Der Prediger (0)
Einführung

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 20.11.2006, aktualisiert: 24.09.2018

In dieser Artikelserie will ich den Text des Buches Prediger paraphrasieren. Diese Paraphrase ist also streng genommen keine Übersetzung, sondern mehr eine Übertragung, eine freie Wiedergabe des Inhaltes des Buches Prediger, um es für den modernen westlichen Leser leichter zugänglich zu machen. Man wird schnell bemerken, dass der paraphrasierte Text etwa zweimal so lang wie der ursprüngliche Bibeltext geworden ist. Der Zugang wird übrigens erst dann leichter gelingen, wenn der Leser bereit ist, von dieser Paraphrase so viel wie möglich nacheinander durchzulesen und dies am besten noch einige Male zu wiederholen.

Er wird dann feststellen, dass eine lange Einleitung eigentlich überflüssig ist, weil der Text für sich selbst spricht. Ich sehe hier von langen Diskussionen bezüglich der Frage, wer der Autor des Buches Prediger ist und in welcher Zeit es geschrieben wurde, ab. Die Ausleger verschwenden auf solche Fragen oft viele Buchseiten, ohne dass der Inhalt des Buches dadurch auch nur ein bisschen mehr verdeutlicht wird. Darum sehe ich davon ab. Allerdings muss ich hier einige Besonderheiten meiner Übertragung kurz behandeln.

Besonderheiten der Übertragung

1. Abstufung

Ich fürchte, es gibt noch etliche Christen, die sich insgeheim fragen, wie das Buch Prediger jemals in die Bibel gekommen ist. Schon beim ersten Ausspruch „Alles ist Eitelkeit“ meinen sie, auf Zynismus zu stoßen, der doch der Schrift eigentlich fremd ist. Sie begreifen nicht, dass eine solche Aussage nicht so „schwarzweiß“ ist wie z.B. viele Aussagen Christi in der Bergpredigt. Es geht hier um eine bestimmte Form von altorientalischem Weisheitsunterricht, der Weisheit gerne in leuchtenden Farben malt, um damit dem Schüler die Lektion besser einzutrichtern. Vergleichen wir einmal Prediger 12,11, wo die Worte der Weisen mit „eingeschlagenen Nägeln“ verglichen werden! Dass der Prediger niemals gemeint haben kann, dass alles (im buchstäblichen Sinne des Wortes) „Eitelkeit“ ist, geht aus den vielen Dingen hervor, die er in seinem Buch aufzählt, die nicht „eitel“ (sinnlos, fruchtleer) sind. Ich zähle hier einige auf. In meiner Übertragung des Buches Prediger habe ich solche krassen, altorientalischen Schwarzweiß-Aussagen stets abgemildert, um dem modernen westlichen Leser zu helfen, sie in ihrer eigentlichen Bedeutung zu verstehen.

2. Redepolitik

Eine der großen Schwierigkeiten bei der Auslegung des Buches Prediger ist, dem Gedankengang innerhalb der verschiedenen Abschnitte zu folgen. Manchmal scheinen einige Sprüche wie loser Sand aneinanderzuhängen. Auch das ist typisch altorientalischer Stil. Es scheint manchmal, als ob der Schreiber uns durch seine Sprüche absichtlich vor Rätsel stellt, die oft so scheinbar ohne Zusammenhang aneinandergereiht werden. In meiner Übertragung habe ich versucht zu zeigen, dass es da durchaus einen Zusammenhang gibt. Damit gebe ich direkt zu, dass andere bei bestimmten Stellen den Zusammenhang anders ausgelegt haben würden. Aber ich bin persönlich davon überzeugt, dass der Zusammenhang, so wie ich ihn in Anlehnung an maßgebliche Ausleger angebe, sehr gut haltbar ist. In dieser Artikelserie habe ich darauf verzichtet, meine Auswahl von allerlei Auslegungen zu verteidigen. Allerdings nenne ich einen Grund, weshalb der Zusammenhang häufig so schwer zu durchschauen ist. Der Prediger zitiert offenbar einst bekannte Sprichworte und wendet dieses Sprichwort dann unmittelbar auf eine konkrete Situation an. Einige Beispiele: Kapitel 7 und 10 beginnen beide mit einem Sprichwort, unmittelbar gefolgt von ihrer Anwendung. In meiner Übertragung gebe ich solche Stellen mit folgender Konstruktion wieder: „so …“ (siehe Text).

3. Einteilung

Zum Dritten habe ich versucht, den Text des Buches Prediger durch eine Einteilung durchsichtiger zu machen, die an manchen Stellen ziemlich weit durchgeführt wurde. Auch eine solche Einteilung ist natürlich ziemlich persönlich, und ich muss dazu sagen, dass unterschiedliche Ausleger andere Einteilungen geben. Doch meine ich auch hier sagen zu dürfen, dass meine Einteilung ausreichend durch Kommentare unterstützt wird.

Anmerkungen zum Inhalt des Buches

Auch über den Inhalt des Buches Prediger möchte ich einige einleitende Anmerkungen machen; zuerst dazu, was das Buch meiner Meinung nach nicht ist.

  1. Wie gesagt, darf man das Buch gewiss nicht zynisch nennen; im Gegenteil, es ist ein mächtiges Zeugnis hinsichtlich des Wertes der wahren „Furcht Gottes“, sowohl im gewöhnlichen alltäglichen irdischen Leben als auch (vor allem) bezüglich der ewigen Dinge.

  2. Auch scheint es mir ganz und gar nicht korrekt, zu sagen, dass der Prediger, obwohl selbst wiedergeboren, sich in diesem Buch auf den Standpunkt des natürlichen (ungläubigen) Menschen stellt. Unter allen Umständen bleibt er in diesem Buch der Gläubige und spricht auch als solcher. Sein stets wiederholter Ausspruch „Alles ist Eitelkeit“ ist dann auch kein Ausdruck von Verzweiflung, sondern eine nüchterne, gläubige Feststellung bezüglich sturer Erfahrungstatsachen, besonders des Mangels von viel bleibendem Nutzen all unserer Plackerei auf Erden. Diese Feststellung bedeutet dann eine Desillusionierung für den Prediger, das ist wohl wahr. Doch solche Enttäuschungen gehören nun einmal zum Glaubensleben auf Erden dazu. Gleichzeitig weiß der Prediger von Beginn bis zum Ende recht gut darum, dass sich bleibende Werte zutiefst nur in Frömmigkeit, im Vertrauen auf Gott und im ewigen Heil befinden. Übrigens, selbst in all unserer irdischen Arbeit steckt durchaus viel zeitlicher Wert, wie uns derselbe Prediger versichert.

  3. Streng genommen ist es auch nicht richtig, dass der Prediger sich auf den Standpunkt eines wiedergeborenen Menschen stellt, der allein von Gott als Schöpfer und Erhalter hätte wissen müssen, oder von dem, was man in Anlehnung an Offenbarung 14,6 das „ewige Evangelium“ nennt. Es ist sicher bemerkenswert, dass der Prediger z.B. den Namen des HERRN (Jahwe) nicht nennt. Andererseits jedoch weiß er offenkundig viele Dinge, die man nur wissen kann, wenn man die Gottesoffenbarung kennt, so wie sie in Gottes Wort enthalten ist. Ich denke beispielsweise an

    • Gottes Gebote oder das Gesetz (Pred 12,13), darunter z.B. das Gesetz oder die Verheißungen (Pred 5,1-6),
    • das geschriebene Wort Gottes (Pred 12,11: „Worte der Weisen“),
    • die ursprünglich gute Schöpfung des Menschen und dann auch den Sündenfall (Pred 7,29),
    • den Tempel- und Opferdienst (Pred 4,17–5,6; 9,2) und auch an den Priester (der „Bote Gottes“, Pred 5,5),
    • das Jenseits (Pred 12,5.7),
    • den Tag des Gerichts (Pred 3,17; 11,9; 12,14).

Dies alles weist darauf hin, dass das Buch Prediger eine viel positivere Botschaft enthält, als die meisten oberflächlichen Leser denken. Man könnte diese positiven Lehren in diesem Buch vielleicht wie folgt zusammenfassen:

1. Lektionen für das zeitliche Leben

Diese sind nur mit wahrer Gottesfurcht wirklich zu verstehen! Der Nutzen des Guten:

1. Allgemein: Der Nutzen der Wahrheit

Wenn die Weisheit (weise Umsicht, Gottesfurcht) in diesem irdischen Leben auch keinen bleibenden Wert mit sich bringt, bewirkt man mit ihr in jedem Fall mehr als mit der Torheit allein körperlicher Kraft. Weise Worte bewirken mehr als törichtes Geschrei.

2. Speziell: Allerlei Nutzen

  1. Vorteile des Reichtums
    Wenn Reichtum und Besitz auch keinen ewigen Wert besitzen, geben sie in diesem irdischen Leben oft viel Freude und Vergnügen, wenn Gott dir dazu nach seiner Fügung wenigstens Gelegenheit gibt.

  2. Der Nutzen der Arbeit
    Auch wenn die Plackerei des Menschen keine bleibende Frucht bringt, hat fleißige, gut geplante Arbeit viel Nutzen gegenüber Faulheit – während Ruhe zur rechten Zeit auch herrlich ist.

  3. Nutzen der Zusammenarbeit
    Auch wenn das Leben noch so flüchtig und fruchtleer ist, bringt Zusammenarbeit gegenseitige Unterstützung und viele Vorteile gegenüber dem Alleinsein.

  4. Vorteile einer guten Regierung
    Auch wenn der weiseste König unvollkommen und die Gunst des Volkes sehr unbeständig ist, hat eine gute Regierung einer schlechten Regierung gegenüber viele Vorteile.

  5. Nutzen von traurigen Erfahrungen
    Auch wenn Kummer nicht angenehm ist, lernt man auf jeden Fall etwas über den Ernst des Lebens und wird dadurch auch näher zu Gott getrieben.

Zusammenfassend: Dank sei Gott für die täglichen irdischen Annehmlichkeiten; für den Segen von Arbeit und Ruhe; für unsere Liebsten und Freunde; für gute, kluge Obrigkeiten; sogar für die traurigen Erfahrungen.

2. Lektionen für die Ewigkeit (das Evangelium im Keim!)

1. Die Lehre von der Sünde

Gott hat den Menschen gut geschaffen; Er ist nicht der Urheber all der Leiden und der Gottlosigkeit in dieser Welt. Der Mensch ist aufgrund des Sündenfalls selbst die Ursache, und er denkt sich noch stets neue Bosheiten aus. Daher gibt es so schrecklich wenig Weise und so furchtbar viel Toren in der Welt.

2. Der Glaube an Gott

  1. Gottesfurcht
    Wer Gott fürchtet (ehrt, achtet, liebt, vertraut), wird die rechte Haltung in seinem Haus einnehmen, übergibt sich in Glaubenszuversicht Gott, nimmt inmitten seiner Mitmenschen die rechte Einstellung zum Leben ein und wird dadurch vor allerlei Gefahren beschützt. Mit der Gottesfurcht kann man nicht früh genug im Leben beginnen und das ganze Leben sollte man danach ausrichten.

  2. Gottes Wort
    Der gottesfürchtige Mensch lässt sich in diesem Leben durch das in den Worten der Weisen festgehaltene Wort Gotte leiten.

3. Die Zukunft

  1. Die Erhabenheit von Gottes Ordnung
    Auch wenn der Mensch unmöglich die Regierung Gottes ergründen kann (weshalb er oft vor schmerzlichen Rätseln steht), kann er doch auf Gottes Weisheit vertrauen, die weit über seine eigene hinausgeht.

  2. Mit dem Tod ist nicht alles aus
    Auch wenn der Mensch stirbt, darf er doch im Glaubensvertrauen seinen Lebensodem in Gottes Hand zurücklegen und in sein ewiges Haus einziehen (das Jenseits).

  3. Das Gericht
    Der Gläubige weiß, dass Gottes Regierung schlussendlich ihre vollkommene Erfüllung findet im ewigen Wohltun an den Gläubigen und die ewige Vergeltung an den Gottlosen.

Dies mag als Einleitung genügen; für den Rest muss das Buch selber sorgen. Lies es immer wieder und genieße die köstliche Weisheit des weisesten Menschen auf Erden. Dann wirst auch du dich hoffentlich davon überzeugen, dass dieses Buch ebenso von Gott inspiriert ist wie alle anderen Bibelbücher.

Nächster Teil


Übersetzt aus Bode des Heils in Christus

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