Die Leiden Christi – durch Vorempfindung des Todes

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 28.09.2001, aktualisiert: 26.01.2018

Ich möchte an eine ganz spezielle Last erinnern, die dem Herrn in den Tagen seines Dienstes sicherlich schwer auflag. Das musste und sollte wohl so sein, und auch darin offenbarte Er seine ganze Vollkommenheit, nämlich die gesegnete Unterwerfung unter den göttlichen Willen. Ich meine das starke Vorauserleben seiner unsagbar notvollen Leiden auf dem Kreuz. Sie standen immer wieder vor seiner Seele. Wie oft sind wir durch unsere kleinen, vorauszusehenden Nöte völlig in Anspruch genommen! Über seinem Lebensweg lag der Schatten des Todes. Und wie wir sehen, konnte Er mit den Herrlichen, die auf Erden waren (Ps 16,3), so lange keine Gemeinschaft pflegen und sie in die verheißenen wirklichen und beständigen Segnungen einführen, bis Er durch den Tod gegangen war und ihn als den Lohn der Sünde geschmeckt hatte, denn sie waren Sünder. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fiel und starb, blieb es allein. Niemand konnte Ihm hier folgen, seine Jünger ebenso wenig wie die Juden; das hatte Er vorausgesagt.

Für Ihn war der Tod wirklich der Tod,

  • die äußerste Schwachheit des Menschen,
  • die höchste Macht Satans und
  • Gottes gerechte Vergeltung.

Wie stand Er da allein, ohne Mitgefühl, verlassen von denen, für die Er so liebevoll gesorgt hatte. Die anderen waren seine Feinde. Er, der Messias, wurde den Nationen überliefert und erniedrigt. Der Richter wusch sich die Hände, um seine Unschuld am Verurteilen des Schuldlosen zu demonstrieren. Die Priester traten gegen den Unschuldigen auf statt gegen die Schuldigen. Alles war dunkel, nicht einmal ein Lichtstrahl von Gottes Seite erhellte die Nacht.

Vollkommener Gehorsam war hier nötig, und den hat Er bewiesen. Gott sei gepriesen dafür! Bei den überaus zarten göttlichen und zugleich menschlichen Empfindungen Christi können wir verstehen, was der Ausblick auf solche Leiden für eine Seele bedeutete, die sie mit den Gefühlen eines Menschen vorempfand, eines Menschen, der in der Klarheit des göttlichen Lichtes, das in Ihm war, um ihren wahren und tiefsten Sinn wusste.

Für diese Leiden, die der Herr in seinem Herzen trug, sind zwei bemerkenswerte Fälle beispielhaft, obschon der letztere einzigartig und unvergleichlich dasteht: Johannes 12 und Gethsemane. Doch schließen diese beiden, die genauer berichtet werden, nicht aus, dass es auch noch andere Fälle gegeben haben mag, und auch sie lassen uns nicht restlos erkennen, was der Herr empfand, als Er in vollkommener Ruhe über seine bevorstehenden Leiden zu seinen Jüngern sprach.

  1. In Johannes 12,27 lesen wir: „Jetzt ist meine Seele bestürzt, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde.“ Das Herzutreten der Griechen hatte Ihm den Blick in jene Szene eröffnet, wo Er als Christus verworfen war und in die weitergehende Herrlichkeit des Sohnes des Menschen eintrat. Aber dazu musste das Weizenkorn in die Erde fallen und sterben. Damit sieht Er vor sich den wahren und notwendigen Weg, der zu seiner Herrlichkeit führt – den Tod, mit allem, was Er für seine Seele bedeutete, und Er schaut nach Rettung aus. Er konnte es nicht wünschen und musste es doch fürchten, dass Gott Ihn verließ und es Ihm zufiel, den Todeskelch zu trinken. Um seiner Furcht (Ehrfurcht, Frömmigkeit) willen wurde Er erhört (Heb 5,7). Das war die Wirklichkeit und seine wahre Frömmigkeit in dem Augenblick, als das Kreuz vor seiner Seele stand. Wir finden den Herrn in der vertrauten Gemeinschaft mit seinem Vater. Mit Ihm spricht Er über den Kelch, den Er trinken soll, und dabei leuchtet sein Gehorsam in einzigartiger Vollkommenheit hervor. Das Verlassensein von Gott ist noch nicht da, obwohl es in den Unterredungen mit dem Vater um den Kelch geht, der durch das Verlassensein von Gott gekennzeichnet wird. „Vater, rette mich aus dieser Stunde! Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“ (Joh 12,27.28). Hier bekommt Er die Antwort auf den Gehorsam bis zum Tode im Gericht – die Antwort in einem wirklichen und vollständigen Sieg und in der weltweiten Entfaltung der Offenbarung der Liebe, obwohl damit zugleich auch das Gericht über die Welt besiegelt wird.

  2. In Gethsemane ist alles noch viel näher gerückt. Von Golgatha trennen den Herrn nur noch Stunden. Der Fürst dieser Welt kam, und seine Seele war sehr betrübt, bis zum Tod. Man war gleichsam dabei, Ihm den Kelch zu reichen; noch hatte Er ihn nicht genommen (denn Er wollte ihn von niemand anderem als nur aus des Vaters Hand nehmen, wenn es sein Wille war, dass Er ihn trinken sollte; anders konnte der Vorsatz und das Wort Gottes nicht erfüllt werden). Darum erreicht hier seine Versuchung oder Erprobung ihr höchstes Maß. Der Versucher hatte den Herrn zu Beginn seines öffentlichen Dienstes aufhalten wollen mit dem, was für das Fleisch angenehm war sowohl in der Wüste als auch auf der Zinne des Tempels. Doch sein Plan war durchkreuzt und er selbst gebunden worden, und im Verlauf seines Wirkens beraubte der Herr ihn seines Hausrats (Mt 12,29). Jetzt kehrt er zurück, um Ihn zu versuchen mit allem, was für die Seele eines Menschen schrecklich ist, und ganz besonders für den Herrn, wenn Er in seinem Gehorsam ausharrt bis ans Ende. Kraft war sichtbar geworden, die sich fähig erwies, den lebenden Menschen von aller Herrschaft des Feindes zu befreien. Doch war dabei eine andere entsetzliche und furchtbare Wahrheit ans Licht gekommen: Der Mensch wollte seinen Retter nicht! Wenn der Herr darauf beharrte, sich selbst weiterhin der Sache der unglücklichen Menschheit anzunehmen, dann musste Er nicht ein machtvoller lebender Retter, sondern ein sterbender Erlöser werden. Das war der Weg des Gehorsams und der Liebe. „Der Fürst dieser Welt kommt und hat nichts in mir; aber auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat“ (Joh 14,30.31).

    In Gethsemane stand alles unmittelbar vor Ihm. Da ist die Macht der Finsternis, und der Herr steht in ringendem Kampf, von dem nur wenige, aber schwerwiegende Worte Zeugnis geben. Sein Schweiß fällt wie große Blutstropfen zur Erde. Doch sein Gehorsam ist vollkommen. Nachdem der Versucher gänzlich geschlagen ist, bedarf es nur der Nennung seines Namens, und die Häscher weichen zurück und fallen zu Boden (Joh 18,5.6). Er ist frei, soweit es sie und die Macht Satans betrifft. Doch der Vater hat Ihm den Kelch zu trinken gegeben. Er bietet sich freiwillig an, ihn zu trinken und zeigt dabei wie immer dieselbe unverminderte Kraft, damit Er von denen, die Ihm gegeben waren, keinen verliere (Joh 18,9). Welch eine wunderbare Szene des Gehorsams und der Liebe! Welcher Art das Leiden aber auch sein mochte (und wer kann es aussprechen?), so war es doch das freie Handeln eines Menschen in Gnade, eines Menschen aber, dessen Gehorsam Gott gegenüber vollkommen war. Den Kelch, den sein Vater Ihm zu trinken gegeben hat, soll Er den nicht trinken? Wie gänzlich verschwinden hier, obschon sie da sind, jene unglückseligen Werkzeuge dieser Macht des Bösen vor dem Opfer Christi in Gehorsam und Liebe! Er war der Macht des Todes und der Macht des Feindes begegnet, und zwar zusammen mit seinem Vater. Und jetzt wird Er in gesegnetem, willigem Gehorsam den schrecklichen Kelch aus seines Vaters Hand annehmen.

Niemals können wir zu viel über den Weg Christi hier auf Erden nachsinnen. Wir sollten hier verweilen und verstehen lernen, was kein anderer Ort oder Schauplatz zu enthüllen vermag – eine Vollkommenheit, die wir von Ihm, und nur von Ihm allein, lernen können.

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Aus „The sufferings of Christ“, Collected Writings, Bd. 7

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