Der Prophet Habakuk (0)
Einleitung

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 26.09.2020, aktualisiert: 26.09.2020

Einführung

Der Prophet Habakuk ist der achte Prophet in der Reihe der sogenannten kleinen Propheten (hebr. qetannim). Die Zusammenstellung der kleinen Propheten scheint nicht willkürlich geschehen zu sein. Die Propheten von Hosea bis Nahum umfassen die vorassyrische bzw. assyrische Zeit (bis 609 v.Chr.: Untergang des Assyrischen Reiches und das Aufkommen des Babylonischen Reiches). Die Propheten Habakuk bis Zephanja müssen in die babylonische Zeit eingeordnet werden (606–535 v.Chr.), die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi dagegen in die Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft (ab 535 v.Chr.).

Geschichtlicher Hintergrund

Wir finden im Buch Habakuk keine Angabe von Königen wie in etlichen anderen kleinen Propheten. Dennoch werden in Habakuk 1,6 „die Chaldäer“ erwähnt, womit das Volk der Babylonier unter der Führung Nebukadnezars gemeint ist (vgl. 2Kön 25,1.4). Der HERR würde die Chaldäer als Zuchtrute in seiner Hand gebrauchen, um sein Volk zu schlagen, und zwar noch zu Lebzeiten des Propheten: „Ich wirke ein Werk in euren Tagen – ihr würdet es nicht glauben, wenn es erzählt würde“ (Hab 1,5). Demnach können wir das Buch Habakuk in die Zeit kurz vor der babylonischen Gefangenschaft einordnen (ca. 606–586 v.Chr.).

Die Babylonier führten in der Antike unter der Führung Nebukadnezars Eroberungsfeldzüge durch. Im Jahr 605 v.Chr. wurde Ägypten von den Babyloniern besiegt und kurz darauf überfiel Nebukadnezar das Südreich Juda. Die Prophezeiung von Habakuk muss, wie gesagt, im Vorfeld zu diesem Geschehen gesucht werden. Die einschlägigen Kommentare sind nicht übereinstimmend. Denkbar ist die Zeit während der Königsherrschaft Manasses, Josias oder Jojakims. Wenn wir die Hinweise im Buch Habakuk mit einbeziehen, dann war es eine Zeit der Krisen und Korruptionen. Die Zeit war gekennzeichnet von Gewalttat, Verwüstungen, Streit, Hader und einem Abweichen vom Wort Gottes (Hab 1,2-4). Die Weltmacht Babylon war geprägt von Begierde (Hab 2,9-11), Ungerechtigkeit (Hab 2,12-14), Maß- und Schamlosigkeit (Hab 2,15-17) und Götzendienst (Hab 2,18-20).

Zur Person Habakuks

Der Name Habakuk wird bereits im ersten Vers erwähnt. Habakuk wird als Prophet vorgestellt (vgl. Hab 1,1; 3,1). Ähnlich wie bei Obadja, Maleachi und Joel finden wir sonst keine weiteren Erwähnungen des Propheten im Alten Testament. Der Name Habakuk wird mit assyrischen Pflanzennamen in Verbindung gebracht. Martin Luther übersetzte den Namen mit „Herzer“, also jemand, der einen anderen „herzt“. Der Kirchenvater Hieronymus übersetzte Habakuk mit „Umarmer“. Andere Ausleger sind der Meinung, dass Habakuk auch „ringen“ bedeuten könnte. Tatsächlich „umarmte“ Habakuk das Volk, indem er für das Volk vor Gott eintrat. Habakuk rang im Gebet mit Gott; bei allen Fragen klammerte („umfasste“) sich Habakuk an seinen Gott, indem er seine tiefe Zuneigung mit den Worten zum Ausdruck brachte: „Bist du nicht von alters her, HERR, mein Gott, mein Heiliger?“ (Hab 1,12). Das Wörtchen „mein“ drückt eine innige Beziehung zu Gott aus.

Als der Herr Jesus auf dem Kreuz die Sünden derer trug, die an Ihn glauben würden, spricht Er die Worte aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34). König Saul hingegen bekannte sich zwar zum Gott Israels, hatte aber keine persönliche Beziehung zu Ihm, denn er sagte zu Samuel: „Ich habe gesündigt! Nun ehre mich doch vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel, und kehre mit mir um, dass ich vor dem HERRN, deinem Gott, anbete“ (1Sam 15,30; vgl. 1Sam 15,21).

Habakuk lässt uns an seinem vertrauten Gespräch mit Gott teilhaben. Er nimmt uns mit, wie er seine Sorgen auf den HERRN wirft (Kap. 1), geduldig die Antwort des HERRN abwartet (Kap. 2) und schließlich zur Freude und zum Frieden geführt wird (Kap. 3). Der Apostel Paulus schrieb an die Philipper: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus“ (Phil 4,6.7). Habakuk wendete sich mit seinen Sorgen im Gebet an Gott, wartete geduldig auf die Antwort und empfing den Frieden Gottes.

Möglicherweise war Habakuk ein Levit, da das dritte Kapitel im Wesentlichen ein Lobgesang ist und Ähnlichkeiten zu Psalm 7 aufweist. Die Leviten hatte David für den Dienst der Sänger eingesetzt (vgl. 1Chr 15; 16,4; 2Chr 8,14). Dieser Umstand unterstützt die Annahme, dass Habakuk ein Prophet des Südreiches (Juda) war, da die Leviten ihren Dienst beim Tempel ausführten.

Besonderheit

Jeder einzelne der kleinen Propheten trägt eine interessante Besonderheit mit sich. So wie bei dem Propheten Jona seine Lebensgeschichte die Botschaft trägt, so liegt die Botschaft des Buches Habakuk in den Fragen des Propheten begründet. Normalerweise sprechen die Propheten von Gott zu den Menschen, aber hier finden wir vor allen Dingen, wie ein Prophet zu Gott redet und wie gerade darin eine Botschaft liegt. Dennoch enthält dieses prophetische Buch auch konkrete Vorhersagen bezüglich des Gerichtes der Chaldäer über Israel (Kap. 1) wie auch des Gerichtes über die Chaldäer selbst (Kap. 2).

Thema des Buches

Den Schlüsselvers des Buches Habakuk finden wir in Habakuk 2,4: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.“ Er wird im Neuen Testament dreimal erwähnt. Manche haben ihn den „Kuckucksruf des Neuen Testamentes“ genannt. Mit diesem Vers kann das Buch Habakuk überschrieben werden. Dieser Vers enthält das Geheimnis dieses kleinen Propheten. Die Antwort auf alle Fragen Habakuks sollte sein: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.“ Der Gerechte, der Fromme, der auf das Gesetz vertraut, wird nicht dadurch aufrechterhalten, dass er Gott in allem begreift, sondern in allem vertraut. Selbst dann, wenn Dinge passieren, die er nicht fassen kann. Der Gerechte sagt: „Ich begreife nichts von dem, was du tust, aber ich vertraue dir.“ Wenn wir Gott nur in den Dingen vertrauen, die wir auch begreifen können, dann hat das Wort Vertrauen nicht mehr viel Inhalt. Wenn wir also auch dann noch vertrauen, wenn Gott Dinge tut, die völlig unverständlich für uns sind, und Ihm trotzdem vertrauen, dann haben wir das Geheimnis dieses kleinen Propheten Habakuk verstanden. Wir werden noch sehen, dass es hier nicht um ein blindes Vertrauen geht, sondern um ein Vertrauen, das eine Grundlage hat.

Übersicht

  • Kapitel 1 ist ein Zwiegespräch zwischen Habakuk und Gott. Habakuk erweist sich als fragender Prophet.
  • Kapitel 2 ist eine Antwort Gottes auf die Fragen des Propheten. Hier erleben wir Habakuk als glaubenden Propheten.
  • Kapitel 3 ist ein Gebet und ein Lobgesang. Habakuk wird zum frohlockenden Propheten. Er gelangt zur Freude und Ruhe in Gott.

Der Prophet Habakuk beginnt mit einem Fragezeichen und endet mit einem Ausrufezeichen!

Der Bibelausleger J. Donald Blue schreibt:

Habakuks Buch beginnt mit einer Frage an Gott, und es endet mit einem Bekenntnis. Angst wird zu Anbetung, Furcht zu Vertrauen. Entsetzen wandelt sich in getroste Erwartung, Hinhaltung in Hoffnung. Leid löst sich auf in Liebe.[1]

Betrachtungsweisen

Wir können die kleinen Propheten auf verschiedene Art und Weise betrachten. Dazu kann man drei verschiedene Scheinwerfer auf die prophetischen Bücher fallenlassen und sie unter folgenden Gesichtspunkten beleuchten:

  1. Scheinwerfer 1: Die historische Sicht   

    Um sich ein Bibelbuch zu erschließen, ist es notwendig, sich die Zeit genauer anzusehen, in die ein Buch hineinspricht. In welchen Umständen waren die Menschen damals, und warum wurde die jeweilige Botschaft nötig? Wir können uns die Frage stellen: Wie reagierten die Menschen damals auf die Botschaft der Propheten?

  2. Scheinwerfer 2: Die prophetische Sicht   

    Es ist gut, sich beim Lesen der Propheten immer wieder die Frage zu stellen, welche Prophezeiungen sich bereits erfüllt haben und welche noch auf ihre Erfüllung warten. Da „der Geist der Weissagung [griech. propheteia] das Zeugnis Jesu ist“ (Off 19,10), sollte man sich bei allen Prophezeiungen die Frage stellen, wie man sie mit Christus in Verbindung bringen kann.

  3. Scheinwerfer 3: Die praktische Anwendung

    Hat man sich den Text historisch erschlossen und sich mit den prophetischen Aussagen beschäftigt, können wir uns praktische Anwendungen auf unsere Zeit überlegen und erkennen, dass „alle Schrift von Gott eingegeben und nützlich ist zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2Tim 3,16; vgl. Röm 15,4).

Das prophetische Wort als Lampe

Können diese alten Schriften noch heute zu Gläubigen einer ganz anderen Zeit sprechen? Der Apostel Petrus war davon überzeugt, dass auch die alttestamentlichen Prophezeiungen eine ganz aktuelle Botschaft enthielten. Er war sogar davon überzeugt, dass sie uns in einer dunklen Zeit helles Licht geben könnten: „Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, auf das zu achten ihr wohltut als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (1Pet 1,19). Ähnlich war der Apostel Paulus davon überzeugt, dass die alttestamentlichen Schriften einen großen Nutzen für die neutestamentliche Gemeinde haben (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,6.11; 2Tim 3,16).

Besonders der Prophet Habakuk wirft ein helles Licht auf die brennenden Fragen unseres Lebens mit Gott. Habakuk hat den Eindruck, dass Gott ihn nicht hört: „Wie lange, HERR, habe ich gerufen, und du hörst nicht!“ (Hab 1,2). Er versteht das Handeln Gottes mit seinem Volk nicht. Allein im ersten Kapitel stellt Habakuk, je nach Zählung, mindestens vier Fragen an Gott (Hab 1,3.12.14.17). Auf seiner Stirn sind viele Fragezeichen. Kennen wir das nicht auch aus unserem Leben mit Gott? Der Prophet Habakuk hält viele wichtige Antworten bereit, wenn wir nur auf die Stimme des Propheten hören wollen.

Die Rede vom Gericht

In den kleinen Propheten ist sehr viel von Gericht die Rede. Wir leben in einer Zeit, wo wir diese ernste Sprache nicht gerne hören. Wenn wir vom Gericht lesen, dann geht es vor allen Dingen um die unerschütterliche Gerechtigkeit Gottes. Gott ist „zu rein von Augen, um Böses zu sehen“ (Hab 1,13). Er muss die Sünde richten. Gott hat jedoch keine Freude am Gericht. Er bringt das Gericht, um letztlich segnen zu können. Er möchte seinen Mann, seinen Gesalbten, seinen Sohn, einführen. Damit Gott seinen Mann einführen kann, muss die Erde durch Gericht gereinigt und vorbereitet werden. Alle Propheten sprechen auch von dem glorreichen Friedensreich, wenn Christus Haupt über alles sein wird (Eph 1,9.10).

Wir sind gewohnt, die Güte, Gnade und Liebe Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, und daran ist auch nichts verkehrt. Dennoch dürfen wir sie nicht von der Tatsache trennen, dass Christus einen hohen Preis dafür bezahlt hat. Am Kreuz von Golgatha hat Christus eine Grundlage dafür gelegt; dort hat Er allen Anforderungen Gottes in Bezug auf die Sünde entsprochen. Gott ist gerecht, wenn Er dem Sünder Güte, Gnade und Liebe erweist. Denn „den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2Kor 5,21).

Der Oumran-Fund

Im Jahr 1947 entdeckte ein kleiner Beduinenjunge die sogenannte Qumran-Höhle. Hier fand man unter anderem einen Vers-für-Vers-Kommentar zu den ersten beiden Kapiteln des Buches Habakuk. Diese Funde konnten auf das 1. Jahrhundert v.Chr. datiert werden. Dadurch konnte der uns vorliegende Bibeltext bestätigt werden. Es ist zudem sehr interessant, dass der Ausleger dieses Kommentars eine Anwendung auf die damalige Zeit (1. Jh. v.Chr.) macht, so wie wir heute ebenfalls nach Anwendungen auf unsere Zeit suchen.

Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] J. Donald Blue, Das Alte Testament erklärt und ausgelegt, Jesaja–Maleachi, Hänssler-Verlag, S. 618.

Weitere Artikel aus der Reihe Der Prophet Habakuk (2)

Weitere Artikel des Autors Stephan Isenberg (110)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...