, eine Sehnsucht, die jeden Tag tiefer wird und unser Leben mehr und mehr durchdringt? Wir wissen vielleicht ganz genau und schriftgemäß Bescheid über die Lehre vom Kommen des Herrn, aber wir wollen uns fragen: Ist dies eine Hoffnung, in der wir leben und auf deren Erfüllung wir stündlich warten? Handelt es sich um eine Lehre, an der wir lediglich festhalten oder ist es so, dass ihre Kraft uns festhält, indem sie uns in der Praxis von dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf trennt und unsere Gedanken mit der Person, die wiederkommt, beschäftigt?

Was wäre es, wenn in diesem ernsten, kritischen Augenblick – unabhängig von irgendwelchen Trennungsstreitigkeiten und inmitten der so weitverbreiteten Gleichgültigkeit – der Ruf gehört werden könnte, und uns dann auch wirklich tief beeindrucken würde:

„Siehe der Bräutigam! Gehet aus, Ihm entgegen!“ (Mt 25,6).


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