Die Ölbergrede in Matthäus 24 und 25 (3)
Matthäus 25,31-46

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 15.03.2022, aktualisiert: 15.03.2022

3  |  Das Kommen des Herrn für die Völker (Mt 25,31-46)

Wie zu Beginn dieses Vortrages erwähnt, behandelt dieser letzte Teil der Ölbergrede des Herrn sein Kommen (die Erscheinung) in Bezug auf die heidnischen Nationen (Mt 25,31-46).

Mt 25,31-46: Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich, oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann aber sahen wir dich als Fremdling und nahmen dich auf, oder nackt und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan. Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist; denn ich war hungrig, und ihr gabt mir nicht zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir nicht zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf; nackt, und ihr bekleidetet mich nicht; krank und im Gefängnis, und ihr besuchtet mich nicht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr es auch mir nicht getan. Und diese werden hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben.

Das Erste, was hier auffällt, ist, dass der Herr wieder von sich selbst als dem „Sohn des Menschen“ spricht. Das zeigt uns, dass Er nicht von der Kirche spricht, denn Er nimmt diesen Titel nie im Zusammenhang mit der Kirche an. Es sind die übrigen heidnischen Völker der Erde, die hier vor uns stehen. Außerdem ist es wichtig, zu sehen, dass das, was hier geschieht, nach dem Erscheinen des Herrn stattfinden wird. Die richtige Wiedergabe von Vers 31 sollte lauten: „Wenn der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit gekommen ist“ (vgl. Darby-Übersetzung). Das bedeutet, dass dies nach der Wiederkunft des Herrn geschieht. Die Tatsache, dass Er hier „der König“ genannt wird, deutet auch darauf hin, dass der Herr bereits auf die Erde zurückgekehrt ist und dass das Reich bald aufgerichtet wird (Mt 25,34.40).

Das Sitzungsgericht

Das Gericht, das wir jetzt betrachten wollen, ist die letzte Phase des Gerichtes über die „Lebendigen“ (2Tim 4,1; 1Pet 4,5). Der Begriff quick (= „lebendig“) ist ein altes englisches Wort für lebende Personen. Das Gericht der Lebendigen ist ein „Oberbegriff“, der drei Gerichte des Herrn umfasst. Es handelt sich dabei um das Ernte-, das Weinlese- (Kelter-) und das Sitzungsgericht.

  • Das Erntegericht, das wir bereits betrachtet haben, ist ein unterscheidendes (oder absonderndes) Gericht, das stattfinden wird, wenn der Herr zum ersten Mal erscheint und seine Engel aussendet, um die Bösen aus dem Himmelreich – dem westlichen Teil der Erde (der prophetischen Erde) – zu entfernen. So wie ein Bauer zur Zeit der Ernte die Spreu vom Weizen trennt, so wird der Herr seine Engel aussenden, um auf diese Weise das Gericht zu vollstrecken (Mt 13,38-43.49.50; 24,37-41).

  • Dann gibt es noch das Gericht der Weinlese (oder Weinpresse), das in dieser Rede nicht erwähnt wird. Es hat mit dem Gericht des Herrn über die verbündeten Heere Gogs zu tun (Hes 38–39; Jes 33–34; 63,1-6; Off 14,17-20). Bei diesem Gericht gibt es keine Unterscheidung, denn alle werden gemeinsam gerichtet, so wie Trauben in einer Kelter unterschiedslos zertreten werden.

  • Und wenn alle feindlichen Feinde auf der Erde nicht mehr existieren, wird der Herr schließlich „auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen“ und dieses ruhige und ernste Sitzungsgericht vollstrecken.

Es heißt: „Alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet“ (Mt 25,32). Wenn der Herr von „allen Nationen“ spricht, meint Er damit alle Völker, die auf der Erde übriggeblieben sind, nachdem die vorangegangenen Gerichte vollzogen worden sind. Vielleicht könnten wir sie als Nationen der Dritten Welt bezeichnen. Er kann sich nicht auf die christianisierten Nationen im westlichen Teil der Erde beziehen, denn sie sind bereits gerichtet worden. Die Nationen, die hier versammelt sind, sind weit weniger verantwortlich als die beiden vorherigen Gruppen, weil sie nicht das Licht hatten, das die anderen hatten. Dennoch sind sie verantwortlich und werden zum Gericht vor dem „Thron der Herrlichkeit“ des Herrn versammelt werden.

Dies wurde oft mit dem Gericht des großen weißen Thrones in Offenbarung 20 verwechselt. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es sich nicht um dasselbe Gericht handelt. In Matthäus 25 handelt es sich um ein Gericht über lebende Menschen (Nationen); der große weiße Thron ist ein Gericht über tote Menschen. Das Gericht in Matthäus 25 findet vor dem Tausendjährigen Reich statt; der große weiße Thron findet nach dem Tausendjährigen Reich statt. Außerdem gibt es bei diesem Gericht zwei Klassen von Menschen, die gerichtet werden: die Gerechten („Schafe“) und die Bösen („Böcke“), während es beim Gericht am großen weißen Thron nur eine Klasse gibt: die Bösen. Es werden keine Gerechten auferweckt, weil alle Gerechten etwa tausend Jahre vorher auferweckt worden sind.

In diesem Gericht werden diejenigen, die den jüdischen Boten („meinen Brüdern“) wohlgesonnen waren und während der siebenjährigen Trübsalszeit das Evangelium des Reiches in ihrem Land gepredigt haben, in das Reich Christi auf Erden eingehen dürfen (Mt 25,34). Es ist bemerkenswert, dass die irdischen Segnungen für Israel und für die heidnischen Nationen, die die tausendjährige Welt bevölkern werden, „von Grundlegung der Welt an“ gelten (Mt 13,35; 25,34; Apg 3,21). Die Segnungen der Kirche jedoch, deren Bestimmung himmlisch ist, sind von „vor Grundlegung der Welt“ (Eph 1,4).

Diejenigen, die sich gegenüber den jüdischen Boten feindselig verhielten, werden als „Böcke“ ausgesondert und in den Feuersee geworfen (Mt 25,41.46). Das bedeutet, dass deren Nationen vollständig vom Erdboden verschwinden werden. Ich dachte immer, dass eine der Nationen, die zu diesem Zeitpunkt ausgesondert werden, Edom ist, weil die Schrift uns sagt, dass sie vom Angesicht der Erde vernichtet werden (Obad 17-21). Aber Edom ist ein Volk auf der prophetischen Erde, das schon vorher gerichtet worden ist. Sie werden verschwunden sein, bevor dieses Gericht stattfindet.

Drei Phasen des Gerichtes über Edom

Das Gericht über Edom wird sich in drei Phasen vollziehen. Zunächst werden sie von ihrer eigenen Konföderation unter dem König des Nordens betrogen, und ihr Land wird geplündert und ausgeraubt; viele werden zu dieser Zeit fallen (Obad 1-14). Wenig später, nach dem Erscheinen des Herrn, wird Er in das Land Edom ausziehen, um die Kelter des Gerichtes (die Weinlese) zu zertreten, und Er wird die verbündeten Heere Gogs, die sich dort versammelt haben, vernichten (Obad 15.16; Jes 34,1-10; 63,1-6); viele weitere Edomiter werden zu dieser Zeit fallen. Ihr dritter und letzter Schlag wird von den Heeren des wiederhergestellten Israels kommen, die in dieses Land und in die anderen umliegenden Länder ausziehen werden, um die Überlebenden zu vernichten (Obad 17-21; 4Mo 24,1-19; Ps 18,34-48; 108,7-13; Jes 11,14; Mich 4,13; Hes 39,10; Sach 10,3-5; 12,6; 14,14).

Das Kriterium, nach dem die Nationen hier beurteilt werden, ist nicht, ob sie das Evangelium der Gnade Gottes (Apg 20,24) oder gar den Messias Israels im Glauben angenommen haben. Sie werden lediglich danach beurteilt, ob sie den jüdischen Gesandten, die zu allen Völkern hinausgingen, um das Evangelium vom Reich Gottes zu verkünden (Mt 24,14), wohlgesonnen waren. Das einfache Kriterium, ob sie den Boten gegenüber feindselig oder aufgeschlossen waren, ist alles, was zu diesem Zeitpunkt berücksichtigt wird. Einige werden „sich mit Schmeichelei unterwerfen“ und in das Reich Christi eintreten dürfen (5Mo 33,29; Ps 18,45; 66,3; 81,16). Was für einen barmherzigen Gott haben wir doch (Hab 3,2)! König Davids Barmherzigkeit gegenüber Simei ist ein Beispiel dafür (2Sam 19,16-23).

Nach der Errichtung des Reiches Christi wird es während des Tausendjährigen Reiches „jeden Morgen“ ein ständiges Gericht über die Menschen geben (Ps 101,8; Zeph 3,5; Sach 5,1-4). Diejenigen, die Gehorsam vorgetäuscht haben, werden während des Tausendjährigen Reiches geprüft werden und sich als böse erweisen und gerichtet werden. Der Psalmist beklagt dieses traurige Ergebnis, indem er sagt: „Die Hasser des HERRN hätten sich ihm mit Schmeichelei unterworfen, und ihre Zeit wäre ewig gewesen; und mit dem Fett des Weizens hätte er es gespeist, und mit Honig aus dem Felsen hätte ich dich gesättigt“ (Ps 81,16.16). „Ewig“ ist im Alten Testament ein Begriff, der so viel bedeutet wie „solange die Zeit besteht“; es ist nicht die Ewigkeit. Salomos Urteil über Simei ist ein Beispiel dafür. Nachdem David ihm erlaubt hatte, im Königreich zu leben, wurde er später unter Salomos Herrschaft geprüft und als böse erwiesen, woraufhin er verurteilt wurde (1Kön 2,36-46).

Eine Schwierigkeit, die einige damit haben, ist, dass diejenigen, die in das Reich Gottes eintreten dürfen, als „Gerechte“ bezeichnet werden und „in das ewige Leben“ eingehen (Mt 25,46). Das klingt so, als hätten sie alle Glauben. Ewiges Leben in dem Sinn, wie es hier verwendet wird, bedeutet jedoch, dass man auf der Erde lebt, solange die Zeit andauert. Das Alte Testament und die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) sehen das ewige Leben auf diese Weise (Ps 133,3; Dan 12,2; Mt 19,16; usw.). Das christliche Verständnis des ewigen Lebens, das sich im Johannesevangelium und in den Briefen findet, ist völlig anders (Joh 17,3; Röm 6,23 usw.).

Obwohl es sich hier um das Gericht über die heidnischen Völker handelt, sind die Folgen individuell (Mt 25,41.46). Jeder Mensch, der in eine verlorene Ewigkeit geht, wird die Folgen seiner eigenen Sünden erleiden.

Drei Schicksale für die Menschheit

Es gibt drei verschiedene Orte oder Schicksale für die Menschen, von denen gesagt wird, dass sie vom Herrn vorbereitet wurden. Erstens ist der Herr gegangen, um den himmlischen Gläubigen einen Platz im Haus des Vaters „zu bereiten“ (Joh 14,3); dann werden die irdischen Gläubigen das Reich auf der Erde erben, das für sie „bereitet“ worden ist (Mt 25,34). Schließlich gibt es noch den Feuersee, der für den Teufel und seine Engel „bereitet“ ist (Mt 25,41). Aus diesem letzten Hinweis geht hervor, dass es nicht Gottes Absicht ist, dass irgendein Mann, eine Frau oder ein Kind im Feuersee landet. Er wurde für „den Teufel und seine Engel“ vorbereitet, aber leider werden viele Menschen dort ihr Ende finden, weil sie jede Form der Gnade ihnen gegenüber abgelehnt haben.

Zusammenfassung

In der Ölbergrede in Matthäus 24 und 25 hat uns der Herr einen umfassenden Überblick über sein Kommen im Zusammenhang mit den drei verantwortlichen Sphären auf der Erde gegeben: Israel, das Christentum und die heidnischen Nationen. Danach wird das Tausendjährige Reich eingeläutet und der Herr Jesus Christus wird in Gerechtigkeit „über die ganze Erde“ herrschen (Sach 14,9; Ps 72,8).

Vorheriger Teil


Übersetzt aus The Olivet Discourse (Matthew 24–25): The Lord’s Coming in Relation to Israel, Christendom, and the Gentile Nations,  
E-Book-Version 1.1, August 2019;
nach einem Vortrag in Regina, Saskatchewan (Kanada), August 2006

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