Die Pharisäer-Falle (2)
Matthäus 23,13 – Weheruf Nr. 1

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 05.09.2003, aktualisiert: 06.11.2019

Leitvers: Matthäus 23,13

Mt 23,13: Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, noch lasst ihr die hineingehen, die hineingehen wollen.

Die Aussage ist einfach: Die Pharisäer sind solche, die das Himmelreich verschließen. Das könnte uns doch nicht passieren, oder? Nein, wir wissen genau, wie man in den Himmel kommt, und unsere Evangelisationsveranstaltungen sprechen doch ein klares Wort. Außerdem haben wir „Gästegottesdienste“ eingeführt, wo wir Menschen erklären wollen, wie sie in den Himmel kommen.

Die Pharisäer waren also von ihrer geistlichen Führungsrolle überzeugt, und sie waren die Ersten, die sich für den Posten des Türstehers zum Eingang in das Reich Gottes gemeldet haben. Nur leider hatte nie jemand diesen Posten ausgeschrieben, sondern die Pharisäer machten sich selbst diesen Posten zu eigen. (Wir sprechen hier nicht von Gemeindezucht, wo Türhüter sehr wohl ihren Platz haben; siehe 1. Korinther 5.) Sie waren sich in ihrer theologischen Sichtweise sicher. Oberflächlich gesehen, ist das doch ein wichtiger Dienst und ein guter Job für eine geistliche gesunde Person. Aber der Herr Jesus war hier anderer Meinung. Was nach außen sehr gesund aussah, war für Ihn Krankheit. Denn nicht nur, dass sie für ihren eigenen Zustand blind waren, sie verschlossen so auch noch das Reich Gottes vor solchen, die hätten eingehen wollen. Gibt es nicht auch heutzutage ein ähnliches Verhalten, wenn wir Bekehrungen auf eine Art und Weise „produzieren“ wollen, die die Schrift gar nicht kennt?

In der Schrift finden wir unterschiedliche Arten und Weisen, wie Menschen den Herrn fanden. Ganz einfache und ganz komplizierte und auch wundersame Bekehrungen berichtet das Neue Testament. Denken wir an den Schächer am Kreuz, der einfach sagte: „Gedenke meiner“, oder an den Zöllner, der ausrief: „Herr, sei mir, dem Sünder, gnädig.“ Oder denken wir an die Bekehrung von Paulus, der diese wundersame Erscheinung vor Damaskus hatte, oder wie kompliziert es für Nikodemus war, zu erkennen, dass er von neuem geboren werden musste. 

Was würde der Herr wohl zu den ganzen wohlgemeinten Bekehrungsaufrufen sagen, die immer durch ein wohlformuliertes Gebet vorgebracht werden, oder zu der Theologie über die Rechtfertigung aus Glauben, wo sich Protestanten und Katholiken seit Jahrhunderten nicht einig werden. Hier muss man diese und jene Worte nachsprechen, dort muss man irgendwo nach vorne gehen, um „ja" zu sagen. Und wiederum woanders muss man zuerst ein ganzes Glaubensbekenntnis aufsagen können. Ich sage gar nicht, dass das nicht alles an seinem Platz auch o.k. sein kann. Aber maßen wir uns nicht auch manchmal an, darüber zu entscheiden, wer nun jetzt hineindarf und wer nicht, indem wir eine bestimmte Methode vorgeben oder sogar durch diese Methode eher abschreckend wirken als einladend? Es ist eine riesengroße Verantwortung, als Evangelist tätig zu sein – und möge der Herr noch viele Arbeiter in seine Ernte schicken –, aber möchten es auch immer solche sein, die einzig und allein Christus als die Tür vorstellen und nicht selbsterdachte Wege aufzeigen, wie man angeblich sicher sein könnte, ins Reich Gottes hineinzugelangen.

Die zweite Überlegung dieses ersten Weherufes ist, dass wir durch unser Verhalten, unsere Bräuche und Traditionen, die weder zeit- noch schriftgemäß sind, anderen Menschen den Weg versperren, Christus wirklich kennenzulernen. Dabei nenne ich jetzt keine Beispiele, weil jede Gemeinde und jeder Christ für sich überlegen sollte, wo man durch bestimmte Verhaltensweisen, Bräuche und Traditionen anderen den Weg zum Reich Gottes versperrt. Fragen wir einmal Nichtchristen, was sie so über die Christen im Allgemeinen zu sagen haben, und wir werden sehen, dass viel Negatives dabei ist, was anderen ein Hindernis ist, um ins Reich Gottes einzugehen oder wenigstens mal eine christliche Gemeinde zu besuchen. Statt dass man von den Christen redet, wie barmherzig, gütig und wahrheitsgemäß und authentisch sie sind, geht uns der Ruf voraus, dass wir unbarmherzig, fleischlich und heuchlerisch wären. Es stimmt etwas nicht, wenn diejenigen, die vorgeben, die Himmelstür zu bewachen, Leute vergraulen. (Nebenbei sei bemerkt, dass es natürlich auch biblische Dinge gibt, die Nichtchristen vergraulen. Diese Dinge sind hier natürlich nicht gemeint!)

Merken wir, wie sehr uns die Pharisäer ähneln? Wenn du sie allzu scharf verurteilst, dann denke daran, dass du dich selbst mit ihnen verurteilst.

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