Das „Buch der Erfahrung“: Vorträge über den Brief an die Philipper (2)
Kapitel 2

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 25.09.2018, aktualisiert: 29.09.2018

Leitverse: Philipper 2

Wenden wir uns jetzt zum zweiten Kapitel. Die Gnade, die uns mit Christus verbindet, ist bewundernswürdig; wir sind berufen, dieselbe Gesinnung zu haben, die in Ihm war. In diesem Kapitel wird uns die Demut des christlichen Lebens vorgestellt und im folgenden Kapitel dessen Energie. Hier handelt es sich darum, dem Vorbild Christi nachzufolgen, es handelt sich um eine Demut, die sich in der Achtung und völligen Rücksicht gegen andere zeigt sowie in dem liebevollen und sanftmütigen Verhalten in den Dingen des täglichen Lebens. Deshalb sagt der Apostel zu den Philippern, dass er Timotheus noch bei sich behalten, ihn aber sofort zu ihnen senden wolle, wenn er wisse, wie sich seine Umstände gestalten würden; denn in allem, was ihn betraf, rechnete er auf ihr völliges Interesse. Jedoch wollte er Epaphroditus nicht zurückbehalten, sondern ihn zu ihnen senden; denn Paulus war krank gewesen, und die Philipper hatten es gehört und waren seinetwegen sehr besorgt. Er hatte die Gefühle eines Kindes, das in der Fremde ist und denkt: Wie wird sich meine Mutter ängstigen, wenn sie hört, dass ich so krank bin! – Paulus wollte Epaphroditus hinsenden, damit die Philipper ihn sehen und sich freuen möchten. Welch eine zarte Rücksicht und Aufmerksamkeit, welch eine völlige Sorgfalt für andere sieht man bei Paulus sogar in den kleinsten Dingen! Selbst die Welt kann die Schönheit einer solchen Handlungsweise erkennen, ihre Selbstsucht erfreut sich darin.

Verse 1-4

Phil 2,1-4: 1 Wenn es nun irgendeine Ermunterung gibt in Christus, wenn irgendeinen Trost der Liebe, wenn irgendeine Gemeinschaft des Geistes, wenn irgend innerliche Gefühle und Erbarmungen, 2 so erfüllt meine Freude, dass ihr gleich gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes, 3 nichts aus Streitsucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; 4 ein jeder nicht auf das Seine sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen.

Die Philipper hatten durch ihre Sorge für Paulus das an den Tag gelegt, wovon er im ersten Vers spricht; doch waren sie nicht völlig in Christus vereinigt. Aber der Apostel will angesichts all ihrer Liebe zu ihm nicht mit einem Vorwurf kommen. Er sagt: Ich sehe, wie besorgt ihr für mich seid; wenn ihr mich aber ganz glücklich machen wollt, so seid einerlei gesinnt, „erfüllt meine Freude“. – Er tadelt sie auf die zarteste Weise, er gibt ihnen einen leisen Wink; denn sie hatten Ermahnung nötig. Dann zeigt er außerdem, auf welcher Grundlage diese Einheit der Gesinnung beruht: „in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst“. In einem gewissen Sinn scheint dies unmöglich zu sein. Denn wenn jemand besser ist als ich, so ist es augenscheinlich, dass ich nicht besser sein kann als er. Ist aber das Herz wirklich demütig, wandle ich mit Christus und finde ich meine Wonne an Ihm, so betrachte ich mich als ein armes, schwaches Geschöpf, das sich mit nichts anderem als mit der Gnade Christi zu beschäftigen hat und in sich selbst nur Fehler erblickt; die ganze Fülle der Gnade sehe ich in Christus, und indem ich sie sehe und sogar von ihr Gebrauch mache, fühle ich, welch ein elendes Werkzeug ich bin, indem das Fleisch das Gefäß hindert, schwächt und das Licht nicht ausstrahlen lässt. Blicke ich aber auf meinen Bruder, so sehe ich alle die Gnade, die Christus über ihn ausgegossen hat. Der Christ sieht Christus und alle guten Eigenschaften in seinem Bruder. Sogar zu den Korinthern, deren Wandel so anstößig war, konnte Paulus sagen: „Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus“ (1Kor 1,4). Er erkennt zuerst alles Gute unter ihnen an; die Liebe erwähnte es; und auf diese Weise gewann Paulus ihre Herzen, um sie bereitzumachen, auf die Zurechtweisungen zu horchen. Ich erblicke die Gnade in meinem Bruder und nicht das Böse, das in seinem Herzen vorgeht, aber ich sehe es in meinem eigenen Herzen.

Als Mose vom Berg herabstieg, wusste er nicht, dass sein Angesicht glänzte. Was seinem Angesicht den Glanz verlieh, war nicht, dass Mose sein eigenes Angesicht sah (wir wissen wohl, dass er dies nicht konnte), sondern dass er die Herrlichkeit Gottes angeschaut hatte; diese strahlt in dem Maß von uns aus, wie wir sie beharrlich betrachten. Bei meinem Bruder sehe ich alle Güte, alle Gnade, allen Mut, alle Treue und bei mir alle Fehler. Wie schon vorhin bemerkt, kann ich selbstverständlich nicht besser sein als er, wenn er besser ist als ich; jedoch es handelt sich hier um den Geist, in dem ein Christ wandelt. Keine Parteisucht, keine eitle Ehre ist vorhanden, und es kann nicht anders sein, wenn das Herz auf Christus gerichtet ist. Auf diese Weise werde ich vor einer falschen Wertschätzung meiner selbst bewahrt, denn wenn ich auf die Gnade blicke, so sehe ich Christus. Ohne Zweifel muss ich manchmal auf mich selbst blicken und mich richten; am besten aber ist es, wenn ich dieses gar nicht nötig habe. „In der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seine sehend.“

Verse 5-8

Phil 2,5-8: 5 Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, 6 der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, 7 sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, 8 sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.

Jetzt wendet sich der Apostel zu dem Grundsatz, auf dem dies beruht: „Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war.“ Hier wird uns der Pfad Christi von der Herrlichkeit der Gottheit bis zum Kreuz vorgestellt: Christus tat gerade das Gegenteil von dem, was der erste Adam tat: Er stieg fortwährend hinab. „Da er in Gestalt Gottes war, achtete er es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.“ Und nicht nur ertrug Er alles geduldig, sondern Er machte sich auch zu nichts. Er verließ die Gestalt Gottes und wurde „in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden“, und als Mensch erniedrigte Er sich selbst und nahm die Gestalt eines Knechtes an. Obwohl Er in Gestalt eines Menschen kam, strahlte doch die ganze moralische Herrlichkeit von Ihm aus: im Wort, im Werk, in der Gesinnung und in allen seinen Wegen; aber nachdem Er sich der Herrlichkeit entäußert hatte, stieg Er in Demut immer tiefer hinab, bis es keinen niedrigeren Platz mehr gab. „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2Kor 8,9).

In der Erniedrigung des Herrn gibt es zwei Stufen:

  1. Er entäußerte sich der Gestalt Gottes.
  2. Da Er in Gleichheit eines Menschen erfunden wurde, erniedrigte Er sich selbst und wurde gehorsam.

Nichts zeigt mehr Demut als der Gehorsam; denn wenn wir gehorsam sind, dann haben wir keinen eigenen Willen. Und Er war nicht nur gehorsam, sondern gehorsam bis zum Tod; Er gab nicht nur den Willen, sondern sich selbst völlig auf, und nicht nur bis zum Tod, sondern bis zum Tod am Kreuz, eine Art der Hinrichtung, die zu jener Zeit nur bei Sklaven und Missetätern angewandt wurde. Christus ging geraden Laufs von der Gestalt Gottes hinab bis zum Tod; der ganze Weg war Gehorsam und Erniedrigung, in allem im Gegensatz zu dem ersten Adam. Adam war nicht in der Gestalt Gottes, aber er erhob sich, um Göttern gleich zu sein, und war ungehorsam bis zum Tod – genau das Gegenteil von Christus in dem Geist und dem Charakter seiner Wege. Und so wie Gott gesagt hat: „Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden“ (Lk 14,11), so wurde Adam erniedrigt, weil er sich erhöht hatte.

Verse 9-11

Phil 2,9-11: 9 Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, 10 damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, 11 und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters.

Christus aber wartete, bis Gott Ihn erhöhte; Er erniedrigte sich selbst, und darum hat Gott Ihn auch erhoben. Er hat Ihn als Mensch über alle Werke seiner Hände gesetzt; daher lesen wir: „Ein Gott, der Vater … und ein Herr, Jesus Christus“ (1Kor 8,6). Es handelt sich hier nicht um die Natur des Herrn, sondern um den Platz, zu dem Er erhoben wurde. Gott hat alles unter seine Füße als Mensch gestellt. Alle Dinge sind durch Ihn und für Ihn erschaffen worden, aber Er wird sie alle als Mensch besitzen und als solcher sich Miterben zugesellen. Als Mensch ist Er Erbe aller Dinge, und alle Gläubigen sind seine Miterben. Der Brief an die Kolosser zeigt Ihn uns als Schöpfer, als Sohn Gottes, als Sohn des Menschen und als Erlöser; als Erlöser hat Er ein Recht über alles. Alle Dinge werden durch Ihn versöhnt werden; ich sage nicht „gerechtfertigt“, weil sie nicht gesündigt haben; aber sie sind alle verunreinigt, und wenn Er sie alle versöhnt hat, setzt Er uns als seine Miterben ein. Wir sind wie Eva, die nicht eines der verschiedenen Tiere war, denen Adam Namen gab, weder Herr wie Adam noch das, worüber er Herr war, sondern eine Gehilfin oder eine Gefährtin, um mit ihm über die Dinge zu herrschen. Unter seinem vierten Titel, dem des Erlösers, wird Christus, obwohl alle diese Titel in seiner Person vereinigt bleiben, die Schöpfung zu einem ungetrübten Glück führen. Dies wird unfehlbar in Erfüllung gehen; wir aber kennen die Erlösung schon: „Er hat euch versöhnt“ (Kol 1,21). Die Erlösung ist vollbracht, obwohl deren Ergebnisse noch nicht in Erscheinung getreten sind, so wie gesagt ist: „damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien“ (Jak 1,18).

Dann teilt uns der Apostel mit, dass in uns die gleiche Gesinnung sein soll, die in Christus Jesus war. Gott hatte Ihm einen Leib bereitet (Heb 10,5) oder, wie es an einer anderen Stelle heißt, „die Ohren bereitet“ (buchstäblich: „gegraben“; Ps 40,7). Als Mensch nahm Er den Platz eines Dieners ein. Er, die Fülle der Gottheit, kam in diesem Leib, und darin offenbarte Er den vollkommenen Gehorsam; und jetzt hat Ihn Gott hoch erhoben zu seiner Rechten. Er ist zuerst dort eingegangen; wir sind noch nicht dort, wir sind auf der Erde zurückgelassen, um hier so zu wandeln, wie Er gewandelt hat. Es ist gesegnet, den Platz zu sehen, den Er einnahm. Sein Pfad führte stets abwärts und offenbarte eine Gesinnung, die auch in uns sein soll. Darum sagt Gott: „damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen“. Selbst die höllischen Wesen werden gezwungen sein, sein Recht auf die Herrlichkeit anzuerkennen; sie werden ihre Knie vor Ihm beugen müssen, vor Ihm in seinem Charakter als Erhöhter.

Der erste Adam wurde erst dann das Haupt eines Geschlechts, als er gesündigt hatte, und Christus wurde erst dann das Haupt eines neuen Geschlechts, als Er die Erlösung vollbracht und Haupt der Gerechtigkeit geworden war. Gleichwie Adam ins Paradies eintrat, so trat Christus in die Welt ein; jeder von ihnen begann ein Geschlecht. Die Sünde erfüllte sich – damit endet das Geschlecht des einen. Die Gerechtigkeit erfüllte sich – damit begann das Geschlecht des anderen.

Wenn wir vom Erniedrigen sprechen, so meinen wir, von dem Stolz in uns frei zu werden. Und das ist es gerade, was der Christ lernt und was dem Fleisch nicht gefällt. Durch einen Rest von Hofstolz geleitet, tötete Mose den Ägypter. Dies aber genügte Satan nicht; entweder sollte er den Platz ganz einnehmen oder gar nicht. Die Waffen dieser Welt taugen nicht für die Kämpfe des HERRN; Mose floh, und anstatt zu kämpfen, hütete er vierzig Jahre lang die Schafe, und als Gott ihn dann sandte, konnte er nicht gehen; er fiel von einem Extrem ins andere. In den Einzelheiten unseres Wandels ist es stets unser Platz, zu warten, bis Gott uns erhöht – so wie jener Mensch, der sich unten an den Tisch setzte und dem gesagt wurde: „Freund, rücke höher hinauf“ (Lk 14,7-11). Wenn wir mit dem untersten Platz zufrieden sind, werden wir uns tausenderlei Kränkungen ersparen, die wir sonst erfahren müssten.

 

Nicht nur nahm Christus die Gestalt eines Knechtes an, sondern Er will auch stets Knecht bleiben. Gleichwie Er nie aufhören wird, Mensch zu sein, so wird Er auch nie den wahren Platz des Menschen vor Gott verlassen. Christus nahm die Gestalt eines Menschen an und vollbrachte nach dem Vorbild des hebräischen Knechtes in 2. Mose 21 seine Dienstjahre auf der Erde. Er hätte als Mensch frei ausgehen; Er hätte zu seiner Befreiung zehn Legionen Engel haben können, aber Er machte keinen Gebrauch davon. Wenn der hebräische Knecht erklärte: „Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich will nicht frei ausgehen“ (2Mo 21,5), so wurde sein Ohr mit einer Pfrieme an der Tür durchbohrt, und er war Knecht auf ewig. Ebenso auch Christus. Als der Herr in Johannes 13 im Begriff war, in die Herrlichkeit zu gehen, hätte man denken können, der Dienst habe jetzt ein Ende. Doch dem ist nicht so: Er steht auf aus ihrer Mitte, wo Er als ihr Genosse saß. Er steht auf, umgürtet sich und wäscht ihre Füße; und dies tut Er auch jetzt. Er sagt: Ich kann nicht hier bei euch bleiben, aber ich will euch nicht verlassen; ihr müsst jetzt dort, wo ich hingehe, mit mir Teil haben; wenn ich euch nicht rein genug mache für den Himmel, so könnt ihr dort kein Teil mit mir haben. – Deshalb sorgt Er dafür, dass unsere Füße rein sind.

Aus Lukas 12 lernen wir, dass der Herr in der Herrlichkeit seinen Dienst immer noch fortsetzt: „Er wird sich umgürten und sie sich zu Tisch legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen“ (Lk 12,37). Hier haben wir seinen Dienst in der Herrlichkeit. Es ist seine Herrlichkeit in der Liebe, doch in der Form des Dienstes. Nicht nur wird der Tisch im Himmel für uns gedeckt sein, sondern Christus selbst bedient uns an ihm; Er gibt den Dienst nie auf. Der Selbstsucht gefällt es, bedient zu werden; der Liebe gefällt es, zu dienen. So hört denn Christus nie auf zu dienen, weil Er nie aufhört zu lieben. Seine Liebe, die sich im Dienst zeigt, macht uns alles doppelt köstlich. Wenn ich „im Geist meiner Gesinnung“ zu Gott gebracht worden bin, so kann ich mich wie Christus erniedrigen.

Wir kommen jetzt zu einer Stelle, die manche Seelen beunruhigt, doch ohne Grund, wie wir sehen werden:

Vers 12

Phil 2,12.13: 12 Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern.

Der Irrtum, in den man fällt, besteht darin, dass man unser Wirken dem Wirken Gottes gegenüberstellt, während hier das Wirken des Paulus und das der Philipper einander gegenübergestellt wird. Durch den Verlust des Apostels hatten sie Gott nicht verloren, der wirksam war. Paulus sagte: Jetzt, da ich abwesend bin, bewirkt euer eigenes Heil. – Bis dahin hatte er es für sie getan; er war in apostolischer Sorge den listigen Anläufen Satans entgegengetreten; sein Geist der Weisheit hatte ihnen mitgeteilt, wie sie sich zu verhalten hatten. Jetzt sagt er: Meine Abwesenheit ändert nichts an der gegenwärtigen Macht der Gnade; Gott selbst wirkt in euch. – „Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt vielmehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern.“ Sie mussten jetzt dem Feind begegnen, ohne Paulus als ihren Anführer an der Spitze zu haben. Aber was tut dies zur Sache?, sagt der Apostel: „Bewirkt euer eigenes Heil.“ – Wir werden stets geringer, wenn Gott in uns wirkt.

Wenn der Apostel davon redet, dass wir „unser eigenes Heil mit Furcht und Zittern bewirken“ sollen, so hat er weder unsere Rechtfertigung noch unsere Stellung vor Gott im Auge. Im Philipperbrief bedeutet das Heil stets das Endresultat in der Herrlichkeit. Was war die Wirkung der Erlösung für Israel? Sie wurden nicht nach Kanaan versetzt, sondern mussten den Pfad durch die Wüste betreten. Woher sollten sie Nahrung bekommen, wer sollte ihnen den Sieg über ihre Feinde geben? Denn es gab Feinde auf dem Weg. Ich habe meinen Lauf zu vollenden, indem ich den Namen und Charakter Gottes aufrechthalte; Satan aber versucht, mich daran zu hindern, und deshalb ist Furcht und Zittern da. Ein Israelit in der Wüste war nie darüber im Zweifel, ob er in Ägypten war oder nicht. Ein zweifelnder Christ weiß noch nicht, dass er errettet ist. Ein Israelit mochte einmal kein Manna sammeln und infolgedessen an jenem Tag nichts zu essen haben, aber es kam ihm nie in den Sinn, dass er in Ägypten war. Die Entfernung von Ägypten nach Kanaan betrug, wie wir im Anfang des fünften Buches Mose sehen, nur elf Tagereisen, aber die Kinder Israels reisten, bevor sie in die Ebene Moabs kamen, vierzig Jahre umher, mit Ausnahme des Jahres, das sie am Berg Sinai zubrachten: Denn sie hatten weder Mut noch Glauben. um das Land in Besitz zu nehmen.

So sucht Satan uns auch jetzt zu hindern. Wenn wir zur Betrachtung des Wortes Gottes irgendwo versammelt gewesen sind, so wird er schon auf dem Heimweg versuchen, uns den empfangenen Segen zu rauben. Er wird alles aufbieten, Stolz in uns zu erwecken und uns dadurch zu hindern, den Charakter Christi zu offenbaren. Wenn wir überzeugt sind, dass es uns obliegt, diesen Charakter Christi auf dem Weg durch die Welt zu offenbaren, und dass Satan sich anstrengt, uns daran zu hindern, so werden wir den Ernst der Sache tief fühlen. Petrus sagt: „Wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“ (1Pet 1,17). Satan geht darauf aus, meine Füße zu besudeln oder mich zu veranlassen, Christus auf schändliche Weise zu verunehren. Ich bin im Kampf mit Satan, mit der Welt und mit meinem eigenen Ich; mit Gott aber bin ich in vollkommenem Frieden. Es ist durchaus falsch, das „unsere Seligkeit bewirken“ mit unserem Verhältnis zu Gott zu vermengen. Dieses Verhältnis steht unerschütterlich fest; und mein Vertrauen zu Gott befähigt mich, voranzugehen und meine Seligkeit zu bewirken. Geliebte Brüder, inwieweit tun wir dies? Die Erlösung ist vollendet; aber inwieweit machen wir nichts aus uns selbst und befleißigen uns, das zu offenbaren, was Christus hier war? Dies wird naturgemäß hervorkommen, wenn ich mit Christus erfüllt bin. Ich rede hier nicht davon, dass wir dieses oder jenes tun sollen wie Christus, obwohl dies zuweilen auch der Fall sein kann; sondern es handelt sich um das, was der Apostel sagt: „Jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, wie er rein ist“ (1Joh 3,3).

Das zweite Kapitel stellt uns den Charakter des demütigen Wandels Christi vor Augen; der Herr erniedrigte sich fort und fort, bis ans Ende. Das dritte Kapitel zeigt uns die Kraft und Energie des Lebens mit Christus und als dessen Ziel die Herrlichkeit. Der Zweck ist, genau den Charakter Christi hervorzubringen.

Verse 14-16

Phil 2,14-16: 14 Tut alles ohne Murren und zweifelnde Überlegungen, 15 damit ihr untadelig und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr scheinet wie Lichter in der Welt, 16 darstellend das Wort des Lebens.

Diese Worte sind eine genaue Beschreibung von Christus selbst; jeder einzelne Ausdruck dieser Stelle führt uns Christus vor Augen; Er war dies alles, und wir sollen genau das Gleiche sein. Wie völlig wird das Ich niedergehalten, während Gott in Gnade in uns wirkt! Es wird gerade das hervorgebracht, was Christus war: Er erniedrigte sich beständig selbst und war deshalb untadelig und lauter, Er, der unbescholtene Sohn Gottes, der Ausdruck der göttlichen Gnade, während weder eigener Wille noch menschliche Erhebung, sondern das Gegenteil vorhanden war. Wir sehen hier die vollkommene Schönheit und Segnung dieses göttlichen Lebens. Es ist nicht die Energie des göttlichen Lebens wie im folgenden Kapitel, sondern der Charakter des Gehorsams. Wohin der Pfad des Gehorsams auch führte, dahin ging Christus. Nachdem Er die Gestalt eines Dieners angenommen hatte, bestand seine Vollkommenheit im Gehorchen. Wie ganz anders ist das Ergebnis bei einem Geschöpf, das wie Adam seinen eigenen Willen tut! Welch ein schrecklicher Anblick für die Engel, vor deren Augen sich die Zerstörung der Herrlichkeit Gottes in der Welt vollzieht! Nachdem aber diese Herrlichkeit durch uns zerstört war, kam Christus, und Gott wurde ein Schuldner des Menschen (selbstverständlich nicht unser Schuldner) für seine Herrlichkeit, so wie Er dessen Schuldner für seine Verunehrung gewesen war. Denn durch das Kreuz wurde Gott in seiner wahren Natur verherrlicht. Christus kam, und wir sehen, was die Sünde war: überlegte Feindschaft gegen die Güte Gottes. Alles aber, was Gott ist, ist verherrlicht worden. Seine Majestät ist aufrechterhalten, seine ganze Wahrheit, seine Gerechtigkeit gegen die Sünde, seine vollkommene Liebe sind ans Licht gestellt worden. Das Hinwegtun unserer Sünden ist nur ein kleiner Teil der Herrlichkeit des Kreuzes; es ist die Grundlage der ewigen Herrlichkeit und Glückseligkeit.

Ich möchte hier noch eine Bemerkung machen. Durch das ganze Kapitel hindurch zieht sich der Geist der Gnade und der zarten Rücksicht für andere; er zeigt sich in seinen Einzelheiten in ausnehmend schöner Weise. Es ist außerordentlich köstlich, zu sehen, dass dies alles seinen Fortgang hatte zu einer Zeit, wo die Kirche schon im Verfall war. „Denn alle suchen das Ihre“, sagte der Apostel schon damals. Welch eine Unkenntnis verraten wir oft, wenn von dem wahren Zustand der ersten Kirche die Rede ist! Paulus sagte schon: „Alle suchen das Ihre“, und später stand es noch weit schlechter. Ich erwähne dies, weil darin etwas Tröstliches für uns liegt; denn der Apostel ermahnt die Heiligen, diesen Pfad der Hingabe und der Gnade zu verfolgen, trotz des Zustandes, der sie umgibt. Etwas Ähnliches sehen wir bei Elias, als er in den Himmel entrückt wurde, ohne durch den Tod zu gehen, zu einer Zeit, da er außer sich selbst niemand finden konnte, der nicht vor dem Baal die Knie gebeugt hätte, obwohl Gott deren 7000 kannte und auch wusste, wo sie zu finden waren. Ebenso treten uns bei David herrlichere Dinge entgegen als jemals in den Tagen Salomos. Salomo ging nach Gibeon, wo die Bundeslade nicht war, um dort zu opfern, und niemals lehrte er die Israeliten, bei der Bundeslade in Zion zu singen: „Seine Güte währt ewiglich“ (Ps 136,1). Sein Herz war nie in dem Zustand, dass Gott es zu Lobgesängen über Christus stimmen konnte, wie dies bei David der Fall war.

Der Apostel ermahnt uns, nie mutlos zu werden und uns alles dessen zu erfreuen, was gut ist. Wenn wir sehen, dass alle das Ihre suchen, dann sollten wir umso mehr trachten, Christus ähnlich zu sein. Welch ein Trost, dass das Haupt nie versagen kann, auch wenn dies bei den Gliedern der Fall ist. Es ist unmöglich, dass ich mich in einer Lage befinde, in der Christus in all der Fülle seiner Macht und Gnade nicht genügend ist. Was wir bedürfen, ist, in Demut zu seinen Füßen zu sitzen, zu den Füßen des Ratgebers unserer Herzen. Wenn wir mit Gott im Licht sind, so haben wir das Bewusstsein unseres Nichts, und wenn alle das Ihre suchen, so tritt seine Gnade und Huld nur umso mehr hervor. Der Herr gebe uns Gnade, auf Ihn zu blicken, der unser Leben und unsere Kraft ist!

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Originaltitel: „Das Buch der Erfahrung“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1878, S. 32–45.
Von SoundWords sprachlich leicht bearbeitet.

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