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Leitverse: 2. Johannes 10-11
2Joh 10-11: Wenn jemand zu euch kommt und diese
Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf, und grüßt ihn nicht. Denn
wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken.
Inhalt
Was sind „offene
Grundsätze“? Historischer Hintergrund dieses Briefes Hintergrund der Schreiber dieses Artikels Kommentierung der neun Punkte Schlussgedanken Jede Gruppierung von Christen wird wohl ihre eigene Sprache
„Kanaans“ haben.
Da gibt es Floskeln, die typisch für eine bestimmte Bewegung sind. In
der Brüderbewegung kann man im eher konservativen Flügel oft das Wort „offene
Grundsätze“ vernehmen. Leider geschieht das oftmals in einer Weise, die mit dem
eigentlichen Sinn dieses Ausdruckes nichts mehr zu tun hat. Deshalb wollen wir
einmal der Frage nachgehen, was es ursprünglich bedeutete, wenn man unter „Brüdern“
von einem „offenen Grundsatz“ sprach.
Dazu wollen wir den sogenannten „Brief der Zehn“ in seinen neun Punkten
kommentieren. Dieser historische Brief dokumentiert die unterschiedliche
Auffassung der heutigen „geschlossenen“ und „offenen“ Brüder.
In Bristol waren Geschwister zum Brotbrechen aufgenommen worden, die mit
einem Irrlehrer in Plymouth Gemeinschaft hatten (selbst die Irrlehre jedoch nicht angenommen hatten).
In der Folge kam es zu Unruhe in der Gemeinde
in Bristol. Schließlich trennten sich sogar einige Brüder dort und verfassten einen
Brief an die Gemeinde, in dem sie ihre Gründe für die Ablehnung des
dort beschrittenen Weges darlegten. Daraufhin schrieben zehn Älteste der
Gemeinde einen Brief, der
auf einer besonderen Zusammenkunft der Versammlung am 29. Juni und 3. Juli 1848
vorgelesen und erläutert wurde. Dieser Brief wurde als der „Brief der Zehn“ berühmt,
vor allem deshalb, weil die Darlegung bis heute die Grundlage wiedergibt, auf
der sich die „offenen Brüder“ versammeln, und er mit Recht als ihre „Magna
Charta“ betrachtet werden kann.
Der Leser möge beim Lesen dieses Artikels berücksichtigen, dass die Schreiber
dieses Artikels sich weder zu der geschlossenen noch zu der offenen Brüderbewegung zählen.
Durch bestimmte Entwicklungen und sicher auch durch eigenes Versagen in den
vergangenen zwei Jahrzehnten ist uns ein gemeinsamer Weg zur Zeit nicht möglich.
Trotzdem fühlen wir uns in Ausrichtung und Lehre sehr mit der allgemeinen
Brüderbewegung verbunden. Auch wissen wir, dass solche Trennungen und
Gruppierungen von Christen nicht dem Willen Gottes entsprechen, und wir verwenden
diese Begriffe („exklusive“ oder „offene“ Brüder) nur, weil sie sehr hilfreich
sind, um dem Leser einen Eindruck über den Hintergrund zu geben, aus dem wir
diese Zeilen schreiben. In der Bibel gibt es nur Brüder oder Christen; zu ihnen
gehören dann alle wiedergeborenen Christen.
Wir gehen nicht deshalb auf die Punkte des „Briefes der Zehn“ ein, weil wir die Gräben zwischen den beiden Brüdergruppen weiter
aufreißen möchten, sondern wir möchten eine Diskussion über dieses Thema in Gang
setzen oder am Leben erhalten, damit wir heute ganz praktisch eine Hilfe in
unseren Beurteilungen haben über die Frage: Was ist biblisch und was ist nicht
biblisch? Es ist kein Fehler, aus der Geschichte zu lernen. Im Allgemeinen hat
man ja heute den Eindruck, dass das Einzige, was wir aus der Geschichte lernen,
das ist, dass wir gerade nichts lernen ;-).
Eingerückt in kleinerer Schrift findet sich jeweils der Grundsatz der Schreiber des Briefes der
Zehn. Der Kommentar ist jeweils von der Redaktion.
Punkt 1:
Wir waren von Anfang an der Meinung, dass es
nicht zum Trost oder zur Auferbauung der hiesigen Gläubigen und auch nicht zur
Ehre Gottes sei, wenn wir in Bristol in die mit den erwähnten Lehren verbundene
Auseinandersetzung verwickelt würden. Wir denken nicht, dass wir als
Gemeinschaft verpflichtet sind, Irrtümer zu untersuchen, nur weil sie in
Plymouth oder sonst wo gelehrt werden mögen.
Kommentar:
Wenn an einem anderen Ort, mit dem wir bis heute in gemeinschaftlicher Verbindung
standen, die Gefahr des Aufkommens einer bösen Lehre besteht und bereits
offensichtliche und für alle nachvollziehbare Fakten auf dem Tisch liegen, dann
ist eine Versammlung, die in wechselseitiger Gemeinschaft steht, verpflichtet,
sich mit dem Unrecht in der anderen Versammlung zu beschäftigen, zumal wenn die
Gefahr besteht, dass fundamentale Dinge zur Debatte stehen. Epheser 4 sagt uns:
„Da ist ein Leib.“ Wir sind also mit allen Gliedern des Leibes auf das Innigste
verbunden. Kann es uns da gleichgültig sein, wenn Glieder des Leibes in Gefahr stehen,
einen falschen Weg einzuschlagen, besonders dann, wenn man mit diesen Gliedern
in der Ausübung christlicher Gemeinschaft steht?
Auch spricht Epheser 4 von der
„Einheit des Geistes“. Der Heilige Geist kam zu Pfingsten auf die Erde und hat
aus Juden und Nationen einen Leib gebildet (Eph 2). Der Heilige Geist ist die
verbindende Person und Kraft, um in der Einheit der Kinder Gottes voranzugehen,
und dies hört nicht vor den Toren der Versammlung in Ephesus auf, an die der Brief natürlich
zuerst gerichtet war. Wenn auch eine Versammlung nicht über eine andere zu
Gericht sitzen darf, so ist aber jede aufnehmende [1] oder auch
zu einer anderen Versammlung hin empfehlende [2] Gemeinde
verpflichtet, zu untersuchen, wen sie aufnimmt oder zu wem sie empfiehlt. Der
Apostel Paulus sagt in Apostelgeschichte 20,28: „Habt nun acht auf euch selbst und auf die
ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die
Versammlung Gottes zu hüten, welche er sich erworben hat durch das Blut seines
Eigenen.“
Es geht gar nicht darum, nur ja nicht in diese Sache verwickelt zu werden,
wie oben beschrieben, sondern darum, in Bezug auf die Ehre
des Herrn nicht gleichgültig zu sein. Das heißt, wenn eine Lehre aufkommt, die die Person oder das
Werk des Herrn Jesus antastet, dann darf ich mich nicht gleichgültig gegenüber
diesen Dingen zeigen und nach dem Motto handeln: Solange ich selbst diese Lehre
nicht annehme, ist alles in Ordnung! Die Schrift sagt sehr deutlich, dass wir
den nicht grüßen sollen, der nicht die Lehre des Christus bringt (2Joh 10-11)
— tue ich das doch, bin ich gleichgültig gegenüber der Ehre des Herrn. Aber es
geht nicht „nur“ um die Ehre des Herrn, sondern auch darum, möglicherweise der
irrenden Versammlung zu dienen, indem man eine deutliche Stimme
gegen das Böse hören lässt. Bibelstellen wie 1. Korinther 12 und Epheser 4 zeigen, dass wir als
Glieder auf das Engste verbunden sind und die Hand zum Fuß nicht sagen kann:
Ich bedarf deiner nicht! Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit, denn
wir sind alle zusammen verbunden in dem einen Leib. Aber auch
Bibelstellen wie 1. Thessalonicher 5,22; 2. Timotheus 2,19-20; 1. Korinther 15,33 und andere fordern uns
auf, vom Bösen abzustehen und nicht einen neutralen Standpunkt einzunehmen.
Also, ganz so einfach können wir uns es nicht machen, zumal dann nicht, wenn die
eigene Gemeinschaft auch noch in der Weise betroffen ist, dass Gläubige von
einem zweifelhaften Ort kommen, wo böse Lehre geduldet wird.
Punkt 2:
Der angebliche praktische Grund, warum wir die
Untersuchung verschiedener in Plymouth herausgegebener Traktate vornehmen
sollten, war, dass wir dadurch in der Lage wären zu wissen, wie wir uns
gegenüber solchen zu verhalten haben, die uns vielleicht von dort besuchen oder
von denen angenommen wird, dass sie Anhänger des Verfassers der genannten
Veröffentlichungen sind. Als Antwort darauf müssen wir sagen, dass die Ansichten
des Autors, auf den angespielt wird, nur durch die Prüfung seiner eigenen
anerkannten Schriften wirklich ermittelt werden können. Wir glaubten nicht, dass
wir berechtigt seien, unseren Eindruck von den tatsächlich von ihm vertretenen
Ansichten aus irgendeiner anderen Quelle zu beziehen als nur aus einer von ihm
selbst geschriebenen Abhandlung, in der er die betreffenden Lehren
erklärtermaßen verteidigt. Nun waren die Ansichten, die der in Frage stehende
Autor vertrat, von solcher Unbeständigkeit, dass es schwierig ist, festzustellen,
was er jetzt als seine Ansicht anerkennen würde.
Kommentar:
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es für dieselben Brüder kein halbes
Jahr später sehr wohl möglich war, eine solche Beurteilung durchzuführen.
Darüber hinaus muss uns klar sein: Wenn die Ehre des Herrn angetastet wird,
kann nicht „Unbeständigkeit“ des Verantwortlichen Grund sein, sich nicht
mit dem Fall zu beschäftigen. Wenn wir das Neue Testament aufschlagen, sehen
wir, dass es gerade ein Kennzeichen von Irrlehrern ist, dass sie mit Verwirrung
und Widersprüchen kommen, die es schwierig machen, ihre Lehre in den Griff zu
bekommen. Paulus sagt: „Wer euch aber verwirrt, wird das Urteil tragen, wer er
auch sei“ (Gal 5,10). „Niemand verführe euch mit eitlen [leeren] Worten“
(Eph 5,6). „… wovon etliche abgeirrt sind und sich zu eitlem Geschwätz gewandt haben“
(1Tim 1,6). „Die ungöttlichen eitlen Geschwätze aber vermeide; denn sie werden
zu weiterer Gottlosigkeit fortschreiten, und ihr Wort wird um sich fressen wie
ein Krebs“ (2Tim 2,16-17; vgl. 1Tim 6,20).
Punkt 3:
In Bezug auf diese Schriften sind die
christlichen Brüder, die, was ihre Gesundheit im Glauben betrifft, bisher einen untadeligen Ruf hatten, zu verschiedenen
Schlussfolgerungen über den tatsächlichen Umfang des in ihnen enthaltenen
Irrtums gelangt. Einige von uns wussten, dass die Traktate in einem so
zweideutigen Stil geschrieben sind, dass wir sehr vor der Verantwortung
zurückschreckten, irgendein offizielles Urteil über die Angelegenheit zu fällen.
Kommentar:
Wenn jemand in Bezug auf die Person des Herrn eine zweideutige Lehre bringt,
dann sollte man das schon sehr ernst nehmen und sich nicht aus der Verantwortung
stehlen, wenn man mit dieser Versammlung in Verbindung steht.
Punkt 4:
Da bewährte Brüder an verschiedenen Orten über
den Umfang des in diesen Traktaten enthaltenen Irrtums zu so verschiedenen
Schlussfolgerungen gelangt sind, konnten wir weder wünschen noch erwarten, dass
die hiesigen Gläubigen mit der Entscheidung von einem oder zwei führenden
Brüdern zufrieden sein würden. Diejenigen, die sich selbst zu vergewissern
wünschten, würden natürlich das Verlangen haben, die Schriften selbst
durchzusehen. Dafür haben viele von uns nicht die Zeit; viele würden aufgrund
der Ausdrucksweise auch nicht verstehen, was die Traktate beinhalten; und das
Ergebnis würden, wie man mit gutem Grund befürchten muss, verderbliche
Auseinandersetzungen und Wortgefechte sein von der Art, die mehr Streitfragen
hervorbringt, als die göttliche Auferbauung fördert.
Kommentar:
Das Schlimme an diesem Punkt ist eigentlich, dass selbst dann, wenn sich alle einig
gewesen wären, die Versammlung in Bristol dennoch keinen Grund gesehen hätte,
Geschwister, die von einem Ort kamen, wo die böse Lehre geduldet wurde, nicht
in die Gemeinschaft aufzunehmen (vorausgesetzt, diese Geschwister würden selbst die böse Lehre
nicht vertreten). Siehe Punkt 6!
Punkt 5:
Sogar einige von denen, die die Traktate jetzt
verurteilen, weil sie grundsätzlich ungesunde Lehre enthalten, haben sie bei der
ersten Durchsicht nicht so verstanden. Diejenigen von uns, die besonders gebeten
wurden, die in ihnen enthaltenen Irrtümer zu untersuchen und zu beurteilen,
waren der Meinung, dass es unter solchen Umständen nur wenig wahrscheinlich sei,
zu einem einmütigen Urteil über das Wesen der betreffenden Lehren zu kommen.
Kommentar:
Wir wollen den Unterschied zwischen „falscher Lehre“ und
„fundamentaler Irrlehre“ sicher nicht verwischen, aber selbst wenn man eine böse Lehre erst nach der dritten Durchsicht entdeckt, so
bleibt sie doch eine böse Lehre; selbst von grundsätzlicher ungesunder Lehre
sollten wir uns fernhalten.
Meinungsverschiedenheiten über einen lehrmäßigen Punkt dürfen wir natürlich
nicht auf die gleiche Stufe stellen wie eine ungesunde oder gar böse Lehre über
Christus und sein Werk.
Punkt 6:
Selbst wenn man annimmt, dass diejenigen, die die
Sache erforschten, im Hinblick auf den Umfang des darin enthaltenen eindeutigen
Irrtums zum gleichen Ergebnis gekommen wären, so hätte uns dies nicht in unserer
Entscheidung über Einzelne geleitet, die von Plymouth kommen. Denn angenommen
der Autor der Traktate wäre ein fundamentaler Irrlehrer, so würde uns dies nicht
berechtigen, solche, die unter seiner Belehrung waren, zurückzuweisen, bis wir
überzeugt wären, dass sie Ansichten, die ihrem Wesen nach die Grundlage der
Wahrheit umstürzen, verstanden und in sich aufgenommen haben; insbesondere da
diejenigen, die in Plymouth in der Ebrington Street zusammenkommen, im
vergangenen Januar eine Erklärung herausgegeben haben, in der sie die Irrtümer,
die den Traktaten zur Last gelegt werden, von sich weisen.
Kommentar:
Hier finden wir den eigentlich sogenannten „offenen Grundsatz“. Dieser Grundsatz zieht
sich auch durch die heutige Brüderbewegung. Es handelt sich hier nicht um einen Punkt, den man nur schwer intellektuell
verstehen könnte. Es ist höchstens ein Punkt, den man menschlich nur schwer
durchsetzen kann/will. Die Lehre der Heiligen Schrift ist hier ganz klar. Wer
bloß jemand grüßt, der eine böse Lehre bringt, nimmt schon teil an seinen
bösen Werken. Er wird ein Teilhaber an dem bösen Werk, obwohl er die böse Lehre
selbst ablehnen mag. Dies ist die klare Anweisung in 2. Johannes 10-11: „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so
nehmt ihn
nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an
seinen bösen Werken.“
Und sollen wir nun einen Teilhaber an bösen Werken in die Gemeinschaft
aufnehmen? Ist er denn verunreinigt, nur weil er unter der Kanzel des Irrlehrers
gesessen hat? Ist das nicht ein wenig mystisch? Natürlich gibt es keine
Verunreinigung von außen. Natürlich geht die Verunreinigung nicht von dem einen
auf den anderen über, indem man ihn per Handschlag grüßt. So dürfen wir uns das
nicht vorstellen. Im Neuen Testament sagt der Herr, dass es keine Verunreinigung
gibt, die von außen kommt, sondern sie kommt immer von innen (Mk 7,21-23). Wie
geschieht dies aber nun in unserem vorliegenden Fall? Nun, genau so wie es der
Herr in Markus 7 sagt: Die Verunreinigung kommt von innen. Jemand, der zwar die böse
Lehre ablehnt, aber in Gemeinschaft mit dem Irrlehrer ist, der ist gleichgültig
gegenüber dem Bösen; ja, er ist gleichgültig gegenüber Christus — er will sich
nicht von den Gefäßen zur Unehre wegreinigen (2Tim 2,21). Die Verunreinigung
kommt also von innen, aus dem bösen Herz der Gleichgültigkeit! Sein Herr wird
verunehrt, und er sagt (etwas überspitzt ausgedrückt): „Das ist mir egal, ich tue
es ja nicht — und sage sogar auch was dagegen.“ Aber die Schrift beurteilt dies
ganz anders.
Die Korinther z.B. waren rein äußerlich mit dem Dämonentisch in Verbindung,
sie aßen dort die Opfer, die den Dämonen geopfert wurden (1Kor 10). Wollten die
Korinther den Dämonen Opfer darbringen? Nein, natürlich nicht, und doch sagt
Gott: „Ihr könnt nicht des Herrn Tisches teilhaftig sein und des Dämonen
Tisches.“ Warum nicht? Wurden sie kultisch oder irgendwie mystisch verunreinigt?
Nein. Aber die Gleichgültigkeit in ihrem Herzen gegenüber den Dämonen offenbarte
ihren schlechten geistlichen Zustand. Sie hätten wissen können, dass man sich
nicht an einem Götzenopfertisch niederlassen darf (Apg 15,20.28). Sie
verstießen also gegen eine offenbare Anweisung des Herrn, und das ist es, was
sie verunreinigte bzw. zu Teilhabern am Tisch der Dämonen machte. Wenn ich
gleichgültig gegenüber dem Bösen bin, dann disqualifiziert mich das für jegliche
Art von christlicher Gemeinschaft — das gilt übrigens nicht nur für das
Brotbrechen. Es wäre ja im höchsten Maße inkonsequent, jemanden auf der Straße
in den Arm zu nehmen und gleichzeitig zu sagen: „Aber das Brot kann ich leider
mit dir nicht brechen.“ Genauso wäre es, wenn man einen Irrlehrer ins Haus
einlädt und mit ihm isst, aber gleichzeitig sagt: „Das Brot können wir aber
nicht gemeinsam brechen.“ (Höchstens ein seelsorgerliches Gespräch, um jemanden
von seiner bösen Lehre zu überführen, kann eine Ausnahme davon sein, nur geht es
dabei auch gerade nicht um Gemeinschaft auf gleichem Niveau.)
Leider ist dieser Punkt bis heute von den „offenen“ Brüdern nicht korrigiert
worden, und darüber hinaus sehen wir leider, dass viele (glücklicherweise nicht
alle), die diesen Punkt ehemals noch richtig gesehen haben, diesen auch nur
allzu leicht über Bord werfen, sobald sie den konservativen Flügel der
Brüderbewegung verlassen haben. Diese beschriebene Tatsache trennt bis heute
zwei Lager in der Brüderbewegung, die sich von ihrer Ausrichtung her in
einzigartiger Weise ergänzen würden. Sicher gibt es
noch andere Punkte, wo man unterschiedlicher Ansicht ist, aber diese
Punkte ließen sich doch in den allermeisten Fällen überbrücken.
Ein Bruder schreibt:
Bethesda hat immer nach dem Grundsatz
gehandelt, dass man in den Dingen Gottes unterscheiden kann zwischen einer
Person und ihren Verbindungen. Ein derartiger Grundsatz öffnet die Tür für die
Unreinigkeit der Christenheit und würde in menschlichen Dingen keinen
Augenblick geduldet werden. Nimm zum Beispiel an, dass ich an der Schwelle
meines Hauses einen Mann treffe, der darum bittet, einen Abend in meinem
Familienkreis verleben zu dürfen, der jedoch, wenn ich ihn frage, zugeben
muss, dass er in seiner Familie Scharlach hat oder dass er sich in
gesellschaftlichen Kreisen bewegt, wo ein Verleumder meiner Mutter willkommen
geheißen wird oder dass er in anderen Beziehungen sich mit Dieben und
unmoralischen Personen einlässt. Was würde man von mir denken, wenn ich so
jemanden in meiner Familie willkommen hieße? Ich würde sie nicht nur der
Ansteckung preisgeben, sondern würde jedem normalen moralischen Gefühl Gewalt
antun und würde den Schein auf mich laden, jemand zu sein, der dem, was sich
geziemt, gleichgültig gegenübersteht. Was macht es aus, dass ich, wenn ich so
jemanden ablehne, als ein „Exklusiver“ bezeichnet werde? (G. W. Ware:
Early
Contentions for the Faith, S. 77)
Der bekannte Bruder Andrew Miller sagt von diesem
Exklusivismus:
Ohne Zweifel sollte diese Bezeichnung ein Vorwurf sein, um
Ängstliche in Furcht zu setzen, wie es bis zu diesem Tage üblich ist. Sie ist
aber fraglos in Übereinstimmung mit dem Worte Gottes. Aus 1. Korinther 5
ersehen wir, dass die Versammlung „exklusiv“ sein muss, wenn gesunde Zucht
ausgeübt und das Haus Gottes für seine Gegenwart rein erhalten werden soll.
Die Kirche ist gewiss feierlich verpflichtet, Lehre und Verhalten aller zu
prüfen, die sich zum Tisch des Herrn melden, und die zurückzuweisen, die Böses
in die Versammlung hineintragen würden, sowie die hinauszutun, die in Irrlehre
oder Unmoral gefallen sind, obwohl ihr Glaube an Christus nicht angezweifelt
werden mag. Das heißt in Wahrheit exklusiv sein. (A. Miller, Die Brüder [allgemein so
genannt]. Eine kurze Übersicht über ihren Ursprung, ihre
Entwicklung und ihr Zeugnis, Neustadt, 1971, überarbeitet, S. 68-69)
Punkt 7:
Die Forderung, Herrn Newtons Traktate zu untersuchen und
zu beurteilen, erschien manchen von uns wie die Einführung eines neuen
Prüfsteins für die Gemeinschaft. Es wurde von uns verlangt, dass wir — zusätzlich zu einem gesunden Bekenntnis und einem entsprechenden Wandel
— als
Gemeinschaft zu einer offiziellen Entscheidung über etwas kommen sollten, was
viele von uns vielleicht gar nicht verstehen konnten.
Kommentar:
Dafür hat der Herr sicherlich die Aufseher und Ältesten gegeben, dass sie eine
Sache beurteilen und „achthaben auf die Herde“ und die Wölfe erkennen, die sich
im Schafspelz verstecken (Apg 20). Zu der Gemeinde in Bristol kamen Gläubige
von der Versammlung, die einen bösen Lehrer duldeten. Und es ist an dieser
Stelle sogar völlig gleichgültig, ob B.W. Newton nun geschichtlich nachweisbar
ein Irrlehrer gewesen ist oder nicht, denn die Versammlung in Bristol schrieb ja
in Punkt 6: „Denn angenommen, der Autor der Traktate wäre ein fundamentaler
Irrlehrer, so würde uns dies nicht berechtigen, solche, die unter seiner
Belehrung waren, zurückzuweisen“ — sie konstruieren also selbst (!) einen klaren
Fall und zeigen dadurch, dass sie die Konsequenzen der Stelle in 2. Johannes 10-11 nicht verstanden haben. Selbst in
„exklusiven Brüderkreisen“ kann man
immer wieder hören: „Na ja, der und der hat zwar eine böse Lehre, aber solange
er/sie nicht mit uns das Brot bricht, können wir weiterhin Gemeinschaft mit
ihm/ihr pflegen.“ Oftmals sagt man noch: „Die sind ja so nett!“ Das
ist, wenn auch menschlich verständlich, ein schlechter Grundsatz. Aber darum darf es im Haus des Herrn natürlich nicht
gehen. „Seinem Haus geziemt Heiligkeit auf immerdar.“
Punkt 8:
Wir erinnerten uns an das Wort des Herrn, dass „der Anfang eines Zankes ist, wie wenn einer Wasser entfesselt“. Wir waren uns
wohl bewusst, dass die große Masse der Gläubigen unter uns in glücklicher
Unwissenheit über die Auseinandersetzung in Plymouth war, und wir hielten es
nicht für gut, als solche betrachtet zu werden, die sich mit einer der beiden
Parteien einsmachen. Wir urteilen, dass diese Auseinandersetzung in einer Weise
geführt worden ist, dass die Wahrheit in Verruf gebracht wurde; und wir wünschen
nicht als solche betrachtet zu werden, die sich mit dem einsmachen, was den
Gegnern Ursache gegeben hat, den Weg des Herrn zu verachten. Gleichzeitig
möchten wir eindeutig klarstellen, dass wir die Gemeinschaft mit allen Gläubigen
aufrechtzuerhalten suchen und uns besonders mit denen verbunden fühlen, die sich
wie wir einfach im Namen des Herrn Jesus versammeln.
Kommentar:
Frieden zu bewahren ist grundsätzlich ein löblicher und lieblicher
Ansatz. Und es wäre an vielen Stellen der Brüdergeschichte sicher besser
gewesen, hätte man darauf mehr Wert gelegt. Wie viel Trennungen wegen nicht
fundamentaler Dinge hat es gegeben, die nicht hätten sein müssen
(zumindest aus heutiger Sicht!). Aber hier ging es eben nicht um
Meinungsverschiedenheiten in einigen lehrmäßigen Fragen, sondern um die Frage „wahrer oder falscher Christus“. Es kann und darf
nicht Frieden um jeden
Preis geben. Kann ich die Geschwister der eigenen Versammlung in Unwissenheit
lassen, wenn sie in eine Versammlung gehen wollen, wo ein Irrlehrer geduldet
wird? Sind die Aufseher nicht verpflichtet, die Gemeinde darüber aufzuklären?
Versteht man das unter „Habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde“,
dass man die Schafe ins „Verderben“ rennen lässt? Viele Stellen der Schrift
zeigen uns, dass „Gemeinschaft mit allen Gläubigen“ eben nicht möglich ist. 1.
Korinther 5 zeigt uns z.B., dass jemand, der Bruder genannt wurde, aus der
Gemeinschaft hinausgetan werden sollte. Sich nicht „mit einer der Parteien
einsmachen“ bedeutet — wenn es um die Ehre der Person des Herrn geht, und das war
in diesem Fall so — Neutralität gegen über dem Bösen, und das ist
Gleichgültigkeit gegenüber dem Herrn.
W. Kelly schrieb darüber:
Neutral zu sein, wo es sich um
die Wahrheit handelt, bedeutet teilzunehmen an den bösen Werken der
Widersacher [Christi]. Der 2. Johannesbrief zeigt entschieden, dass es nicht
ausreicht, persönlich gesund im Glauben zu sein. Selbst eine Frau, die
auserwählte Frau, und ihre Kinder werden ernstlich von dem Apostel gewarnt
bezüglich ihrer unmittelbaren Verantwortung, falls sie jemanden aufnehmen
würden, der die Lehre Christi nicht brachte … So deutlich legt der Heilige
Geist den Grundsatz dar, dass die einfältigsten Gläubigen, die solche
unterstützen, die einen falschen Christus bringen, teilnehmen an ihren bösen
Werken [V. 10.11], selbst wenn sie die böse Lehre nicht aufnehmen. Eine
geistliche Gesinnung wird fühlen, dass, wie schrecklich es auch ist, in solch
eine Irrlehre zu verfallen, doch in gewissem Sinn der mehr Schuld trägt, der,
während er die Wahrheit von Christus bekennt, bereit ist, Gemeinschaft mit
jemanden zu pflegen, der sie leugnet. ,Nun ihr aber saget: Wir sehen, so
bleibt eure Sünde.‘ Neutralität in solch einem Fall ist eine abscheuliche
Sünde, und dies entsprechend der Erkenntnis. (W. Kelly, The Doctrine of
Christ and Bethesdaism, Winschoten, 1971; neu aufgelegt in Pamphlets, S.
473-474)
Punkt 9:
Wir waren der Meinung, dass die Erfüllung von
Herrn Alexanders Bitte die Einführung eines bösen Präzedenzfalls sein würde.
Wenn ein Bruder das Recht hat, von uns die Prüfung eines Werkes von fünfzig Seiten zu
verlangen, kann er auch fordern, dass wir Irrtümer untersuchen, die in einem
Werk von viel größerem Umfang enthalten sein sollen, so dass unsere ganze Zeit
mit der Prüfung von Irrtümern anderer Leute vergeudet wird, anstatt dass wir uns
wichtigerem Dienst widmen.
Kommentar:
Es ist immer eine Frage, inwieweit mir die Ehre des Herrn am Herzen liegt.
Wenn ich erfahre, dass jemand ein Buch über 300 Seiten geschrieben hat, in dem
nach Aussage eines Freundes böse
Lehren vertreten werden, dann werde ich mir doch
— wenn ich mit dem Autor in Kontakt stehe und wenn ich als Aufseher oder Ältester für die Herde am Ort
Sorge zu tragen habe — die Mühe machen, dies zu
untersuchen, .
Es ist nicht bekannt, dass die „Grundsätze“, die in dem „Brief der
Zehn“
beschrieben wurden, irgendwann zurückgenommen worden wären. Im Gegenteil!
Leider kann man die gleiche Handlungsweise heute weiterhin vielfach entdecken. Den „Brief der Zehn“ kennen
in der Brüderbewegung nur noch Insider, die die Geschichte der Brüder ein wenig studiert
haben. Darum kann es uns also nicht in erster Linie gehen, wenn wir solch einen
Artikel schreiben. Aber es geht um die Grundsätze, die dort behandelt wurden,
unabhängig davon, was unserer Meinung nach 1848 auf beiden Seiten
falsch gemacht wurde. Es ist von immenser Wichtigkeit, sich selbst klarzuwerden, welche Grundsätze man selbst und auch die Gemeinde, in der man sich
aufhält, vertreten will.
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Anmerkungen
[1] Aufnehmende Gemeinde = Eine
Gemeinde, die jemand zur Ausübung christlicher Gemeinschaft, z.B. Brotbrechen,
aufnimmt: gastweise, weil sich ein Christ besuchsweise an ihrem Ort aufhält, oder generell.
[2]
Empfehlende Gemeinde = Zu neutestamentlichen Zeiten war es üblich, dass ein
Christ durch einen Empfehlungsbrief in einer anderen Gemeinde bekannt gemacht
wurde, wenn er deren Ort besuchte. Es war ein Zeugnis über den christlichen Weg
eines Gläubigen, der in einer Gemeinde an einem anderen Ort in die Gemeinschaft
aufgenommen werden wollte (siehe z.B. Röm 16,1; Apg 18,27). Diese
Vorgehensweise hat die Anfänge der Brüderbewegung gekennzeichnet und ist bei
vielen auch heute noch schriftgemäße Sitte.
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