Vor dem Winter
2. Timotheus 4,21

George André

© SoundWords, online seit: 15.01.2010, aktualisiert: 11.12.2017

Leitverse: 2. Timotheus 4,13.21

2Tim 4,13.21: Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückließ, bringe mit, wenn du kommst. … Befleißige dich, vor dem Winter zu kommen.

Derjenige, der das Evangelium im ganzen Imperium verkündigt und die Wege, Wüsten und Flüsse durchquert hatte, war am Ende seines Lebens. Eingesperrt wie ein gemeiner Verbrecher, im römischen Gefängnis, so sagt uns die Tradition, feucht und dunkel, wo man nicht einmal stehen konnte: „Die Zeit meines Abscheidens ist gekommen“ (2Tim 4,6). Einer nach dem andern, frühere Mitstreiter, mit Ausnahme von Lukas, verließen ihn; einige, wahrhaftig, für den Dienst am Evangelium, andere, wie Demas, haben „den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen“ (2Tim 4,10). Bei seiner Verteidigung stand ihm niemand zur Seite, alle hatten ihn verlassen. Den Prediger und Apostel und Arzt der Heiden – hatte er seinen Dienst nicht perfekt erfüllt, indem er „den guten Kampf des Glaubens kämpfte und den Glauben bewahrte“?

Niemand kümmerte sich um diesen armen, alten Gefangenen und niemand hatte ihm etwas Warmes für den Wintereinbruch gegeben aus dieser Gemeinde in Rom, auf die er sich so sehr gefreut hatte, sie zu sehen, und deren Brüder ihn vor Jahren auch ermuntert hatten. Er musste seinen alten Mantel aus dem fernen Troas anfordern. Wahrhaftig, „der Winter“ hatte begonnen. Und diese Bitte wird wiederholt: „Befleißige dich, bald zu mir zu kommen“ (2Tim 4,9), „Befleißige dich, vor dem Winter zu kommen“ (2Tim 4,21). Bald würden die Henker den Verurteilten durch die Straßen Ostias (in Rom) führen, um ihn zu enthaupten. Würde er vorher noch die Gelegenheit und den Trost haben, seinen „Sohn“ Timotheus zu sehen?

Viele Diener und Dienerinnen des Herrn unter uns sind im vorgerückten Alter. Für sie ist der „Winter“ gekommen; die Kräfte haben abgenommen, sie zeigen keine Widerstandskraft mehr, manchmal verschleiern sich die Gedanken. Aber wünschten sie sich nicht auch, dass die Jungen sie besuchten, dass sie Freunde hätten, die, ohne die materiellen Bedürfnisse zu vergessen, auch an Dinge dächten, die ihr Herz erfreuen könnten? Könnten sie nicht wie ein Lichtstrahl sein in oftmals dunklen Verhältnissen?

Auch wenn dem Apostel seine Einsamkeit und Verlassenheit, in der er sich befand, bewusst war, so überwog doch eine Gegenwart sein Herz. Alexander mochte ihm viel Böses getan haben, doch „der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken“ (2Tim 4,14). Während seines Prozesses verließen ihn alle, „der Herr aber stand mir bei … der Herr wird mich retten“ (2Tim 4,17.18). „Ich habe den Lauf vollendet … fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit“ (2Tim 4,7.8). Vom Weg nach Damaskus bis ins Gefängnis von Rom war der Herr für ihn der treue Freund, der ihn so oft ermunterte: in Korinth, wo er mit Zittern und Zagen ankam; in Jerusalem in der Nacht, wo er in Gefangenschaft geriet; während des Unwetters auf hoher See, als bei den Passagieren jegliche Hoffnung auf Rettung gewichen war.

Der „Winter“ war gekommen, als Folgeerscheinung seiner Leiden und der Verlassenheit, aber einmal mehr blieb der Herr an seiner Seite. Welches Andenken würde er seinem jungen Freund hinterlassen, den er sicherlich nicht mehr sehen würde? Ein letztes Wort, ein letzter Wunsch: „Der Herr Jesus Christus sei mit deinem Geist!“ (2Tim 4,22). Auch Timotheus seinerseits musste leiden, seinen Dienst völlig zu erfüllen, und wo würde er die Kräfte finden, wenn nicht in jenem, der die Vision seines geistlichen Vaters erfüllte? Nicht nur „mit dir“, sondern „mit deinem Geist“, der so leicht ermüden und aufgeben konnte.

Erfahren wir nicht das Gleiche heute? Wenn von jenen, die uns während unserer Kindheit und Jugend geführt haben, einer nach dem andern geht; wenn die bevorstehenden Aufgaben, die zahlreichen Bedürfnisse, die realen Schwierigkeiten allerorts auftauchen, dann steht die gleiche Verheißung für immer: „Der Herr Jesus Christus sei mit deinem Geist!“ (2Tim 4,22).


Aus der Zeitschrift Gethsemani, 81

Übersetzung: Hans Meier


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