Kritisches zu kirchlichen Entwicklungen

Jochen Klein

© J. Klein, online seit: 29.05.2020, aktualisiert: 30.05.2020

In den Artikeln „Kritisches zur Philosophie der Aufklärung“ und „Kritisches zur 1968er-Bewegung“ sahen wir u.a.,

  • dass im Laufe der abendländischen Geschichte der Verstand des Menschen immer mehr in den Vordergrund rückte,
  • dass die Aufklärung eine weitgehend christentumsfeindliche Bewegung war, so dass Theologen bis heute z.B. behaupten, nach der Aufklärung könne man nicht mehr an Wunder glauben und vieles in der Bibel sei nicht wahr,
  • dass auch die vermeintliche Gegensätzlichkeit von Glaube und Wissen auf diesem Denkschema beruht,
  • dass die damals neu erfundene Theologie die einer neuen Religion oder Weltanschauung ist und mit dem biblischen Christentum nicht mehr viel Zentrales gemeinsam hat,
  • dass die 1968er-Bewegung Wertelosigkeit, Gottlosigkeit und Ratlosigkeit zur Folge hatte.

Welche konkreten Auswirkungen dies unter denen hat, die sich zum Christentum bekennen, soll im Folgenden schlaglichtartig untersucht werden.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel formulierte auf der Titelseite von Heft 17/2019: „Wer braucht denn so was. Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen“, und als Überschrift über dem Leitartikel:

Der Himmel ist leer. Gott, die Auferstehung und das ewige Leben stehen im Mittelpunkt des Christentums – doch Millionen Katholiken und Protestanten in Deutschland mögen daran nicht mehr glauben. Selbst aktive Kirchenmitglieder tun sich schwer mit der christlichen Lehre.[1]

Man könnte nun annehmen, dass dies eine überzogene Meinung atheistischer Journalisten sei. Aber auch andere Quellen machen deutlich, dass dies in weiten Teilen der Realität entspricht. So sagt z.B. der Theologe und Historiker Benjamin Hasselhorn:

Vor kurzem gab es eine Umfrage, wonach nur 67 Prozent der Protestanten an Gott glauben. Ich gebe zu: Ich war positiv überrascht. Ich hatte gedacht, es seien noch weniger.

Und in Bezug darauf, dass in der Kirche beliebige, relativistische Positionen vertreten werden:

Ich habe das in einer Reihe von Konfirmationsgottesdiensten erlebt. Einer gipfelte in dem Bekenntnis eines Konfirmanden: „Ich bin froh, evangelisch zu sein, denn evangelisch sein bedeutet, zu glauben, was man will.“[2]

Auf weitere Eindrücke können wir verzichten; gerade bei evangelischen Kirchentagen werden die gesamten Verirrungen in kurzer Zeit auf einem überschaubaren Areal deutlich.[3]

Religionsforscher beobachten ein Erkalten des Christentums vor allem in hochentwickelten Ländern. Die Veränderungen fallen aber deshalb nicht so auf, weil sie sich langsam und stetig vollziehen. Dass die Pastorin der United Church in West Hill (Toronto) sich mittlerweile selbst als Atheistin bezeichnet, war freilich selbst für die liberale United Church of Canada zu viel, so dass sie entlassen werden sollte. Nach längerem Rechtsstreit nimmt nun aber die mit rund zwei Millionen Mitgliedern größte protestantische Religionsgemeinschaft Kanadas hin, dass die Gemeinde von einer Atheistin geleitet wird. In dieser Kirche wird viel gesungen und gelacht, und es ist vom Klimawandel, von Not, Freude und Liebe die Rede. Die Menschen hier sind auf der Suche nach etwas, das über das Individuelle hinausreicht. Sie suchen Gemeinschaft, wollen über ihre Sorgen sprechen und Gutes tun, ohne an Dogmen zu glauben. In der Grundsatzerklärung der Gemeinde steht u.a. als Selbstverpflichtung: „Wahrheit zu suchen“. Ein Mitglied der Gemeinde bringt es auf den Punkt:

Es ist nicht mehr Gott, der mir sagt, was ich am besten tun soll … Ich selbst bin es, der seine Werte wählt und dafür steht.

Und die Pastorin meint:

Ich habe kein Problem damit, die Kirche aus dem Christentum herauszuführen.[4]

Die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in Deutschland werden vom Spiegel wie folgt zusammengefasst:

Millionen Deutsche, die sich erstaunlicherweise immer noch als Christen verstehen, haben sich vom heißen Kern des Glaubens … weit entfernt.[5]

Der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns meint z.B., man müsse weite Teile der Bibel als „Bildrede“ verstehen.[6] Wunder sind dabei von vornherein ausgeschlossen. Deshalb sagt auch Beatrice von Weizsäcker, seit zehn Jahren Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentages:

Ich glaube nicht an Wunder. Das leere Grab, die leibliche Auferstehung von Jesus, damit konnte ich nie etwas anfangen.[7]

Gleichzeitig gibt es aber außerhalb der großen Kirchen in Deutschland einen großen Markt zur Erfüllung spiritueller Sehnsüchte, in dem von klassischen fernöstlichen Weisheitslehren bis zu schamanischen Zeremonien kaum eine Nische unbesetzt sein dürfte. An dieser Entwicklung wird deutlich, dass die Menschen einen starken Hang zum Wunderglauben haben, der aber nun jenseits der christlichen Kirchen bedient wird. Weitere Dinge, auf die vertraut wird, sind der Sozialstaat, Versicherungen, Medizin und Psychotherapie.

Eine treffende Analyse der kirchlichen Entwicklung lieferte Prof. Friedhelm Jung in ideaSpektrum:

In den vergangenen 50 Jahren haben sich die 20 in der Evangelischen Kirche von Deutschland (EKD) zusammengeschlossenen Landeskirchen immer weiter von der biblischen Wahrheit und ihren eigenen Bekenntnisgrundlagen entfernt. Anfangs leugneten Theologieprofessoren wie Rudolf Bultmann (1884–1976), Willi Marxsen (1919–1993) und Herbert Braun (1903–1991) den Sühnetod Jesu, seine leibliche Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft. Später wurde Jesus als einziger Heilsweg abgelehnt und humanitäre Hilfe an die Stelle von Mission gesetzt, und aktuell behaupten die Landeskirchen, dass die gottesdienstliche Segnung und Trauung von Homosexuellen ein Gott wohlgefälliger Akt sei.

Der Bibel verpflichtete Christen aus den Landeskirchen, die auch als „Evangelikale“ bezeichnet werden, haben gegen diese Verirrungen von Anfang an gekämpft. So hat die Mitte der 1960er Jahre gegründete Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ mit viel Elan und großer Sachkompetenz den theologischen Niedergang der Landeskirchen aufzuhalten versucht – leider ohne Erfolg. In der Folge haben zahlreiche Mitglieder der Landeskirchen resigniert einen Wechsel in die Freikirchen vollzogen. Inzwischen hat aber auch die einst klar evangelikal orientierten Freikirchen und den Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband ein kräftiger Säkularisierungsschub erreicht:

  1. Unter dem Druck des Zeitgeistes wurde in den letzten Jahren die Frauenordination von vielen Freikirchen und verschiedenen Gemeinschaften des Gnadauer Verbandes eingeführt, was vor 40 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Obwohl einschlägige Bibelstellen ein klares Lehrverbot für Frauen aussprechen …, hat man sich den Landeskirchen angepasst.
  2. Erste freikirchliche Pastoren leugnen die Jungfrauengeburt Christi und seinen Sühnetod. Selbst in einer eher konservativ evangelikal geprägten Freikirche wie dem Bund Freier evangelischer Gemeinden gibt es inzwischen Beispiele dafür.
  3. Einige Freikirchen sind nicht mehr sicher, ob praktizierte Homosexualität überhaupt Sünde ist …
  4. Junge Evangelikale sind heute weniger an biblischer Lehre als vielmehr an charismatisch geprägtem Lobpreis interessiert. Ökumenische Umarmungen stehen höher im Kurs als Abgrenzung von Konfessionen, die unbiblische Lehren vertreten.
  5. Neben und auch anstelle von Mission ist die Gesellschaftstransformation getreten …, die Beobachtung, dass liberale Entwicklungen der Landeskirchen mit zeitlicher Verzögerung auch die Freikirchen erreichen, ist somit an mehreren Beispielen zu belegen.[8]

Der Hauptstreitpunkt ist das Bibelverständnis. So kritisierte z.B. kürzlich der Generalsekretär des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, manche Gemeinden seien vor allem mit sich selbst beschäftigt, „sie stritten über ein bibeltreues oder liberales Textverständnis“. Seine Forderung: „Wir müssen aufhören mit diesen rechtgläubigen Kleinkriegen.“[9] Der in evangelikalen Kreisen sehr bekannte Theologe Gerhard Maier bringt diese Problematik auf den Punkt: Für die Auslegung der Bibel

hängt alles von den Voraussetzungen ab, unter denen man sie betreibt. Erklärt man die historisch-kritische Methodik zur maßgebenden Voraussetzung, dann werden auch die Ergebnisse kritisch sein.[10]

Und der ehemalige Allianz-Generalsekretär Hartmut Steeb stellt fest, dass das Vertrauen in die Bibel als Gottes Wort heute bis tief in die evangelikale Bewegung „angeknackst“ sei: „Dem ‚Sollte Gott gesagt haben?‘ ist das subtilere ‚Sollte Gott das gemeint haben?‘ gefolgt.“ Eine der Hauptgefahren sieht er darin, „dass in einer modernistischen Arroganz gedacht wird, man habe heute endlich das Wort Gottes richtig verstanden“[11].

Fassen wir die Entwicklung zusammen, so stellen wir fest: Den Menschen und nicht das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen bringt negative Folgen mit sich und führt letztlich auch zum Abfallen vom biblischen Christentum. Aufklärung und 1968er-Bewegung haben diese Entwicklung forciert; andere Faktoren spielen selbstverständlich ebenfalls eine Rolle. Dass das Ausklammern Gottes oder ein selbstgezimmertes Gottesbild immer negative Konsequenzen hat, machen auch viele Bibelstellen deutlich. Diese Entwicklung manifestiert sich heute u.a. in einer zunehmenden Akzeptanz von Sterbehilfe und Abtreibung, in der wachsenden Bedeutung des Aberglaubens, der Banalisierung des Evangeliums, der Schwächung von Ehe und Familie, der zunehmenden Bedeutung des Gender Mainstreaming usw. Ein von Gott losgelöster Verstand, der im Mittelpunkt des Denkens steht und dem eine überhöhte Bedeutung zugemessen wird, kann aber nur in die Irre führen (vgl. 1Kor 1,18-25.30; 3,18.19). Einige dieser Verirrungen sahen wir oben. Möge Gott uns davor bewahren, selbst in dieses Fahrwasser zu geraten.

Weiter ist zu beachten, dass unser Denkvermögen erst durch die Wiedergeburt zur eigentlichen, gottgewollten Funktion gelangt. Es wird so verändert bzw. wiederhergestellt. Bedenken wir schließlich:

„Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen; indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus und bereit stehen, allen Ungehorsam zu strafen“ (2Kor 10,3-6).

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Anmerkungen

[1] Der Spiegel 17/2019, S. 41.

[2] ideaSpektrum 21/2019, S. 19.

[3] Vgl. z.B. ideaSpektrum 25–26/2019.

[4] Der Spiegel 17/2019, S. 44.

[5] Ebd., S. 42.

[6] Vgl. ebd.

[7] Ebd., S. 47.

[8] ideaSpektrum 18/2019, S. 19.

[9] ideaSpektrum 23/2019, S. 8.

[10] ideaSpektrum 24/2019, S. 20.

[11] ideaSpektrum 24/2019, S. 11.


Quelle: www.jochenklein.de

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