Die Leiden Christi – aufgrund seiner Verwerfung

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 05.12.2006, aktualisiert: 13.10.2019

Anmerkung der Redaktion
Dies ist ein Teil aus einer langen Abhandlung von Bruder Darby über die Leiden Christi, den wir in viele Teile aufgeteilt haben. Deshalb beginnt dieser Artikel auch ohne Einleitung.

Der Herr hat die Auswirkung seiner Verwerfung in Bezug auf das Volk tief gefühlt.

Das Gesetz war gebrochen worden, aber das Volk hatte den Götzendienst aufgegeben und der HERR war mit Befreiung und Segnung in seinem Herzen und seiner Hand in die Mitte seines Volkes gekommen – sicherlich gekommen, um sich als Sühnung für sie zu geben. Zuerst zeigte Er sich ihnen aber

  • als der wahre Erbe und
  • als das Gefäß der Verheißung,
  • als Diener und
  • Krönung jeder Segnung,
  • als Diener der Beschneidung für die Wahrheit Gottes.

Er war jedoch der Ausgestoßene des Volkes und wirkte in Anbetracht dessen vergebens, ebenso wenig konnte der Überrest damals die in und mit dem Messias verheißenen Segnungen und Herrlichkeiten bekommen (obwohl der Überrest weit bessere Dinge bekam, in dem Maße wie auch Christi Herrlichkeit dadurch vielfach vergrößert wurde) – sie mussten ihr Kreuz aufnehmen und Ihm folgen.

Der HERR hatte, indem Er die große, endgültige Befreiung im Blick hatte, jenen Elias im Geiste [Anm. d. Red.: gemeint ist Johannes der Täufer] gesandt, der vor Ihm und dem großen und bedeutenden Tag des Herrn kommen sollte. Sie taten Ihm, was irgend sie wollten, und der Sohn des Menschen sollte leiden. Das Neue und das Alte Testament bringt bezüglich Israel die Gegenwart Christi und die letzten Tage zusammen: „Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird“ (Mt 10), und: „Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ,Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn‘“ (Ps 118,26), indem Er Psalm 118 bezüglich des verworfenen Steins zitiert. Gleichzeitig war das Volk jetzt untreu, indem es rief: „Wir haben keinen König, als nur den Kaiser“ (Joh 19,15), und verwarf damit seinen Messias auch formal. Und mit ihrem Messias verwarfen die Juden den HERRN, der in Gnade gekommen war, um den Müden durch ein passendes Wort aufzurichten.

War der Herr dem allem gegenüber gleichgültig? War Er, weil Er im Begriff stand, ein größeres Werk zur Sühnung zu vollbringen, gleichgültig

  • gegenüber der Beiseitesetzung des von Gott geliebten Volkes,
  • gegenüber der gegenwärtigen Aufhebung all der sie betreffenden Verheißungen zum Gericht und zu langer Verwerfung (Zorn, der in schlimmster Form über sie kommen würde),
  • gegenüber der vollständigen Beiseitesetzung der Verheißungen, die mit der Annahme des fleischgewordenen Messias in Verbindung standen,
  • gegenüber seinem eigenen vergeblichen Wirken [Anm. d. Red.: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt“; Jes 49,4],
  • dem, als Messias abgeschnitten zu sein und nichts zu haben [Anm. d. Red.: siehe Daniel 9,26],
  • gegenüber der Tatsache, dass das Volk untreu und sich mit den Nationen gegen den Herrn und seinen Gesalbten verbündete, so dass Zorn und Gericht über sie kam?

Ich frage: War Er dem gegenüber gleichgültig? Oder empfand Er es?

Mitgefühl mit seinen Jüngern können wir verstehen. Aber war dies alles keine Quelle des Leidens für den Herrn? Er konnte nicht mit Abtrünnigkeit Mitgefühl haben. Er war in jedem Fall treu bis zum äußersten Ende und darin vollkommen vor Gott; aber bedeutete es Ihm nichts, hatte Er keinen Schmerz darüber, dass Gottes Volk auf diese Weise abgeschnitten war und sich selbst von Ihm durch diese Abtrünnigkeit abgeschnitten hatte, so dass die damalige Hoffnung Israels mit Ihm zu Ende kam, wie Jesaja 50 deutlich sagt [Anmerk. d. Red.: gemeint ist wohl Jes 50,1.2]? Er konnte sein eigenes Abschneiden nicht von ihrem Abschneiden trennen, weil es eine Folge davon war. Das wird in Daniel 9,26 sowie in Jesaja klar bezeugt.

Lasst uns sehen, wie sein Geist in seinen Knechten wirkt. Die Klagelieder Jeremias sind ein tiefer und wunderbarer Ausdruck davon; nicht nur dass das, was für Gottes Auge so schön war, dass Nasiräer weißer als Milch beiseitegesetzt wurden (Klgl 4,7), sondern Gott hat seinen Altar verworfen, sein Heiligtum entweiht (Klgl 2,7). So wollte Jesaja, dass der HERR die Himmel zerreißen und herniederfahren würde (s. Jes 63,64 [Jes 64,1]). Genauso Daniel in der schönen Fürbitte in Kapitel 9. Hat das Christentum dieses Gefühl entfernt und zerstört? Es gab einen, der große Traurigkeit und unaufhörlichen Schmerz hatte für seine Verwandten nach dem Fleisch, den Israeliten, „deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Dienst und die Verheißungen … aus denen, dem Fleisch nach, der Christus ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit“ (Röm 9,4). Auf diese Weise kannte Paulus Christus nicht mehr; er kannte Ihn bezüglich der herrlichen und himmlischen Ergebnisse der Sühnung, aber sein Herz weinte über Israel als Gottes Volk, dem die Verheißungen und Christus im Fleisch angehörte. Er konnte sich wünschen, für sie durch einen Fluch von Christus entfernt zu sein, genau wie Mose wünschte, aus dem Buch des HERRN ausgelöscht zu werden um ihretwillen —Israel nach dem Fleisch, aber auch Gottes Volk nach dem Fleisch, zu welchem Christus nach dem Fleisch gehörte. Israel war verantwortlich dafür, Ihn zu anzunehmen. Er kam zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Hat Christi Geist diese Gefühle in seinen Zeugen vor und nach seinem Kommen und seiner Verwerfung hervorgerufen, und Er sollte Selber gleichgültig bleiben, sorglos in Bezug auf sein Volk, das Er zuvorerkannt hatte? Es war nicht so. Zorn und Grimm würde über sie kommen, und Er fühlte es. Es wurde beinahe in der Zeit von Paulus ausgeführt, und er fühlte es durch den Geist Christi, obwohl sein Herz Christus in der Herrlichkeit kennengelernt hatte und Ihn jetzt nur so kennen würde.

Das ist die Sprache der Schrift: „Und seine Seele wurde ungeduldig“, lesen wir in Richter 10 „über die Mühsal Israels“. „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt“, lese ich in Jesaja 63. Dieser selbe HERR kam als Mensch. Hat seine Menschheit seine Sorge für Israel und die verlorenen Schafe aufgehoben? Derselbe HERR konnte über die geliebte und auserwählte Stadt wehklagen und sagen: „Wenn auch du erkannt hättest, und selbst an diesem deinem Tag, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinem Auge verborgen.“ Er war nicht bloß der HERR, sondern Er nahm den Platz des Messias in Israel ein (natürlich nicht in ihrer Abtrünnigkeit, sondern mit dem göttlichen Überrest, der, bezogen auf die irdischen Segnungen genau wie der Messias selbst nichts empfangen konnte). Der Hirte wurde geschlagen und die Herde zerstreut. Er war das Haupt und Überbringer der Verheißungen. Dass Er abgeschnitten wurde, war die Beiseitesetzung aller Hoffnungen und Verheißungen für Israel, wie dann dargelegt wird. Als Messias würde Er abgeschnitten werden [Anmerk. der Red.: im Sinne von Jesaja 53,8 und Daniel 9,26], und als Folge davon sollten Gericht, Zorn und Grimm über Israel kommen.

Grimm ist – kann ich sagen – der technische Ausdruck für die Zeit der Drangsal in den letzten Tagen. Und Paulus sagt, dass Zorn über sie kommen sollte. Ich glaube, dass Christus hierin eingetreten ist und dies alles in Verbindung mit seinem eigenen Abgeschnittensein fühlte. Ohne Zweifel ging Er unendlich viel weiter. Er brachte Sühnung für sie, aber Er fühlte die Verwerfung des Volkes, trug es auf seinem Herzen und sagte ihnen, sie sollten nicht über Ihn, sondern über sich selbst wehklagen, weil Gericht über sie kommen würde. Er war das grüne Holz, und dies alles überkam Ihn. Was würde dem dürren, toten und leblosen Israel geschehen?

Allerdings ist Sühnung nicht der ganze Teil bezüglich des Leidens des Todes Christi. Und in der Tat, in den Psalmen, die nicht direkt ein belehrender Teil der Schrift sind und die sich mit dem Messias und Israel beschäftigen, wird dies kaum in diesem Licht gesehen, obwohl die Tatsachen, in der das erfüllt wurde, alle prophezeit werden. Alle gegenwärtigen Hoffnungen Israels (wie auch die des Menschen im Allgemeinen) und die Erfüllung aller Verheißungen sind mit dem Messias verbunden. Er wäre, wenn Israel Ihn aufgenommen hätte, die Krone all ihrer Segnungen. Aber all dies muss aufgegeben werden; Er muss sogar in die Hände der Nationen überliefert und zu Tode gebracht werden. Hat der Herr dies nicht auch in Bezug auf sein Volk empfunden? Das ist es, was Er in seiner Wehklage über Jerusalem ausdrückt — dort gewiss mit Mitgefühl. Er war der HERR, der sie gesammelt hätte, aber wenn Er das auch war, so nahm Er doch auch immer alles gehorsam aus der Hand des HERRN. Das steht ausdrücklich in Jesaja 50, wo dieses Thema behandelt wird. Der Herr Gott hat Ihm eine Zunge der Belehrten gegeben. selbst das, was Er von Seiten der Menschen litt, nahm Er aus der Hand Gottes, als Er dem Leiden übergeben wurde, aber auch hier ohne einen Bruch in seinem vollkommenen Vertrauen auf Gott oder irgendeinen Gedanken, dass seine Zukunft unsicher sein würde, wie schon gotteslästerlich behauptet wurde. "Nahe ist, der mich rechtfertigt" sind seine Worte, als Er litt. Ebenso in Psalm 22, wo Er die Hand des HERRN in seinen Leiden anerkennt: „In den Staub des Todes legst du mich.“ Auch in Psalm 102: „Du hast mich emporgehoben“ – das heißt, als Mensch auf den Platz des Messias und der Herrlichkeit“ – „und hast mich hingeworfen.“ – „Er hat meine Kraft gebeugt auf dem Weg, hat verkürzt meine Tage. Ich sprach: Mein Gott, nimm mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage.“

Aber diese Abschnitte zeigen eine andere Wahrheit tiefster Bedeutung. Christus fühlte das nicht nur in Bezug auf die Zerstörung des geliebten Israels; Er fühlte es in Bezug auf sich selbst und nahm es aus der Hand des Herrn an. Die Beiseitesetzung jeder gegenwärtigen Freude und Hoffnung, der gegenwärtigen Erfüllung aller Verheißungen, die in der Hingabe Isaaks durch Abraham vorgebildet wird – alles endet nicht in bildlichem, sondern in tatsächlichem Tod: Dies alles durchlebte die Seele Christi. Sein Gehorsam wurde darin versucht, seine Hingabe seinem Vater gegenüber, seine Unterwerfung, indem Er alles aufgab, schließlich vollständig bis zum Tod. War es nichts, dass, obwohl jede Verheißung und Segnung sein natürliches Teil gewesen wären, Er anstelle dessen den Tod und den Verlust von allem fand? Sicherlich wird Er alles auf eine gesegnetere und herrliche Art besitzen, fest gegründet auf diesen Tod und diese Auferstehung, die zuversichtlichen Gnaden Davids. Aber dennoch hat Er alles aufgeben müssen. Es war seine Frömmigkeit, die Hand Gottes in all dem anzusehen, und Er tat es auch.

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Aus „The sufferings of Christ“, Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 7

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