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Leitverse: Römer 2,17-29; Römer 3,1-3; Galater 6,12-16
Röm 2,17-29: Wenn du aber ein Jude genannt wirst und dich auf das Gesetz stützest und dich
Gottes rühmst und den Willen kennst und das Vorzüglichere unterscheidest, indem
du aus dem Gesetz unterrichtet bist, und getraust dir, ein Leiter der Blinden zu
sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, ein Erzieher der Törichten, ein
Lehrer der Unmündigen, der die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz
hat: — Der du nun einen anderen lehrst, du lehrst dich selbst nicht? Der du
predigst, man solle nicht stehlen, du stiehlst? Der du sagst, man solle nicht
ehebrechen, du begehst Ehebruch? Der du die Götzenbilder für Gräuel hältst, du
begehst Tempelraub? Der du dich des Gesetzes rühmst, du verunehrst Gott durch
die Übertretung des Gesetzes? Denn der Name Gottes wird eurethalben unter den
Nationen gelästert, wie geschrieben steht. Denn Beschneidung ist wohl nütze,
wenn du das Gesetz tust; wenn du aber ein Gesetzesübertreter bist, so ist deine
Beschneidung Vorhaut geworden. Wenn nun die Vorhaut die Rechte des Gesetzes
beobachtet, wird nicht seine Vorhaut für Beschneidung gerechnet werden, und die
Vorhaut von Natur, die das Gesetz erfüllt, dich richten, der du mit Buchstaben
und Beschneidung ein Gesetzesübertreter bist? Denn nicht der ist ein Jude, der
es äußerlich ist, noch ist die äußerliche Beschneidung im Fleische Beschneidung;
sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und Beschneidung ist die des
Herzens, im Geiste, nicht im Buchstaben; dessen Lob nicht von Menschen, sondern
von Gott ist.
Vers 29 wird oft von solchen als Beleg benutzt, die glauben, dass Israel
heute in die Kirche übergegangen ist. Die Frage ist nun, ob das wirklich mit
dieser Stelle zu belegen ist. Hierzu einige Überlegungen:
Wir werden in Vers 17 deutlich darauf hingewiesen, dass sich dieser Abschnitt, im
Gegensatz zu dem vorigen, an Juden richtet, und zwar an ethnische Juden, die sich
unter Gesetz befanden. Somit ist auch Vers 29 an Juden gerichtet, die innerlich
dem Gedanken der Beschneidung entsprechen.
Sicherlich entsprechen heute auch Christen aus den Nationen dem Gedanken
Gottes über die Beschneidung, sodass Paulus in Philipper 3,3a sogar sagt: „…
denn
wir [hier sind also die Philipper aus den Nationen
eingeschlossen] sind die Beschneidung.“
Natürlich stellt sich daher die Frage, ob nicht auf jeden, der innerlich den
Gedanken Gottes über die Beschneidung entspricht, also auch auf Christen aus den
Nationen, dieser Vers zutrifft. Und sicherlich gilt für einen solchen, dass er
ein wirklicher „Gottlober“ (Übersetzung des heb. Ausdrucks Jude) geworden ist,
dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist. Aber bedeutet das, dass für Paulus nun alle Christusgläubigen aus ethnischen Juden und Heiden Juden
geworden sind? Lesen wir weiter, dann heißt es im nächsten Vers:
Röm 3,1-3: Was ist nun der Vorteil des Juden? Oder was der Nutzen der Beschneidung?
Viel,
in jeder Hinsicht. Denn zuerst sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut
worden. Was denn? Wenn etliche nicht geglaubt haben, wird etwa ihr Unglaube
die Treue Gottes aufheben?
Hier wird ganz deutlich, dass Paulus nun wieder mit dem Begriff „Jude“ die
ethnische Zugehörigkeit meint und die Unterschiede — auch bei denen, die
geglaubt haben — zu denen aus den Nationen weiter anerkennt.
Dieser Gedanke, dass ein Israelit seiner Beschneidung auch innerlich
entsprechen sollte, ist übrigens nicht neu; das war schon zu alttestamentlichen
Zeiten so, siehe 3. Mose 26,41; 5. Mose 10,16; 30,6; Jeremia 4,14; 9,26. Und so war
es sicher auch so, dass es auch für Menschen aus den Nationen in
alttestamentlichen Zeiten galt, dass sie den Gedanken Gottes über die
Beschneidung entsprechen konnten und das führt auch keinen dazu, zu glauben,
dass sie dadurch nun Juden geworden waren. (Übrigens: Kein Jude und keiner aus
den Nationen konnte aufgrund des Gesetzes der geistlichen Bedeutung der
Beschneidung entsprechen, nur aufgrund von Gnade und Glaube.)
Der Vers zeigt nur an, dass keine „formelle oder äußere Stellung vor
Gott zählt und richtig macht, was falsch ist. Gott wertet das Innere. Einen Menschen,
der gehorcht, würde Gott achten, selbst wenn er ein unbeschnittener Heide wäre.
Einen ungehorsamen Menschen würde Er zurückweisen, selbst wenn er ein
beschnittener Jude wäre“ (F.B. Hole: Kommentar zum Neuen Testament, Der Römerbrief).
Gal 6,12-16: So viele im Fleische wohl angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten
zu werden, nur auf dass sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.
Denn auch sie, die beschnitten sind, beobachten selbst das Gesetz nicht,
sondern sie wollen, dass ihr beschnitten werdet, auf dass sie sich eures
Fleisches rühmen. Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des
Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist,
und ich der Welt. Denn weder Beschneidung noch Vorhaut ist etwas, sondern
eine neue Schöpfung. Und so viele nach dieser Richtschnur wandeln werden,
Friede über sie und Barmherzigkeit, und über den Israel Gottes!
Vers 16 wird ebenfalls oft angeführt, um aufzuzeigen, dass jetzt die
Kirche das „wahre“ Israel sei. Nun zeigen die Verse 12–14, dass es sich bei den Adressaten um Gläubige aus
den Nationen handelt, die hier angesprochen werden. Somit denkt der Apostel bei
dem „sie“ in Vers 16 sicher auch in erster Linie an diese Gläubigen. Allerdings drückt er es so aus, dass auch die
Christusgläubigen aus den Juden mit darunterfallen, zu denen er ja selbst
gehört:„… und so viele“ ist eben ganz allgemein. Die Frage ist nun die, wer mit
dem „Israel Gottes“ gemeint ist. Dieselbe Gruppe wie die „sie“ vorher?
Dagegen spricht, dass der Ausdruck „Israel“ an keiner anderen Stelle in der
Schrift auf eine andere Gruppe als ethnische Juden erweitert wird (selbst
in der Offenbarung finden wir noch die Unterscheidung zwischen Gläubigen aus
Israel und den Nationen).
Auch gibt es kaum eine andere Stelle im NT, wo das Wort „und“ im Sinne von
„und zwar“ zwei Substantive (oder die sie vertretenden Pronomen) verbindet, sodass das zweite die Erklärung des ersten wäre, wie einige hier annehmen,
dass der
Israel Gottes eine Erklärung des vorherigen „sie“ ist. Wenn „und“ so gebraucht
wird (sog. kai epexegeticum), dann ist der Fall absolut eindeutig. Hier
dagegen muss man von vornherein eine bestimmte Auslegung vertreten, um zu dieser
Übersetzung zu kommen.
Vielmehr ist naheliegend, dass Paulus unter denen, die nach dieser
Richtschnur wandeln, an eine besondere Gruppe denkt, mit denen er sich besonders
verbunden fühlt: solche, die aus Israel kommen, von denen er in Römer 9,3 gesagt
hatte: „… denn ich selbst, ich habe gewünscht, durch einen Fluch von
Christus
entfernt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleische.“ Wenn das
schon für Israel nach dem Fleisch galt, wie viel mehr fühlte er sich dann wohl
solchen aus ihnen zugetan, die nach dieser Richtschnur wandelten und sich nicht
irgendwelcher eingebildeten Vorteile einer äußeren Beschneidung rühmten. Er
stellt diese Gruppe von Juden damit in krassen Gegensatz zu den Lehrern aus den
Juden, die gerade für diese falsche Lehre eintraten. Dieser wahre „Überrest“ in
Israel sollte nicht mit den Judaisten in einen Topf geworfen werden.
Der Apostel Paulus deutet auch im weiteren Verlauf von Römer 9 an, dass es
innerhalb des ethnischen Israels ein „wahres“ Israel gibt: „Nicht aber als ob
das Wort Gottes hinfällig geworden wäre; denn nicht alle, die aus Israel sind,
diese sind Israel.“ Später heißt es noch in Römer 11,5: „Also ist nun auch in
der jetzigen Zeit ein Überrest nach Wahl der Gnade.“ Es ist also auch in
Übereinstimmung mit diesen Stellen in Galater 6,16 an den christusgläubigen Teil
aus Israel zu denken.
Wenn es um das Israel geht, zu dem man gehört, dadurch dass man durch
natürliche Geburt ein Israelit ist, dann nennt Paulus das in 1. Korinther 10,18
„Israel nach dem Fleisch“. Dieses Israel ist das Israel, das unter der
Knechtschaft des Gesetzes steht, unter den Verpflichtungen des Alten Bundes.
Diesem Israel steht nicht die Gemeinde gegenüber in dem„wahren Israel“, sondern
der christusgläubige Teil von Israel. Einmal wird ein anderer christusgläubiger
Teil von Israel nach dem Fleisch, der nicht zur Gemeinde gehört, wieder „ganz
Israel“ (Röm 11,26) ausmachen. So wie es in Jesaja 60,21 heißt: „Und dein Volk,
sie alle werden Gerechte sein, werden das Land besitzen auf ewig, sie, ein
Spross meiner Pflanzungen, ein Werk meiner Hände, zu meiner Verherrlichung.“
Dann wird Gott dafür gesorgt haben, dass alle Ungöttlichen aus Israel
verschwunden sind, wie es heißt in Hesekiel 20,38: „Und ich werde die Empörer und
die von mir Abgefallenen von euch ausscheiden; ich werde sie herausführen aus
dem Lande ihrer Fremdlingsschaft, aber in das Land Israel soll keiner von ihnen
kommen. Und ihr werdet wissen, dass ich der HERR bin.“
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