Der Brief des Paulus an die Philipper (1)
Kapitel 1

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 31.01.2021, aktualisiert: 04.02.2021

Christus – das Ziel des christlichen Lebens

Wie in der Einleitung erwähnt, sehen wir in den zahlreichen Verweisen von Paulus auf sich selbst einen Mann, der in seinen Gegenstand vertieft ist und sich in seinen Umständen freut. Das ist das normale christliche Leben und das sollte auch die Erfahrung jedes Christen sein. Im ersten Kapitel sehen wir Christus vor der Seele des Paulus als den Einen, der der Inhalt seines ganzen Lebens ist.

Der Gruß (V. 1.2)

Verse 1.2

Phil 1,1.2: 1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit den Aufsehern und Dienern: 2 Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Paulus verwendet keinen offiziellen Titel, sondern stellt sich und Timotheus einfach als „Knechte Christi Jesu“ vor. Daher dürfen wir die Erfahrung, von der er im Brief berichtet, nicht als etwas betrachten, was apostolisch wäre. Das heißt, man muss kein Apostel sein, um die gleichen Erfahrungen zu machen wie Paulus. Im Gegenteil, er spricht von sich selbst als einem Knecht. Das bedeutet: Diese Dinge liegen für jeden Christen in Reichweite, denn alle Gläubigen können sich Christus als dem Herrn ihres Lebens hingeben und Knechte in seinem Dienst sein.

Der Herr hat nie von jemand verlangt, sein Knecht zu sein; das ist etwas, was der Gläubige freiwillig wählt, wenn er erkennt, dass er „um einen Preis erkauft“ worden ist (1Kor 6,20; 7,23). Die Seelenübung, die den Gläubigen zu dieser Hingabe führt, geschieht dadurch, dass er zunächst versteht, was Christus durch sein Werk am Kreuz für uns getan hat. Dieses Werk macht den Gläubigen zum „Freigelassenen des Herrn“ (1Kor 7,22a). Wir sind somit vom Gericht über unsere Sünden, von der Herrschaft der Sünde, von Satan und von der Welt befreit worden. Aber wenn unserer Seele klarwird, was der Preis für unsere Freiheit war, und wenn wir erkennen, was Christus bezahlt hat, um uns zu erlösen, dann wollen wir die Entscheidung treffen, unsere Freiheit nicht mehr für unsere eigenen Interessen zu nutzen, sondern seine Interessen zu fördern. Wir werden uns daher freiwillig als „Knechte Christi“ in seinen Dienst stellen (1Kor 7,22b). So macht uns das Werk des Herrn am Kreuz, das wir im Glauben empfangen haben, zu Freien; aber wir machen uns durch unseren eigenen Entschluss zu seinen Knechten. Dies ist eine rein persönliche Sache und eine Entscheidung, die jemand nur für sich selbst treffen kann – niemand kann sie für uns treffen. Wenn Paulus sich selbst und Timotheus „Knechte“ nennt, deutet er damit an, dass beide diese Seelenübung durchlaufen haben und sich dem Herrn in seinem Dienst gern zur Verfügung stellen. Und damit hatten sie das Geheimnis der wahren Freude und des Glücks im Leben entdeckt!

Paulus spricht die Philipper dann als „Heilige in Christus Jesus“ an. Ein Gläubiger ist jemand, der „geheiligt“ oder „geweiht“ ist. Das bedeutet: Der Gläubige ist von Gott abgesondert (das bedeutet „Heiligung“) und an einen Ort des Segens gebracht worden. Der Ausdruck „Christus Jesus“ (der Titel des Herrn steht vor dem Namen „Jesus“, den Er als Mensch hat) bezieht sich darauf, dass Er die Erlösung vollbracht hat und als verherrlichter Mensch in den Himmel zurückgekehrt ist. Seine Annahme bei Gott ist zum Maßstab dafür geworden, dass und wie der Gläubige angenommen worden ist, denn von uns wird gesagt, dass wir „in Christus Jesus“ sind! Einfach ausgedrückt: „In Christus“ zu sein, bedeutet, am Platz Christi vor Gott zu sein. Das ist die Stellung aller Christen. Die Heiligen des Alten Testaments wurden von Gott gesegnet und sind jetzt im Himmel, aber von ihnen wird nicht gesagt, dass sie „in Christus“ sind. Gläubige aus anderen Zeitaltern sind „ihm angenehm“[1] (Apg 10,35), während nur von Christen gesagt wird, dass sie „in“ Ihm „angenehm gemacht“[2] sind (Eph 1,6). „In“ Christus zu sein bedeutet, dass wir durch den innewohnenden Heiligen Geist mit Christus als einem verherrlichten Menschen zur Rechten Gottes verbunden sind. Christen haben also in der Familie Gottes einen besonderen Platz der Gunst, den alle anderen nicht haben.

Paulus schließt „die Aufseher und Diener“ in sein Grußwort ein. Diese Männer sollten sich vor Ort um die Herde kümmern. Wahrscheinlich waren sie diejenigen, die die Initiative ergriffen hatten und die Sammlung organisierten und die Epaphroditus auswählten, sie zu Paulus zu bringen. Vielleicht werden sie deshalb besonders erwähnt. Eine Versammlung, die ihre Führer (an)erkennt und in glücklicher Gemeinschaft mit ihnen lebt, ist fast immer eine starke, solide Versammlung.

Paulus sagt dann, dass „Gnade“ und „Friede“ mit ihnen sein sollten „von Gott, unserem Vater, und von dem Herrn Jesus Christus“. Den Philippern (und auch allen Christen) steht also ein frischer Strom göttlicher Hilfe von oben zur Verfügung, so dass sie auf Gottes Hilfe zählen konnten, wenn sie als Versammlung gemeinsam vorangingen. An dieser Stelle wird das Wort „Herr“ zum ersten Mal in diesem Brief verwendet; insgesamt finden wir es mehr als fünfzigmal! Das ist bezeichnend; dass es so häufig verwendet wird, deutet darauf hin, dass der Gläubige in seinem Leben die gleiche Glückseligkeit und Fruchtbarkeit erfahren wird wie Paulus, wenn er der Herrschaft Christi in seinem Leben praktisch Autorität einräumt.

Paulus’ Danksagung (V. 3-8)

Verse 3-5

Paulus beginnt damit, Gott für die Philipper zu danken. Er sagt:

Phil 1,3-5: 3 Ich danke meinem Gott bei all meiner Erinnerung an euch 4 allezeit in jedem meiner Gebete, indem ich für euch alle das Gebet mit Freuden tue, 5 wegen eurer Teilnahme an dem Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt, …

Sie waren für ihn eine Quelle der Ermutigung gewesen, und er wollte, dass sie das wussten. Seine Bekehrung vom Judentum zum Christentum hatte viele enge und liebevolle Beziehungen zu seinen Volksgenossen auseinandergerissen, und Paulus spürte diesen Verlust tief, aber die Liebe und die Gemeinschaft der Philipper halfen ihm, diese Lücke zu füllen. Sie hatten sich liebevoll um ihn bemüht, und er war dankbar für ihre Liebe und Fürsorge. Er wollte sie auch wissen lassen, dass er für sie betete, und sagt deshalb: „allezeit in jedem meiner Gebete, indem ich für euch alle das Gebet mit Freuden tue“. Dass er „mit Freuden“ für sie betete, bedeutet, dass er glückliche Erinnerungen an seine Zeit mit ihnen hatte.

Insbesondere dankte Paulus Gott für ihre „Teilnahme an dem Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt“. Dies bezieht sich darauf, dass die Philipper die Diener des Herrn, die ausgesandt worden waren, um das Wort Gottes in weit entfernten Gegenden zu predigen, finanziell unterstützten. Das ist ziemlich bemerkenswert, denn sie waren eine sehr arme Versammlung. Sie gaben für die Arbeit des Herrn aus ihrer „tiefen Armut“ heraus und gingen dabei sogar „über ihr Vermögen“ (Kraft) hinaus – und sie taten es mit „Freude“ (2Kor 8,1-4)! Paulus hatte diese Gabe durch die Hand des Epaphroditus empfangen (Phil 4,18), während er in Rom inhaftiert war, und schrieb ihnen nun, um ihnen für ihre Freundlichkeit zu danken. Ihr Interesse und ihre Unterstützung des Evangeliums hatten „vom ersten Tag an“ (siehe Apg 16) „bis jetzt“ nicht nachgelassen. Dies war ein Zeitraum von etwa zehn Jahren – von etwa 51 bis etwa 61 n.Chr. Die Philipper hatten Paulus genau genommen mehr als einmal auf diese Weise gedient (Phil 4,14.15; 2Kor 11,9). Das zeigt, dass sie ihr Herz am rechten Fleck hatten und eine geistlich gesunde Gemeinde waren. Es ist immer ein Zeichen geistlichen Niedergangs, wenn eine Versammlung das Interesse am Evangelium verliert. Das war bei den Philippern nicht der Fall.

Beachte: Paulus spricht nicht von ihrer Verkündigung des Evangeliums, sondern von ihrer Teilnahme am Evangelium. Die Philipper selbst gingen nicht hinaus, um zu predigen – sie hatten irdische Verantwortungen und waren nicht frei, um Missionsarbeit zu tun. Aber ihr Herz hing an dieser Arbeit und sie dienten denen, die auf diese Weise das Evangelium verkündigten. Paulus sagt ihnen, dass sie auf diese Weise „Mitteilnehmer“ an diesem Werk der Gnade waren, und Gott würde sich sicher an ihr Opfer für den Namen Christi erinnern (Phil 1,7). Das zeigt: Wenn wir uns von unseren irdischen Verpflichtungen nicht lösen können, um in einem solchen Dienst tätig zu sein, können wir immer noch ein Teil dieses Werkes sein, indem wir diejenigen finanziell unterstützen, die sozusagen „an vorderster Front“ stehen. Alle, die das tun, werden an den Belohnungen des kommenden Tages Anteil haben.

Barsillai, Schobi und Makir sind alttestamentliche Beispiele für diesen Dienst. Sie dienten David und seinen Männern, die in der Schlacht kämpften, aber sie selbst waren nicht direkt in den Kampf einbezogen (2Sam 17,27-29; 19,32). David wusste ihre Freundlichkeit zu schätzen und schrieb einen Dankpsalm über sie, der manchmal „Barsillai-Psalm“ genannt wird (Ps 41). In Lukas 19,11-27 spricht der Herr über den Wert eines solchen Werkes hinter den Kulissen. Er weist darauf hin, dass wir – wenn wir schon nicht direkt in das Werk eintreten und mit unserem „Pfund handeln“ können – unser „Pfund“ doch zumindest „auf eine Bank geben“ und den Lohn der Zinsen kassieren können, wenn Er wiederkommt (Lk 19,23). Es ist bezeichnend, dass das mit „Bank“ übersetzte Wort im Griechischen dasselbe Wort ist, das hier in Philipper 1,5 mit „Teilnahme“ übersetzt wird. Die Philipper waren bei dieser unterstützenden Arbeit vorbildlich. Eine Frage, die wir uns in dieser Hinsicht selbst stellen können, lautet: „Welche Teilnahme habe ich an dem Evangelium?“

Vers 6

Phil 1,6: … indem ich eben darin guter Zuversicht bin, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi.

Der gesunde geistliche Zustand der Philipper gab Paulus Zuversicht, dass sie den Weg des Glaubens bis zum Ende weitergehen würden. Weil sie ein solches Opfer brachten, wusste er, dass Gott „ein gutes Werk in ihnen angefangen“ hatte, und er war sicher, dass es zu ihrem endgültigen Triumph am „Tag Jesu Christi“ führen würde. In der Regel schaut Gott auf sein Volk im Hinblick darauf, was sie sein werden, wenn sein Werk in ihnen vollendet ist. Wenn wir also auf ihren endgültigen Triumph schauen, so wie Paulus es hier tut, sehen wir, dass er Gottes Perspektive auf die Philipper hatte. Der Anfang des Werkes Gottes in den Gläubigen ist die Wiedergeburt, und sein Werk in ihnen ist nicht dann vollendet, wenn sie Christus als ihren Erlöser angenommen haben und mit dem Geist versiegelt sind, sondern wenn sie wie Christus verherrlicht sind (Phil 3,20.21) und an einem kommenden Tag „verherrlicht werden“ (2Thes 1,10).

Der „Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6.10; 2,16) ist jene Zeit, wenn Gott die Heiligen mit Christus öffentlich darstellen wird in Herrlichkeit – nämlich im Tausendjährigen Reich. Die Belohnungen, die die Gläubigen am Richterstuhl Christi erhalten werden, werden dann sichtbar sein (1Kor 3,13; 2Tim 1,12; Phil 2,16). Der Tag Christi wird also mit der Erscheinung Christi beginnen und während des ganzen Tausendjährigen Reiches andauern (1Kor 1,8; 3,13; 5,5; 2Kor 1,14). In den Briefen des Paulus wird dieser Tag an einigen Stellen mit „jener Tag“ abgekürzt (2Thes 1,10; 2Tim 1,12.18; 4,8). Der „Tag Christi“ ist nicht der Tag, von dem der Herr im Obersaal sprach, als Er sagte: „An jenem Tag …“ (Joh 14,20; 16,23.26). Der Herr sprach vielmehr von dem Tag, wenn der Geist kommen würde, um auf der Erde in der Versammlung zu wohnen. Der „Tag Christi“ ist auch nicht derselbe Tag, von dem die Propheten des Alten Testaments sprachen, als sie sagten: „An jenem Tag …“ (Sach 12,3.4.6.8.9.11; 13,1.2.4 usw.) – das ist der Tag des Messias auf dieser Erde in Bezug auf Israel. Im Gegensatz zu dem, wovon die Propheten gesprochen haben, hat der Tag Christi mit der himmlischen Herrlichkeit des Herrn zu tun, wenn die Gemeinde gemeinsam mit Ihm dargestellt wird.

Wir lernen aus Vers 6, dass wir alle noch „halbfertig“ sind und Gott noch an uns arbeitet. Deshalb müssen wir einander aus Gottes Perspektive beurteilen, sonst werden wir wahrscheinlich kritisch gegenüber den Eigenarten und Charakterfehlern des anderen. Wir neigen dazu, die jetzige Unvollkommenheit im anderen zu sehen, anstatt zu sehen, was die zukünftige Verherrlichung bewirken wird. Das war vielleicht der Grund für die Meinungsverschiedenheiten, die zwei Schwestern in der Versammlung in Philippi hatten (Phil 4,2). J.N. Darbys Heilmittel dafür war:

Wenn du Christus nicht in deinem Bruder sehen kannst, dann sieh deinen Bruder in Christus.

Ich sehe das Fleisch in mir selbst und Christus in meinem Bruder.[3]

Wenn wir Gottes Volk auf diese Weise betrachten, wird uns das von Zank und Streit befreien. Darauf geht Paulus im zweiten Kapitel noch ausführlich ein.

Vers 7

Phil 1,7: … wie es für mich recht ist, dass ich dies über euch alle denke, weil ihr mich im Herzen habt und sowohl in meinen Fesseln als auch in der Verteidigung und Bestätigung des Evangeliums ihr alle meine Mitteilnehmer der Gnade seid.

In Übereinstimmung mit diesem Grundsatz – nämlich die Gläubigen aus der Perspektive Gottes zu betrachten, was sie sein werden, wenn sie vollendet sind – sagt Paulus: „Es ist für mich recht, dass ich dies über euch alle denke.“ Er wusste (wahrscheinlich durch Epaphroditus), dass die Dinge in Philippi nicht vollkommen waren, entschied sich aber dafür, die Philipper als das zu sehen, was sie sein würden, wenn Gottes Werk in ihnen vollendet wäre. Sein Vertrauen in dieses Ergebnis beruhte auf der Tatsache, dass sie ihn in ihren Herzen trugen. Ihre Zuneigung zu ihm war ein klarer Beweis dafür, dass sie aus Gott geboren waren, denn jeder, der wiedergeboren ist, liebt die, die auch von Gott gezeugt sind (1Joh 5,1).

Paulus sagt ihnen, dass sie durch ihre praktische Gemeinschaft mit dem Werk des Herrn zu „Mitteilnehmern“ geworden waren: Sie hatten teil an den Leiden, die mit dem Evangelium verbunden waren und die Paulus in „Fesseln“ ertrug. Und weil sie so gütig handelten und sich unbeirrbar mit ihm identifizierten, waren sie auch zu „Mitteilnehmern“ in der „Verteidigung und Bestätigung des Evangeliums“ mit ihm geworden. Wir verteidigen das Evangelium, indem wir durch Worte für seine Wahrheit einstehen; und wir bestätigen das Evangelium durch unseren Weg und unseren Wandel. Das bedeutet: Paulus verkündete das Evangelium nicht nur, sondern er zeigte es auch durch sein Leben. Der Feind versucht immer, das Evangelium zu verfälschen: Entweder verdirbt er seine Botschaft, indem er Irrtümer einführt, oder er versucht, den Charakter seiner Boten zu beflecken. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Wahrheit des Evangeliums sowohl mit Worten verteidigen als auch in unserem Leben in einem christlichen Charakter angemessen darstellen. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Gideons Männer, die in der einen Hand eine „Posaune“ und in der anderen eine „Fackel“ hatten, veranschaulichen diese wichtige Ausgewogenheit (Ri 7,16). Es ist nutzlos, das Evangelium mit Worten zu verteidigen, wenn wir das, was wir lehren, nicht durch einen gesunden christlichen Charakter bestätigen. Wie können wir erwarten, dass Menschen das, was wir predigen und lehren, [als Wahrheit] annehmen, wenn wir nach den Wegen der Welt wandeln wie jeder andere, der keinen Glauben hat?

Vers 8

Paulus nennt Gott als Zeugen dafür, dass er die Philipper so sehr liebte, wie sie ihn liebten. Er sagt:

Phil 1,8: Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu.

Paulus liebte die Philipper aufrichtig. Er sehnte sich sozusagen „mit den Eingeweiden [wörtliche Übersetzung] Christi Jesu“ nach ihnen. Das bedeutet: Er liebte sie mit demselben Ausdruck göttlicher Liebe, mit der der Herr selbst sie liebte.

Das Gebet des Paulus (V. 9-11)

Verse 9-11

Phil 1,9-11: 9 Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, 10 damit ihr prüfen mögt, was das Vorzüglichere ist, damit ihr lauter und ohne Anstoß seid auf den Tag Christi, 11 erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes.

Nachdem er seine Liebe zu den Philippern bestätigt hat, fährt Paulus fort, indem er ihnen seine Gebetsanliegen für sie mitteilt. Dabei wurde ihnen deutlich, was er für sie wünschte. Es ist gesagt worden, dass es keinen größeren Dienst gibt, den wir für die Heiligen Gottes tun können, als für sie zu beten. Epaphras ist ein wunderbares Beispiel dafür. Er „rang“ im Gebet, dass die Heiligen „vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes“ stünden (Kol 4,12). Dies sollte natürlich nicht der einzige Dienst sein, den wir für die Gläubigen tun, aber hier sollten wir beginnen.

Beachten wir: Paulus bittet nicht um bessere Lebensbedingungen für diese armen Gläubigen, auch nicht um ihre körperliche Gesundheit, sondern er betet dafür, dass ihr geistliches Verständnis und ihr moralisches Unterscheidungsvermögen wachsen möge, damit sie „lauter und ohne Anstoß“ in dieser Welt lebten und so vor allen ein gutes Zeugnis ablegen könnten. In Epheser 1,16-23 betet Paulus darum, dass die Heiligen geistliche Einsicht in die lehrmäßigen Dinge bekämen, die mit dem Geheimnis zu tun haben; aber hier betet er für ihr geistliches Verständnis, damit sie in praktischen Dingen moralisches Unterscheidungsvermögen hätten.

Diese Kette von Dingen, die Paulus für die Philipper erbittet, beginnt damit, dass er dafür betet, dass sie in der „Liebe“ wachsen sollten. Und zwar beginnt er deshalb damit, weil Liebe der Boden ist, auf dem moralisches Unterscheidungsvermögen wächst. Wenn unsere Liebe zum Herrn und zu seinem Volk und zu den Verlorenen so hell brennt, wie sie sollte, steht es recht mit uns. Und wenn dies damit verbunden ist, dass wir „Erkenntnis“ und „Einsicht“ in göttliche Grundsätze haben, dann werden wir in der Lage sein, in praktischen Angelegenheiten, die uns im Leben entgegenstehen, zu „prüfen, was das Vorzüglichere ist“. J.G. Bellett nennt einige Beispiele, wie verschiedene praktische Angelegenheiten moralisch beurteilt werden können:[4]

  • Daniel beriet den König von Babylon in Angelegenheiten, die das Königreich betrafen, wollte jedoch nicht von der Tafelkost des Königs essen (Dan 1,8-16; 2,27-45).
  • Serubbabel nahm die Hilfe des Königs von Persien beim Wiederaufbau des Tempels an (Esra 1; 4), lehnte aber die Hilfe der Samariter ab (Esra 4,1-4).
  • Die jüdischen Gefangenen in Babylon wiederum beteten für die Stadt Babylon und für ihre Bewohner (Jer 29,7), sangen aber nicht Zions Lieder für sie (Ps 137,1-4).

Wir könnten uns fragen, warum sie bei der einen Gelegenheit mit den Heiden zusammenarbeiteten und sich bei einer anderen Gelegenheit weigerten. Die Antwort ist: Sie hatten moralisches Unterscheidungsvermögen.

Der große Zweck dieser moralischen und geistlichen Unterscheidung besteht darin, den Gläubigen zu helfen, auf einem Pfad zu gehen, der Christus verherrlicht. Deshalb sagt Paulus, dass die Gläubigen „lauter und ohne Anstoß“ in dieser Welt wären, wenn sie diese Dinge praktisch beherzigten. „Lauter“ ist, was wir Gott gegenüber sein sollten (1Pet 1,16), und „ohne Anstoß“ ist, was wir vor unseren Mitmenschen sein sollten (2Kor 6,3). Dies hätte sicherlich eine positive Wirkung auf das gegenwärtige Zeugnis des Evangeliums, aber Paulus dachte über diese Zeit hinaus bis zum „Tag Christi“, wenn Gott das, was Er in den Heiligen gewirkt hat, öffentlich sichtbar machen wird. Wie bereits erwähnt, beginnt der Tag Christi mit der Erscheinung des Herrn und er erstreckt sich über das ganze Tausendjährige Reich (2Thes 1,10). Das Ergebnis dieser moralischen Einsicht ist, dass die Welt „die Frucht der Gerechtigkeit“ in uns sehen wird, nicht nur jetzt, sondern auch an jenem Tag, und dass diese Frucht „zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes“ ausschlagen wird.

Die persönlichen Umstände des Paulus und die Ausbreitung des Evangeliums (V. 12)

Vers 12

Phil 1,12: Ich will aber, dass ihr wisst, Brüder, dass meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten sind, …

Paulus hat von der „Teilnahme an dem Evangelium“ (Phil 1,5) gesprochen und davon, wie wichtig die „Verteidigung und Bestätigung des Evangeliums“ (Phil 1,7) ist; jetzt spricht er von „der Förderung des Evangeliums“. Die Philipper waren voller Sorge um Paulus und wollten gern von seinem Wohlergehen hören. Da Paulus wusste, dass sie besorgt waren, nutzte er die Gelegenheit, ihnen ihre Sorge zu nehmen, indem er sie über seine persönlichen Umstände informierte. Es fällt auf, dass er sie dabei nicht mit seinen Schwierigkeiten beschäftigt, die beträchtlich waren, sondern mit dem, was der Herr in Rom tat.

In Paulus’ Umfeld gab es vieles, was einem Menschen Trübsinn und Depressionen bereiten konnte. Er war jeden Tag an einen römischen Soldaten gekettet und erwartete seinen Prozess. Seine Zukunft – ob Leben oder Tod – war dunkel und voller Ungewissheit; der Märtyrertod war eine sehr reale Möglichkeit. Er war ohne den Trost christlicher Freunde, denn die meisten fürchteten sich davor, mit ihm identifiziert zu werden (2Tim 1,15). (Später, als er wieder eingekerkert war, besuchte ihn Onesiphorus, aber Paulus sagt, dass er eine Ausnahme gewesen sei; 2Tim 1,16-18.) Bei all dem, was Paulus bevorstand, finden wir ihn nicht klagend oder traurig. Er bittet die Philipper nicht, für seine Befreiung zu beten oder dafür, dass er in der Gefangenschaft bessere Bedingungen hätte. Vielleicht warf er sich vor, dass er nach Jerusalem gegangen war, was zu seiner Gefangenschaft führte, aber er erhebt sich über sein Versagen und beschäftigt sich nicht damit. Anstatt trübsinnig und traurig zu sein, sehen wir einen Mann, der mit Gott lebt, über seine Umstände erhaben und in ihnen zufrieden ist. Das ist bemerkenswert: Er ist zufrieden mit dem, wer er ist und wo er ist, denn er weiß, dass Gott über allen Umständen steht und dass „sein Weg vollkommen ist“ (Ps 18,31). Er war weit davon entfernt, sich entmutigen zu lassen – er freute sich! Er war mit einer Kette gefesselt, aber sein Geist blieb frei. Das zeigt, dass Glaube nicht durch die Umstände gehindert werden kann. Es zeigt uns auch, dass die Umstände den Seelenzustand eines Menschen nicht hervorbringen – sie offenbaren ihn nur.

Das Beispiel von Paulus zeigt, dass es hier zahlreiche Lektionen gibt, was der normale christliche Stand ist. Wir sehen, dass jemand, der mit Gott in der Kraft des Geistes wandelt, andere nicht mit sich selbst beschäftigt, weder in guten noch in schlechten Dingen. Er unterwirft sich in seinem Leben der Hand Gottes und ist in seinen Lebensumständen zufrieden. Er beklagt sich nicht über seine Niederlagen, sondern nachdem er dies alles gerichtet hat, fährt er von Herzen fort, indem er sich Christus und seinen Interessen zuwendet.

Paulus berichtete den Philippern nicht nur über seine persönlichen Umstände, sondern gab ihnen auch eine kurze Zusammenfassung über die Verbreitung des Evangeliums in jener Gegend (in Rom). Er wollte sie wissen lassen, dass seine Gefangenschaft kein Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums gewesen war. Da der größte Verkündiger der frohen Botschaft nun nicht mehr predigen konnte, hätten wir denken können, dass so etwas für das Zeugnis des Evangeliums katastrophal gewesen wäre. Aber in Wirklichkeit war es genau das Gegenteil: Seine Gefangenschaft war in Wirklichkeit „zur Förderung des Evangeliums geraten“! Gott, der über alle Umstände erhaben ist, ordnete die Dinge so, dass ein neuer und größerer Bereich der Verkündigung entstand. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Gott in seiner Vorsehung die Pläne der Gottlosen außer Kraft setzen und die Dinge so ausschlagen lassen kann, dass sie seine eigenen Interessen fördern. Asaph beschreibt diesen Grundsatz des Handelns Gottes in seiner Vorsehung in Psalm 76,11  mit den Worten: „Der Grimm des Menschen wird dich preisen; mit dem Rest des Grimmes wirst du dich gürten.“

Die Gefangenschaft des Paulus macht deutlich: Gott braucht niemand von uns in seinem Dienst – nicht einmal einen Apostel! Wir sind dankbar für die geistlichen Gaben, die Christus, das Haupt der Gemeinde, geschenkt hat, damit die Glieder seines Leibes wachsen (Eph 4,11-15), aber der Erfolg des Werkes Gottes unter den Gläubigen hängt nicht von diesen Gaben ab. Gott freut sich, uns in seinem Weinberg zu gebrauchen, und wir sind dankbar, wenn Er es tut, aber wir sollten immer daran denken, dass Er uns nicht braucht. Wir hören es vielleicht nicht gern, aber kein Diener des Herrn ist unentbehrlich. Wenn wir dies verstehen, wird es uns davon befreien, im Werk des Herrn selbstgefällig und wichtigtuerisch zu sein.

Zwei positive Ergebnisse der Gefangenschaft des Paulus (V. 13-18)

Vers 13

Phil 1,13: … so dass meine Fesseln in Christus offenbar geworden sind in dem ganzen Prätorium und allen anderen, …

Paulus fährt fort und nennt zwei positive Ergebnisse, die sich aus seiner Inhaftierung ergaben. Das erste Ergebnis war: Es war weithin bekanntgeworden („offenbar“), dass er nicht wegen einer strafbaren Handlung in Gefangenschaft war, sondern vielmehr wegen seines Zeugnisses für Christus. Daher spricht er von seiner Inhaftierung als „Fesseln in Christus“.

Zu dem Zeitpunkt stand Paulus unter Hausarrest und wohnte „in seinem eigenen gemieteten Haus“ (Apg 28,30). Jeden Tag wurde ein römischer Soldat für eine bestimmte Zeit an ihn gekettet, und einer nach dem anderen machte eine Erfahrung, die er nie vergessen würde: Er war Zeuge eines Mannes, der in ständiger himmlischer Freude lebte. Bestimmt hörte jeder von ihnen das Evangelium, und einige bekehrten sich wahrscheinlich durch diese Erfahrung, obwohl die Heilige Schrift darüber schweigt. Dabei fällt aber auch auf, dass wir noch etwas anderes über einen echten, angemessenen christlichen Charakter lernen: Der Diener des Herrn, der mit Gott in der Kraft des Geistes wandelt, zählt nicht seine Bekehrten und rühmt sich nicht seines Erfolges am Evangelium (Mt 6,3). Er lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst; vielmehr macht er ohne viel Aufhebens in bescheidenem Dienst weiter und überlässt Gott die Ergebnisse (Lk 17,10). (Philipper 4,22 berichtet, dass einige im „Haus des Kaisers“ gerettet wurden! Wie oder durch wen sie gerettet wurden, sagt Paulus nicht.)

Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachricht von diesem bemerkenswerten Gefangenen durch „das ganze Prätorium“ verbreitet hatte. Das Prätorium war die kaiserliche Garde, das römische Militärhauptquartier, das eine Kaserne mit zehntausend Soldaten besaß. (Siehe die Fußnote in der Übersetzung von J.N. Darby.) Paulus betrachtete jeden dieser Soldaten nicht nur als einen künftigen Bekehrten, sondern als einen künftigen Botschafter des Evangeliums. Ob einige Soldaten gerettet wurden oder nicht, die Nachricht von Paulus und von der frohen Botschaft, die er predigte, hatte sich in der ganzen Kaserne und darüber hinaus bis zu „allen anderen“ Orten in Rom verbreitet! Nicht alle hatten an das Evangelium geglaubt, aber es wurde in der ganzen Stadt darüber gesprochen, und das war eine gute Sache.

Vers 14

Phil 1,14: … und dass die meisten der Brüder, indem sie im Herrn Vertrauen gewonnen haben durch meine Fesseln, viel mehr sich erkühnen, das Wort Gottes zu reden ohne Furcht.

Das zweite positive Ergebnis der Gefangenschaft des Paulus war, dass mehr Brüder zur Verkündigung des Wortes angeregt wurden. Auch das war gut.

Vers 15

Phil 1,15: Einige zwar predigen den Christus auch aus Neid und Streit, einige aber auch aus gutem Willen; …

Paulus berichtet, dass es unter jenen, die die Botschaft verkündigten, zwei Gruppen von Predigern gab: Einige predigten Christus „aus Neid und Streit“, d.h. mit falschen und unreinen Motiven, und andere predigten „aus gutem Willen“ oder mit guten Absichten.

Vers 16

Phil 1,16: … diese aus Liebe, da sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums gesetzt bin; …

Erfreulicherweise waren viele Brüder durch die Gefangenschaft des Paulus zu Recht aufgerüttelt worden. Sie predigten Christus „aus Liebe“, was das richtige Motiv ist, das man gegenüber Gott und den verlorenen Seelen haben sollte. Als sie von Paulus’ Vorbild hörten, dass er „zur Verteidigung des Evangeliums gesetzt“ war, fassten sie Mut und wurden zu einem tieferen Vertrauen in den Herrn bewegt, und so traten sie furchtlos hinaus, um das Evangelium zu predigen. Es muss für die Philipper ermutigend gewesen sein, das zu hören.

Vers 17

Phil 1,17: … jene verkündigen den Christus aus Streitsucht, nicht lauter, wobei sie meinen Fesseln Trübsal zu erwecken gedenken.

Diejenigen, die Christus „aus Streit“ und „nicht aus Liebe“ predigten, taten dies mit der Absicht, den „Fesseln“ des Paulus „Trübsal“ zu erwecken. Sie wollten, wenn möglich, seine Leiden verstärken. Daraus ist ersichtlich, dass diese Prediger des Evangeliums den Apostel Paulus nicht mochten. Was genau ihr Anliegen war, verrät er nicht. Vielleicht war es das, was er über das Ende des ersten Menschen vor Gott lehrte (Röm 6,6; Phil 3,3). Vielleicht hielten sie seine Lehre für zu streng und fanden, dass sie das Christentum bei den Massen unpopulär machte, und um dem entgegenzuwirken, präsentierten sie eine neue Art des Evangeliums, das den Menschen im Fleisch nicht direkt verurteilte und nicht darauf bestand, dass der Christ sich von der Welt trennte. Möglicherweise sahen diese Prediger das Evangelium als ein Mittel, um finanziellen Gewinn zu erzielen, wie es bei einigen in Korinth der Fall war (2Kor 2,17: „Geschäfte machen mit dem Wort Gottes“; siehe Fußnote in der Elberfelder [CSV]). Das war natürlich etwas, was Paulus anprangerte, und diese Dinge wurden der Grund, warum sie eine Abneigung gegen ihn hatten. Da er inhaftiert war, versuchten sie, die Situation auszunutzen – aber ihre Motive waren niederträchtig.

Bestimmte Aspekte der Lehre des Paulus sind bei Christen auch heute noch unbeliebt. Das Christentum lehnt viele seiner Lehren, die die Lehre über die Kirche und die Praxis der Kirche betreffen, rundweg ab. Zum Beispiel akzeptiert die Masse im christlichen Bekenntnis nicht das, was Paulus über die souveräne Leitung des Heiligen Geistes in der Versammlung in Gottesdienst und Dienst am Wort lehrt. Stattdessen hat sie den Klerikalismus (das System Klerus/Laien) eingeführt. Auch lehnt das Christentum im Allgemeinen ab, was Paulus über die christliche Anbetung lehrt, die die jüdische Praxis in Form von Musikinstrumenten, Chören usw. nicht nötig hat. Darüber hinaus lehnt die Masse auch das ab, was Paulus über den Platz der Schwester in der Gemeinde lehrt: dass sie nicht mit öffentlicher Predigt, Lehre und Verwaltung zu tun hat. Auch seine Lehre über die Verwendung von Kopfbedeckungen usw. lehnt die Masse ab. Der Platz reicht nicht aus, um hier alles vollständig aufzulisten.

Die schlechten Beweggründe dieser Prediger dienen dazu, uns zu zeigen, dass der christliche Dienst in der Energie des Fleisches getan werden kann, motiviert durch Gier, Neid und Ruhmsucht. Da dies traurigerweise bei jedem von uns möglich ist, müssen wir uns selbst richten und im Dienst für den Herrn demütig bleiben, denn unsere Beweggründe werden eines Tages am Richterstuhl Christi geprüft werden (1Kor 4,5).

Vers 18

Phil 1,18: Was denn? Wird doch auf alle Weise, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, Christus verkündigt, und darüber freue ich mich, ja, ich werde mich auch freuen; …

Einige Prediger des Evangeliums hatten vielleicht unreine Beweggründe und verwendeten fleischliche Methoden, aber Paulus begnügte sich damit, alles dem Herrn zu überlassen. Das Evangelium wurde reichlich bezeugt; das war das Wichtigste. Das Evangelium lag ihnen vielleicht nicht auf dem Herzen, aber es war auf ihren Lippen, und weil Christus gepredigt wurde, konnte Paulus sich freuen. Wir sehen daran, dass er diesen Predigern gegenüber nicht feindselig eingestellt war. Er war keineswegs eifersüchtig oder kritisch gegenüber diesen Männern, die darauf aus waren, ihm Ärger zu bereiten, sondern er ist gütig; es gibt keine Spur von Verärgerung oder Bitterkeit in seinem Geist. Ob die Motive für die Verkündigung falsch waren oder rein, Christus wurde verkündigt, und Paulus’ Herz war von Freude erfüllt. Er sagt: „Darüber freue ich mich, ja, ich werde mich freuen.“

Dieselbe Haltung müssen wir gegenüber denjenigen in der Christenheit einnehmen, die aus scheinbar unreinen Motiven predigen. Vielleicht dienen sie aus Gier, Neid und Ruhmsucht – oder vielleicht verkünden sie eine fehlerhafte oder unvollständige Botschaft im Evangelium. Vielleicht haben wir nicht das Gefühl, dass wir uns ihrer Arbeit anschließen können, aber wir können beten, dass sich das gepredigte Wort in Gottes Hand vervielfältigt und in den geretteten Seelen Frucht bringt. Freuen wir uns wie Paulus, dass Christus gepredigt wird und Menschen gesegnet werden.

Praktische Errettung, die zu kommender Herrlichkeit führt (V. 19-26)

Vers 19

Phil 1,19: … denn ich weiß, dass dies mir zum Heil ausschlagen wird durch euer Gebet und durch Darreichung des Geistes Jesu Christi, …

Paulus war zuversichtlich, dass ihm das durch die Gebete der Heiligen und durch die Hilfe des Heiligen Geistes „zum Heil ausschlagen“ würde. Er kann sich nicht auf die Errettung seiner Seele vor der Strafe für seine Sünden bezogen haben (Apg 16,31; 2Tim 1,9; 1Pet 1,9 usw.), denn auf diese Weise war er bereits ewig errettet worden. Darüber hinaus hängt das Heil unserer Seelen nicht von den Gebeten der Heiligen oder von irgendeinem Werk des Geistes ab, das in der Zukunft für uns getan wird – dieses Heil ist ein gegenwärtiger Besitz des Gläubigen.

Auf welche Errettung, auf welches Heil könnte Paulus sich hier beziehen? Um dies zu beantworten, müssen wir verstehen, dass das Heil in der Schrift ein großer, allumfassender Begriff ist, der viele Aspekte der Errettung/Befreiung umfasst – angefangen von der Errettung vor der Strafe für unsere Sünden bis hin zu unserer Verherrlichung, wenn der Herr wiederkommt. Es ist daher ein Irrtum, zu glauben, dass damit immer die Errettung vor dem ewigen Gericht gemeint ist (so wie es im Evangelium verkündet wird), wenn die Wörter „gerettet“ oder „Errettung“ bzw. „Heil“ in der Heiligen Schrift vorkommen. Da es viele Aspekte der Errettung gibt, ist es ebenso wahr, wenn man sagt: „Ich bin gerettet worden, ich werde (in diesem Augenblick) gerettet, und ich werde gerettet werden.“ W. Kelly bemerkt dazu:

Wenn Sie versuchen zu behaupten, im Neuen Testament habe das  Wort „Errettung“ nur eine einzige Bedeutung, dann haben Sie in der Tat ein Problem; und Sie werden feststellen, dass die Schriftstellen nicht miteinander in Einklang gebracht werden können. Tatsächlich gibt es nichts, was man sicherer und leichter herausfinden kann: Das Neue Testament spricht von der Errettung häufiger als von einem Prozess, einem Vorgang, der noch nicht abgeschlossen ist, von einer Sache, die noch nicht vollendet ist, als von einer Sache, die vollendet und abgeschlossen ist.[5]

Diese Anmerkung von Kelly ist bezeichnend. Es bedeutet: Wenn wir im Neuen Testament auf die Wörter „gerettet“ und „Errettung“ bzw. „Heil“ stoßen, dann beziehen sie sich meistens nicht auf die Errettung unserer Seele vor der Strafe für unsere Sünden! Das gilt für den gesamten Philipperbrief.

Da Paulus’ Seele bereits errettet war, weil er Christus als seinen Erlöser angenommen hatte (Apg 9), bezieht er sich hier offensichtlich auf einen anderen Aspekt der Errettung. Walter Potter bemerkt zu diesem Vers:

Dann haben wir das Wort „Heil“. Wir finden es mehrmals in diesem Brief. Immer steht es im Zusammenhang mit unseren Lebensumständen und nicht mit unserer Seele.[6]

Der Zusammenhang legt nahe, dass das Wort „dies“ in Vers 19 sich auf die in den vorhergehenden Versen erwähnte fleischliche Auseinandersetzung derer bezieht, die Paulus ablehnten. Er rechnete damit, in einem praktischen Sinne errettet zu werden von ihren bösen Absichten, ihn zu verleumden und ihn zu kränken, und er verließ sich für diese Errettung auf die Gebete der Gläubigen und auf die Kraft des Geistes. Also war die Errettung, die vor ihm lag, die vollständige Errettung, die Befreiung von allem, was ihm im Leben begegnen und Christus daran hindern mochte, in seinem Leib verherrlicht zu werden.

Einige haben gedacht,  das „Heil“, von dem Paulus hier spricht, sei seine Befreiung aus der Gefangenschaft. Aber das konnte es nicht sein, denn er spricht von der Errettung als etwas, dessen er sich sicher war, dass er es erhalten würde. Im Gegensatz dazu spricht er in den nächsten Versen von seiner Freilassung als etwas, dessen er sich nicht sicher war. Es war sehr wohl möglich, dass er durch die Hand der Römer als Märtyrer sterben würde. Darüber hinaus wäre es in dem Seelenzustand, in dem Paulus in diesem Brief gesehen wird, untypisch für ihn, dass er eine Veränderung seiner Umstände wünschte. Im ganzen Brief sehen wir ihn als jemand, der zufrieden ist mit dem, was Gott in seinem Leben zugelassen hatte (Phil 4,11).

Vers 20

Phil 1,20: … nach meiner sehnlichen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts werde zuschanden werden, sondern mit aller Freimütigkeit, wie allezeit, so auch jetzt Christus erhoben werden wird an meinem Leib, sei es durch Leben oder durch Tod.

Diese praktische „Errettung“ würde den Sieg über den Versuch des Feindes einschließen, den Glauben des Paulus zum Zusammenbruch und Scheitern zu bringen, wenn er auf die Probe gestellt wird. Daher fügt er hinzu: „nach meiner sehnlichen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts werde zuschanden werden“. Es wäre ein großer Triumph für Satan gewesen, wenn er den größten Verteidiger des christlichen Evangeliums hätte bewegen können aufzugeben, als seine letzte Prüfung vor dem römischen Tribunal kam. Daher war Paulus’ aufrichtige Erwartung und Hoffnung, dass er, wenn diese Prüfung käme, die Gnade hätte, sich nicht von Christus loszusagen. Und wenn es bedeutete, dass er für sein Zeugnis für Christus getötet würde, dann würde er treu für die Ehre Gottes als aufrechter Märtyrer sterben. Stephanus (der erste christliche Märtyrer), dessen unerschütterliches Zeugnis Paulus selbst miterlebt hatte, war sein großes Vorbild (Apg 7). Wenn er in diesem entscheidenden Augenblick widerrief, würde er sich am kommenden Tag der Erscheinung sicherlich „schämen“, wenn die Ergebnisse unseres Lebens zu sehen sein werden.

Paulus schließt mit den Worten: „sondern mit aller Freimütigkeit, wie allezeit, so auch jetzt Christus erhoben werden wird an meinem Leib, sei es durch Leben oder durch Tod“. Er verlangte also danach, so wie Gott ihm Gnade erwies, bis zum Ende seines Lebens mit einem kühnen und unerschütterlichen Zeugnis für Christus fortzufahren. Ob er freigelassen werden oder als Märtyrer sterben würde, spielte für ihn keine Rolle. Worauf es ankam und worum er sich bemühte, war, dass Christus in seinem Leib „erhoben“ werden würde. Christus „durch das Leben“ zu verherrlichen, bedeutet: Andere erweisen Ihm aufgrund unseres Lebenszeugnisses Ehre und preisen Ihn. Christus „durch den Tod“ zu verherrlichen, bedeutet: Andere erweisen Ihm Ehre und preisen Ihn, weil wir an unserem Glaubensbekenntnis festhalten und nicht widerrufen, wenn uns mit dem Schwert gedroht wird. Menschen, die solch ein Bekenntnis miterleben, werden erkennen, dass Christus uns wirklich wertvoll ist (1Pet 2,7) – wertvoll genug, um für Ihn sogar zu sterben! Dieses Zeugnis wird in der Kraft des Heiligen Geistes die Sünder zu Christus bringen, weil sie das haben wollen, was wir haben.

Vers 21

Paulus erklärt dann sein Lebensprinzip:

Phil 1,21: Denn das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn.

Paulus lebte nicht für Geld, Ruhm oder Vergnügen; diese Dinge waren nicht sein Ziel. Er hatte nur eine einzige Sehnsucht: dass Christus an seinem Leib erhoben würde, sei es durch Leben oder Tod. Wenn wir auf diese Weise über Leben und Tod sprechen, sehen wir, dass Paulus gelernt hatte, die Dinge von Gottes Seite zu betrachten. Er verstand, dass das, was zur Ehre Gottes in Christus beitrug, das Wichtigste im Leben war. Es ging ihm nicht darum, was für ihn selbst das Beste wäre, sondern für die Interessen Christi – das war es, was für ihn zählte. Wir sehen darin die völlige Abwesenheit von Selbstsucht. Paulus war ein Mann, der mit sich selbst fertig war. Selbstsucht und selbstsüchtige Ziele hatte er verurteilt, sie waren unwichtig geworden (Phil 3,4-8), und er war froh, dass sie es waren! Da das Ich aus dem Weg war, sah er die Dinge im Leben klar – alles muss sich um Christus drehen. Welch ein wunderbarer Zustand, den man in der christlichen Erfahrung erreichen kann! Denken wir daran, dass dies das normale Christentum ist.

Paulus’ Aussage, dass der Tod für einen Christen „Gewinn“ ist, beweist, dass die Lehre vom „Seelenschlaf“, wie sie in manchen Kreisen gelehrt wird, nicht richtig sein kann. Es wird gesagt, die Seelen und Geister der Verstorbenen gingen sofort in einen Zustand über, in dem sie ohne Bewusstsein seien und nichts wüssten oder fühlten. Verse wie Hiob 14,21; Psalm 115,17 und Prediger 9,5 werden fälschlicherweise dazu benutzt, um diese falsche Vorstellung zu stützen. (Diese Schriftstellen sprechen davon, dass die Toten sich der Dinge, die nach ihrem Tod auf der Erde geschehen, nicht bewusst sind, einfach weil sie nicht hier sind, um sie zu erleben; diese Schriftstellen beziehen sich nicht auf einen Zustand, in dem der Mensch ohne Bewusstsein ist.) Wenn das Teil der Toten ein Zustand wäre, in dem sie kein Bewusstsein haben, dann könnte man den Tod nicht als Gewinn bezeichnen. Paulus zum Beispiel lebte in glücklicher Gemeinschaft mit dem Herrn; wenn der Tod ihn holen und er in einen Zustand geraten würde, in dem er kein Bewusstsein hätte, so wäre das ein sehr großer Verlust für ihn: Er würde seinen glückseligen Genuss der Gemeinschaft mit dem Herrn verlieren! Ganz im Gegenteil sagt Paulus, dass der Tod den Gläubigen auf eine neue Ebene der Freude an der Gemeinschaft mit dem Herrn bringt, die, wie er sagt, „weit besser“ ist als alles, was ein Gläubiger jemals erleben könnte, während er hier leiblich auf der Erde ist:

Verse 22.23

Phil 1,22.23: 22 Wenn aber das Leben im Fleisch mein Los ist – das ist für mich der Mühe wert, und was ich erwählen soll, weiß ich nicht. 23 Ich werde aber von beidem bedrängt, indem ich Lust habe, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; …

Paulus spricht dann über seine Zukunft. Wie bereits erwähnt, sah er zwei Möglichkeiten entgegen: aus der Gefangenschaft befreit zu werden oder durch die Hand der Römer als Märtyrer zu sterben. Paulus befand sich also sozusagen in einer Zwickmühle: Er wollte beides. Aber da er selbstlos war, hatte er in dieser Sache keinen eigenen Willen, und so begnügte er sich damit, es dem Herrn zu überlassen, ob er leben oder sterben sollte. Sein Leben könnte man zusammenfassend beschreiben als erfüllt vom Dienst für den Herrn, und der Tod war einfach das, was ihn in eine noch völligere Freude am Herrn bringen würde. Am Leben zu bleiben bedeutete, für Christus zu leben; zu sterben bedeutete, bei Christus zu sein.

Es gibt im Neuen Testament vier Hauptpassagen, die sich auf den glücklichen Zustand der entschlafenen Gläubigen beziehen (siehe Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 2, S. 293):

  • Lukas 23,43: „mit mir im Paradies“
  • Apostelgeschichte 7,59: Geist und Seele werden vom Herrn „aufgenommen“
  • 2. Korinther 5,8: „einheimisch bei dem Herrn sein“
  • Philipper 1,23: „bei Christus zu sein, denn es ist weit besser“

Beachten wir Folgendes: Paulus stellt zwar fest, dass der Zustand der entschlafenen Gläubigen besser ist als alles, was wir in unserem Leib hier auf der Erde erfahren könnten, aber er ist darauf bedacht, nicht zu sagen, dass es das Beste ist. Er sagt, dass es „weit besser“ ist, aber nicht, dass es das Beste ist. Der Grund dafür: Den Gläubigen erwartet etwas noch Größeres, als durch den Tod zu gehen und bei Christus zu sein – nämlich mit und wie Christus im verherrlichten Zustand zu sein (Phil 3,21). Das ist am allerbesten! Und das geschieht, wie wir wissen, erst dann, wenn der Herr uns bei der Entrückung heimruft; dann werden die Toten in Christus und die lebenden Gläubigen gemeinsam verherrlicht werden (1Thes 4,16.17; Heb 11,40).

„Abzuscheiden und bei Christus zu sein“ – das ist eine Aussage, die sich auf den Zwischenzustand oder den „entkleideten“ Zustand der entschlafenen Gläubigen bezieht (2Kor 5,4); sie spricht nicht von deren endgültigem Zustand der Herrlichkeit. Viele haben dies missverstanden und gedacht, diese Aussage beziehe sich auf die Wegnahme des Gläubigen, damit er bei der Ankunft des Herrn bei Ihm ist; sie beziehe sich also auf die Entrückung. Aber hier geht es eindeutig darum, dass der Gläubige durch den Tod bei dem Herrn ist; das Thema hier ist nicht die Entrückung. Die verstorbenen Heiligen sind demnach gegenwärtig „bei Christus“, aber noch nicht in der Herrlichkeit. Das mag seltsam klingen für manche, die die irrige Vorstellung haben, dass Herrlichkeit gleichbedeutend mit Himmel ist – eine alte Vorstellung der Reformatoren. Für sie klingt es, als würden wir sagen, dass die entschlafenen Heiligen nicht im Himmel seien. Herrlichkeit in Bezug auf die Gläubigen ist jedoch ein Zustand (1Kor 15,43 usw.), nicht ein Ort im Himmel, an den die Gläubigen gehen, wenn sie entschlafen. Die entschlafenen Heiligen sind mit Christus im Paradies, im Himmel, in einem Zustand unbeschreiblicher Glückseligkeit, aber sie sind nicht in der Herrlichkeit – d.h., sie sind noch nicht verherrlicht. Sie werden erst bei ihrer Auferstehung verherrlicht werden. J.N. Darby sagt:

Der Zwischenzustand ist also nicht die Herrlichkeit – dafür müssen wir auf den Leib warten; er wird „auferweckt in Herrlichkeit“ [1Kor 15,43]; Er wird unseren Leib verwandeln und ihn wie seinen Leib der Herrlichkeit gestalten.[7]

Verse 24-26

Paulus erkannte, dass es für den geistlichen Fortschritt der Heiligen nützlicher wäre, wenn er auf der Erde bliebe, und so sagt er vollkommen uneigennützig:

Phil 1,24-26: 24 … das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen. 25 Und in dieser Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen bleiben werde zu eurer Förderung und Freude im Glauben, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus meinethalben überströme durch meine Wiederkunft zu euch.

Davon können wir eigentlich nur beeindruckt sein. Er dachte nicht an seine eigene Annehmlichkeit und daran, was er vorziehen würde, sondern daran, was das Beste für die Sache Christi in dieser Welt und für den geistlichen Fortschritt der Heiligen wäre. Auch dies ist ein normaler christlicher Zustand.

Paulus’ Ermahnungen zur Einheit im Zeugnis des Evangeliums (V. 27.28)

Verse 27.28

Phil 1,27.28: 27 Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus, damit, sei es, dass ich komme und euch sehe oder abwesend bin, ich von euch höre, dass ihr feststeht in einem Geist, indem ihr mit einer Seele mitkämpft mit dem Glauben des Evangeliums 28 und euch in nichts erschrecken lasst von den Widersachern; was für sie ein Beweis des Verderbens ist, aber eures Heils, und das von Gott.

Wir kommen nun zu den Ermahnungen des Paulus. Er war besonders besorgt angesichts der Gefahren, denen die Philipper ausgesetzt waren, und ermahnt sie deshalb. Zuallererst besteht er darauf, dass sie sich würdig verhalten, um den Verlorenen das Evangelium anzuempfehlen. Es gibt keinen besseren Weg dafür, als wenn die Gläubigen in freudiger Gemeinschaft gemeinsam auf dem Weg des Glaubens wandeln. Er sagt: „Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus, damit, sei es, dass ich komme und euch sehe oder abwesend bin, ich von euch höre, dass ihr feststeht in einem Geist, indem ihr mit einer Seele mitkämpft mit dem Glauben des Evangeliums.“ Daher war es unerlässlich, dass sie Schulter an Schulter in glücklicher Einigkeit vor der Welt zusammenstanden.

Paulus verlangte sehr danach, das Ergehen der Philipper zu kennen, und sagte ihnen, dass der Bericht, den er zu hören hoffte, lautete, dass sie im Evangelium „in einem Geist“ und „mit einer Seele“ feststanden. Er erwähnt dies, weil er wusste, dass in ihrer Mitte Uneinigkeit herrschte, die sich um zwei Schwestern drehte, die nicht miteinander auskamen (Phil 4,2). Er wusste auch, dass Satan sich etwas so Einfaches zunutze machen würde, um die Versammlung in Philippi zu spalten, wenn er es könnte. Und dies wiederum würde das Zeugnis für das Evangelium in diesem Gebiet behindern. Wahrscheinlich ist kaum etwas schädlicher und abträglicher für das Zeugnis des Evangeliums gegenüber den Verlorenen als Streit und Zank in den Reihen der Christen. Wenn die Welt sieht, dass wir uns nicht vertragen können, wie können wir dann erwarten, dass sie das annehmen, was wir predigen?

Paulus wusste auch: Wenn die Gläubigen in ihrem Zeugnis einmütig waren, würde das heftigen Widerstand gegen das Evangelium hervorrufen und Verfolgung nach sich ziehen. Er sagt daher, er hoffe, dass der Bericht, den er über sie zu hören erwartete, die Tatsache enthalten würde, dass sie trotz des Widerstands keine Angst vor ihren Gegnern hatten und folglich mit einem mutigen Bekenntnis zu Christus weitermachten. Er sagt: „Und lasst euch in nichts erschrecken von den Widersachern; was für sie ein Beweis des Verderbens ist, aber eures Heils, und das von Gott.“ Allein die Tatsache, dass Paulus die Gegner des Evangeliums als „Widersacher“ bezeichnet, ist ein Beweis dafür, dass „Verderben“ ihr verdienter Anteil sein wird, wenn der Herr das Gericht austeilen wird. Aber für die Gläubigen wird es genau das Gegenteil sein: Das Eingreifen des Herrn wird für uns zur „Errettung“ bzw. zum „Heil“ sein. Es handelt sich hier um einen zukünftigen Aspekt der Errettung, auf den sich die Gläubigen freuen, wenn sie bei der Entrückung völlig aus dieser Welt herausgenommen werden. So wie in Philipper 1,19 kann Paulus auch hier nicht auf die Errettung unserer Seelen vor der Strafe für unsere Sünden hingewiesen haben, denn die haben wir schon erhalten, als wir Christus als unseren Retter angenommen haben.

Leiden für Christus (V. 29.30)

Vers 29

Phil 1,29: Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, …

Es ist eine alte Taktik des Feindes, Gläubige durch Gewaltandrohungen davon abzuhalten, für Christus Zeugnis abzulegen. Paulus erinnert die Philipper daran: Wenn Verfolgung ihr Los war, sollten sie daran denken, dass all dieses Leid in Wirklichkeit ein Vorrecht ist, das uns „geschenkt“ worden ist, damit wir es für Christus tragen, und es sollte als eine Ehre betrachtet werden. Die Apostel dienen uns als Beispiel (Apg 5,40.41). Jeder Christ muss verstehen, dass es im Christentum normal ist, Schmach und Verfolgung zu erleiden. Wir können dem eigentlich nicht entkommen und dennoch dem Herrn treu bleiben (2Tim 3,12).

Leiden „für“ Christus hat damit zu tun, Schande und Verfolgung zu tragen, weil der Gläubige Christus vor den Menschen bekennt. Ein Typus für diese Art von Leiden sehen wir in der Geschichte von David und Jonathan. David ist ein Typus von Christus und Jonathan ist ein Typus des Gläubigen. Als Jonathan sich öffentlich mit David identifizierte, waren Saul und alle, die ihm folgten, wütend, und Saul warf sogar einen Speer nach Jonathan – nach seinem eigenen Sohn (1Sam 20,30-34)! Für Christus zu leiden ist etwas, was wir wählen; d.h., wir könnten diese Art von Leiden auch vermeiden, indem wir uns einfach weigern, Christus vor den Menschen zu bekennen.

Leiden „mit“ Christus ist etwas anderes (Röm 8,17). Es ist unvermeidlich. Es hat damit zu tun, dass der Gläubige durch die Neugeburt und den innewohnenden „Geist Christi“ (Röm 8,9) eine göttliche Natur hat. Der Geist Christi ist eine besondere Funktion des Heiligen Geistes; Er formt die Gefühle und Empfindungen Christi im Gläubigen. Während der Herr auf diese Szene blickt, in der die Sünde ihre traurigen Auswirkungen gehabt hat, leidet Er voll innigen Mitgefühls mit seinen Geschöpfen, die unter der Knechtschaft des Verderbens leiden. Als „Söhne Gottes“ und „Kinder Gottes“ sind wir Gefäße des Mitgefühls Gottes (Röm 8,14-18). Da wir in unserem Leib mit der leidenden Schöpfung verbunden sind und den Geist in uns haben, leiden wir – wenn auch nur in geringem Maße – „mit“ Christus, indem wir mitfühlen, wenn wir sehen, dass eines der Geschöpfe Gottes leidet. Da alle Gläubigen den Geist Christi in sich tragen, leiden alle Gläubigen, mehr oder weniger, auf diese Weise.

Vers 30

Phil 1,30: … da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt und jetzt von mir hört.

Während wir auf die Ankunft des Herrn warten, ist es unser Vorrecht, Ihm zu dienen, indem wir für Ihn Zeugnis ablegen und die Offenbarung der christlichen Wahrheit an alle weitergeben, die sie empfangen möchten. Wenn Paulus in diesem Zusammenhang die Wörter „mitkämpfen“ (Phil 1,27) und „Kampf“ benutzt, dann möchte er damit nicht andeuten, dass wir mit denen, die sich der Wahrheit widersetzen, streiten und kämpfen sollten. Unser Kampf ist eine geistliche Sache; wir bekämpfen geistliche Feinde, die den Geist der Menschen mit falschen Vorstellungen verwirrt haben, indem wir sie geduldig die Wahrheit lehren (2Kor 10,4.5; Kol 1,29–2,1). Im Werk des Herrn gibt es einfach keinen Platz für fleischliche Auseinandersetzungen (2Tim 2,14). Solches Handeln verdirbt nur das Zeugnis des Evangeliums. Doch wenn wir unter der Herrschaft Christi auf rechte Weise dienen, werden wir in denselben geistlichen Konflikt verwickelt werden, in den Paulus verwickelt war, und wir werden an dem zukünftigen Tag an den gleichen Belohnungen teilhaben.

Zusammenfassend können wir sagen: Wir haben in Kapitel 1 einen Mann (Paulus) gesehen, der das Leben auf Gottes Waage gewogen hat, und er ist zu Recht zu dem Schluss gekommen: Ein Leben für die Sache Christi ist das Einzige, wofür es sich zu leben lohnt – und indem er für Christus lebte, fand er den Schlüssel zu einem glücklichen, fruchtbaren Leben.


Übersetzt aus The Epistle of Paul to the Philippians. The Epistle of Christian Devotedness and Joy
Christian Truth Publishing 2017

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Anstey schreibt hier „accepted with Him“ (= angenehm gemacht in Ihm) und bezieht sich damit auf die King-James-Version.

[2] Anm. d. Red.: Alternativübersetzung der Elberfelder (CSV) in der Fußnote.

[3] J.N. Darby, Miscellaneous Writings, Bd. 4, S. 214.

[4] Siehe J.G. Bellett, The Moral Glory of the Lord Jesus, S. 35.

[5] W. Kelly, The Epistle of Paul to the Philippians.

[6] W. Potter, Gathering up the Fragments, S. 155.

[7] J.N. Darby, „The State of the Soul after Death“ aus Collected Writings, Bd. 31, S. 185.


Hinweis der Redaktion:

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