Das Johannesevangelium (10)
Johannes 10

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 05.12.2009, aktualisiert: 26.01.2018

Leitverse: Johannes 10

Der Hirte und die Schafe

Der Dienst des Herrn in Israel hatte eine zweifache Wirkung: Erstens stellte er das Volk auf die Probe, indem er dessen moralischen Zustand als Feind Gottes und dessen geistige Blindheit aufzeigte; zweitens brachte der Dienst des Herrn einen gottesfürchtigen und frommen Teil des Volkes ans Licht – „seine eigenen Schafe“ (Joh 10,3) –, den Er mit sich selbst verbunden hat und die von der schuldigen Nation öffentlich abgesondert sind.

Die erste Wirkung des Dienstes Jesu wurde in den vorhergehenden Kapiteln entfaltet. Im 5. Kapitel wird die Herrlichkeit seiner Person als Sohn Gottes vor den Juden verkündigt. Im 6. Kapitel werden seine Menschwerdung und sein Tod als das, was allein der Not und der Bedürftigkeit der Welt begegnen kann, aufgezeigt. Im 7. Kapitel nimmt der Dienst die zukünftige Stellung des Herrn als Mensch in der Herrlichkeit vorweg sowie das Herabkommen des Heiligen Geistes, was folgen würde. Im 8. und 9. Kapitel erfahren wir, wie das Volk durch die völlige Zurückweisung dieser Botschaften sein Gericht besiegelt. Sie weisen beides zurück: das Zeugnis seiner Rede (Joh 8) und das Zeugnis seiner Taten. Weil sie in ihrer Verantwortung völlig versagt haben, wird das Volk in seiner Blindheit gelassen, damit sie dem Gericht übergeben würden. Das Versagen des Menschen in seiner Verantwortung ist für Gott die Gelegenheit, seine Souveränität zu enthüllen, die trotz aller Sünden und Fehler des Menschen zum Segen der Menschen arbeitet und seinen Vorsatz der Liebe zur Erfüllung führt.

Wir dürfen also in diesem äußerst wichtigen 10. Kapitel Christi wahre Stellung und Werk im jüdischen Volk sehen im Hinblick auf die neuen Segnungen, die Gott für seine Schafe vorgesehen hat. Christus war nicht anwesend, um das Königreich wiederherzustellen; die Zeit des Tausendjährigen Reiches war noch nicht gekommen. Christus war gekommen, um seine Schafe zu sich zu ziehen und sie aus der jüdischen Herde herauszuführen, damit sie in die neuen Segnungen der christlichen Herde gebracht würden.

Vers 1

Joh 10,1: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern woanders hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

In den ersten fünf Versen werden die großen Wahrheiten des Kapitels in Form einer Allegorie gezeigt. Die historischen Veränderungen, welche gerade stattfanden, werden durch die Bilder des Hirten und seiner Schafe dargelegt. Bevor Christus kam, traten viele Männer auf, die die Führung des Volkes Gottes beanspruchten, jedoch nur, um sich selbst zu verherrlichen, wie Theudas, der sich rühmte, jemand zu sein, oder wie Judas von Galiläa, der „das Volk abtrünnig [machte] sich nach“ (Apg 5,36.37). Solche Männer hatten von Gott keine Autorität und gingen nicht durch die von Gott bestimmte Tür. Wie ein Dieb traten sie ein durch Stehlen und bereicherten sich selbst wie ein Räuber auf Kosten der Herde.

Vers 2

Joh 10,2: Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe.

Im Gegensatz dazu kam Jesus Christus, „der Hirte der Schafe“, mitten in Israel auf dem Weg, den Gott festgesetzt hatte. Die Verheißungen und Prophezeiungen hatten vorausgesagt, dass Christus der Same der Frau, der Sohn einer Jungfrau sein würde und dass Er aus Bethlehem käme und der wäre, dessen „Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her“, von dem mächtigen Gott. Diese und viele andere Prophezeiungen bezogen auf sein erstes Kommen und haben sich in Christus vollkommen erfüllt. Dies bewies, dass Christus der göttlich verordnete Hirte Israels ist, der durch die von Gott bestimmte Tür kam.

Vers 3

Joh 10,3: Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.

Die Vorsehung Gottes beherrschte alle Umstände, und der Geist arbeitete an den Herzen, so dass trotz Widerstand und Vorurteilen der Hirte zu den Schafen Zugang hatte. Dann lernen wir die vierfache Arbeit des Hirten inmitten von Israel kennen: erstens durch ein Zeugnis, das die Ohren erreichen und die Herzen seiner Schafe berühren sollte; zweitens dadurch dass Er die Schafe an sich zog, indem Er sie beim Namen rief; drittens indem Er sie aus der jüdischen Herde herausführte; und zuletzt dadurch dass Er seine Schafe hervorgebracht hat, indem Er vor ihnen hergeht wie der Hirte, dem seine Herde nachfolgt.

Wenn wir die Fußspuren des Herrn in diesem Evangelium verfolgen, sehen wir Ihn seine Mission erfüllen. An jedem Schauplatz – in Bethanien, Galiläa, Samaria, Judäa, am Brunnen von Sichar und am Teich Bethesda – hören wir, wie ein Zeugnis des Herrn die Ohren der Schafe erreicht. Einer nach dem anderen wird beim Namen gerufen: Andreas und Simon, Philippus, Nathanael und Nikodemus ziehen an uns vorbei. Einfache Fischer, gelehrte Pharisäer, niedrige Frauen, gesellschaftlich Hochstehende sowie Bettler werden vom Hirten angezogen, damit Er ihren Bedürfnisse begegne und sie aus dem verdorbenen jüdischen System herausgeführt werden.

Verse 4.5

Joh 10,4.5: 4 Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.

Er hat seine eigenen Schafe hervorgebracht, Er „geht vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm“, um von nun an all das, was sie brauchen, in dem Hirten zu finden. In einem Pferch werden die Schafe durch die sie umgebenden Mauer zusammengehalten; in der Herde werden sie durch die Sorgfalt und Pflege des Hirten zusammengehalten. Der Segen, die Führung und der Schutz der Herde hängen völlig vom Hirten ab. Brauchen sie Nahrung, ist der Hirte da, um sie zu grünen Weiden zu führen; tritt ihnen der Feind entgegen, steht der Hirte vor der Herde, um sie zu beschützen; gehen sie bisweilen über harte und gefährliche Straßen, geht der Hirte vor ihnen her, um sie auf dem Weg zu leiten. Außerdem folgen die Schafe in einer Herde dem Hirten deswegen, weil sie seine Stimme kennen. Wenn ein Fremder versuchen würde, die Schafe vom Hirten wegzuziehen, dann würden sie dem Fremden nicht dadurch entgehen, dass sie mit ihm kämpfen, sondern dadurch, dass sie vor ihm fliehen. Sie fliehen vor dem Fremden, nicht weil sie seine Stimme kennen, sondern weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

Wie passend legt dieses Gleichnis die wahre christliche Stellung in Übereinstimmung mit Gottes Willen dar. Es zeigt uns eine Gemeinschaft von Gläubigen – die Schafe Christi –, die völlig zu Ihm gehören, und Er, der Hirte, beschäftigt sich mit seinen Schafen und führt sie aus einem weltlichen religiösen System heraus. Außerhalb dieses Systems sieht man sie als völlig unter seiner Führung; Er führt sie durch die Wüste der Welt, sorgt für all ihre Bedürfnisse und beschützt sie vor jedem Übel. Auf der anderen Seite kennen die Schafe die Stimme Christi und erkennen ihre Abhängigkeit von Ihm. Im Bewusstsein ihrer Schwäche fliehen sie vor dem Fremden: Es ist ausreichend für sie, dass sie die Stimme des Fremden nicht erkennen.

Wo im Christentum sehen wir eine wahre Antwort auf dieses perfekte Bild? Völlig abhängig von einem unsichtbaren Führer zu sein, braucht die ständige und konstante Übung im Glauben und das Vertrauen der Liebe. Wie nun kann die große Masse der reinen Bekenner, die den Großteil der Christenheit ausmacht und bei denen Glaube und Liebe völlig fehlt, den Platz der Schmach außerhalb des Lagers in Gemeinschaft mit einem verworfenen und unsichtbaren Christus annehmen? Da sie die Stimme des Hirten nicht kannten, sind sie zur leichten Beute der Stimme des Fremden geworden. Deshalb konnte es geschehen, dass die Christenheit eine Vielzahl von Schafställen nach jüdischem Muster aufgerichtet hat. Dort werden die Menschen zusammengehalten durch Glaubensbekenntnisse und Leiter, die von Menschen benannt wurden und die Christus, den alleinigen Hirten der Schafe, beiseitegesetzt haben. Dennoch bleibt das Bild in seiner Schönheit bestehen und zeigt uns Gottes Maßstäbe für sein Volk. Trotz des Verfalls der Christenheit ist es noch immer das Vorrecht der Gläubigen, in Liebe zu Christus und in Gehorsam seinem Wort gegenüber zu Ihm zu gehen „außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13).

Vers 6

Joh 10,6: Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete.

Diejenigen, denen das Gleichnis galt, verstanden nichts von diesen Dingen. Wie es mit der Masse des verdorbenen Judentums war, so ist es noch immer mit dem Großteil der verdorbenen Christenheit. Zu Jesus Christus hinauszugehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach zu tragen, ist dem natürlichen Menschen unmöglich und unverständlich und kostet viele echte Christen zu viel.

Vers 7

Joh 10,7: Jesus sprach nun wiederum [zu ihnen]: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe.

Die Menschen können seine Worte nicht verstehen. Dennoch bleiben sie ohne Entschuldigung, denn der Herr fährt fort, sein Gleichnis anzuwenden und auszuweiten auf die Segnungen für die, die Ihm folgen. Christus selbst wird nun die Tür zu den Schafen. Obwohl die jüdische Herde durch den Menschen verdorben wurde, war sie doch von Gott gegründet und bestätigt und anerkannt. Welches Recht hätten deshalb die Schafe, das zum Gericht verurteilte Volk zu verlassen, wenn nicht Gott selbst ihnen einen Fluchtweg eröffnet hätte? Christus war die Tür Gottes, und indem sie dem Hirten folgten, konnten die Schafe ohne Furcht einen Platz außerhalb der Nation einnehmen. So können heute Gläubige dem Hirten sicher folgen, an einen Platz außerhalb jeder von Menschen ausgedachten Nachahmung.

Vers 8

Joh 10,8: Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.

Andere haben sich selbst als Leiter und Heiler Israels dargestellt, so wie heute viele Verführer und falsche Propheten behaupten, das Volk Gottes durch die Verwirrungen der Christenheit zu führen. Solche haben keine Autorität von Gott und dienen auf Kosten der Betrogenen nur ihren eigenen Interessen. Die bloßen Bekenner und die gleichgültigen Gläubigen können durch solche gefangen werden; aber die, die auf die Stimme des Hirten hören, werden der Stimme dieser Betrüger keine Beachtung schenken.

Verse 9.10

Joh 10,9.10: 9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.

Außerdem ist Christus nicht nur eine Tür, um aus dem Verderben zu entfliehen; Er ist ebenso die Tür in die Segnungen, die Gott für seine Schafe bestimmt hat. Der Herr geht noch über die Lehre seines Gleichnisses hinaus, um sie auf die Segnungen zu erweitern, in die Er seine Schafe einführt. Diese Segnungen können nicht nur auf seine eigenen Schafe der jüdischen Herde beschränkt sein; daher lesen wir, dass „jeder“ willkommen ist:

  1. Die erste große Segnung, die Christus für seine Schafe sicherstellt, ist die Erlösung. Dass die Tür für „jeden“ offen ist, bedeutet, dass in erster Linie die Erlösung der Seele gemeint ist. Jeder Sünder braucht die Erlösung von Sünde und Gericht. Im weiteren Sinn wird die Herde unter der Führung Christi von jeder gegnerischen Macht während der Reise durch die Wüste unseres Lebens gerettet sein.

  2. Die zweite Segnung ist, dass die Schafe unter der Führung des Hirten in die Freiheit gebracht werden und dass sie „ein- und ausgehen“ können. Der jüdische Schafstall schloss die Schafe von dem unmittelbaren Zugang zu Gott aus und hinderte sie daran, zu den Heiden hinauszugehen. Die christliche Herde steht unter der Führung Christi und hat die Freiheit und das Vorrecht, in der Anbetung Gott zu nahen und mit der guten Nachricht der Gnade Gottes in die Welt hinauszugehen.

  3. Die dritte Segnung, die mit der Herde unter der Führung Christi verbunden ist, ist die Weide. Der jüdische Schaftstall war bestenfalls kaum mehr als ein Ort des Schutzes vor Gefahren. Die christliche Herde ist jedoch tatsächlich vor Widerstand und Gefahr geschützt, und sogar mehr als das: Sie ist ein Ort geistlicher Nahrung.

Letztlich führen all diese Segnungen die Schafe in die volle Genüge des Lebens ein: ein Leben der Gemeinschaft mit göttlichen Personen, das zu völliger Freude führt („… damit eure Freude völlig sei“; 1Joh 1,4). Das ist tatsächlich überfließendes Leben im Gegensatz zu dem natürlichen Leben, das auch im besten Fall ein Leben des Mangels ist, ein Leben, in dem die Freude fehlt (Joh 2,3). All diese Segnungen sind sichergestellt durch den Hirten, der nicht wie ein Dieb kam, um die Schafe zu berauben, sondern um ihnen Segnungen zu bringen. Die Schafe können sich an den Segnungen, die der Hirte ihnen bringt, jedoch nur erfreuen, wenn sie sich seiner Fürsorge fügen und Ihm folgen. Jede Segnung, die Christus gibt, wird auf lebendige Weise in Ihm dargelegt und kann nur mit Ihm genossen werden.

Im weiteren Verlauf des Evangeliums sehen wir, wie der Hirte seinen Schafen Errettung bringt (Joh 3,17; 4,42), indem Er sie in die Freiheit führt (Joh 8,33-36) und sie reichlich mit geistlicher Nahrung versorgt (Joh 13–17). Später sehen wir, wie das überströmende Leben umfassend entfaltet wird.

Am Anfang des Kapitels wird uns deutlich gezeigt, wie der Hirte seine Schafe in die völlige Absonderung von einem weltlichen religiösen System führt, damit sie ausschließlich unter die Fürsorge und Leitung des Hirten kommen und so in alle Segnungen eingeführt werden, die Er für seine Schafe sicherstellt.

Verse 11-13

Joh 10,11-13: 11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling [aber] und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut [die Schafe. Der Mietling aber flieht], 13 weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert.

In den folgenden Versen erfahren wir, dass Christus nicht nur „der Hirte“ ist. Er ist auch „der gute Hirte“, der seine Liebe und Hingabe so vollendet zum Ausdruck bringt, dass Er sein Leben für die Schafe gibt. Der Mietling mag den Schafen bis zu einem gewissen Grad dienen, aber dennoch nur gegen Lohn, und daher ist letztendlich er selbst das Motiv für seinen Dienst und nicht die Schafe. Daraus folgt, dass der Mietling nur an seine eigene Sicherheit denkt, wenn der Wolf kommt: Er flieht und lässt zu, dass die Schafe zerstreut werden, anstatt sein Leben zu geben, um die Schafe zu retten. Der Mietling kümmert sich nicht um die Schafe. Das Christentum hat größtenteils den guten Hirten leider verlassen und sich Leiter nach Art des Mietlings eingerichtet, die aus den Dienst für Gott eine Handelsware machen. Kein Wunder, dass der Wolf solch eine Verwüstung angerichtet hat, indem er die Schafe zerstreut.

Es ist gut, die drei Bilder zu beachten, die der Heiland verwendet, um die drei unterschiedlichen Kennzeichen des Bösen herauszustellen, der die Herde bekämpft: der Dieb, der Mietling und der Wolf. Der Dieb repräsentiert eine Person oder ein falsches System, das die Herde der Wahrheit beraubt, indem diese Person oder dieses System Dinge einführt, die verhängnisvoll und verheerend für das Christentum sind und daher die Seele zerstören. Der Unitarianismus, die christliche Wissenschaft, der Spiritualismus, die Zeugen Jehovas und ähnliche Bewegungen tragen daher das Kennzeichen des Diebes.

Der Mietling steht nicht unbedingt für etwas, was für die Christenheit zerstörerisch ist, sondern er bringt eher falsche Prinzipien des Dienstes, wie „nur gegen Bezahlung zu arbeiten“, und macht aus der Herde eine Ware. Daher ist die Tür offen für viele, deren erster Beweggrund zum Dienst sie selbst und nicht die Schafe sind. Deshalb denken sie, wenn die Umstände sehr schwierig werden, nur an ihre eigene Sicherheit und Annehmlichkeit: Sie fliehen und lassen die Schafe gerade dann allein, wenn sie am meisten Fürsorge brauchen. Nehmen wir uns davor in Acht, dass wir, wenn Schwierigkeiten unter dem Volk Gottes auftauchen, nach dem Prinzip der Mietlinge handeln und nur an unsere eigene Sicherheit und die Annehmlichkeit unseres Lebensweges denken und so die Schafe in einer Zeit der Gefahr und Bedrängnis im Stich lassen.

Der Wolf steht für solche, die mit falschem Anspruch den Schafstall betreten kommen und die Schafe zerstreuen.

Verse 14.15

Joh 10,14.15: 14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, 15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Im Gegensatz zum Mietling kümmert sich der gute Hirte um seine Schafe. Er kennt seine Schafe bis ins Innerste. Er kennt ihre Schwächen, ihre Unkenntnis, ihre Neigung, umherzuirren, und all ihre Bedürfnisse. Er kennt sie und liebt sie mit einer Liebe, die Ihn dazu führt, sein Leben für seine Schafe zu geben. Die Schafe kennen den Hirten: seine Vollkommenheit, seine Weisheit, sein Macht und seine Liebe. J.N. Darby sagte: „Jesus war der Gegenstand des Herzens seines Vaters. In gleicher Weise sind seine Schafe die Gegenstände seines Herzens. Von Gott gelehrt, kennen seine Schafe Ihn und vertrauen Ihm, so wie Er seinem Vater vertraute.“

Vers 16

Joh 10,16: Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.

Der Hirte der Schafe hat seine Schafe aus der jüdischen Herde herausgeführt und die Tür für jeden geöffnet, damit jeder in die neuen Segnungen der Herde eintreten kann. Es ist offenkundig, dass die Herde daher nicht auf Schafe aus dem Judentum beschränkt sein kann. Es gibt noch andere Schafe, die der Hirte aus dem Heidentum bringen muss. Auch sie sollen seine Stimme hören (Joh 17,20; Apg 13,46-48; 15,7) hören. Seine Schafe, die so aus dem Judentum und aus dem Heidentum abgesondert sind, bilden eine neue Herde unter einem Hirten.

Verse 17.18

Joh 10,17.18: 17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.

Das ist das Ziel des Herzens des Vaters. Um dieses Ziel zu erreichen und um die Kinder Gottes, die draußen zerstreut waren, ins eins zu sammeln, musste der eine Hirte sterben. Willig übernahm Er diese große Tat der Selbstaufopferung und indem Er sein Leben gab, stellte Er nicht nur die Segnungen für seine Schafe sicher, sondern gab dem Vater einen neuen Grund, seinen eingeborenen Sohn zu lieben. Nur eine göttliche Person konnte dem Vater einen Grund zur Liebe geben; bei allen anderen ist der Ursprung der Liebe im Herzen des Vaters.

Durch sein Sterben stellte Er die Segnungen für seine Schafe sicher und führte den Willen des Vaters aus, und obendrein war seine Hingabe freiwillig. Hier war also letztendlich jemand, der in den Herrschaftsbereich des Todes hinabstieg mit der Macht, sein Leben niederzulegen und es wieder zu nehmen; und in dieser Hingabe übte Er in seinem Dienst für Gott und den Menschen seine Macht aus. Wenn Er sein Leben gab, dann gab Er es, um es wieder zu nehmen in einem veränderten Zustand, damit Er seinen Schafen auch jetzt noch diene. F.W. Grant sagte: „Sein Tod ist weder die Entleerung seiner Liebe noch die Grenze seiner Arbeit für den Menschen. Er hat in der untersten Tiefe des Leidens auf Erden gedient, und Er dient noch immer am Thron der Herrlichkeit.“

In diesem Teil des Kapitels haben wir gesehen, wie „der Hirte der Schafe“ seine Schafe von dem irdisch religiösen System trennt (Joh 10,1-10), wie „der gute Hirte“ in seiner hingebungsvollen Liebe sein Leben für die Schafe gab, um sie vor dem Feind zu bewahren (Joh 10,11-15), und schlussendlich wie der „eine Hirte“ sein Leben gibt, um die Schafe in einer Herde zu vereinigen (Joh 10,16-18).

Verse 19-21

Joh 10,19-21: 19 Wiederum entstand ein Zwiespalt unter den Juden dieser Worte wegen. 20 Viele aber von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen; warum hört ihr ihn? 21 Andere sagten: Diese Reden sind nicht die eines Besessenen; kann etwa ein Dämon der Blinden Augen auftun?

Diese Verse beschreiben die Auswirkung der Rede des Herrn auf jene, die nicht seine Schafe sind: „Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete“ (Joh 10,6). Auf der einen Seite entfachten seine Worte einen brutalen Hass, der sich dadurch zeigte, dass sie seine Äußerungen einem von einem Dämon besetzten Verrückten zuschrieben. Auf der anderen Seite waren einige verwirrt, da nach dem gesundem Menschenverstand weder seine Worte noch seine Taten die eines Dämon sein konnten. Später weist die Schrift uns darauf hin, dass wir, wenn wir den Lehren des Herrn folgen und außerhalb des Lagers zu ihm gehen, auch seine Schmach erleiden werden. Diesen Weg zu wählen, wird von der religiösen Welt als Verrücktheit oder Übel beurteilt werden.

Verse 22-24

Joh 10,22-24: 22 Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; und es war Winter. 23 Und Jesus ging im Tempel, in der Säulenhalle Salomos, umher. 24 Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus.

Eine zweite Rede, wahrscheinlich zwei Monate später, beginnt damit, dass die Juden den Herrn umringen, als Er im Tempel in der Halle Salomos wandelte. Sie werfen dem Herrn vor, dass Er sie im Ungewissen hält, ob Er der Christus ist oder nicht.

Verse 25.26

Joh 10,25.26: 25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; 26 aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, [wie ich euch gesagt habe.]

Die Antwort des Herrn zeigt, dass der Grund ihrer Verwirrtheit ihr eigener Unglaube war, der das Zeugnis seiner Worte und Taten verwarf. Zusätzlich bewies ihr Unglaube, dass sie nicht seine Schafe waren.

Vers 27

Joh 10,27: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;

Das führt den Herrn dazu, das Kennzeichen seiner Schafe aufzuzeigen. Das erste große Kennzeichen ist, dass die Schafe die Stimme des Hirten hören (Joh 10,3-5.16). Alle hörten seine Worte, aber seine Stimme zu hören, bedeutet, dass die Schafe im Glauben die Botschaft aufnahmen, die die Worte beinhalteten, eine Botschaft, die den Schafen ihre Sündhaftigkeit und Bedürftigkeit aufzeigte, aber auch die Liebe und Gnade, die die Bedürftigkeit stillt. Die Frau am Brunnen ist ein eindrucksvolles Beispiel eines Menschen, der die Stimme des Hirten hört. (Vergleiche Apostelgeschichte 13,27: Hier werden die Unterschiede zwischen den Worten der Schrift und der Stimme der Propheten aufgezeigt.) Das zweite Kennzeichen ist, dass der Heiland die Schafe kennt. Wie wir gesehen haben, ruft der Heiland sie einzeln beim Namen; das zeigt sein vollkommenes Wissen über die Schafe und dass der Hirte sie individuell behandelt (vgl. Joh 10,3.14). Das dritte Kennzeichen ist, dass die Schafe dem Hirten folgen. Sie werden von Ihm nicht nur persönlich gerufen, sie folgen Ihm daraufhin auch, vielleicht manchmal zögernd und mit Straucheln, aber sie folgen Ihm.

Verse 28-30

Joh 10,28-30: 28 und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. 30 Ich und der Vater sind eins.

Jesus zeigt uns nicht nur die Kennzeichen seiner Schafe, sondern Er bestätigt auch seine liebevolle Fürsorge für seine Schafe. Er gibt ihnen ewiges Leben, ewige Sicherheit und sichert ihnen göttliche Fürsorge zu. Der Herr sagte, Er sei gekommen, um seinen Schafen Leben zu geben, und zwar Leben im Überfluss. Nun lernen wir, dass das Leben, das Er schenkt, „ewiges Leben“ ist, Leben, das mit dem Vater war und in der Person des Sohnes auf Erden sichtbar wurde, ein Leben, das die Schafe in Christus besitzen, damit es in den Schafen offenbart und von ihnen genossen wird. Natürlich wird das ewige Leben in seiner ganzen Fülle erst dann erkannt, wenn wir mit Christus dort sind, wo dieses Leben seine ewige Heimat hat (vgl. 1Joh 1,2; 1Joh 5,11.12; Gal 2,20; 2Kor 4,10-18; Röm 6,22).

Ewiges Leben schließt ewige Sicherheit ein. Um seine Schafe zu trösten, fügt der Herr noch hinzu: „Sie gehen nicht verloren.“ Zum Schluss lernen wir, dass die Schafe Gegenstände der gemeinsamen Fürsorge des Vaters und des Sohnes sind. Sie sind in der Hand des Sohnes geborgen, aus der sie niemand reißen kann, und sie sind auch in der Hand des Vaters, der größer ist als alle und der die Schafe Christus gegeben hat. Wenn der Vater und der Sohn in Ihrer Liebe zu den Schafen eins sind, so sind sie auch im göttlichen Wesen eins. Deshalb kann der Herr sagen: „Ich und der Vater sind eins.“ Hier wird die Herrlichkeit seiner Person erneut sichtbar, und wir erfahren, dass der demütige Hirte der Schafe, der gekommen ist, um seinen Schafen zu dienen und um den Willen seines Vaters auszuführen, niemand anderes ist als der ewige Sohn, eine göttliche Person, die eins ist mit dem Vater.

Vers 31

Joh 10,31: Da hoben die Juden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen.

Die Juden interpretierten die Worte des Heilands ganz richtig, nämlich dass Er seine Göttlichkeit damit ausdrückte; aber dass jemand, der wahrhaftig und offensichtlich ein Mensch war, behauptete, Gott zu sein, brachte sie auf, und sie „hoben wieder Steine auf, um ihn zu steinigen“.

Vers 32

Joh 10,32: Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt; für welches Werk unter diesen steinigt ihr mich?

In absoluter Ruhe berief Er sich auf die vielen guten Werke, die Er ihnen vom Vater gezeigt hatte. So verband Er seine Werke mit dem Vater als Beweis, dass Er vom Vater gekommen war. Hatten sie etwas auszusetzen an den Werken, die die Güte des Vaters und die Herrlichkeit Christi als den Sohn offenbarten?

Vers 33

Joh 10,33: Die Juden antworteten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Lästerung und weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst.

In ihrer Antwort zeigen die Juden, dass sie die Worte des Herrn insoweit richtig verstanden hatten, insofern als sie den Anspruch des Herrn auf seine Göttlichkeit ausdrückten. Dennoch blieb das, was die Juden sagten, hinter der Wahrheit zurück, denn sie sagten: „Du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.“ Die Wahrheit war, dass Er, der Gott ist, Mensch wurde.

Verse 34-36

Joh 10,34-36: 34 Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter“? 35 Wenn er diejenigen Götter nannte, an die das Wort Gottes erging (und die Schrift kann nicht aufgelöst werden), 36 sagt ihr von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst (weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn)?

Wäre ihre Deutung falsch gewesen, hätte Christus solch einen schrecklichen Irrtum sicherlich korrigiert und den Anspruch der Göttlichkeit zurückgewiesen. Er tat keines von beiden; im Gegenteil, der Herr bestätigt seinen Anspruch, indem Er sich auf ihre eigenen Schriften beruft, und verurteilt sie daher aus ihrem eigenen Mund, den Anspruch der Göttlichkeit abgelehnt zu haben. Der Herr zitiert Psalm 82,6 und fragt: „Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: ,Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‘?“ Wenn Gott nun schon Männer dazu bestimmt hatte, als seine Repräsentanten Richter Israels zu sein, und wenn zu ihnen das Wort Gottes kam, dass sie „Götter“ genannt wurden – kann es dann für den Sohn, den der Vater ausgesondert und in die Welt gesandt hatte, Gotteslästerung sein, wenn Er den Anspruch erhebt, eine göttliche Person zu sein?

Verse 37.38

Joh 10,37.38: 37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht; 38 wenn ich sie aber tue, so glaubt den Werken – wenn ihr auch mir nicht glaubt –, damit ihr erkennt und glaubt, dass der Vater in mir ist und ich in ihm.

In einem früheren Kapitel hatte Christus erklärt, dass der Beweis dafür, ein Kind Abrahams zu sein, darin liegt, die Werke Abrahams zu tun (Joh 8,39). Nun überträgt der Herr dieses überzeugende Argument auf sich selbst. Wenn Er die Werke seines Vaters nicht täte, dann täten sie recht daran, abzulehnen, zu glauben, dass Er der Sohn ist. Wenn Er aber die Werke seines Vaters tat, konnten sie sicher sein, dass Er nicht nur der Sohn war, sondern dass der Vater in Ihm ist und Er in dem Vater. Die Werke, die Er tat, waren der unmissverständliche Beweis, dass eine göttliche Person anwesend war und in Liebe und Vollmacht handelte. Der Vater wurde als in Ihm offenbart, so wie Er offenkundig mit dem Vater eins war in seiner Natur und in den verborgenen Gedanken des Vaters und in den Ratschlüssen der Liebe.

Verse 39-42

Joh 10,39-42: 39 Da suchten sie wieder, ihn zu greifen, und er entging ihrer Hand. 40 Und er ging wieder weg auf die andere Seite des Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst taufte, und er blieb dort. 41 Und viele kamen zu ihm und sagten: Johannes tat zwar kein Zeichen; alles aber, was Johannes von diesem gesagt hat, war wahr. 42 Und viele glaubten dort an ihn.

Die abschließenden Verse fassen das Ergebnis dieser zweiten Rede zusammen. Die ungläubigen Juden lehnten die Worte und Werke des Herrn ab und versuchten, Ihn zu fassen. Sie waren vollkommen ungläubig, aber seine Zeit war noch nicht gekommen. Daher ging Er weg jenseits des Jordans. Ohnehin hatten sie den Mann, der bezeugte, Christus zu sein, schon verstoßen; nun nimmt der Hirte, der vom Volk völlig abgelehnt war, außerhalb den Platz der Schmach ein. „Und viele kamen viele zu ihm … und viele glaubten dort an ihn.“ Der Hirte wurde der Führer seiner Herde außerhalb des jüdischen Schafstalls.

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Übersetzung: G. u. T. Rattenegger


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