Der Prediger (10)
Prediger 7,1-14: Traurige Erfahrungen und wahre Weisheit

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 10.10.2018

 

2   Meine ersten Untersuchungen
(Prediger 2,1–8,8)
   


Prediger 7,1-14

2.9   Neunte Untersuchung
(Prediger 7,1-14)

 

Negativ:
Sich abzumühen nutzt nichts, denn der Mensch kann das wirklich Wertvolle sowieso nicht unterscheiden

Positiv:
a) Die Vorteile trauriger Erfahrungen
b) Die Erhabenheit und Weisheit der Regierung Gottes
c) Das Beschützen der wahren Weisheit ist Gottesfurcht

 

Ich möchte dich jetzt einmal auf einen ganz anderen Aspekt meiner Behauptung hinweisen, dass es keinen bleibenden Wert hat, wenn der Mensch sich abmüht: Die meisten Menschen sind nicht einmal an der Frage interessiert, was der Sinn der Dinge ist. Warum sonst sollten sich so viele Menschen dem oberflächlichen Vergnügen hingeben, anstatt über den Ernst des Lebens nachzudenken? Lass mich dich, um dies einmal genauer zu verdeutlichen, in ein Trauerhaus mitnehmen.

7,1 Besser ein guter Name als gutes Salböl, und der Tag des Todes als der Tag, an dem einer geboren wird..

Du weißt, dass das Sprichwort sagt: „Ein guter Name ist besser als gutes Öl; Öl ist sehr wichtig, allerdings hast du an einem guten Ruf noch mehr.“ Nun, auf dieselbe Weise möchte ich sagen: Jemandes Todestag ist für uns nützlicher als jemandes Geburtstag. Eine Geburt zu erleben, ist herrlich; erlebt man aber einen Todesfall, kann man mehr davon lernen.

7,2 Besser, in das Haus der Trauer zu gehen, als in das Haus des Festmahls zu gehen, weil jenes das Ende aller Menschen ist; und der Lebende nimmt es zu Herzen.

Deswegen kannst du besser in ein Trauerhaus gehen als in ein Haus, wo ein Fest gefeiert wird. Denn in einem Trauerhaus wird der Mensch wieder einmal mit der Zerbrechlichkeit unseres Lebens konfrontiert; dort kommen die Lebenden wieder einmal mit der unauslöschlichen Tatsache des Todes in Berührung, die auf uns alle wartet. Lachen ist schön und angenehm; doch Trauer ist lehrreicher und nützlicher, denn sie konfrontiert uns mit dem Ernst des Lebens und mit der Frage nach dem Sinn von allem.

7,3 Besser Bekümmernis als Lachen; denn bei traurigem Angesicht ist es dem Herzen wohl.

Trauer bedeutet gewiss nicht immer Niedergeschlagenheit oder auch Verzweiflung, denn wenn die Trauer ins Gesicht geschrieben steht, kann es um das Herz dennoch gut stehen. Trauer kann uns ja zu Gott hintreiben, mehr als wenn wir Vergnügen haben.

7,4 Das Herz der Weisen ist im Haus der Trauer, und das Herz der Toren im Haus der Freude.

Deswegen fühlt der Weise, der um den Segen weiß, der in der Trauer vorhanden sein kann, sich mehr von einem Trauerhaus als von einem Festrausch angezogen. Der Tor hingegen fühlt sich auf einem lautstarken Fest wohler, wo er den Ernst des Lebens gerade verdrängen kann. Ich hoffe, dass du nicht zu diesen Narren gehörst.

7,5 Besser, das Schelten der Weisen zu hören, als dass einer den Gesang der Toren hört.

Besser kannst du einer ernsten Zurechtweisung zuhören, die ein Weiser dir angedeihen lassen muss – auch wenn das nicht schön ist –, als dem hohlen Festgelalle der Toren, auch wenn das noch so schön scheint.

7,6 Denn wie das Geknister der Dornen unter dem Topf, so ist das Lachen des Toren. Auch das ist Eitelkeit.

Du hast jedoch wirklich nichts davon: Der unsinnige Spaß der Toren ist wie brennende Dornen unter einem Kessel: viel Geknister, aber wenig Hitze. Auch dies ist wertlos, sinnlos und nutzlos, auch wenn sich furchtbar viele Menschen dem oberflächlichen Vergnügungen hingeben. Die meisten Menschen haben offensichtlich nicht vor Augen, worauf es im Leben ankommt. Ach, sie sind auch einfach nicht in der Lage, die bleibenden Werte der Dinge zu unterscheiden.

7,7 Denn die Erpressung macht den Weisen toll, und das Bestechungsgeschenk richtet das Herz zugrunde.

Sogar ein weiser Mensch kann ja auf einmal von der Begierde nach Besitz überfallen werden und sogar bereit sein, hierzu andere Menschen auszunutzen. Sogar ein Weiser kann auf einmal in Korruption verfallen und sich damit moralisch zugrunde richten. Auch er scheint dann auf einmal glatt vergessen zu haben, dass seine Weisheit und seine Moral um einiges wichtiger sind als das gewöhnliche Geld.

7,8 Besser das Ende einer Sache als ihr Anfang; besser der Langmütige als der Hochmütige.

Siehst du, wie schwer es den Menschen (selbst den weisen Menschen) fällt, die Dinge ihrem Stellenwert nach zu beurteilen? Das gilt für die gegenwärtigen Dinge und erst recht für die zukünftigen Dinge. Wir können eine bestimmte Sache nicht im Vorhinein übersehen. Deswegen können wir, wenn es auf die Beurteilung einer Sache ankommt, besser eine Nachbetrachtung anstellen als zu Beginn vorschnell für sie eintreten. Im Nachhinein können wir viel besser ihren Wert und Sinn beurteilen als vorab, denn vorab wissen wir noch nicht, worauf die Sache unter Gottes Führung hinauslaufen wird. Aber ja, oft fehlt es uns an Geduld, um den Lauf der Dinge abzuwarten. Wir sind oft hochmütig, indem wir im Vorhinein unser Urteil schon fertig haben, anstatt geduldig und demütig abzuwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Erst hinterher kann man vielleicht ein besonnenes und realistisches Urteil darüber abgeben, wie Gott die Dinge gefügt hat

7,9 Sei nicht vorschnell in deinem Geist zum Unwillen, denn der Unwille ruht im Innern der Toren.

Wenn ein Mensch diese Geduld aufbringt, braucht er sich auch nicht sogleich zu ärgern, wenn er auf Dinge stößt, die er nicht verstehen kann, deren Sinn er nicht einsieht. Sich ständig aufzuregen, ist eine Eigenschaft, die im Gewandbausch des Toren haust; der Weise jedoch weiß sich der Führung Gottes zu fügen.

7,10 Sprich nicht: Wie kommt es, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn nicht aus Weisheit fragst du danach.

Ein Beispiel für dieses dumme Sichärgern ist die Frage, die man öfter hört: „Wie kommt es, dass die früheren Zeiten besser waren, als die heutigen?“ Das ist eine Frage, die gewiss nicht durch Weisheit eingegeben wurde, denn wenn es wahr wäre, was hier gefragt wird (was lange nicht immer und in jeder Hinsicht der Fall ist!), dann ist es töricht, nach dem Warum zu fragen. Du musst dich über das Heute nicht aufregen, denn das ist Unzufriedenheit Gott gegenüber, und du solltest auch nicht übermütig fragen, was du sowieso nicht verstehst, denn das ist Hochmut. Ertrage geduldig das Heute, auch wenn du es so viel schlechter findest als das Gestern; wer erträgt, ist wirklich weise. Ich habe gesagt, dass es viele Menschen gibt, die dem Reichtum großen Wert beimessen.

7,11 Weisheit ist gut wie ein Erbbesitz und ein Vorteil für die, welche die Sonne sehen.

Nun will ich davon nichts wegnehmen, wohl aber anmerken, dass Weisheit dann doch in jedem Fall mindestens ein gleichwertig kostbares Gut für Menschen ist, die im Sonnenlicht umhergehen.

7,12 Denn im Schatten ist, wer Weisheit hat, im Schatten, wer Geld hat; aber der Gewinn der Erkenntnis ist dieser, dass die Weisheit ihren Besitzern Leben gibt.

In der hellen Sonne hast du den Wunsch nach Schatten. Nun, das Geld bietet bildlich gesprochen einen solchen Schatten; es beschirmt vor allerlei Unannehmlichkeiten. Allerdings bietet die Weisheit mindestens ebenso viel Schatten! Stärker gesagt: Die Weisheit (das ist die Gottesfurcht) kann etwas, was Geld nicht kann: Sie schenkt denen, die sie besitzen, Leben. Erst die wahre Gottesfurcht lässt dich wirklich leben: Leben in Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

7,13 Schau das Werk Gottes an; denn wer kann gerademachen, was er gekrümmt hat?

Dann lebst du auch in der wahren Demut Gott gegenüber, wovon ich soeben sprach. Dann wirst du achtgeben auf die Hand Gottes in deinem Leben und in der Geschichte. Und dann wirst du dich auch demütig seiner Führung fügen in dem Bewusstsein, dass du daran sowieso nichts ändern kannst. Wer kann gerademachen, was Er gekrümmt hat? Mit all unserem Hochmut, unserem Ärger und unseren Warum-Fragen können wir an Gottes Tun keinen Stich ändern, selbst wenn sein Handeln uns noch so eigenartig vorkommt.

7,14 Am Tag des Wohlergehens sei guter Dinge; aber am Tag des Unglücks bedenke: Auch diesen wie jenen hat Gott gemacht, damit der Mensch nicht irgendetwas nach sich finde.

Sei darum guten Mutes in Tagen des Wohlstands, und wenn Tage des Unglücks kommen, sei dir bewusst, dass Gott diese Tage ebenso in deinem Leben gefügt hat. Er weiß besser, was für dich gut ist, als du selbst. Kannst du dein Leben überblicken? Du kannst nicht in die Zukunft sehen, Gott aber wohl. Er wirkt in unserem Leben hin zu seinem Ziel, ein Ziel, das wir selbst nicht kennen.

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Übersetzung: Stephan Winterhoff

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