Der Brief an die Philipper (1)
Kapitel 1

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 02.07.2004, aktualisiert: 31.01.2018

Leitverse: Philipper 1

Einleitung

In diesem Brief an die Philipper finden wir viel mehr christliche Erfahrung und Entwicklung der Übung des Herzens als in all den übrigen Briefen. Sein Inhalt ist in Wirklichkeit eigentliche christliche Erfahrung. Lehre und Praxis finden sich in allen Briefen. Jedoch gibt es, mit Ausnahme des zweiten Briefes an Timotheus, der einen anderen Charakter trägt, keinen Brief, der so wie dieser den Ausdruck der Erfahrung des Christen in diesem mühevollen Leben enthält. Und es gibt auch keinen Brief, der so wie dieser die Hilfsquellen, die dem Gläubigen auf der Reise durch dieses Leben geöffnet sind, und die Beweggründe, die ihn leiten sollen, darstellt. Wir können sogar sagen, dass dieser Brief uns die Erfahrung des christlichen Lebens in seinem höchsten und vollkommensten Ausdruck vorstellt. Wir finden den normalen Zustand des christlichen Lebens unter der Kraft des Geistes Gottes geschildert – normal dabei im Sinn von typisch, nicht im Sinn von üblich! Gott hat sich herabgelassen, uns dieses schöne Bild des christlichen Lebens vor Augen zu stellen. Aber Er wollte uns auch mit den Wahrheiten, die uns helfen, und den Regeln, die unser Verhalten bestimmen, bekannt machen.

Der Anlass zu dem Brief war ein ganz natürlicher. Paulus schätzte die Philipper sehr. Sie hatten zu Beginn seiner Arbeit ihre Liebe zu ihm durch Sendung von Liebesgaben bezeugt. Jetzt befand er sich im Gefängnis, und sie hatten ihm auch jetzt wieder durch Epaphroditus eine Unterstützung gesandt und das zu einem Zeitpunkt, zu dem er anscheinend seit einiger Zeit in Not gewesen war.

Stellen wir uns die Situation vor:

  • im Gefängnis,
  • äußerer Mangel,
  • das Bewusstsein, dass die Versammlung Gottes seiner wachsamen Fürsorge beraubt war,

und dann dieser Ausdruck der Liebe seitens der Philipper. Dieser Philipper dachten an seine Bedürfnisse, obwohl er so weit weg von ihnen war. Was hätte geeigneter sein können, das Herz des Apostels aufzutun? Dadurch wurde er veranlasst, sowohl dem Vertrauen auf Gott, das ihn belebte, als auch den Gefühlen Ausdruck zu geben, die er bezüglich der Versammlung empfand. Diese Gefühle waren von Sorge bestimmt, da er sich um die Versammlung jetzt nicht selber kümmern konnte und sie Gott selbst anvertrauen musste, ohne irgendeine vermittelnde Hilfe. Daher war es ganz natürlich, dass er seine Gefühle ausströmen ließ in die Herzen seiner geliebten Philipper, die ihm eben erst jenen Beweis ihrer Liebe gegeben hatten. Aus diesem Grunde spricht er mehr als einmal von ihrer Gemeinschaft mit dem Evangelium. Damit meint er ihre Teilnahme an der Arbeit, den Trübsalen und den Bedürfnissen, die das Verkündigen des Evangeliums für die Mitarbeiter bei dieser Arbeit mit sich brachte. Ihre Herzen verbanden sich mit dem Evangelium. Es ging so, wie der Herr sagt von denen, die einen Propheten aufnahmen in eines Propheten Namen.

Drei Hauptgedanken charakterisieren diesen Brief:

  1. Erstens spricht er von dem Leben des Christen in einer Welt, in der der Christ nicht zu Hause ist, und die Errettung oder Seligkeit wird als ein Ergebnis betrachtet, das am Ende der Reise erlangt wird. Freilich ist die durch Christus vollbrachte Erlösung die Grundlage dieser Reise (wie dies mit Israel bei seinem Eintritt in die Wüste der Fall war); aber der Gegenstand des Briefes und das, was hier „Seligkeit“ genannt wird, ist unsere Darstellung als Auferstandene vor Gott in Herrlichkeit, nachdem wir den Sieg über die Schwierigkeiten davongetragen haben.

  2. Zweitens wird die Stellung der Philipper durch die Abwesenheit des Apostels gekennzeichnet. Die Versammlung selbst hatte jetzt den Kampf zu führen. Sie musste kämpfen und siegen, anstatt den Sieg zu genießen, den der Apostel über die Macht des Feindes davongetragen hatte, als er bei ihnen war. Damals war er allen Schwachen ein Schwacher gewesen.

  3. Drittens wird die schon erwähnte wichtige Wahrheit vorgestellt, dass die Versammlung in diesen Umständen unmittelbarer auf Gott geworfen war, auf die unerschöpfliche Quelle aller Gnade und Kraft für sie. Diese Hilfsquelle, die niemals versiegen konnte, sollte sie sich direkt, das heißt ohne Vermittlung des Apostels, durch den Glauben zunutze machen.

Wir werden hier den ganzen Inhalt eines Lebens finden, das der Ausdruck der darin hervorgebrachten Kraft des Geistes Gottes war. Der Umstand, dass die in uns wirkende Sünde oder das Fleisch in dem Brief nicht erwähnt wird, ist bezeichnend dafür. Wir sehen die Formen und charakteristischen Merkmale des Lebens Christi. Denn wenn wir im Geist leben, so sollen wir im Geist wandeln.

Wir werden

  • die Schönheit des christlichen Lebens in Kapitel 2 finden,
  • die Energie desselben in Kapitel 3 und
  • Erhabenheit des christlichen Lebens über alle Umstände in Kapitel 4.
  • Das 1. Kapitel erschließt uns naturgemäß mehr das Herz des Apostels bezüglich seiner gegenwärtigen Umstände und Gefühle.

Die Ermahnung beginnt mit dem 2. Kapitel. Doch auch im 1. Kapitel finden wir den Apostel in der Kraft des geistlichen Lebens ganz über die Umstände erhaben.

Verse 1.2

Phil 1,1.2: Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit den Aufsehern und Dienern: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Die verschiedenen Umstände, die wir angesprochen haben, brachten den Apostel in ein besonders inniges Verhältnis zu den Gläubigen in Philippi. Er und Timotheus, sein treuer Sohn im Glauben und im Werk, der ihn bei seinen Arbeiten in Mazedonien begleitet hatte, wenden sich an die Gläubigen dieser speziellen Gemeinde. Dabei sprechen sie besonders die an, die ein Amt in der Gemeinde verwalten.

  • Der Brief erhebt sich nicht zu der Höhe der Ratschlüsse Gottes wie der an die Epheser.
  • Auch beschäftigt er sich nicht mit der für alle Christen überall gültigen göttlichen Ordnung wie die beiden Briefe an die Korinther.
  • Ebenso wenig stellt er die Grundlage der Beziehung eines Menschen zu Gott fest wie der Brief an die Römer.
  • Auch war er nicht dazu bestimmt, die Christen gegen die Irrtümer, die sich in die Versammlung einschlichen, zu schützen, wie einige der anderen Briefe unseres Apostels.

Er stellt sich vielmehr auf das Niveau des inneren Lebens der gemeinsamen Liebe der Christen zueinander.

Der Heilige Geist belebte und leitete diese Liebe ganz besonders im Herzen des Paulus. Deshalb finden wir hier auch die gewohnheitsmäßigen Verhältnisse, die innerhalb einer Versammlung bestanden: Da waren Aufseher und Diener. Und es war umso wichtiger, sie zu erwähnen, weil die unmittelbare Fürsorge des Apostels für die Philipper nicht länger möglich war. Das Fehlen dieser Fürsorge bildet die Grundlage der Unterweisungen des Apostels hier und gibt dem Brief seine besondere Wichtigkeit.

Verse 3-8

Phil 1,3-8: Ich danke meinem Gott bei all meiner Erinnerung an euch allezeit in jedem meiner Gebete, indem ich für euch alle das Gebet mit Freuden tue, wegen eurer Teilnahme an dem Evangelium vom ersten Tage an bis jetzt, indem ich eben darin guter Zuversicht bin, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi; wie es für mich recht ist, dass ich dies über euch alle denke, weil ihr mich im Herzen habt und sowohl in meinen Fesseln als auch in der Verteidigung und Bestätigung des Evangeliums ihr alle meine Mitteilnehmer der Gnade seid. Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu.

Die Liebe der Philipper, die in der Sendung einer Unterstützung an den Apostel ihren Ausdruck fand, erinnerte ihn an die geistliche Haltung, die sie immer gezeigt hatten. Sie hatten von Herzen an den Mühen und Trübsalen des Evangeliums teilgenommen. Und dieser Gedanke führt den Apostel zu dem hin, was den Gedankengang in dem Brief beherrscht. Wer hatte in den Philippern diesen Geist der Liebe und der Hingabe an das Evangelium gewirkt? Es war ohne Frage der Gott der Frohen Botschaft und der Liebe. Und diese Tatsache bürgte dafür, dass der, welcher das gute Werk angefangen hatte, es auch vollenden würde bis auf den Tag Christi. Ein schöner Gedanke für die Jetztzeit, wo wir weder den Apostel noch Aufseher und Diener haben wie die Philipper sie in jenen Tagen besaßen! Gott kann uns nicht genommen werden. Die wahre und lebendige Quelle aller Segnungen bleibt uns unveränderlich. Sie ist erhaben über die Schwachheiten und selbst über die Fehler, mit denen wir uns selbst der Hilfsquellen berauben, durch die Gott uns segnen wollte. Der Apostel hatte Gott in den Philippern wirksam gesehen. Die Früchte ihres Lebens gaben Zeugnis von der Quelle. Deshalb rechnete er auf die ununterbrochene Fortdauer des Segens, den sie genossen. Jedoch muss Glaube vorhanden sein, um diese Schlüsse zu ziehen. Die christliche Liebe sieht klar und hat volles Vertrauen bezüglich derer, die sie liebt, weil Gott selbst und die Wirksamkeit seiner Gnade in dieser Liebe sind.

Geradeso ist es – um zu dem Grundsatz zurückzukehren – mit der Versammlung Gottes. Sie mag viel verloren haben hinsichtlich der äußeren Mittel zur Auferbauung und jener Offenbarungen der Gegenwart Gottes [durch die Gaben, die von den Gliedern des Leibes Christi ausgeübt werden] die mit der Verantwortlichkeit des Menschen in Verbindung stehen. Aber die wirkliche Gnade Gottes kann nie verlorengehen. Der Glaube kann stets auf sie rechnen. Es waren die Früchte der Gnade, die dem Apostel dieses Vertrauen gaben; genauso wie in Hebräer 6,9.10 und 1. Thessalonicher 1,3.4. In 1. Korinther 1,8 und in dem Brief an die Galater rechnete er auf die Treue Christi, trotz vieler schmerzlicher Dinge. Die Treue des Herrn ermutigte ihn selbst in Bezug auf Christen, deren Zustand in anderer Hinsicht Ursache zu großer Sorge gab.

Hier im Philipperbrief haben wir einen weit glücklicheren Fall. Der Wandel der Christen führte ihn selbst zu der Quelle des Vertrauens ihretwegen. Er erinnerte sich mit zärtlicher Liebe daran, wie sie stets gegen ihn gehandelt hatten. Und das bringt den Wunsch in ihm hervor, dass der Gott, der diese Dinge gewirkt hatte, zu ihrem eigenen Segen die vollkommenen und reichlichen Früchte jener Liebe hervorbringen möchte. Zugleich öffnet er ihnen sein eigenes Herz. Indem dieselbe Gnade in ihnen wirkte, nahmen sie teil an dem Werk der Gnade Gottes in dem Apostel. Und sie taten es mit einer Liebe, die sich mit ihm und seinem Werk eins machte: Daher wandte sich das Herz des Apostels ihnen mit überströmender Gegenliebe und mit Wünschen für ihr Wohl zu. Gott, der die Quelle dieser Gefühle war und vor dem Paulus alles kundwerden ließ, was in seinem Herzen vorging – derselbe Gott, der in den Philippern wirkte, bezeugte, wie sehr Paulus, der seine Liebe aufgrund seiner Fesseln jetzt nicht mehr bezeugen konnte, sich nach ihnen allen sehnte.

Verse 9-11

Phil 1,9-11: Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüfen mögt, was das Vorzüglichere ist, damit ihr lauter und ohne Anstoß seid auf den Tag Christi, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes.

Er fühlte ihre Liebe. Er wünschte, dass diese Liebe herzlich und wirksam sein sollte; aber nicht nur das, sondern auch dass diese Liebe geleitet werden möchte durch eine von Gott gegebene Erkenntnis und Einsicht, durch eine göttliche, durch die Kraft seines Geistes gewirkte Unterscheidung des Guten und des Bösen. Und dann gab es noch etwas mehr als ein Handeln nur nach Liebe. Sie sollten auch nach Erkenntnis wandeln und prüfen, was in der finsteren Welt wirklich dem göttlichen Licht und der göttlichen Vollkommenheit entspricht, damit sie ohne Anstoß seien auf den Tag Christi. Das ist was ganz anderes als bloß ein kaltes Meiden tatsächlicher Sünde, womit sich viele Christen begnügen! Was das christliche Leben kennzeichnet, ist das ernste Verlangen nach jeder Vortrefflichkeit Christi und nach einer völligen Ähnlichkeit mit Ihm, wie das göttliche Licht sie uns dann offenbaren kann. Die hervorgebrachten Früchte waren nun schon ein Zeichen, dass Gott mit den Philippern war, und gaben dem Apostel die gute Zuversicht, dass Er das Werk bis ans Ende vollführen werde. Doch wünschte der Apostel, dass die Philipper auf dem ganzen Weg nach dem von Gott gegebenen Licht wandeln möchten, damit nichts vorhanden wäre, worüber sie getadelt werden konnten, wenn sie ihren Lauf vollendet hätten. Im Gegenteil, frei von allem, was sie schwächen oder irreführen könnte, sollten sie erfüllt sein mit den Früchten der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes sind: ein schönes, praktisches Bild des normalen Zustandes eines Christen in seinem täglichen Leben dem Ziel entgegen. Denn im Philipperbrief sind wir immer auf dem Weg nach unserer himmlischen Ruhe, die die Erlösung uns bereitet hat. Das ist die Einleitung zu dem vorliegenden Brief.

Verse 12-20

Phil 1,12-20: Ich will aber, dass ihr wisst, Brüder, dass meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten sind, so dass meine Fesseln in Christus offenbar geworden sind in dem ganzen Prätorium und allen anderen, und dass die meisten der Brüder, indem sie im Herrn Vertrauen gewonnen haben durch meine Fesseln, viel mehr sich erkühnen, das Wort Gottes zu reden ohne Furcht. Einige zwar predigen den Christus auch aus Neid und Streit, einige aber auch aus gutem Willen; diese aus Liebe, da sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums gesetzt bin; jene verkündigen den Christus aus Streitsucht, nicht lauter, wobei sie meinen Fesseln Trübsal zu erwecken gedenken. Was denn? Wird doch auf alle Weise, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, Christus verkündigt, und darüber freue ich mich, ja, ich werde mich auch freuen; denn ich weiß, dass dies mir zum Heil ausschlagen wird durch euer Gebet und durch Darreichung des Geistes Jesu Christi, nach meiner sehnlichen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts werde zuschanden werden, sondern mit aller Freimütigkeit, wie allezeit, so auch jetzt Christus erhoben werden wird an meinem Leib, sei es durch Leben oder durch Tod.

Der Apostel hatte auf diese Weise den Wünschen seines Herzens für die Philipper Ausdruck gegeben. Jetzt kommt er, auf die Liebe rechnend, auf seine Ketten zu sprechen, an die sie gedacht hatten. Aber er bringt es in Verbindung mit Christus und dem Evangelium, das ihm vor allem anderen am Herzen lag.

Mit dem 12. Vers des ersten Kapitels, nach der vorangegangenen Einleitung, beginnt der eigentliche Brief. Paulus war ein Gefangener zu Rom. Der Feind schien einen großen Sieg errungen zu haben, indem er den Apostel auf diese Weise in seiner Wirksamkeit hemmte. Aber durch die Kraft Gottes, der alle Dinge leitet und der in dem Apostel wirkte, hatten die Anschläge des Feindes sogar der Förderung des Evangeliums gedient. Zunächst ließ die Gefangenschaft des Apostels das Evangelium dort bekannt werden, wo es sonst nicht verkündigt worden wäre, nämlich in den hohen Kreisen in Rom. Und viele andere Brüder fassten Mut, das Evangelium ohne Furcht zu predigen. Zuerst waren sie in Gefahr gewesen, sich seiner zu schämen, als wäre er ein Verbrecher. Jetzt hatten sie wegen der Lage des Apostels wieder Vertrauen gewonnen.

Doch die Abwesenheit des Apostels äußerte auch noch in anderer Weise ihre Wirkung. Manche, die angesichts seiner Kraft und seiner Gaben zwangsläufig kraftlose und unbedeutende Personen waren, konnten sich jetzt ziemlich wichtig machen, wenn in den unausforschlichen, aber vollkommenen Wegen Gottes dieses mächtige Werkzeug seiner Gnade beiseitegesetzt war. Sie konnten hoffen zu glänzen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn die Strahlen dieses glänzenden Lichtes durch die Mauern eines Gefängnisses aufgehalten wurden. Diese eifersüchtigen Menschen, die sich zurückzogen, wenn er gegenwärtig war, benutzten seine Abwesenheit, um sich hervorzutun. Entweder waren es falsche Brüder oder eifersüchtige Christen, die in seiner Abwesenheit seine Autorität in der Versammlung und sein Glück zu beeinträchtigen suchten. Doch genau das Gegenteil geschah– sie vermehrten nur beides. Gott war mit seinem Knecht.

Anstelle der Selbstsucht, durch die diese traurigen Prediger der Wahrheit getrieben wurden, fand sich bei Paulus der reine Wunsch für die Verkündigung der guten Botschaft von Christus. Er fühlte deren ganzen Wert sehr tief. Ihm ging es einzig und allein um diese Verkündigung, auf welche Weise sie auch geschehen mochte. Für seine eigene Lage findet der Apostel seinen Trost darin, dass Gott bezüglich der Mittel, die Er einsetzt, unabhängig von der geistlichen Ordnung seines Hauses wirksam ist.

  • Der normale Zustand der Versammlung ist, dass der Geist Gottes in den Gliedern des Leibes wirkt, und zwar in jedem Glied an seinem Platz zur Offenbarung der Einheit des Leibes und der gegenseitigen Tätigkeit seiner Glieder. Christus hat Satan überwunden und die Seinen aus der Hand dieses Feindes gerettet. Jetzt erfüllte Er diese Befreiten mit seinem eigenen Geist. Zugleich sollen sie die Kraft Gottes und die Wahrheit ihrer Befreiung aus der Gewalt des Feindes auch in ihrem Verhalten zeigen. Dies Verhalten ist Ausdruck der Gesinnung und der Kraft Gottes selbst. Hier bleibt kein Raum für die Gesinnung und die Kraft des Feindes. Die Christen bilden das Heer und das Zeugnis Gottes in dieser Welt gegen den Feind. Zudem aber ist jedes einzelne Glied, vom Apostel bis zum schwächsten Christen, in wirksamer Weise an seinem eigenen Platz tätig. Die Macht Satans hat hier nichts zu sagen. Das Äußere entspricht dem Inneren und damit dem Werk Christi. Der, welcher in ihnen ist, ist größer als der, welcher in der Welt ist. Aber immerhin ist hierzu Kraft und ein einfältiges Auge nötig. Dieser Gemeindezustand wird uns im Epheserbrief gezeigt.

  • Es gibt auch einen anderen Zustand der Dinge: Es ist nicht alles an seinem Platz nach dem Maß der Gabe des Christus in Tätigkeit. Dennoch schützt die wiederherstellende Kraft des Geistes durch den Apostel die Versammlung oder führt sie zu ihrem normalen Zustand zurück, wenn sie in ihren einzelnen Teilen versagt hat. Diesen Zustand finden wir in den Briefen an die Korinther und an die Galater.

  • Der Brief an die Philipper behandelt – jedoch mit der Feder eines göttlich inspirierten Apostels – einen Zustand der Dinge, in dem diese letzte Hilfsquelle fehlte. Der Apostel konnte jetzt nicht in derselben Weise arbeiten wie früher. Aber er konnte uns die Gedanken des Geistes über den Zustand der Versammlung mitteilen, wenn sie, nach der Weisheit Gottes, dieser normalen Kräfte beraubt war. Gott konnte ihr nicht genommen werden. Ohne Zweifel war die Versammlung damals nicht so weit von ihrem regelrechten Zustand abgewichen wie es heute der Fall ist. Aber das Übel sprosste schon auf. „Alle suchen das Ihre“, sagt der Apostel, „nicht das, was Jesu Christi ist“ (Phil 2,21). Und Gott erlaubte, dass es so schon zu Lebzeiten der Apostel war, damit wir die Offenbarung seiner Gedanken darüber haben und zu den wahren Hilfsquellen seiner Gnade in solchen Umständen geleitet werden möchten.

Paulus selbst musste diese Wahrheit an erster Stelle erfahren. Die Bande, die ihn mit der Versammlung und mit dem Werk des Evangeliums verknüpften, waren die stärksten, die es auf Erden gibt. Und doch war er gezwungen, das Evangelium und die Versammlung dem Gott zu überlassen, dem sie gehörten. Das war schmerzlich. Aber es hatte die Wirkung, den Gehorsam, das Vertrauen, die Einfalt des Auges und die Selbstverleugnung im Herzen zu vervollkommnen, d.h. sie zu vervollkommnen nach dem Maß der Wirksamkeit des Glaubens. Trotz allem zeigt der dem Apostel verursachte Schmerz die Unfähigkeit des Menschen, das Werk Gottes auf seiner Höhe zu erhalten. Aber das alles geschieht, damit Gott die ganze Ehre hinsichtlich des Werkes empfängt. Und es ist notwendig, damit das Geschöpf in jeder Hinsicht der Wahrheit gemäß offenbar werde. Es ist überaus wichtig zu sehen, wie der Verfall des Lebens in den einzelnen Gläubigen und der Rückgang der Kraft in der Versammlung als Gesamtheit eine viel größere Entfaltung von persönlicher Gnade einerseits und von dienender Energie andererseits (da wo Glauben ist) hervorbringt, als sonst wo gefunden wird. Das sieht man auch in dem zweiten Brief an Timotheus. Es ist tatsächlich immer so. Männer wie Mose, David und Elia werden in den Zeiten eines Pharao, eines Saul und eines Ahab gefunden.

Der Apostel war zur Untätigkeit verurteilt. Er musste sehen, wie das Evangelium ohne ihn gepredigt wurde, von einigen aus Neid und Streit, von anderen aus Liebe. Die Letzteren, durch die Bande des Apostels ermuntert, wünschten ihm diese Bande zu erleichtern, indem sie sein Werk fortsetzten. Auf alle Weise wurde Christus gepredigt, und das Herz des Apostels erhob sich über die Beweggründe, die die Prediger beseelen mochten, indem er die unermesslich große Tatsache anschaute, dass ein Heiland, der von Gott gesandte Erlöser, der Welt verkündigt wurde. Christus und selbst die Seelen waren wertvoller für Paulus als dass das Werk durch ihn selbst betrieben wurde. Gott setzte es fort; und deshalb würde es für Paulus, der sich mit den Absichten Gottes eins machte, zum Triumph gereichen. Darin zeigt sich ein außergewöhnlicher Glaube. Aber es kann nur so sein, wenn ein Mensch das Werk zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Paulus konnte sagen: „Das Leben ist für mich Christus.“ Weil das der Fall war, war er glücklich, wenn das Werk gedieh. Wenn nur Christus verherrlicht wurde, so war er zufrieden, mochte der Herr ihn selbst auch beiseitegesetzt haben. Paulus verstand den großen Kampf, der zwischen Christus (in seinen Gliedern) und dem Feind geführt wurde. Und wenn dieser scheinbar dadurch einen Sieg davongetragen hatte, dass er Paulus ins Gefängnis brachte, benutzte Gott dieses Ereignis zur Förderung des Werkes Christi durch das Evangelium. Dadurch erlangte Er in Wirklichkeit neue Siege über Satan – Siege, mit denen Paulus in Verbindung stand, weil er zur Verantwortung jenes Evangeliums gesetzt war. Deshalb schlug das alles für ihn zur Seligkeit aus, indem sein Glaube durch diese Wege eines treuen Gottes befestigt wurde. Gott richtete nur die Augen seines treuen Knechtes völliger auf sich selbst. Unterstützt durch die Gebete anderer und durch die Darreichung des Geistes Jesu Christi, rühmt er sich mehr und mehr des sicheren Sieges Christi, an dem er teilhatte anstatt vom Feinde niedergeworfen und erschreckt zu werden.

Dementsprechend drückt er seine unerschütterliche Überzeugung aus, dass er in nichts beschämt werden würde, sondern dass es ihm geschenkt werden würde, alle Freimütigkeit zu gebrauchen, und dass Christus in ihm verherrlicht werden würde, sei es durch sein Leben oder durch seinen Tod. Und den Tod hatte er vor Augen. Berufen, vor dem Kaiser zu erscheinen, konnte ihm sein Leben durch dessen Urteil genommen werden; menschlich gesprochen, war der Ausgang ganz ungewiss. Er spielt darauf an in Philipper 1,22.30; 2,17; 3,10.

Verse 21-26

Phil 1,21-26: Denn das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn. Wenn aber das Leben im Fleisch mein Los ist – das ist für mich der Mühe wert, und was ich erwählen soll, weiß ich nicht. Ich werde aber von beidem bedrängt, indem ich Lust habe, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen. Und in dieser Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen bleiben werde zu eurer Förderung und Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus meinethalben überströme durch meine Wiederkunft zu euch.

Aber sei es, dass er leben oder sterben sollte, sein Auge war jetzt mehr auf Christus gerichtet als selbst auf das Werk. Dieses Werk mochte einen hohen Platz in dem Herzen dieses Mannes einnehmen, doch sein Leben ließ sich in dem einen Wort zusammenfassen: „Christus“. Das Leben war für ihn nicht das Werk an und für sich, auch nicht, dass die Gläubigen im Evangelium feststehen möchten – obwohl das nicht von dem Gedanken an Christus getrennt werden konnte, weil sie Glieder seines Leibes waren –, sondern das Leben war für ihn Christus. Das Sterben war Gewinn, denn dann würde er bei Christus sein. Das war die läuternde Wirkung der Wege Gottes, der den Apostel durch die für ihn so schreckliche Prüfung hatte gehen lassen, jahrelang (vielleicht vier Jahre) von seinem Werk für den Herrn getrennt zu sein. Der Herr selbst hatte den Platz des Werkes eingenommen, insoweit es wenigstens mit Paulus persönlich verbunden war. Und das Werk war dem Herrn selbst übergeben. Vielleicht hatte die Tatsache, dass der Apostel so sehr mit dem Werk erfüllt war, dazu beigetragen, seine Gefangenschaft zu veranlassen. Denn nur der Gedanke an Christus erhält die Seele im Gleichgewicht und gibt allem seinen richtigen Platz. Gott bediente sich dieser Gefangenschaft, um Christus für den Apostel alles werden zu lassen. Nicht dass das Werk sein Interesse für ihn verloren hätte, sondern die Wirkung war, dass Christus allein den ersten Platz einnahm, und dass Paulus alles in Ihm sah, sogar das Werk. Wenn wir vielleicht fühlen, dass unsere Schwachheit offenbar geworden ist und dass wir nicht verstanden haben, nach der Kraft Gottes zu handeln, welch ein Trost liegt dann für unser Herz in der Gewissheit, dass der, welcher allein ein Recht auf Verherrlichung hat, niemals versagt!

Nun, da Christus für Paulus alles war, so war es offenbar ein Gewinn zu sterben, denn dann würde er bei Ihm sein. Dennoch war es der Mühe wert zu leben, denn das Leben war Christus und sein Dienst; und er wusste nicht, was er wählen sollte. Wenn er starb, so gewann er Christus für sich: Das war weit besser. Wenn er lebte, so diente er Christus. Was das Werk betrifft, hatte er dann mehr, da zu leben für ihn Christus war, und der Tod würde dem selbstverständlich ein Ende gemacht haben. So wurde er von beidem bedrängt. Doch er hatte gelernt, sich selbst in Christus zu vergessen. Und er sah Christus nach seiner vollkommenen Weisheit ganz und gar mit der Versammlung beschäftigt. Das entschied die Frage. Denn weil er das von Gott gelernt hatte und für sich nicht wusste, was er wählen sollte, verlor Paulus sich selbst aus dem Auge und dachte nur an das Bedürfnis der Versammlung, in Übereinstimmung mit dem Herzen Christi. Es war gut für die Versammlung, dass er blieb: Daher würde er bleiben. Und sieh, welch einen Frieden gibt dem Knecht Gottes dieses Schauen auf Jesus, das alle Selbstsucht in dem Werk zerstörte! Christus hat ja doch alle Gewalt im Himmel und auf Erden und Er ordnet alle Dinge nach seinem Willen. Wenn also sein Wille bekannt ist (und sein Wille ist Liebe für die Versammlung), so kann ich sagen, dass dieser geschehen wird. Paulus entscheidet über sein eigenes Los und kümmert sich dabei weder um das, was der Kaiser tun würde, noch um die Zeitverhältnisse. Christus liebte die Versammlung. Es war für die Versammlung gut, dass Paulus blieb; also wird Paulus bleiben. Wie völlig ist Christus hier alles! Welch ein Licht eines einfältigen Auges, welch eine Ruhe eines in der Liebe des Herrn erfahrenen Herzens! Wie schön, wenn das Ich so total verschwindet und die Liebe Christi zu der Gemeinde die alleinige Grundlage ist, auf der alles geordnet ist!

Verse 27-30

Phil 1,27-30: Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus, damit, sei es, dass ich komme und euch sehe oder abwesend bin, ich von euch höre, dass ihr feststeht in einem Geist, indem ihr mit einer Seele mitkämpft mit dem Glauben des Evangeliums und euch in nichts erschrecken lasst von den Widersachern; was für sie ein Beweis des Verderbens ist, aber eures Heils, und das von Gott. Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt und jetzt von mir hört.

Da nun Christus das alles für den Apostel und für die Versammlung war, wünschte Paulus, dass sie auch umgekehrt das sein möchte, was sie für Christus sein sollte und dadurch für sein, Paulus’ eigenes Herz, dem Christus alles war. Deshalb wendet sich sein Herz jetzt der Gemeinde zu. Die Philipper würden sich sehr über seinen Besuch freuen. Aber sein Wunsch ist, dass ihr Verhalten des Evangeliums Christi würdig sei, ob er nun kommen würde oder nicht. Zwei Dinge beschäftigen den Apostel:

  • dass sie, sei es, dass er sie sehe oder von ihnen höre, untereinander feststehen möchten in der Einheit des Geistes und der Seele, und
  • dass sie im Blick auf den Feind ohne Furcht sein möchten in dem Kampf, den sie wider den Feind zu bestehen hatten; die Kraft zu diesem Kampf würde ihnen gerade jene Einheit geben.

Dadurch würde man die Gegenwart und Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Gemeinde während der Abwesenheit des Apostels wahrnehmen. Der Geist hält die Christen durch seine Gegenwart zusammen. Sie haben nur ein Herz und nur einen Gegenstand. Sie handeln gemeinschaftlich durch den Geist. Und weil Gott da ist, verschwindet die Angst, die ihre Widersacher und der böse Geist ihnen einflößen möchten – das ist übrigens das, was er stets versucht (vgl. 1Pet 3,6). Sie gehen ihren Weg im Geist der Liebe und der Kraft und in kontrollierter Überlegung. So ist ihr Zustand ein klarer Beweis des Heils, der völligen und endlichen Errettung. Es ist nämlich so, dass sie in ihrem Kampf mit dem Feind keine Angst fühlen, weil die Gegenwart Gottes sie mit anderen Gedanken erfüllt. In ihren Feinden bringt die Entdeckung der Machtlosigkeit all ihrer Anstrengungen das Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer Hilfsquellen hervor. Obwohl ihnen die ganze Macht der Welt und des Fürsten der Welt zur Verfügung stand, waren sie doch einer Macht begegnet, die der ihrigen überlegen war – der Macht Gottes. Und dieser Macht standen sie feindlich gegenüber. Eine schreckliche Überzeugung auf der einen Seite, hohe Freude auf der anderen. Auf der Seite der Gläubigen war auf diese Weise nicht nur die Gewissheit der Errettung vorhanden, sondern auch der sichere Beweis, dass diese Errettung aus der Hand Gottes selbst kam.

Die Tatsache also, dass die Versammlung im Kampf stand und der Apostel abwesend war (obwohl er selbst gegen die ganze Macht des Feindes kämpfte), war ein Geschenk von Seiten Gottes. Was für ein Gedanke! Es war den Philippern geschenkt worden, sowohl für Christus zu leiden, als auch an Ihn zu glauben. Sie hatten ein besonderes Teil vorab, indem sie mit und sogar für Christus litten. Dazu verband die Gemeinschaft mit seinem treuen Knecht im Leiden um Christi willen sie um so inniger in Ihm.

Beachten wir, dass wir bis hierher das Zeugnis des Geistes von einem Leben haben, das über dem Fleisch steht und nicht nach dem Fleisch ist. In nichts war der Apostel in Verlegenheit geraten und er war völlig gewiss, dass das auch nie geschehen werde. Er war sich sicher, dass Christus, so wie dies immer passiert war, hoch erhoben werden würde an seinem Leibe, mochte das Leben oder der Tod sein Los sein. Er wusste nicht, ob er das Leben oder den Tod wählen sollte. Beides war so gesegnet: Das Leben war Christus, das Sterben Gewinn; obwohl in letzterem Fall die Arbeit vorbei war. Er setzte ein solches Vertrauen auf die Liebe Christi zu der Versammlung, dass er seine Sache vor Nero durch das entschied, was diese Liebe tun würde. Mochten auch etliche durch Neid und Streit gegen ihn geleitet werden, Christus zu predigen, so konnte es für ihn doch nur siegreiche Ergebnisse haben: Er war zufrieden, wenn Christus gepredigt wurde. Diese Überlegenheit über das Fleisch, indem er in seinem Leben so völlig über diesem stand, war nicht ein Beweis, dass das Fleisch nicht mehr in ihm vorhanden war oder dass seine Natur verändert gewesen wäre. Er hatte ja, wie wir in 2. Korinther 12 lesen, einen Dorn im Fleisch, einen Engel Satans, um ihn mit Fäusten zu schlagen. Wohl aber ist diese Überlegenheit ein herrliches Zeugnis für das, was der Geist Gottes bewirken kann.

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