Sieben Entschuldigungen, die oft vorgebracht werden, um sich nicht von kirchlichen Systemen zu trennen

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 11.11.2020

Einwände

1. „Wir sollten nicht über andere Christen urteilen!“

Manchmal sagen die Leute: „Ich würde mich nicht von meiner Kirche trennen wollen, denn wenn ich es täte, würde ich über sie richten, und die Bibel sagt, dass wir einander nicht richten sollen.“

Das mag sich für einige anhören, als ob wir in einem pharisäischen Geist über andere Christen richten wollten. Wir hoffen sehr, dass dies nicht so ankommt, denn es ist ganz sicher nicht unsere Absicht, andere Christen zu kritisieren, nur um Fehler an ihnen zu finden. Wir urteilen nicht über ihre Beweggründe, denn Gott allein ist der Richter der Motive (Mt 7,1; 1Sam 2,3; 1Kor 4,4.5). Aber wir sollten über ihre Lehren (1Kor 10,15; 14,29), ihre Taten (1Kor 5,12.13) und ihre Früchte (Mt 7,15-20) urteilen.

Wir sollten auch nicht denken, dass diejenigen, die ernsthaft darüber nachdenken, sich von ihrer Kirche zu trennen, oder dies schon getan haben, sich selbst für besser halten als andere Christen, die mit den menschlichen Einrichtungen im Haus Gottes weitermachen. Der letztgültige Wegweiser des Christen ist das Wort Gottes, und es ist dieses Wort, das die von Menschen gemachte Ordnung in den kirchlichen Systemen als falsch beurteilt. Als Christen sollen wir darüber urteilen, worüber Gottes Wort urteilt. Wenn die ganze Ordnung der Dinge in der Christenheit ihren Höhepunkt erreicht in der falschen Kirche im Buch der Offenbarung (im Bild von „Babylon, der großen“, Off 17,5), wird Gott sein Urteil über sie vollstrecken, und sie wird für immer verschwinden. Das wird das Ende der menschengemachten Organisationen im Christentum sein. Wenn das geschieht, wird sich der ganze Himmel darüber freuen, und den Gläubigen wird gesagt werden: „Gott hat euer Urteil an ihr vollzogen“ (Off 18,20). Dies zeigt, dass bereits vor dieser Zeit aufrichtige Gläubige ihr Urteil darüber gefällt haben. An jenem kommenden Tag wird Gott dafür sorgen, dass ihr Urteil öffentlich gerechtfertigt wird, indem Er sein Urteil über die falsche Kirche vollstreckt. Dies zeigt erneut: Christen müssen das, was in der Christenheit unbiblisch ist, als solches beurteilen und sich davon trennen.

Im Alten Testament gibt es einen weiteren Typus, der diesen Punkt veranschaulicht. Jerobeam führte in Israel ein neues Gottesdienstsystem ein, das er sich selbst ausgedacht hatte. Er hatte kein Wort von Gott, dies zu tun. Dennoch errichtete er in Israel zwei neue Zentren für den Gottesdienst: in Bethel und in Dan. An diesen Orten richtete er auch ein neues Priestertum ein, das „wie“ [1Kön 12,32] die Ordnung Gottes in Jerusalem aussah. Er tat dies, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass seine neue Ordnung von Gott war, denn sie ähnelte Gottes Ordnung in Jerusalem. Aber er verleitete Israel zur Sünde, indem er sie ermutigte, dort anzubeten und nicht in Jerusalem (1Kön 12,28-33)! Es ist kaum nötig, zu erwähnen, dass die Sache dem Herrn missfiel.

Nicht lange danach sandte der Herr einen Propheten nach Bethel, der gegen den Altar, den Jerobeam dort gebaut hatte, ausrufen sollte: Der Prophet „rief aus gegen den Altar durch das Wort des HERRN und sprach: Altar, Altar, so spricht der HERR: … Und er gab an jenem Tag ein Zeichen und sprach: Dies ist das Zeichen, von dem der HERR geredet hat: Siehe, der Altar wird reißen, und die Fettasche, die darauf ist, wird verschüttet werden“ (1Kön 13,1-3). Beachte: Der Prophet rief gegen den Altar aus, nicht gegen die Menschen, die dort Gottesdienste abhielten! Der Altar mit dem Kalb, der im Mittelpunkt der Anbetung in Bethel stand, repräsentierte das ganze System, das Jerobeam errichtet hatte. Dies veranschaulicht das, was wir meinen: Wir versuchen nicht, gegen unsere Glaubensgeschwister, die an der Unordnung im Haus Gottes Anteil haben, zu protestieren (oder sie zu verurteilen), sondern gegen das System, weil es nicht von Gott ist!

Die Botschaft des Propheten beunruhigte Jerobeam sehr, und er griff den Propheten, aber dabei verdorrte seine Hand. Ungeachtet dessen betete der Prophet dafür, dass Jerobeams Hand wiederhergestellt würde. Dies beweist, dass er nicht die Absicht hatte, Jerobeam oder das Volk anzugreifen. Er wollte ihr Wohl und ihren Segen. Wenn das Thema der Trennung von der Unordnung im Haus Gottes angesprochen wird, fühlen sich viele Christen, die mit dem kirchlichen System im Christentum verbunden sein wollen, persönlich beleidigt, so wie Jerobeam. Doch es ist nicht unsere Absicht, irgendjemand anzugreifen, sondern wir wollen die Wahrheit Gottes in Liebe aussprechen (vgl. Eph 4,15). Wir sollten nie jemand persönlich beleidigen, aber wenn die Wahrheit zu jemand kommt, der sie nicht will, wird er sich manchmal dadurch beleidigt fühlen (vgl. Mt 15,12; Gal 4,16). Wenn das der Fall ist, müssen wir das dem Herrn überlassen.

2. „Es ist keine Liebe, sich zu trennen!“

Einige Christen meinen, sich von anderen Gläubigen zu trennen, die „andere Ansichten haben“, sei einfach zu extrem und bedeute, keine Liebe zu beweisen.

Die Bibel sagt jedoch, dass der beste Weg, wie wir den Kindern Gottes Liebe zeigen können, der persönliche Gehorsam gegenüber Gott ist. „Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn dies ist die Liebe Gottes, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer“ (1Joh 5,2.3). Wir fragen: „Was ist wichtiger: Gott gehorsam zu sein und damit unsere Liebe zu Ihm zu beweisen oder in einer unbiblischen Stellung zu bleiben, weil wir den Menschen dort Liebe zeigen wollen?“ Der Heiligen Schrift ungehorsam zu sein, ist keine Liebe. Es ist eine Sache, in einer sogenannten Kirche zu sein und Gottes biblische Ordnung nicht zu kennen, und eine ganz andere, dort zu bleiben, wenn wir es besser wissen (vgl. Jak 4,17). Wir sollten das Volk Gottes nicht über den Herrn setzen. Er muss an erster Stelle stehen. Der Herr Jesus sagt: „Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote … Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Joh 14,15.21).

3. „Unsere Kirche wächst!“

Andere reagieren auf diese Dinge mit den Worten: „Aber wir wachsen! Das beweist, dass Gott unsere Kirche segnet. Und wenn Gott sie segnet, kann es nicht falsch sein! Warum sollte ich mich von etwas trennen, was Gott offensichtlich segnet?“

Das Problem liegt hier in der Definition. Wenn Menschen von Wachstum sprechen, meinen sie in der Regel zahlenmäßiges Wachstum. Die Bibel spricht jedoch von Wachstum als geistliche Entwicklung und Reife im Gläubigen selbst (1Pet 2,2; 2Pet 3,18; Eph 4,15.16; Kol 1,10; 2,19; 1Thes 3,12; 4,10; 2Thes 1,3; Apg 9,22).

Zahlenmäßiges Wachstum ist kein Zeichen dafür, dass etwas die Zustimmung oder den Segen des Herrn hat. Es ist anmaßend, steigende Zahlen mit dem Segen Gottes gleichzusetzen. Wenn dem so wäre, dann wäre die römisch-katholische Kirche das kirchliche System, das Gott gutheißt, denn sie rühmt sich, die größte Zahl aller Kirchen zu haben! Die Zeugen Jehovas rühmen sich eines phänomenalen zahlenmäßigen Wachstums. Bedeutet das, dass Gott sie segnet? Wenn das Kriterium für die Beurteilung der Frage, ob Gott etwas segnet, in der Anzahl der Anhänger liegt, dann muss Gott die Muslime segnen! Sie rühmen sich damit, dass ein Viertel der Weltbevölkerung muslimisch ist!

Das Wort Gottes sagt, dass die Einzigen, die in den letzten Tagen in der Kirche an Zahl zunehmen werden, „böse Menschen und Verführer“ und die „vielen“ sind, die ihnen folgen werden (2Tim 3,13; 2Pet 2,2)! Wenn wir uns großer Zahlen rühmen, könnten wir uns ungewollt in eine Gruppe einreihen, vor der die Heilige Schrift warnt, dass sie in den letzten Tagen in der Kirche zunehmen wird. Das ist natürlich nicht immer der Fall, aber es sollte jeden davon abhalten, sich einer großen Zahl von Menschen zu rühmen. Aus der Heiligen Schrift geht klar hervor, dass es immer weniger treue und gottesfürchtige Gläubige gibt, wenn die Tage finsterer werden (vgl. 2Tim 1,15; Ps 12,2).

In einem kirchlichen System, das weitgehend durch Spenden und Gaben von der Gemeinde getragen wird, ist zahlenmäßiges Wachstum für diese Kirchen wichtig. Aber Gott beschäftigt sich nicht mit Zahlen so wie die Menschen. Das zeigt sich in den wenigen Begebenheiten, in denen Zahlen in der Apostelgeschichte erwähnt werden. Es heißt einfach: „Es wurden an jenem Tag etwa dreitausend Seelen hinzugetan“ (Apg 2,41; 4,4). Und: „Es waren aber insgesamt etwa zwölf Männer“ (Apg 19,7). Die Art von Wachstum, die Gott in seinem erlösten Volk sucht, ist Wachstum in geistlicher Reife. Wenn wir eine Versammlung von Christen besuchen und dann ein Jahr später zurückkehren und feststellen, dass sie in der Furcht des Herrn und in ihrer Liebe zueinander wirklich gewachsen sind, können wir mit Recht sagen, dass diese Versammlung wächst, obwohl die Anzahl der Gläubigen gleich geblieben ist (2Thes 1,3).

In diesem Zusammenhang fragen wir: „Wie viel Wachstum gibt es unter den Gläubigen in den verschiedenen kirchlichen Systemen?“ Da die Erkenntnis der Wahrheit Gottes ein Test für die eigene geistliche Reife ist (vgl. 1Kor 10,15; Phil 1,9.10; Heb 5,14), fragen wir: „Würden diese Gläubigen die Wahrheit über die Kirche im Bezug auf ihre Ordnung und Funktion annehmen, wenn sie ihnen vorgestellt würde?“ Wir befürchten, dass die meisten die Wahrheit ablehnen würden, so wie Paulus es für die letzten Tagen vorausgesagt hat (2Tim 4,3.4).

4. „Gott benutzt die kirchlichen Systeme und Benennungen!“

Einige Christen sagen: „Aber ich glaube immer noch nicht, dass es falsch ist, mit einer Gruppe von Gläubigen in ihrer Glaubensgemeinschaft Gottesdienst zu feiern, nur weil ihre kirchliche Ordnung nicht in der Bibel steht. Schließlich benutzt Gott diese kirchlichen Systeme! Dort werden Menschen gerettet und Christen gesegnet. Wenn Gott sie gebrauchen kann, können sie nicht so schlimm sein, dass ich mich von ihnen trennen müsste!“

Es sieht vielleicht so aus, als benutze Gott die kirchlichen (und nichtkirchlichen) Systeme; doch wir möchten uns beeilen hinzuzufügen, dass Gott nicht die von Menschen gemachten kirchlichen Systeme benutzt, sondern sein Wort. Die Bibel sagt: „Das Wort Gottes ist nicht gebunden“ (2Tim 2,9). Wo immer es verkündet wird – Gott kann sein Wort zum Segen gebrauchen und Er tut es auch. Wenn ein sogenannter Pastor oder Geistlicher das Wort predigt und seinen Zuhörern die Wahrheit verkündet, wird der Geist Gottes es nehmen und in den Herzen und Gewissen der Menschen anwenden. Menschen werden an diesen Orten gerettet; es steht außer Frage, dass dies geschieht. Dass Gott in diesen Kirchen Menschen rettet, bedeutet jedoch nicht, dass Er diese von Menschen geschaffene kirchliche Ordnung, die im Widerspruch zu seinem Wort steht, gutheißt. Er billigt niemals etwas, was seinem Wort widerspricht. Eine Person könnte das Wort Gottes in einer Bar oder Kneipe verkünden und der Geist könnte das Wort gebrauchen, um Menschen zu erretten. Aber wir würden sicherlich nicht sagen wollen, dass Gott Kneipen benutzt! Dass dort Menschen errettet werden können, rechtfertigt nicht ihre Existenz. Dies ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es veranschaulicht unseren Standpunkt, dass Gott sein Wort überall gebrauchen kann, sogar an einem ungöttlichen Ort.

Während Gott sein Wort gebraucht, wo es Ihm gefällt (vgl. Jes 55,11), soll der Christ nicht dahin gehen, wo es ihm gefällt. Er soll so wandeln, dass sein Weg mit dem Weg übereinstimmt, den Gott für ihn in seinem Wort bestimmt hat. Der Christ soll das ganze Volk Gottes lieben, aber seine Füße sollen auf dem Weg des Gehorsams gegenüber Gottes Wort bleiben, und dieses Wort fordert ihn dazu auf, sich von der Unordnung zu trennen, die der Mensch in das Haus Gottes hineingebracht hat (vgl. 2Tim 2,20.21). Nur weil es in einem System oder in einer Glaubensgemeinschaft erkennbaren Segen gibt, bedeutet das nicht, dass der Christ von seiner Verantwortung entbunden ist, in der Wahrheit des Wortes Gottes zu wandeln. Er darf den Weg des Gehorsams nicht aufgeben, um Gemeinschaft mit etwas zu haben, von dem er weiß, dass es unbiblisch ist.

5. „Ich kann viel Gutes tun, wenn ich in meiner Kirche bleibe!“

Andere sagen vielleicht: „Ich weiß, dass in meiner Kirche viele Dinge nicht ganz richtig sind, aber warum sollte ich das viele, das ich für gut halte, für ein paar Dinge verlassen, die nicht mit der Schrift übereinstimmen? Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich viel Gutes tun kann, wenn ich den Menschen dort helfe. Wenn ich weggehe, werde ich ihnen nicht mehr helfen können.“

Dies ist eine weitverbreitete Entschuldigung. Sie wird gewöhnlich von sogenannten Pastoren und Geistlichen dafür angeführt, dass sie die unbiblische Ordnung in ihren Kirchen aufrechterhalten. Viele haben das Gefühl, dass sie ein größeres Arbeitsfeld haben, wo sie dem Herrn dienen können, wenn sie in Gemeinschaft mit den Menschen in unbiblischen Kirchen bleiben. So wie das alte Sprichwort sagt: „Man muss dorthin gehen, wo die Fische sind.“

Wenn wir auf das Bild zurückkommen, das der Apostel Paulus von den Gefäßen im „großen Haus“ benutzt [2Tim 2,20.21], erkennen wir: Es geht nicht darum, ob die Gefäße zur Ehre, die mit den Gefäßen zur Unehre vermischt sind, vom Hausherrn benutzt werden können. Der Punkt ist: Sie können nicht für alles verwendet werden, was der Hausherr getan haben möchte. Eine schmutzige Schüssel im Haus ist für manche Arbeiten nützlich. Wenn man z.B. das Öl im Auto wechseln muss, reicht eine schmutzige Schüssel aus. Doch eine saubere Schüssel könnte für jeden Zweck verwendet werden. Dieser Grundsatz gilt auch im Haus Gottes.

Manche haben vielleicht den Eindruck, dass wir abfällig über Christen sprechen, die mit den kirchlichen Systemen verbunden sind, indem wir daraus schließen, dass sie nicht rein sind. Wir denken nicht, dass wir von irgendeinem im Volk Gottes in abfälliger Weise sprechen. Und wir möchten den Leser daran erinnern, dass dies nicht unsere Worte sind, sondern das, was das Wort Gottes sagt. Es ist die Schrift, die sagt, dass jemand erst dann ein „geheiligtes“ Gefäß ist, wenn er sich von der Unordnung im Haus Gottes gereinigt hat, indem er sich davon trennt (vgl. 2Tim 2,21).

Manche könnten sagen: „Welchen Dienst möchte der Herr getan haben, zu dem Er nicht auch jemand aus einem kirchlichen System berufen könnte?“ Angenommen, es gäbe einige Christen, die ernsthaft nachdenken über die Wahrheit, wie Christen nach dem Willen Gottes zur Anbetung und zum Dienst zusammenkommen sollen. Könnte der Herr jemand in den kirchlichen Systemen dazu aufrufen, das biblische Muster für Anbetung und Dienst darzulegen? Und selbst wenn jemand, der mit den Kirchen verbunden ist, etwas von der Wahrheit der Schrift zu diesem Thema wüsste – wenn er versuchen würde, diese Wahrheit darzulegen, würde er sich selbst verurteilen, denn er tut nicht das, was er jemand anderem sagt, dass er es tun sollte. Seine Worte würden den Anschein erwecken, als ob er sich über die Wahrheit lustig machen würde, und seine Worte hätten keinerlei Kraft, eine Person aus einer solchen Stellung zu befreien ( vgl. 1Mo 19,14).

Es steht außer Frage, dass eine Person in den Kirchen etwas Gutes tun kann. Eldad und Medad sind ein alttestamentliches Vorbild genau dieser Sache (vgl. 4Mo 11,26). Sie blieben im Lager Israels, als der HERR sie aus diesem Lager zu sich herausgerufen hatte (4Mo 11,16.24-26). Sie waren dort von Nutzen, aber war es die höchste Berufung für sie, als der Herr deutlich sagte: „Versammle mir siebzig Männer aus den Ältesten Israels“? Ein weiteres Beispiel ist Naomi im Land Moab. Sie war Ruth insofern eine Hilfe, als Ruth sich von den Götzen zu Gott bekehrte, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen (Ruth 1,16.17 [vgl. 1Thes 1,9]). Aber das rechtfertigt nicht die Tatsache, dass Naomi in Moab war. Sie hätte von vornherein nicht dort sein dürfen! Der Herr hätte Ruth zur Erkenntnis des einen wahren Gottes bringen können, ohne dass Naomi einen Kompromiss eingegangen wäre.

Die Schrift sagt: „Siehe, gehorchen ist besser als Schlachtopfer“ (1Sam 15,22). Das bedeutet: Gehorsam ist unsere erste Pflicht und den Rest müssen wir dem Herrn überlassen. Walter Potter (1847–1937) hat gesagt, dass unsere erste Verantwortung darin besteht, auf die Grundsätze achtzugeben, und dass Gott sich um die Personen kümmern wird. Der Herr achtet Gehorsam höher als irgendeinen Dienst, den wir für Ihn tun könnten. Die größte Hilfe, die wir denen sein können, die in die Unordnung des großen Hauses verwickelt sind, besteht darin, außerhalb der Unordnung zu stehen und zu versuchen, die Menschen aus der Unordnung herauszuführen (vgl. 2Tim 2,24-26). J.G. Bellett hat gesagt: Wenn wir jemand sehen, der in einem Sumpf steckt, sollten wir nicht in den Sumpf steigen, um ihm zu helfen herauszukommen. Am Ende könnten wir selbst im Sumpf steckenbleiben. Stattdessen begeben wir uns auf festen Grund und versuchen, ihm zu helfen herauszukommen. So ist es auch mit göttlichen Dingen.

6. „Wir sollten das Zusammenkommen nicht versäumen!“

Andere haben gesagt: „Aber ermahnt uns das Wort Gottes nicht, das Zusammenkommen nicht zu versäumen [Heb 10,25]? Wenn ich mich von meiner Kirche trenne, würde ich diesem Vers der Schrift nicht gehorchen.“

Ja, die Bibel sagt uns, dass wir unser Zusammenkommen nicht versäumen sollen (vgl. Heb 10,25). Aber ein Christ braucht nicht einer unbiblischen Glaubensgemeinschaft (oder irgendeiner Benennung) anzugehören, um dieser Schriftstelle zu gehorchen. Der Herr Jesus hat gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20).

7. „Sich von anderen Christen zu trennen zerstört die Einheit des Geistes!“

Für viele aufrichtige und ernsthafte Gläubige scheint es unvorstellbar, dass ein Christ sich von anderen Christen trennen will. Vor allem dann nicht, wenn eines der Grundkonzepte der christlichen Gemeinschaft darin besteht, dass wir alle eine große Familie sind, in der Einheit und glückliche Gemeinschaft herrschen sollen. In ihren Augen würde eine Trennung bedeuten, diese Einheit zu zerstören (Eph 4,3).

Zunächst einmal möchten wir sagen, dass sich kein besonnener, aufrichtiger Christ von anderen Christen trennen möchte, denn es ist normal und richtig, alle Hausgenossen des Glaubens zu lieben (vgl. Joh 13,34.35; Röm 12,9.10; Eph 1,15; Heb 13,13). Und doch führt die Liebe zum Herrn Jesus Christus und der Wunsch, Ihm zu gefallen, aufrichtige Christen dazu, sich von dem zu trennen, was für den Herrn Jesus eine Unehre ist (vgl. 2Tim 2,19; Joh 14,15). Auch wenn es uns schmerzt, uns von unseren Mitgeschwistern zu trennen, so müssen wir uns doch von dem trennen, was Christus verunehrt. Was Ihm gebührt, muss immer den Vorrang haben.

Das Problem bei dem Gedanken, man müsse die Einheit um jeden Preis aufrechterhalten, besteht darin, nur eine Seite der Wahrheit zu diesem Thema zu betrachten. Wenn wir nur die Seite sehen, die von der Einheit der Christen spricht, ohne die andere Seite, die von der Absonderung vom Bösen spricht, dann bliebe den Gläubigen nichts anderes übrig, als ihren Weg hoffnungslos beliebig weiterzugehen. Sie wären in einer Zwickmühle: Zwar sehen sie Gottes Ordnung in seinem Wort, aber sie wären nicht in der Lage, sie zu praktizieren, weil die Einheit sie dazu auffordert, mit anderen Christen in ihrer unbiblischen Stellung zu verharren. Sie müssten in Gemeinschaft bleiben mit dem, von dem sie wissen, dass es dem Wort Gottes widerspricht. Und für sie wäre es ein Weg des Ungehorsams, denn „wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“ (Jak 4,17). Folglich wäre es eine fortwährende Qual für die Seele. Wir können dankbar sagen: Die ganze Idee, dass Einheit auf Kosten von Heiligkeit und Gehorsam zu bewahren sei, ist ein falscher Grundsatz. Und das ist niemals Gottes Weg.

Die Wahrheit ist: Gottes Grundsatz der Einheit kann nur richtig verwirklicht werden, wenn wir uns vom Bösen absondern. J.N. Darby hat gesagt:

Gott selbst muss die Quelle und der Mittelpunkt der Einheit sein, und Er allein muss die Macht oder den Anspruch haben. Jeder Mittelpunkt der Einheit außerhalb von Gott ist eine Verleugnung seiner Gottheit und Herrlichkeit. Da das Böse existiert – ja, es ist unser natürlicher Zustand –, kann es keine Einheit geben, deren Mittelpunkt und Kraft der heilige Gott ist, außer durch Absonderung vom Bösen. Absonderung ist das erste Element der Einheit und Gemeinschaft.[1]

Deshalb können an diesem Tag, wenn Verfall und Unordnung das öffentliche Zeugnis der Kirche durchdringen, die Dinge, die die Einheit betreffen, nur noch in einem Überrest des Zeugnisses praktiziert werden. Dies ist ein biblischer Grundsatz, und diesen Grundsatz kann man erkennen, wenn man der Abwärtsrichtung in der Geschichte des christlichen Zeugnisses folgt, wie sie in den Worten des Herrn an die sieben Gemeinden in Offenbarung 2–3 geschildert wird. Es ist ein Punkt erreicht, an dem der Herr die Masse des christlichen Bekenntnisses nicht mehr anerkennt und daraufhin mit einem Überrest des Zeugnisses weitermacht. Er unterscheidet einen Überrest, indem Er sagt: „Euch aber sage ich, den Übrigen [Überrest] …“ (Off 2,24). Und auf sie konzentriert der Herr danach sein Handeln (vgl. Off 2,24-29). Der Grund dafür ist: Der Zustand der Kirche ist an einem Punkt angelangt, wo es „keine Heilung“ [vgl. 2Chr 36,16] mehr gibt. Von da an ändern sich die Wege des Herrn mit der Kirche ganz deutlich.[2] Dies wird angedeutet in dem Aufruf: „Hört, was der Geist den Versammlungen sagt.“ Dieser Aufruf folgt auf die Verheißung an den Überwinder, statt ihr vorauszugehen, wie es bisher der Fall war. In den Worten des Herrn an die ersten drei Gemeinden wurde die Belohnung für den Überwinder ausgesprochen, bevor der Herr die ganze Gemeinde ansprach, denn noch immer befasste Er sich mit der Kirche in ihrer Gesamtheit. Doch danach gibt Er es auf. Der Appell „Hört, was der Geist den Versammlungen sagt“ wird stattdessen an einen Überrest gerichtet, weil nur sie hören und überwinden werden. Walter Scott sagte, der Grund für diese Veränderung sei, dass die öffentliche Masse des christlichen Bekenntnisse behandelt wird als jemand, der unfähig ist, zu hören, Buße zu tun und die Wahrheit zu praktizieren. W. Kelly hat gesagt:

Der Herr stellt von da an die Verheißung [an den Überwinder] an die erste Stelle, und zwar deshalb, weil es vergeblich ist, von der Kirche als Ganzes zu erwarten, dass sie sie empfängt … Nur ein Überrest wird überwinden, und die Verheißung ist für ihn; was die anderen betrifft, so ist alles vorbei.[3]

Da dies so ist, können wir heute nicht erwarten, dass wir Gottes Grundsatz der Einheit mit dem öffentlichen Bekenntnis insgesamt – also mit der Kirche als Ganzes – praktizieren können, sondern wir können nur in einem Überrest von dieser Einheit Zeugnis ablegen.

Wer einer bestimmten kirchlichen Glaubensgemeinschaft gegenüber anderen den Vorzug gibt, hat wirklich keine Grundlage für seine Kritik an denen, die sich von den kirchlichen Systemen trennen wollen; denn in gewisser Weise hat er dasselbe getan: Er hat sich auf eine bestimmte Benennung festgelegt, sich dadurch jedoch von den anderen getrennt; denn man kann nicht gleichzeitig Baptist und Lutheraner sein! Indem er sich einer bestimmten Benennung angeschlossen hat, hat er sich selbst dazu gebracht, mit keiner anderen zusammen zu sein. Er sieht nichts Falsches darin, wenn er z.B. kein Lutheraner sein möchte, aber wenn wir kein Lutheraner sein wollen, wird uns vorgeworfen, die Einheit des Geistes zu brechen!

Eigentlich bricht der Denominationalismus die Einheit des Geistes

In Wirklichkeit ist es der Denominationalismus [die Idee, dass es viele verschiedene christliche Denominationen gibt, die ihre eigene kirchliche Position betonen], der „die Einheit des Geistes“ zerstört (Eph 4,3)! Wir sind nicht dazu aufgerufen, „die Einheit des Geistes“ herzustellen, sondern sie praktisch zu bewahren. Die Einheit, die Gott geschaffen hat und in der Christen wandeln sollen, ist eine Einheit, die die Wahrheit des einen Leibes zum Ausdruck bringt (vgl. Eph 4,4). In Übereinstimmung mit Gottes Leitung zu wandeln bedeutet: Wenn wir uns zur Anbetung und zum Dienst versammeln, tun wir das gemäß dem Wort Gottes, denn der Geist Gottes leitet niemals im Gegensatz zum Wort Gottes. Das ist wahrhaft die Bewahrung der Einheit des Geistes. Leider ist es genau das, was die kirchlichen Systeme nicht tun! Anstatt sich nach dem Wort Gottes zu versammeln, haben sie eine eigene Ordnung geschaffen; und damit haben sie die Kirche in verschiedene Sekten aufgeteilt und „die Einheit des Geistes“ zerstört.

Absonderung bedeutet nicht Isolation

Wenn das Wort Gottes von Absonderung spricht, dann ist damit nicht Isolation gemeint. Wenn die neutestamentlichen Schreiber sich mit dem Verfall und der Unordnung auseinandersetzen, die in das christliche Zeugnis eingedrungen sind, dann spricht keiner von ihnen davon, dass die Antwort für den Christen der Weg in die Isolation wäre. Genau genommen sprechen sie ganz vom Gegenteil. Dieselbe Schriftstelle, die uns sagt, dass wir uns von der Unordnung in dem großen Haus reinigen sollen, indem wir uns davon trennen, sagt uns auch: „Strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,22). Dies zeigt: Wir  sollen die Gemeinschaft mit denen suchen, die danach trachten, die Grundsätze des Wortes Gottes zu bewahren.

Mehr Licht!

Wenn Gottes Wort uns sagt, dass wir uns im Namen unseres Herrn Jesus Christus versammeln sollen, dann sagt es uns ganz gewiss auch, wie wir das tun sollen. Wir sehen dies als Bestätigung dafür, dass Gott in seinem Wort tatsächlich ein Muster hat dafür, wie sich Christen zur Anbetung und zum Dienst versammeln sollen. […]

Ein wichtiger Grundsatz, der der Führung am Tag des Niedergangs zugrunde liegt, lautet: „Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun!“ (Jes 1,16.17). Solange wir nicht bereit sind, uns von dem zu trennen, von dem wir wissen, dass es im christlichen Bekenntnis falsch ist, können wir nicht erwarten, Licht für weitere Schritte auf dem Weg zu bekommen. Wenn wir versuchen, in dem Licht zu wandeln, das Gott uns gegeben hat, wird Er uns mehr Licht geben. „In deinem Licht werden wir das Licht sehen“ (Ps 36,10) – dies ist ein Grundsatz, der sich durch die ganze Heilige Schrift zieht.

Abraham ist ein Beispiel dafür. Gott rief ihn, als er in Ur in Chaldäa lebte, und sagte ihm, er solle an einen Ort im Land Kanaan ziehen, der ihm später gezeigt werden würde (vgl. 1Mo 12,1-3; Apg 7,2.3). Im Glauben ging Abraham „und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme“ (Heb 11,8). Als er unterwegs in Haran anhielt und sich dort niederließ, erhielt er von Gott kein weiteres Licht und keine weitere Mitteilung für seinen Weg (vgl. 1Mo 11,31). Erst als er seine Reise in das Land Kanaan fortsetzte, wie der Herr es ihm gesagt hatte, erhielt er eine weitere Mitteilung vom Herrn (vgl. 1Mo 12,4-7).

Und so ist es auch für uns auf dem Weg des Glaubens. Es ist wie die Scheinwerfer eines fahrenden Autos bei Nacht: Sie geben dem Reisenden nur Licht für etwa 200 oder 300 Meter. Wenn sich das Auto vorwärtsbewegt, hat der Fahrer noch weitere 200 oder 300 Meter Licht auf der Straße. Wenn sich das Auto jedoch nicht mehr bewegt, bekommt der Fahrer kein weiteres Licht. Denken wir daran: Dem, der bereit ist, Gottes Willen zu tun, koste es, was es wolle, dem wird es gegeben werden, die Wahrheit zu erkennen (vgl. Joh 7,17).

 

Anmerkungen

[1] J.N. Darby, Collected Writings, Ecclesiastics, Bd. 1, „Separation from Evil—God’s Principle of Unity“, S. 355.

[2] Ähnliches geschah in der Geschichte Israels. Bis zur Zeit der Herrschaft von Manasse bewahrte der Herr Jerusalem stets, den göttlichen Mittelpunkt der Nation (2Kön 19,32; Jes 31,4.5 usw.). Es kam jedoch eine Zeit, als sich der Herr äußerlich nicht mehr mit Israel identifizieren wollte und ihnen sagte, dass Er Jerusalem nicht mehr bewahren werde (2Kön 21,10-16; 22,15-20; 23,26.27; 24,3.4; Jer 15,1.4). Dies geschah, weil die Bosheit der Nation einen Punkt erreicht hatte, wo es „keine Heilung“ mehr gab (2Chr 36,16). Und weil das so war, handelte der Herr mit Israel nun ganz anders.

[3] W. Kelly, „Revelation 2“, An Exposition of Revelation.


Engl. Originaltitel: „Seven Common Objections“,
aus God’s Order for Christians Meeting together for Worship and Ministry, S. 45–57
Christian Truth Publishing

Übersetzung: Stephan Isenberg

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