Der Brief an die Hebräer (4)
Kapitel 4

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 28.04.2020, aktualisiert: 15.05.2020

Christus – erhabener als Josua

Im vierten Kapitel stellt der Schreiber einen neuen Kontrast dar: Er vergleicht Josua, den großen Heerführer in Israels Geschichte, mit Christus, unserem großen geistlichen Führer. Josua brachte die Kinder Israel zu ihrer verheißenen Ruhe nach Kanaan, was ein irdisches und zeitliches Erbteil war. Somit hätten sie es wieder aus ihrer Hand verlieren können, was leider auch einige Jahre danach so kam. Christus jedoch bringt die Gläubigen in Gottes ewige Ruhe. Diese ist nicht materiell, sondern geistlich und kann nie wieder verloren werden. Der Kontrast ist unbeschreiblich und lässt Christus weit über Josua herausragen.

Die Ruhe, zu der die Wüstenreise führt (Heb 4,1-11)

Vers 1

Nachdem der Schreiber den Einschub am Ende von Kapitel 3 zum Abschluss bringt, kommt er wieder zurück zu den warnenden Worten vor den Gefahren des Abfalls. Er sagt ihnen, dass sie sich „fürchten“ sollten, dass nicht etwa jemand der Glaube fehlte und auf dem Weg in die „Ruhe“ Gottes zurückgeblieben sei. Das zeigt also, dass bei manchen wirklich die Gefahr bestand, dieses göttliche Ziel nicht zu erreichen und auf ewig verloren zu gehen.

Heb 4,1: Fürchten wir uns nun, dass nicht etwa, da eine Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein!

Die „Ruhe“ Gottes, von der er in diesem Kapitel spricht, ist etwas Zukünftiges. Es ist keine Grabinschrift. Auch ist es keine gegenwärtige Ruhe, die der Herr denen gibt, die unter der Last stehen, das Gesetz zu halten stehen (Mt 11,28.29). Es handelt sich auch nicht um die Ruhe in unseren Seelen, weil wir wissen, dass der Herr all unsere Lebensumstände unter Kontrolle hat (2Thes 1,7; Jes 26,3). Auch um eine Ruhe für unsere müden Körper nach einem anstrengenden Dienst für den Herrn geht es hier nicht (Mk 6,31). Wie schon gesagt, es ist ein zukünftiger Zustand, den die Heiligen im Tausendjährigen Reich erreichen werden. J.N. Darby sagte:

in Hebräer 4 wurde die Ruhe Gottes in ihrem Charakter unbestimmt gelassen, damit sie sowohl den himmlischen als auch den irdischen Teil der 1000-jährigen Regierung unseres Herrn umfasse.[1]

Die Ruhe Gottes wird dann schlussendlich in den ewigen Zustand führen. W. Scott sagte:

In Hebräer 3 und 4 wird von der Ruhe Gottes gesprochen; auch diese wird erst im ewigen Zustand in vollem Umfang Wirklichkeit werden.[2]

Vers 2

Heb 4,2: Denn auch uns ist eine gute Botschaft verkündigt worden, wie auch jenen; aber das Wort der Verkündigung nützte jenen nicht, weil es bei denen, die es hörten, nicht mit dem Glauben verbunden war.

Wenn es hier heißt, dass „uns eine gute Botschaft verkündigt worden ist, wie auch jenen“, dann ist damit gemeint, dass wir Empfänger der guten Botschaft Gottes waren, so wie die Kinder Israel in der Vergangenheit Empfänger einer guten Botschaft waren. Das heißt aber nicht, dass beide dieselbe Botschaft bekommen hätten. Wir haben das Evangelium der Gnade Gottes empfangen, das erst nach der vollbrachten Erlösung verkündigt wurde (Apg 20,24). Die gute Botschaft, die Israel in der Wüste empfangen hatte, war das Wort, das die Kundschafter dem Volk in Kades bezüglich des Landes Kanaan brachten (4Mo 13,26.27; 5Mo 1,25). Die Gefahr, die der Schreiber hier versucht deutlich zu machen, ist, dass der „Bericht“, den Israel am Tag der Versuchung bekam, „nicht mit Glauben verbunden war“ und jenen deswegen nichts nützte. So kann es uns auch mit dem Evangelium, das wir gehört haben, ergehen.

Vers 3

Heb 4,3: Denn wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe ein, wie er gesagt hat: „So schwor ich in meinem Zorn: Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“, obwohl die Werke von Grundlegung der Welt an geworden waren.

Der Gläubige und nur der Gläubige wird in Gottes Ruhe eingehen. Das leitet der Schreiber aus Psalm 95 ab. Wenn diejenigen, die nicht glauben, nicht in die Ruhe eingehen werden, dann werden nur diejenigen, die glauben, dieses Ziel erreichen; so seine Schlussfolgerung. Nach F.B. Hole ist der Wortlaut in dem Zitat ein gebräuchlicher Ausdruck in der hebräischen Sprache.

Verse 4-10

Heb 4,4-10: 4 Denn er hat irgendwo von dem siebten Tag so gesprochen: „Und Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken.“ 5 Und an dieser Stelle wiederum: „Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“ 6 Weil nun übrigbleibt, dass einige in sie eingehen und die, denen zuerst die gute Botschaft verkündigt worden ist, des Ungehorsams wegen nicht eingegangen sind, 7 so bestimmt er wiederum einen gewissen Tag: „Heute“, in David nach so langer Zeit sagend, wie vorhin gesagt worden ist: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.“ 8 Denn wenn Josua sie zur Ruhe gebracht hätte, so würde er danach nicht von einem anderen Tag geredet haben. 9 Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig. 10 Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch selbst zur Ruhe gelangt von seinen Werken, wie Gott von seinen eigenen.

In diesen Versen beweist der Schreiber aus der Schrift, dass die wahre Ruhe Gottes erst in der Zukunft kommt. Kanaans Ruhe, in die Josua Israel führte, ist in eine Vorschattung von Gottes ewiger Ruhe. Er betont das hier, weil die Juden dachten, dass Gottes Ruhe in Kanaan wäre und nicht darüber hinausginge. Er sagt: „Die Werke waren von Grundlegung der Welt an geworden. Denn er hat irgendwo von dem siebten Tag so gesprochen: ,Und Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken‘“ (Heb 4,3.4). Dieses Zitat aus 1. Mose 2,2 wird aufgeführt, um zu zeigen, dass Gott schon zu Beginn der Schöpfung eine endgültige Ruhe vor sich hatte. Wir lernen daraus, dass diese Ruhe von zwei Dingen charakterisiert wird: zum einen seine Zufriedenheit über sein vollbrachtes Werk und zum anderen die Beendigung seines Werkes. J.N. Darby sagte, dass durch den Fall des Menschen nun ein Zustand besteht, in dem „Heiligkeit nicht ruhen kann, wo Sünde ist, und Liebe nicht ruhen kann, wo Leid ist“. Weil Gott nur in dem ruhen kann, was seine Liebe und Heiligkeit zufriedenstellt, ist es klar, dass Er noch nicht in seine Ruhe eingegangen ist. Es steht also noch eine Ruhe aus, die mit dem ewigen Zustand erreicht wird, wenn Gott all seine Werke beenden wird (Off 21,6: „Es ist geschehen“). Bis dahin kann Er noch nicht befriedigt sein, solange Sünde in der Welt existiert. Und seit diese in die Welt gekommen ist, wirkt Er zu seinem göttlichen Ziel und Ende hin (vgl. Joh 5,17).

Verse 5.6

Heb 4,5.6: 5 Und an dieser Stelle wiederum: „Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“ 6 Weil nun übrigbleibt, dass einige in sie eingehen und die, denen zuerst die gute Botschaft verkündigt worden ist, des Ungehorsams wegen nicht eingegangen sind, …

Der Schreiber bezieht sich wieder zurück auf Psalm 95. Er sagt: „Und an dieser Stelle wiederum: ,Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!‘“ Wie schon erwähnt, handelt es sich hier um eine hebräische Redensart, die auf das tatsächliche Zitat im Psalm 95 zurückzuführen ist. Seine Betonung ist hier auf dem Wort „werden“, was in die Zukunft deutet. Das zeigt, das Gottes endgültige Ruhe noch aussteht.

Verse 7-10

Heb 4,7-10: … 7 so bestimmt er wiederum einen gewissen Tag: „Heute“, in David nach so langer Zeit sagend, wie vorhin gesagt worden ist: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.“ 8 Denn wenn Josua sie zur Ruhe gebracht hätte, so würde er danach nicht von einem anderen Tag geredet haben. 9 Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig. 10 Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch selbst zur Ruhe gelangt von seinen Werken, wie Gott von seinen eigenen.

Der Schreiber nimmt noch einmal Bezug auf Psalm 95; dieses Mal betont er, dass der Psalm eine lange Zeit nach dem Einzug Israel in das Land Kanaan durch Josua geschrieben wurde. In dem Psalm spricht David von Menschen, die in der Gefahr standen, nicht in Gottes Ruhe einzugehen (Ps 95,11). Welche Ruhe meint er hier, wenn Israel durch die Hand Josuas schon seine Ruhe Hunderte Jahre vorher erreicht hätte? Die Argumentation des Schreibers ist folgendermaßen: Wenn Josua sie zur Ruhe gebracht hätte, warum würde David danach von einem anderen Tag der Ruhe reden? (Im Griechischen sowie in manchen Übersetzungen wie der englischen King-James-Übersetzung steht hier sogar „Jesus“ – das griechische Wort für „Josua“). Seine Schlussfolgerung ist also, dass „eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrigbleibt“, die noch in der Zukunft liegt. In Vers 10 erinnert er die Hebräer noch einmal, dass das große Kennzeichen dieser Ruhe eine komplette Beendigung aller Arbeit ist. Wer in sie eingeht, wird auf ewig mit Gott ruhen.

Vers 11

Heb 4,11: Lasst uns nun Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle.

Weil es definitiv diese kommende Ruhe gibt, ermahnt der Schreiber die Hebräer, Fleiß anzuwenden, „in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle“. Sie sollten sicher sein, dass ihr Glaube echt war, und sich in diesem auch bewähren, indem sie weiterhin auf dem Weg blieben. Der Ausdruck „Fleiß anwenden“ steht im Griechischen im Aorist und bedeutet, dass es eine ein für alle Mal getroffene Entscheidung sein sollte, mit Ausdauer auf dem Pfad zu beharren.

In den Kapiteln 3 und 4 nennt er drei Ruhen:

  • die Schöpfungsruhe – ruiniert durch Sünde
  • die Ruhe Kanaans – verwirkt durch Unglauben
  • die ewige Ruhe – den Glaubenden zugesichert

Die dreifache Vorsorge Gottes, um uns zu helfen, diese Ruhe zu erreichen (Heb 4,12-16)

Der Schreiber fährt fort und spricht von der Vorsorge, die Gott für uns bereitgestellt hat, damit wir seine Ruhe nicht verfehlen. Er erwähnt drei große Dinge:

Verse 12.13

Das Wort Gottes

Heb 4,12.13: 12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens; 13 und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben.

Das Erste ist „das Wort Gottes“. Es nützt jeder Person, die es in einem „guten und redlichem Herzen“ bewahrt (Lk 8,15). In diesem Abschnitt wird das Wort Gottes in Verbindung mit Korrektur erwähnt, die, wenn sie zu Herzen genommen wird, unserer Bewahrung auf dem Wüstenweg dient. W. Kelly sagte:

Das Wort Gottes ist die notwendige Korrektur, wie wir es hier sehen.[3]

In diesem Zusammenhang nennt der Schreiber im Folgenden besondere Eigenschaften des Wortes:

  1. Das Wort Gottes ist „lebendig“, das heißt geistlich lebendig. Wenn es von dem Geist Gottes angewendet wird, gibt es Leben und Licht für die Seele (Joh 6,63; Ps 19,8; 119,130).

  2. Das Wort Gottes ist „wirksam“. Nichts kann seinem Wirken im Weg stehen; es wird durchführen, wozu Gott es sendet (Jes 55,11). Kein Mensch oder Teufel vermag es aufzuhalten.

  3. Das Wort Gottes ist „schärfer als jedes zweischneidige Schwert“. Jeder, der es benutzt, erfährt, dass es eine doppelte Anwendung hat. Die moralischen und geistlichen Angelegenheiten, die es behandelt, richten sich sowohl an andere als auch an uns selbst; es schneidet also in beide Richtungen.

  4. Das Wort Gottes ist „durchdringend“. Wenn wir ihm erlauben, uns zu erforschen (Ps 139,23.24), wird es in die tiefsten Bestandteile unserer Person eindringen und das Seelische in uns von dem Geistlichen trennen. (Der Schreiber spricht von „Gelenken“ und dem „Mark“ in einem bildlichen Sinn, um zu zeigen, dass es hier wirklich um die innersten Teile unserer Person geht.) Es erkennt und stellt bloß und stellt uns somit die tiefverwurzelten Motive unserer Herzen vor Augen, die wir andernfalls nicht bemerken würden. Wir lernen dadurch, dass „Seele und Geist“ eng miteinander verbunden und schwierig zu unterscheiden sind. Deshalb werden viele von ihren seelischen Gefühlen getrieben und meinen dabei, es wäre geistlich. Wir könnten zum Beispiel darüber nachdenken, einen gewissen Lebensschritt zu tun, von dem wir denken, dass diese Entscheidung auf rein geistlichen Motiven gegründet sei. Wenn aber ein Prinzip aus dem Wort Gottes darauf angewendet wird, bringt es ans Licht, dass ein solcher Schritt tatsächlich aus natürlichen und fleischlichen Motiven herrührt und überhaupt nicht geistlich ist.

  5. Zuletzt ist das Wort Gottes ein „Beurteiler [Richter] der Gedanken und Überlegungen des Herzens“. Das griechische Wort für „Beurteiler“ kann auch mit „Richter“ übersetzt werden, wie zum Beispiel in der Übersetzung von W. Kelly. Das Wort bringt also das verborgene Böse in unseren Herzen nicht nur ans Licht, sondern verdammt es auch! Von dem hier verwendeten griechischen Wort stammt unser deutsches Wort „Kritiker“. In seiner Unwissenheit wagen die Menschen es, Gottes heiliges, unfehlbares Wort zu kritisieren, wohingegen sie selbst der Gegenstand der Kritik sein sollten. Das Wort Gottes richtet uns also, nicht anders herum.

Der Schreiber fährt fort und sagt: „Und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“ (Heb 4,13). Damit zeigt er: Wenn wir dem Wort Gottes erlauben, uns zu erforschen und zu richten, lernen wir gleichzeitig auch mehr und mehr, mit wem wir es eigentlich zu tun haben – nämlich mit Gott selbst. Jede aufrichtige Person wird dann Gottes Seite gegen das Böse in unseren Herzen einnehmen und alles richten, was nicht zu Gottes Heiligkeit passt. Böses, das den Gläubigen sicherlich „entgleisen“ lassen würde, wenn es nicht gestoppt wird, wird somit im Keim erstickt. Folglich können wir einer großen Anzahl von Fallstricken entgehen, die uns sicher vom Weg abbrächten, wenn sie nicht aufgedeckt und gerichtet würden. Diese Übung mag schmerzhaft und demütigend sein, aber das ist Gottes Weg, uns zu bewahren. Es zeigt uns, dass unsere Herzen überaus trügerisch und nicht vertrauenswürdig sind (Jer 17,9; Spr 28,26). Dieses Selbstgericht bringt uns in die rechte Verfassung, damit wir von der nächsten Vorsorge, die Gott uns gegeben hat, Nutzen ziehen.

Vers 14

Das Priestertum Christi

Heb 4,14: Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten; …

Die zweite Vorsorge Gottes, uns auf dem Pfad zu bewahren, ist das Priestertum Christi. Der Schreiber nennt den Herrn Jesus Christus einen „großen Hohenpriester“. Von keinem der vielen Priester in Israels Geschichte wurde jemals gesagt, dass er groß sei. Das hebt Christus von allen anderen ab. Er ist „durch die Himmel gegangen“, um seinen priesterlichen Dienst in der unmittelbaren Nähe Gottes im himmlischen Heiligtum droben auszuüben (Heb 8,1.2; 9,24). Auch das sondert Ihn von den alttestamentlichen Priestern ab, denn kein Priester jener Haushaltung ging jemals in den Himmel, um dort zu dienen! Aaron ging einmal im Jahr durch den Vorhof der Stiftshütte, durch das Heilige in das Allerheiligste. Aber die Stiftshütte, in der er diente, war ein bloßes Abbild von dem wahren Heiligtum, in das Christus als unser Hohepriester eingegangen ist und in dem Er bleibt (Heb 8,5).

Indem der Schreiber den irdischen Namen unseres Herrn „Jesus“ benutzt, wird betont, dass Er ein echter Mensch ist, der weiß, was es heißt, in dieser Welt zu wandeln. Aufgrund dessen ist Er uns ganz nah in unseren Umständen als Menschen, die auf der Erde sind. Der Herr wird zudem „Sohn Gottes“ genannt. Das betont seine Göttlichkeit und bedeutet, dass Er alle göttlichen Eigenschaften innehat. Diese beiden Namen des Herrn zeigen uns, dass Er sowohl menschlich als auch göttlich ist, und sie berechtigen Ihn, unser Hohepriester zu sein. Wir haben also niemand Geringeren als Gott selbst (in der Person des Sohnes) als unseren Hohenpriester! Mit solch einer Person in der Höhe, die sich für uns verwendet (Röm 8,34) und uns auf unserer irdischen Reise hilft (Heb 2,18), werden wir nun ermutigt, „das Bekenntnis festzuhalten“. Wie schon erwähnt, ist Ausharren auf dem Pfad das größte Zeichen unserer Echtheit. Bei unserem „Bekenntnis“ geht es nicht nur darum, dass wir Jesus als unseren Retter bekennen; es ist das Bekenntnis unserer gesamten himmlischen Berufung (Heb 3,1). Diese darf nicht für irdische Religion eingetauscht werden, was die Hebräer versucht waren zu tun.

Vers 15

Heb 4,15: … denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde.

Das zeigt uns, dass Christus völlig mit uns mitfühlen kann, weil Er ein Mensch ist, der selbst in dieser Welt lebte und wie wir mancherlei Prüfung ausgesetzt war. Der Schreiber erwähnt zwei Arten von Prüfungen, denen wir auf dem Weg in die ewige Ruhe begegnen: Schwachheiten und Versuchungen. J.N. Darby bestätigt das und sagte: „Versuchungen und Schwachheiten sind nicht dasselbe.“[4] Der Unterschied ist:

  1. Schwachheiten haben mit unserem leiblichen Körper zu tun.
  2. Versuchungen betreffen unseren Geist und Seele.

Schwachheiten sind Krankheiten oder andere Herausforderungen in Verbindung mit unserem Körper; das Resultat dessen, was die Sünde in der gesamten Schöpfung angerichtet hat (Lk 13,11.12; Joh 5,5; Röm 8,26; 2Kor 12,5.9; 1Tim 5,23 etc.) Der Herr hatte keine Schwachheiten, denn sein Leib war heilig und stand nicht unter dem Einfluss der verderbenden Auswirkungen der Sünde (Lk 1,35). Er war also nie krank. Darby sagte: „Im Gegensatz zu den Priestern war Christus nicht mit Schwachheit behaftet“[5] Manche haben fälschlicherweise gedacht, dass Schwachheiten menschliche Bedürfnisse seien wie Hunger, Durst oder Müdigkeit etc.; diese hatte der Herr natürlich (Joh 4,6; 7,31-33). Aber das sind keine Schwachheiten. W. Kelly sagte:

Unter Theologen und deren Anhängern ist die Ansicht vorherrschend, dass der gepriesene Herr selbst mit Schwachheiten behaftet war. Welches Schriftwort berechtigt zu solch einer Behauptung? Nennen sie es Schwachheiten, wenn Menschen auf dieser Erde essen, trinken, schlafen bzw. den Mangel derselben verspüren? … Keiner sollte Christus etwas zuschreiben, was die Schrift selbst nicht tut.[6]

Auch wenn der Herr selbst keine Schwachheiten hatte, kann Er dennoch Mitleid haben mit unseren Schwachheiten (vgl. Mt 8,17). Das zeigt uns, dass Er Krankheiten nicht selbst erfahren musste, um mit uns mitfühlen zu können, wenn wir krank sind. Er fühlt mit uns und verwendet sich für uns als unser Hohepriester hinsichtlich unserer Schwachheiten. Aber lasst uns das klarstellen: Schwachheiten sind keine Sünden. Der Herr wird niemals mit unseren Sünden mitfühlen; Er ist über uns betrübt, wenn wir Sünden in unserem Leben zulassen, aber niemals wird Er Mitleid haben mit unseren Sünden.

Versuchungen hingegen sind Dinge wie: Verleumdung; Unterdrückung und Verwerfung; Probleme im Leben, die unseren Geist bedrücken und Leid und Entmutigung auslösen (1Kor 10,13; Jak 1,2.12; 1Pet 1,6). Gewiss wurde der Herr von diesen Arten von Prüfungen versucht. Ja, Er wurde sogar mit jeder Prüfung erprobt, mit dem ein Gerechter erprobt werden könnte – so wie der Schreiber sagt: „Er ist in allem versucht worden in gleicher Weise wie wir.“ Weil Er die Versuchungen selbst erfahren hat, kann Er Mitleid mit uns haben, wenn wir versucht werden.

In Verbindung mit den Versuchungen, durch die der Herr ging, fügt der Schreiber doch noch einen Unterschied hinzu: „ausgenommen die Sünde“, oder wie es in der englischen Darby-Übersetzung heißt: „ohne Sünde“. Damit zeigt er an, dass es zwei Arten von Versuchungen gibt, denen Menschen ausgesetzt sein können, deren der Herr nicht teilhaftig war. Diese zwei Arten von Versuchungen sind:

  1. Äußerliche Versuchungen und Prüfungen, in denen jemandes Glaube und Ausharren getestet wird. Damit versucht der Feind, uns von unserer himmlischen Berufung abwendig zu machen. All diese sind heilige Versuchungen (Jak 1,2-12).
  2. Innere Versuchungen, deren Ursache in unserer sündigen Natur liegt. All diese sind unheilige Versuchungen (Jak 1,13-16).

Wenn der Schreiber in Verbindung mit den Versuchungen des Herrn „ausgenommen der Sünde“ hinzufügt, möchte er betonen, dass der Herr nur die erste Klasse der äußerlichen Versuchungen erfuhr. Die zweite Klasse der sündigen Versuchungen erfuhr Er nicht, denn Er hatte keine sündige Natur (1Joh 3,5). […] Natürlich tat Er keine Sünde (1Pet 2,22), aber das ist nicht der Kern in diesem Vers. Wie schon erwähnt, sollte (in der Darby-Übersetzung) übersetzt werden mit „ohne Sünde“. Das heißt, dass die Versuchungen, die Er erduldete, nicht zu der Art von Versuchung gehörten, die mit der Sündennatur in Verbindung steht. Das hat, wie wir bereits festgestellt haben, damit zu tun, dass Er keine Sündennatur hatte.

J.N. Darby sagte:

Es gibt zwei Arten von Versuchungen: eine von außen, alle Schwierigkeiten des christlichen Lebens; Christus machte sie durch und Er machte mehr mit als wir alle. Die andere Art von Versuchung jedoch ist, wenn ein Mensch von seiner eigenen Lust fortgezogen und gelockt wird. Christus wurde so selbstverständlich nie versucht.[7]

Schwachheiten in unserem Geist, unserer Seele oder unserem Leib sind an sich nicht Sünde (Mt 26,41); wenn wir jedoch zulassen, dass diese uns in einen schlechten Seelenzustand führen, kann das Sünde in unserem Leben auslösen, und Satan wird versuchen, unseren schwachen Zustand auszunutzen und uns vom Weg abzubringen. Es ist deswegen wichtig, mit der richtigen Einstellung durch die Versuchung zu gehen (Jak 1,2). Deswegen haben wir einen Hohenpriester, der Mitleid zu haben vermag mit uns in unseren heiligen Versuchungen, doch mit unseren Sünden wird Er kein Mitleid haben.

Vers 16

Der Thron der Gnade

Die dritte Vorsorge Gottes für unsere Wüstenreise ist der Thron der Gnade.

Heb 4,16: Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe.

Wissend, dass wir einen großen Hohenpriester in der Höhe haben, der sich für uns verwendet, werden wir ermutigt, alle Situationen und Probleme unseres Lebens im Gebet zu Gott zu bringen. Aufgrund der vollbrachten Erlösung Christi, der aufgefahren ist in die Gegenwart Gottes als unser Hohepriester, ist unser Zugang viel größer als irgendetwas, was die Priester im Judentum kannten. Wir werden ermutigt, „mit Freimütigkeit“ mit unseren Anliegen in Gottes Gegenwart zu kommen. Das ist etwas, was die Priester unter dem Bund des Gesetzes nicht kannten. Sie gingen einmal im Jahr in das Heiligste mit Blut und taten dies mit Furcht. Ja mehr noch: Sie gingen in Gottes Gegenwart, um sein Gericht abzuwenden; wir gehen in seine Gegenwart, um Gottes Wohlgefallen zu empfangen! Diese Gegensätze sind bedeutsam.

Wenn wir mit unseren Gebetsanliegen Gott nahen, müssen wir uns bewusst sein, dass wir vielleicht nicht allezeit die Gedanken Gottes haben über das, worum wir bitten. Es kann also sein, dass Er manche unserer Anliegen nicht erhören kann. Darauf spielen die Wörter „Barmherzigkeit“ und „Gnade“ an:

  • „Barmherzigkeit“ ist Befreiung und Hilfe, die uns in Bezug auf eine Prüfung gewährt wird, indem wir durch die gute Hand Gottes aus diesen schwierigen Umständen herausgebracht werden.
  • „Gnade“ ist Unterstützung, die uns in einer Prüfung gewährt wird, aus denen Gott uns nicht herausnehmen möchte.

Angenommen, wir sind in einer schweren Prüfung und beten darum, daraus befreit zu werden. Und weil wir um etwas gebeten haben, was seinem Willen entspricht (1Joh 5,14), erlöst Er uns aus dieser Prüfung – und wir sind selbstverständlich dankbar dafür. Demnach empfangen wir „Barmherzigkeit“ in Bezug auf die Prüfung. In einer anderen Situation bitten wir vielleicht darum, dass eine bestimmte Prüfung von uns genommen wird, aber diesmal mag dies nicht der Wille Gottes sein. In diesem Fall wird Er uns nicht aus dem Umstand herausnehmen, sondern uns eher „Gnade“ „zu rechtzeitiger Hilfe“ geben, wodurch wir in der Situation bewahrt werden. Bei Barmherzigkeit geht es also darum, dass Gott uns aus einer Prüfung herausnimmt; und wenn Er uns Gnade gibt, dann geht es darum, dass Er uns durch eine Prüfung hindurchträgt.

In Apostelgeschichte 12 gibt es ein Ereignis, dass diese beiden Dinge illustriert. Herodes warf zwei Apostel des Herrn (Jakobus und Petrus) in den Kerker mit der Absicht, sie zu töten. Jakobus wurde Gnade dargereicht, durch diese Feuerprobe zu gehen, und starb den Märtyrertod. Petrus wurde jedoch „Barmherzigkeit“ geschenkt und von dem Engel des Herrn aus dem Gefängnis befreit.

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Anmerkungen

[1] J.N. Darby, Betrachtungen über Hebräer, Synopsis.

[2] W. Scott, Betrachtung der Offenbarung Jesu Christi, Neustadt/Weinstr. (Ernst-Paulus-Verlag) 2004, S. 576.

[3] W. Kelly, The Epistle to the Hebrews, S. 73.

[4] J.N. Darby, Collected Writings, Bd. 23, S. 291.

[5] J.N. Darby, Notes and Jottings, S. 256.

[6] W. Kelly, Christ Tempted and Sympathizing, S. 45–46.

[7] J.N. Darby, Notes and Jottings, S. 6.


Übersetzt aus The Epistle to the Hebrews,
Bible Truth Publishers, Addison, USA

Übersetzung: Jakob Reichel


Hinweis der Redaktion:

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