Das Gleichgewicht halten
Christen im Spannungsfeld

Andrew Nunn

© SoundWords, online seit: 14.12.2009, aktualisiert: 11.12.2017

Gleichgewicht – ein Prinzip Gottes

„Charlie eins sieben im Landeanflug“, meldete ich mich am Mikrophon. Der Tower antwortete: „Charlie eins sieben, roger.“ Von diesem Augenblick an wechselte mein Blick ständig zwischen den „Klaviertasten“ am Ende der Landebahn, die immer größer wurden, und der Geschwindigkeitsanzeige.

Ich hatte meinen ersten Alleinflug und die schwierige Aufgabe, die richtige Balance zu erreichen: zu schnell während des Anfluges und man schießt über die Landebahn hinaus; zu langsam und man hat keinen Auftrieb mehr (man fällt wie ein Stein vom Himmel, hatte unser Fluglehrer immer gesagt). Wenn man zu steil anfliegt, bleibt man nicht am Boden, und wenn man zu flach ankommt, reicht die Länge der Landebahn nicht aus. Und wenn man zu weit rechts oder links fliegt, wird man, wenn überhaupt, auf dem Rasen landen.

Das Universum zeigt uns auf majestätische Weise das von Gott geschaffene Gleichgewicht. Dieser Planet, auf dem wir leben, schwebt im Weltraum, auf „nichts“ ausbalanciert. Mehr als eine Million Megajoules des Papiers in deiner Hand sind sorgsam ausbalanciert. Ein leichtes Ungleichgewicht würde in einer Atomexplosion enden.

Gottes Plan für unser Leben ist es, dass wir ebenso zwischen unterschiedlichen Einflüssen das Gleichgewicht bewahren – ähnlich der Balance, die man zum Landen eines Flugzeugs benötigt; ähnlich der Balance, die wir in der Natur finden. Wenn wir die richtige Balance verlieren, indem wir ein Prinzip zu sehr gewichten, verfehlen wir Gottes perfekten Plan. Außerdem verlieren wir den Überblick, wie weit wir aus der Balance geraten. In diesem Artikel möchte ich uns einige Gebiete vorstellen, in denen Gott uns auffordert, zu wachsen, indem wir widersprüchliche Prinzipien weise ausbalancieren.

Wie gebrauchen wir unsere Zeit?

„Das Leben besteht nicht in erster Linie daraus, das Gute auszuwählen und das Schlechte abzutun, sondern aus dem Guten das Beste zu wählen.“ Dieses alte Sprichwort enthält viel Weisheit. Verteilen wir in den drei Bereichen, die wahrscheinlich den größten Teil unserer Zeit ausfüllen (Familie, geistliche und weltliche Aktivitäten), unsere Zeit vernünftig und bewusst in einer Art und Weise, die Gott ehrt? Sind wir „arbeitssüchtig“? Vernachlässigen wir die Verantwortung für die Familie, indem wir eine der anderen beiden Gebiete überbetonen? Sind wir passive Christen geworden, haben wir vergessen, dass wir Glieder des Leibes Christi sind mit bestimmten und wirklichen Aufgaben?

Lasst uns nicht schuldig werden, weder indem wir unser Talent verbergen (Mt 25,25) noch indem wir „hier und dort etwas zu tun haben“ (1Kön 20,40) und unsere wirkliche Verantwortung vernachlässigen! „Alles hat seine bestimmte Zeit“, wie Prediger 3 sagt.

Materialismus / Verwaltung, Verantwortung

Ein alter Freund von mir sagte mir kürzlich seine Meinung: „Viele Christen in Nordamerika (und in anderen westlichen Ländern?) sind dem Materialismus verfallen, nicht aus Liebe zum Geld, sondern weil sie durch den Einfluss von Werbung, Nachbarn und Freunde anfangen, dem Standard der Welt zu glauben, dass ‚dies oder jenes nötig‘ ist.“ Trifft das auf uns?

Gottes Wort ermahnt uns, „mit euren eigenen Händen zu arbeiten …, damit ihr ehrbar wandelt vor denen, die draußen sind und niemand nötig habt“ (1Thes 4,11.12). Es sagt außerdem: „Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen“ (2Thes 3,10).

Auf der anderen Seite bringt unser Herr dies selbst ins Gleichgewicht, indem Er uns auffordert: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“, und: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde“ (Mt 6,33.19). Und um sicherzugehen, dass wir kein verzerrtes Bild vom Lebensstandard bekommen, sagt Paulus: „Wenn wir aber Nahrung und Bedeckung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen“ (1Tim 6,8). Klingt das ein wenig hart? Aus Gottes Sicht ist alles andere unausgewogen!

Gesetzlichkeit / Liberalismus

Hast du schon bemerkt, wie sich politische Parteien in rechts oder links einordnen? Sogar in theologischen Kreisen haben sich Männer in Liberale (links) und Konservative (rechts) aufgeteilt. Das Gleiche gab es schon zur Zeit Jesu. Die Pharisäer waren die „staubtrockenen“ orthodoxen Juden, die die Bücher von Mose in eine lange und umfangreiche Liste von „Du sollst“ und „Du sollst nicht“ eingeteilt hatten. Die Sadduzäer waren viel „liberaler“. Sie glaubten nicht einmal an Engel, Geister oder an die Auferstehung.

„Gebt acht und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer“ (Mt 16,5-12), sagte Jesus seinen Jüngern. Einige von Jesu härtesten Worten waren an die Pharisäer gerichtet. Er nannte sie „blinde Führer … Heuchler“ (Mt 23). Und von den Sadduzäern sagte er: „Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes“ (Mt 22,29).

Inwieweit sind wir ebenso eines oder auch beider Irrtümer schuldig? Besteht unser Christentum aus einer Liste von Regeln und Anordnungen? Sind wir schuldig, etwas zum Wort Gottes hinzuzufügen, indem wir auf einigen Dingen bestehen, die nicht direkt dort geschrieben stehen? Oder fehlt unserem Christsein auf der anderen Seite die tiefe Erkenntnis der Schrift oder der Kraft Gottes? Sind wir besorgt darüber, das zu tun, was Gott uns eindeutig sagt, weil wir nicht als „Extremisten“ gelten wollen? Wenn das so ist, befinden wir uns ebenso in einem Irrtum! Möge Gott uns helfen, ein lehrmäßig ausgewogenes christliches Leben zu entdecken und auch zu führen.

Absonderung / Zeugnis

Eine der größten Aufgaben, die der Gemeinde durch die Jahrhunderte hindurch begegnete, ist, sich von der Welt und ihrer Verdorbenheit abzusondern, während man jedoch in der Welt ein Zeugnis sein soll. Wir sind wenig erfolgreich darin. Jesu Gebet für seine Jünger war nicht, dass Gott sie aus der Welt wegnehme, sondern dass Er sie bewahre vor dem Bösen. „Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin … wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt“ (Joh 17,15-18). Und Paulus ermahnt uns: „Seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes“ (Röm 12,2).

Wie gut lernen wir, die folgenden schwierigen Prinzipien gut auszubalancieren?

  • Absonderung von der Welt und ihren Methoden und Werten
    und
  • in der Welt zu sein mit einem sichtbaren Glauben und einem Zeugnis, das dem 21. Jahrhundert angepasst ist?

Oder sind wir in eine von zwei eigentlich einfachen Positionen gefallen:

  • Sind wir in ein „exklusives Mönchtum“ verfallen – indem wir unsere Kontakte so viel wie möglich auf Gläubige reduziert haben und vergessen, dass wir Licht für die Welt sein sollen?
  • Oder leben wir ein getarntes und angepasstes christliches Leben, das nicht „anstößig“ ist – tatsächlich werden die Menschen es noch nicht einmal bemerken?

Möge uns Gott helfen, die richtige Balance zu finden: in der Welt, aber nicht von der Welt.

Schlussfolgerung

Gott fordert uns auf, ein ausgewogenes christliches Leben zu führen. Das schließt wahrscheinlich den schmerzvollen Prozess ein, unserem himmlischen Vater zu erlauben, uns zu zeigen, wo wir nicht ausgewogen sind – wo wir an Ideen oder Wegen festhalten, die wir mögen, weil wir mit ihnen zufrieden sind, die aber die biblischen Prinzipien nicht richtig ausbalancieren.

Darum müssen wir mit Gottes Hilfe diese Dinge korrigieren, die Er uns zeigt. Das könnten Wahrheiten auf anderen Spannungsfeldern sein, so wie Liebe und Selbstbeherrschung; Freiheit in Christus und Verantwortung schwächeren Brüdern gegenüber; gute Traditionen und positive Veränderungen; Unterwerfung unter eine Autorität und für etwas eintreten, was richtig ist; Worte und Taten.

Um ein Fahrrad zu fahren, muss man es richtig im Gleichgewicht halten. Um einen Bogen zu benutzen, müssen beide Enden in Spannung gehalten werden. Möge Gott uns helfen.


Originaltitel: „Keeping Your Balance“
aus Grace and Truth, April 1988
auch in Scripture Truth, Bd. 50, 1989–91, S. 45–48

Übersetzung: M.N.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...