Der Brief an die Hebräer (5)
Kapitel 5

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 16.11.2020, aktualisiert: 20.11.2020

Das Priestertum Christi – erhaben über das Priestertum Aarons

Nachdem der Schreiber des Hebräerbriefes das Priestertum Christi in Hebräer 2,17.18 und in Hebräer 4,14-16 eingeführt hat, bringt er es nun zur vollen Entfaltung. In den nächsten Kapiteln vergleicht er das hoch angesehene Priestertum Aarons mit dem Priestertum Christi. Er zeigt auf vielfältige Art und Weise, dass das Priestertum Christi weit überlegen ist.

Ein kurzer Überblick über die Kapitel 5 bis 10

  • Die Größe der Person, die das Amt ausfüllt – Christus, der ewige Sohn Gottes (Heb 5,1-10).
  • Das Priestertum Christi entspricht der Ordnung des Priestertums Melchisedeks, das erhaben über Aarons Priestertum war (Heb 7,1-28).
  • Christus dient im wahren Heiligtum im Himmel im Zusammenhang mit dem neuen Bund mit besseren Verheißungen auf der Grundlage der vollbrachten Erlösung (Heb 8,1-13).
  • Das „eine Opfer“, das Christus als Sündopfer für die Sünde dargebracht hat (Heb 10,12), ist unendlich größer als die ständigen Sündopfer, die die Hohenpriester in Israel jährlich am Versöhnungstag darbrachten (Heb 9,1-10.18). Das Opfer Christi „schaffte [zur Abschaffung]“ die Sünde (gerichtlich) vor Gott „ab“ (Heb 9,26) und erwirkte die „ewige Erlösung“ für die Gläubigen (Heb 9,12). Es bewirkte für die Gläubigen auch das gegenwärtige Vorrecht des Zutritts in die unmittelbare Gegenwart Gottes (Heb 10,19). Die Opfer, die das Priestertum Aarons darbrachten, bewirkten nichts von alledem.

Voraussetzungen für das Priestertum

Im fünften Kapitel greift der Schreiber die Eignung Christi auf, unser Hohepriester zu sein. Er zeigt, dass die verschiedenen Voraussetzungen, die notwendig sind, um Priester zu sein, in Christus vollständig erfüllt sind. Tatsächlich übertrifft Er aufgrund der Größe seiner Person bei weitem jede Anforderung! Der Schreiber berührt drei Hauptpunkte im Zusammenhang mit der Befähigung Christi für dieses Amt.[1]

Verse 1.2

Heb 5,1.2: 1 Denn jeder aus Menschen genommene Hohepriester wird für Menschen bestellt in den Sachen mit Gott, damit er sowohl Gaben als auch Schlachtopfer für Sünden darbringe; 2 der Nachsicht zu haben vermag mit den Unwissenden und Irrenden, da auch er selbst mit Schwachheit behaftet ist; …

Die erste Voraussetzung ist, dass ein Priester „aus Menschen genommen“ werden musste. Das heißt, er musste ein Mensch sein, der in dieser Welt gelebt und gewandelt hat und daher aus Erfahrung weiß, wie es ist, durch Leiden, Prüfungen und Drangsale zu gehen, die allen Menschen gemeinsam sind. Das ist notwendig, weil die Arbeit, zu der ein Hoherpriester berufen ist – nämlich den Menschen in ihren Lebensumständen Mitgefühl entgegenzubringen und ihnen zu helfen –, voraussetzt, dass er in der Lage ist, mit ihnen dadurch in Verbindung zu treten, dass er durch ähnliche Umstände gegangen ist. Deshalb sagt der Schreiber: „Er vermag Nachsicht zu haben mit den Unwissenden und Irrenden, da auch er selbst mit Schwachheit behaftet ist.“  

Verse 3.4

Heb 5,3.4: … 3 und deswegen muss er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden. 4 Und niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.

Die zweite Voraussetzung ist, dass Er für diese Arbeit berufen oder „bestellt“ werden musste (Heb 5,1). Das Amt des Priestertums ist also nicht etwas, was eine Person als Beruf im Leben selbst wählt. Er muss von niemand anderem als von Gott selbst für diesen Dienst berufen werden. Der Schreiber stellt fest: „Und niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.“ Daher muss eine Person zu einem solchen Werk „von Gott berufen“ sein. Die Geschichte Israels berichtet, dass diejenigen, die dieses Amt begehrten, doch nicht von Gott berufen waren, wegen ihrer Vermessenheit schonungslos verurteilt wurden (4Mo 16).

Die dritte Voraussetzung ist, dass der Priester „sowohl Gaben als auch Schlachtopfer für Sünden“ bringen musste, um Gott zu opfern (Heb 5,1; 8,3; 9,9). Das ist ein Hinweis auf die verschiedenen Arten von Opfern, die in 3. Mose 1–6 erwähnt werden. Diese Opfer werden in zwei Kategorien unterteilt:

  • „Gaben“ sind Brandopfer, Speisopfer und Friedensopfer (3Mo 1–3). Dabei handelt es sich um freiwillige Opfergaben, die den Gottesdienst kennzeichnen. Das hebräische Wort ist „Korban“, was „eine Gabe darbringen“ bedeutet.[2]
  • „Schlachtopfer für Sünden“ sind Sündopfer und Schuldopfer (3Mo 4,1–6,7). Es handelt sich dabei um verpflichtende Opfergaben, die kennzeichnend dafür sind, was für die Wiederherstellung der Gemeinschaft einer Seele mit Gott notwendig ist.

Der Schreiber beeilt sich, auf einen deutlichen Kontrast hinzuweisen: Die aaronitischen Priester mussten für sich selbst ein Opfer „für die Sünden“ darbringen (Heb 5,3; 3Mo 16,11). Das ist natürlich etwas, was Christus nicht nötig hatte, denn Er ist sündlos.

Mit der Darlegung dieser drei Voraussetzungen für das Priestertum zeigt der Schreiber: Christus hat diese Kriterien voll und ganz erfüllt und ist somit mehr als qualifiziert, unser großer Hoherpriester zu sein. Daher sagt der Schreiber:

Vers 5

Heb 5,5: So hat auch der Christus sich nicht selbst verherrlicht, um Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“

Erstens: Was das Menschsein betrifft, so hat Gott gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ Das ist ein Zitat aus Psalm 2, der sich auf die Menschwerdung Christi bezieht. Es bestätigt, dass Er in jeder Hinsicht ein Mensch geworden ist – mit Geist, Seele und Leib. Das bedeutet: Er ist völlig in der Lage, mit uns mitzufühlen, weil Er genau das gefühlt hat, was wir fühlen. Christus war jedoch nicht wie die aaronitischen Priester „mit Schwachheit behaftet“ (Heb 5,2). Als „Sohn“ bekleidet Er das Amt des Hohenpriesters in der Kompetenz seiner eigenen Person.

Vers 6

Heb 5,6: Wie er auch an einer anderen Stelle sagt: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.“

Zweitens zitiert der Schreiber aus Psalm 110, um die Ernennung Christi für das Priesteramt zu bestätigen. Gott sagt: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.“ Diese Aussage zeigt: Christus ist von Gott selbst zu diesem Amt ernannt worden. Er nahm diese Ehre nicht als etwas an, was Er selbst gewählt hätte; Gott hat Ihn nach seiner Auferstehung von den Toten in dieses Amt eingesetzt. Im Gegensatz zu den Priestern nach der Ordnung Aarons, die starben und das Amt an jemand anderen weitergaben, ist Christus nach der Ordnung Melchisedeks „in Ewigkeit“ ein Priester.

Verse 7.8

Heb 5,7.8: 7 Der in den Tagen seines Fleisches, da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte, mit starkem Schreien und Tränen dargebracht hat (und wegen seiner Frömmigkeit erhört worden ist), 8 obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte;

Bezüglich der Tatsache, dass Christus „auch etwas hat, was er darbringt“ (Heb 8,3), antwortet der Schreiber drittens mit den Worten: „Der in den Tagen seines Fleisches, da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte.“ Das ist ein Hinweis auf sein Gebet im Garten Gethsemane. Er bat nicht darum, vor dem Tod gerettet zu werden, denn genau deshalb kam Er als das letztgültige Opfer für die Sünde. Seine Gebete hatten damit zu tun, dass Er „aus dem Tod“ auferweckt wurde, d.h. durch die Auferstehung. Der Schreiber fügt in einer Klammer hinzu, dass Er „wegen seiner Frömmigkeit erhört worden“ war. Gott erhörte seine Gebete und weckte Ihn von den Toten auf.

Bei der Menschwerdung erlebte der Herr Dinge, die Er noch nie zuvor erlebt hatte. Eines davon war der Gehorsam. Als Sohn in der vergangenen Ewigkeit war Er der Befehlshaber über alles im Universum. Er wusste nicht, was Gehorsam bedeutete, da Er nie zuvor in einer Position war, in der Er gehorchen musste. Bei seiner Menschwerdung wurde Er Mensch in der Einheit mit seiner Person und nahm dabei eine untergeordnete Stellung ein – nämlich ein Mensch zu sein –, und das bedeutete, im Gehorsam gegenüber Gott zu leben. Das war eine neue Sache für Ihn, und so lernte Er durch Erfahrung, was es bedeutete, gehorsam zu sein. Der Schreiber sagt: „Obwohl er Sohn war, lernte er an dem, was er litt, den Gehorsam.“ Der Abschnitt lehrt uns: Obwohl Er der Sohn war, musste Er wie jeder andere Mensch Gehorsam lernen. Das bedeutet nicht, dass Er durch Ausprobieren, also Versuch und Irrtum, eine Lernerfahrung machen musste, sondern vielmehr, dass Er aus der Erfahrung lernte, was es heißt, zu gehorchen. Im Gegensatz zu anderen Menschen war sein Gehorsam vollkommen; es gab kein praktisches Herumprobieren.

Verse 9.10

Heb 5,9.10: … 9 und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, 10 von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

Er opferte nicht nur „Bitten und Flehen“, die in der Auferstehung erhört wurden, sondern Er brachte auch das höchste Opfer für die Sünde dar: „Er hat durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert“ (Heb 9,14), wodurch Er die Sünde durch sein Opfer abgeschafft hat (Heb 9,26). Und nachdem Er „vollendet“ (d.h. von den Toten auferweckt) worden war, wurde Er „der Urheber des ewigen Heils“ für alle, die seinem Ruf durch das Evangelium „gehorchen“. Noch einmal: Das ist etwas, was kein aaronitischer Hoherpriester jemals tun konnte.

Diese Dinge zeigen: Christus hat alle Anforderungen an Ihn als unser großer Hoherpriester vollständig erfüllt. Und so ist Er „von Gott“ zu diesem Amt „nach der Ordnung Melchisedeks“ berufen worden. Der Schreiber hat viel über das Priestertum Christi nach der Ordnung Melchisedeks zu sagen, aber bevor er dies tut, fühlt er sich genötigt, abzuschweifen und eine weitere ernste Warnung vor Glaubensabfall auszusprechen.

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Anmerkungen

[1] Siehe The Collected Writings of J.N. Darby, Bd 7, S. 259.

[2] Siehe Darby-Übersetzung, Fußnote zu 3Mo 3,1.


Übersetzt aus The Epistle to the Hebrews,
Bible Truth Publishers, Addison, USA

Übersetzung: Stephan Isenberg


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