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Leitverse: 2. Korinther 5,18-20
2Kor 5,19: … Nämlich dass Gott in Christus
war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht
zurechnend, und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt.
Inhalt
Einleitung
Ein Übersetzungsproblem
Wer wird oder ist versöhnt?
Die Welt wurde nicht versöhnt
Viele werden die Frage, ob Gott die
Welt versöhnt hat, mit Ja
beantworten, indem sie auf 2.
Korinther 5,19 verweisen. Doch dann werden unterschiedliche Schlüsse aus dieser
Stelle gezogen.
Etwas pauschal ausgedrückt, kann man sagen:
- Die Allversöhner behaupten: Alle Menschen werden errettet!
- Die Calvinisten ziehen den Schluss: Mit „Welt“ ist hier die
Welt der Gläubigen gemeint!
- Und die Arminianer lehren: Jeder Mensch ist bereits versöhnt, es sei
denn, er entscheidet sich bewusst gegen Gott. Dann wird die Versöhnung quasi rückgängig oder unwirksam gemacht!
Sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen! Welche Schlussfolgerung ist richtig? Oder stimmt
vielleicht keine der drei Schlussfolgerungen? Bleibt denn noch irgendeine
Alternative übrig?
Wir wollen zunächst einmal die Verse, auf die man sich bezieht (2Kor
5,18-20), in
verschiedenen Übersetzungen lesen:
Luther 1984:
2Kor 5,18-20: 18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich
selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung
predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und
rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von
der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott
ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit
Gott!
Schlachter 2000:
2Kor 5,18-20: 18 Das alles aber [kommt] von Gott, der
uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der
Versöhnung gegeben hat; 19 weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit
sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort
der Versöhnung in uns legte. 20 So sind wir nun Botschafter für Christus, und
zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend
für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Revidierte Elberfelder 1993:
2Kor 5,18-20: 18 Alles aber von Gott, der uns mit
sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung
gegeben hat, 19 nämlich dass Gott in Christus war und die Welt mit sich
selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort
von der Versöhnung gelegt hat. 20 So sind wir nun Gesandte an Christi Statt,
indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch
versöhnen mit Gott!
Haben diese an sich guten
Übersetzungen den Text an dieser Stelle wirklich richtig wiedergegeben? Wir
versuchen nun einmal eine möglichst
wörtliche Übertragung aus dem Griechischen:
2Kor 5,18-20: 18 Alles aber (kommt) von
Gott, dem uns mit sich durch Christus versöhnt Habenden [Partizip Aorist] und
Gebenden uns den Dienst der Versöhnung, 19 nämlich dass Gott war in Christus
(die) Welt (mit) sich versöhnend [Partizip Präsens], nicht anrechnend ihnen ihre
Übertretungen und legend in uns das Wort der Versöhnung. 20 Für Christus nun
sind wir Gesandte, indem Gott ermahnt durch uns; wir bitten für Christus: Lasst
euch versöhnen mit Gott:
Dieser Übertragung entsprechen unseres Erachtenss am ehesten die folgenden Übersetzungen:
W. Kelly Translation:
2Kor 5,18-20: 18 And they all are of God
that reconciled us to himself by Christ and gave to us the ministry of the
reconciliation: 19 how that it was God in Christ reconciling the world to
himself, not reckoning to them their offences, and putting in us the word of the
reconciliation. 20 For Christ then we are ambassadors, God as it were beseeching
by us, we entreat for Christ, Be reconciled to God:
Elberfelder 2003, Edition Hückeswagen:
2Kor 5,18-20: 18 Alles aber von dem Gott, der uns mit
sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung
gegeben hat: 19 Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst
versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und er hat in uns das
Wort der Versöhnung niedergelegt. 20 So sind wir nun Gesandte für Christus, als
ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen
mit Gott!
Sehen wir den Hauptunterschied zu den ersten Übersetzungen? In diesen
zuletzt genannten Übersetzungen finden wir nichts davon,
dass Gott die Welt versöhnt hat. Und das ist auch
richtig, denn das findet sich auch im Griechischen nicht.
In der wörtlichen
Übersetzung aus dem Griechischen haben wir gezeigt, welcher bedeutsame Unterschied zwischen der
Versöhnung von Vers 18 und Vers 19 liegt. Sichtbar wird das durch die
unterschiedliche Zeitform in der das Partizip („versöhnt habend“) steht:
In Vers
18 ist es der Aorist. Diese Zeitform deutet im Griechischen im Allgemeinen darauf
hin, dass etwas punktuell geschehen und abgeschlossen ist. In Vers 19 steht das
Partizip („versöhnend“) dagegen im Präsens. Diese Zeitform wird im Griechischen
benutzt, um einen andauernden Vorgang anzugeben. Diese grammatische Form wird in
den ersten drei oben angeführten Übersetzungen (Luther 1984, Schlachter 2000,
rev. Elberfelder) nicht berücksichtigt. Sie übersetzen an dieser Stelle nicht
exakt und sind daher irreführend. Denn die oben angeführten
Schlussfolgerungen gehen davon aus, dass die Versöhnung der Welt bereits abgeschlossen
ist. Das gibt der Text jedoch nicht her, wenn er exakt übersetzt wird. Da wir
auch keine andere Stelle in der Schrift kennen, dass zu einem bestimmten
Zeitpunkt Gott die Versöhnung der Welt abgeschlossen bzw. vollbracht hätte,
verwerfen wir auch die oben angeführten Schlussfolgerungen der Allversöhner,
Calvinisten und Arminianer.
Wer oder was ist versöhnt?
Bei der Versöhnung geht es (siehe hierzu ausführlich unseren Artikel „Versöhnung“)
darum, dass unsere Beziehung zu Gott in Ordnung gebracht wird. Wir
mussten von Feinden Gottes zu Freunden gemacht werden. Diese Aufgabe hat Gott
durch Christus an uns durchgeführt (V. 18). Diese Versöhnung ist bei unserer
Bekehrung abgeschlossen worden. Deswegen steht im Griechischen hier Partizip Aorist.
Im folgenden Vers 19 geht
es um etwas ganz anderes: Gott war in der Person Christi dreiunddreißig Jahre
(versöhnend, d.h. in einer Haltung oder in einem Geist der Versöhnung) auf der Erde, um die Welt zu versöhnen, aber die Welt hat sich nicht
versöhnen lassen, sondern Christus sogar ans Kreuz gebracht. Diese Kreuzigung
hat Gott benutzt, um eine gerechte Grundlage für die
Versöhnung zu legen. Und obwohl die Welt sein Angebot
damals abgelehnt hat, hat Gott auch heute noch diese versöhnende Haltung (nicht nur Israel, sondern) der
ganzen Welt gegenüber — dazu hat Er uns „den Dienst der Versöhnung
gegeben“ (V. 18). Aber auch heute wird nicht die ganze Welt versöhnt, sondern nur Einzelne aus der
Welt.
Die dreiunddreißig Jahre, in denen Gott in dieser versöhnenden Haltung in
Christus auf dieser Erde war, waren der Abschluss der Prüfung, ob der Mensch
widerherstellbar wäre. Natürlich kannte Gott bereits das Ergebnis; dennoch war
Er in dieser versöhnenden Haltung auf dieser Erde, damit ganz deutlich würde,
dass auch die letzte Prüfung, das Kommen Gottes im Fleisch, beweist, dass der
Mensch nicht widerherstellbar ist. Wenn er widerherstellbar gewesen wäre, dann
wäre die Welt wirklich versöhnt worden. So aber ist bewiesen, dass sie nicht
versöhnt werden kann. Sie hat Ihn gehasst und hinausgeworfen.
Doch welch eine Langmut Gottes: Dreiunddreißig Jahre war Er in dieser
versöhnenden Haltung in der Welt, die Ihn hasste, und trotz aller Ablehnung
predigte Er besonders in den letzten drei Jahren die Botschaft: „Kommt her zu
mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben“ (Mt
11,28). Statt das verdiente Gericht zu bringen, hat Er den Menschen die Sünden
nicht zugerechnet. Dies heißt allerdings nicht, dass sie für ihre Sünden
nicht zur Verantwortung gezogen würden; es bezieht sich nur darauf, dass Er
ihnen damals Gnade und nicht Gericht brachte. Doch nach dem Kreuz ging Christus
in den Himmel zurück, und heute versucht Gott nicht mehr, die Welt in dieser
Weise zu versöhnen. Doch Er hat uns den Dienst der Versöhnung gegeben, damit
wir auch heute noch den Sündern in der Welt anbieten können: „Ihr könnt mit
Gott versöhnt werden.“ Und so gibt es auch heute noch immer wieder solche aus
der Welt, die von sich wissen dürfen, dass Gott sie mit sich versöhnt hat.
Bruder F.B. Hole schreibt treffend zu diesen Versen:
Vers 18 beleuchtet eine weitere Tatsache. Wir sind mit
Gott versöhnt durch Jesus Christus, ebenso wie wir eine neue Schöpfung in
Christus sind. Versöhnung nun beinhaltet, dass alles, was in und an uns für
Gott beleidigend ist, weggetan ist, einschließlich der Feindschaft des
Herzens, die uns von Ihm fernhielt. Eine Frucht der Versöhnung besteht darin,
dass Gott mit Freude und Wohlgefallen auf uns herabblicken kann, und wir
können mit Vertrauen zu Ihm aufblicken und seine Liebe erwidern. Als Christus
hier war, war Gott in Ihm, um der ganzen Welt Versöhnung anzubieten. Er kam,
um Menschen zu Gott zu bringen, nicht, um sie vor Gott anzuklagen oder von
ihnen wegen ihrer Sünden Rechenschaft zu fordern. Johannes 8,11 ist dafür ein
eindrucksvolles Beispiel. Aber Gottes Versöhnungsangebot in Christus wurde
zurückgewiesen, und Christus wurde getötet. Es ist eines der großen Wunder des
Evangeliums, dass ungeachtet dieser Verwerfung sein Tod die Grundlage der
Versöhnung wurde, die heute verkündigt wird.
Wir Gläubigen sind jetzt mit Gott versöhnt. Und als solche, die selbst
versöhnt sind, haben wir Anteil am Dienst der Versöhnung. Als der Apostel
schrieb: „So sind wir nun Gesandte für Christus“, dachte er wahrscheinlich an
sich selbst und seine Mitarbeiter und die anderen Apostel, denn sie waren in
einem besonderen Sinn mit dem Evangelium betraut worden. Doch sind seine Worte
auch auf jeden Gläubigen anzuwenden. Die Kirche Gottes ist gleich einer
göttlichen Gesandtschaft in einer feindlichen Welt, und jeder von uns hat
daran zu denken, dass wir ein Teil dieser Gesandtschaft sind und dass unser
Verhalten gegenüber den Menschen mit dem Wort der Versöhnung, das wir in uns
tragen, übereinstimmen muss. Am Schluss von Vers 20 haben wir in aller Kürze,
was das Wort der Versöhnung ist: „… als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten
an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Und wenn wir die Menschen in dieser Weise bitten und sie uns dann fragen, auf
welcher Grundlage eine Versöhnung möglich ist, können wir mit den Worten des
letzten Verses antworten: Die Grundlage liegt in Gottes eigenem Werk, das Er
im Tod Christi ausgeführt hat. (F.B. Hole, Paul’s Epistles, Bd. 1, S. 138)
Wir sehen also: Diese Verse besagen weder, (1) dass alle Menschen versöhnt
sind (wie die Allversöhner und Arminianer glauben),
noch (2) dass es sich in 2. Korinther 5,19 um die „Welt“ der Gläubigen
handelt (wie die Calvinisten glauben). Beachten wir, dass es hierbei nicht um theologische
Spitzfindigkeiten geht. Diese Gedanken haben unmittelbar mit
dem Bild zu tun, das wir von Gott haben: Der Gedanke, alle Menschen seien
versöhnt, würde
die Gerechtigkeit Gottes (bei den Allversöhnern und Arminianern) und der
Gedanke, es handle sich um die „Welt“ der Gläubigen, die Größe der Liebe
Gottes schmälern (bei den Calvinisten).
Lies auch:
Versöhnung
— F.B. Hole
Wer wurde versöhnt? Gott oder der Mensch
— oder
beide? — C. Briem
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