Der Brief an die Hebräer (6)
Kapitel 5,11–6

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 20.04.2021

Dritte Warnung vor dem Abfall vom Glauben (Heb 5,11–6,20)

Die Gefahr der geistlichen Unreife (V. 11-14)

In den Kapiteln 5,11 bis 6,20 hält der Schreiber inne, um vor Abfall vom Glauben zu warnen. Dieser Exkurs kann, so wie die anderen in diesem Brief zu demselben Thema, als Einschub betrachtet werden.[1]

Verse 11.12

Der Schreiber erkannte, dass das Thema über das Priestertum Melchisedeks für die Hebräer schwer zu verstehen sein könnte, und führte das Problem auf ihre geistliche Unreife zurück. Sie waren in ihrem geistlichen Wachstum behindert worden und deshalb wies er sie zurecht mit den Worten:

Heb 5,11.12: 11 Über diesen [Melchisedek] haben wir viel zu sagen, und es ist mit Worten schwer auszulegen, weil ihr im Hören träge geworden seid. 12 Denn obwohl ihr der Zeit nach Lehrer sein müsstet, habt ihr wieder nötig, dass man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben und nicht feste Speise.

Die Hebräer verstanden die christliche Offenbarung der Wahrheit nur langsam, weil sie von ihren alten Beziehungen zum Judentum behindert wurden. Sie klammerten sich an die schwachen und dürftigen Elemente des Judentums (wenn nicht in der Praxis, so doch zumindest im Herzen), und das erschwerte es ihnen, die einfachsten Grundsätze des Christentums zu verstehen. Als der Herr Jesus am Kreuz hing, sprach Er selbst ein regierungsmäßiges Gericht aus: Blindheit sollte über diese irdische Religion (das Judentum) kommen (Ps 69,24.25). Falls sie in Gemeinschaft mit dieser Religion blieben, würden sie die Blindheit erben, die mit diesem Gericht einherging. Offensichtlich begann dieses Gericht unter ihnen seine Wirkung zu entfalten (2Kor 3,14-16).

Folglich betrachtete der Briefschreiber die Hebräer als geistlich Unmündige (infants = „Kleinkinder“), die die Grundlagen des Evangeliums von Grund auf neu lernen mussten. Die Korinther waren in ihrem Wachstum zurückgeblieben und wurden aufgrund ihrer Fleischlichkeit als „Unmündige“ (babes = „Babys“) betrachtet (1Kor 3,1); die Hebräer hingegen galten aufgrund ihrer Gesetzlichkeit als „Unmündige“ (Heb 5,13). Sie mussten neu unterwiesen werden in Dingen, die er „die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes“ nennt. Diese Elemente sind die grundlegenden Lehren über Christus als König und Messias Israels. Es ist die Wahrheit, die in seinem irdischen Wirken vor dem Kreuz bekannt wurde – im Wesentlichen das, was in den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) zu finden ist. W. Kelly sagte:

Diese [Elemente] werden als „der Anfang der Aussprüche Gottes“ bezeichnet und bedeuten das, was Gott in Christus während seines Lebens auf der Erde gegeben hat. Nicht darin inbegriffen sind die Erlösung und das, was dem Christentum seinen wahren, unverwechselbaren Charakter verleiht: sein Versetztsein in den Himmel und die Gabe des Geistes.

Mit dem „Wort von dem Anfang des Christus“ ist in Wirklichkeit das gemeint, was in den Tagen seines Fleisches offenbart und zur rechten Zeit als sein Dienst in den Evangelien aufgeschrieben wurde.[2]

Die Tatsache, dass die Hebräer in diese ersten Grundsätzen „wieder“ unterwiesen werden mussten, deutet darauf hin, dass sie sich zurückentwickelt hatten. Sie hatten gewusst und anerkannt, dass der Herr Jesus der Messias war, aber irgendwie waren sie über diese Dinge verwirrt worden und schienen sie nun in Frage zu stellen. Deshalb mussten sie darüber noch einmal belehrt werden. Das zeigt uns: Wenn wir in der Wahrheit Gottes nicht voranschreiten, werden wir uns von ihr entfernen. Wenn wir keine Fortschritte machen, werden wir uns zurückentwickeln. Die Hebräer zögerten und ihre Sinne wurden vernebelt, und das würde sie schließlich dazu bringen, zu ihren früheren Überzeugungen zurückzukehren.

Verse 13.14a

Heb 5,13.14a: 13 Denn jeder, der noch Milch genießt, ist unerfahren im Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein Unmündiger; 14a die feste Speise aber ist für Erwachsene …

Der Schreiber stellt hier einen interessanten Zusammenhang zwischen „Milch“ und „fester Speise“ her. Wenn Milch, wie wir festgestellt haben, der Wahrheit in den Evangelien entspricht, dann ist feste Speise die volle Offenbarung der Wahrheit des Christentums, wie sie in den Briefen zu finden ist. Der Herr unterscheidet diese beiden Dinge (Milch und feste Speise) in Johannes 14,25.26: „Dies habe ich zu euch geredet, während ich bei euch bin. Der Sachwalter aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Die Wahrheit in seinem Dienst nannte Er „dies“, und die Wahrheit, die nach dem Kommen des Geistes bekannt würde, nannte Er „alles“. „Alles“ bezieht sich auf die volle Offenbarung der Wahrheit im Christentum. Der Schreiber spricht nicht abfällig über Milch – er erkennt an, dass sie in den Entwicklungsstufen des Wachstums der Seele ihren Platz hat. Aus der Art und Weise aber, wie er über feste Speise spricht, geht klar hervor, dass ebendiese Speise das ist, was er wirklich für die Heiligen wünscht.

Verse 14b

Er fährt dann fort und sagt:

Heb 5,14b: [… die feste Speise aber ist für Erwachsene,] die infolge der Gewöhnung geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen.

Damit spielt der Schreiber darauf an, wie ein Mensch fähig wird, feste Nahrung zu sich zu nehmen, nachdem er sich zuvor nur von Milch ernährt hat, d.h., wie er geistliche Fortschritte macht und zu einem erwachsenen (reifen) Christen wird: indem er sich oft mit der Wahrheit beschäftigt, sich daran „gewöhnt“, wie er hier sagt. Das bedeutet: Wenn wir uns damit beschäftigen, die christliche Offenbarung zu studieren, werden wir dadurch belohnt, dass wir sie verstehen. Die Evangelien präsentieren die Wahrheit des Königreichs, aber sie entfalten nicht das Christentum. Das Christentum begann erst, als es einen Menschen im Himmel gab (Apg 1) und der Geist Gottes herabgesandt wurde, damit Er in den Gläubigen wohne (Apg 2; vgl. Joh 7,39). Die Briefe wurden aus dieser Perspektive geschrieben und erst sie teilen uns unsere volle christliche Stellung mit. Das bedeutet: Wer sich nur auf die Evangelien konzentriert und die Wahrheit in den Briefen vernachlässigt, wird in seinem geistlichen Wachstum zurückbleiben. Deshalb sollten wir die Wahrheit in den Briefen gut beherzigen; sie ist unser Fundament. Sie ist es, die uns im christlichen Glauben befestigt.

Indem der Schreiber hinzufügt: „zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen“, zeigt er: Wachstum und Fortschritt in geistlichen Dingen bedeutet nicht nur, die Wahrheit verstandesmäßig zu begreifen – auch das moralische Urteilsvermögen, die Einsicht in praktische Dinge wird sich entwickeln. Das ist wichtig; es zeigt, dass die Wahrheit eine moralische Wirkung auf uns haben sollte. Wir sollten die Wahrheit nicht nur (intellektuell) begreifen, sondern sie sollte uns (moralisch) ergreifen. Dies, so sagt er, kommt dadurch zustande, dass wir in der Wahrheit, die wir lernen, „geübt“ werden.

Auf dem Weg zum vollen Wuchs (V. 1-3)

Verse 1-3

Heb 6,1-3: 1 Deshalb, das Wort von dem Anfang des Christus verlassend, lasst uns fortfahren zum vollen Wuchs und nicht wiederum einen Grund legen mit der Buße von toten Werken und mit dem Glauben an Gott, 2 der Lehre von Waschungen und dem Hände-Auflegen und der Toten-Auferstehung und dem ewigen Gericht. 3 Und dies werden wir tun, sofern Gott es erlaubt.

Nachdem der Schreiber die Gefahr geistlichen Rückschritts angesprochen hat, ermahnt er die Hebräer nun, dass sie „zum vollen Wuchs fortfahren“ sollten. Das hier mit „vollem Wuchs [Vollkommenheit]“ (teleiotes) übersetzte Wort ist im griechischen Text dasselbe Grundwort, das in Hebräer 5,14 für „Erwachsene“ (teleios) verwendet wird. Indem er sie ermahnte, zur Vollkommenheit fortzuschreiten, bezog er sich also darauf, dass sie sich in der „festen Speise“ der christlichen Offenbarung der Wahrheit befestigen sollten. Diese ist, wie wir festgestellt haben, in den Briefen zu finden – besonders in den Briefen des Paulus.

Gleichzeitig suchte er sie daran zu hindern, zu der alttestamentlichen Stellung im Judentum zurückzukehren, von der sie gekommen waren. Sie sollten „fortfahren“ von den Grundsätzen des Königreichs, die der Herr in seinem irdischen Dienst gelehrt hatte – von „dem Wort von dem Anfang des Christus“ –, bis hin zum „vollen Wuchs“ im Christentum. Diese hebräischen Gläubigen befanden sich sozusagen auf einer Brücke, die sich vom Judentum zum Christentum erstreckte. Sie mussten diese Brücke verlassen, nicht indem sie zum alttestamentlichen System des Judentums zurückkehrten, sondern indem sie zur vollen Offenbarung im Christentum voranschritten. Wenn sie dort auf der Brücke irgendwo zwischen Judentum und Christentum stehenblieben, würde dies ihr geistliches Wachstum behindern und sie würden Unmündige (babes) bleiben. Die große Gefahr der geistlichen Unreife besteht darin, dass jemand in diesem Zustand dazu neigt, bestimmte Aspekte der Wahrheit falsch zu verstehen, und sie dann ablehnt, weil er denkt, es handle sich um einen Irrtum. Das zeigt, dass es negative Folgen hat, in der Wahrheit stehenzubleiben. Es ist in Ordnung, als Neubekehrter ein Kleinkind zu sein, d.h. ein „Unmündiger“ in geistlichen Dingen, aber es ist nicht Gottes Wille, dass wir in diesem Zustand bleiben (Eph 4,14).

Wenn er sagt: „das Wort vom Anfang des Christus verlassend“, meinte er damit nicht, dass sie die Lehren, die Christus während seines irdischen Dienstes gelehrt hatte, aufgeben sollten; auch meinte er nicht, dass wir die grundlegenden Wahrheiten des Christentums für „die Tiefen Gottes“ aufgeben sollten (1Kor 2,10). Gott würde uns niemals dazu ermuntern, die Lehren Christi aufzugeben, noch, die Grundlagen des Christentums aufzugeben. Der Gedanke des „Verlassens“ bedeutet hier, weiter voranzuschreiten in der Wahrheit, die sie durch den Dienst Christi empfangen hatten.

Sechs Dinge, die das alttestamentliche Judentum charakterisieren (V. 1-3)

Er erwähnt sechs Dinge, die das alttestamentliche Judentum kennzeichneten und zu denen sie nicht zurückkehren sollten, weil diese durch die zukünftigen „Güter“ ersetzt worden waren, die durch den Tod und die Auferstehung Christi begonnen hatten (Heb 9,11; 10,1). Er sagt, sie sollten „nicht wiederum einen Grund legen“ …

  • „mit der Buße von toten Werken“ (Heb 6,1)
    • Dies ist ein Hinweis auf das, was die Kinder Israel am Versöhnungstag taten, indem sie in Buße „ihre Seelen kasteiten“ (3Mo 16,29). Er nennt dies „tote Werke“, weil die Sündenfrage für die Gläubigen erst im vollbrachten Werk Christi am Kreuz ein für alle Mal geklärt worden ist. Die Sünden des Christen sind für immer weggenommen; sie werden nicht lediglich für ein weiteres Jahr bedeckt wie im alttestamentlichen Ritual am Versöhnungstag. Daher besteht jetzt keine Notwendigkeit mehr für diese Praxis.
  • „mit dem Glauben an Gott“ (Heb 6,1)
    • Dies bezieht sich auf das rechtgläubige jüdische Verständnis von Gott als dem „einen HERRN“ (5Mo 6,4). Dies war der Glaube an Gott, ohne dass die drei Personen der Gottheit (der Dreieinheit) gekannt und unterschieden wurden, denn diese Wahrheit war zu alttestamentlichen Zeiten noch nicht ans Licht gekommen. Für eine solche Offenbarung musste Christus in die Welt kommen, um den Vater zu verkünden (Mt 11,27; Joh 1,18). Wenn sie nun zu der unvollständigen Offenbarung Gottes zurückkehrten, die die alttestamentlichen Heiligen hatten, bedeutete dies, das Licht, das wir jetzt im Christentum haben, zu missachten und es im Wesentlichen als falsch zu bezeichnen.
  • „mit der Lehre der Waschungen“ (Heb 6,2)
    • Dies bezieht sich auf die zeremoniellen Waschungen, die das Judentum kennzeichneten. Sie symbolisierten die Heiligkeit, die nötig war, um sich Gott in Anbetung zu nahen. All diese äußerlichen Reinigungen sind im Christentum nicht notwendig, weil wir durch das vollendete Werk Christi „geheiligt“ geworden sind (1Kor 6,11; Eph 1,4; Kol 1,22; Heb 3,1).
  • „mit dem Hände-Auflegen“ (Heb 6,2)
    • Dies bezieht sich auf das Ritual, das mit den jüdischen Opfergaben verbunden war (3Mo 1,4; 3,2; 4,4; 16,21 usw.). Diese Praxis bedeutete, dass der Opfernde sich mit dem Opfer, das er am Altar darbrachte, identifizierte. Da jedoch das eine Opfer Christi die Erfüllung dieser jüdischen Opfergaben ist, brauchen sie nicht mehr dargebracht zu werden, und daher ist auch diese Praxis nicht erforderlich. (Sie bezieht sich nicht auf das Handauflegen in der frühen Kirche, wie es in Apostelgeschichte 6,6; 8,17; 9,17 usw. berichtet wird.)
  • „mit der Toten-Auferstehung“ (Heb 6,2)
    • Dies bezieht sich auf das begrenzte Verständnis, das die Heiligen in alttestamentlicher Zeit von der Auferstehung hatten. Sie kannten eine Auferstehung nur in einem allgemeinen Sinn. Dies sehen wir in den Worten, die Martha in Johannes 11,24 an den Herrn richtete. Ihre Antwort wird als das rechtgläubige jüdische Verständnis der Auferstehung angesehen. Das Evangelium hat jedoch „Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht“ (2Tim 1,10), und wir wissen jetzt, dass es zwei Auferstehungen zwei völlig verschiedener Ordnungen gibt (Joh 5,28.29; Apg 24,15 usw.): Es wird eine Auferstehung der „Gerechten“ „aus den Toten“ geben, gefolgt von der Auferstehung der „Ungerechten“ – und zwischen diesen Auferstehungen liegen tausend Jahre [Off 20,11-15]. Wenn diese Hebräer zu dem begrenzten Verständnis der Auferstehung zurückkehrten, so wie die Heiligen des Alten Testamentes sie kannten, dann hieße das, dass sie sich von der Wahrheit abwendeten, die durch das Evangelium ans Licht gebracht worden war.
  • „mit dem ewigen Gericht“ (Heb 6,2)
    • Dies bezieht sich auf das jüdische Verständnis vom Gericht am letzten Tag (Hiob 19,25; Joh 11,24). Wiederum hat das Evangelium auch viele weitere Einzelheiten über das ewige Gericht ans Licht gebracht, wie sie im Neuen Testament zu finden sind, und deshalb können wir jetzt mit größerer Bestimmtheit darüber sprechen. Sich von dem abzuwenden, was im Christentum zu diesem Thema offenbart worden ist, bedeutet, diese höhere Offenbarung zu missachten.

Beachte: Der Schreiber fordert die Hebräer nicht auf, diese Dinge zu leugnen, denn sie waren allesamt wahr und von Gott gegeben. Er sagt ihnen, sie sollten weiter „fortfahren“ und die vollere Offenbarung der Wahrheit empfangen, die im Christentum ans Licht gekommen war. Wenn sie nun zu der begrenzten Offenbarung der Wahrheit zurückkehrten, so wie sie im Alten Testament zu diesen Themen zu finden ist, so bedeutete dies, zu bezweifeln, ob wir im Evangelium wirklich eine Offenbarung von Gott erhalten haben. Das ist Abfall vom Glauben. Daher rät er ihnen, nicht zurückzubleiben, sondern voranzugehen. Er fügt hinzu: „Dies werden wir tun, sofern Gott es erlaubt“ (Heb 6,3). Gott „will“ ja, dass alle Menschen „errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4), aber oft geschieht dies nicht, weil die Menschen sich weigern, persönlichen Glauben zu üben und eifrig zu sein.

Fünf große äußerliche Vorrechte, verbunden mit dem Christentum (V. 4-6)

Verse 4-6

Dies veranlasst den Schreiber, besonders auf die Gefahr des Abfalls vom Glauben hinzuweisen. Er nennt fünf äußerliche Vorrechte, die das Christentum in die Welt gebracht hat. Er sagt:

Heb 6,4-6: 4 Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind 5 und das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben 6 und abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und ihn zur Schau stellen.

Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als beziehe er sich auf Vorrechte, die denen gehören, die Christus als ihren Erlöser angenommen haben; doch tatsächlich konnte jemand an allen fünf Dingen teilhaben, ohne errettet zu sein! Indem man sich äußerlich mit der christlichen Gesellschaft identifiziert, kann jemand (ein lediglich bekennender Gläubiger) an diesen Dingen teilhaben und sie erfahren, ohne göttliches Leben zu besitzen. Worauf der Schreiber hinauswill, ist Folgendes: Es ist von großem Vorteil, mit dem christlichen Zeugnis identifiziert zu werden, aber es überträgt einem auch große Verantwortung. Er spricht von bestimmten äußerlichen Vorrechten, die so jemand hat:

  • Er ist „erleuchtet“ worden. Ein Mensch wird erleuchtet, indem er die im Evangelium vorgestellte Wahrheit hört; das gibt ihm Verständnis. Es bedeutet nicht, dass er an das Evangelium glaubt und Christus als seinen Erlöser angenommen hat. Erleuchtung ist nicht Wiedergeburt und Errettung. Erleuchtet zu sein, macht jemand jedoch sehr verantwortlich, denn Gott macht einen Menschen für das Ausmaß an Licht verantwortlich, das ihm gegeben worden ist, und dementsprechend wird er gerichtet werden (Lk 12,47.48).
  • Er hat „die himmlische Gabe geschmeckt“. Das bezieht sich auf die christliche Offenbarung der Wahrheit – auf „den einmal den Heiligen überlieferten Glauben“ (Jud 3). Es ist dieses „schöne Gut“ der Wahrheit, das wir festhalten sollen (2Tim 1,14; Off 3,11). Jemand kommt vielleicht in christliche Zusammenkünfte, in denen diese himmlischen Wahrheiten dargelegt werden, und schmeckt diese Dinge äußerlich, indem er davon hört. (Beachte: „Geschmeckt“ bedeutet, dass man etwas probiert, ohne es notwendigerweise zu sich zu nehmen.)
  • Er ist „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden“. Er sagt nicht, dass jemand den Geist innewohnend in sich hat, sondern vielmehr, dass er des Geistes „teilhaftig geworden“ ist. Der Geist wohnt nicht nur in den Gläubigen, die an den Herrn Jesus Christus glauben, sondern Er wohnt auch unter den Gläubigen im Haus Gottes (Joh 14,17; Apg 2,1-4). Ein Ungläubiger oder ein bloßer Bekenner kann in einer christlichen Gemeinschaft sein, wo der Geist Gottes wirkt, und äußerlich an den Dingen teilhaben, die dort geschehen. Auf diese Weise ist er „des Heiligen Geistes teilhaftig“, ohne errettet und mit dem Geist versiegelt zu sein. Beachte: Das Wort im griechischen Text, das hier mit „teilhaftig“ übersetzt wird, ist metecho. Dieses Wort weist auf eine Teilhabe an etwas hin, ohne näher anzugeben, bis zu welchem Maß diese Teilhabe erfolgt. Der Schreiber verwendet nicht koinonea – das übliche Wort für „Teilhabe“ bezeichnet eine volle gemeinsame Teilhabe an einer Sache. Daher bezieht sich die Teilhabe in diesem Vers auf ein äußerliches oder teilweises Teilhaben. (Vergleiche, wie diese beiden griechischen Wörter in Hebräer 2,14 verwendet werden.)
  • Er hat „das gute Wort Gottes geschmeckt“. Das bezieht sich darauf, dass man die Schrift hört, die in der christlichen Zusammenkunft auslegt wird, ohne dass im Einzelnen angegeben wird, ob die Wahrheit, die gelehrt wurde, tatsächlich im Glauben empfangen wurde. Auch hier weist das „Schmecken“ auf eine äußerliche Sache hin. Jemand kann die Wahrheit aus dem Wort Gottes hören und verstehen, ohne sie persönlich im Glauben anzunehmen.
  • Er hat „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt“. Das bezieht sich auf die Wunder, die im christlichen Umkreis geschehen waren und die jemand sehen und sogar selbst erfahren konnte. Es ist durchaus möglich, dass ein bloßer Bekenner durch diese Wunder geheilt wurde, während er sich unter Christen befand.

Abfall vom Glauben/Apostasie (V. 6-8)

Vers 6

Der Schreiber hat nun einige der äußeren Vorrechte aufgezählt, die mit dem „Kommen Christi in die Welt“ (seinem ersten Kommen) verbunden waren. Nun warnt er die Hebräer davor, wie ernst es ist, diese Dinge zu vernachlässigen und zum Judentum zurückzukehren; das käme einem Abfall vom Glauben gleich. Er greift den Gedankengang von Vers 4 auf und sagt:

Heb 6,6: [Denn es ist unmöglich, diejenigen, die …] abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und ihn zur Schau stellen.

Abzufallen ist Abfall vom Glauben, Apostasie (Lk 8,13; 2Thes 2,3; 1Tim 4,1; Heb 3,12). Es bedeutet, den Glauben aufzugeben, zu dem jemand sich einst bekannt hatte. In diesem Fall handelt es sich um eine Abkehr von der christlichen Offenbarung der Wahrheit, nachdem man sie angenommen hat.

Ein Abgefallener unterscheidet sich von jemand, der das Evangelium zurückweist. Wer es zurückweist, ist jemand, der nie bekannt hat, an das Evangelium zu glauben; aber ein Abgefallener hat einmal bekannt, an das Evangelium zu glauben. Vom Glauben abzufallen ist etwas, was nur ein lebloser, bloßer Bekenner tun würde. Zurückzugehen und wieder in der Synagoge aufgenommen zu werden mit all dem, wofür sie steht, würde bedeuten, mit denen [aus dem Judentum], die den Herrn Jesus verleugnet und gekreuzigt haben, übereinzustimmen. Jemand, der so etwas tut, kreuzigt im Prinzip den Sohn Gottes erneut! Wie ernst ist das! Ein solcher Schritt ist so endgültig, dass eine Wiederherstellung ausgeschlossen ist! Sobald jemand abgefallen ist, gibt es keine Hoffnung, dass er in „Buße“ umkehrt. F.B. Hole sagte:

Es fällt uns auf, dass es hier „unmöglich“ heißt und nicht „unwahrscheinlich“.[3]

Judas Iskariot ist ein Beispiel. Auch wenn er nicht mit dem vollen Licht des Christentums in Berührung gekommen war, weil der Heilige Geist noch nicht gekommen war, so sah er doch die in Hebräer 6,4 und 5 genannten Dinge und nahm an ihnen teil – aber leider wandte er sich von ihnen ab und damit seinem eigenen Verderben zu.

Ein wahrer Gläubiger wird nicht vom Glauben abfallen. Er gleitet vielleicht ab und entfernt sich vom Herrn, aber er wird den Glauben nicht aufgeben. Wenn wahre Gläubige sich vom Herrn entfernen, spricht die Heilige Schrift gewöhnlich eher davon, dass sie „straucheln“ (2Pet 1,10; 1Joh 2,10; Jud 24), als dass sie abfallen. Daher können Gläubige zwar straucheln, aber sie fallen nicht in dem Sinne, dass sie vom Glauben abfallen. Walter Scott drückt es kurz und bündig aus:

Für Abgleiten gibt es ein Heilmittel, für Abfall vom Glauben gibt es keins.[4]

Viele Christen kennen den Unterschied nicht zwischen Abgleiten und Abfall und verwechseln diese beiden Dinge oft. Sie nehmen Schriftstellen, die sich auf bloße Bekenner beziehen, die in der Gefahr stehen, vom Glauben abzufallen, und nehmen an, dass diese Schriftstellen sich auf wahre Gläubige beziehen. Auf diese Weise wurden viele zu dem falschen Schluss geführt, dass ein Gläubiger seine Errettung verlieren könne, wenn er sündigt und sich vom Herrn abwendet. Aber diese falsche Vorstellung leugnet die ewige Sicherheit des Gläubigen, die die Heilige Schrift klar zum Ausdruck bringt (Joh 10,28.29 usw.).

Verse 7.8

Der Schreiber fügt seiner Warnung eine bildliche Darstellung hinzu, um zu zeigen, dass die Teilnahme am äußeren Segen einen Menschen nicht bekehrt:

Heb 6,7.8: 7 Denn das Land, das den häufig darauf kommenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt für diejenigen, um derentwillen es auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott; 8 wenn es aber Dornen und Disteln hervorbringt, so ist es unbewährt und dem Fluch nahe, und sein Ende ist die Verbrennung.

Dies veranschaulicht die zwei Arten von Herzen, die es unter den Menschen gibt: Das eine wird mit einem guten Stück Land verglichen und das andere mit einem schlechten Boden. Beide empfangen den Regen, den Gott gibt, aber das eine Land bringt Frucht und das andere wertlose Dornen, die nur dazu dienen, ein Feuer zu entzünden (ein Symbol für Gottes Gericht). In gleicher Weise wird die „gute Erde“ im wahren Kind Gottes Frucht für Gott bringen (Lk 8,15), aber der schlechte Boden in einem bloßen Bekenner wird deutlich, wenn er sich vom Glauben abkehrt, und sein Ende wird das Gericht sein.

Ermutigung zum „Weitergehen“ auf dem Weg des Glaubens (V. 9-12)

Vers 9

Die übrigen Verse in diesem Einschub drücken die Zuversicht des Schreibers aus, dass die große Mehrheit derer, denen er schrieb, wirklich gläubig war; daher sind sie Worte der Ermutigung für sie. Er war davon überzeugt, dass sie ihren echten Glauben zeigen würden, wenn sie auf dem Weg des Glaubens weitergingen. Er sagt:

Heb 6,9: Wir sind aber in Bezug auf euch, Geliebte, von besseren und mit der Errettung verbundenen Dingen überzeugt, wenn wir auch so reden.

Mit diesen Worten versicherte er seinen Lesern, dass er mit seiner Warnung vor dem Abfall vom Glauben keineswegs daran zweifeln wollte, dass ihre Bekehrung echt war. Er war davon überzeugt, dass in ihnen ein echtes Werk Gottes stattgefunden hatte, und indem er sie „Geliebte“ nennt, unterscheidet er sie von denen unter ihnen, die abfallen könnten.

Die „mit der Errettung verbundenen Dinge“ sind jene unverkennbaren Zeichen im Leben eines Menschen, die davon zeugen, dass er wirklich göttliches Leben hat – dass er wirklich gerettet ist. Es sind Dinge wie: Gehorsam gegenüber Gott, Liebe zum Herrn Jesus, Liebe zum Volk des Herrn und der Wunsch, mit ihnen zusammen zu sein, usw. Das sind die „Lebenszeichen“ des göttlichen Lebens, die beweisen, dass jemand wirklich „aus dem Tod in das Leben übergegangen“ ist (Joh 5,24). In diesem Abschnitt erwähnt der Schreiber des Hebräerbriefes drei Dinge, die in der Heiligen Schrift oft zusammen gefunden werden und die Bekehrung eines Menschen begleiten: „Liebe“ (Heb 6,10), „Hoffnung“ (Heb 6,11) und „Glaube“ (Heb 6,12). Siehe auch 1. Thessalonicher 1,3.

Vers 10

Der Schreiber richtet sein Augenmerk hier besonders auf ihre Liebe zu den Heiligen. Er sagt:

Heb 6,10: Denn Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen und die Liebe, die ihr für seinen Namen bewiesen habt, da ihr den Heiligen gedient habt und dient.

Diese hebräischen Gläubigen hatten eine echte Liebe für das Volk des Herrn gezeigt, und er erinnert sie daran, dass Gott dies nicht vergessen hatte und sie für ihren Dienst für den Namen des Herrn entsprechend belohnen würde. Das müssen ermutigende Worte für sie gewesen sein.

Verse 11.12

Heb 6,11.12: 11 Wir wünschen aber sehr, dass jeder von euch denselben Fleiß beweise zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende, 12 damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheißungen erben.

Sein Wunsch war es, dass sie den Weg mit Ausharren weitergingen – dass sie weiterhin das tun sollten, was sie getan hatten, denn es gefiel dem Herrn. Sein Anliegen war, dass „jeder von ihnen“ in dieser Hinsicht tätig werden würde. Das zeigt, dass es eine individuelle Sache ist, dem Herrn nachzufolgen (Mt 16,24: „Wenn jemand mir nachkommen will …“). Er wollte, dass sie unerschütterlich weitergingen, bis ihre „Hoffnung“ in Christus Wirklichkeit wird, wenn sie mit Ihm verherrlicht werden. Diese Hoffnung, die dem Gläubigen bevorsteht, geht weit über all das hinaus, wonach die Heiligen des Alten Testamentes Ausschau gehalten hatten. Die Hebräer sollten darin nicht „träge“ sein, sondern „Nachahmer“ derer, die zuvor auf dem Weg gegangen waren und „durch Glauben und Ausharren die Verheißungen erben“. Das zeigt noch einmal: Das Ausharren auf dem christlichen Weg ist der größte Beweis für Echtheit.

Gottes Wort – ein sicheres Fundament, auf dem der Glaube ruhen kann (V. 13-15)

Verse 13-15

Heb 6,13-15: 13 Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er, weil er bei keinem Größeren zu schwören hatte, bei sich selbst 14 und sprach: „Wahrlich, reichlich werde ich dich segnen, und sehr werde ich dich mehren.“ 15 Und nachdem er so ausgeharrt hatte, erlangte er die Verheißung.

Weil der Glaube ein solides Fundament braucht, auf das er sich stützen kann, stellt der Schreiber das Sicherste im Universum vor: Gottes unfehlbares Wort. Gott hält immer sein Wort (1Kön 8,56; 2Tim 2,13); der Glaube kann sich darauf stützen und wird nicht enttäuscht. Als Beispiel dafür, wie zuverlässig Gott sein Wort hält, verweist der Schreiber auf die „Verheißung“ und den „Eid“, die Gott Abraham gegeben hatte. Obwohl die Umstände, in denen sich Abraham und seine Frau befanden, nahezu unmöglich waren – Sara war schon lange über das gebärfähige Alter hinaus –, hielt Gott sein Wort, indem Er ein Wunder vollbrachte, und sie bekamen, wie verheißen, einen Sohn. Das zeigt: Gott wird sein Wort halten, egal, was passiert – selbst wenn es bedeutet, dass Er ein Wunder vollbringen muss, um es zu tun!

Nachdem Abraham einen Sohn empfangen hatte und geprüft worden war, indem Gott ihn aufforderte, den Sohn auf den Altar zu legen, schwor Gott einen Eid, dem Abraham durch seinen Sohn Isaak eine Nachkommenschaft zu geben. Die „Verheißung“, einen Sohn zu haben, wurde in 1. Mose 12,1-3 gegeben; bestätigt wurde sie in 1. Mose 13,14-16; 1. Mose 15,1-6 und 1. Mose 17,15-22; aber erst in 1. Mose 22,16 schwor Gott mit einem Eid: „Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR.“ Der Schreiber erklärt, dass Gott bei sich selbst schwor, als Er den Eid ablegte, „weil er bei keinem Größeren zu schwören hatte“. Er zitiert 1. Mose 22,17 und gibt damit den Kerninhalt des Eides wieder: „Segnend werde ich dich segnen, und mehrend werde ich dich mehren.“ Die Verheißung stand also im Zusammenhang damit, dass Abraham einen Sohn haben würde, und der Eid stand im Zusammenhang damit, dass Abraham durch seinen Sohn eine Nachkommenschaft haben würde.

Nachdem Abraham die Verheißung gegeben worden war, musste er viele Jahre „ausharren“, aber schließlich „erlangte er die Verheißung“ und erhielt durch Sara einen Sohn – genau wie Gott gesagt hatte. (Hebräer 11,13 ist kein Widerspruch dazu. Dort heißt es: „Diese alle [auch Abraham] sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht empfangen.“ Der Unterschied ist: Diese Verheißungen [in Hebräer 11,13] standen im Zusammenhang mit dem Erbe, während jene Verheißung [aus 1. Mose 12,1-3] damit zu tun hatte, dass Abraham einen Sohn hatte und durch ihn eine Nachkommenschaft.) Die Anwendung hier ist offensichtlich: Die hebräischen Heiligen mussten den gleichen Glauben und das gleiche Ausharren haben wie Abraham und auf dem Weg weitergehen, den die christliche Offenbarung der Wahrheit festsetzt – auch wenn es für diejenigen, die keinen Glauben haben, töricht erscheinen mag. Abraham musste dasselbe durchleben.

Verse 16.17

Heb 6,16.17: 16 Denn Menschen schwören bei einem Größeren, und der Eid ist ihnen das Ende allen Widerspruchs zur Bestätigung; 17 worin Gott, da er den Erben der Verheißung die Unwandelbarkeit seines Ratschlusses überreichlicher beweisen wollte, sich mit einem Eid verbürgt hat, …

Wenn Menschen in ihren Angelegenheiten einen Eid ablegen, so schwören sie bei einem, der größer ist als sie selbst. Sie „schwören“ und legen somit einen „Eid“ ab und dieser bewirkt das „Ende allen Widerspruchs“. Also hat Gott, „da er den Erben der Verheißung die Unwandelbarkeit seines Ratschlusses überreichlicher beweisen wollte, sich mit einem Eid verbürgt“. Wenn Gott sein Wort gegeben hat, brauchen wir darüber hinaus nichts mehr, denn es ist „unmöglich, dass Gott lügen würde“ (Heb 6,18). Es ist genug für uns, dass Er sein Wort gibt; es muss nicht durch einen Eid bekräftigt werden. Aber da der Mensch mit Schwachheit behaftet ist, lässt Gott sich herab und fügt um Abrahams und des Erben willen einen Eid hinzu, um ihnen zu bestätigen, was Er verheißen hat. So hatte Abraham eine doppelte Zusicherung.

Verse 18-20

Heb 6,18-20: 18 … damit wir durch zwei unwandelbare Dinge – wobei es unmöglich war, dass Gott lügen würde – einen starken Trost hätten, die wir Zuflucht genommen haben zum Ergreifen der vor uns liegenden Hoffnung, 19 die wir als einen sicheren und festen Anker der Seele haben, der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht, 20 wohin Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen ist, der Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

Der Schreiber zeigt dann, dass dieselben beiden Dinge (die Verheißung und der Eid) auf alle angewendet werden können, die durch den Glauben Abrahams Kinder sind. Weil die „Erben der Verheißung“ nicht nur Isaak, Jakob usw. sind, sondern alle, die durch den Glauben Kinder des gläubigen Abraham sind (Gal 3,7.8.29), können auch wir uns in Verbindung mit unserer Hoffnung auf Christus auf diese „zwei unwandelbaren Dinge“ stützen.

Er beendet diesen langen Exkurs, indem er feststellt, dass Gott noch einen Schritt weitergegangen ist: Er hat persönlich dafür gebürgt, dass die Verheißungen in Erfüllung gehen – indem Christus selbst in das Heiligtum im Himmel eingetreten ist. In der levitischen Ordnung betrat der Hohepriester das Heiligtum nur als Stellvertreter. Er ging dort allein hinein und niemand konnte ihm folgen. Aber Christus ist dort als ein Bürge hineingegangen und als Folge davon kann Ihm nun ein ganzes Geschlecht von Menschen dorthin folgen. J.N. Darby sagte:

Sie fand ihre feierliche Bestätigung im Heiligtum selbst, wohin ein Vorläufer eingegangen war. So war dem Glauben nicht nur ein Wort und ein Eid, sondern ein persönlicher Bürge für die Erfüllung dieser Verheißungen sowie das Heiligtum Gottes als eine Zuflucht für das Herz gegeben worden. Auf diese Weise wurde der Hoffnung derer, die geistliches Verständnis besaßen, ein himmlischer Charakter verliehen, während zugleich durch den Charakter dessen, der in den Himmel eingegangen war, die gewisse Erfüllung aller Verheißungen des Alten Testamentes verbürgt wurde, und zwar in Verbindung mit einem himmlischen Mittler, der durch seine Stellung jene Erfüllung sicherte, indem die irdische Segnung nunmehr in dem Himmel selbst ihre unerschütterliche Grundlage fand. Überdies wurde dieser Segnung dadurch, dass man sie mit dem Himmel verband und von da ausströmen ließ, ein höherer und herrlicherer Charakter verliehen.[5]

Vier Bilder, die die sichere Hoffnung beschreiben, die wir in Christus im himmlischen Heiligtum haben (V. 18-20)

Der Schreiber verwendet vier Bilder, um die sichere Hoffnung zu betonen, die wir in Christus haben, weil Er in das himmlische Heiligtum eingetreten ist. Noch warten wir darauf, dass wir dort leiblich eintreten, wenn wir mit Ihm verherrlicht werden; doch schon jetzt können wir zur Anbetung und zum Gebet in dieses himmlische Heiligtum im Geist eintreten (vgl. Heb 10,19-22). An einem kommenden Tag werden wir dort leiblich eintreten.

Vers 18

Heb 6,18: … damit wir durch zwei unwandelbare Dinge – wobei es unmöglich war, dass Gott lügen würde – einen starken Trost hätten, die wir Zuflucht genommen haben zum Ergreifen der vor uns liegenden Hoffnung,

Eine Zuflucht: Zuerst wird der Gläubige so gesehen, dass er „Zuflucht genommen hat zum Ergreifen der vor uns liegenden Hoffnung“. Damit wird auf die Zufluchtsstädte angespielt, in die eine schuldige Person fliehen konnte, um sich vor dem Gericht zu schützen (5Mo 19,1-13; Jos 20,1-9). Sie wäre dort in Sicherheit, solange der Hohepriester lebte (vgl. Jos 20,6). Die gute Nachricht für uns ist: Christus hat „ein unveränderliches Priestertum“; Er wird nie wieder sterben, „indem er allezeit lebt, um sich für sie [im Heiligtum] zu verwenden“ (Heb 7,24.25)! Auf diese Weise wird für unsere ewige Sicherheit vor dem Gericht gebürgt.

Vers 19

Heb 6,19: … die wir als einen sicheren und festen Anker der Seele haben, der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht, …

Ein Anker: Zweitens ist die „Hoffnung“, die wir in Christus im himmlischen Heiligtum haben, wie ein „Anker“, der in ebendem Hafen festgemacht ist, zu dem wir reisen. Sie ist „sicher und fest“ und versichert uns, dass wir diese Bestimmung schließlich erreichen werden.

Vers 20

Heb 6,20: … wohin Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen ist, der Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

Ein Vorläufer: Drittens ist Christus unser „Vorläufer“, der vorausgegangen ist, um alle Vorbereitungen zu treffen, damit wir dort gut ankommen können. Die Tatsache, dass Christus unser „Vorläufer“ ist, bürgt dafür, dass wir den Ort betreten werden, an dem Er sich befindet. Der Einzug unseres „Vorläufers“ ist die Verheißung, dass wir Ihm dort, wo Er jetzt ist, irgendwann einmal nachfolgen werden.

Ein Hoherpriester: Viertens ist Christus in das himmlische Heiligtum eingegangen als unser „Hoherpriester“, dessen Priestertum „nach der Ordnung Melchisedeks“ ist. Es ist ein ewiges Priestertum mit einem doppelten Amt. In der Vergangenheit brachte Melchisedek den Segen von Gott zu Abraham und er nahm den Zehnten von Abraham, um ihn Gott dazubringen (1Mo14,18-20; Heb 7,1.2). Dies bedeutet: Der Segen Gottes wird nicht nur Abraham zuteil, sondern allen, die durch den Glauben seine Kinder sind, und es ist auch ein Zeichen dafür, dass sie Gott ihre Anbetung bringen. Weil der Segen von Gott für die Erlösten ewig sein wird und die Anbetung, die die Erlösten Gott darbringen, ebenfalls ewig sein wird, ist es notwendig, einen Priester zu haben, der diese Dinge von und zu Gott ewig bedient. Das ist es, was wir im Priestertum Christi haben. Der Schreiber beweist dies, indem er erneut Psalm 110,4 zitiert: „Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“ (Heb 5,6; 6,20; 7,17).

Bei seiner Auferstehung von den Toten ist der Herr in das Amt seines Priestertums nach der Ordnung Melchisedeks eingesetzt worden. Aber das gegenwärtige Amt seines Priestertums ist nach der Ordnung Aarons. Als unser großer Hoherpriester lebt der Herr heute in der Gegenwart Gottes, um für uns Fürbitte zu tun, und hilft uns so auf unserem Weg durch die Wüste hin zu unserem himmlischen Ziel. Wenn Er jedoch erscheint, wird Er von diesem Werk der Fürbitte ablassen und in das Amt seines Priestertums nach der Ordnung Melchisedeks eintreten. Er ist also bereits heute in diesem Amt, aber Er wirkt noch nicht in diesem Amt. Doch wenn Er kommt, werden unsere Hoffnungen auf Ihn erfüllt werden. Wir werden mit Ihm verherrlicht werden, indem wir öffentlich dargestellt werden, wenn Er als König und Priester in seinem Reich herrschen wird.

So ist Christus auf vier verschiedene Weisen und aus vier verschiedenen Gründen durch den Vorhang des himmlischen Heiligtums eingetreten. Alle zielen sie darauf ab, dem Gläubigen eine sichere Hoffnung zu geben. Er ist dort

  • als unsere Zuflucht vor dem Gericht,
  • als unser Anker, der unsere sichere Ankunft dort garantiert,
  • als unser Vorläufer, der alles für uns dort vorbereitet, und
  • als unser Hoherpriester, der für uns Fürbitte einlegt, während wir auf dem Weg dorthin sind.

Diese Dinge waren sicherlich eine Ermutigung für diese hebräischen Gläubigen, auf dem christlichen Weg weiterzugehen, und sie sollten es auch für uns sein.


Übersetzt aus The Epistle to the Hebrews. The New and Living Way of Approach to God in Worship in Christianity
Christian Truth Publishing 2017

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] Siehe J.N. Darby, Betrachtung über Hebräer (Synopsis), zu Hebräer 5. Darby schreibt:

Was nunmehr [ab Hebräer 5,11] folgt bis zum Endes des 6. Kapitels, ist eine Einschaltung, die sich auf den Zustand der Empfänger des Briefes bezieht. (Quelle: bibelkommentare.de.)

[2] W. Kelly, The Epistle to the Hebrews, S. 97, 101.

[3] F.B. Hole, Grundzüge des Neuen Testaments, Bd. 5: Hebräerbrief – Offenbarung, Hückeswagen (CSV) 1999, S. 44.

[4] W. Scott, Doctrinal Summaries, S. 44.

[5] J.N. Darby, Betrachtung über Hebräer (Synopsis), zu Kap. 6 (Quelle: bibelkommentare.de).


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