Eine Zerreißprobe
Jeremia 36,21-25

Klaus Güntzschel

© Klaus Güntzschel, online seit: 15.02.2020, aktualisiert: 15.02.2020

Leitverse: Jeremia 36,21-25

Jer 36,21-25: Und der König sandte Jehudi, die Rolle zu holen; und er holte sie aus dem Gemach Elischamas, des Schreibers; und Jehudi las sie vor den Ohren des Königs und vor den Ohren aller Fürsten, die um den König standen. Der König aber saß im Winterhaus, im neunten Monat, und das Kohlenbecken war vor ihm angezündet. Und es geschah, sooft Jehudi drei oder vier Spalten vorgelesen hatte, zerschnitt sie der König mit dem Schreibermesser und warf sie in das Feuer, das im Kohlenbecken war, bis die ganze Rolle im Feuer des Kohlenbeckens vernichtet war. Und der König und alle seine Knechte, die alle diese Worte hörten, erschraken nicht und zerrissen ihre Kleider nicht. Und obwohl Elnathan und Delaja und Gemarja den König anflehten, dass er die Rolle nicht verbrennen möchte, hörte er doch nicht auf sie.

Es ist faszinierend, wie ein über zweitausend Jahre altes Buch immer wieder ins Schwarze trifft. Gott hat dieses Buch geschrieben. Sein Geist hat den Inhalt eingehaucht und es ist heute noch lebendig. „Alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“ (Heb 4,13).

Zur Geschichte. Das Alte Testament berichtet beispielsweise von einer Vater-Sohn-Geschichte, deren Anwendung eine deutliche, regelrecht plakative Sprache spricht. Es ist mein Ziel mit diesem Essay, dieses Plakat auszurollen und für jedermann sichtbar zu machen.

Wir beginnen mit dem Vater. Josia, einer der letzten Könige über das Südreich, wird bereits mit acht Jahren König. Im fast noch jugendlichen Alter von zwanzig Jahren setzt er bereits innenpolitische Akzente. Er bekämpft den Götzendienst im Volk Gottes, wird sozusagen reformatorisch tätig. Als er das Haus Gottes ein paar Jahre später ausbessern ließ, taucht dort das Buch des Gesetzes des Herrn auf. War es verstaubt in Vergessenheit geraten? – Offenbar. Trug Manasse, der Großvater Josias, die Schriftrolle nicht, wie vorgeschrieben, bei sich? Wie konnte sie in Vergessenheit geraten? Die Finder sind sich jedenfalls einig, sie so schnell wie möglich zum König zu bringen. Schaphan, der Schreiber, übernimmt die feierliche Aufgabe, dem König daraus vorzulesen.

Als der König die Worte Gottes hört, zeigt er eine erstaunliche Reaktion: Er zerreißt seine Kleider – ein Ausdruck tiefster Bestürzung, Erschütterung und Betroffenheit. Josia erkennt, wie Gott die Lage des Volkes beurteilt. Was er las, war eine Gerichtsankündigung. Das veranlasst ihn, persönlich Buße zu tun. Er flüchtet sich nicht in Diskussionen oder billige Erklärungsversuche. Nein, er schafft Tatsachen, indem er seine Kleider zerreißt.

Die Bibel ist weder eine Thesensammlung noch ein Diskutierbuch. Sie ist einerseits wohl süßer als Honig, aber andererseits auch das Licht, das alles bloßstellt, der Hammer, der Felsen zerschlägt, das Schwert, das alles offenlegt. Sie zwingt uns zu einer Reaktion, auch wenn das zuweilen unbequem sein mag oder uns in Erklärungsnöte bringt. Wie heilsam ist es für uns, die selbstgebastelte Gerechtigkeit aufzugeben und unsere Kleider zu zerreißen. Besser heute als morgen. Wie viele selbstgerechte und törichte Lehrgebäude hat die Christenheit hervorgebracht? Wenn das Wort Gottes „gefunden“ wurde, stürzten sie zusammen. Ihre Trümmer säumen die Allee der Kirchengeschichte.

Wir können heute nicht besser und einsichtsvoller reagieren als Josia – ein heilsames Zerreißen unserer eigenen Kleider. Diese Begebenheit ist nachzulesen in 2. Chronika 34.

Es dürften nur einige Jahrzehnte vergangen sein, als Josias Sohn Jojakim ein regelrechtes Déjà-vu hat. Wieder war das Gesetz des HERRN in Vergessenheit geraten und wieder sorgt Gott dafür, dass es aus der Versenkung auftaucht. Wieder geht die Buchrolle von Hand zu Hand und verfehlt ihre Wirkung nicht. Allerdings ist die Reaktion bei den Boten etwas verhaltener. In unguter Vorahnung empfehlen sie Jeremia und Baruch, sich zu verstecken. Schließlich landet die Rolle vor dem König. Gottes Bericht wirkt an dieser Stelle regelrecht protokollarisch. Ort, Zeit und anwesende Personen sind genauestens vermerkt. Man sitzt gemütlich am Kohlenfeuer in einem Winterhaus. Aber als mitlesender Beobachter ist man zutiefst erschüttert. Der Schreiber liest vor und der König zerreißt nicht, wie erwartet, seine Kleider, sondern die Buchrolle! Nach jedem Abschnitt, den der Schreiber vorliest, nimmt er sein Schreibermesser, zerschneidet die göttliche Botschaft und wirft sie ins Feuer. Eine Zeit vergeht, bis die ganze Rolle zerschnitten ist – „und der König und alle seine Knechte, die alle diese Worte hörten, erschraken nicht und zerrissen ihre Kleider nicht“ (Jer 36,24). Gottes Protokoll vermerkt: Keine offiziellen Proteste! Alle Fürsten und Schriftgelehrten sitzen schweigend dabei und nicken ehrfürchtig mit dem Kopf. Doch plötzlich, aus der letzten Reihe, melden sich drei Männer und erheben Einspruch – und Gott vermerkt ihre Namen. Sie stehen bis heute in Gottes Heldenverzeichnis – Elnathan, Delaja und Gemarja. Es empfiehlt sich, den Bericht in Jeremia 36 komplett zu lesen.

Jojakim war sich des Gewichtes dieser Botschaft sehr wohl bewusst. Er hatte die einmalige Möglichkeit, seine Kleider zu zerreißen. Hatte er nie von der Reaktion seines Vaters in vergleichbarer Situation gehört oder gelesen? War er nicht selbst in den Segen gekommen, der dieser persönlichen Umkehr gefolgt war? Doch er zerreißt statt seiner Kleidern die Botschaft. Wie tragisch und unverständig! Welche Blindheit! Welch ein Wahnsinn!

Ja, es gab in den vergangenen Jahrhunderten Erweckungen, die durch das lebendige Wort Gottes bewirkt wurden. Gott schenkte Aufleben und ein Ausbreiten der Botschaft. Bis heute profitieren wir persönlich, in unseren Gemeinden und auch als Volk davon. Preist den Herrn dafür!

Aber schauen wir heute in die Christenheit, beobachten wir eher Winterhausstimmung als Josia’sche Betroffenheit. Das Schreibermesser der „historisch-kritischen Methode“ hat ganze Arbeit geleistet, und so ist von dem herrlichen Buch nur noch der Einband übriggeblieben. Man hat das Wort seiner göttlichen Autorität beraubt. Wunder – Fehlanzeige. Jungfrauengeburt – wegerklärt. Das Evangelium – weichgespült. Die Kraft des Wortes ist verlorengegangen, und die Zuhörer haben sich gleich mit aus dem Staub gemacht. Die Kirche überlegt, wie sie die Zahl der Kirchenaustritte stoppen kann –  kommt aber nicht auf die Idee, den „Bibelaustritt“ zu beenden. Warum zerreißen sie nicht ihre Bultmann’schen Kleider? Warum schmelzen sie nicht die Schreibermesser ihrer theologischen Fakultäten ein?

Und viele Freikirchen? Sind sie nicht längst angesteckt von der „Freiheit“, die Bibel beliebig umzudeuten? Gibt es wirklich gute Argumente, das Schweigegebot der Frau in der Gemeinde herauszuschneiden? Ist praktizierte Homosexualität tatsächlich salonfähig beziehungsweise gemeindefähig? Enthält die Bibel nur noch das Wort Gottes, ist es aber nicht mehr? Trennt gesunde Lehre wirklich? Lasst uns die Messer weglegen und uns vor dem Wort Gottes beugen, bevor es uns demütigt und in den Staub legt! – Wobei selbst das noch ein Segen wäre.

Die regierende Partei des Landes Thüringen macht sich neuerdings für die Entfernung des Gottesbezuges aus der Thüringer Landesverfassung stark. Man muss kein besonders begnadeter Prophet sein, um vorauszusehen, dass ein „pluralistisches“ und „tolerantes“ Europa in Zukunft keinen Platz mehr für Gott haben wird. Die Abschaffung der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als alleinige eheliche Lebensform und der Angriff auf die Zweigeschlechtlichkeit sprechen zumindest in Deutschland eine deutliche Schreibermessersprache. Nein, weder die Deutschen noch die EU haben vor, ihre Kleider zu zerreißen. Das Kohlenfeuer brennt heller denn je.

Und du und ich? Jedes Mal, wenn du deine Bibel liest und das Wort Gottes hörst, wirst du vor eine Entscheidung gestellt. Was ist deine erste Reaktion? Ärger über Gottes „ewiggestrige“ Gebote? Darf Gott dich noch zurechtweisen, darf Er dich kritisieren? Wagst du es überhaupt noch, dich in das Licht Gottes zu stellen? Schaffst du es, deine Kleider zu zerreißen? Schaffe ich es?

Das Wohl und Wehe unseres persönlichen Glaubenslebens, unserer Gemeinden, der Kirche Gottes und unserer ganzen Gesellschaft hängt an dieser Frage. Es ist die Frage, ob wir demütig zu Gott umkehren oder uns hochmütig von seinem Wort und damit seiner segnenden Gegenwart verabschieden.

Was werden wir morgen zerreißen?


Hinweis der Redaktion:

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